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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 11
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typefiction
authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
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Achtes Kapitel. Ein Mord

Es war am Morgen gegen acht Uhr, als Elliot mit seinen Begleitern bereits wieder bei der Landung am Riverhause das Ufer hinaufstieg. Bald nachdem sie in der Nacht Dittos erreicht gehabt, war ein kleiner Dampfer den Fluß heraufgekommen, und Elliot hatte die Gelegenheit zur Heimfahrt ohne Zaudern ergriffen. Der Morgen war klar und erfrischend, aber über den Rückkehrenden schien ein Nebel von Erschlaffung und getäuschter Hoffnung zu liegen; kein Wort war beim Betreten des Landes laut geworden, langsam wurde das Ufer erstiegen, und nur Helmstedt schien einen Teil seiner Spannkraft behalten zu haben – den anderen voraus hatte er die Höhe erreicht, in seinem Herzen war goldiger Morgen wie rings um ihn, er sehnte sich, nach Hause zu kommen, um in Ellens hellen Augen die Bestätigung seines nächtlich errungenen Glückes zu lesen.

»Wir wollen sehen, daß wir im Riverhause ein Frühstück und einen Wagen zum Heimfahren bekommen,« begann Elliot, als sie den Wald betreten hatten; »das Stück Arbeit hat mich wirklich müde gemacht. Ihr, Isaak, tut mir nachher den Gefallen und begleitet mich nach Oaklea, damit Ihr mir, wenn sich noch irgendein Umstand vorfinden sollte, für die Zukunft als Zeuge dienen könnt; ich will die Sache gegen den Menschen so weit verfolgen, als ich kann.«

»'s ist schon recht, Sir!« erwiderte Isaak, der mit gesenktem Kopfe, wie vollständig ermattet, hinter den übrigen herging. »Du, Cäsar, fährst mit nach Oaklea,« fuhr Elliot fort, »ich will dir dort ein paar Zeilen für deinen Herrn geben, falls er dich vermißt haben sollte.«

Helmstedt war an des Pedlars Seite getreten. »Sind Sie krank oder nur übermüdet?« fragte er. »Sie sehen schlecht aus, Isaak.«

»Wenn man alt wird, so wirkt ein einzelner Fehlschlag mehr als zehn Jahre verlorener Arbeit in der Jugend«, erwiderte dieser eintönig. »Dem Alter fehlt die Zeit und das Vertrauen, um wieder von vorn anzufangen – was verloren ist, bleibt verloren!«

Helmstedt sah ihm einen Augenblick in das abgespannte, hagere Gesicht. »Ich verstehe Sie nicht ganz«, sagte er dann. »Daß Baker und die Schwarzen zum Kuckuck sind, ist doch kein Fehlschlag für Sie, daß er Ihnen mit einem Male alle Kraft und alle Energie nehmen kann?«

Der Alte zuckte die Achseln. »Meinen Sie wirklich, es läuft in Amerika einer vierzig Meilen, wie ich gestern, alles zusammengerechnet, bloß um einen anderen vor Schaden zu bewahren, der nicht einmal groß dafür dankt?«

»Sprechen Sie sich aus, wenn ich's wissen darf,« sagte Helmstedt, als jener schweigend weiterschritt; »'s ist besser, als wenn Sie Ihren Ärger auf diese Weise in sich zehren lassen, und es tut mir leid, Sie so mitgenommen und niedergedrückt zu sehen.«

»Glaub's schon, daß Ihr Herz gut ist,« erwiderte der Alte, angeregter als zuvor, »'s ist kein Geheimnis, das ich verbergen müßte, und vielleicht tut's mir auch gut, einmal gegen jemand zu reden, aber dazu ist es jetzt der Platz nicht. Ein andermal vielleicht.«

Sie gingen wieder schweigend weiter, bis das Riverhaus erreicht war. Auf Elliots Anfrage versprach der Wirt, die Gesellschaft nach Oaklea fahren zu lassen, sobald der Schwarze, der mit den Pferden Holz hole, zurück sei. Ein derbes Frühstück im Hinterwaldsstile ward hergerichtet, die beiden Schwarzen suchten die Küche, und nach kurzer Zeit saßen die drei übrigen, auf die rückkehrenden Pferde wartend, vor dem Kaminfeuer, so bequem, als es sich auf den hölzernen Stühlen tun ließ. Auf Elliot schien die Wärme schnell ihren Einfluß auszuüben, er zog seinen Stuhl nach einem Tische in der Ecke neben dem Kamin zurück, stützte den Kopf auf und war bald eingeschlafen. Die anderen beiden starrten wortlos ins Feuer, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend.

»Hallo, Isaak!« begann endlich Helmstedt auffahrend, »sei'n Sie munter, das Hinbrüten hilft zu nichts, als daß Sie sich noch in schlimmere Stimmung bringen, die am Ende nicht einmal so viel Grund hat, als Sie denken.«

Der Pedlar setzte sich langsam aufrecht und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Ich dachte eben an vergangene Zeiten,« sagte er, »und wie der Mensch mit allem Verstande und aller Mühe doch so wenig an dem ändern kann, was sein soll; eigentlich sind wir doch nur, wie alles andere, was geschaffen ist, bloße Zahlen, aus denen das große Welt-Rechenexempel gemacht wird. Ich habe Ihnen einmal von meinem Schwager erzählt, der durch seine Handelsverbindungen mit dem Süden zugrunde ging – Well, Sir, der Schwager war ich selber. Bankerott werden ist aber schon mehr Leuten passiert und eben keine große Schande in Amerika – also fing ich auch an, mich wieder auf die Beine zu stellen, so gut es gehen wollte, und war nur froh, daß ich keinen Weiberjammer bei dem Unglücke zu hören hatte. Meine Frau war schon manches Jahr tot, und meine Tochter Esther war ein Mädchen, wie sie nicht alle Tage geboren wird – schön, wie ihre Mutter gewesen, und mit einem Willen, so stark, daß sie sich die Augen für unseren Unterhalt blind gearbeitet hätte, wenn's nötig gewesen wäre, ohne eine trübe Miene zu ziehen. – Es fing schon an mir wieder besser zu gehen, ich hatte Kredit für die kleinen Geschäfte, die ich machte, da kam eines Tages ein feiner Herr in mein Haus und verlangte eine genaue Aufstellung von dem, was ich bei dem Bankerott eines der südlichen Häuser verloren hatte. Er stellte sich als Partner des gebrochenen Geschäftes vor, bedauerte das Unglück, in das ich geraten, aber versicherte mir, daß er alles aufbieten würde, damit ich, als Hauptgläubiger, wieder zu meinem Gelde komme; er erzählte, es wären noch Mittel genug da, und nur durch die Schuld des anderen Teilnehmers sei das Geschäft so in Unordnung geraten, daß die Zahlungseinstellung habe erfolgen müssen. – Ich hatte keinen Verdacht gegen den Mann, was konnte er bei mir suchen? Geld hatte ich doch nicht mehr, um das er mich hätte betrügen können, und daß er wirklich einer von den Eigentümern des gebrochenen Hauses sei, sagten mir andere Geschäftsfreunde, die ihn früher gesehen. So dachte ich auch nichts dabei, als er öfter vorsprach, dankte ihm noch in meinem Herzen, als er meine Esther dann und wann zu Vergnügungen führte, die sie lange hatte entbehren müssen, und vermutete auch nichts, als er endlich in langer Zeit nicht kam. Esther wurde still und verlor ihre frische rote Farbe, aber ich hielt es, da sie nicht klagte, für nichts von Bedeutung und achtete in meinen Geschäftssorgen nicht weiter darauf. Aber ich sollte schrecklich aus meinem Schlafe geweckt werden. Den einen Morgen ist Esther nicht da, aber ein Brief von ihr liegt auf meinem Tische – darin steht, daß sie von dem Manne betört, verführt und verlassen worden, daß sie so weit sei, ihre Schande nicht mehr verbergen zu können und lieber den Tod suchen als ein entehrtes Leben führen wolle. Ein paar Stunden darauf hatten sie ihre Leiche im North-River aufgefischt.«

Isaak hatte den Kopf vor sich in die hohle Hand gestützt und schwieg eine Weile. »Ich bin nach dieser Zeit lange am Nervenfieber krank gewesen und ins Hospital geschafft worden,« fuhr er dann langsam fort, »und fremde Leute hatten sich meines Schwestersohnes, der bei mir lebte, angenommen. Als ich wieder gesund wurde, war mein Geschäft ruiniert; was ich an Waren gehabt, war gerichtlich verkauft, um fällige Noten zu decken, und mein Store war in anderen Händen. Es war fast nichts, was ich wiederfand – der Mensch aus dem Süden hatte mich um alles gebracht, um Vermögen, Geschäft und um mein einziges Kind. – Als mir das mit einem Male klar vor der Seele stand, war mir's, als dürfte ich nichts weiter tun als das ganze Land durchsuchen, bis ich ihn gefunden, ihm die Kehle zugedrosselt und den Kopf zertreten hätte. Aber die Sorge für das tägliche Brot vertrieb mir vorläufig die Gedanken daran. Damals«, fuhr Isaak leiser mit einem prüfenden Blicke auf den schlafenden Elliot fort, »damals war es, wo die ungeheuren Verluste im Süden mehrere von den großen Neuyorker Häusern auf den Gedanken brachten, eine Beaufsichtigung durch alle südlichen und südwestlichen Staaten einzurichten, und als ich die Runde bei meinen früheren reichen Geschäftsfreunden machte, um zuzusehen, welche Aussichten ich noch habe, um meinen Lebensunterhalt erwerben zu können, wurden mir von diesen Anträge gestellt, die mir erschienen, als gebe der Herrgott selber das Strafamt gegen die Sorte von Leuten, durch die ich alles verloren, in meine Hand. Ich erfuhr bei der Gelegenheit, daß der Mann, der mich bis aufs letzte zugrunde gerichtet, sich oft in Neuyork aufhalte – aber ich hatte jetzt meine Mordgedanken gegen ihn aufgegeben, er sollte sich, damit meine Hände und das Werk, das mir anvertraut wurde, rein blieben, in den Schlingen seiner eigenen Taten fangen; ich wollte warten, und mir war es, als müßte die Zeit kommen, wo ich selber die Schlinge um seinen Hals zuziehen würde. Und dieser Mann, Sir, von dem ich gesprochen, war Baker. – Ich habe gewartet, lange gewartet, aber mein Auge nie ganz von ihm gelassen, ich traf ihn bisweilen in Neuyork, bisweilen anderwärts; er sah über mich weg, wenn er mir begegnete, als habe er mich nie gekannt – da fand er sich mit einem Male hier in der Gegend ein, zu der Zeit, als ich meine vierteljährliche Reise hier durchmachte, um zu beobachten und andere Geschäfte für meine Neuyorker Freunde zu ordnen; er trieb sich hier in den Familien umher, als sehe er nach irgendeinem Opfer zu einer neuen Schurkerei aus, und mir wurde es, als müßte jetzt die Zeit der Abrechnung mit ihm gekommen sein! Ich blieb. Der Pedlar verkehrt mit den Dienstleuten wie mit den Herrschaften, und Verhältnisse, die in den Parlors oft als tiefes Geheimnis gelten, kann einer leicht in den Dienstbotenzimmern erfahren, wenn er dort zu Hause ist. Das war der Weg, auf dem ich mir immer die Kenntnis von Umständen und Dingen verschaffte, die ich notwendig hatte, und so konnte ich auch Bakers Tun auf Schritt und Tritt verfolgen. Ich erfuhr, ich erlauschte manches, aber ich durfte nicht reden, wenn ich nicht seine Opfer ohne Nutzen zugrunde richten wollte – nichts davon gab noch die rechte Schlinge für ihn ab. Erst als ich unter Elliots Schwarzen seinen Namen auffing, als einer und der andere Bescheid, über das Leben der Schwarzen im Norden von mir verlangte, da erst merkte ich, daß meine Zeit herankam; ich bin ihm nachgegangen Tag und Nacht, ich habe ihn behorcht, wo er sich am sichersten glaubte – ich hätte ihn verraten können vorzeitig, aber ich wollte ihn bei der Tat erwischen, wollte ihm selber den Strick um den Hals werfen, ich fühlte, daß er in meine Gewalt gegeben war, und daß, wenn er jetzt entschlüpfe, die Gelegenheit niemals so wiederkommen, werde – Well, Sir, ich habe umsonst geduldig gewartet, habe umsonst meinen ganzen Witz angewandt, als es Zeit war – er ist fort und wird nach dem Streiche niemals den Süden wieder betreten; ich bin mit meinem Glauben zum alten Narren geworden, und der Schimpf an meinem Kinde bleibt ungesühnt!« Der Pedlar schwieg und sah starr ins Feuer vor sich.

»Ich hatte niemals so ein Schicksal in Ihrem Leben vermutet,« sagte Helmstedt nach einer Pause, »aber nehmen Sie den einzelnen Fehlschlag nicht so schwer, Isaak, 's ist noch nicht aller Tage Abend, und noch selten ist ein Spitzbube dem Galgen entlaufen. Wer weiß, welche Genugtuung Ihnen noch vorbehalten ist!« Der Alte schüttelte nur schweigend den Kopf und versank in ein stilles Hinbrüten.

Eine lautlose Viertelstunde verstrich, bis endlich der erwartete Schwarze mit seiner Ladung Holz ankam und die Pferde vor den viereckigen Familienwagen des Wirtes spannte, und nach kurzem Aufenthalt rollten die Männer Oaklea zu. Elliot schien durch die Bewegung des Wagens wieder in einen Halbschlummer zu verfallen, der Pedlar sah schweigend in die Gegend hinaus, und vor Helmstedts Seele trieben sich bald Bilder aus Isaaks Erzählungen herum, bald trat Ellen vor sein innerstes Auge, und bunte Vorstellungen von der Gestaltung seines künftigen Lebens in Elliots Hause durchkreuzten ihn. Nur die Schwarzen auf dem vordersten Sitz des Wagens ließen ihr halbgeflüstertes Gespräch nicht ausgehen, solange die Fahrt währte.

»Ich möchte wohl, daß wir unseren Weg gleich hinüber nach dem hinteren Torgatter nähmen und den Platz dort besichtigten; das zurückgelassene Pferd wird auch noch dort sein, wenn es sich nicht losgerissen hat –«, begann Elliot, als der Wagen fast in der Höhe von Oaklea war, »wenn wir hier absteigen, haben wir nur ein paar Minuten durch den Wald zu gehen.«

»Wie Sie wollen, Sir!« erwiderte der Pedlar, und die Gesellschaft stieg aus; Elliot schickte den schwarzen Kutscher mit dem Fuhrwerke wieder zurück, die übrigen durchschritten den Wald, bis sie den Pfad erreichten, auf dem sie in der Nacht die Flüchtlinge verfolgt, und bald hatten sie die erste Einzäunung der Pflanzung im Gesichte.

»Dort steht das Pferd und hängt den Kopf,« rief Dick, der seitwärts den anderen vorangegangen war, »es scheint jämmerlichen Durst zu haben.« Elliot schritt rasch vorwärts, bis er das Torgatter erreicht hatte, und ließ hier den prüfenden Blick umherlaufen; aber da war nichts, was nur die geringste Aufmerksamkeit erregt hätte, und eben kletterte er an der Umzäunung in die Höhe, um sie zu übersteigen, als er, wie von einem Schlage getroffen, innehielt. »Um Gottes willen hierher!« rief er den Nachfolgenden zu. »Da – da liegt er!«

Helmstedt war, von dem Tone des Ausrufs erschreckt, mit zwei Sprüngen herbeigeeilt und folgte dem Pflanzer über die Umzäunung, welche dieser langsam hinabstieg.

In dem vergilbten Grase lag ein menschlicher Körper hingestreckt, dessen Wäsche und Kleider wie in Blut getaucht schienen. Das Gesicht war nach oben gekehrt, und eine blaue Spur wie von einem schweren Schlage zeigte sich auf der Stirn. Helmstedt hatte kaum einen Blick darauf geworfen, als er auch wie eingewurzelt stehen blieb. »Baker!« das war das einzige Wort, das er in seiner Überraschung hervorbringen konnte.

»Baker! – wirklich Baker!« sagte Elliot, auf die Leiche starrend. »Den wir verfolgt haben bis Dittos hinauf, der liegt hier ermordet auf meinem Grunde – das ist eine furchtbare Geschichte!«

In diesem Augenblicke kam Isaak, den Kopf vorgestreckt und das Gesicht von Aufregung gerötet, heran. Einen langen, gierigen Blick heftete er auf das Gesicht des Erschlagenen, dann faßte er nach dessen Handgelenke. »Tot und steif!« sagte er langsam, als der Arm, seiner Hand entgleitend, wieder schwer auf den Boden zurückfiel. »Er hat seinen Lohn, und ich habe freventlich gemurrt.«

»Aber, um der Barmherzigkeit willen, wie kommt er hierher, und wem haben wir denn nachgejagt?« rief Elliot, aus seiner ersten Betroffenheit zu sich kommend; »sind wir nicht am Ende in einem ungeheuren Irrtum gewesen? Wenn die Neger mit ihrem Entführer auf und davon sind – und ich habe, selbst das weiße Gesicht unter den Schwarzen schimmern sehen, als sie ans Land sprangen – so kann der unglückliche Mensch hier nicht der Schuldige gewesen sein –«

»Halt, Sir!« sagte Isaak sich aufrichtend. »Der hier liegt, ist der wahrhaftige Räuber, dessen Schultern so schwer von Sünden waren, daß der Herrgott sich das Gericht über ihn selber vorbehalten und ihm schon sein Ziel gesteckt hatte, als wir ihn noch zu fangen gedachten. Den Sie aus dem Flusse unter den Schwarzen gesehen, das war nur sein Gehilfe – beide hatten sich verabredet, gestern nacht die Flucht mit Negern anzutreten, das haben diese meine Ohren gehört, und es ist Gottes sichtbare Hand, die ihn hier niedergestreckt, damit er nicht wie die anderen seiner Strafe entgehe.«

»'s ist alles recht, Gottes Hand ist überall,« sagte Elliot mit einem Anfluge von Ungeduld; »damit allein aber ist der entsetzliche Vorfall nicht abgetan und auch der Coroner (Leichenbeschauer) nicht befriedigt. Wir dürfen keine Zeit verlieren, um das gräßliche Geheimnis aufzuklären. Bleiben Sie mit Dick hier, Mr. Helmstedt, bis ich andere Leute zur Wache hergeschickt habe, und sehen Sie darauf, daß alles in dem Zustand verbleibt, wie wir es gefunden – ich will sogleich den Coroner aus der Stadt holen lassen. Kommt mit mir, Isaak! Ihr werdet den notwendigsten Zeugen abgeben müssen.«

Er ging, von Cäsar und dem Pedlar gefolgt, davon, und Helmstedt begann, sich die Stirne reibend, auf und ab zu schreiten. Die ungewohnten Ereignisse waren während der letzten zwölf Stunden so rasch aufeinander gefolgt, daß ihm der ganze Kopf anfing, wirr zu werden. Des Pedlars Erzählung summte durch sein Gehirn, und wenn er einen Blick auf das Gesicht und die stieren Augen der Leiche richtete, schien ihm der jetzige Mord ein so notwendiges Schlußkapitel dazu zu bilden, daß es gar nicht hätte ausbleiben können. Bald erschien ihm die Leiche nur noch wie ein Teil von dem Bilde, das sich in seinem Kopfe zusammenstellte, er trat heran und betrachtete die verzerrten Züge, ohne mehr als bei dem Betrachten eines Gemäldes dabei zu fühlen, und erst Dicks Stimme rief ihn wieder zum klaren Bewußtsein.

»Bin froh, daß es heller Tag ist, Sir, mir graut's vor dem toten Menschen dort, und ich möchte ihm nicht so in die verdrehten Augen sehen wie Sie!« Helmstedt wandte sich um; der Schwarze hatte sich bis an die Umzäunung zurückgezogen und saß dort mit verlegenem Grinsen auf einem Baumstumpfe.

»Warum nicht, Dick? 's ist eben nur ein toter Mensch, der niemand etwas mehr zuleide tun wird«, erwiderte der Deutsche; als er aber jetzt den Blick wieder auf die Leiche fallen ließ, war es ihm, als wolle ihm selbst ein Grauen ankommen; die gläsernen Augen stierten ihn mit demselben finsteren Blicke an wie damals, als er mit dem lebenden Manne den ersten ernsthaften Streit gehabt.

»'s ist freilich nur ein toter Mensch,« sagte der Schwarze, als sei er froh, sprechen zu können, »aber ich möchte ihn doch nicht herausfordern, ob er mir etwas zuleide tun könne; es soll eine sonderbare Sache mit Ermordeten sein.«

Helmstedt begann wieder schweigend auf und ab zu schreiten, er ließ den Blick über die Gegend schweifen, sah in den Himmel über sich, der, blau wie Azur, selbst der abgestorbenen Landschaft einen freundlichen Charakter verlieh; aber so oft er den daliegenden Körper passierte, wurde sein Blick wie magnetisch wieder danach hingezogen und traf den drohenden Ausdruck in den toten Augen; er drehte sich endlich ganz weg und trat an die Umzäunung, aber je mehr er an etwas anderes denken wollte, um so deutlicher stand das Gesicht des Ermordeten vor seiner Seele. »Ich habe die Nacht nicht geschlafen, und meine Nerven sind aufgeregt wie noch nie!« sagte er, »'s ist alles natürlich!« aber er fühlte dennoch eine Art Erleichterung, als er zwei Schwarze zu seiner und Dicks Ablösung über die Felder kommen sah.

Elliot stand in der Hintertür, als Helmstedt herankam, und obgleich aus des letzteren Seele beim Erblicken von Ellens Fenster alle dunkeln Bilder wie Schatten vor der aufsteigenden Sonne wichen, so wagte er doch jetzt nicht hinaufzuspähen. »Ich habe nach dem Coroner geschickt,« sagte Elliot, »aber es kann manche Stunde nehmen, ehe er ankommt, und es ist am besten, wir benutzen die Zeit zum Schlafen, damit wir nachher klaren Kopf haben; wir werden es alle brauchen können, 's ist Neujahrstag heute,« fuhr er, die Augen in die Hand drückend, fort, »ein schöner Anfang des Jahres!«

»Sind die Ladies schon unterrichtet?« fragte Helmstedt, der sich Ellens Gesichtsausdruck beim Empfang der Nachricht zu vergegenwärtigen suchte.

»Ich ging diese Nacht weg, Sir, und wußte nicht, ob ich nach dem, was Isaak gemeldet, nicht selbst das Leben dieses Menschen nehmen mußte – meine Frau wußte das, und dies war ihre bitterste Stunde; jetzt ist die Nachricht von seinem Morde durch eine andere Hand nicht das Schlimmste, was ich heimbringen konnte – steht es doch eigentlich noch gar nicht fest, ob wir die Betrogenen waren, oder ob sich Isaak nicht selbst betrog. Es wird hoffentlich alles klar werden – gehen Sie jetzt zu Bette, wie ich es tun werde; sobald die Totenschau beginnt, werden wir geweckt.«

Helmstedt ging notgedrungen nach seinem Zimmer; zweimal noch verließ er es, als Elliot unsichtbar geworden war, um vorsichtig umherzuspähen – einen einzigen Blick nur hätte er mögen mit in seine Träume nehmen, aber er mußte sein Bett suchen, ohne seine Sehnsucht gestillt zu sehen.

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