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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 14
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authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
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Elftes Kapitel. »Spät kommst du, doch du kommst.«

Der Termin der Gerichtseröffnung war herangekommen, die neue Jury war gebildet, und in das Städtchen schien sich die ganze Bevölkerung des Countys ergossen zu haben, um Zeuge der Verhandlungen des Mordprozesses zu sein. Schon von früh an belagerten bunte Haufen das Courthaus (Gerichtsgebäude), um das Öffnen der Türen zu erwarten, und allerwärts kursierten die seltsamsten Geschichten über den Ausgang der Untersuchung. Bald waren so reiche und vornehme Familien in die Tat verwickelt, daß an eine Veröffentlichung des eigentlichen Verlaufs des Verbrechens gar nicht zu denken war – bald war der Staatsanwalt und die Jury bestochen, daß schon die Nichteinigung der Jury im voraus ausgemacht sei, um den Prozeß weiter hinauszuschieben, bis der Unwille des Volkes verraucht und der Täter ohne Gefahr freigelassen werden könne. – Ein Mord war etwas Seltenes in den friedlichen Tälern, aber es war nicht nur die Besorgnis, einen Teil der Befriedigung ihrer Neugierde zu verlieren, was sich unter den Massen aussprach: es war ein vollkommen ausgebildetes Mißtrauen gegen die Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit der Gerichtsbeamten, und der denkende Beobachter, der zwischen den Menschen hindurchging, konnte leicht zu der Wahrheit gelangen, daß ausbrechende »Mobs« (Zusammenrottungen) und »Lynchgerichte« weniger in der Zügellosigkeit der Massen als in der tief eingefressenen Überzeugung von der Korruption aller öffentlichen Beamten liegen.

Helmstedt war, zur Vorbeugung jeder Straßenunruhe, schon bei Tagesgrauen in ein Zimmer des Courthauses gebracht worden. Morton hatte ihm, kurz nachdem er die Vorschläge von dessen junger Frau abgewiesen, einen der bekanntesten Advokaten der Gegend als Verteidiger zugesandt, aber der Gefangene hatte sich auch gegen diesen in keine Erklärung über seinen Aufenthalt zur Zeit des Mordes einlassen wollen. »Können Sie einen haltbaren Verteidigungsgrund aus einer Angabe formen, für die nicht der geringste Beweis da ist?« hatte er ihm gesagt, »oder meinen Sie, ein Alibi glaubhaft machen zu können, wo eben nur Gott der Zeuge meines Aufenthaltes war? Kundschaften Sie den Aufenthalt Elliots und seiner Familie aus, daß ich ihnen schreiben kann; dort liegt meine einzige Hoffnung, ohne die alles, was ich auch sagen könnte, vergebens ist.« Seit der Zeit hatte sein Verteidiger den Punkt nicht wieder berührt, aber auch ebenso wenig etwas von einem Erfolge seiner Forschung nach Elliot erwähnt. Die Grandjury hatte kurze Zeit darauf eine Anklage gegen den Verhafteten »wegen Teilnahme an dem Morde Henry Bakers« eingereicht, und jetzt saß er, die sich um das Courthaus anhäufenden Menschen betrachtend, und erwartete die Stunde seiner Vorführung.

Es mochte acht Uhr sein, als sein Advokat zu ihm ins Zimmer trat. »Verteufelt kalt!« sagte er, sich die Hände reibend, haben Sie nicht bei diesem Wetter bisweilen in Ihrem Loche frieren müssen? Wir sind hier gar nicht auf ein so strenges Winterregiment eingerichtet, und unser Gefängnis am allerwenigsten. – Ich denke, wir werden bald vorkommen,« fuhr er fort, sich mit dem Rücken ans Feuer stellend, als Helmstedt sich mit Gewalt aus seinen Gedanken aufriß, aber nicht gleich antwortete. »Nur den Mut nicht verloren, junger Freund! Haben wir auch keine Entlastungszeugen vorzuführen, so fehlen der Anklage doch ebenfalls die Hauptzeugen zu ihrer Unterstützung: Elliot ist nicht da, wenn er nicht mitten in der Nacht angelangt ist. Alle kleineren Zeugnisse der schwarzen Gesichter werden als unstatthaft zurückgewiesen; es bleiben also nur die bei der Totenschau ermittelten Tatsachen stehen, und es kommt einzig darauf an, wie diese aufgestutzt und entkräftet werden. Jedenfalls wird es eine der interessantesten Verhandlungen geben. Unser Staatsanwalt ist ein geriebener Patron, und es ist möglich, daß er einen Ehrenpunkt daraus macht, trotz der mangelnden Grundlage die Anklage aufrecht zu erhalten; lassen Sie sich aber dadurch nicht einschüchtern und zeigen Sie der Jury eine offene Stirn – der Eindruck, den der Angeklagte macht, ist in Fällen wie der Ihrige oft alles.«

Helmstedt fühlte sich zu aufgeregt, als daß er auf die kalte, geschäftliche Weise, seine Aussichten zu besprechen, hätte eingehen mögen, und er war froh, als der Beamte eintrat, um ihn vor den Gerichtshof zu führen. Der hohe, geräumige Saal war überfüllt von Menschen, und ein geräuschvolles Murmeln zog durch die Menge, als er, bleich von innerer Spannung und ausgestandener Haft, aber mit frei gehobenem Kopfe und sorgfältiger Toilette, nach dem ihm angewiesenen Platze schritt. Kaum hatte er sich gesetzt und sein Verteidiger den Platz vor ihm eingenommen, als auch der Richter Ruhe gebot und der Staatsanwalt seine Anklage eröffnete. Es war keine Advokatenrede, voll logischer Schlüsse und Gesetzesstellen, die er begann, es war ein rhetorisches Meisterstück, voll Leben und Wärme; der Ankläger wurde zum Dichter, zum Maler, zum Geschichtschreiber. Er schilderte die Zustände im Staate, die allgemeine Sicherheit, wie sie im offenen Walde und auf dem freien Felde geherrscht habe, wie selten es der Landbewohner für nötig gehalten, nachts die Tür seines Hauses zu verschließen, wie das allgemeine Vertrauen der sicherste Schutz und der Segen für den Staat geworden. Er gab eine statistische Übersicht der Verbrechen und wies nach, wie in einer Reihe von Jahren kein Kapitalverbrechen geschehen, das nicht offen vor dem Auge von Zeugen vollbracht und aus augenblicklicher Leidenschaft entsprungen gewesen, die selbst in ihrer Offenheit noch etwas Edles an sich getragen habe. Er schrieb diese Zustände dem glücklichen Charakter der eingeborenen Bevölkerung zu, er wünschte sich und seinen Mitbürgern Glück, Bewohner von Alabama zu sein. Jetzt, nach langer Zeit zum ersten Male, waren die Bürger in ihrer Sicherheit durch eine gräßliche Tat aufgerüttelt worden, ein Mord war geschehen in dunkler Nacht auf freiem Felde – ein Mord, der nichts mit dem Überwallen der offenen Leidenschaft zu tun gehabt, der nach jeder Seite hin den Stempel des heimlichen Überfalles, des feigen Meuchelmordes an sich trug; ein Mord, der, solange nicht der Täter entdeckt, wie ein Gespenst durch das Land schleichen, den Farmer aus seinem ruhigen Schlummer aufjagen, den einsamen Wanderer erschrecken, Vertrauen und Glück verscheuchen müsse. Selten sei es so notwendig gewesen, mit so unerbittlicher Strenge gegen den Täter, wo er sich auch finde, einzuschreiten, als gerade in dem jetzigen Falle. Wie es aber auch natürlich sei, lege sich kein Verdacht der Tat auf einen Bürger Alabamas; ein Fremder sei es, der die Gastfreundschaft ihres Landes mit Verbrechen vergolten, ein Fremder, gegen den er die Anklage erhebe, und wenn er die Jury bitte, ohne Schonung und Mitleid ihr Schuldig auszusprechen, so geschehe es nur, um ein Exempel zu statuieren, das anderen die Lust vertreibe, Alabama zum Tummelplatze ihrer Untaten zu machen.

Dann begann er auf Helmstedt selbst überzugehen, und es schien ihm kaum ein Moment von dessen Leben in Amerika unbekannt zu sein. Er schilderte ihn, wie er hergekommen, ohne Mittel und Empfehlungen als die eines jüdischen Pedlars, der selbst eine unklare Person und seit Beginn des Prozesses verschwunden sei – wie er vertrauensvoll in eine der besten Familien aufgenommen und das Vertrauen nur benutzt habe, um in unendlich kurzer Zeit die Töchter des Hauses aller Sitte und ihrer kindlichen Pflichten abtrünnig zu machen, wie seinen Spekulationen nur der von den Eltern erkorene Schwiegersohn im Wege gestanden und er kein anderes Mittel gewußt, um seine Zwecke zu erreichen, als ihn aus dem Wege zu räumen. Jetzt begann er mit schlagender Logik alle gegen Helmstedt sprechenden Tatsachen sowie seine nächtliche Abwesenheit aneinanderzureihen und versprach für jede die nötigen Zeugen vorzuführen. »Aber«, schloß er, »das liefert noch nicht den Beweis, daß er den Todesstreich geführt – nein! Und ich habe auch jetzt kein Recht, irgendeine Anklage dahin zu erheben – wenn aber die Tatsachen, wie sie vor uns liegen, nicht genügend sind, um den ganzen moralischen Teil des Verbrechens auf ihn zu legen und wenigstens die tätliche Beihilfe zu begründen, so mag nur Alabama die Zeit seines Friedens als gewesen betrachten, so mag nur niemand bei Dunkelwerden ohne Waffe mehr aus dem Hause gehen und der Landbewohner seine Türen mit Sicherheitsschlössern versehen – denn Alabama wird bald das gelobte Land alles liederlichen und verbrecherischen Gesindels anderer Staaten werden!«

Eine Totenstille herrschte im Saale, als der Staatsanwalt schwieg, und das siegesgewisse Auge, mit welchem er Richter, Jury und Publikum überschaute, zeigte, daß er sich des ganzen Eindrucks bewußt war, den seine Rede hervorgebracht. Nur Helmstedt, auf den sich jetzt die Blicke von allen Seiten richteten, schien wenig die Beredsamkeit der Anklage zu würdigen und saß, das Auge fest auf den Staatsanwalt gerichtet, in voller Ruhe da; selbst die auffallende Blässe seines Gesichts hatte sich verloren und einer lebhafteren Farbe Platz gemacht. Eine augenscheinliche Erschütterung machte sich indessen bei ihm geltend, als jetzt zwischen einer Gruppe von Advokaten, welche eine Ecke innerhalb des für das Gericht bestimmten Raumes eingenommen hatten, Elliot hervortrat, um als erster Zeuge für die Anklage zu dienen, ohne nur einen Blick nach dem Angeklagten zu wenden. Und als hätte Helmstedts Verteidiger dessen Gedanken erraten, wandte er sich nach ihm um: »'s ist, wie gesagt, ein geriebener Patron, der Staatsanwalt; ich ahnte schon heute morgen eine Überraschung!« sagte er. »Aber er soll uns nicht verblüffen, und wenn er seine Zeugen vom Nordpol holte. Nur Mut und ein freies Gesicht, denken Sie daran, unsere Zeit zu reden wird auch kommen!«

Was sich aber in Helmstedts Innern regte, war nichts, was eine Ermutigung dieser Art bedurfte. Er hätte ein Stück von seinem Leben hingegeben gehabt, wenn er vor den Verhandlungen Elliot hätte sprechen, ihm den Sachverhalt darlegen und zu seinem Herzen, das er zu kennen glaubte, hätte reden können. Es war ihm, als hätte sich jede Verwicklung ganz von selbst lösen müssen, wenn er nur gegen ihn sein eigenes Herz frei gemacht – und nun stand Elliot da zur Unterstützung der Anklage, und jedes Wort, das Helmstedt zu seiner Rechtfertigung hätte sagen können, mußte nur zur Verstärkung dessen dienen, was die Meinung des Volkes über sein Verhältnis mit Ellen zusammengereimt, und ein neuer Schlag auf des Vaters Haupt sein, dessen gedrücktes Aussehen schon jetzt deutlich aussprach, welche Last auf ihm ruhte.

Elliots abgegebenes Zeugnis bestätigte Helmstedts Abwesenheit aus dem Hause zur Zeit des Mordes und dessen eigenes Zugeständnis derselben, gab auch an, wie der Angeklagte schon am Tage nach seiner Ankunft in Alabama bei einer zufälligen Begegnung auf einem Spazierritte mit seiner Tochter dem Ermordeten ohne besonderen Grund entgegengetreten und erwähnte dabei, daß das Mädchen schon am nächsten Morgen mit ihrer Mutter eine Besuchsreise angetreten habe und bis zum Tage vor Neujahr abwesend gewesen sei, was irgendein Verhältnis ihrerseits mit dem Angeklagten zu einer Unmöglichkeit mache. Und wenn aus dem aufgefundenen Briefe seiner Tochter etwas gefolgert werden solle, so könne dies nur der Trotz eines verzogenen Kindes sein, das zum ersten Male auf einen ernsten Willen bei seinen Eltern treffe und sich, durch das einschmeichelnde Wesen des neuen Hausgenossen verführt, zu einem unbedachten Schritte habe hinreißen lassen.

Helmstedt senkte den Kopf, über das Gesicht seines Advokaten aber zog ein sarkastisches Lächeln. »Wirklich fein!« flüsterte er dem jungen Manne zu. »Was der da sagt, könnte zum Teil als Entlastungszeugnis für uns gelten, wenn nicht jeder wüßte, daß nur das väterliche Gefühl aus ihm spricht, und so muß nach den Verhältnissen, die er darstellt, die Jury noch einen größeren Begriff von Ihrer Durchtriebenheit bekommen. Wir kennen aber die Taktik!« Helmstedt schien nichts zu hören, er hatte das Auge wieder gehoben und hielt es starr auf den Zeugen gerichtet, als verfolge er einen Gedanken, der eben in ihm lebendig geworden. – Die weiteren Aussagen stellten die durch die Totenschau schon bekannten Tatsachen fest; eins aber habe er noch hinzuzufügen, bemerkte Elliot am Schlusse, da ihm kein Punkt zu unwichtig erscheine, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, das sei die Erzählung seines Schwarzen Dick, den er mit Helmstedt bei der aufgefundenen Leiche als Wache zurückgelassen, von dem sonderbaren damaligen Benehmen des Angeklagten. Der Leichnam mit seinen offenen gläsernen Augen und verzerrten Zügen habe auf jeden Menschen einen grausigen Eindruck hervorbringen müssen, so daß sich auch der Schwarze so weit davon weggemacht habe, als es mit seiner Pflicht verträglich gewesen; Helmstedt aber habe sich neben den Toten gestellt und ihm unverwandt ins Gesicht geblickt, gerade wie einer, der sich ein fertiggebrachtes Werk noch einmal aufmerksam betrachtet, so daß es der Schwarze nicht mehr habe mit ansehen können und dem Angeklagten zugerufen habe – –

» Damn! das geht zu weit!« rief jetzt Helmstedts Advokat mit kaum halb unterdrückter Stimme und erhob sich. »Möge mir der Gerichtshof ein Wort erlauben, ich muß gegen jedes Zeugnis, das sich auf die Angabe von Negern gründet oder durch diese selbst beigebracht wird, als vollkommen unstatthaft protestieren –,« er wurde aber von Helmstedts Hand durch einen Griff an seinem Arme unterbrochen. Er wandte sich um, und ein kurzes, leises Gespräch entstand zwischen beiden, in welchem der Angeklagte eifrig auf seinem Willen zu bestehen schien. Mit einem Achselzucken wandte sich endlich der Advokat wieder dem Richter zu. »Es kann wohl in keinem Falle mehr die Weisheit des Gesetzes hervortreten, Neger nicht als gültige Zeugen zuzulassen, als in dem vorliegenden,« sagte er; »ein unwissender, abergläubischer Schwarzer, der sich vor dem Opfer eines Mordes entsetzt, sieht einen vorurteilsfreien, gebildeten Mann die Züge des Toten betrachten, vielleicht mit einem wissenschaftlichen Interesse, von dem jener nie auch nur eine Ahnung haben kann; in seinem Geiste entstehen sofort unheimliche Vermutungen, nach denen sich färbt, was er sieht, und er ist bereit, als Zeuge die abenteuerlichsten Gebilde seiner eigenen Phantasie als Tatsachen anzugeben und zu beschwören. Trotz alledem glaubt mein Klient seiner guten Sache und der Entdeckung der Wahrheit zu schaden, wenn er sich auch nur einem einzigen Zeugnisse zu entziehen sucht, und er wünscht deshalb, im Gegensatze zu meinem vorigen Proteste, der Anklage volle Freiheit zu geben und jeden Zeugen, den der Gerichtshof selbst für zulässig erachtet, vorzuführen.« Der Advokat setzte sich, ein leises Murmeln lief durch die Reihen der Zuschauer, der Staatsanwalt aber sandte dem Verteidiger einen heimlichen Blick voll schalkhafter Drohung zu, als handele es sich nur um einen gelungenen Streich, den dieser eben gegen ihn ausgeführt. »Ich halte es für meine Pflicht, von der zugestandenen Erlaubnis Gebrauch zu machen,« sagte er sodann, einen tiefen Ernst wieder vor das Gesicht nehmend, »da in der Dunkelheit, welche das Verbrechen umgibt, jedes Zeugnis über einzelne Umstände, und sollte es das eines Kindes sein, doppelten Wert gewinnt, und wir werden sehen, ob die Verteidigung den weiteren Aussagen mit derselben Zuversicht entgegentritt, wie sie sich jetzt den Anschein zu geben versucht!« Er winkte einem der diensttuenden Beamten, welcher den Saal verließ, aber nach wenigen Minuten mit Cäsar zurückkehrte. Er war der Zeuge, welcher bei einem Gange nach Oaklea von weitem gesehen, wie Helmstedt dem heranreitenden Baker den Weg versperrt, in der Entfernung aber und in gleicher Linie mit den Reitern, die sich einander deckten, hatte er von den Bewegungen beider nur wahrnehmen können, wie sich plötzlich Bakers Pferd gebäumt und davongesprengt sei, wie dieser es wieder gezügelt, zurückgeritten und dann gegen Helmstedt die Faust erhoben habe. Von einem Schlage, den Helmstedt geführt, hatte er nichts bemerkt, so sehr auch der Verteidiger ihm das Gedächtnis über diesen Punkt zu schärfen versuchte, um einen Hauptanschuldigungsgrund gegen Helmstedt, der sich auf den unweit des Toten gefundenen Reitpeitschenknopf stützte, zu entkräften. Seine Bemühungen schienen nur dazu zu dienen, Helmstedts Angabe, daß er bei diesem Zusammentreffen den Knopf eingebüßt, als eine Ausflucht erscheinen zu lassen. Als Cäsar zurücktrat, folgten drei andere Zeugen, reiche Plantagenbesitzer aus der Umgegend, welche sich über den Charakter des Ermordeten, den Helmstedt nach seinem eigenen Zugeständnisse habe aus der Gegend treiben wollen, weil er ein Schwindler und Spieler sei, aussprachen und bezeugten, daß sie mit Baker durch die besten Familien im Osten bekannt geworden und ihn immer nur als tadellosen Gentleman gekannt hätten. Zuletzt kamen die Beamten, welche Helmstedts Sachen durchsucht und über diese wie über Ellens Brief berichteten, der vor dem Staatsanwalt auf dem Tische lag und jetzt vorgelesen ward. – Das ganze Zeugnis war so gelungen geordnet, daß ohne jedes verbindende Wort die Überzeugung von Helmstedts Schuld und der Beweggrund, der die Tat erzeugt, sich wie ein logischer Satz in der Seele eines jeden bilden mußte.

Es war lange Mittag vorüber, als der letzte Zeuge für die Anklage gesprochen, und der Richter hob die Sitzung für eine Stunde auf. Von der Masse der Zuschauer schien indessen ein großer Teil entschlossen, den Platz zu behaupten; die meisten aus dem Lande Gekommenen hatten sich mit des Lebens Notdurft versehen, und kaum hatten Gerichtshof und Advokaten ihre Plätze verlassen, als auch die gelöste Spannung sich in einem wirren Durcheinander von Stimmen Luft machte. Der Angeklagte ward wieder nach dem früher von ihm eingenommenen Zimmer geführt, an dessen Tür sich sein Verteidiger mit der Ermahnung, sich das Mittagessen nicht durch unnötig trübe Gedanken verderben zu lassen, von ihm verabschiedete. Helmstedt fand ein gedecktes Tischchen mit kalten Fleischspeisen und einer Flasche Madeira seiner wartend; er ahnte, wem er die freundliche Sorge für ihn zu danken hatte, und ein wohltuendes Gefühl, wenigstens nicht ganz verlassen dazustehen, kam über ihn. Er hatte seit Tagesgrauen nichts zu sich genommen, fühlte aber dennoch seinen Magen wie zugeschnürt, und erst als er ein Glas Wein getrunken, schien sich das beklemmende Gefühl zu lösen. – Gleich beim Beginne der Nachmittagssitzung sollte die Verteidigung ihren Anfang nehmen – er mußte essen, wenn er dann seine Kräfte beieinander haben wollte; langsam, in tiefem Sinnen schritt er das Zimmer auf und ab, bald ein paar Bissen zu sich nehmend, bald einen Schluck Wein trinkend, sein Gesicht begann nach und nach aufzuleben, Gedanke auf Gedanke schien sich in ihm zu entwickeln, und als er endlich wieder nach dem Gerichtszimmer gerufen wurde, nahm er seinen Platz so freien, glänzenden Blickes ein, als ginge er irgendeinem glücklichen Ereignis und nicht seiner wahrscheinlichen Verurteilung entgegen.

Der Richter gebot Ruhe, und der Verteidiger erhob sich. »Lassen Sie mich selbst mit ein paar Worten beginnen, wenn das erlaubt ist!« flüsterte diesem Helmstedt mit erregter Stimme zu. »Ich denke, es soll der Sache nicht schaden, und Sie mögen dann mit Ihrer Gesetzeskenntnis nachbessern.«

Der Advokat sah ihm einen Augenblick überrascht in die Augen. »'s ist Ihre eigene Sache, Sir, das ist alles, was ich sagen kann!« erwiderte er dann; »das Wort kann Ihnen niemand abschneiden, wenn Sie's verlangen; ich halte es aber jetzt für meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ich selbst eines sicheren Ausgangs noch nicht gewiß bin. Ich habe bis jetzt auf einen wichtigen Entlastungszeugen in Ihrer Sache gehofft, der aber leider noch nicht eingetroffen ist, und dessen Ankunft ich nach dieser Zögerung auch durchaus nicht mehr, verbürgen möchte.«

»Um so mehr denke ich selbst nachhelfen zu müssen, wo ich die Kraft fühle,« sagte Helmstedt, und sein Gesicht nahm eine erhöhte Farbe an. Zu verderben fürchte ich nichts, und Ihrer Rechtslogik bleibt dann noch immer die Hauptsache!«

Der Advokat nickte und zeigte dem Gerichtshofe an, daß der Angeklagte für einige Bemerkungen selbst das Wort ergreifen werde. Die Ankündigung rief eine allgemeine Bewegung unter dem Publikum hervor, daß der Richter von neuem Ruhe gebieten mußte, und alle Blicke richteten sich gespannt auf die Anklagebank, wo sich Helmstedt langsam, aber mit frei aufgerichtetem Kopfe und lebendigem Gesichte erhob.

Er begann die ersten Worte mit einer Stimme, der man die tiefe Erregung anhörte, und eine Stille legte sich über die Versammlung, in der das Summen einer Fliege vernehmbar geworden wäre. Seiner Aussprache des Englischen klebte noch überall der deutsche Akzent an; aber seine Ausdrucksweise, seine Wendungen waren neu, ungewohnt für die Zuhörer und darum um so anregender. Jeder fühlte, daß die Worte mitten aus dem Herzen des Redenden kamen, und je weiter er sprach, je freier schien er zu werden, je leichter und reicher schien sich Gedanke und Ausdruck in ihm zu entwickeln. Er bat um Entschuldigung, daß er selbst das Wort ergreife, wenn es auch ungewöhnlich sei; er meine aber, jeder Jury müsse es nur recht sein, den Angeklagten, über den sie abzuurteilen habe, selbst und nicht erst durch die zweite Hand des Verteidigers kennen zu lernen – und wenn das Institut der Jury nur dazu gestiftet worden, daß der Bürger durch den geraden, offenen Verstand seiner Mitbürger gerichtet und nicht ein Opfer von Rechts- und Gesetzesdeuterei werde, so wisse er nicht, warum ein Advokat für ihn sprechen solle, wo seine klare Sache nichts zu fürchten habe als nur absichtliche Verwicklung und Verdrehung, wie sie der öffentliche Ankläger zum Ruhme seiner Rednergabe, aber nicht seines Herzens und Gewissens angewandt. Als schlichter Mann schlichten Männern gegenüber wolle er zu ihnen reden und den Fall in seiner Einfachheit vorführen. Ein Mord sei begangen worden, und er solle dazu geholfen haben. Die Beweise, die ihnen vorlägen, seien es aber sicherlich nicht, die ihn auf die Anklagebank gebracht hätten – die Reitpeitsche, von welcher der Knopf gefunden worden, hänge Tag und Nacht in einem offenen Stalle, jeder Hand zugänglich – sein bloßes Nachhausekommen erst nach der Zeit des Mordes könnten ihn ebensowenig zum Übeltäter stempeln als jeden anderen, der zu dieser Zeit noch aus dem Hause gewesen sei; und daß er verweigert habe, über sein Verbleiben Auskunft zu geben, müsse eher für ihn sprechen – ein so kaltblütiger Bösewicht, der nach eben geschehener Bluttat offen wieder in sein Haus tritt und sich ruhig den Blicken seiner Hausgenossen preisgibt, wie er es getan, habe sicherlich auch wenigstens auf einen Vorwand für seine Abwesenheit gedacht; alle die Beweise seien nichts; sie erhielten aber eine furchtbare Unterstützung durch Umstände, die allgemein als bestehend angenommen würden, durch ein Liebesverhältnis seinerseits mit der Tochter des Hauses, welchem der Ermordete durch seine Heiratsbewerbungen im Wege gestanden habe. – Er, der Angeklagte, solle nur Helfer bei dem begangenen Verbrechen gewesen sein; wer sei denn aber der wirkliche Mörder? Wenn hauptsächlich nur durch sein Verhältnis zu der jungen Dame die Anklage gegen ihn, als Helfershelfer bei dem Morde, einen Grund erhalte, so sei dadurch doch auch schon ausgesprochen, daß niemand die eigentliche Tat vollbracht haben könne als die Tochter des Hauses selbst – wer anders hätte sich sonst für ein Interesse, das sie beide allein betraf, zu dem Verbrechen hergeben können? Denke sich nur jemand, es sei erwiesen, daß sie die Täterin nicht sei, nehme nur eins an, daß ein Verhältnis, wie es das Volk zusammengefabelt, um einen Grund für die Tat zu haben, nicht bestehe – wo liege denn nachher der geringste Grund für eine Teilnahme an der Tat, deren er selbst beschuldigt worden? – Und nun möge er fragen, fuhr er fort, und seine Stimme ward bewegter, ob wohl Männer unter den Jurors seien, welche die junge Dame. kennten? Ein harmloses Kind, das noch kaum einen Tag aus dem Schoß ihrer Familie und von der Seite der Mutter gekommen, dem noch kein unfreundlicher Wind die Seele aus ihrer Ruhe gerüttelt! Wer aber wirklich ihm, dem Angeklagten, so übernatürliche Kräfte zutraue, daß er während der kurzen Zeit seiner Anwesenheit im Hause ein reines, kindliches Herz bis zum Morde habe verführen können, der möge sich doch die einfache Tatsache ansehen, die bereits von ihrem Vater bezeugt, daß zwei Tage nach seiner Ankunft die Tochter mit ihrer Mutter das Haus verlassen und erst am Abend des Mordes zurückgekehrt sei, der möge sich zugleich selbst fragen, wie unter den Augen der Eltern während dieser Zeit ein Verhältnis zu dem Grade habe reifen können, wie es den eigentlichen moralischen Halt der Anklage bilde. – Er machte hier, die Hand vor die Augen drückend, eine kurze Pause. Einen einzigen Punkt habe er noch zu berühren, fuhr er dann fort, das sei der ausgefundene Brief des Mädchens an ihn. Aber nur der blinde Eifer oder eine verdorbene Seele könne etwas anderes darin herauslesen als ein gedrängtes Herz, das sich scheu an einen Unbekannten, von dem es Hilfe hoffe, wendet. Er erzählte, wie er durch Bakers Zudringlichkeit auf seinem Spazierritte mit Ellen von dem Zwange, unter welchem sie leide, unterrichtet worden, daß er diesen für einen Schwindler gehalten und dem Mädchen versprochen habe, Nachrichten über ihn einzuziehen, daß Elliot nichts gegen den Mann habe hören wollen und sie sich deshalb auf brieflichem Wege über das, was er erfahren, bei dem Angeklagten erkundigt habe. – »Das ist der einfache Stand der Dinge, Gentlemen,« schloß er; »ich habe keine Beweise, keine Zeugen für mich, nichts als die Kraft der Wahrheit. Sicher aber wird sie in der gesunden Urteilskraft eines jeden das ihre tun, einer Anklage gegenüber, die kein Mittel zur Aufrechterhaltung der Beschuldigung scheut und, wenn ihr die Beweise fehlen, den Fremden, der die Gastfreundschaft des Staates sucht, zum Verbrecher machen möchte, nur weil er ein Fremder ist.«

Eine Totenstille herrschte, als er sich niedersetzte, kein Zeichen des Beifalls, keines des Mißfallens, wie es sonst trotz aller gebotenen Ordnung sich hörbar machte, wurde laut, die Jurors sahen ernst vor sich hin oder geradeaus in die Luft, und ein Gefühl der Unsicherheit, einer fehlgeschlagenen Hoffnung fing an in Helmstedts Seele heraufzukriechen. Der Platz seines Verteidigers vor ihm war leer; als er aber jetzt aufblickte, sah er diesen, augenscheinlich erregt, zwischen den Menschen hervorkommen. Helmstedt fing einen Wink von ihm auf, den er sich nicht deuten konnte. In diesem Augenblicke aber trat der Advokat in die Mitte des Saales und sagte laut: »Wolle mir der Gerichtshof das Wort erlauben, ich werde imstande sein, einige Zeugen zugunsten der Verteidigung vorzuführen!« Und aus der Menge heraus folgte ihm ein alter Herr in Begleitung von zwei verschleierten Damen. Helmstedt erkannte Morton, als dieser den Zeugenplatz einnahm und das Gesicht nach ihm drehte; die eine von dessen Begleiterinnen schien ihm Pauline zu sein; die zweite aber, schlanker und von eleganteren Formen als jene, war ihm unmöglich zu erraten. Es war nur von verhältnismäßig untergeordneter Bedeutung, was Morton auszusagen hatte; er legte mehrere beschworene Aussagen von Neuyorker Kaufleuten vor, welche die Meinung des Angeklagten über Baker bestätigten und diesen als einen Mann ohne bestimmtes Geschäft schilderten, der teils durch das Spiel, teils auf anderen verbotenen Wegen sein Leben gemacht, stets aber im Sommer in den fashionablen Badeorten zu finden gewesen sei und so sich eine gewisse Scheinstellung in der Gesellschaft zu verschaffen gewußt. Morton gab an, daß sämtliche Aussagen der Betreffenden auf seine an sie ergangene Bitte gemacht worden seien. Er trat hinweg und die zweite seiner Begleiterinnen erhob sich. Sie schlug kräftig den Schleier zurück, als sie zur Eidabnahme vorschritt, und ein jugendliches, bleiches Gesicht erschien, das sich mit einem Lächeln, wie ein heller Sonnenblick zwischen Frühlingsregen, nach der Anklagebank richtete. Helmstedt fuhr halb von seinem Sitze auf und unterdrückte mit Mühe einen Schrei – in demselben Augenblick aber entstand eine Bewegung in einem anderen Teile des Gerichtsraumes. »Ellen!« rief Elliot mit dem Ausdrucke des Staunens, hastig zwischen seinen Umgebungen hervortretend. »Wie kommst du hierher, Kind – was willst du hier?« Das Lächeln starb auf des Mädchens Gesichte und machte einem Ausdrucke des Leidens Platz. »Ich komme nachher zu dir, Vater,« sagte sie, »ich muß erst Zeugnis ablegen.«

»Was um Christi willen willst du bezeugen? Wer hat dich denn hierher gebracht?«

»Was ich muß, Vater,« erwiderte sie, ihm groß in die Augen sehend; »laß mich jetzt, ich komme nachher zu dir!«

Aller Augen waren gespannt auf die Szene gerichtet; Elliot, dem das hervorgerufene Aufsehen erst jetzt beifallen mochte, sah um sich und trat zögernd zurück. Ellen aber warf einen neuen lächelnden Blick von Tröstung und Verheißung nach Helmstedt und leistete dann den Zeugeneid. Sie habe nichts von dem ganzen Falle, der jetzt verhandelt werde, erfahren, begann sie, und ihre klare, weiche Stimme berührte eigentümlich wohltuend jedes Ohr; sie sei mit ihrer Mutter schon seit Wochen auf einer Besuchsreise abwesend gewesen, sonst hätte sie längst ihr Zeugnis angeboten, und sie halte es jetzt für eine heilige Pflicht, dies abzugeben, wie es ihr Gewissen verlange, ohne Rücksicht auf sich selbst oder einen anderen Menschen. Soviel sie gehört, fuhr sie fort, und ihr Gesicht begann sich leise zu röten, weigere sich der Angeklagte, seinen Aufenthalt zu der vermutlichen Zeit des Mordes anzugeben; sie werde und müsse es aber an seiner Statt tun. Sie begann jetzt schmucklos zu erzählen, wie Baker in ihr Haus eingeführt worden, und ihr Ton war fast kindlich, sprach von ihrem Widerwillen gegen ihn und von dem Zureden ihrer Eltern, seine Bewerbungen anzunehmen, berichtete dann Helmstedts Eintritt in die Familie und seinen ausgesprochenen Verdacht gegen den Freier; erwähnte, wie der Tag ihrer Verlobung festgesetzt und ihr, dem unbeugsamen Willen ihrer Eltern gegenüber, nichts übrig geblieben sei, um bestimmte Auskunft zu erhalten, als die Nacht vor Neujahr zwischen zehn und elf Helmstedts Mitteilungen von ihrem Fenster aus entgegenzunehmen, und wie die Furcht, gehört zu werden, ihn hinauf zu ihrem Fenster und dann durch seine unsichere Stellung in ihr Zimmer getrieben habe. Ein glühendes Rot übergoß sie, als sie den letzten Satz beendet. Sie könne über jede ihrer Handlungen in der Zeit von Helmstedts Aufenthalt bei ihr vor Gott Rechenschaft ablegen, fuhr sie, langsam den Kopf hebend, fort, und ihre Stimme nahm einen Anstrich von Feierlichkeit an, sie dürfe aber auch selbst die Lästerzunge der Menschen nicht scheuen, wenn es sich darum handele, der Wahrheit die Ehre zu geben und einen Mann zu retten, der am Ende das Opfer seiner Diskretion werden könne. Helmstedt habe ihr Zimmer erst verlassen, als die Stimme des Vaters, der wegen der flüchtigen Sklaven geweckt worden, im Haus laut geworden sei. Langsam warf sie einen leuchtenden Blick auf den Angeklagten, erbleichte aber, als ihr rückkehrendes Auge auf das starre Gesicht ihres Vaters traf, senkte den Blick zu Boden und trat zurück.

»Möge mir der Gerichtshof erlauben,« ließ sich jetzt der Staatsanwalt vernehmen. »Der Angeklagte selbst hat uns auf das schlagendste nachgewiesen, wie seine Schuld gar nicht ohne die der eben abgetretenen jungen Dame bestehen kann, und das von ihr abgegebene Entlastungszeugnis scheint mit Rücksicht darauf so verdächtig, daß ich mich verpflichtet fühle, auf vorläufige Verhaftung derselben anzutragen.«

Der Anblick der einzelnen Gruppen im Saale hätte in diesem Moment den Stoff zu einem der effektreichsten Genrebilder dargeboten. Unter den Zuschauern war bei dem Antrage des Staatsanwalts eine plötzliche Bewegung entstanden; die Köpfe der vordersten richteten sich mit dem Ausdrucke der Befriedigung in die Höhe, die hinteren streckten die Hälse und erhoben sich auf den Zehen, ein Murmeln, das mit jedem Augenblicke stärker wurde, zog durch die Menge, und der Beobachter mußte überzeugt werden, daß nur eine Meinung das Publikum beherrschte, welcher der Staatsanwalt jetzt Ausdruck gegeben; – Elliot war rasch neben seine Tochter getreten, als wolle er sie schützen, und sah mit einem Ausdrucke, halb Zorn und halb Entsetzen, auf den Ankläger; – mit ihm zugleich war Morton hastig vorgeschritten und stand gegen den Richter gekehrt, als erwartete er nur den günstigen Augenblick zum Reden; – der Staatsanwalt ließ einen Blick voll hämischer Befriedigung von der erregten Menge nach der Anklagebank laufen, wo Helmstedt so weiß und starr wie ein Steinbild stand und nichts von dem unzufriedenen Blicke sah, den ihm der Verteidiger zuwarf; – der Richter aber hatte sich erhoben und rief zur Ordnung. Die Unruhe in der Menge schien sich eben legen zu wollen, als eine Bewegung am Eingange des Saales entstand, Stimmen wurden laut, die Zuschauer in der Nähe der Tür erhoben sich und drehten die Köpfe – der Richter gebot von neuem Ruhe, aber ohne Erfolg.

»Wenn Sie Beamter sind, so rufen Sie mir den Verteidiger, ich muß vor – hier handelt sich's um mehr als um Pfannkuchen!« klang jetzt eine ärgerliche Stimme klar in den Saal herein; Helmstedts Advokat horchte auf und brach sich dann Bahn in den Zuschauerraum. Ein paar Minuten voll stiller Spannung folgten, und selbst der Richter schien neugierig der Dinge zu harren, die sich entwickeln würden; bald erschien der Verteidiger wieder, und hinter ihm trat gebückt ein hoher, alter Mann aus der Menge, welchem zwei Frauen in der Tracht der niederen Stände folgten. »Wolle mir der Gerichtshof erlauben, einige weitere Zeugen vorzuführen, ehe dem eben gestellten Antrage seitens der Anklage stattgegeben wird!« begann der Advokat mit lauter Stimme; in diesem Augenblicke aber schoß die eine der Frauen durch den Raum zwischen ihr und dem Zeugenstande, fiel vor Elliot und dessen Tochter in die Knie und umfaßte die Füße beider mit den Armen. Die Kappe, die ihre Züge bedeckt hatte, fiel in ihren Nacken, und ein schwarzes Gesicht kam zum Vorschein, in welchem sich die überwallende Empfindung soeben durch ein ausbrechendes Weinen und Schluchzen Luft machte.

»Sara ist es, Vater! 's ist Sara!« rief Ellen, die bis jetzt mit ängstlich gespanntem Gesichte, aber sichtlich ohne rechtes Verständnis den Vorfällen, gefolgt war; sie bog sich nieder zu der Negerin und schien in ihrer Überraschung einen Augenblick den Ort und ihre Stellung gänzlich vergessen zu haben; eine neue Bewegung begann sich der Versammlung zu bemächtigen; der Richter aber gab dem diensttuenden Beamten einen Wink, die Schwarze ward, noch immer schluchzend, nach ihrem früheren Platze zurückgeführt, und die Drohung des Richters, bei weiterer Störung den Saal von Zuschauern räumen zu lassen, schaffte Ruhe.

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