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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 13
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authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
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Zehntes Kapitel. Im Gefängnis

Es war über Nacht Winter geworden, wirklicher Winter. Der Schnee lag fußhoch, und die Sonnenstrahlen brachen sich auf der hartgefrorenen Oberfläche, ohne sie erweichen zu können. Zu einer der oberen Zellen des Countygefängnisses saß Helmstedt an dem vergitterten Fenster und starrte, den Kopf in die Hand gestützt, in den Hof hinab, wo eine Schar kleiner, gelber Vögel suchend im Schnee herumpickte. – Zehn Tage waren seit seiner Verhaftung vergangen, und seit dieser Zeit saß er einsam hier, den Zusammentritt der Grandjury und deren Anklage erwartend. Die ersten Tage seiner Haft hatte er in einer stillen Spannung zugebracht; einzelne ihm völlig fremde Amerikaner hatten sich mit eigentümlicher Dreistigkeit eingefunden, um ihre Neugierde zu befriedigen; drei Advokaten waren dagewesen, um vorsichtig nach seinen Geldverhältnissen zu forschen und ihm ihre Dienste als Verteidiger anzubieten – und in jedem neuen Besuche hatte Helmstedt den Träger einer Botschaft von Oaklea zu sehen gehofft. Als aber Tag für Tag verging und die Besuche aufhörten, als er durch den Gefängniswärter den Schluß der Coronersuntersuchung und seine Überweisung an die Grandjury vernahm, da begann er unruhig zu werden. An sein eigenes Schicksal dachte er weniger, denn vor ihm lag noch die ganze eigentliche Kriminaluntersuchung, und bis zu deren Schluß konnten tausend Fälle eintreten, die seine Unschuld oder den wahren Täter ans Licht brachten – wie war es aber möglich, daß Ellen ohne Kenntnis seiner wahren Lage geblieben, wo Hunderte von Zeugen den Verhandlungen beigewohnt hatten? Oder was war mit ihr vorgegangen, daß sie behindert war, ihm, wenn auch nur ein paar Worte des Trostes zu senden? Ihr energischer Charakter hätte sich durch geringe Hindernisse sicher nicht zurückschrecken lassen. Warum hörte er nichts von ihr? Das war die Frage, mit der er sich am Tage herumplagte, ohne einen Weg zu ihrer Beantwortung ausfindig machen zu können, und von der er nachts träumte. Am zehnten Tage brachte ihm der Schließer das Wochenblatt des Städtchens, das durch die Mordtat eine so frische Farbe bekommen hatte wie das Unkraut nach einem erquickenden Regen. Mordtaten, mit geheimnisvollen Umständen verknüpft, sind für amerikanische Zeitungen ein wahrer Himmelssegen, und man sah es dem Wochenblatt an, daß sein Herausgeber es für eine sündhafte Verachtung der Gottesgabe gehalten hätte, wenn nicht mit der vollsten Rücksichtslosigkeit alle nur irgend möglichen Seiten des Falles ausgebeutet worden wären. Helmstedt las eine Darstellung des Mordes, so klar und einfach, daß niemand den entferntesten Zweifel an der Täterschaft des Deutschen hegen konnte, und daß diesem beim Lesen der Kopf zu schwindeln anfing – eine Darstellung, die ihm über Ellens Untätigkeit Aufschluß gab, ihn dabei aber nur noch in tiefere Verwirrung stürzte. Nachdem alle durch den Coroner ermittelten Verdachtsgründe gegen Helmstedt erwähnt worden, wurde des Zettels gedacht, welcher sich in dem Koffer des Verhafteten befunden hatte – ein Ereignis, von dem Helmstedt bis jetzt noch nichts gewußt. »Dieses Papier«, hieß es, »stellt ein inniges Verhältnis zwischen ihm und einer jungen Lady des Hauses ganz außer Frage und weist ganz bestimmt auf ein gemeinschaftliches feindliches Unternehmen gegen den Ermordeten hin. Die junge Lady sollte diesem wider ihren Willen in einigen Tagen verlobt werden. Niemand hatte ein Interesse an dem Tode des Mannes, als er, dem seine Geliebte geraubt, und sie, die zu einer verhaßten Ehe mit jenem gezwungen werden sollte – der Tote hatte sonst nicht einen Feind in der ganzen Umgegend. Nach der Festnahme des Deutschen trat die junge Lady Hals über Kopf eine Reise an und machte so ihr Verhör wie jedes andere Verfahren gegen sie unmöglich, und es ist nur die Lässigkeit des Coroners zu beklagen, welcher nach Auffindung des wichtigen Papiers nicht sofort die nötige Sicherung dieses bedeutenden Zeugen veranlaßte. Es soll hier kein bestimmter Verdacht ausgesprochen werden – noch aber fehlt eine genaue Erklärung, wie die eigentliche Todeswunde beigebracht worden; es ist ein schwacher Stich von unten nach oben, in einer Weise geführt, wie Männer sonst nie ein Messer zum Stoß zu handhaben pflegen. Wird aber angenommen, wie es nach Art der Wunde wahrscheinlich ist, daß eine Frau den Stich beigebracht, so läßt sich auch leicht die Anwesenheit des Ermordeten an dem Platze, wo er gefunden worden, erklären. Zwei Worte von ihr konnten denselben unter irgendeinem Vorwande dorthin locken – ein wohlgezielter Schlag des ihm im Hinterhalte auflauernden Mannes machte ihn taumeln, und jetzt stieß ihm das Weib das Messer in die Brust.«

Helmstedt sah auf das Blatt, und es war ihm, als seien alle seine Gedanken erstarrt. Sein innerstes Heiligtum, seine Liebe, war auf die öffentliche Landstraße geworfen und in den Kot getreten; das blühende, harmlose Kind aus seiner schützenden Häuslichkeit gerissen und gebrandmarkt vor die Blicke der ganzen Welt gestellt – Ellen zu einer kalten, berechnenden Mörderin gemacht, Helmstedt sprang auf, faßte mit beiden Händen seinen Kopf und blieb mitten in der Zelle stehen – es war ihm, als müsse er – oder die ganze übrige Welt wahnsinnig geworden sein. Er nahm das Blatt nochmals auf und las langsam Satz für Satz – die Logik darin war so teuflisch und doch so natürlich, daß er selbst daran geglaubt hätte, wäre er ein anderer als er selbst gewesen. Er fiel in den Stuhl am Fenster, stützte den Kopf auf beide Arme und starrte vor sich hin, Ellen war abgereist, vielleicht übers Meer, um dem öffentlichen Skandal, der ihren Namen durch alle Zeitungen Amerikas tragen mußte, aus dem Wege zu gehen – ein bitteres Gefühl, daß er so allein seinem Schicksale überlassen worden, wollte in ihm aufsteigen, aber er durfte nur an ihr tiefes, klares Auge denken, um jeden Groll aus seiner Seele zu bannen; sie war, sicherlich machtlos gewesen, ihre eigenen Eltern mußten sie über den Stand der Dinge getäuscht haben. Was half ihm aber nun das Opfer, das er ihrem guten Ruf gebracht? Er hatte sie durch sein Schweigen in eine schlimmere Lage gestürzt, als es das rückhaltloseste Geständnis seinerseits hätte tun können – und sich selbst dazu.

Das Rasseln des Schlüssels im Schlosse störte ihn aus seinen Gedanken auf. Wahrscheinlich wieder ein neugieriger Besuch, war sein Gedanke, denn es war weder Zeit für ein Mahl noch für die Runde des Schließers, aber er fühlte sich durch die Aussicht erleichtert, sich gegen einen Menschen, wenn auch den fremdesten, aussprechen zu können und Nachrichten von der Außenwelt zu erhalten. Eine Frauengestalt, in ein weites Tuch gehüllt, Kopf und Gesicht in eine schwarzseidene Kapuze verborgen, trat ein. »Pochen Sie nur, Ma'am, wenn Sie wieder gehen wollen!« sagte der Schließer und ließ hinter sich die Tür ins Schloß sollen. Die Frau riß hastig ihre Kapuze vom Kopfe und kam mit ausgestreckter Hand aus Helmstedt los. »Guten Tag, August!« sagte sie mit bebender Stimme.

Der Gefangene war überrascht aufgesprungen. »Mrs. – Morton!« rief er und legte nur zögernd seine Hand in die ihre. »Ich hätte eher irgend etwas anderes vermutet –«

»'s ist jetzt nicht Mrs. Morton, 's ist Pauline Peters, die zu Ihnen kommt,« unterbrach sie ihn, und das Wasser trat in ihre Augen; »ich weiß alles, was Sie sagen können, August, Sie mögen sagen, daß ich eigentlich das Recht verloren habe, an Ihnen teilzunehmen – aber Umstände ändern viel, vielleicht urteilen Sie anders über mich, noch ehe ich das Zimmer wieder verlassen habe. Setzen Sie sich wieder nieder, und ich nehme auf eine halbe Stunde Platz neben Ihnen.« Sie zog den einzigen noch übrigen Stuhl neben den seinigen und saß an seiner Seite, ehe er nur recht wußte, welche Miene er annehmen sollte.

»Ich muß erst alles zwischen uns in klare bringen, ehe ich Ihnen sage, weshalb ich gekommen bin,« begann sie, ihm voll in die Augen sehend. »Sie müssen Vertrauen zu mir gewinnen lernen, August, und sollten Sie mich jeden Rückhalt irgendeiner Art verachten sehen, so blicken Sie auf Ihr Gefängnis, so denken Sie daran, unter welchen Verhältnissen wir jetzt miteinander reden, und daß diese mich zur vollsten Offenheit drängen. – Sie sind überrascht gewesen, mich hier als Fran eines reichen Pflanzers wiederzufinden – das«, fuhr sie mit einem trüben Lächeln fort, »das war jedoch Ihr Werk, August!«

»Mein Werk?« rief dieser verwundert, aber sonderbar von dem leichten, schmerzlichen Zuge berührt, der sich einen Augenblick um ihren weichen Mund gelegt hatte.

»'s ist eine einfache Geschichte, die Ihnen das erklären wird«, erwiderte sie und senkte das Auge, »Ich bin Ihnen den ersten Teil davon eigentlich schon schuldig, seit ich Sie in Neuyork traf und Sie nicht wußten, für was Sie mich halten sollten. Lassen Sie sich einmal die kurze Erzählung nicht langweilen, ich muß sie voranschicken, wenn Sie mich ganz verstehen sollen – Sie sollen mich kennen lernen, durch und durch, wie ich bin. – Daß ich mit einer Bekannten von Europa nach Neuyork reiste, wissen Sie schon«, fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, »ebenso, daß deren Verwandte, an die wir uns anschließen wollten, schon vor unserer Ankunft ins Land gezogen waren. In Neuyork mußte es mir bei dem, was ich mit der Nadel gelernt, verhältnismäßig leicht werden, meinen Unterhalt zu verdienen, während ich nicht wußte, was in einer kleinen Stadt meiner harrte, und so ließ ich meine Freundin allein reisen. Das Glück hatte mich in ein anständiges Boardinghaus gebracht, und schon nach zwei Tagen hatte ich eine Stelle in einem amerikanischen Putzgeschäfte. Ich verstand kein Englisch, was für die ersten Monate jede genauere Bekanntschaft mit den übrigen Arbeiterinnen verhinderte, aber die tägliche Übung von Ohr und Zunge räumte das Hindernis schneller auf die Seite, als ich gehofft – ich war aufgeweckt und stets heiterer Laune, und bald war ich in der Arbeitsstube eingebürgert und gelitten, als wäre ich auf amerikanischem Boden groß geworden. Um das Leben und Treiben der übrigen Mädchen außerhalb des Geschäftes hatte ich mich wenig gekümmert, da ich mit keiner von ihnen noch recht vertraut geworden war und meine eigene freie Zeit meist in der Familie meiner Boardingwirtin zubrachte, und so hörte ich auch ohne Argwohn eines Morgens die Aufforderung, mit zu einem großen Balle zu gehen, den sämtliche Arbeiterinnen besuchen wollten. Ich hatte, solange ich in Amerika war, noch kein wirkliches Vergnügen gehabt, Tanz aber war meine alte Leidenschaft, und ich sagte mit Herz und Hand zu. Von Neuyork kannte ich kaum einige Straßen; zwei meiner Kolleginnen versprachen deshalb, mich in einem Mietwagen abzuholen, und gegen neun Uhr stiegen wir vor dem hellerleuchteten Eingange des Hauses aus. Ich weiß heute noch nicht, in welcher Gegend der Stadt es war. Der Saal war nicht allzugroß, aber die Gesellschaft schien ihrer Toilette nach eine gewählte zu sein, die Musik war prachtvoll, und im Herzen vergnügt folgte ich meinen Begleiterinnen nach einer halbleeren Bank. Beide schienen ziemlich bekannt zu sein, denn kaum hatten sie sich gesetzt, als sie schon in die Karrees der Quadrille geholt wurden. Ich saß allein, nach kurzer Zeit aber läßt sich ein Herr, der musternd an der Damenreihe vorübergegangen, neben mir nieder, sieht mich mit einem unverschämtem Lächeln an und biegt sich dann nach meinem Ohre – ich muß Worte hören, die mir das Blut stocken machen und mich, wie von einer Schlange gebissen, von der Bank aufjagen. Ich weiß nicht mehr, welche Sprache mir die Entrüstung eingab, der Mensch aber sieht mich einen Augenblick wie verwundert an, bricht dann in ein helles Lachen aus und kommt von neuem auf mich los. In diesem Augenblicke sehe ich eins der Mädchen, mit denen ich hergekommen, an dem Arme eines Herrn langsam durch den Saal schlendern, ich fliege aus sie los und hänge mich an ihren Arm, mein Verfolger aber stellt sich mit lachendem Gesichte vor uns beide hin. ›Haben Sie das scheue Kätzchen mitgebracht, Cora?‹ fragte er, ›und ist sie wirklich noch so frisch hier, wie sie tut?‹ – ›Sie werden wohl wie gewöhnlich den ungezogenen Bären gemacht haben!‹ erwidert das Mädchen ebenfalls lachend und dreht ihm den Rücken, um den Saal wieder hinabzugehen, ›Sei'n Sie nicht zu spröde,‹ zischelte sie mir zu, ›er ist wohl plump, aber generös!‹ – In meinem Entsetzen, wie ich's nie wieder in meinem Leben gefühlt, erkannte ich plötzlich, in, welcher Gesellschaft ich war. Ich hatte den Arm meiner Begleiterin losgelassen und wollte nach der Tür eilen, aber mir war's, als müsse ich bei dem ersten Schritt, den ich tue, umfallen; eine gräßliche Angst packte mich, und als ich in diesem Augenblick die Hand des mich verfolgenden Menschen an meinem Kinn fühle, gebe ich ihm in meiner Verzweiflung einen Stoß, daß er zwei Schritte zurücktaumelt, und breche in ein krampfhaftes Weinen aus. Eben rauschte eine neue Quadrille vom Orchester, und die Paare flogen an mir vorüber zu ihren Plätzen, niemand schien den Auftritt beachtet zu haben – da höre ich mit einem Male eine ruhige Stimme neben mir: ›Lassen Sie die Lady, Sir, wenn Sie ein Gentleman sind; Sie sehen, daß Sie sich in ihr geirrt haben oder sie sich auch vielleicht in der ganzen Gesellschaft. Folgen Sie mir, Kind!‹ Der Ton in der Stimme brachte eine wunderbare Beruhigung über mich, ich sehe einen ältlichen Herrn neben mir stehen, der mir seinen Arm bietet, und ich klammere mich daran wie eine Versinkende. ›Ich will fort, Sir, nach Hause, bringen Sie mich nur nach der Tür,‹ – ›Sie werden unbelästigt nach Hause kommen,‹ sagte er, ›ich will Sie selbst dahin begleiten!‹ – Aber dieser letzte Zusatz erweckte einen neuen Argwohn in mir – ich ließ seinen Arm los. ›Wenn Sie es redlich meinen, Sir, so verlassen Sie mich, sobald ich aus dem Saale bin, es sind gewiß Wagen am Eingange, die mich nach Hanse bringen,‹ Er sah mich einen Augenblick schweigend an. ›Haben Sie keine, Sorge, Kind,‹ sagte er dann; ›es soll geschehen, wie Sie wollen. Erst aber erzeigen Sie mir die Freundlichkeit und setzen Sie sich ein paar Minuten mit mir in eins der Nebenzimmer – denken Sie, Sie gingen mit Ihrem Vater, und haben Sie volles Vertrauen zu mir.‹ Ich weiß nicht, war's der ruhige Ton in seiner Stimme oder sein würdiges Gesicht, wodurch jedes Mißtrauen in mir verscheucht wurde – ich ging mit ihm; er ließ Erfrischungen kommen und fragte mich dann über meine Verhältnisse aus, und wie ich auf den Ball geraten sei. Ich sagte ihm ohne Rückhalt, was er nur zu wissen verlangte. ›Also Sie haben keine Angehörigen hier und auch noch niemand, an dem Ihr Herz hängt?‹ forschte er zuletzt. Ich konnte mit gutem Gewissen ›nein‹ sagen, und nachdem er sich mein Boardinghaus sowie das Geschäft, in dem ich arbeitete, aufgeschrieben hatte, brachte er mich nach einem Wagen, bezahlte den Kutscher und schied von mir.

Am Zweiten Nachmittage darauf wurde ich aus der Arbeitsstube gerufen, da mich ein Gentleman zu sprechen wünsche. Es war der alte Herr vom Balle, der mich aufforderte, einen Spaziergang mit ihm zu machen, da er durchaus ungestört mit mir sprechen müsse. ›Sagen Sie nur der Mistreß, daß ich ein Onkel von Ihnen sei – wenigstens‹, setzte er hinzu, ›will ich versuchen, ob ich den Namen von Ihnen verdienen kann.‹ Ich glaube, es war kein anderes Gefühl als das der Neugierde, was mich bewog, dem Ansinnen zu willfahren – der Mann mit seiner Teilnahme für mich hatte mich schon während der vergangenen beiden Tage beschäftigt – es war Heller Sonnenschein, und von einer Gefahr für mich konnte nicht gut die Rede sein. Ich ging mit ihm, und er führte mich nach einem stillen Platze in einer Broadway-Konditorei. Dort erzählte er mir, daß er einen großen Teil des Sommers in Neuyork zubringe, daß er aber das Hotelleben satt habe und sich nach einer Häuslichkeit mit ihren Bequemlichkeiten sehne; seine einzige Tochter, wenn sie mit ihm nach dem Osten komme, verbringe die Zeit mit einer fashionabeln Familie in Saratoga und nehme keine Rücksicht aus ihn. Er habe sich schon vielfach umsonst nach einer Person umgesehen, die er zu Dank verpflichten könne, und die ihm dafür eine freundliche Heimat schaffe; er sei längst über die Jugendtorheiten hinaus und verlange nichts als Pflege und Erheiterung – was er aber von mir gesehen und in den letzten Tagen erfahren, gebe ihm neue Hoffnung, und er frage jetzt bei mir an, ob ich die Stelle einer Nichte bei ihm annehmen und seinem Hause in Neuyork vorstehen wolle, solange er hier sei – ich solle in allen Stücken frei sein, und wenn mich etwas an ihn fesseln solle, so dürfe das nur meine eigene Dankbarkeit sein – über meine fernere Zukunft, wenn er im Spätherbst wieder nach dem Süden gehe, würden wir dann reden. »Ich glaube nicht,« fuhr sie mit einein kurzen Blick auf Helmstedts Gesicht fort, »daß mich jemand, der die Lage einer Arbeiterin in Neuyork kennt, verdammen wird, daß ich das Anerbieten, wenn auch anfänglich unter manchen Vorsichtsmaßregeln, annahm; aber diese erwiesen sich bald als vollkommen unnötig. Mr. Morton verlangte nur eine heitere Gesellschafterin, die ihm seine Bedürfnisse ablauschte und diesen zuvorkam, mit ihm ausfuhr und ihm die Abende, wenn er zu Hause blieb, verschwatzte – – und dafür überschüttete er mich mit mehr, als mein Herz wünschte. Ob ich aber bei alledem glücklicher als zuvor war, ist eine andere Frage. Mr. Morton sah zu Hause wenige oder gar keine Gesellschaft, ich selbst hatte keine einzige Bekannte, an die ich mich hatte anschließen können, und so lebte ich, trotz alles Reichtums, der mich umgab, in einer Einöde. Einsame Spaziergänge in der Stadt und die Sorge für Mr. Mortons Wünsche gaben alle Abwechslungen, die ich hatte, und meine einzige Genugtuung war, daß der alte Mann bald an mir hing wie nur an seiner leibeigenen Tochter. – Es war Anfang September, als er zum ersten Male seine. Reise nach dem Süden und die Verhältnisse in seiner dortigen Familie erwähnte. Seime Tochter war einer rätselhaften Melancholie anheimgefallen; er schrieb es der Einsamkeit des Landes zu und sprach seine Befürchtungen über das unangenehme Leben aus, das ihn dort erwarte, wenn ich nicht mehr um ihn sei – er fragte mich, ob ich mich nicht für immer an ihn und seine Familie ketten und mir eine gesicherte Zukunft gründen wolle – ob ich es nicht über mich gewinnen könne, seine Frau zu werden, da dies der einzige Weg sei, um mir eine Stellung zu geben, die nicht gemißdeutet werden könnte. – Ich will nichts von den widerstreitenden Gefühlen sagen, in die mich der Vorschlag stürzte, nichts von den späteren nächtlichen Kämpfen; es hieß, die ganze rosige Hoffnung der Jugend aufgeben, aber dagegen eine Stellung gewinnen, auf die ich selbst im Traume nicht gehofft hatte. Ich hatte mir vierzehn Tage Zeit ausbedungen, um mit mir selbst zu Rate zu gehen. »Und während dieser vierzehn Tage,« fuhr sie langsam fort, »traf ich Sie, August. Ich gestehe es Ihnen frei, es war mehr als die Kindererinnerungen, was mich zu Ihnen zog. Sie standen, abgetrennt von Ihrer Familie, ohne Halt hier im Lande – Sie standen mir jetzt gleich, und ich meinte, der Himmel gebe mir ein Zeichen, daß er das Opfer meiner Jugend nicht verlange. Ich wußte, daß es Mr. Morton weniger um mich selbst als um die Annehmlichkeiten, mit denen ich ihn umgab, zu tun war, daß er ebenso gern noch eine zweite Person in seine Familie aufgenommen und alles für sie getan hätte, wenn er dadurch nichts eingebüßt und ich dadurch glücklicher geworden wäre. Ich meinte, ich habe ein Recht, in Ihr Schicksal einzugreifen und jede Zurückhaltung beiseite zu werfen – ich gab mich Ihnen mit meinem offenen, vollen Herzen – und Sie, August, Sie stießen mich zurück – argwöhnisch – stolz – beleidigend. Es ist wirklich etwas Schönes um den Stolz,« fuhr sie nach einem tiefen Atemzuge fort; »ich wäre ohne ihn vielleicht die nächste Nacht gestorben. Das Empfindlichste, was im Herzen einer Frau lebt, war in mir verwundet worden, meine Ehre und meine Liebe, und ich konnte mich nur vor mir selbst dadurch retten, daß Sie nicht mehr für mich existierten. Am anderen Tage gab ich Mr. Morton meine Einwilligung zu unserer Heirat.«

Sie hielt inne, und Helmstedt sah in die Höhe, »Vergeben Sie mir, Pauline«, sagte er, ihr seine Hand hinstreckend.

»Lassen Sie das,« unterbrach sie ihn; »das war alles vorbei und vergessen, als ich Ihr Unglück erfuhr. Ich mußte jetzt durch unbedingte Offenheit Ihr Vertrauen gewinnen, und wenn das erreicht ist, ist alles geschehen, was ich wollte. Nun sagen Sie mir nur das eine: Kennen Sie Ihre Lage genau?«

»Es ist dafür gesorgt, daß mir kein bitterer Tropfen entgeht!« erwiderte er, auf das Zeitungsblatt zeigend.

»Und werden Sie nicht das einzige Rettungsmittel ergreifen, das Ihnen übrigbleibt, und angeben, wo Sie während der Zeit des Mordes gewesen sind?«

»Nein!« erwiderte er, langsam den Kopf erhebend

Sie sah ihm, wie von dem Tone des kurzen Wortes betroffen, in die Augen, »Sie mißtrauen mir doch nicht wieder, August?« sagte sie, »Ich verlange Ihre Geheimnisse nicht zu wissen, ich mußte aber bestätigt hören, was ich schon wußte, daß Sie lieber irgendeinem Unglück trotzen, ehe Sie etwas verraten, wo Sie das für Unrecht halten. Hören Sie mich aufmerksam an, August. Ich weiß, daß alle Beweise, die der Coroner gegen Sie aufgefunden, daß alle Spekulationen und Folgerungen, die jetzt nun auch die arme Ellen beflecken, einfache Lügen sind – ich weiß es, August, und doch ist meine Zunge noch mehr gebunden als vielleicht die Ihre. Und dabei mußte ich heute von Männern des Gesetzes, die in unserem Hause waren, auseinander setzen hören, daß Sie bei den vorliegenden Beweisen der Verurteilung wenigstens wegen Teilnahme an dem Morde, nicht entgehen können.«

»Wir wollen es abwarten!« sagte Helmstedt, den Kopf in die Hand stützend.

»Abwarten? Ihr sicheres Unglück? Ich weiß, daß es Ihnen nichts hilft, August; Hier heißt es handeln und – Lüge gegen Lügen setzen, wenn darin die einzige Rettung ruht.«

»Was meinen Sie?« fragte Helmstedt, sie mit großen Augen ansehend.

»Geben Sie einen Ort an, wo Sie gewesen sein können,« erwiderte sie, während sich mit jedem Worte ihr Gesicht höher färbte; »sagen Sie – daß Sie die Zeit bei mir zugebracht haben, mich aber durch die Angabe nicht hätten kompromittieren wollen – oder ich will es angeben, und bestätigen Sie es nur. Es ist für mich kein solches Opfer, wie Sie vielleicht meinen – für Sie aber, denken Sie daran, August, die einzige Möglichkeit Ihrer Rettung.«

Helmstedt sah in das erregte Gesicht der jungen Frau, ohne augenblicklich eine Erwiderung finden zu können. Es war ihm wohl schon bei ihrem letzten Worte klar gewesen, daß er nie einen Weg einschlagen konnte, wie sie ihn eben angedeutet, selbst wenn dieser weniger gefährlich gewesen wäre, als es sich ihm aus den ersten Blick zeigte – seine ganze Natur sträubte sich dagegen; das gänzliche Vergessen ihrer selbst aber, das sich in ihrem Vorschlage auszusprechen schien, zusammen mit dem Ausdrucke ihres Auges, in dem eine Sorge und Hingebung zitterten, die er so wenig verdient hatte, griffen ihm mit Macht zum Herzen. »Ich danke Ihnen, Pauline,« sagte er endlich, ihr seine Hand reichend; »ich danke Ihnen aus vollster Seele – Sie kennen aber wohl selbst nicht den ganzen Umfang von dem, was Sie mir vorschlagen!«

»Ich kenne alles, August, habe jede Folge überdacht, die daraus entspringen kann,« erwiderte sie lebhaft; »ich wiederhole Ihnen aber nochmals, ich bringe kein besonderes Opfer dabei – lassen Sie mich handeln und widersprechen Sie meinen Angaben nicht; das ist alles, was ich von Ihnen verlange.«

Helmstedt drückte einen Augenblick die Hand vor die Augen. »Die Sache ist zu ernst,« sagte er dann, »als daß ich nicht mit der vollsten Aufrichtigkeit, selbst wenn sie mir und Ihnen wehe tun sollte, sprechen müßte. Sie sind verheiratet und in sicheren Verhältnissen für Ihr ganzes Leben, Pauline; was Sie jetzt beabsichtigen, müßte, wenn es volle Wirkung haben und mein Schweigen erklären sollte, Sie aus dem Kreise Ihrer jetzigen Familie stoßen. Lassen Sie mich ausreden, rief er, als sie Miene machte, ihn zu unterbrechen. »Das alles wäre nichts, wenn Sie das Opfer einem Manne brächten, der die Verpflichtung, die Sie ihm dadurch auferlegen, mit seinem Herzen vereinigen könnte, der es zu seinem höchsten Ziele machte, Ihnen durch volle Hingebung das zu vergelten, was Sie ihm aufgeopfert, und Ihre Ehre vor der Welt durch eine legale Vereinigung wiederherstellte; das – Pauline – das alles ist aber bei mir nicht der Fall – ich bin Ihnen ein Geständnis schuldig,, das bisher noch nicht über meine Lippen gekommen ist: ich bin mit Wort und Neigung anderwärts gebunden, und so wäre es Niederträchtigkeit, selbst in der höchsten Not ein Opfer anzunehmen, das in keiner Beziehung nach Verdienst wieder vergolten werden könnte.«

»Sind Sie nun fertig, Sir?« erwiderte sie, und in ihren leicht beweglichen Zügen spielte ein Ausdruck halb aus Spott, halb aus einer tieferen Empfindung gemischt, »wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich ein Opfer bringe oder von Ihnen nur einen Gedanken verlange? Ich habe Ihnen meine ganze Seele offen dargelegt, damit Sie mich für das erkennen sollten, was ich bin, eine Frau, die sich nichts vorzuwerfen hat, und der Sie vertrauen können; wäre nicht längst alles vorbei und abgetan, was einmal in mir lebte, ich hätte wohl, schwerlich so ohne Rückhalt zu Ihnen gesprochen, und ich hielt Sie nicht für so klein, August, daß Sie sich meinen jetzigen Schritt durchaus nicht ohne selbstsüchtige Absicht denken könnten, daß Sie es für notwendig hielten, mir noch einmal auseinanderzusetzen, wie ungeheuer gleichgültig ich Ihnen sei – als ob Sie mir das nicht längst schon deutlich genug gezeigt hätten!«

Helmstedt war von seinem Stuhle aufgesprungen und schritt einigemal die Stube auf und ab. »Ich habe Sie nicht beleidigen wollen, Pauline,« sagte er dann, vor ihr stehen bleibend, »aber jedes Opfer trägt einen Grund und eine Berechtigung seiner selbst in sich. Den Fall gesetzt, daß Ihr Vorschlag ausführbar wäre, so würden Sie im geringsten Falle Ihren guten Ruf dabei verlieren – weshalb wollen Sie denn also das Opfer bringen, wenn ich selbst keinen Teil an Ihrem Beweggrunde habe? Sie werden einsehen, daß mein Irrtum ein ganz natürlicher war, und meine Einwendung eine ehrliche, gebotene.«

»Mein Opfer, wenn Sie es so nennen wollen, hat einen Grund und eine Berechtigung,« erwiderte sie, während die Farbe aus ihrem Gesichte wich. »Ich habe Ihnen aber gesagt, August, daß meine Zunge mehr gebunden ist, als die Ihre es sein kann, und Sie werden deshalb nicht weiter forschen. Nehmen Sie doch die Sache, wie sie ist, als den einzig möglichen Weg, um eine ungeheure Ungerechtigkeit des Gerichts zu verhüten, wenn Sie selbst sich nicht rechtfertigen dürfen, und kümmern Sie sich nicht um meinen Grund – eine Lüge kann oft zur notwendigen und erhabenen Handlung werden, und es wäre Selbstmord Ihrerseits, wenn Sie nicht nach der Hand, die sich Ihnen zur Rettung bietet, greifen wollten.«

Helmstedt maß wieder die Stube. »Es geht nicht!« sagte er nach einer Weile. »Ich will einmal gar nicht von meinem eigenen Widerwillen reden – aber wollen Sie, Pauline, willent- und wissentlich einen falschen Eid schwören, ohne den Sie gar nicht zur Zeugenschaft zugelassen werden?«

»Es bedarf dessen nicht!« erwiderte sie eifrig, »und hätten Sie mir Zeit gelassen, so würde ich Ihnen auch schon den Weg, der eingeschlagen werden soll, mitgeteilt haben. Es gibt Mittel und Wege, den Richter und die Jury von Ihrem Aufenthalte bei mir zu unterrichten und dadurch ihr Urteil zu leiten, ohne daß es aus der Zeugenbank laut wird – Mr. Morton steht mit allen den Gerichtspersonen auf vertrautem Fuße und hat Einfluß auf einen großen Teil der Familien im County – jeder, dem die Sache mitgeteilt werden muß, wird einsehen, daß sie, ohne unserer Familie einen schweren Schlag zuzufügen, nicht vor die Öffentlichkeit gebracht werden kann – sie wird demungeachtet öffentlich werden, aber es wird nur dazu dienen, Ihre unbedingte Freisprechung herbeizuführen, und mir jedes eigene Zeugnis ersparen. Und nun, August,« fuhr sie, auf ihn zutretend, fort, »sträuben Sie sich nicht länger, wo es sich allein darum handelt, Sie aus einer Lage zu reißen, in der Sie zugrunde gehen können.«

Helmstedt hatte bei ihren letzten Worten gespannt aufgehorcht. »Mr. Morton weiß also um Ihren Plan?« fragte er.

»Ich würde nichts unternommen haben ohne seine bestimmte Einwilligung!« antwortete sie ernst.

Er schüttelte langsam den Kopf. »Ich will nicht weiter fragen und forschen,« sagte er nach einer kurzen Pause; »mag der Grund Ihres Vorschlages liegen, worin er will, ich danke Ihnen von Herzen dafür; aber,« fuhr er fort, ihre beiden Hände in die seinen nehmend, »ich kann ihn nicht annehmen, Pauline. Hören Sie mich an. Es ist nicht Stolz oder übertriebener Rechtlichkeitssinn von mir, die vielleicht beide gerade hier am unrechtesten Orte wären; es ist ein anderes Gefühl, über das ich nicht hinaus kann. Ich habe Ihnen gesagt, daß meine Herzensneigung anderwärts gebunden ist, und diese ist mir ein Heiligtum, ist mir das Höchste auf der Welt, das ich durch ein Zugeständnis, wie Sie es verlangen, durch eine offen ausgesprochene Untreue entweihen und beflecken müßte. Fragen Sie sich selbst, was Sie von einem Manne denken würden, der sich lieber feig Ihrer unwürdig erklären als einer Gefahr trotzen möchte. Ich kann und mag es nicht, Pauline. Liegt Ihnen nur daran, daß ich frei werde, so sollen Sie das hoffentlich bald erleben; ich habe erst heute gemerkt, daß ich zu viel auf glückliche Umstände gebaut habe und in meiner eigenen Sache zu lässig gewesen bin; ich werde Schritte tun, wenn auch unangenehme, durch welche mir aus geradem Wege meine Rechtfertigung nicht entgehen soll.«

Pauline hatte, während er redete, leise ihre beiden Hände zurückgezogen und stand jetzt, bleich wie die Wand der Zelle, vor ihm. »Ich habe kein Wort mehr zu sagen,« sprach sie mit gedrückter Stimme. »Mag der Weg, den Sie einschlagen wollen, zu Ihrem Heile führen. Lassen Sie mich aber das eine wissen, wenn ich es wissen darf, ist es Ellen, von der Sie reden?«

»Ich bin Ihnen Wahrheit schuldig. Pauline, Sie haben den rechten Namen genannt, aber werfen Sie das Verhältnis nicht unter die alltäglichen. Die erste halbe Stunde, die mich mit ihr ohne das Wissen ihrer Eltern zusammenführte, war auch unsere einzige und letzte – und je mehr unser kaum geborenes Verständnis gebrandmarkt und in den Schmutz gezogen werden soll, um so heiliger wird es für mich, je mehr möcht' ich es vor dem kleinsten wirklichen Flecken bewahren. Ich habe keine Nachricht von ihr seit der unglücklichen Nacht, in welcher der Mord geschah; sie ist weggegangen, ohne mir das kleinste Zeichen zukommen zu lassen, und ich mußte ihre Abreise erst heute aus der Zeitung erfahren; aber mir ist es, als hätte durch den kurzen Kampf mit meiner Sorge der Glaube an sie nur um so festere Wurzeln in mir geschlagen. – Da haben Sie, was in mir lebt – alles, was ich nur einem Menschen gestehen kann.«

»Ich danke Ihnen,« erwiderte sie, mit einem stillen Blicke zu ihm aufsehend. »Mag denn alles, was ich gesprochen habe, ungesagt sein, da Sie es nicht anders wollen. Branchen Sie aber Hilfe irgendeiner Art, so denken Sie daran, wo Ihre Freunde wohnen – das ist jetzt noch das einzige, was ich Ihnen bieten kann.« Sie verhüllte ihren Kopf wieder in die Kapuze, pochte an die Tür und reichte ihm, als die Tritte des Schließers hörbar wurden, mit einem »Adieu, August!« die Hand. Helmstedt sah in ihr Gesicht, das in der schwarzen Umhüllung noch bleicher erschien, und hielt ihre Hand einen Augenblick fest, »Können Sie meine Gründe verstehen, Pauline oder gehen Sie böse von mir weg?«

Die schüttelte trübe den Kopf. »Ich habe nur Sorge um Ihr nächstes Schicksal, das Sie selbst viel zu leicht nehmen, weil Sie das Land und die Leute nicht kennen. Wenn, nicht ein plötzliches Ungefähr kommt, das Sie herausreißt, ohne daß Sie Zeit haben, mit Ihren Bedenklichkeiten dagegen zu remonstrieren, so sehe ich bei dem Stande der Dinge nur den trübsten Ausgang. Die glückliche Dazwischenkunft irgendeines Umstandes ist noch meine einzige Hoffnung für Sie,« fuhr sie fort und über ihr, Gesicht, zog es wie der Sonnenblick eines bestimmten Gedankens – »alles das wäre aber nicht notwendig gewesen – adieu, und lassen Sie uns ein Wort wissen, wenn Ihnen etwas fehlt.« Sie war zur Tür hinaus.

Helmstedt horchte noch eine Weile auf das verschwindende Geräusch der Tritte und begann dann sinnend die Stube auf und ab zu gehen. Er wußte, daß er gehandelt, wie er mußte, wenn er nicht mit sich selbst und mit allem, was er für Recht hielt, in Zwiespalt geraten sollte, und doch konnte er einer Unruhe, die mit einem Male über ihn kam, nicht Herr werden. Es war die einzige Freundin in dem fremden Lande, die mit ihrer Hilfe zurückgewiesen, jetzt von ihm gegangen – er stand allein. Ihre sonderbare Bereitwilligkeit, ihm das schwerste Opfer zu bringen, das eine Frau vermag, stand noch wie ein Rätsel vor seiner Seele, seit er den Gedanken hatte aufgeben müssen, daß eine Leidenschaft für ihn sie dazu getrieben, seit ihr eigener Mann, dabei im Spiele, war; er mochte aber nicht unnütz weiter darüber grübeln, es war vorbei und abgetan, seine eigene Kraft war alles, worauf er sich noch verlassen konnte, und er wollte sie jetzt brauchen. – Auf seinem Tische befanden sich Papier und Schreibzeug, die er sich schon zu Anfang seiner Gefangenschaft hatte besorgen lassen, und von einer Idee getrieben, die er schon während des eben gehabten Gespräches gefaßt, zog er einen Stuhl heran und ergriff die Feder. Er wollte Elliot eine vollständige Darstellung der Sachlage geben, wollte ihm sich selbst, sein Verhältnis zu Ellen und die daraus entstandenen Verwicklungen offen zeigen und ihm dann überlassen, die nötigen Schritte zur Aufklärung zu tun. Seit Ellen vor die Öffentlichkeit gezogen und sogar mit dem Morde in Verbindung gebracht war, mußte dem Manne selbst eine Erklärung, wie sie Helmstedt ihm geben konnte, willkommen sein. Der Gefangene schrieb rasch und lange, die Gedanken wie die Ausdrücke der fremden Sprache schienen ihm leicht und frei zuzufließen, und erst als er mit seiner Namensunterschrift geendet, machte er mit einem langen Atemzuge eine Pause. Er überlas nochmals aufmerksam das Geschriebene, faltete es nachher zusammen, setzte die Adresse darauf und klopfte sodann dem Schließer.

»Sie sind wohl so freundlich,« sagte er bei dessen Eintritt, »mir den Brief bald und sicher nach Oaklea besorgen zu lassen?«

»G. M. Elliot, Esquire«, las der Gefängniswärter und ließ die Banknote, die ihm Helmstedt mit dem Briefe übergeben, in seiner hohlen Hand verschwinden. Well, Sir,« fuhr er sich hinter dem Ohre kratzend fort, »die Besorgung werde ich wohl kaum übernehmen können.«

»Warum nicht?« fragte Helmstedt, dem die Farbe aus dem Gesichte ging, »'s ist nichts darin, was nicht jedermann lesen könnte.«

»Ich meine auch nicht deshalb,« erwiderte der Schließer. »Mr. Elliot ist aber, schon seit die Coroners-Untersuchung zu Ende ist, nicht mehr hier, und seine eigenen Leute wissen nicht, wohin er gereist ist, wahrscheinlich seiner Frau und Tochter nach. Er hat einen Agenten auf seine Farm gesetzt, der auch nichts von seinem Wohin wissen will, und es ist der allgemeine Glaube, daß er, um allem Ärger und Spektakel aus dem Wege zu gehen, gar nicht wiederkommen und sein Grundeigentum hier verkaufen lassen wird.«

Helmstedt sah den Mann einen Augenblick, wie zu Stein geworden, an, dann nahm er ihm den Brief langsam wieder aus der Hand. Die Sache war zu einfach und natürlich, als daß er nur noch eine Frage hätte tun mögen. »Ich danke Ihnen!« sagte er und ging nach dem Fenster; als er aber die Türe wieder zuklappen hörte, fiel er in den neben ihm stehenden Stuhl. Die Überzeugung war plötzlich wie ein Gespenst vor ihn getreten, daß ihm jetzt fast jede Möglichkeit zu einer Rechtfertigung abgeschnitten war, und daneben kroch der Gedanke durch sein Gehirn, wie doch als Sühnopfer der begangenen Tat sich niemand besser eigene als er, der verlassene und unbekannte Fremde.

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