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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 12
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typefiction
authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
correctorreuters@abc.de
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Neuntes Kapitel. Dringender Verdacht

Helmstedt mußte lange geschlafen haben – als er erwachte, schien die Sonne in seine Fenster, und doch konnte das nur bei vorgerücktem Morgen geschehen. Undeutlich entsann er sich, daß ihn böse Träume einige Male aufgeschreckt hatten, und da war es dunkel um ihn her gewesen – er mußte also den Nachmittag des vergangenen Tages und die darauffolgende Nacht in einem Striche durchgeschlafen haben. Kopfschüttelnd, sprang er vom Bette, auf welches er sich mit der Kleidung geworfen hatte, und machte sich fertig, um beim Frühstücke erscheinen zu können; sonderbar kam es ihm vor, daß er am Abende vorher von niemand geweckt worden war, und wäre es auch nur des Nachtessens wegen gewesen. Er ging endlich nach dem Speisezimmer, sah aber hier an dem Zustande des Tisches, daß die Hausbewohner schon sämtlich ihr Frühstück eingenommen hatten; in dem ganzen Hause aber herrschte eine Totenstille, die Küche war leer, und auch in der Umgebung des Hauses war nirgends eine menschliche Gestalt zu entdecken. Helmstedt schüttelte von neuem den Kopf, aber ein peinlicher Hunger, der sich bei ihm einzustellen begann, ließ jetzt nicht viel andere Gedanken daneben aufkommen, und er machte sich nach kurzem Warten an die kalten Überreste des Frühstücks. Er hatte notdürftig seinen Appetit befriedigt, als die ersten Tritte in der Halle hörbar wurden, aber sie klangen schwer und fremd, und der Deutsche wollte sich eben erheben, um nach dem Angekommenen zu sehen, als eine massive Männergestalt, einen starken Hakenstock am Arme, in der Tür des Zimmers erschien.

»Sind Sie der deutsche Gentleman, Mr. – ich vergaß den Namen!« begann der Eintretende und nahm ein zusammengelegtes Papier aus seinem Hute, als wolle er dadurch seinem Gedächtnisse nachhelfen.

»Ich heiße Helmstedt.«

»Richtig, so war's! Sie müssen gleich mit mir nach der Tavern zum Coroner kommen – Sie wissen, wegen des Mordes; hier ist Ihre Vorladung!«

»Recht gern,« erwiderte der junge Mann, dem der Vorfall durchaus erwartet kam; »lassen Sie mich nur meinen Hut holen und nachsehen, ob jemand im Hause ist, es scheint gerade wie ausgestorben.«

»Ich sah Mrs. Elliot am Fenster, als ich herkam. Sie brauchen sich deshalb nicht aufzuhalten,« sagte der Beamte, »und die Schwarzen werden wohl nur einen Augenblick dem Spektakel nachgelaufen sein!« Die Sprache des Mannes war weder rauh noch unhöflich, demungeachtet lag in dem Tone eine Bestimmtheit, die Helmstedt unangenehm berührte, noch mehr fiel es ihm aber auf, daß, als er nach seinem Zimmer ging, der Beamte ihm Schritt für Schritt folgte – das Ganze bekam fast den Anschein eines Arrestes. Er öffnete seine Vorladung nochmals – »als Zeuge« wurde er darin verlangt – das Benehmen des Mannes mochte also wohl nur übertriebener Diensteifer oder Wichtigtuerei sein.

»Wie weit ist der Ort?« fragte der Deutsche, als er seinem aufgedrungenen Begleiter folgte.

»Die Tavern liegt kaum mehr als eine Meile die Hauptstraße hinunter, wir werden bald dort sein.«

Helmstedt hätte gern nach den bis jetzt schon stattgefundenen Verhandlungen gefragt, aber der Beamte ging schweigend neben ihm her, tat auch während des ganzen Weges den Mund selbst nicht zur kleinsten gleichgültigen Bemerkung auf, und so hielt es Helmstedt für das beste, seine Neugierde zu unterdrücken, bis er zur Stelle gelangt sei.

Die Nachricht von dem stattgehabten Mord schien sich bereits wie ein Lauffeuer über die ganze Gegend verbreitet zu haben. Als die beiden die Tavern erreicht, sahen sie das Haus von einem Haufen Menschen umgeben, Weiße und Schwarze, Männer und Frauen bunt durcheinander, die augenscheinlich keinen Eintritt mehr hatten erhalten können und sich jetzt bemühten, durch die geöffneten Fenster teil an den innerhalb gepflogenen Verhandlungen zu nehmen. Zwei Beamte, ähnliche Figuren wie Helmstedts Begleiter, standen an der äußeren Tür des Hauses und hatten ihre ganze Autorität wie die Kraft ihrer Arme anzuwenden, um dem Andrängen der Menschenmasse zu steuern, und nur mit Mühe gelang es den beiden Ankommenden, die Tür zu gewinnen.

Der ziemlich weite Raum im Erdgeschoß der Tavern war zum Gerichtszimmer für den Coroner und die von ihm aus dem County rasch aufgebrachte Jury eingerichtet. Der Coroner selbst saß hinter einem langen Tisch und an seiner Seite ein das Protokoll führender Gehilfe. Rechts von ihnen befanden sich die zwölf Jurors (Geschworenen) nebeneinander auf einer Bank, links schienen die Zeugen zu sein, wenigstens bemerkte Helmstedt, dessen Auge beim Eintritte den Raum überflog, Elliots Gesicht dort und dahinter die Wollköpfe von Dick und Cäsar; umsonst suchte er aber des Pedlars Züge. Der übrige Raum war so dicht mit Zuschauern gefüllt, daß die beiden Ankömmlinge Zeit und Kraft brauchten, um vorzukommen. Helmstedts Erscheinen erregte sichtliches Aufsehen. Der Coroner, welcher sich eben über das Protokoll beugte, fuhr auf die leise Meldung des Beamten rasch in die Höhe und maß den Deutschen mit einem kurzen scharfen Blicke, die Jurors steckten die Köpfe zusammen, unter den Zuschauern entstand leises Murmeln, und die hintersten hoben sich auf die Zehen, um den Eintretenden besser zu sehen. Helmstedt bemerkte alles das, er fand aber nur die eigentümliche Neugierde der Amerikaner darin, die sich eifrig auf die unbedeutendste Sache wirft, sobald sie nur etwas Fremdartiges an sich hat. Er sah nach Elliot hinüber, um einen Blick mit ihm auszutauschen, dieser aber wandte rasch das Auge weg, als wolle er Helmstedts Blick vermeiden.

»Well, Sir,« begann jetzt der Coroner, »Sie werden uns einige Fragen beantworten, die in der vorliegenden Untersuchung von Wichtigkeit sind. Geben Sie erst Ihren vollen Namen, Alter, Wohnung und Beschäftigung an und leisten Sie dann den gewöhnlichen Zeugeneid, der Ihnen vorgesagt werden wird; nachher erzählen Sie uns, was Sie von dem stattgehabten Morde wissen.«

Die Anfangsformalitäten waren bald beseitigt, und Helmstedt berichtete mit allen Einzelheiten, wie Baker am Morgen vorher aufgefunden worden war, und seine eigene Beteiligung daran.

»Ist dies alles, was Ihnen von dem Morde bekannt ist?«

»Nach meinem besten Wissen, alles!«

»Ihre Kenntnis davon beginnt also erst von dem Augenblicke, an welchem Sie den Ermordeten tot und kalt gesehen?«

» Yes, Sir

»Gut, dann werden Sie suchen müssen, uns einige Umstände zu erklären; der Ermordete ist zwar, wie die stattgefundene Examination ergibt, durch einen Stich mit einem scharfen, einschneidigen Instrumente, dem Anscheine nach einem gewöhnlichen Messer, zu seinem Tode gekommen, seine Stirne trägt aber auch die Spur eines kräftigen Schlages, der ihm jedenfalls vor der Todeswunde beigebracht worden. Unweit der Leiche hat sich nun dieser messingene Knopf hier vorgefunden welcher nach Aussage zweier Zeugen zu einer nur von Ihnen in Gebrauch gehabten Reitpeitsche gehört. Haben Sie vielleicht eine Idee, wie der Knopf dorthin gekommen ist?«

»Ich glaube, die Erklärung ist leicht!« erwiderte Helmstedt ruhig und erzählte kurz sein Zusammentreffen mit Baker am Tage vor Silvester. »Jedenfalls«, schloß er, »ist der Knopf, den der Mann damals als ›Memorandum‹, wie er sich ausdrückte, behielt, bei dem Morde aus seiner Tasche geglitten.«

»Von diesem Streite ist bereits durch einen Zeugen, der ihn von kurzer Entfernung aus mit angesehen, berichtet worden. Nach dessen Aussage sollen Sie indessen der angreifende Teil gewesen sein und dem Ermordeten den Weg versperrt haben. Wollen Sie uns die Ursache dieses Angriffs Ihrerseits mitteilen?« »Recht gern«, erwiderte Helmstedt, dem jetzt plötzlich eine Ahnung kam, daß irgendein Verdacht auf ihm ruhe – welcher Art, war ihm freilich noch nicht klar. »Der ermordete Mann war ein gewöhnlicher Neuyorker Spieler und Industrieritter, der sich in mehrere Familien hier eingeschlichen hatte und eben im Begriff stand, sich durch seine Vorspiegelungen auf das engste mit der Familie meines Prinzipals zu verbinden. Ich hatte schon versucht, Mr. Elliot vor dem Menschen zu warnen, fand indessen kein Gehör und konnte auch auf diesem Wege nichts weiter tun, da mir augenblicklich die Beweise gegen den Schwindler fehlten. Ich benutzte aber deshalb das Zusammentreffen auf der Straße mit Baker, um ihm zu sagen, daß er und seine Vergangenheit bekannt seien, und daß ich, wenn er nicht die hiesige Gegend verlasse, veröffentlichen werde, was ich wisse.«

»Hatten Sie nicht irgendein eigenes Interesse, den Mann von hier entfernt zu sehen? In der Regel bricht man, fremder Interessen halber, nicht einen gefährlichen Streit vom Zaune!«

In Helmstedts Gesicht schoß ein helles Rot, das aber ebenso schnell wieder verschwand. »Ich hatte in dem angeführten Streite mit dem Ermordeten keine andere Absicht,« sagte er langsam und bestimmt, »als ein Unglück von Mr. Elliots Familie abzuwenden. Hätte ich selbst auch etwas gegen den Mann und seinen Charakter gehabt, so dachte ich doch damals nicht daran.«

»Ich werde Ihre Aussagen mit den bereits abgegebenen Zeugnissen zusammenstellen,« erwiderte kalt der Coroner; »vielleicht finden Sie dann noch etwas an den Ihrigen zu berichtigen. Was den Reitpeitschenknopf anbetrifft, so besagt die Totenschau, daß derselbe gegen vier Yards von dem Körper entfernt und seitwärts des Weges gefunden wurde – es scheint also mehr als unwahrscheinlich, daß er aus der Tasche des Toten dahin gelangt; die Idee aber, daß er bei einem Schlage Mit der Reitpeitsche abgesprungen und dorthin geflogen sei, war die erste, welche sich fast gleichzeitig allen Anwesenden aufdrängte – ich möchte Ihnen dabei auch die Bemerkung nicht vorenthalten, daß die Geschichte, wie Mr. Baker, während Ihres Streites mit ihm, den Knopf aufgefangen und sich in Besitz desselben gesetzt haben soll, wenigstens ziemlich sonderbar klingt. Und was die Stellung des Ermordeten anbelangt, so ist hier das Zeugnis mehrerer seiner hiesigen Freunde, welche ihn schon längere Zeit in Verbindung mit den besten Familien Neuyorks gekannt haben und somit Ihrer Aussage direkt widersprechen. Haben Sie nun etwas zur Erklärung Ihrer Angaben zu sagen, so tun Sie es.«

Helmstedts Auge war während der Worte des Coroners immer gespannter geworden. »Ich möchte erst meine Stellung hier kennen, ehe ich ein Wort weiter rede,« sagte er; »bin ich irgendeiner Schuld angeklagt, so möchte ich das wissen; meine Aussagen werden kritisiert und verdächtigt, und der öffentliche Ankläger scheint mit dem Richter hier eine Person zu bilden.«

»Sie sind weder angeklagt, noch bin ich Richter, Sir. Mir, als Coroner, liegt nur ob, auf Grund vorgefundener Tatsachen oder abgegebener Zeugnisse jede Spur zu verfolgen, durch welche Licht in das Geheimnis des stattgehabten Mordes gebracht werden kann, und das ist es auch nur, was ich jetzt in bezug auf Sie tue.«

»Ich kann nur versichern,« sagte Helmstedt nach einer kurzen Pause, »daß jedes meiner Worte die strengste Wahrheit enthalten hat, und wenn Isaak, der alte Pedlar, hier wäre, so könnte dieser wenigstens den Teil meiner Aussagen, der Bakers Geschäft und Charakter betrifft, bestätigen. Die Geschichte des Sklavenraubes, bei welchem nach der Aussage des Pedlars der Ermordete die Hauptrolle spielte, dürfte ebenfalls ein neues Licht über dessen Persönlichkeit und die ganze Sache werfen.« »Möglich, Sir, vielleicht auch nicht. Sie werden nur einräumen müssen, daß, wenn man nur Sklaven stehlen will, es dazu nicht notwendig ist, sich den Eintritt in den innersten Schoß einer Familie zu verschaffen; daß es aber, wenn man, wie Mr. Baker, auf dem Punkte steht, selbst Glied dieser Familie und rechtmäßiger Teilhaber ihres Glückes und Reichtums zu werden, es ein Wahnsinn wäre, alles das wegzuwerfen, nur um heimlich ein paar Schwarze zu stehlen. Isaak ist übrigens mit seinen desfallsigen Behauptungen seit gestern abend unsichtbar geworden, er scheint seinen Irrtum selbst eingesehen zu haben – und was die Aussagen des Negers Cäsar betrifft, selbst wenn sein Zeugnis etwas gelten könnte, so erstreckt sich seine ganze Wissenschaft nur auf halbe Worte, die er unter den entflohenen Schwarzen aufgefangen haben will. Wir müssen uns also vorläufig nur an das halten, was wahrscheinlich und vernünftig aussieht, und so will ich, wenn Sie nach dieser Darstellung mir nicht etwa noch etwas zu sagen haben sollten, meine letzte Hauptfrage an Sie richten.«

Helmstedt hatte seine ganze Kenntnis über Baker erst aus zweiter Hand – dabei war seine Hauptquelle, Seifert, eben nicht die reinste und zuverlässigste – jetzt erst, bei den angeführten Zeugnissen für den Ermordeten, bei des Coroners ruhiger Betrachtung der Verhältnisse, dachte er hieran, und zum ersten Male kam ihm der Gedanke, ob er sich nicht durch seine aufkeimende Eifersucht wenigstens in bezug auf die Stellung des Mannes zu falschen Voraussetzungen hatte hinreißen lassen, an die er um so lieber geglaubt, da sie mit seinen Wünschen übereingestimmt hatten. »Ich habe zu meinen Angaben nichts weiter zu bemerken,« sagte er, »als daß, wenn meine Meinung von dem Ermordeten wirklich irrig gewesen sein sollte, meine dadurch hervorgerufenen Handlungen wenigstens aus den besten Absichten entsprangen.«

»Der Ermordete«, fuhr der Coroner fort, »ist gegen sechs Uhr abends gesehen worden, wie er aus dem von ihm gewöhnlich gebrauchten Pferde vom Riverhause abritt. Nachts elf Uhr wurde dasselbe Pferd an der Stelle angebunden bemerkt, wo der Mord geschehen, und wo es noch den Morgen darauf stand. Bei der dunkeln Nacht hat der Reiter wenigstens drei Stunden gebraucht, um diesen Ort zu erreichen, wenn er nämlich auf gradem Wege gekommen; möglich auch, daß er erst später als neun Uhr angelangt; daß aber der Mord vor elf stattgefunden, beweist das durch den starken Gewitterregen vom Blute reingewaschene Gras. Ich erwähne aller dieser Umstände, damit Sie die volle Wichtigkeit der Frage, die ich an Sie stellen werde, fühlen mögen. Nach den Aussagen einiger Ihrer eigenen Hausgenossen sind Sie um elf Uhr noch nicht in Ihrem Bette gewesen, sind erst, kurz nach elf, bei schon beginnendem Regen, von außen in das Haus eingetreten und haben angegeben, daß Sie sich beim Nachhausekommen verspätet hätten. Nun geht aber bei einer Stockdunkelheit, wie sie an jenem Abende herrschte, niemand ohne Zweck spazieren, und ich möchte Sie fragen, wo Sie jenen Abend zwischen zehn und elf Uhr zugebracht.«

Über Helmstedts Gesicht zog eine tiefe Blässe; er starrte den Coroner einen Augenblick an und senkte dann die Augen – die verschiedenen zusammentreffenden Umstände traten plötzlich, zu einem mächtigen Verdachtsgrunde vereinigt, gegen ihn auf – erst sein mit Baker begonnener Streit und die von ihm zugegebene Absicht, den Mann aus der Gegend zu treiben; dann der neben dem Toten gesundene Reitpeitschenknopf und zuletzt seine vermutete Abwesenheit aus dem Hause, gerade zurzeit des Mordes, eine Abwesenheit, die er selbst gegen Elliot bestätigt hatte. Das alles schoß so schnell, aber auch so klar wie ein Blitz durch sein Gehirn, und zugleich erkannte er die einzige Alternative, die es für ihn gab – entweder die letzte Frage des Coroners nicht zu beantworten und dadurch den Verdacht gegen sich noch zu verstärken – oder seinen nächtlichen Aufenthalt in Ellens Zimmer zu verraten und so mit einem Male jeden Verdacht von sich abzuwerfen.

»Well, Sir,« sagte der Coroner, »Sie müssen doch zu irgendeinem Zwecke das Haus verlassen gehabt und irgendwo gewesen sein? Antworten Sie mir also!«

Helmstedt war kurz mit seinem Entschlusse fertig geworden – Ellens Ruf durfte auf keine Gefahr hin preisgegeben werden, mochte auch sein eigenes Schicksal jetzt laufen, wie es wollte, und als in diesem Augenblick des Mädchens Bild vor seine Seele trat, wie sie ihn in der vollen Verschämtheit ihrer Liebe angesehen, da fühlte er, daß ihm keine Marter ein Wort, das ihr weh tun mußte, hätte entreißen können.

»Ich glaube nicht,« sagte er und hob den Kopf frei in die Höhe, »daß ich imstande sein werde, die vorgelegte Frage zu beantworten, so leicht ich auch unter anderen Umständen meine gänzliche Unkenntnis an dem stattgefundenen Verbrechen nachweisen könnte.«

Der Coroner sah ihm einen Augenblick scharf in das offene Gesicht. »Sie wissen vielleicht die Folgen nicht, Sir, die diese Ablehnung der Antwort nach sich ziehen kann?«

»Ich erkenne sie vollkommen,« erwiderte Helmstedt, ohne das Auge zu senken, »muß aber, selbst aus die Gefahr hin, persönlich des Mordes verdächtig zu erscheinen, jede Auskunft über meinen Aufenthalt während der bezeichneten Zeit verweigern. Ich meine, es sei nicht zu schwer, sich Verhältnisse denken zu können, die selbst den unschuldigsten Mann zum Schweigen zwingen können.«

»Well, Sir, und ich gestehe Ihnen offen,« sagte der Coroner, sich langsam zurücklegend, »daß, wo es um den Hals gehen kann, solche Verhältnisse außer meinen Vorstellungen liegen. Zusammen mit den vorliegenden Tatsachen muß die jetzige Zurückweisung meiner Frage Sie der Grandjury (Große Jury, oberstes Gericht)überliefern, und ich habe die Pflicht, Sie vorläufig verhaften zu lassen, wenn Sie sich nicht anders besinnen und den besseren Weg einer Rechtfertigung einschlagen sollten.«

Helmstedt erbleichte einen Augenblick, verbeugte sich dann aber und sagte ruhig:»Tun Sie, wie Sie müssen, Sir; die gänzliche Grundlosigkeit einer Anklage gegen mich wird sich hoffentlich bald von selbst herausstellen.«

»Bryan, führen Sie den Gentleman einstweilen ins Oberzimmer, neben dem Raum, wo der Tote liegt,« rief der Coroner einem der Beamten zu – »heute abend kommt er mit nach der Stadt ins Countygefängnis.«

Helmstedt folgte ohne ein Wort dem Winke des herbeitretenden Offiziers und schritt ihm voran durch eine der Seitentüren – hinter ihm aber machten sich die bis jetzt unterdrückten Gefühle der Zuhörerschaft durch ein wirres Durcheinander von Sprechen und Ausrufungen Luft.

Der Verhaftete trat in ein kahles weißes Zimmer, in welchem sich nur ein einziger Stuhl mit drei Beinen befand. Einzelne auf dem Boden liegende Welschkornähren zeigten den Zweck an, zu welchem es gewöhnlich benutzt werden mochte. Die Tür fiel hinter ihm zu, und der Schlüssel knirschte von außen im Schlosse. Von der Straße herauf drang das Geräusch der durcheinander sprechenden Menge, Helmstedt hatte aber, auf und ab schreitend, über seinen Gedanken Aug' und Ohr für seine Umgebung verloren. Anfänglich lag, trotz der stillen Begeisterung, welche ihn den jetzigen Weg hatte einschlagen lassen, das unheimliche Gefühl, zum ersten Male Gefangener zu sein, über ihm; bald aber hatte er dies von sich geschüttelt und fing an, sich Vorstellungen zu machen, welche Wirkung die Kunde von seiner Gefangenschaft in Oaklea hervorbringen werde – jedenfalls erzählte Elliot den Grund seiner Verhaftung, die verweigerte Auskunft über seinen Aufenthalt während der Nacht des Mordes – ob sich wohl Ellen verraten und so der Verwickelung mit einem Streiche ein Ende machen würde? Es war eine ganze Bilderreihe, die, von den, einen Gedanken geführt, an Helmstedts Seele vorüberzog.

Die Jury hatte ihre Sitzung bis zum nächsten Morgen vertagt, die Menge war auseinander gelaufen, und der Coroner saß in dem leer gewordenen Raume, den Kopf auf die Hand gestützt und Papiere durchblätternd, während sein Gehilfe das Protokoll zu vervollständigen schien. Nach einer Weile trat Elliot, der bereits die Handschuhe zum Wegreiten angezogen hatte, ein. »Noch etwas Besonderes, Sir?«

»Setzen Sie sich einen Augenblick hierher«, erwiderte der Coroner, »Ich hatte durch zwei Beamte eine genaue Durchsuchung des Zimmers, das der Verhaftete in Ihrem Hause bewohnt, sowie der sämtlichen Möbel darin angeordnet. Die Beamten sind soeben zurück, und obgleich nicht das Geringste entdeckt worden, was zur direkten Verstärkung des Verdachtes dienen könnte, so hat sich doch in einem der Koffer dieser kleine Zettel vorgefunden, der wahrscheinlich den Beweggrund der Tat wird erklären helfen. Die Sache scheint mir zu tief in Ihr Privatleben einzugreifen, als daß ich Sie nicht erst davon hätte benachrichtigen sollen, um wenigstens jede unnötige Veröffentlichung zu verhüten.«

Elliot las und wurde blaß. Es waren die Zeilen, welche Ellen vor einiger Zeit an Helmstedt geschrieben hatte.

»Sehen Sie diese Stelle an,« fuhr der Coroner fort, »hier heißt's: Wenn etwas gegen den Mann aufgefunden werden kann – womit augenscheinlich Baker gemeint ist – so muß es bald geschehen; mir ist, als hätten sich heute die Fäden so fest um mich gezogen, daß ich nicht mehr heraus kann, oder als wäre ich heute in meiner Abwesenheit verkauft worden. Ich bin so allein in meiner Angst, und so weiter. – Den Fall gesetzt, daß irgendein Verhältnis zwischen der Schreiberin und dem Verhafteten stattfand, wie es beinahe hiernach scheint, so findet der Grund der Tat die natürlichste Erklärung, besonders da den Tag darauf die anberaumte Verlobung stattfinden sollte, und es wird mir unmöglich sein, das Dokument der Jury vorzuenthalten.«

»Um Gottes willen, bringen Sie meine Familie nicht vor die Öffentlichkeit!« rief Elliot, von seinem Hinstarren auf das Papier auffahrend – er sprang auf, schlug die Hand vor den Kopf und lief in dem Gemache auf und ab. »Ein Verhältnis,« sprach er, plötzlich vor dem Coroner stehen bleibend, »ein Verhältnis hat zwischen beiden sicher nicht stattgefunden, denn meine Tochter war während der kurzen Abwesenheit des Deutschen kaum zwei Tage im Hause, aber«, fuhr er langsam fort, die Augen in die Hand drückend, »es ist um so fürchterlicher, wenn ein Mädchen bei einem Fremden vor ihren eigenen Eltern Schutz sucht. Bringen Sie meine Familie nicht vor das Gericht, Sir!«

»Seien Sie ruhig, Sir, und hören Sie mich. Bleibt Ihre Tochter hier, so ist Ihrer Vorladung und Vernehmung fast nicht auszuweichen. Folgen Sie meinem Rate, so gehen Sie jetzt heim, sprechen mit Ihrer Frau, sagen aber Ihrer Tochter von dem ganzen Gange des Prozesses kein Wort und schicken beide auf vier bis sechs Wochen nach Neuorleans zum Besuch. Das ist alles, was ich sagen kann – ich werde von keiner Ihrer Maßregeln etwas wissen.«

Elliot sah dem Coroner einen Augenblick starr in die Augen, dann drückte er ihm, ohne ein Wort zu sagen, die Hand und eilte zur Tür hinaus.

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