Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Ruppius >

Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/ruppius/pedlar/pedlar.xml
typefiction
authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130521
projectid18f56cfc
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel. Der Pedlar

Jetzt hob der alte Mann den Kopf, nickte Helmstedt ernsthaft zu und schritt vor. Schon bei seinem Eintritt schien das Gesicht des Angeklagten neues Leben gewonnen zu haben; er hatte Isaak, den Pedlar, erkannt, obgleich dieser in wenigen Wochen zehn Jahre älter geworden zu sein schien. Seine Backen waren eingefallen und seine Augen lagen tief in ihren Höhlen; er stützte sich, sichtlich matt, auf seinen Stock und ließ dann und wann ein leises Husten, das jener, noch nie an ihm bemerkt hatte, hören. Was Helmstedt eigentlich von Isaaks Dazwischenkunft hoffte, war ihm selbst nicht klar; der Mann war aber gerade zu einer Zeit erschienen, als sich Helmstedts Seele ein Gefühl bemeistert hatte, als schwimme er vor dem offenen Rachen eines Haifisches, dem er nicht entrinnen könne, und dem auch sein Liebstes, was sich zu seiner Rettung genaht, soeben zum Opfer fallen solle, als ihm jede helfende Hand verschwunden zu sein schien; Isaak mußte Ursachen haben, daß er so lange nichts von sich hatte hören lassen und erst jetzt wieder auftauchte, und die Art, wie er sich einführte, zeigte, daß er nicht leer und ohne vollwichtigen Grund erschien. Ein peinliches Gefühl von Hoffnung, spannender Erwartung und Furcht vor einer neuen Enttäuschung ergriff den Gefangenen, als die Anfangsformalitäten zu des Pedlars Vernehmung geschlossen waren und dieser jetzt zu sprechen begann. »Des Herrn Wege sind wunderbar, Gentlemen,« sagte der Alte und richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf. »Ich wurde verhindert, in der Coronersuntersuchung mein Zeugnis abzugeben; ich lag nieder auf den Tod und durfte kein lautes Wort reden, konnte nichts tun und nichts helfen, wo ich doch klar sah, daß nach den Tatsachen, die bei der Totenschau festgestellt waren, der Prozeß einen falschen Weg nehmen mußte, und hielt es für ein großes Unglück. Und doch wäre mir's ohne das Schicksal nicht möglich geworden, die rechte Spur in der Sache aufzufinden und gute Männer, wie sie hier sitzen, vor einer gräßlichen Ungerechtigkeit zu bewahren.«

»Ich möchte den Zeugen ermahnen, sich nur an das zu halten, was zur Sache gehört«, ließ sich jetzt der Richter vernehmen, »und in möglichster Kürze angeben, um was es sich »bei ihm handelt.«

»Es handelt sich um eines Menschen Glück oder Elend, Richter, und das soll man nicht übers Knie brechen,« erwiderte der Pedlar; »und wenn ich einmal dem Herrgott sein Recht gebe, das er selten genug erhält, so wird das wohl auch keinen Schaden bringen. 's gehört übrigens nur zur Sache, was ich erzählen werde.« Er hustete ein paarmal leicht auf und fuhr dann fort: »Der gemordete Mann war ein Spieler von Profession, hatte seine Niederlage im Riverhause und war dort schon einmal seinem Tode wegen falschen Spieles nur durch ein Wunder entgangen. Der Wirt im Riverhause mochte auch wohl noch mehr von seinem hiesigen Treiben wissen, wodurch Licht in den Fall geschafft werden konnte, und ich machte mich gleich nach der Totenschau dorthin auf, um zu horchen, ehe sich dem Manne, seines eigenen Interesses wegen, der Mund über das nächtliche Treiben in seinem Hause schloß. Mein eigenes Zeugnis über den Charakter des Toten schien keinen rechten Glauben gefunden zu haben, und so lag mir mit daran, andere Beweise dafür beizubringen. Aber die Nachricht von dem Morde war schon im Riverhause, der Wirt schien alles Gedächtnis verloren zu haben, und ich entschloß mich, über den Fluß zu gehen, wo der Mann einen Store hielt, welcher den letzten Streit wegen Spielbetrugs mit Baker gehabt und dabei von diesem einen Schuß in die Seite bekommen hatte. Der Mann, der bekannt genug in der Gegend ist, hatte in der letzten Zeit viel Geld verspielt, bezahlte nicht, sein Geschäft war ihm endlich durch ein Neuyorker Haus, mit dem ich selber in Verbindung stehe, zugeschlossen worden, und er glaubte, ich habe durch einen Bericht über seine Lage seinen Sturz herbeigeführt. Ich traf ihn, kaum wieder von seiner Schußwunde hergestellt, hatte aber nicht einmal Zeit, ihm zu sagen, weshalb ich komme; er fiel, als ob er nur auf mich gewartet, mit Schimpfen und Schmähen, daß ich ihn ruiniert habe, über mich her, und als ich den aufgeregten Menschen mir vom Leibe halte, greift er nach einem kleinen Messer, das ihm zur Hand lag, und sticht es mir in den Leib. – Das, Ew. Ehren, mag zwar ebenfalls nicht hierher zu gehören scheinen,« unterbrach er sich selbst, als der Richter neue Zeichen von Unruhe blicken ließ, »es hängt aber so mit der Hauptsache zusammen, daß ich es nicht umgehen darf. Ich hatte«, fuhr er ruhig fort, die Wunde nur für einen ungefährlichen Kratz gehalten, da ich nicht viel davon spürte, und merkte erst, daß sie wohl mehr zu bedeuten habe, als ich dem wütenden Menschen, der aber noch schwach war, das Messer weggerissen hatte und das Haus verließ. Da kam mir plötzlich Blut in die Kehle, mir wurde schwarz vor den Augen, und ich hatte gerade noch so viel Kraft, um die Tavern auf der anderen Seite des Weges zu erreichen, wo ich auf der Türschwelle zusammenbrach. Die Leute im Hause nahmen mich hinein und holten den Arzt; dort lag ich, meine Lunge hatte durch den Stich einen Denkzettel wegbekommen, und es dauerte vierzehn Tage, ehe ich mich nur wieder auf die Beine stellen konnte. Es war in den ersten Tagen, wo der Schnee gefallen war, als ich mich zum ersten Male in der Unterstube ans Fenster gesetzt hatte und mich über die Zeitung und ihre Bemerkungen über die Mordtat ärgerte, als eine Schwarze mit einem Bündel unterm Arm auf der Straße vorüberging, die niemand anders war als eine von Mr. Elliots davongelaufenen Negern. Ich wurde von der Entdeckung so überrascht, daß ich wieder einen tüchtigen Stich in meiner Lunge fühlte; ich pochte ans Fenster, bis das Mädchen hörte, mich erkannte und in das Haus trat, wo ich sie ins Gebet nahm. Sie war auf dem Rückwege nach Oaklea, war dem weißen Manne, der sie und ihre schwarzen Brüder geführt, wieder davongelaufen und hatte sich ihren Weg tief aus dem Lande durch Wald und Wildnis bis hierher gesucht, um nicht ergriffen und nach Haus transportiert zu werden. Das hatte sie getan, wie sie erzählte, weil Baker, der sie in Oaklea zu seiner heimlichen Liebsten gemacht gehabt, der sie erst zum Entweichen beredet und ihr vorgeschwatzt hatte, daß er sie im Osten heiraten und zur großen Dame machen würde, zurückgeblieben war. Er war noch im letzten Augenblicke beim Antritt der Flucht zugegen gewesen, hatte sie mit sich auf sein Pferd nehmen wollen, als plötzlich ein Umstand eingetreten war, der ihn zurückgehalten hatte – und in diesem Umstände, Gentlemen,« fuhr der Redende mit stärkerer Stimme fort, »liegt der Schlüssel zu dem ganzen Geheimnisse, das den Mord umgibt. Es war nur kurze Zeit vor Ausbruch des Gewitters, als die Flucht angetreten werden sollte, ein einzelner greller Blitz kündigte das Wetter an, und in dem augenblicklichen Lichte sah Sara, die sich dicht neben Baker gehalten, eine weibliche Gestalt neben diesem erscheinen und seinen Arm fassen, die sie wohl schnell und genau genug erkannte, hier in der Nacht aber am allerwenigsten vermutet hätte. – Eine junge Dame, aus einer unserer besten Familien, mit fliegenden Haaren und zerzausten Kleidern. Als Baker sie erblickte, befahl er, nach Saras Erzählung, seinem Gehilfen mit hastiger und aufgeregter Stimme, mit den Schwarzen voranzugehen, er werde schnell nachkommen, und wenn Sara auch nicht gern der Aufforderung folgte, so hatte sie doch nur wenig Zeit zum Besinnen – vom Hause her ließen sich laute Stimmen hören – das waren die unsrigen, als wir uns zum Verfolgen fertig machten – ihre Brüder, nahmen sie in die Mitte und zogen sie davon. Fünf Minuten darauf brach der Regen aus – und, Gentlemen, der Mord ist erwiesenermaßen vor Beginn des Wetters geschehen.«

Der Pedlar hob den Kopf und machte, wie ermüdet, eine Pause, die durch keinen Laut, selbst nicht durch eine Bewegung des Richters, unterbrochen wurde.

»Ich will nur noch wenig sagen,« fuhr er dann fort, »die Wirtin der Tavern, welche die erste Erzählung der Schwarzen mit anhörte, ist hier gegenwärtig und wird bezeugen, daß keinerlei Einwirkung auf das Mädchen stattgefunden hat. Sara scheute sich, als sie von der Abreise der Elliotschen Familie hörte, allein wieder nach Oaklea zu gehen, und sie blieb deshalb in der Tavern, bis ich imstande sein würde, ihr Zeugnis an die rechte Stelle zu bringen. Und das ist mir erst heute und auch heute nur mit Anstrengung möglich geworden. Sie mögen nun die Schwarze selbst über das Nähere befragen; sollte aber ihre Aussage nicht die volle Geltung haben, so wird doch jedenfalls dadurch der richtige Weg gezeigt, und ich werde selber imstande sein, Angaben zu machen, die auf die Ursachen der Tat das notwendige Licht werfen.«

Seine Stimme war während der letzten Sätze matter geworden, die Hand gegen die Brust gedrückt, hustete er ein paarmal, trat dann zu einem der Stühle in seiner Nähe und ließ sich langsam nieder. Mit ihm zugleich aber hatte auch Morton hastig seinen Platz verlassen und war zu dem Staatsanwalte getreten, und als sich jetzt der Verteidiger mit der Bemerkung erhob, daß der öffentliche Ankläger keinesfalls einen Einwand gegen Zeugen erheben werde, wie er sie selbst zur Unterstützung der Anklage benutzt, schien dieser kein Ohr zu haben als für die Worte des alten Pflanzers. Wenige Augenblicke darauf aber richtete er sich in die Höhe und sagte: »Möge es dem Gerichtshof gefallen, eine Pause von einer halben Stunde eintreten zu lassen. Es werden mir mit Rücksicht auf das letztabgegebene Zeugnis soeben Mitteilungen gemacht, welche der Verfolgung möglicherweise eine ganz andere Richtung geben dürften, und ich werde nach der erbetenen Zeit bereit sein, meine direkten Anträge zu stellen.«

Keine ordnungslose Bewegung wie früher ergab sich, als der Richter die Unterbrechung der Verhandlungen verkündete; ein nachdenklicher Ernst schien sich der Menge bemächtigt zu haben, nur ein Flüstern der Erwartung durchzog die stillen Reihen, und mancher Kopf, der bei dem Antrage zu Ellens Verhaftung befriedigt genickt hatte, wandte sich jetzt halb scheu, wie mit dem Bewußtsein einer Übereilung kämpfend, nach dem Angeklagten. Pauline war an Mortons Arm durch eine Seitentür dem Staatsanwalt gefolgt; – Ellen saß neben ihrem Vater, der, die Stirn in tiefe Falten gezogen, wortlos vor sich hinstarrte, und richtete bald einen besorgten Blick auf diesen, bald ließ sie das Auge, sich selbst vergessend, in Helmstedts Auge ruhen; – Sara hatte sich, scheu ihre Herrschaft beobachtend, neben den Pedlar gedrückt, der teilnahmlos, den Kopf wie im halben Schlafe gegen die Brust gesenkt, dasaß und nur dann und wann ein leises Husten hören ließ; – der Verteidiger war zu den übrigen Advokaten getreten, und selbst hier wurde das Gespräch nur in gedämpftem Tone geführt; niemand, außer einigen Männern von der Jury, hatte den Saal verlassen. Die Abenddämmerung hatte sich bereits bei den letzten Auftritten, der Verhandlung bemerkbar gemacht, und ein Beamter zündete die Lampen an. Der Zuschauerraum blieb bald in halbem Dunkel, während sich der Platz für Richter, Jury und Zeugen in vollem Lichte befand.

Eine Ruhe, die keines Ordnungsgebotes bedurfte, legte sich über die Versammlung, als von der einen Seite der Richter und gleich nach ihm von der anderen der Staatsanwalt eintrat und beide ihre Plätze einnahmen. Die Sitzung wurde für eröffnet erklärt, und der Staatsanwalt bat um das Wort.

»Eine traurige Verkettung von Umständen«, sagte er mit lauter Stimme, »hatte die gegenwärtige Anklage hervorgerufen und als gerechtfertigt erscheinen lassen; nach der soeben gewonnenen Überzeugung von der Irrtümlichkeit derselben aber sehe ich mich veranlaßt, jede weitere Verfolgung derselben fallen zu lassen, und trage hiermit als einfachen Akt der Gerechtigkeit auf die sofortige Freilassung des Gefangenen an. Für die Sicherung des mutmaßlichen wahren Täters«, fügte er mit meinem Blicke, auf das Publikum hinzu, »sind bereits die nötigen Maßregeln getroffen, und das Gesetz wird seine volle Genugtuung finden.«

Ein Augenblick der Stille folgte, als der Staatsanwalt zurücktrat, dann aber erhob sich ein Summen wie in einem riesigen Hummelschwarme, in welchem die letzten Worte des Richters untergingen.

Helmstedt sah sich von seinem Advokaten beglückwünscht und von seinem Platze mitten unter fremde Gestalten geführt; der Richter kam einen Augenblick auf ihn zu und drückte ihm die Hand; aber umsonst sah er sich nach einem befreundeten Gesichte um. Er hörte das Geräusch der Menge, die sich ohne ein Zeichen des Beifalls oder Mißfallens unter nur halber Befriedigung den Ausgängen zudrängte; überall traf er auf nichts als neugierige Blicke, und das Gefühl des Alleinstehens in der Fremde war ihn noch nie, selbst nicht im Gefängnisse, so bitter überkommen als in diesem Momente. Er wandte sich mit einem kurzen Worte der Entschuldigung von seinem Advokaten nach dem Platze, wo die Zeugen gesessen hatten – aber weder von Ellen und ihrem Vater noch von Sara war etwas zu sehen, und nur der Pedlar, zu dem sich die aus dem Lande mitgekommene Wirtin niederbog, saß noch gebückt auf seinem Stuhle.

»Sind Sie nicht wohl, Isaak?« fragte Helmstedt und legte die Hand auf seine Schulter.

Der Alte richtete sich langsam auf. »'s ist wohl nur die Anstrengung und die Aufregung, die mich so matt gemacht haben«, sagte er und bot dem jungen Manne die Hand. »Meine Lunge will's noch nicht recht wieder vertragen, und wenn's nicht gerade heute hätte sein müssen, wär' ich auch noch nicht gekommen.« Helmstedt drückte ihm die Hand und sah ihm in das eingefallene, erschlaffte Gesicht, dessen peinliche Veränderung er erst jetzt in der Nähe ganz bemerkte. »Für dieses Mal sind Sie mit einem blauen Auge davongekommen,« fuhr der Alte fort, mit einem schwachen Lächeln zu ihm aufsehend. »Ein andermal hören Sie aber vielleicht mehr auf den Rat erfahrener Leute; 's ist doch nur Ihre Geschichte mit dem Mädchen, die Sie so weit hineingebracht hat, und Sie können nicht sagen, daß ich Sie nicht vor dergleichen gewarnt hätte.« Helmstedts Miene mochte bei des Pedlars Bemerkung wohl mehr von seinen Empfindungen verraten, als er selbst wußte, denn der Alte sah ihn aufmerksam an und schüttelte schweigend den Kopf. »Lassen Sie sich eins sagen, wenn Sie noch nicht aus der Sache heraus sind«, sagte er dann. »Es kommt von einem Manne, der seine Leute kennt; gehen Sie nicht weiter, es tut nicht gut – und bringen Sie's wirklich zu dem, was Sie Ihr Glück nennen, so werden Sie noch an den alten Isaak denken; den amerikanischen Hochmut des Alten besiegen Sie nicht, und ich habe noch niemals rechten Segen aus einer Verbindung von Leuten entstehen sehen, die mit verschiedenen Gefühlen geboren und mit verschiedenen Gewohnheiten erzogen worden, wie Deutsche und Amerikaner.«

»Lassen Sie uns nach dem Hotel gehen,« sagte Helmstedt, als wolle er damit die weiteren Bemerkungen des Pedlars abbrechen. »Ich weiß wenigstens jetzt nicht, wo anders hin, und Sie werden dort auch am besten aufgehoben sein. Sie sind krank und angegriffen. Sie tun am besten, gleich Ihr Bett zu suchen, und ich bleibe bei Ihnen. Morgen früh reden wir dann mehr miteinander.« In diesem Augenblicke fühlte er leicht seinen Arm ergriffen, er wandte sich um und sah in Paulinens erregtes Gesicht. »Kommen Sie, August,« sagte sie, »der Wagen steht unten, Sie nehmen Ihre Wohnung vorläufig bei uns, bis sich Ihre übrigen Verhältnisse geordnet haben.«

Helmstedt sah ihr einen Augenblick in die Augen, und die warme Innigkeit, die ihm daraus entgegenstrahlte, tat ihm wunderbar wohl. »Haben Sie Elliot nicht gesehen?« fragte er dann.

»Er war der erste, der mit Ellen und Sara den Saal verließ, und es ist gut so, August,« erwiderte sie; »lassen Sie die Wellen sich erst etwas legen und die Tochter mit dem Vater aussprechen, ehe Sie sich ihm zeigen, ich habe ihr selbst dazu geraten, sich jetzt nicht aufzuhalten.«

Helmstedt drückte die Hand vor die Augen, es erwachte ein Gefühl in ihm, dem er mit Macht widerstrebte, die Gegend seines früheren Aufenthaltes wiederzusehen, ehe er über seine Stellung dort im klaren war. »Ich gestehe Ihnen offen,« sagte er nach einer Pause, »daß ich heute lieber in der Stadt und allein für mich bleibe; Sie haben mir mit Ihrem Vorschlage so wohl getan, Pauline, wie ich es Ihnen kaum sagen kann, aber ich möchte erst, ehe ich irgend jemand wieder unter die Augen trete, in mir selbst Ordnung schaffen und meine Lage recht ins Auge fassen. Außerdem möchte ich auch heute nicht von meinem alten Freunde Isaak gehen, der es wahrhaftig nicht um mich verdient hat, daß ich ihn jetzt allein lasse. Und nicht wahr, Sie sind mir darum nicht böse?« fuhr er, ihre Hand ergreifend, fort, als er ihre leicht beweglichen Züge denselben trüben Ausdruck annehmen sah, den er schon kannte.

»Sie sind konsequent in Ihren Zurückweisungen, August. Sie könnten's gegen Ihre gefährlichste Feindin nicht mehr sein«, erwiderte sie. »Isaak findet bei uns besseren Platz als in dem engen Hotel, das heute bis zum Dache überfüllt ist, und von Ihren übrigen Gründen will ich gar nicht reden. Drückt Sie die kleinste Verbindlichkeit gegen mich gar zu sehr, so will ich Ihnen sagen, daß Sie sich jetzt keine auferlegen würden, wenn Sie auf mich hörten!« Sie wandte den Kopf nach dem mittleren Ausgange des schon fast ganz leer gewordenen Saales, wo ein alter Herr wartend stand und winkte. Helmstedt erkannte in dem Herbeikommenden Morton, der ihm die Hand bot und sie kräftig schüttelte. »Er will in der Stadt bleiben und erst mit sich selber fertig werden!« sagte Pauline.

»Well, Sir, das geht nicht!« rief Morton mit derber Biederkeit; »und ich erbitte es mir als eine Gefälligkeit, deren Wert Sie vielleicht selbst noch nicht kennen, daß Sie mein Haus für das Ihrige ansehen. Wir sind Ihnen Genugtuung schuldig, wie wir sie Ihnen vielleicht kaum leisten können, und ich würde Sie nicht für den Mann halten, für den ich Sie kennen gelernt habe, wenn ich unter solchen Umständen eine Zurückweisung von Ihnen fürchten sollte.«

Helmstedt fühlte in diesem Augenblicke vielleicht zum ersten Male, daß ein Stolz in ihm wurzelte, der größeren Einfluß auf seine Handlungen ausübte, als er selbst gewußt. Solange sich dieser nur durch Zurückweisen von Hilfe und Unterstützung anderer geäußert, hatte er es für etwas durchaus Edles gehalten, das sich in ihm regte; als aber jetzt der reiche Amerikaner vor ihm stand und ihm, mehr mit der Miene eines Bittenden als eines Beschützers, sein Haus anbot, als bei dem Tone des Mannes sich das wohltuende Gefühl, auf gleichem Fuße behandelt zu werden, Helmstedts bemächtigte und eine Befriedigung in ihm hervorrief, vor der alle Gründe, welche ihn in der Stadt hielten, ganz wunderbar ihre Macht verloren, da schoß ihm ein Strahl von Selbsterkenntnis durch den Kopf. Fast hätte er, nur um sich nicht selbst eine Blöße zu geben, auch Mortons Anerbieten zurückgewiesen, aber Paulinens Auge ruhte so still und trübe auf ihm, daß es ihm wurde, als sei er eben im Begriff, ein neues Unrecht zu manchem bereits begangenen hinzuzufügen.

»Sie sind wirklich so freundlich gegen mich, daß ich nicht weiß, wie ich es verdient habe«, sagte er endlich. »Ich bin mit Ehren in Freiheit gesetzt worden, und das ist wohl alle Genugtuung, die ich verlangen kann – aber ich will mit ganzem Herzen Ihre Einladung annehmen, da Mrs. Morton sagt, daß Isaak uns begleiten darf; ich bin es ihm schuldig, ihn jetzt nicht zu verlassen!«

»Ganz gut! Sir!« erwiderte Morton, einen Blick auf den Pedlar werfend. »Er mag sich bei uns auskurieren, und Platz im Wagen haben wir auch. Sprechen Sie mit ihm, und ich lasse währenddem Ihre Sachen aus dem Gefängnisse herüberschaffen, – in einigen Minuten können wir unterwegs sein.« Er drückte nochmals die Hand des jungen Mannes kräftig, warf seiner Frau einen Blick zu und ging davon.

»Sind Sie mir noch böse, Pauline?« fragte Helmstedt und hielt dieser seine Hand hin.

»Ich bin Ihnen in meinem Leben noch nicht böse gewesen!« erwiderte sie, mit einem halben Lächeln zu ihm aufsehend. »Höchstens war ich traurig, wenn Sie mich so wenig verstanden. Sprechen Sie aber jetzt mit Isaak!« fuhr sie fort und trat, sich wegdrehend, einige Schritte in den Saal hinein.

Helmstedt folgte der Aufforderung.

»Hab' die Verhandlungen gehört,« sagte der Alte, »und wenn Sie durchaus bei mir sein wollen, so folge ich Ihnen. Hier oder dort – für mich wird's ziemlich gleich bleiben; meine Wirtin schläft bei ihrer Schwester in der Stadt, für Sie aber kann es nur gut sein, wenn Sie mit den Leuten gehen, es wird Ihnen manchen Stein für die Zukunft aus dem Wege räumen!«

»Deshalb tue ich es nicht, Isaak.«

Der Pedlar zuckte nur die Achseln, hustete ein paarmal wie unter Schmerzen auf und sank dann wieder in sich zusammen.

Der Saal war leer geworden, die Lampen wurden nach und nach ausgelöscht, bis endlich nur noch eine einzige das notdürftigste Licht verbreitete. Pauline stand am Ausgange, auf Morton wartend, und Helmstedt maß den Boden mit langsamen Schritten – seine Gedanken waren in Oaklea. War das ganze Unglück der letzten Wochen nur ein notwendiges Mittel für das Schicksal gewesen, um ihn rasch seinem Glücke, seiner Vereinigung mit Ellen entgegenzuführen – oder warf es ihn wieder zurück in eine schlimmere Lage als die, in welcher er Alabama betreten? Dachte er an die feindliche Stellung, welche Elliot während der Untersuchung gegen ihn eingenommen, an den starren Ausdruck seines Gesichtes, den dieser nach der Abgabe von Ellens Zeugnis behauptet, so mußte er auch an des Pedlars frühere Warnungen denken – morgen vielleicht schon war das Mädchen von ihrem Vater nach irgendeinem Teile der Welt gebracht, und damit war der ganze Roman beendigt, und ihm selbst blieb nichts übrig, als den Rest des erhaltenen Salärs, der ihm streng genommen nicht einmal gehörte, zur Rückreise nach Neuyork zu benutzen, wo sich ihm wenigstens noch die Möglichkeit einer Existenz durch eigene Kraft bot. Aber er mußte zugleich auch an Ellen denken, an die freudige Festigkeit, mit welcher sie, unbeirrt durch ihres Vaters Einfluß, zu seiner Rechtfertigung vor die Öffentlichkeit getreten war, und sein Herz zitterte noch, als er sich die Szene zurückrief – sie mußte die Reise hierher ohne Wissen ihrer Verwandten angetreten haben, dafür sprach Elliots Überraschung bei ihrem Anblicke; die volle Energie der Liebe mußte in ihr erwacht sein, die wohl jetzt für ihr beiderseitiges Glück kämpfte. Sie war des Vaters Liebling, und wenn sie nun auch wirklich seinen Widerstand brach, was dann weiter? Sollte er als ungern geduldetes Mitglied in die Familie treten und sich von dieser ernähren lassen? Wie die Verhältnisse standen, mußte er im glücklichsten Falle selbst eine Existenz für sich und Ellen schaffen, durfte nicht die kleinste Beihilfe von Elliot annehmen, wenn er sich von dem Verdachte der niedrigsten Spekulation freihalten wollte. Und doch wußte er noch nicht einmal, wohin mit sich selbst.

Seine Gedanken wurden durch Mortons Eintritt unterbrochen, der »Alles fertig« meldete. Der Pedlar erhob sich, die Gesellschaft schritt nach dem wartenden Wagen hinunter, und bald rollte dieser durch die mondhelle Nacht dem Landhause entgegen. Helmstedt hatte sich mit Gewalt aus seinen Sinnen gerissen und versuchte ein Gespräch einzuleiten; Morton selbst schien aber, seit sie die Stadt verlassen hatten, mit seinem Geiste wo anders zu sein; auf seinem Gesichte hatte sich ein Ausdruck von Sorge gelagert, und er beantwortete Helmstedts Bemerkungen wohl freundlich, aber ohne weiter darauf einzugehen; Pauline saß ebenfalls still in ihre Ecke gedrückt und legte nur dann und wann, mit einem Aufblicke zu ihrem Manne, ihre Hand auf die seinige, was dieser mit einem schwachen Lächeln beantwortete. Isaak schien zu schlafen, und so überließ sich auch Helmstedt bald wieder seinen eigenen Gedanken. Erst als der Wagen von der Straße abbog, schien Morton mit sich selbst fertig geworden zu sein. »Sie werden Hunger haben, Sir, samt unserem Isaak,« sagte er; »hoffentlich finden wir aber ein ordentliches Abendbrot bereit!«

»Fühle eben nicht wie essen«, erwiderte der Alte. »Wenn Sie aber etwas für mich tun wollen, so lassen Sie mir gleich mein Bett zeigen, das wird wohl für eine Weile alles sein, was ich brauche – das Fahren hat mich schlimmer durchgeschüttelt, als ich mir's vorgestellt.«

»Sind Sie wieder krank, Isaak?« fragte Pauline teilnehmend.

»Weiß eigentlich selbst nicht – 's wird wohl wieder vorübergehen!«

Das Landhaus war bald erreicht, ein Schwarzer geleitete den Pedlar nach einem der Schlafzimmer, wohin ihm Pauline Tee zu senden versprach, und Helmstedt folgte Morton nach dem Parlor.

»Setzen Sie sich, Sir, machen Sie sich's bequem und betrachten Sie sich zu Hause,« sagte dieser, zwei Stühle ans Feuer rückend. »Wir kennen uns zwar noch nicht genauer, aber ich denke, das soll bald geschehen, wenigstens so weit, als ich dazu beitragen kann. Ich bin Ihnen mancherlei Aufklärung schuldig,« fuhr er fort, als sich beide niedergelassen, »ich denke aber, wir versparen das bis nach dem Tee; sagen Sie mir nur jetzt, ob Sie sich schon irgendeinen Plan für Ihre künftigen Schritte gemacht haben, zu dem ich Ihnen irgendwie behilflich sein könnte. Ihr früheres Verhältnis bei Elliot scheint wenigstens in der Art unmöglich geworden zu sein; bei der Stärke aber, mit der Ellen an Ihnen zu hängen scheint, und nach dem öffentlichen Schritte, den das Mädchen heute getan, sehe ich für ihren Vater fast keinen anderen Weg, als daß er sich mit Ihnen verständigt, wenn er nicht verkaufen und ganz von hier wegziehen will –«

»Sie wissen vielleicht, wie Ellen so plötzlich hierher gekommen ist, da sie mit Ihnen in dem Gerichtszimmer erschien?« unterbrach ihn Helmstedt.

»Ich weiß es, und Sie sollen auch von allem unterrichtet werden. Ich möchte Sie nur fragen, ob ich vielleicht einleitende Schritte zwischen Ihnen und Elliot tun soll? Daß das Verhältnis zwischen Ihnen und seiner Tochter so schnell gereift ist, daran ist er mit seiner Blindheit gegen den Schurken, der jetzt vor Gottes Richterstuhle steht, selbst schuld – 's ist eine Fügung des Himmels gewesen, wodurch das Mädchen Kraft zum Widerstand erhalten, sonst könnte er jetzt über sich und sein Kind jammern, wie andere es tun müssen –« Er hielt inne und blickte, wie von einem Gefühle überwältigt, vor sich ins Feuer. Helmstedt sah die plötzliche Erregung in seinem Gesichte, ohne sie sich erklären zu können, aber auch ohne die eingetretene Pause unterbrechen zu mögen. »Entschuldigen Sie mich, Sir«, sagte Morton endlich und strich mit der Hand langsam über sein Gesicht. »Sie werden mich heute abend noch verstehen lernen; ich wollte nur sagen, daß Elliot den wenigsten Grund hat, gegen Sie aufgebracht zu sein, und daß ich gern für die ersten Schritte Ihren Advokaten abgeben will.«

Helmstedt sah eine Minute schweigend vor sich hin. »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Sir,« sagte er dann langsam, »aber ich weiß nicht, welche Schritte ich gegen Elliot tun könnte, ohne den schmutzigen Verdacht, der meinem Verhältnisse zu Ellen untergelegt worden, zur Wahrheit zu machen. Ich bin vorläufig nichts und habe nichts, darin liegt alles, und wenn mich Elliot bei meinem ersten Worte um seine Tochter wie einen ertappten Glücksritter zur Tür hinausjagte, würde ich mich kaum zu beklagen haben. Wäre Ellen arm und an Armut gewöhnt, so sollte uns kein Tag mehr voneinander trennen, und wenn ich unseren Unterhalt mit Holzspalten verdienen sollte.«

Morton schüttelte den Kopf. »Sie können doch nicht gut von Elliot erwarten, daß er Ihnen jetzt entgegenkommen und das Mädchen anbieten soll? – Und nach allem, was Ellen getan, hat sie wohl auch ein Recht, einen Schritt von Ihnen zu verlangen, selbst wenn er gegen Ihren Stolz laufen sollte.«

Helmstedt richtete den Kopf auf. »'s ist wahrhaftig nicht Stolz, der aus mir redet, Sir,« sagte er, und in seinem Gesichte sprach sich der ganze Druck aus, der auf seiner Seele ruhte. »Ich würde gern hingehen zu Elliot und ihm mein ganzes Herz ausschütten und mich an keine Demütigung kehren; wo soll es aber hinführen? Kann ich denn Ellen nur das kleinste Los bieten, um sie vor Entbehrungen sicherzustellen, oder soll ich mit um ihres Vaters Geld freien, wenn er nach meinen Existenzmitteln fragt? Ich hatte gehofft, mir irgendeine Selbständigkeit zu erringen, sobald ich nur meinen Boden kennen gelernt; ich weiß, daß ich Energie und auch einige Kenntnisse habe; ich hatte gehofft, Elliots Vertrauen zu erwerben, aber das Schicksal hat eine Entscheidung herbeigeführt, wo meine Vorbereitungen noch nicht einmal begonnen hatten.«

»Lassen wir die Sache einmal vorläufig ruhen und unseren Tee nehmen,« sagte Morton aufstehend, »später läßt sich weiter reden.« Als ihm Helmstedt folgte, sah er Pauline, die unhörbar eingetreten sein mußte, hinter ihren Stühlen stehen.

Sie gingen nach dem Speisezimmer, aber wenig ward während des Mahles gesprochen. Helmstedt war durch die mit Morton gewechselten Worte selbst erst klar über seine jetzige Stellung geworden, und Entschlüsse aller Art zogen durch seinen Kopf. Des Hausherrn schien sich, sobald er zum Tische getreten, ein trübes Sinnen bemächtigt zu haben, das er nur dann und wann durch ein paar einzelne Worte unterbrach, und selbst Pauline schien ihre eigenen Gedanken zu verfolgen. Die schweigsame Mahlzeit war fast zu Ende, als Cäsar eintrat und meldete, daß der alte Isaak gern Helmstedt zu sprechen wünsche.

»Fühlt er sich nicht gut?« fragte Morton.

»Well, er sieht schlecht genug aus,« erwiderte der Schwarze, »aber wohl nicht schlimmer, als wie er ins Haus kam. Ich habe ihn schon gefragt, ob ich bei ihm bleiben solle, er verlangt aber nur nach Mr. Helmstedt.«

Der junge Mann erhob sich und folgte dem Neger. Als sie den ersten Treppenabsatz erreicht hatten, hielt dieser an und sagte: »Sie sind doch nicht böse auf mich, Master, daß ich heute keine andere Aussage gemacht? Ich sah's Ihnen im Gesicht an, daß es nicht recht war, aber im Gerichte hatten sie mir den Kopf vorher so dumm und dick gemacht, daß ich eigentlich gar nicht mehr wußte, was ich gesehen hatte und was nicht.«

»'s ist schon recht,« winkte der andere, »die Sache ist jetzt vorbei.«

»Und noch eins, Sir, ist es wahr, daß heute nachmittag Elliots Sara wieder zurückgekommen ist?«

»'s ist so, Cäsar,« erwiderte Helmstedt und mußte über dessen seltsam verzogenes Gesicht lächeln. »Wenn Ihr jetzt noch einmal bei ihr anpocht, wird sie kaum wieder nein sagen.«

Der Schwarze fuhr mit der rechten Hand in seine Kraushaare und zog das linke Knie fast bis zur Brust empor – ein pantomimisches Jauchzen – dann sprang er auf den Zehen den Rest der Treppe hinauf und öffnete die Tür nach des Pedlars Zimmer.

Helmstedt fand den Alten in halbsitzender Lage in seinem Bette, und in den weißen Kissen erschien das eingefallene Gesicht, von dem Lichte einer kleinen Schirmlampe beschienen, gelb und fast blutlos. Er hatte die Augenlider geschlossen, öffnete sie aber, als sich der junge Mann seinem Lager näherte, und zeigte nach einem Stuhl zur Seite des Bettes. »Es sind mir so mancherlei Gedanken durch den Kopf gefahren,« sagte er mit matter, aber vollkommen klarer Stimme, nachdem Helmstedt Platz genommen und Cäsar die Tür geschlossen hatte, »daß ich gern heute noch mit Ihnen reden möchte; ich weiß nicht, ob ich nicht vielleicht morgen wieder in die Hand des Doktors falle, der mir für eine Zeit jedes Wort verbietet. Haben Sie sich denn schon einen Gedanken gefaßt, was Sie für die Zukunft tun wollen?«

Helmstedt schüttelte schweigend den Kopf.

»Sie werden das Mädchen nicht lassen mögen,« fuhr der Alte fort. »Vielleicht haben Sie auch recht, da's einmal so weit gekommen ist, und es gäbe wohl auch einen Weg, Ihnen eine Stellung zu verschaffen, gegen die der Alte nichts einwenden könnte, und die Ihre ganze Zukunft sicherte. Ich habe schon früher einmal mit Ihnen von den hiesigen und den Neuyorker Handelsverhältnissen gesprochen, und wie schlimm es damit bestellt wäre, wenn die Neuyorker nicht ihren Vorteil wahrten. Sie sahen die Sache damals kurz als ein Spionierwesen an, und ich will auch jetzt einmal nichts dagegen sagen. Jeder hat seine eigenen Augen, mit denen er ein Ding ansieht, und die heimliche Stellung, die Sie für den Anfang einnehmen sollten, möchte Ihnen nicht gefallen. Lassen Sie sich etwas anderes sagen. Sie gehen zu Elliot, erzählen ihm in Ihrer Manier, wie's zwischen seiner Tochter und Ihnen steht, und sagen, daß Sie in einem halben Jahre als ein Mann wiederkommen würden, gegen den er nichts einzuwenden haben solle. Dann gehen Sie mit einem Briefe, den ich Ihnen noch heute abend schreiben will, nach Neuyork – wo Sie das Reisegeld dazu finden, werde ich Ihnen auch sagen – und lernen dort sechs Monate das Geschäft – eine Grundlage haben Sie schon, und so ist die Zeit hinreichend. Das Neuyorker Haus wird Ihnen dann in der hiesigen Gegend ein Geschäft aufmachen, das Sie für Rechnung der Leute führen, wobei Sie aber Ihren eigenen Gewinnanteil haben sollen. Es handelt sich dabei nicht nur um ein einfaches Warengeschäft. Neuyorker Geld steckt in mancher Pflanzung hier herum, manche Baumwollenernte ist schon, noch ehe das Grün der Pflanze heraus ist, im voraus verpfändet, und es ist wohl bloß natürlich, und gegen die Ehrenhaftigkeit wird auch niemand etwas sagen können, daß der Neuyorker Agent sich in Kenntnis von den Verhältnissen aller Geschäfte und Familien erhalten muß. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder Kraft genug bekommen werde, um Geschäfte zu treiben, und wenn Sie auf die Art, die zu Ihrem Wesen besser paßt, fortsetzen wollen, was ich habe stecken lassen müssen, so sagen Sie es.«

Helmstedt hatte den Kopf in beide Hände sinken lassen. »Sagen Sie mir, Isaak,« begann er nach einer Weile aufsehend und dem Auge des Alten begegnend, das in sichtlicher Spannung auf ihm ruhte, »warum halten Sie mich gerade für das Geschäft geeignet, wo sicherlich geschäftsgewandtere Leute den Neuyorkern zu Diensten stehen?«

Der Pedlar schüttelte langsam den Kopf. »Es hält schwer für den Mann aus dem Osten, sich hier wirkliches Vertrauen zu erwerben. Heiraten Sie aber in Elliots Familie und halten Sie sich Mortons zu Freunden, so wird Ihnen bald das Innerste der Familien im halben Staate offen stehen – das ersetzt alle Geschäftsgewandtheit, die Ihnen im Anfange noch fehlen könnte, die sich aber bald genug von selbst finden würde.«

Helmstedt sah eine Weile stumm vor sich nieder. »Lassen Sie mich eine Nacht überlegen,« sagte er dann, tief Atem schöpfend; »wir sprechen morgen weiter, Isaak.«

»Morgen! Wer weiß, was morgen ist?« erwiderte der Pedlar erregt. »Wer ein Glück haben will, muß rasch zugreifen –«

»Ich bin mir heute selbst nicht recht klar,« unterbrach ihn Helmstedt. »Mir widerstrebt ein Geschäft, welches das Vertrauen, das ich hier erlangen könnte, nur als Mittel zum Auskundschaften benutzt – und doch weiß ich nicht, ob ich nicht zu weit gehe und das, was ich anderen schuldig bin, meinen eigenen Gefühlen hintenansetze. Lassen Sie uns morgen entscheiden, Isaak!«

Isaak ließ den erhobenen Kopf zurückfallen, und der Anflug von Belebtheit in seinem Gesichte machte schnell einer tiefen Erschlaffung Platz. Helmstedt wartete auf eine Erwiderung, der Alte schloß aber wortlos die Augen, und nach einer kurzen Weile sank der Kopf nach der Seite. Der junge Mann bog sich über ihn, und als er seine matten, kurzen Atemzüge hörte, verließ er leise das Zimmer. Auf dem matterleuchteten Korridor aber blieb er eine Weile stehen und drückte das Gesicht in beide Hände. Das Bild einer Stellung als geachteter Kaufmann, wie es bei Isaaks Worten vor ihn getreten war, verbunden mit den besten Familien, unter denen er sich eine neue Heimat gegründet, ein eigenes Haus, mit Ellen als waltender Genius darin – zog noch einmal vor seiner Seele vorüber – er durfte nur zugreifen, und alle Qual seiner jetzigen Lage hatte ein Ende. Aber war denn die Bedingung, die ihm das Glück erkaufen konnte, etwas anderes, als was er schon früher zurückgewiesen? Mochte er sie auch drehen und wenden und sich bestreben, sie mit den Augen anderer anzusehen – der Grundgedanke blieb immer die Spionage als Geschäft, und in der neuen Form nur um so gehässiger. Er richtete sich kräftig auf und ging langsam die Treppe hinab – es war ihm, als habe er sich erst recht selbst wiedergefunden, seit die Versuchung ihm nahegetreten war, und er betrat die unteren Zimmer mit freierem Herzen, als er sie verlassen. War Ellen das Mädchen, wie er sie im Herzen trug, so konnte sie auch keinen Schritt von ihm verlangen, der ihn vor sich selbst herabsetzte.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.