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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 10
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typefiction
authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
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Siebentes Kapitel. Eine Sklavenjagd

Wenige Minuten darauf trat die Gesellschaft auf den Portico heraus – Dick beschäftigt, die Laterne an einen Stock zu binden.

»Einen Augenblick!« sagte Elliot zu dem Schwarzen. »Jetzt, da Mr. Helmstedt da ist, magst du hier bleiben, wenn du willst – ich mag dir nicht zumuten, deine eigenen Kameraden jagen zu helfen. Ich würde sie ruhig laufen lassen und keinen Finger nach ihnen strecken – das wäre ihre sicherste Strafe – wenn's mir nicht darum zu tun wäre, dem weißen Menschenräuber den Weg zu verlegen. Gib die Laterne her!«

»Haben Sie keine Sorge um mich, Sir!« erwiderte Dick, den letzten Knoten festziehend. »Ich habe schon die ganze Zeit her gedacht, daß es bald ein paar schwarze Narren geben würde, seit der weiße Mann hier abends hinter den Zäunen herumschlich. Ich gehöre nicht zu der Sorte: 's tut kein weißer Mensch was umsonst für den weißen; möchte also wissen, warum er sich für den schwarzen aufopfern sollte!«

»Da ist wenigstens gesunder Verstand darin!« lachte Isaak; »nun aber keine Worte weiter verloren, wir haben ohnedies nur noch die Hoffnung, daß sie sich verspätet haben oder auf keine Verfolgung rechnen.«

Lang ausgerichtet und die anderen einen halben Kopf überragend, die Laterne an dem daran befestigten Stocke hoch haltend, schritt der Pedlar mit weiten Schritten den vier Männern durch die Dunkelheit voran. Es wurde die grade Richtung über die Felder und Einzäunungen hinweg bis zu dem Wege genommen, der an der Seite von Elliots Besitzungen hinlief, und den Baker kaum eine Viertelstunde vorher verfolgt hatte.

»Jetzt müssen wir weiter ohne Licht, damit wir uns nicht verraten,« sagte Isaak, als sie die letzte Einzäunung überstiegen hatten, und verbarg die Laterne unter seinem Rocke, »es können kaum noch dreihundert Yards von hier nach dem bezeichneten Platze sein. Vorwärts, aber so still als möglich!«

»Habt Ihr recht in bezug auf Baker, so kommt mir der Mensch nicht lebendig davon!« sprach Elliot halblaut, an die Seite des rasch dahinschreitenden Pedlars tretend. »Ich habe, solange ich ein Mann bin noch keinen solchen Fall gehabt wie jetzt – nur im Süden von Georgia habe ich als junger Mensch erlebt, daß flüchtige Sklaven in die Sümpfe verfolgt und mit Hunden herausgehetzt wurden; das war damals eine Pflicht der Selbsterhaltung, denn ganze Banden davon, schlimmer als wilde Tiere, lebten in den Rohrdickichten versteckt. In unserer Gegend hier sind Sklavenentweichungen ein Unding gewesen, und ich möchte lieber den doppelten Verlust auf einer anderen Seite haben, als daß mir zuerst so etwas passieren muß.«

»Sei'n Sie froh, Sir, daß Sie den Schaden nicht an Ihrem eigenen Fleisch und Blut zu bejammern haben, wie's noch viel leichter hätte kommen können!« erwiderte der Alte kurz und schritt schärfer vorwärts.

Sie waren nur noch ein kurzes Stück von dem Torgatter entfernt, als ein neuer, gewaltiger Blitz die ganze Gegend erhellte; zehnfacher betäubender Donner in immer sich erneuernden Schlägen folgte nach, und zugleich stürzte, als wäre jetzt mit einem Male die Himmelsschleuse weit aufgezogen worden, der Regen in Fluten hernieder. »Halt!« sagte der Pedlar; »sie scheinen noch nicht weg zu sein, dort bäumte sich eben ein angebundenes Pferd, das durch den Blitz scheu gemacht war – ich will vorangehen und sehen, wie es steht!« Er verschwand in der Finsternis – die übrigen standen gespannt und bewegungslos, aber bald bis auf die Haut durchnäßt und triefend; Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag erfolgten, daß die Ohren dröhnten und Helmstedt zuletzt meinte, er müsse sein Gehör verloren haben; mit immer neuer Gewalt gossen die Wolken ihre Ströme nieder und schienen den Boden unter den Füßen der Wartenden wegzuwaschen. Fünf Minuten mochten vergangen sein, als ein plötzlicher Lichtschein die Gesichter erleuchtete; Isaak stand unter ihnen und hatte die Laterne frei gemacht. »Sie sind fort und haben das Pferd zurückgelassen,« sagte er, »hier ist ein kleines Bündel, das sie fünf Schritte davon verloren haben; sie sind quer durch den Busch nach der Waldstraße, aber ich weiß den Weg vielleicht noch besser, und der Regen ist gerade recht, um ihnen das schnelle Laufen zu vertreiben!«

»Los denn!« rief Elliot. »Das Wetter wird nicht länger als eine Viertelstunde anhalten, und Gewitterregen trocknet man am besten durch scharfe Bewegung!«

Den Pedlar voran, das wohlgeschützte Licht in seiner linken Hand, ging es durch Regen, Donner und Blitz vorwärts – nach wenigen Minuten durch nasses Unterholz, bis sich ein schmaler Waldweg auftat. Der Alte schien eiserne Glieder zu haben. Mit immer gleich langen, eiligen Schritten verfolgte er den Weg und bog jedem Hindernis beizeiten aus, daß die Nachfolgenden es bald am geratensten fanden, sich dicht hinter ihm im Scheine der Laterne zu halten. Kein Wort wurde laut. Jeder hatte genug zu tun, sich vor dem Fallen auf dem schlüpfrigen Boden und vor Beschädigungen an den im Wege stehenden Bäumen zu schützen – und dazu schien der Gang des Führers immer schneller zu werden. Nach kaum fünfzehn Minuten hatte der Regen aufgehört, die Donner verhallten rollend in der Ferne, und die Kleider der eiligen Fußgänger dampften in dem Scheine des vorangetragenen Lichtes. Helmstedt hatte bald vergessen, zu welchem Zwecke er jetzt vorwärts schritt, und wo er war; er fühlte nur, daß auch ohne sein Zutun jede Gefahr durch Baker ein Ende hatte; vor ihm tauchten die Szenen wieder auf, die er eben durchlebt – Ellen in ihrer ganzen süßen Anmut trat vor seine Seele, er durchlebte die mit ihr verbrachte halbe Stunde, Minute für Minute noch einmal; er merkte nichts von der Länge des Weges, seine Beine taten mechanisch ihre Schuldigkeit, und erst als plötzlich der ganze Zug stockte, fuhr er aus seinen Träumereien auf. »Sie müssen kurz vor uns sein!« sagte Isaak, der seinen Gang gehemmt hatte, in sichtbarer Aufregung. »Hören Sie!« Ein Knacken wie von dürrem Holze wurde in einzelnen Zwischenräumen hörbar. »Sie sind über den alten Bretterdamm gegangen, das ist kaum noch drei Meilen vom Flusse – jetzt scharf drauf, und wir haben sie – der Weg durch den Wald wird bald zu Ende sein.«

Schweigend, aber in vermehrter Hast ging es weiter. Die Wolken hatten sich verzogen, und in wunderbarer Klarheit blitzten die Sterne am dunkeln Himmel. Als der Pfad sich dem Ausgang des Waldes näherte, löschte der Pedlar, ohne seinen Schritt anzuhalten, die Laterne. »Das Ding blendet jetzt mehr, als es hilft!« sagte er: Ein paar Minuten währte es, ehe sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bald aber ließen sich in dem matten Sternenlichte die einzelnen Formationen der freien Ebene unterscheiden.

»Dort sind sie, soll mir Gott helfen!« rief plötzlich der Alte und zeigte mit dem Finger vorwärts. »Dort,« fuhr er fort, als Elliot an seine Seite sprang, »gerade herüber von der Waldecke!«

Auf der chaussierten Hauptstraße, die sich wie ein helles Band aus der Dunkelheit hervorhob, ließen sich mehrere dunkle, davoneilende Schatten wahrnehmen. »Der Halunke scheint seiner Sache schon so gewiß zu sein, daß er nicht einmal mehr einen Nebenweg wählt!« rief Elliot. »Können wir sie nicht abschneiden?«

»'s ist dies ein Stück der Hauptstraße, das sie passieren müssen,« erwiderte Isaak, »dort unten nach dem Riverhause zu geht's wieder ins Dickicht – aber ich denke, unser Weg soll noch kürzer werden. Folgen Sie dicht hinter mir!« Er bog links ab, überkletterte eine Einzäunung, und durch die Stoppeln eines Maisfeldes schritt er, den übrigen voran, wieder dem Gebüsche zu. Ein schmaler Pfad, in der Nacht nur dem geübten Auge erkennbar, öffnete sich nach kurzer Zeit, und der Wald nahm die Männer wieder auf. Der Boden war hier dick mit abgefallenem Laube bedeckt, die Schritte wurden leichter und rascher, aber oft schien es, als nehme der Führer seinen Weg mitten durch das Unterholz, und einer mußte dicht hinter dem anderen bleiben, um sich vor den zusammenschlagenden Zweigen zu schützen und nicht in der Dunkelheit voneinander getrennt zu werden. »Seid Ihr recht, Isaak?« fragte Elliot nach einer Weile.

»Ohne Sorge, Sir!« erwiderte dieser. »Wenn der Pedlar, der das ganze Jahr durch die Gegend streift, seinen Weg nicht kennen soll, dann weiß ich nicht, wer außerdem.«

Eine Viertelstunde war im scharfen Schritte verflossen, als sich aus der Ferne ein Brausen wie das eines Wasserfalles hörbar machte, auf Augenblicke wieder schwieg und dann von neuem begann.

»Was ist das, hört Ihr nichts, Isaak?« fragte Elliot stutzend.

»Nur jetzt nicht angehalten, Sir!« entgegnete der Pedlar, seine Schritte noch mehr beeilend, »'s ist das Dampfboot, das im Flusse auf die Spitzbuben wartet; jetzt kommt es darauf an, welche Partei zuerst das Ufer erreicht – wer von uns die Büchsen hat, mag neue Zündhütchen aufstecken, im Falle sie naß geworden sein sollten!«

Vorwärts ging es, so schnell es die Hindernisse des Weges erlauben wollten; nach einigen Minuten lief der Pfad in die Straße nahe dem Riverhause aus; ohne aber nur einen Blick um sich zu werfen, schlug der Pedlar den von hier aus nach dem Flusse führenden Weg ein; seine Schritte schienen mit Hilfe seines Stockes halbe Sprünge zu werden, daß die Nachfolgenden trotz Spannung und Erwartung kaum nachzufolgen vermochten, und nur in Elliot schienen durch die nahe Entscheidung frische Kräfte erwacht zu sein. Das Brausen des Dampfbootes trat mit jedem Schritte deutlicher hervor – »Wir schneiden sie ab, nur rasch!« rief Isaak an der Spitze des Zuges; da klang vom Flusse ein Geräusch herüber wie das Fallen schwerer Gegenstände auf einen hohlen Boden, das bisherige Brausen erstarb plötzlich – die letzte Wendung des Weges lag vor den Verfolgern, und kaum zwanzig Schritte davon zeigte sich hell der freie Himmel über dem Flusse, von den ersten Lichtblicken des aufgehenden Mondes beschienen; in wenigen Sekunden war die kurze Strecke zurückgelegt – in demselben Augenblicke aber, in welchem Isaak das hohe Ufer erreichte, stieß auch unten das Boot vom Lande und ging mit voller Dampfkraft den Fluß hinab.

» God –!« rief Elliot im vollen Ausbruche der Enttäuschung und starrte dem davoneilenden Boote nach, »da geht's hin – und bei meiner Seligkeit, dort sieht eins von den schwarzen Gesichtern über das Deck.« Isaak stand eine Minute wie zu Stein geworden; dann stützte er sich auf seinen Stock und sank langsam, als verlasse ihn alle Kraft, in sich zusammen. »Wirklich zu spät!« sagte er. »Ich hörte die Davonläufer auf die Plattform hinunterspringen, aber ich wollte mir selbst nicht glauben – und fort ist der weiße Teufel mit ihnen.« – Die Schwarzen sahen mit einem Ausdruck von halber Verblüfftheit dem entschlüpfenden Fahrzeug nach, und nur Helmstedt, den das Bild des dunkeln Flusses überraschte, wie er sich hier zwischen der wildromantischen Bergformation hinwand, hatte einen Blick für die übrige Gegend. »Ich weiß nicht, ob es etwas nützen kann,« sagte er nach augenblicklicher Pause, »aber dort scheint ein anderes Boot den Fluß herunterzukommen!«

Elliot fuhr in die Höhe. »Hallo, das gäbe noch die einzige Möglichkeit eines Erfolges!« rief er und blickte stromaufwärts, wo eine doppelte Rauchwolke sich in dem Mondlicht abzeichnete und rasch heranzog. »Bei Gott, das ist einer unserer größeren Dampfer, das gibt Hoffnung; es soll mir kein Betrag zu hoch sein, wenn ich nur dadurch dem Schufte ans Genick kommen und ihm seinen Streich wettmachen kann. Brennt die Laterne an, Isaak, rasch, daß wir signalisieren können; der Mond läßt den Fluß unten noch in vollem Dunkel.«

Aller Augen hatten sich dem herankommenden Dampfboote zugewandt – das andere war bereits in der nächsten Flußbiegung verschwunden; Isaak zog ein Taschenfeuerzeug hervor, und bald brannte das Licht. »Ich glaube kaum, Sir, daß wir viel ausrichten werden,« sagte er, und von der Energie, welche sich bis jetzt in seinem ganzen Wesen ausgedrückt, war kein Schatten mehr in seiner Stimme hörbar; »ich glaube, wir sollen den Menschen nicht haben, sonst wäre ich trotz aller Mühe und Umsicht heute nicht überall zu spät gekommen – zu spät im Riverhause, um den ganzen Plan zu belauschen; zu spät zu Cäsar, der auf mich wartete; zu spät, um dem Spitzbuben die Flucht nach Oaklea abzuschneiden; zu spät hier – ich gebe etwas auf solche Zeichen, Sir!«

»Nach dem Ufer hinunter, und seid kein Narr, Isaak, dort kommt das Dampfboot!« rief Elliot und schritt rasch den Weg nach dem Landungsplatze hinab – die übrigen folgten, die Laterne wurde geschwungen, und das Arbeiten der Maschine in dein Boote hörte auf, langsam trieb es der Plattform zu, aus welcher die Wartenden standen; das Brett, welches als Brücke diente, fiel ans Ufer, und die fünf Männer sprangen hinüber. »Wo ist der Kapitän?« rief Elliot, als er den ersten Fuß auf das Fahrzeug gesetzt.

»Wenn er nicht schon schläft, wird er im Bar-Room (Kantine) sein,« war die Antwort eines der Arbeiter, »gleich dort links im unteren Deck.

»Bleibt hier, bis ich wiederkomme!« winkte der erstere seiner Begleitung zu und verschwand in der Dunkelheit des Raumes.

Die Maschine hatte ihre Arbeiten aufs neue begonnen, und das Boot schwamm in seiner gewöhnlichen Schnelligkeit den Fluß hinab. Wenige Minuten waren indessen verflossen, als Elliot wieder hörbar wurde. »Sie wissen, wer ich bin, Kapitän, und ich stehe mit allem, was ich habe, für jede Unannehmlichkeit ein!«

»Es wäre alles recht, Sir,« erwiderte eine zweite Stimme; »ich kenne das Boot vom Mississippi her, 's ist in allen Flüssen zu Hause, wo's einen Schurkenstreich gilt, und ich würde Ihnen gern die Hand zur Hilfe reichen – Sie haben aber weder Marschall noch irgendeine andere obrigkeitliche Person bei sich; wie und mit welchem Rechte wollen Sie das Boot zum Beilegen zwingen?«

»Well, Sir, wir nehmen es einfach mit dem Rechte des Bestohlenen; ich und meine Leute sind zusammen fünf bewaffnete Männer, und daß Ihre Deckarbeiter mit voller Seele dabei sind; dafür lassen Sie mich sorgen.«

»Und nachher lassen wir uns den Prozeß wegen Flußräuberei machen!«

»Unsinn!« ließ sich Elliots ungeduldige Stimme hören. »Glauben Sie im ganzen Süden von Amerika eine Jury von zwölf Männern zusammenzubekommen, die jemand verurteilen würde, der sich mit Gewalt wieder in den Besitz seiner gestohlenen Neger setzt? 's ist jetzt der erste derartige Fall in unserer Gegend, und ich sage Ihnen, unsere sämtlichen Pflanzer hier werden, wenn Sie jetzt energisch einschreiten, Ihnen so volle Anerkennung aussprechen, daß Sie damit zufrieden sein sollen – das Interesse jedes einzelnen ist mit diesem ersten Fall verbunden.«

»Well, Sir, lassen Sie mich zu den Passagieren sprechen, die noch wach sind.«

Elliot maß mit raschen Schritten den Raum vor der Bar-Zimmertür, durch welche der Kapitän verschwunden war, er hatte aber nicht lange zu warten. Die Tür flog auf, und laute Ausrufe klangen heraus: »Los, Kapitän, Sie verdienten ein nördliches Kanalboot zu führen, wenn Sie sich nur einen Augenblick noch bedenken wollten.« – »Hallo, wo ist der Gentleman? Wir hängen den weißen Halunken auf, wenn wir ihn fassen, und ich will meinen Teil mit für den Schaden stehen!« – »Drauf, es gibt doch wenigstens einmal eine Aufregung auf euren langweiligen Hinterwaldflüssen!« rief eine dritte Stimme. Fünf bis sechs Männer in sichtlich erregter Stimmung traten hinter dem Kapitän in das Zwischendeck heraus, in dessen Hintergrund, von dem Feuerschein des Maschinenraumes bestrahlt, sich bereits eine Anzahl Deckarbeiter gesammelt hatte. »Well, Jungens, es gibt noch Nachtarbeit,« sagte der Kapitän, »ich stehe euch aber für eine gute Extrabezahlung. 's ist ein fremdes Boot kurz vor uns, das Kidnappers (Menschendiebe) mit ihrem Raube an Bord hat – wir müssen es abfangen, und es ist möglich, daß die Jagd eine ernstliche Wendung nimmt. Ich will keinem befehlen, sich weiter zu beteiligen, als es der Dienst auf dem Boote verlangt – wer aber freiwillig die Sache mit durchfechten will, wenn es so weit kommen sollte, der mag es tun und einer anständigen Belohnung sicher sein. – Keinen Spektakel jetzt!« fuhr er, mit der Hand winkend, fort, als er in den Gesichtern der Arbeiter den Ansatz zu einem kräftigen Hurra sah; »es ist nicht notwendig, daß irgend jemand von den Passagieren aus dem Schlafe gestört wird – George hält genaue Wache am Sicherheitsventil, und jetzt scharfes Feuer unter die Kessel!«

Zehn Hände faßten auf einmal in die aufgeschichteten Holzscheite, bald war der Feuerraum nur eine lohende Flamme, die Maschine begann hastiger zu arbeiten, und in kurzem durchschnitt das Boot, das Wasser vor sich her werfend, in verdoppelter Schnelligkeit den Fluß.

Elliot, seine Begleiter und die übrige Gesellschaft hatten sich nach dem freien Raum auf dem oberen Deck begeben, der Mond war höher getreten und warf sein Licht schon in den Fluß, und jedes Auge spähte gierig nach dem verfolgten Fahrzeuge aus, aber eine Viertelstunde verging, ohne daß sich dem schärfsten Blicke eine Spur davon zeigen wollte.

»Wie lange hatte das Boot das Land verlassen, als Sie uns anriefen?« fragte der neben Elliot stehende Kapitän.

»Kaum fünf Minuten, Sir! Ich vermute aber, sie gehen mit so vieler Dampfkraft, als nur möglich, um schnell aus der hiesigen Gegend zu kommen!«

»Scharfes Feuer!« rief der Kapitän in den Raum hinunter; »so viel als der Kessel aushalten kann, dünneres Holz genommen und fleißig nachgelegt!«

Die Maschine begann zu keuchen, das Wasser flog, von den Rädern zu Schaum gepeitscht, und das Boot schoß mit wunderbarer Schnelle vorwärts. – Isaak lehnte gebückt, beide Hände vor sich auf seinen Stock gestützt, an der Kajütenwand und hielt die zusammengezogenen Augen starr in die Ferne gerichtet; jetzt bog der Dampfer um einen hervorspringenden Berg des Ufers, und zum ersten Male gab es eine freie Aussicht aus den Fluß hinaus.

In geraumer Entfernung zeigte sich jetzt die langgezogene Rauchwolke des verfolgten Schiffes, und einzelne Ausrufe der Befriedigung deuteten die Spannung an, mit welcher jeder an der Verfolgung teilnahm. »Sie müssen gehörig gefeuert haben, sonst hätten wir sie schon am Kragen,« sagte der Kapitän, ein kleines Fernrohr ans Auge setzend; »jetzt scheinen sie, nach dem schwachen Rauche zu urteilen, in aller Gemütsruhe weiterzugehen.«

Eine lange Pause, nur unterbrochen durch das Geräusch der arbeitenden Maschine und das Brausen der Räder, erfolgte; alle Blicke hingen an dem Boote vor ihnen, dessen Formen deutlich hervortraten.

»In zehn Minuten haben wir sie, wenn sie nicht Unrat merken,« sagte der Kapitän; »die Entfernung erschien durch das falsche Licht größer, als sie wirklich war.«

»Ich glaube kaum, daß sie eine Verfolgung fürchten,« erwiderte Elliot; »sie können kaum vermuten, daß ihre Flucht schon entdeckt sei.«

»Wenn uns das schwarze Gesicht nicht erkannt hat, das gerade bei der Abfahrt aus dem Boote sah – wir standen im besten Lichte«, ließ sich jetzt Isaaks Stimme vernehmen. »Sehen Sie die Rauchwolken, Sir, ob die Menschen dort nicht riechen, was hinter ihnen herkommt!«

»'s ist so, sie fangen an zu feuern,« sagte der Kapitän beobachtend, »aber viel soll es ihnen nicht helfen. Wir sind ihnen auf dem Nacken, unsere Kessel sind neu und haben schon einen anderen Druck ausgehalten. Teer ins Feuer, wenn's das Holz nicht mehr tun will!« rief er nach dem Raume hinunter, »aber scharf auf den Regulator am Kessel gemerkt!«

Der Dampfer schien bald durch das Wasser zu fliegen, und die Entfernung zwischen beiden Fahrzeugen nahm sichtlich ab – es ließ sich fast berechnen, wann das vordere Boot erreicht sein würde – da machte dieses eine plötzliche Wendung und steuerte dem Ufer zu; ein Brett fiel aufs Land, und hinüber huschten mehrere Gestalten – beide Dampfer waren sich schon so nahe, daß jeder einzelne Vorgang erkennbar war. »Da gehen sie hin!« sagte Isaak, »ich wußte, es sollte nicht sein.«

»Hölle und Teufel!« schrie Elliot, »legen Sie an, Kapitän; so weit gegangen, lasse ich die Sache jetzt nicht stecken.«

»'s ist Unsinn, Sir,« warf Isaak ruhig ein; »ehe wir ans Land kommen, sind sie schon über den Berg weg, und dann suchen Sie bei Nacht in einem unbekannten Walde!«

»Es tut mir leid, aber der Mann hat recht!« sagte der Kapitän. »Sicherlich haben die Halunken Wind bekommen, daß ihnen nachgesetzt wird, und werden jedenfalls jetzt ihre Wege zu Land kennen. Es war eine vergebliche Anstrengung – da schwimmt das verteufelte Ding wieder so langsam und unschuldig, als hätte es noch nichts anderes als reguläre Geschäfte gerochen. Wir find nicht weit von Dittos, gehen Sie bis dahin mit, Sir, und erlassen Sie gleich Anzeigen in den Zeitungen – dort finden Sie auch schnell eine Gelegenheit zur Rückfahrt – jetzt läßt sich an der Sache doch nichts ändern.« Er ging nach dem Steuerhäuschen, und bald erklang das Zeichen zum Nachlassen der Dampfkraft.

»Verdammt pfiffige Spitzbuben! 's ist jammerschade, daß die Geschichte so schnell zu Ende ging!«, sagte einer aus der das Vorderdeck einnehmenden Gesellschaft. »Jetzt, Gentlemen, sucht man aber wohl am besten das Bett!«

Elliot hielt noch immer die Blicke auf den Punkt geheftet, wo die entflohenen Sklaven ans Land gesprungen waren, und erst nach einer Weile drehte er sich langsam um. »Wir wollen hineingehen, und einen Platz zum Ausruhen suchen«, sagte er: »Ich hätte mir nichts aus dem Verlust der Schwarzen gemacht, die noch erkennen werden, wo ihre beste Heimat war, wenn ich nur den weißen Schurken, der nahe daran war, mir Haus und Familie zu entehren, hätte fassen können.«

»'s hat nicht sein sollen; warum, kann ich freilich nicht erkennen!« brummte Isaak und schritt langsam nach der Kajütentür, als fühle er erst jetzt die volle Abspannung nach den Anstrengungen des Tages.

Das Deck war leer, und gemächlich zog der Dampfer seine Furchen weiter durch das mondbeglänzte Wasser.

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