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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 16
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typefiction
authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
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Dreizehntes Kapitel. Erklärungen und innere Kämpfe

Morton saß mit seiner jungen Frau im Parlor vor dem Feuer, und ein dritter Stuhl stand für Helmstedt bereit, als dieser eintrat. »Setzen Sie sich, Sir,« sagte der Pflanzer, ohne eine weitere Frage an ihn zu richten, und nur Paulinens Auge ruhte einen Augenblick forschend in dem Gesichte des Eingetretenen. »Lassen Sie uns einmal einen Augenblick von Ihren Angelegenheiten abgehen, sonst werden wir uns wahrscheinlich nicht verstehen lernen. Sie haben eine böse Zeit durchgemacht und sind jetzt in eine Lage geworfen, die bei Ihrem Charakter, wie ich ihn durch meine Frau und Ihre eigenen Bemerkungen habe kennen lernen, Sie doppelt schwer drücken muß. Wenn ich Ihnen nun sage, daß Sie mir Freiheit lassen müssen, Ihre Zukunft wieder herzustellen, so geschieht das nur, Sir, weil ich zum größten Teile selbst an Ihrem Schicksale schuld bin oder zu schwach war, Sie mit einem Schritte beizeiten daraus zu erlösen. Da haben Sie das Geständnis eines ehrlichen Mannes, der wenigstens mit allen Kräften einen großen Fehler wieder gutmachen will. Hören Sie mich ruhig an,« fuhr er fort, als Helmstedt eine Bewegung machte; »es wird Ihnen schnell alles klar werden. Sie haben den Menschen Baker gekannt, aber nicht die Hälfte seiner herzlosen Verworfenheit, der nichts heilig war, wenn es seinen Zwecken dienen konnte. Ich hatte die Torheit begangen, wie es in so vielen anderen Familien Gebrauch ist, meine Tochter Alice den Sommer bei einer fashionablen Familie meiner Bekanntschaft in Saratoga zubringen zu lassen – dort, wo eine gentile Außenseite leicht Eintritt in bessere Zirkel verschafft, trieb sich Baker herum, gerierte sich als Pflanzer aus unserem Staate, attachierte sich meinem unglücklichen Mädchen – und verführte sie.« Er preßte einen Augenblick die Hand gegen die Stirne, atmete tief auf und fuhr dann fort: »Das war indessen nicht der Hauptzweck dieses Menschen gewesen. Er gehörte einer Klasse von Leuten an, welche wie eine heimliche Pest in der besseren Gesellschaft von Neuyork ihr Wesen treibt, die aus ihren Opfern ihren Lebensunterhalt ziehen und sie erst wegwerfen, wenn sie bis aufs Blut ausgesogen sind. Mein unglückliches, ungewarntes Kind hatte sich in vollem Vertrauen auf die Ehrenhaftigkeit des Menschen verleiten lassen, in eine kurze Korrespondenz mit ihm zu treten, in welcher sie, als Antwort auf mehrere seiner Briefe, Andeutungen über die möglichen Folgen des unerlaubten Verhältnisses fallen ließ – und von diesem Augenblicke an war ihr Schicksal besiegelt.«

Der Erzähler machte eine Pause und sah starr vor sich ins Feuer. »Ich kann Ihnen nur die Hauptpunkte des Nächstfolgenden geben, soviel mir selbst davon bekannt geworden ist«, fuhr er dann fort. »Es war nicht Liebe, nicht Hingebung mehr, was der Mensch von da ab verlangte – es war einfach Geld. Bei seiner ersten Forderung schützte er eine augenblickliche Verlegenheit vor, in die er geraten sei, und mein armes Mädchen gab ihm willig ihr ganzes kleines Vermögen. Dann kam eine Spielschuld, die gedeckt werden mußte, und sie borgte unter ihren Bekannten die Summe zusammen; sie hielt ihre eigene Zukunft für vollkommen verbunden mit der seinigen. Erst als sie bei seiner dritten Forderung ratlos dastand, begann er seine Maske zu lüften und fragte sie, ob er sich denn, um das Geld zu erhalten, selbst an einen ihrer Freunde wenden und diesem sein ganzes Verhältnis zu ihr mitteilen solle. Es muß ein gräßlicher Moment gewesen sein, der meinem armen Kinde die Augen geöffnet, so daß mir, als ich sie kurz darauf wiedersah, die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, ins Herz schnitt, ohne daß ich doch imstande gewesen wäre, eine Aufklärung von ihr zu erhalten. Hätte sie sich mir anvertraut, so hätte der Schurke unschädlich gemacht und vieles wieder ausgeglichen werden können – aber sie wäre wohl lieber gestorben, als daß sie ihre Entehrung gestanden hätte – und das mochte der Mensch wissen. Er hatte ihr einen Tag Frist gegeben, um die geforderte Summe zu schaffen, sie verkaufte einen Teil ihres Schmuckes, um ihn zu befriedigen, benutzte aber die Gelegenheit, die sich ihr durch eine abreisende Familie aus Tennessee bot, und flüchtete bald darauf nach Hause. Ich selbst erhielt nur einige Zeilen nach Neuyork von ihr und freute mich über ihren Entschluß; ich schrieb ihr verändertes Wesen halb einem krankhaften Zustande, halb der Übersättigung an den fashionablen Zerstreuungen zu, das sich bald wieder legen würde. Aber kaum mehr als zwei Monate hatte sie unangefochten zugebracht, als der Blutsauger sich noch während meiner Abwesenheit auch hier in meinem Hause einfand. Es waren mehrere Familien aus unserer nächsten Nähe den Sommer über in Saratoga gewesen, mit denen er sich dort in Verkehr gesetzt hatte, und so bekam seine Stellung hier eine Art Grund. Ich ahnte, als ich mit meiner jungen Frau von Neuyork hierhergekommen war, von nichts und sah nur den unerklärlichen Zustand meiner Tochter, der sich zuzeiten bis zum Tiefsinn steigerte. Erst später, als ich alle Umstände erfuhr, habe ich ihre ganze Qual verstehen lernen – stets von dem geldhungrigen Ungeheuer mit der Veröffentlichung ihres Fehltrittes bedroht, wenn sie ihn nicht zufriedenstellte, und doch zuletzt, als alles, was sie Wertvolles besaß, heimlich verkauft war, außerstande, seinen neuen Anforderungen zu genügen. – Sie wich mir aus, um nicht von meinen Fragen geplagt zu werden, bis ich endlich jedes Forschen aufgab, und erst meiner Frau, die sich ihr mit warmer Teilnahme, aber ohne ihr Vertrauen zu fordern, angeschlossen hatte und sie wie ein krankes Gemüt behandelte, gelang es in einer günstigen Stunde, in welcher das Mädchen wohl durch den Jammer ihrer Lage überwältigt worden sein mochte, ihr das Herz zur vollen Mitteilung zu öffnen. Hätte ich nur damals noch Nachricht von dem Stande der Dinge erhalten, es wäre alles anders gekommen; aber meine Frau hatte die heiligste Verschwiegenheit gegen jedermann geloben müssen, dazu schien Baker, seit er in Elliots Familie eingeführt war, sein Opfer aufgegeben zu haben, und niemand konnte die Schrecken ahnen, die sich noch entwickeln sollten.« Morton atmete tief auf, stützte die Stirn eine Minute in die hohle Hand und fuhr dann fort: »Es war am Morgen nach der Nacht, in welcher der Mord geschehen, als meine Frau an die Tür des Schlafzimmers meiner Tochter pochte, um sie zum Frühstück zu holen – sie tat das jeden Morgen, und bisweilen schlief sie auch mit Alice zusammen. Sie erhielt keine Antwort, fand aber, als sie zu öffnen versuchte, die Tür unverschlossen. Drinnen lag das Mädchen in ihren Kleidern, aber mit herabhängenden Haaren, quer über ihr Bett geworfen, schlafend oder ohne Besinnung; ihr ganzer Anzug war mit dem Schmutz der Straße besudelt. Meine Frau erzählte mir später, daß es ihr, seit sie Alices Gemütszustand habe kennen lernen, immer gewesen sei, als müsse sie einmal Zeuge eines geschehenen Unglücks sein, und daß der Anblick meiner besinnungslosen Tochter sie nur wie die Verwirklichung ihrer Furcht getroffen habe. Voll Schrecken, aber doch gefaßt, suchte sie das Mädchen aufzurichten, sie fühlte das Herz noch schlagen – und das gab ihr neue Kraft; als sie aber dem Körper eine andere Lage gegeben, entdeckte sie zwischen den krampfhaft vor die Brust gedrückten Händen ein kleines Bündel zusammengebundener Papiere und ein scharfes Messer, das in der Küche gewöhnlich zum Schlachten des Federviehs gebraucht wurde. Die Papiere wie die Ärmel und der vordere Teil ihres Anzuges waren wie in Blut getaucht; als ihr aber Mrs. Morton, von einem neuen Schrecken gefaßt, das Kleid aufriß, bemerkte sie bald, daß es fremdes Blut war, das sie gefärbt hatte. Frauen zeigen in solchen Augenblicken des Schreckens oft mehr Gegenwart als Männer. Ich wollte, als mich meine Frau zum Beistande herbeigeholt, das schwarze Kammermädchen rufen, sie hielt mich aber zurück, bis jede Spur eines außergewöhnlichen Ereignisses beseitigt war, bis meine bewußtlose Tochter in ihrem Bette lag, als habe sie die ganze Nacht dort gelegen, und endlich nach mancherlei Versuchen, sie ins Leben zurückzurufen, wieder die Augen aufschlug. Ich werde den Moment ihres Erwachens niemals wieder vergessen. Ihr Auge war ruhig, teilnahmslos, kalt – ich bog mich über sie, aber ihr Blick glitt an mir vorüber, sie sah und kannte mich nicht. Ich sandte einen Schwarzen nach der Stadt zu einem Arzte, der mein spezieller Freund ist, und als ich wieder in das Zimmer der Kranken zurückkehrte, lag sie, leise vor sich hinsprechend, da, von meiner Frau aufmerksam beobachtet. Mir war der Sinn jedes ihrer Worte unverständlich, aber Mrs. Morton schien den Schlüssel dazu gefunden zu haben, und ich mußte von ihr, als das Mädchen endlich, immer leiser redend, eingeschlafen war, die ganze Geschichte meines unglücklichen Kindes hören. Noch waren wir in vollem Dunkel über die Ereignisse der letzten Nacht, aber die Untersuchung des blutigen Bündels Papiere, die sich als die Briefe meiner Tochter an ihren Verführer erwiesen, zusammen mit dem Messer und ihren blutgefärbten Kleidern, gab uns eine fürchterliche Ahnung, die zur Gewißheit anwuchs, als im Laufe des Nachmittags die Nachricht von dem geschehenen Morde einlief. Jetzt verstanden wir auch die Irreden der Kranken – Baker mußte spät am Abend vorher dagewesen sein, sie aufs neue bedrängt haben und mit Drohungen fortgegangen sein – sie aber war ihm in ihrer Verzweiflung gefolgt. Was bei der Begegnung beider geschehen, wird wohl für ewige Zeiten unenthüllt bleiben – zwei Dinge aber, die in der Untersuchung gegen Sie eine so große Rolle gespielt, sind mir erklärlich: das Zeichen an der Stirn der Leiche, das wahrscheinlich von dem Falle gegen einen Baumstumpf herrührt – und der Reitpeitschenknopf, den mein irrsinniges Kind beim Suchen nach ihren Briefen wahrscheinlich mit aus der Tasche herausgerissen hat. – Lassen Sie mich Ihnen noch zwei Worte sagen, und dann werde ich auf Ihre Angelegenheiten kommen. Noch ehe mein Bote aus der Stadt zurückkehrte, erwachte die Kranke wieder – ihr Blick aber war der einer Stumpfsinnigen, ihr Mund blieb geschlossen, und als der Arzt endlich anlangte, als er seine Beobachtung geendigt und mir am Abende sein Urteil gab, war es das, was mir schon seit dem Morgen wie ein Gespenst vor der Seele stand – meine Tochter war körperlich vollkommen gesund, aber – wahnsinnig. Sie wurde«, fuhr der alte Pflanzer nach einer kurzen Pause mit bebender Stimme fort, »acht Tage darauf nach Anordnung des Arztes in eine Privatanstalt nach Montgomery gebracht; da ist sie noch jetzt, und noch nicht ein Wort ist seit dieser Zeit über ihre Lippen gekommen; ihr früherer Tiefsinn aber war so allgemein aufgefallen, daß unter meinen Bekannten das jetzige Unglück kaum eine Überraschung erregte – niemand hatte eine Ahnung des wirklichen Zusammenhanges der Dinge. – Well, Sir,« begann Morton, wie sich ermannend, von neuem, »während dieser ersten acht Tage war die Coronersuntersuchung beendigt worden, und ich hatte, durch mein eigenes Unglück wie vor den Kopf geschlagen, kaum darauf geachtet, so nahe ihr Ergebnis mir auch liegen mochte. Erst nach der Abreise meines unglücklichen Mädchens machte mich Mrs. Morton auf den Verdacht, der auf Sie, Mr. Helmstedt, gefallen war, und auf die Pflicht aufmerksam, hier in irgendeiner Weise einzugreifen. Ich sah ein, daß sie recht hatte, ich begriff, daß Sie nicht für eine fremde Tat leiden durften – aber was sollte ich tun, wenn ich nicht die Schande meines Kindes in die Öffentlichkeit bringen, eine Kriminaluntersuchung über sie verhängen lassen und meine häuslichen Verhältnisse den Zungen des ganzen Staates preisgeben wollte? Mir erschien es anfangs als das Einfachste, der Sache ihren Lauf zu lassen, da Ihre Unschuld sicher schnell genug ans Tageslicht kommen würde; als aber eine Verknüpfung der sonderbarsten Umstände gegen Sie zeugte, als meine Frau jeden Tag unruhiger wurde, als sogar mehrere Bekannte vom Gericht, die bei mir einsprachen, Ihrer Sache den schlechtesten Ausgang prophezeiten, da sah ich, daß gehandelt werden mußte. Nach mancherlei trüben und vergeblichen Beratungen entschloß sich endlich meine kleine, bewunderungswürdige Frau, als sie den Kampf in mir bemerkte, meinem väterlichen Gefühl ein Opfer zu bringen, das wohl wenige Frauen gebracht hätten – sich der Mißdeutung des ganzen Countys bloßzustellen, und ehe ich nur noch meine Zustimmung gegeben, gegen die sich alles in mir sträubte, hatte sie ihren Plan schon halb ausgeführt. Sie wissen, Sir, welche Anerbietungen sie Ihnen gemacht – Sie wiesen sie trotz Ihrer Gefahr zurück, und von diesem Augenblicke an lernte ich Sie mit meiner ganzen Seele schätzen. Sie wissen auch, was Sie meiner Frau über Ihr Verhältnis zu Ellen Elliot vertrauten – was Sie dabei nicht mit klaren Worten aussprachen, das ließ sich erraten – und hier bot sich uns ein neuer Weg zu Ihrer Rechtfertigung. Mrs. Morton wußte durch einen schriftlichen Herzenserguß von Ellen, wo sich deren Familie befand – sie teilte jetzt dem Mädchen den ganzen Stand Ihrer Angelegenheit sowie Ihre Weigerung, eine Aussage über Ihren Aufenthalt während der Mordnacht zu machen, mit, und wir hatten uns in dem Kinde nicht getäuscht – sie kam hier an, gerade noch zur rechten Zeit, hatte ihre Mutter nur mit wenigen zurückgelassenen Zeilen über ihre Abwesenheit beruhigt und tapfer entschlossen den weiten Weg allein zurückgelegt. – Bei alledem wußte ich, daß ich Ihr Schicksal nicht an diesen einzigen Anker hängen durfte, ich kannte die Stimmung der Bevölkerung, die durch die unverzeihlichen Besprechungen und Spekulationen der Zeitungen gegen das harmlose Mädchen erregt worden war – der heutige Tag war der entscheidende, und so machte ich mich fertig, auf jeden Fall für Sie einzustehen – Zeit und Überlegung hatten mir gezeigt, welcher Weg der einzig ehrenhafte war, und ich würde, als ich die Untersuchung sich zu Ihrem Nachteile wenden sah, auch ohne Isaaks Dazwischenkunft mit der Wahrheit herausgekommen sein – der Beweis dafür liegt darin, daß ich die blutbefleckten Briefe, welche meine unglückliche Tochter dem Ermordeten entwendet, mit mir genommen hatte, um meine Angaben dadurch zu begründen. Isaaks Erzählung half dann freilich, ihnen bei meiner Mitteilung an den Staatsanwalt erst die rechte Beweiskraft zu geben. – Da haben Sie meine ganze Beichte, Sir, das Gericht wird mit meinem armen Kinde jetzt wenig mehr zu tun haben – Ihr Schicksal, Sir, aber hat sich durch meine Schwäche in einer Weise gestaltet, daß Sie mir zu meiner eigenen Beruhigung gestatten müssen, alles, was in meiner Kraft steht, anzuwenden, um den angerichteten Schaden wieder auszugleichen – wie und auf welche Weise, darf ich freilich nicht bestimmen, aber hoffentlich wird sich, wenn Sie mir vergeben wollen, in unserer gemeinsamen Beratung ein Weg dazu finden.« Er wandte den Kopf nach dem jungen Manne und hielt ihm die Hand hin. Helmstedt legte die seinige hinein. »Sprechen Sie nicht von vergeben, Mr. Morton,« sagte er, »wer weiß, wozu alles für mich gut ist, was geschehen, und warum es so hat kommen müssen; das größte Unglück, das ich in Amerika erlebte, diente nur dazu, um mich für das hiesige Leben brauchbar zu machen – und jetzt, wo mir schon Hilfe angeboten wird, ehe ich nur weiß, ob oder was ich verloren habe, darf ich kaum von Unglück reden.«

»Well, Sir, ich danke Ihnen,« erwiderte Morton, der den Kopf hob, als habe er ein gefürchtetes, unangenehmes Geschäft vollendet; »aber mit den bloßen Redensarten fangen wir die Ratte nicht. Ich würde sagen: Lassen Sie uns warten bis morgen früh und dann in Ruhe überlegen, wenn unser Nachbar Elliot nicht ein Mann wäre, der wenig Zeit verstreichen läßt, bis er einen gefaßten Entschluß zur Ausführung bringt. Was geschehen soll, muß heute abend beschlossen werden, morgen im Laufe des Vormittags ist der Mann mit seiner Tochter vielleicht nach irgendeinem Teile der Welt unterwegs, und dann, sehe ich recht wohl, wäre alles, was außerdem getan werden könnte, so gut wie nichts!«

»Ich glaube kaum, daß Ellen, wie ich sie kenne, jetzt ihrem Vater so ruhig folgen wird als das erstemal«, warf Pauline ein, mit einem halben Blicke zu ihrem Manne aufsehend.

»Was kann sie aber tun?« erwiderte Morton; »hier unser junger Freund will sie nicht eher haben, bis er nicht eine Zukunft hat und sie vor Entbehrungen schützen kann, wie er sagt, und es liegt ein Verstand darin, den ich vielen unserer amerikanischen jungen Leute wünschte – und wir können doch nicht, wenn wir sie auch in unser Hans aufnehmen, offene Partei gegen ihren Vater ergreifen? Dazu hat eben nur der Mann ein Recht, dem sie ihr ganzes künftiges Leben anvertraut. Wollen Sie vorläufig eine Stellung in meinem Hause oder auf meiner Farm annehmen, Sir, bis sich etwas anderes, Passenderes findet, so ist wenigstens für den Augenblick der Not abgeholfen, und das Kind hat ein Recht, bei uns zu sein.«

Helmstedt sprang von seinem Stuhle auf und durchschritt aufgeregt das Zimmer. »Es wäre Tollheit von mir,« sagte er, endlich wieder herantretend, »Ihre Hilfe in der Lage, in welcher ich mich befinde, abzuweisen, ich werde Sie selbst noch an Ihre Zusage wiedererinnern – aber Ihren letzten Vorschlag, so freundlich er auch ist, kann ich nicht annehmen; für mich bliebe es doch nur immer eine Not- und Barmherzigkeitsstellung, und Sie müßten in eine ganz unangenehme Lage zu Elliot, vielleicht auch zu der ganzen hiesigen Gesellschaft geraten – Sie hätten gleiche Sache mit dem Fremden gemacht, der nichts ist und nichts hat und doch seine Hand nach einem Mädchen aus der Blüte des Landes ausstreckt; Sie würden dem Gefühle aller reichen Eltern, die Töchter besitzen, geradezu ins Gesicht schlagen und wahrscheinlich Ihr Opfer, so aufrichtig das auch jetzt gebracht sein mag, bald genug bereuen. – Ich muß mir irgendeine Stellung, irgendeine Selbständigkeit zu verschaffen suchen,« fuhr er fort und nahm seinen vorigen Gang wieder auf. »Ich werde um Ihren Rat und Ihre Hilfe dazu bitten, aber ich weiß, daß das nicht im Nu geschehen kann. Ich werde morgen in aller Frühe nach Oaklea gehen – ich müßte ohnedies mit Mr. Elliot reden, ich bin noch nicht von ihm entlassen, habe aber mein Gehalt für ein halbes Jahr im voraus erhalten – ich werde zu ihm sprechen, wie es mir der Augenblick eingeben wird, werde ihm zeigen, daß er es wenigstens mit einem ehrlichen Manne zu tun hat, der weder hinter seinem Rücken eigennützige Pläne verfolgte, wie er es wohl vermutet, noch jetzt von all seinem Gelde etwas verlangt, und jeden anderen Weg als den offenen verschmäht. Was das Ergebnis davon sein wird – ich weiß es nicht; aber ich weiß jetzt, daß dies mein nächster Schritt sein muß, wenn ich vor mir selbst bestehen soll.«

»Ob Ihr Weg gerade der praktischste ist, weiß ich nicht,« entgegnete Morton, seine Haare durcheinanderstreichend. »Man tritt einem wildgewordenen Pferde nicht gern geradezu in den Weg, und in Dinge, die sich nicht ändern lassen, ergeben sich die Leute meist viel eher als da, wo ihnen noch eine Hand darin erlaubt ist. Aber ich darf gegen Ihre Gründe nichts sagen.«

»Haben Sie auch wohl an Ellen und ihr Glück gedacht, wenn die Zusammenkunft mit ihrem Vater schroffer zwischen Ihnen beiden endigen sollte, als Sie es vielleicht jetzt vermuten?« begann Pauline, und Helmstedts Auge begegnete einem so ernsten Blicke, wie er ihn noch nie an ihr gekannt. »Fast möchte ich dran glauben, daß auch die Liebe des besten Mannes sich nicht frei von Egoismus machen kann, mag der nun Ehre oder Stolz oder sonstwie genannt werden.«

»Und glauben Sie wirklich, daß ein Mann der Halt für eine Frau sein würde, daß sie mit der Achtung zu ihm aufsehen könnte, wie es sein sollte, wenn er seine Grundsätze auch nur einen Augenblick, und sollte es selbst seinem höchsten Lebensglücke sein, aufopfern könnte?« sagte Helmstedt angeregt. »Ich habe noch wenig vom hiesigen Leben gesehen, und mein Urteil mag nicht ganz richtig sein, aber mir scheint, daß das ganze amerikanische Familienverhältnis ein anderes sein würde, wenn viele Männer mehr Männer in diesem Sinne wären. – Lassen Sie mich jetzt zu Bett gehen,« fuhr er dann ruhiger fort. »Vielleicht kommt mir irgendein glücklicher Gedanke während der Nacht; ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Teilnahme.«

»Well, Sir,« sagte Morton, ihm die Hand drückend; »ich habe schon heute während Ihrer Verteidigungsrede gedacht, daß Sie einen unserer besten Advokaten abgäben, und in allem, was Sie heute abend gesagt, steckt etwas, das dem Mädchen eine Überzeugung beibringen könnte, wenn ich auch zehnmal weiß, daß Sie unrecht haben. Gehen Sie Ihren Weg, legen Sie sich ins Bett – viel schlafen werden Sie wahrscheinlich nicht, und haben Sie irgendeinen Gedanken, so wissen Sie, daß ich nur darauf warte, für Sie Hand anzulegen.«

Helmstedt reichte seine Hand der jungen Frau. »Können Sie mir nicht recht geben?« fragte er.

»Es gehört für eine Frau viel Liebe dazu, um Ihren Standpunkt zu würdigen«, sagte sie, ohne aufzublicken. »Sehen Sie zu, daß Sie vor Ellen bestehen – dann will ich gern nichts weiter sagen.«

Helmstedt lag in seinem Bette, aber, wie Morton es vorausgesagt, ohne zu schlafen. Er überlegte sein morgendes Auftreten bei Elliot, er sann darüber nach, was er ihm sagen wollte, er arbeitete eine ganze Rede aus, und als ein Anflug von Schlaf ihm unbewußt die Augen schloß, arbeitete er im Traume weiter, quälte sich mit den Gedanken herum, für die er den Ausdruck nicht finden konnte, bis er, geängstigt und aufgeregt, wiedererwachte. Er warf sich auf die andere Seite und suchte Ruhe zu gewinnen – aber sein Gehirn arbeitete, ohne seinem Willen zu gehorchen. Wenn Elliot ihm kalt die Türe wies oder ihn gar nicht vor sich ließ, welchen Weg sollte er dann einschlagen? Er mochte es sich selbst nicht gestehen, aber er fühlte, daß sich sein ganzer Stolz dagegen empört hatte, »seine Frau« in eine Stellung zu bringen, in welcher er von Paulinens Mann abhing – es lag, wenn er an seine erste Begegnung mit dieser in Neuyork und an die Art, wie er sie von sich gewiesen, dachte, eine ganze Welt von Demütigung für ihn in dem Gedanken. Wo war aber ein anderer Weg für ihn, wenn er nicht Ellen jetzt und vielleicht für immer aufgeben sollte? In fieberhafter Aufregung sprang er auf und maß die Stube mit großen Schritten, aber die fühlbare Kälte trieb ihn wieder ins Bett zurück.

»So werde ich wahnsinnig«, sagte er, sich aufrecht setzend. »Ruhe, August; den Weg gerade und offen zum Alten mußt du tun; was daraus entsteht, liegt in der Hand des Schicksals, mag es walten – es ist Torheit, sich im voraus darüber den Kopf zu verdrehen. Jedenfalls werde ich morgen Ellen sehen, auf die eine oder die andere Weise, und was dann wird – das überlasse dem Morgen! Jetzt schlafe, August!« Er legte sich zurück, er dachte an Ellen, der ganze kurze Roman seiner Liebe zog in einzelnen Bildern an ihm vorüber und spann sich bald in ruhige, rosige Träume hinüber.

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