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Der papierene Aloys

Joseph von Lauff: Der papierene Aloys - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleDer papierene Aloys
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1928
firstpub1928
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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status1
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Vierzehntes Kapitel

Eine Lerche jubelte in den Sonntagmorgen hinein.

Sie stieg aus den taufeuchten Gräsern, die den Hof op gen Born von allen Seiten umzitterten. Ihre Lieder galten den hellen Ereignissen, so am Großen und Kleinen Belt geschehen. Hosianna dem Lenker und Führer aller Geschicke!

Die zweite. Sie hob ihre Schwingen aus den braungoldigen Ackerparzellen, deren belastete Ähren im Winde auf und nieder wellten – züngelnde Flämmchen in Gottes Morgenfrühe, errichtet auf dem Altare des Herrn! Ihr Singen und Sagen pries die Helden von Düppel und Alsen. Hosianna dem Lenker und Führer aller Geschicke!

Eine dritte wirbelte hoch. Regungslos stand sie bald darauf im leuchtenden Blau, das den Monreberg mit seiner ewigen Kuppel überdeckte. Perlenschnüre rieselten nieder, innige Kantilenen, silberne Schellchen von unendlichem Wohllaut. O diese Lerche! In Licht getaucht, von tausend und abertausend Sonnenstäubchen umglitzert, dem irdischen Auge kaum noch erreichbar, rief sie den Frieden an, den kommenden Frieden. Hosianna dem Lenker und Führer aller Geschicke!

Wie alles so groß war, so unendlich, so in Seligkeit versunken, so wunschlos und doch von Freude und Hoffnung getragen! und dann eine Glocke! Andere folgten. Schließlich waren es viele, die mit ihren melodischen Schwingen über das weite Land hinschauerten, kleine und große, sonore und solche, die dazwischen plauderten, als wären es die feinen Stimmchen von lebensfrohen Kindern gewesen. Und eine war darunter, eine stolze und mächtige, die rief die erste Messe an, als stände der höchste Engel des Herrn, ganz mit Licht umhegt, zwischen den Lüften, um im Namen seines Königs zur Sonntagsfeier und zum heiligen Tische zu laden. Man hätte diese Stimme in die Hand nehmen, ans Herz drücken, vor ihr niederknien mögen, so eindringlich vermittelte sie die Gemeinschaft mit Gott und seinen himmlischen Heerscharen, so keusch und rein pilgerte sie über die fruchtschwere Erde.

Ich kannte die Glocke. Da drüben läutete sie. Hoch oben von Sankt Nikolai herunter. Wie oft schon war ich bei ihr, in ihrer umdüsterten Stube, nur dann und wann von einem feinen Dämmer umgeistert, der aber reichlich Licht schaffte, ihr Schriftband zu entziffern. Und immer wieder mußte ich lesen:

»Den lieben Gode preis ich laut im Schalle.
O Sankt Maria, bidde vor uns alle!«

Ja, in ihrem majestätischen Läuten vernahm ich den Lobgesang des Allmächtigen, hörte ich die heißen Bitten zur Mutter der Barmherzigkeiten, fühlte ich: diese Glocke ist kein totes Metall, kein leeres Klingen und Tönen ... nein, sie hat Leib und Seele, Fühlen und Denken, Freude und Trauer; ihr Ruf kommt aus dem Himmelreich und geht zu den Menschen, die guten Willens sind. O Sankt Maria, bidde vor uns alle ...!

Wir vier: Henn Pierentrecker, der Sommersprossige, Peter Hartjes und ich lauschten dem Lerchenjubel, horchten bewegt auf die solennen Stimmen im Lande, auf das wundersame Rufen des Engels da droben, hoch in den Lüften.

An der sanften Lehne des Monreberges, schräg dem Hofe op gen Born gegenüber, hockten wir zwischen den Lohhecken, die uns mit ihrem dichten Eichengrün wohlig überrieselten, wir alle des Glaubens, Lerchen und Glocken streuten lediglich ihre Wunder aus, um dem papierenen Aloys, dem Heimkehrenden, ein hehres Fest und einen stolzen Empfang zu bereiten ... und dieserhalb: ein Hosianna dem Lenker und Führer aller Geschicke!

Schon in aller Herrgottsfrühe waren wir ausgezogen, willens einen Ehrenkranz für unseren gemeinsamen Freund zu flechten, ihn zu begrüßen, ihm das Geleit bis nach Hause zu geben, denn nach Aussagen des Riesen sollte im Laufe des heutigen Tages die Einholung des Düppelstürmers erfolgen.

Die Stunde des Eintreffens wußten wir nicht.

Das Laubgewind war fertig geworden.

Bis neun Uhr konnten wir warten. Brachte die Post ihn um diese Zeit nicht vorüber, ihn und den langen Moritz, mußten wir heimwärts, denn das Hochamt durften wir nicht versäumen. Der Weseler Eilwagen war bald fällig. So harrten wir denn und hofften in getragener Stimmung.

Des gestrigen Zwischenfalles mit Hannecke Brükers gedachte ich kaum noch. Ich begriff nicht, was sie mit dem angesagten Unglück bezweckte, wo sie hinauswollte; machte mir dieserhalb auch kein großes Kopfzerbrechen darüber. Nur einige Brocken streute ich meinen Kameraden hin, die sie gierig aufpickten.

Henn Pierentrecker machte ein langes Gesicht.

Peter Hartjes sah bedrückt in die Weite.

Der Sommersprossige jedoch ... Etwas Weises, Tiefgründiges wurde bei ihm jung. Dann sagte er mit weicher Betonung jedes einzelnen Wortes: »Ja, das mit Hannecke Brükers! Ich täte sie kennen. Sie wäre oft bei meiner verstorbenen Mutter zu's Nähen erschienen, und dann hätte sie immer so'n Gusto besessen, in die späteren Zeiten zu kucken.«

»Schon möglich!« warf Peter Hartjes dazwischen, »denn das habe ich auch schon bemorken.«

»Du?!« fragte Henn Pierentrecker.

»Warum nicht? denn meine Tante hat mir öfters erzählt, daß Hannecke wahrsagen könne und im voraus schon wisse, wenn 'n Malör käme oder wenn für irgendeinen, der noch seinen lebendigen Atem besäße, die Totenglocke anfinge zu läuten.«

»Das täte ich unterfertigen,« fiel Jan Höfkens ein und machte Augen wie Iwan Kasimir Brill, wenn er ein wichtiges Protokoll auszurufen hatte. »Das wäre so vor zwei Jahren gewesen. Ich müßte mich gerade auf der Mühle befinden, um meine Kröpper zu füttern, hätte aber 'ne besondere Eile empfunden, nach Hause zu kommen. In 'nem Sprung wäre ich da, sähe Hannecke am Fenster sitzen und gerade dabei, 'nen langen Faden zu wächsen. Nu, fragte ich leise, wie täte es stehen? Aber die Augen von ihr! Schön, aber traurig. Ich wüßte nicht, was sie wollte, bis sie endlich mit ihrem weißen Finger meine Schulter betippen und sagen täte: Das läge so in Gottes Fügung begründet. Man müßte mit Leid und Weinen darüber wegkommen und auf den lieben Heiland vertrauen, denn in vierzehn Tagen befände sich hier auf der Mühle 'ne Tote.«

Peter Hartjes sah verloren auf seinen Kollegen.

In seinen Blicken schwamm eine helle Feuchte.

»Und da?« fragte er heimelig, als wenn seine Gedanken auf Lammfellsocken gingen.

»Ja, und da ...« sagte Jan. »Wie das so wäre! Ich könnte immerzu an den großen Lehnstuhl denken, mit dem weichen Kissen darinnen ... an die Melizinflaschen ... an den Doktor Horré, der immerzu vorspräche ... und dann bekäm ich's mit's Weinen; denn genau vierzehn Tage nachher hätten wir unsere liebe Mutter begraben.«

»Donnerknispel noch eins!«

Henn Pierentrecker sprang auf.

»Nein, diese Hannecke Brükers! Die kann 'nen Menschen ja gruselig machen! und wenn ich dieses bedenke ...«

Er warf den Kopf herum.

»Kinder, da kommt was!«

Wir horchten.

Weit hinten auf der Chaussee, nach Marienbaum zu, ließ sich das Trappeln von Pferden vernehmen. Gleich darauf revierte ein Horn über Wiesen und Äcker, schaukelten sich silberne Bänder über die Berglehne hin, wurde das Lied vom ›Städtle‹ geblasen.

»Das ist Stäwe Rademaker mit der Weseler Post!«

Mit unserm Ehrenkranz sprangen wir aus den Lohhecken und auf die Straße hinaus. Hier warteten wir, in Reih und Glied und militärisch ausgerichtet, den weiteren Gang des Kommenden ab.

»Augen rechts!« gebot Henn Pierentrecker.

Sein Biceps erhob sich.

»Achtung!«

Der gelbe Wagen kam näher.

Wir sahen: Stäwe regierte die Pferde vom hohen Bock herunter. Er mußte uns schon lange bemerkt haben, denn er brachte sein Horn an Ort und winkte uns zu.

»Stäwe,« riefen wir ihn gemeinsam an, »kommt Ihr mit Aloys und dem langen Moritz gefahren?!«

»Prrr!« sagte Stäwe.

Die Gäule hielten an und verschnauften sich.

»Nee!« kam es vom Bocksitz herunter, »ich habe bloß 'nen Avkat als Fahrgast nach Kleve.«

»Und Aloys und Moritz?!« fragten wir bekümmerten Herzens.

»Je Jungs! Moritz hab' ich gestern abend in Wesel gesehen – am Bahnhof, und da sagte er mir: die Landwehrleute von's erste Aufgebot kämen erst heute abend mit die Eiserbahn an. Drum geht nach Hause, denn vor morgen können Aloys und Moritz nicht eintreffen. Adjüs denn! Hia da hüp!« und da rollte Stäwe Rademaker wieder über die Landstraße, in seinem schmucken königlichen preußischen Postillonsfrack, den fliegenden Stutz an der Hutkrampe, das Horn am Munde, und blies frei und frank in den blanken Sommermorgen hinein: »Ich hatt' einen Kameraden ...« als wollte er auch seinerseits dem König der Heerscharen und dem braven Aloys ein melodisches Dankopfer übermitteln.

Eine Wolke weißen Chausseestaubes wirbelte hinter dem gelben Wagen her. Bald darauf entschwand er uns in einer raschen Wegebiegung, die sich hinter Apfelbäumen versteckte.

Also erst morgen!

Mit frischem Kranz, wenn auch eine graue Schicht Ernüchterung unter der Weste, trudelten wir hinter Stäwe Rademaker her, machten lange Beine bei einem schnittigen Tempo, um nach Ablegung der grünen Ehrengabe bei Henn Pierentrecker noch rechtzeitig zur gebotenen Messe einzutreffen.

In den kühlen Räumen von Sankt Nikolai mußte ich an mancherlei denken – an Aloys, an Moritz, an die große traurige Erzählung vom Sommersprossigen, an Hannecke und ihre hellseherische Gabe.

Drüben saß sie, nicht weit von der Kanzel, eine Beterin, aber eine von denen, die den Beseliger aller Dinge nicht mit lautem Gestammel, mit tiefen Seufzern und verzückten Blicken, sondern im Geiste und mit reinem Herzen suchen und finden.

Mein Blick irrte ab. Er lief zum Altare der heiligen Männer Krispin und Sebastianus. Inmitten des hochgegliederten Aufsatzes erhob sich die wundersame Gestalt der einstmals sündigen und doch von allen Unbilden des Leibes und der Seele genesenen Maria von Magdala. Mit meisterlichem Schnitzmesser aus einem trotzigen Eichenkloben herausgeschält, verkörperte sie die Schönheit des Weibes in höchster Vollendung, so daß, der Chronik gemäß, Jakobäa von Baden, die nach den feinen Sächelchen des Daseins gelüstige Frau des letzten Herzogs von Jülich, Kleve und Berg, sich nicht genug darin tun konnte, das Ebenbild der reuigen Büßerin immerzu auf ihre Reize und natürliche Anmut zu prüfen.

So eine wie die ... Ja, so eine wie die! und als sie eines Tages mit ihrem stumpfen Gemahl herüberkam, um die Huldigung der Stände unter hellen Pauken und Trompeten entgegenzunehmen, entbot sie heimlicherweise einen jungen Nachfahren der niederrheinischen Bildhauerschule zu sich und sagte: »Kommt mit mir! Ich habe Euch etwas Wundersames zu zeigen,« und sie gingen nach Sankt Nikolai und traten durch die verödeten Hallen vor Maria von Magdala.

»Meister, da seht Ihr!« und die herzogliche Frau lehnte sich an ihn, daß ihre heißen Wangen die seinen berührten. »Nun sagt mir, habt Ihr anderweitig solche köstlichen Äpfelchen am Leibe eines sterblichen Weibes gesehen?«

»Nein, hohe Fürstin.«

»So folgt mir und Ihr werdet solche erschauen, als waren sie im Garten Eden gewachsen. Die sollt Ihr formen, zu meiner und Eurer Freude, im Angedenken an mich.«

Und er folgte dem Rufe, und als er im herzoglichen Schlosse zu Kleve den Bildstock vollendet, schloß er Jakobäa in seine glücklichen Arme, küßte ihre Lippen, die sich ihm wie pralle Weinbeeren darboten und stammelte: »Nein, hohe Frau, solche Äpfel aus dem Garten Eden erblickte ich niemals im Leben. Ihr habt die schönsten im Lande!« und da lächelte sie ihr vertraulichstes Lächeln und flüsterte ihm heimelig zu: »Das wollte ich wissen. Habt keine Sorge. Alles ist in der Kammer gerüstet. Niemand sieht uns. Ich will es Euch lohnen.«

Und also geschah es. Aber drei Monde später lag die stolze Jakobäa von Baden, weiß wie das Tafeltuch ihres Tisches, zwischen hochgeschichteten Pfühlen und brennenden Kerzen. Es hieß: der Hofmarschall des schwachsinnigen Herzogs, der grimme von Schenkern, habe sie eigenhändig von dieser Erde verwiesen.

So eine wie die!

Ja, so eine wie die! und wieder der Ruf der majestätischen Glocke! Bei der Wandlung schlug sie an und jubelte aus steiler Höhe herunter:

»Den lieben Gode preis ich laut im Schalle.
O Sankt Maria, bidde vor uns alle!«

Ich sah die Umwelt mit Feuergarben umspreitet. In Feuergarben kniete Hannecke Brükers dicht bei der Kanzel, im Gebet versunken, die Blicke in eine weiße Ewigkeit, in eine unerforschliche Ferne der Andacht und des Sichverlierens gerichtet.

Wirbelsinnig verließ ich das Hochamt. Nachdem ich das Kirchengäßchen passiert und den Marktplatz erreicht hatte, fiel mir auf, daß am Hause meines Freundes nicht alles so war wie in sonstigen Tagen. Schauauslage und alle Fenster waren geblendet. Die Tür, die gewöhnlich geöffnet stand, lag versperrt. Auch Oma hatte ich nicht in der Kirche gesehen, und hob sich doch immer gleich einer Granitsäule neben den Stufen des Sankt Georgenaltares, eine Frau, die mit allen ihren Sinnen erfaßte, was sie ihrem Gewissen schuldete, vom Beginn ihres Bewußtseins an bis zur Stunde, wo der Herr sie hinwegnehmen würde.

Ich konnte mich von den herabgelassenen Jalousien nicht trennen. Ein quälendes Rieseln glitt mir über die Schultern und blieb über der Herzgrube stehen.

Die Kirchengänger hatten sich schon alle verlaufen. Es war kein Angenehmes für sie, die brütende Sonne auf den Köpfen zu wissen. Wie damals auf meiner Fahrt zum Entenbusch, züngelte sie auch heute unbarmherzig aus glühender Scheitelhöhe. Kein Lüftchen wehte. Kein kühler Hauch säuselte von jenseits der Landwehr aus den Wiesen herüber. Trotzdem: ich haftete an der nämlichen Stelle, gesonnen, da drüben an dem todstillen Hause die Klingel zu ziehen, als ich ein Männlein gewahrte, das, von der Kesselstraße einbiegend, gemessen an den Hauserzeilen des Marktes vorbeischritt.

Christus! was der Doktor nur wollte?!

Er beeilte sich nicht. Ein Mann, den Achtzigern nahe, im hechtgrauen Gehrock, den hellen Filzzylinder etwas schräg über die silberigen Haare gerückt, in weißer Binde, das noch immer jugendliche Pontakgesicht mit den straffen Hasenpfötchen tief in den steifen Vatermördern gebettet, nahm er sich Zeit, seine ärztlichen Visiten abzustatten.

Ich vernahm deutlich das Aufsetzen seines mit einem goldenen Knopfe versehenen Rohres.

In Höhe der Post hielt er den Fuß an. Dort schob ein schwarzer Flieder seine bereits braunüberlaufenen Traubenbüschel über ein hageres Mäuerchen.

Der Doktor grüßte mit seinem hellen Zylinder.

Es galt dem Holunder.

Das war ihm zur Gewohnheit geworden, denn er ehrte ihn in seinen Blüten und Beerendolden als Segen- und Heilbringer für die leidende Menschheit.

Ohne Flieder keine Genesung.

»Aber nur weiter.«

Trotz der brütenden Hitze – Doktor Horré schritt durch dieses Glühen und Züngeln, als würde er von einem heiteren Frühlingslüftchen umfächelt.

Was er nur vorhatte?

Wohin er nur gehen mochte?

Wem galt seine Visite?

Hendrintje? – Der Staatsen?

Mein Puls setzte aus.

Wenn er nur an dem geblendeten Häuschen vorübergehen wollte, ohne die Klingel in Bewegung zu setzen, ohne über die liebe Schwelle zu treten!

Ah! er ging wirklich vorüber.

Ich atmete auf. Meine Sinne wandten sich wieder dem strotzenden Ehrenkranz und der morgigen Einholung zu. Ich fand mich getröstet. Das Rieseln über der Herzgrube ließ nach.

Der Tag verlief ohne weitere Störung.

Ums Abendwerden, als der Schöpfer Himmels und der Erde schon daran dachte, mit seinem Feuerwerk zu spielen, auch schon hier und da vereinzelte Sternchen aufblinzelten, als Vorboten einer wundersamen und lichtklaren Sommernacht, kartete ich mit der Traben- Trabacher Marie ein Partiechen Sechsundsechzig zusammen.

Mein Zubettgehen schob sich etwas hinaus, denn die Abwesenheit meiner Eltern, die der Einladung einer befreundeten Familie zu einer Abendgesellschaft nachgekommen waren, benutzte ich dazu, meine Traum- und Schlafstunden ein bißchen auf die lange Hobelbank zu strecken, mir von meiner genußlichen Freundin dieses und jenes von den Moselbergen und ihren Tälern erzählen zu lassen und dabei um den Einsatz von fünfundzwanzig bis fünfzig Kaffeebohnen zu jobbern.

In der Gegenwart der behäbigen Marie fühlte ich mich wohl. Ihre rundliche Fülle strömte den Duft einer herbstlichen Aprikose aus. Die Küche mit ihren großen Schatten, die die offene Messinglampe gegen die gekälkten Wände silhuettierte, das Wispern und Näseln im Rauchfang und das geheimnisvolle Knistern unter dem hängenden Wasserkessel erregte mich, gab meiner Phantasie reichlich Spielraum, mich in allen möglichen und unmöglichen Abenteuern zu ergehen.

Eine tiefe Ruhe senkte sich über das Haus ›Zu den sieben Linden‹, hüllte es ein mit den Floren des Schweigens und der Weltvergessenheit. Wäre eine Stecknadel von der Decke gefallen, ihr Fallen wäre auf dem Estrich verlautbar geworden. Die Stille hielt an. Nur hin und wieder raschelte ein Mäuschen zwischen dem geschichteten Reisig neben der Feuerstätte, zwitscherten die hingelegten Karten gegeneinander, summelte von Zeit zu Zeit das niedergebrannte Flämmchen leicht in die Höhe.

Das fünfte Sechsundsechzig-Partiechen setzte ein.

Da wurde ans Fenster geklopft, einmal, zweimal, dreimal.

Ich schreckte auf.

»Es ist nichts,« sagte Marie. »Bloß Hübbers. Er will vor dem Nachtwächtern seine morgigen Orders empfangen.«

Dann rief sie: »Herein! Die Türe steht offen.«

Zuerst erhob sich ein warmer Geruch nach Oldenkott- Rippchentabak, hierauf ein Knarzen von Transtiefeln, dann trat mein Freund und Gönner in die mystische Küche, das Horn geachselt, den Schleppsäbel umgeschnallt, also völlig parat, wie er sagte, die Bürgerschaft vor Brand, Gewalttätigkeit und sonstigen Schäden zu behüten.

Aus seiner Holzmutz kräuselte sich ein beizendes Räuchlein.

»'nen guten Abend zusammen! Fein das, so bei's Amüsieren mit die Däuser und Kaffeebohnen! Jupp, immer auf's Ganze! Und Sie, Mamsell ... ich wollte bloß fragen: Was gibt's morgen zu schaffen? Ich meine von wegen der Zeugenschaften.«

»Um neune 'ne Hypothekenverschreibung,« erklärte Marie und duftete stärker nach ausgereiften Aprikosen. »Gleich drauf 'ne kleine Obligation zwischen Kemper und Piepers, in Firma Piepers und Söhne. Um zwölf Uhr wird nach Reeserschanz gefahren. Dem alten Ökonomikus Tersteegen soll's nicht besonders ergehen. Wie ich höre, steht ihm das Wasser schon bis über dem Magen. Na, wie die hiesigen Niederungsbauern so sind: immer im Lehmwind, verkleisterte Naslöcher, fette Ackerparzellen und dicke Champagnerbouteillen. Das kann der Stärkste auf die Dauer nicht durchhalten. Auch Neres Tersteegen nicht. Er wird wohl abreisen müssen, und drum wohl seine letzte Willensbestätigung.«

»Wird gemacht,« sagte Hübbers. »Von Rechts wegen. Quod notamus lex est, wie die Schittbox als angehender Justizrat behauptet. Aber um dessentwillen bin ich allein nicht vorgesprochen. Ich meine ...« und der sonst so zungenfertige Hübbers geriet in ein leichtes Stottern und Stammeln, »ich meine, da ist mir propter und prätorius so 'ne dumme Geschichte begegnet.«

»Was für 'ne Geschichte?!«

»Mamsell ...!«

In der Glasservante meiner Mutter stand ein Bronzeputer aus Porzellanmasse, der bekümmert in den Salon hineinblinzelte. Genau ein solches Gesicht leistete sich Heinrich Hübbers, als er das Wörtchen ›Mamsell‹ langstielig hervorholte.

Es trat ein ernstes und beklommenes Schweigen ein, das selbst keine Fliege zu stören wagte. Dann wieder: »Man weiß nichts Genaues. Nur dieses und jenes. Aber das ist schon satt und genug, uns diese Nacht leiser tuten zu lassen; denn wenn irgendwo 'ne Sterbende oder 'ne Tote im Hause ist, so hat man dafür Kontenance zu halten.«

»Aber Hübbers, wo ist denn 'ne Sterbende oder 'ne Tote?!«

»Mamsell, ich sagte schon eben: Man weiß nichts Genaues. Nur vor 'ner kleinen halben Stunde vielleicht ... beim papierenen Aloys ... da ging die Haustüre auf und dann wieder zu, und Doktor Horré war binnen. Gleich darauf kam es auch von der Sakristei gebimmelt; erst der Meßjung mit's brennende Seelenlicht und hinter ihm her der Herr Pastor ... im Röckling ... das Allerheiligste vor sich. Beide sind durch die nämliche Haustür gegangen. Mamsell, ich kann bloß behaupten: entweder Oma oder Hendrintje ... und da muß unsereins schon ein übriges tun und ganz dusemang und piano tuten.«

Er zuckte die Schultern.

»Denn so'n lautes Tuten hören die Toten und die mit 'nem kurzen Atem nicht gerne. Das muß man berücksichtigen. Heute noch in roter Vollendung und morgen schon ... Insonsten, Mamsell ...«

»Christus, Christus!«

Ich vernahm nichts mehr, auch sah ich weder die Traben-Trabacher Marie noch den Überbringer dieser entsetzlichen Nachricht. Nur hörte ich das Ziehen eines Schleppsäbels über die Küchentreppe, das Gehen von harten Schuhen. Gleich darauf drehte sich der weite, dämmerige Raum um mich wie das Flirren der Spiegelscheiben in einem sich langsam bewegenden Karussell, kreiste die Rübsenöllampe mit dem kohlenden Docht, der Rauchfang, die Sterne, die weit hinter den beschlagenen Fensterscheiben aufflinzelten.

Entweder Oma oder Hendrintje ...!

Das hämmerte mir gegen die Schläfen. Dann war es mir, als läge ich mutlos zwischen weißen Kissen gebettet. Ich höre verworrene Geräusche, ich sehe unbestimmte Wesen und Bilder: den gewundenen Eichenkranz, den verstörten Papierladen meines Freundes, den langen Moritz in großer Aufmachung, den Pastor mit dem Allerheiligsten zwischen den reinen Händen, das Kringeln des Nachtlichtes, das aus dem Schlafzimmer meiner Eltern zu mir herüberflämmert. Einer mit einer großen, blutenden Wunde über dem Herzen tritt in mein wehes Träumen hinein. Ich sehe: diese Wunde ist nicht mehr zu heilen, denn das sickernde Blut ist kaum noch zu stillen. Unaufhörlich tropft es nieder, mit dem sonderbaren Tropfen von fallenden Bleikügelchen. Andere kommen. Menschen mit weißen Gesichtern und verschränkten Händen. Es ist alles so trostlos, so leer, so mit dem Röcheln eines Sterbenden durchzittert, der die letzten Anstrengungen macht, sich an einen vorüberschwimmenden Strohhalm zu klammern, um schließlich doch zu erkennen: Es ist schon besser so. Darüber zergeht alles Herzeleid wie ein ödes Tongewirre, das weder Sinn noch Verstand in sich birgt. Nur die Ewigkeit und die Wesen in dieser Ewigkeit sind von immerwährender Dauer, ohne Anfang und Ende. Auch Gott in seiner Weisheit und seinen Barmherzigkeiten. Dann schlugen die Turmuhren an, die vom Rathaus und die von Sankt Nikolai. Ihnen folgte ein Tuten, ein weiches und kaum vernehmbares Tuten, als dränge es durch ein dichtes Gespinst von Pleureusen und Sterbelaken. In diesem dichten Gespinst versanken auch meine Sinne, zergingen wie das verhaltene Blasen da draußen, das sich allmählich in den verlorenen Gassen verflüchtigte.

Heinrich Hübbers hatte Wort gehalten. Ähnlich dem abgestopften Rufen einer Waldohreule lief das Tönen seines Nachtwächterhornes durch das Schimmern und Scheinen einer Nacht, gesättigt mit Sternenfeuer.

 

Mit dem Beginn des neuen Tages stand wieder das unbarmherzige Gestirn über Stadt und Niederung.

Es hatte noch nichts von seinem Glanz und seinem brütenden Leuchten verloren. Blutrot stieg es aus einer dunstigen Linie auf, um bei seinem Höhersteigen sich durch ein kupfriges und violettes Glühen hindurch in ein heißes zinnernes Weiß zu verwandeln.

Die ersten Mehlschwalben durchrissen die Lüfte.

Die Spatzen schilpten von den Dachrinnen herunter.

Mit dem frühesten war ich aus den Federn.

Die sieben Linden, deren Laubmassen wie dunkelgrüne Talare von russischen Popen über sie herfielen, zeigten nicht die geringste Bewegung. Über sie hin klepperte das dünne Stimmchen des Messeglöckchens. Es verkündete: »Gleich ist die Handlung des heiligen Opfers beendet. Gehet nach Hause!«

Eine nicht zu bezwingende Unruhe trieb mich ins Freie, an die Stätte, die so traurig war und doch gesegnet wurde durch die Hinnahme der letzten Wegzehrung.

Ich wagte mich nicht bis an die Schwelle heran, mit der mich so manches trauliche und liebe Erinnern verknüpfte. Ich sah nur abgeblendete Fenster, die kein Leben mehr aufwiesen, und hatten früher so heiter, so genüglich und farbenfreudig in der Pracht ihrer Bilderbogen und Musselingardinen angemutet.

Was mochte hinter den Läden geschehen sein, oder was geschah noch zwischen den stillen Wänden?

Der Markt schien mir größer geworden, abgeschiedener, einem Friedhof ähnlich. Ja, so! die ackerbautreibende Bevölkerung mußte draußen beschäftigt sein, auf den Roggen- und Weizenschlägen, die der Sense und des Dengeleisens harrten. Emsiger denn in sonstigen Jahren waren Ähren und Grannen in den mütterlichen Zustand der Reife getreten, neigten sich der Erde zu, um von den warmen und befruchtenden Schollen Abschied zu nehmen. Sie hatten es eilig, in die Scheunen zu kommen. So waren denn die Mäher und Binderinnen erschienen, ihnen die ewige Ruhe zu geben.

Wenn sich die Türe doch öffnen wollte, wenn doch jemand hervortreten würde, mir das zermarterte Herz zu erleichtern!

Und doch kam Eine gegangen, aus dem Kirchengäßchen, schwarzgekleidet, ein Gebetbuch zwischen den Fingern.

Es war Hannecke Brükers.

»Was machst du hier?« fragte sie hastig.

Ihre Augen waren gerötet.

»Ach Hannecke,« versetzte ich kleinlaut, »ich möchte so gerne ... ich weiß nicht ... aber Hübbers hat so komisch geredet... und da möchte ich wissen ...«

Sie winkte traurig ab.

»Das laß man. Diese Nacht bin ich da drüben gewesen, um der Barmherzigkeit willen. Aber da ist nichts mehr zu ändern. Beten wir lieber ein Vaterunser zusammen.«

»Hannecke, ja ... aber Aloys ... wenn er schon da ist – wir müssen ihn doch begrüßen. Der Kranz ist schon fertig. Henn Pierentrecker und ich ...«

»Dann komm nur. Aloys ist da. Er und Moritz ... bei mir ... seit heute morgen um fünfe... Sind durchmarschiert von Wesel über Marienbaum, um jetzt verwirrt nebeneinander zu sitzen. Sie wissen das Schlimmste. Herr, gib ihr die ewige Ruhe!«

»Hannecke ...!«

»Und das ewige Licht leuchte ihr, Amen.«

»Hannecke, was ist denn passiert?!«

Mein Herz setzte aus.

»Komm nur, mein Junge. Darüber können wir selbst nicht befinden. Ich war beim Herrn Pastor. Er wird es schon machen.«

Sie legte mir ihren weichen Arm um die Schultern und führte mich mit sich, die Kesselstraße entlang, dem Häuschen ›Achter de Mur‹ zu.

Unterwegs beteten wir das Vaterunser gemeinsam, ohne daß ich eigentlich wußte, warum ich es betete. Lediglich ein banges Ahnen, ein Tasten im Nebel, ein Suchen durch Tränen und Finsternis. Auch Hannecke gab keine weitere Aufklärung, als trüge sie Bedenken, mir das Herz noch schwerer zu machen. Nur als wir Nölleckes Schmiede passierten, wo zu meinem Erstaunen kein Eisen rasselte, kein Feuer auf der Esse strudelte, kein Hammer seine dröhnende Musik hintrumpfte, kein Wasser aufzischelte, wurde sie unsanft aus ihrem zerquälten Denken gestoßen.

»Da sieh nur! Da drüben! 'ne schwere Hand liegt auf dem Anwesen, 'ne richterliche Gotteshand, und wenn einer 'ne Schuld trägt ...«

Sie deutete auf die öden Wände.

»'ne Schuld mit 'nem Menschenunglück und Blut dran – so hat der sie zu tragen. Der nur allein hat den Spaten in die Kirchhofserde getrieben, und seine eigene Arbeit und sein eigenes Leben ist seit diesem Tage verrottet – verrottet.«

Ich fühlte die Empörung in ihr, die Qual, die ihre Seele nicht fassen konnte.

Von ihrem linden Arm umfaßt, trieben wir weiter. Noch hundert Schritte ... noch fünfzig ... und wir stiegen die schmale Treppe hinan, die zu Hanneckes Zimmer führte.

»Da binnen ...!«

Es war alles wie früher. Helles Sonnenlicht durchflutete die niedrige Stube. Der alte Geranienstock blühte wie sonst auf dem Fenstersims. Die Schildereien an den Wänden lächelten mir zu. Nur die Meerschweinchen fehlten. Sie hatten ihr Sommerquartier im Hof neben der alten Scheune bezogen.

Und Aloys?!

Da saß er neben dem Ofen, noch im Rock seines Königs, das Düppel- und Alsenkreuz auf der Brust, den linken Arm in der Binde, den Kopf vornüber geneigt ... und zählte die Dielen ... und zählte die Sandkörnchen, die sich zwischen ihnen verfangen hatten ... und wurde mit dem Zählen nicht fertig.

Ihm zur Seite stand Moritz. Die Rechte auf der Schulter des Heimgesuchten, stierte er in den ehernen Himmel hinein, in ein Stückchen des ehernen Himmels, das durch das Oberlicht des Fensters ins Zimmer glühte, als wäre von dort aus das Heil zu erwarten, der Glaube an die Wiedergeburt einer besseren Menschheit.

Hannecke stieß mich an.

Ich verstand sie.

»Aloys!« sagte sie ganz klein und bedrückt.

Da hob sich sein Kopf.

Nein, das war Aloys nicht mehr, der Versonnene von einst und ehedem. Nichts mehr von dem Gehabe eines Kaplänchens in der tiefen Schneeeifel. Ein Mann sah mich an mit wettergebräuntem und kriegzerpflügtem Gesicht, und in dieses Gesicht hatten die letzten Stunden ihre grausigen Runen gehauen. Ein feiner Blutstreifen sickerte ihm von den Lippen herunter.

Über sein Haupt zog sich eine weißliche Strähne.

»Du?!« rief er aus.

Er taumelte hoch. Er riß mich an sich. Er drückte mir einen Kuß auf die Stirne.

»Das ist lieb von dir. Junge, Junge, so was kann einer gebrauchen! So was vergißt man nicht mehr. Alte Freunde, treue Erinnerungen!«

»Wir haben auch 'nen Kranz für dich. Henn Pierentrecker und Hartjes ... und dann noch ...«

»Später, später, mein Junge! Erst Ruhe, erst Ruhe!«

Er wischte sich über die Augen.

»Da drüben haben wir unsere Arbeit getan; jetzt kommt hier unsere Arbeit. Da sieh mal! Das muß man genauer betrachten, denn so was ist nicht alle Tage zu haben. Ich Ärmster!«

Den pluralis majestaticus hatte er im Laufe der kriegerischen Vorgange mehr oder weniger von sich gewiesen. Nur hin und wieder noch zitterte er durch, ein Anhängsel aus dahingegangenen Tagen.

Mit steifen Fingern grapste er sich über die Haare.

»Da sieh bloß! Das kommt nicht von Düppel her oder von Alsen. Das Weiße hier – das kriegte ich so unversehens über den Schädel gestriegelt. Himmel und Elend!«

Er lachte ein häßliches Lachen.

»Man hat's mir gesteckt. In unserm Hause, da liegt sie ... da grabbelt die Verstörung herum ... da will die Schande über mich her. Verdammich!«

»Aber Aloys!«

Der Ärmste jammerte auf: »Herzeleid! Herzeleid!«

Hannecke kam und führte mich still auf die Seite.

»Satt und genug!«

Das war Moritz seine Stimme.

Der Riese packte zu.

Seine klobigen Finger krampften sich fest um den Arm seines Freundes.

»Still sollst du bleiben ... sofort ... ohne zu mucksen. Kein Wort mehr. Wir wollen doch 'nen rechtschaffenen Betrieb hier einsetzen ... keine Verbiesterung. Man muß klare Navigierung besitzen. Im diesigen Wetter kommt einer nicht weiter ... niemals, oder er kriegt'n reguläres Leck mang die Planken ... 'n ganz reguläres. Das willst du doch nicht. Das ist doch niemals deine Nummer gewesen. Blexem und Donnder! du sollst Besinnung behalten ... volle Besinnung ... ohne auch nur 'nen Momang die Hand vom Ruder zu lassen. Man schießt nicht mit Kanonen auf Spatzen ... und Spatzen sind Lumpen. Verstehst du?«

Aloys lächelte mit dem Lächeln von gefirnißten Särgen, über die ein Totenlämpchen hinzittert.

»Verstehen? Nein, das kann niemand verstehen. Auch ich nicht. Drüben an der Eider diese Glorie! und hier ... Ah! und wir dachten uns aus: jetzt beginnt für uns erst das richtige Leben.«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, Moritz, das kann niemand verstehen. Und hier das ...« und er versuchte, mit der gesunden Hand sich die Ehrenzeichen vom Leibe zu reißen, »nicht wegen meines totalen Niederbruchs – denn diesen nehme ich hin – aber von wegen meiner persönlichen Ehre ... Die Kreuze! was sollen sie noch an 'nem unhonorigen Menschen? Jesus, Jesus, bloß fort damit!«

Moritz schrie auf: »Mensch, die Finger herunter! Willst du dich auch an deinem König vergehen? Auch das noch?! Ruhe bitt' ich mir aus, oder wir sind geschiedene Leute ... völlige Ruhe. Die hast du mir doch zugeschworen. Sonst – ich mache wieder nach Grieth hin.«

»Moritz ...!«

»Ja du, so wahr ich hier stehe.«

Aloys sah ihm starr in die Augen.

Der Arm sank ihm nieder, als wäre er von einem Beilhieb getroffen.

»Moritz, das Leben ist mir doch aus den Speichen geworfen, der letzte Funke ausgetreten. Was bleibt einem da übrig? Nur noch: sich langsam von der Erde zu sensen.«

»Du bist wohl des Satans!«

Aloys zuckte die Schultern. Seine Blicke weiteten sich maßlos. Die Stimme flackerte: »Aber Moritz, was soll denn beschafft werden?«

»Das Nächste. Direkt dem Malör mit der Faust vor die Stirne. Das ist es.«

Der Riese warf den Kopf herum.

»Mamsell, wie steht nu die Sache? Sie waren doch bei ihm?«

Hannecke schluchzte auf: »Ja, ich bin bei ihm gewesen, und Hochwürden meinten: Es wäre gut, wenn er käme ... sobald wie möglich ... zur Mutter. Es müsse doch mal geschehen. Unter allen Umständen. Es wäre Christenpflicht und ließe sich nicht von der Hand weisen.«

»Also nicht von der Hand weisen?! Aloys, da hörst du. Nimm dich zusammen. Schon der Welt gegenüber. Deine Mutter ...«

»Ja, meine Mutter!«

Der Verzweifelte suchte nach der Hand seines Freundes. Über das verfallene Gesicht tropfte es nieder ... heiße Tränen ...

»Blexem! nicht weinen.«

Eine harte Pranke streichelte über die Stirne des Ärmsten.

»Nicht weinen. Das kann ich bei den Mannsleuten nicht sehen. Denn so was stößt einem direktemang das Herz auseinander. Also was meinst du?«

Da raffte Aloys sich auf.

Sein Nacken strammte sich wieder.

»Wir danken dir, Moritz.«

Er war ruhig geworden, äußerlich ruhig.

»Und nochmals: wir danken dir, Moritz. Ohne dich wäre ich einfach vor die Hunde gegangen.«

Er besah seine Rechte. Sie kam ihm vor wie die eines Sterbenden. Langsam zählte er an den Fingern herunter: »Erst zur Mutter. Wäre das schon vorüber! Denn was so 'ne Mutter erduldet ... Dann zu ihr. Ich muß sie doch noch einmal sehen, wie sie so liegt zwischen den Kissen, wie das letzte Licht über sie hingeht.«

Er rang mit dem Schluchzen.

»Nur noch einmal sie sehen, sie fragen, warum sie mir dieses antat, warum das alles kommen sollte und mußte. Ihr toter Mund wird schon sprechen, wie tief ihre Schuld war, oder wie schwer ein anderer sich an ihrem Leibe versündigte. Tote lügen nicht mehr. Wenn sie zu reden anfangen, reden sie im Namen dessen, der sie abrief, um ihre Seele in seine Hände zu nehmen. Aber den Mörder meiner bürgerlichen und häuslichen Andacht ... Moritz ...!« und die alte Qual packte ihn wieder, »Moritz, wenn ich den Menschen ... Jesus mein Heiland!«

»Halt! nimm dich zusammen. Es gibt einen Gott und eine Wiedervergeltung! Das findet sich später.«

»Ja, das findet sich später. Also gehen wir.«

Er rückte des Königs Rock zurecht und brachte das Alsen- und Düppelkreuz mit klammen Fingern in Ordnung.

»Fertig!«

Da rief der Riese Hannecke an: »Mamsell, gehen Sie jetzt. Sie können schon eiligst vermelden: Wir würden gleich vorsprechen.«

Wie wir bald darauf ins Freie gelangten, Hannecke und ich, ist mir entfallen. Ich weiß nur noch: die Gassen lagen noch immer so verlassen wie eine Stunde vorher. Kaum ein Mensch war zu sehen. Die Pflastersteine atmeten eine beklemmende Hitze aus. Die Häuser schliefen. Jegliches versackte in einem stumpfen und dumpfen Hinträumen. Nur die Schwalben flirten wie schwarze Pfeile unter dem ewigen Himmel.

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