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Der Octopus

Frank Norris: Der Octopus - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFrank Norris
titleDer Octopus
seriesDas Epos des Weizens
volumeErster Teil
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1907
translatorEugen von Tempsky
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140509
projectid27042c94
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6

Es war Mittagszeit, und die Strahlen der in unerträglicher, blendender Helle scheitelrecht im Aether schwebenden Sonne fielen so gerade wie Senkbleie auf die Dächer und Straßen von Guadalajara. Die Adobemauern und schmalen ziegelgepflasterten Fußwege des schläfrigen Städtchens strahlten eine glühende Hitze aus, von der die über ihnen lagernde Luftschicht in flimmernde Bewegung versetzt wurde. Die Blätter der Eukalyptusbäume auf der Plaza hingen in der sengenden Glut schlaff und bewegungslos an ihren Zweigen. Der Schatten der Bäume war dicht um ihre Stämme herum zu seinem kleinsten Durchmesser zusammengeschrumpft. Die Sonne war überall. Die von Backsteinen, Mörtelwänden und Blechdächern ausströmende Hitze vereinigte sich mit der erstickenden Glut, die wie aus einem überheizten Backofen sich von dem in bleichem Feuer strahlenden Himmelsgewölbe herabsenkte. Nur die Eidechsen – sie hausten in den Rissen zerfallender Adobemauern und den Fugen des Backsteinpflasters – blieben jetzt im Freien; von der Hitze betäubt und bewegungslos, wie ausgestopft, die Augen bis auf einen schmalen Schlitz geschlossen, ließen sie sich von der Sonne braten. Das Summen eines Insekts unterbrach hin und wieder die lautlose Stille, vibrierte eine Weile in einem langgezogenen, einlullenden Ton und verstummte allmählich. Irgendwo in einem der Adobehäuser schwirrte und brummte wie träumend eine Gitarre. Auf dem Hoteldach gurrten die Tauben in sanft klagenden Koselauten; eine schneeweiße Katze mit rosig schimmernder Nase und ebensolchen schmalen Lippen schlummerte in der vollen Sonne behaglich auf dem obersten Querbalken eines Zaunes. In einer Ecke der Plaza plusterten sich drei Hennen mit ausgebreiteten Flügeln und gluckend vor Wohlbehagen in dem glühendheißen Staube. Sonst regte sich nichts. Tiefe, friedvolle Sonntagsruhe lag über dem ganzen altersschwachen Städtchen. Etwas wie ein Gefühl wohliger Müdigkeit und angenehmer Betäubung schien von den sonnendurchglühten Mauern auszugehen. Nichts rührte sich, und kein Geräusch menschlicher Hantierung war zu vernehmen. Das feine Summen des Insekts, die abgebrochenen, schwirrenden Töne der Gitarre, das zärtlich klagende Gurren der Tauben, das Schnurren der Katze, das zufriedene Glucken der Hennen – alle diese Laute vereinigten sich zu einer eintönig-leisen, schläfrig machenden Musik, die die Vorstellung unendlicher Ruhe, eines seit Jahrhunderten in friedvollem Behagen dahinfließenden Lebens erweckte, das unter der stillen Pracht des wolkenlosen, blaßblauen Himmels und beständigem, nie nachlassendem Sonnenbrand sich nach und nach seinem Ende zuneigte.

In Solotaris spanisch-mexikanischem Speisehaus saßen Vanamee und Presley an einem der Tische nahe der Tür einander gegenüber; zwischen ihnen standen eine Flasche Weißwein, Tortillas dünner Maiskuchen, der bei den Mexikanern die Stelle des Brotes vertritt. und ein irdenes Gefäß mit Frijoles. kleine braune mexikanische Bohnen. Sie waren die einzigen Gäste. Annixter gab an diesem Abend den Ball zur Einweihung seines neuen Barns; auf Quien Sabe herrschte Feststimmung, und die Feldarbeit ruhte. Presley und Vanamee wollten den Tag zusammen verbringen; sie hatten bei Solotari ihren Imbiß eingenommen und beabsichtigten, am Nachmittag einen längeren Spaziergang zu machen. Eben jetzt lehnten sie nach beendeter Mahlzeit bequem in ihren Stühlen. Solotari brachte schwarzen Kaffee und eine kleine Karaffe mit Mescal, Agavebranntwein. worauf er sich in seine Schlummerecke zurückzog und bald fest einschlief.

Schon während der Mahlzeit war Presley das veränderte Aussehen seines Freundes aufgefallen. Wieder blickte er ihn prüfend an. Vanamees schmales, hageres Gesicht hatte eine bleiche, olivengraue Farbe. Sein schwarzes schlichtes Haar von der Art, wie man es bei den Heiligen und Evangelisten der präraffaelitischen Maler sieht, hing in langen Strähnen über die Ohren herab. Wie so oft schon fiel Presley wieder die Feinheit und Weiche des schwarzen spitzen Vollbartes auf, der aus den eingefallenen Wangen hervorsproß. Lange ruhten seine Blicke auf dem Antlitz des Freundes; so mußten die von Gott erleuchteten Hirten der hebräischen Legenden ausgesehen haben, die in der Wildnis wohnten und mit wunderbaren Gaben begnadet waren. Vanamee war ebenso gekleidet wie damals, als Presley ihn bei seinen Schafen getroffen hatte. Das graue, am Halse offene Flanellhemd zeigte die von der Sonne gebräunte Brust; die braunen Overalls steckten in hohen Stiefeln, und um die Hüften war ein leerer Patronengürtel geschnallt. Wie Presley jetzt den Freund genauer betrachtete, fand er einen neuen, seltsamen Ausdruck in Vanamees tiefliegenden Augen. Und jetzt erinnerte er sich, daß Vanamee während des ganzen Vormittags eine außergewöhnliche Verschlossenheit und Schweigsamkeit gezeigt hatte; in tiefe Träumereien versunken, war er ungemein zerstreut und wie geistesabwesend gewesen. Endlich sprach Vanamee. In seinen Stuhl zurückgelehnt, die Daumen im Gürtel und das bärtige Kinn auf die Brust gesenkt, begann er in der eintönigen Weise eines im Schlafe Sprechenden zu reden.

In wenigen Worten erzählte er Presley von der ersten im Garten der Mission verbrachten Nacht und der Antwort, halb einer Ausgeburt seiner überreizten Einbildungskraft, halb Wirklichkeit, die ihm dort gekommen war.

»Zu keinem andern wie dir möchte ich davon reden,« sagte er, »denn du wirst mich, wie ich glaube, verstehen – wirst wenigstens mit mir fühlen, und ich muß jemand mein Herz ausschütten. Zuerst glaubte ich meinen Sinnen nicht trauen zu dürfen. Ich mußte mich getäuscht haben, aber in der zweiten Nacht geschah dasselbe. Zuerst hatte ich Furcht – oder nein, es war nicht Furcht, ich war beunruhigt, bekümmert und erschüttert im Innersten meines Herzens. Ich war entschlossen, nicht weiterzugehen, keinen neuen Versuch zu machen. Lange blieb ich der Mission fern und suchte durch angestrengte Arbeit auf andre Gedanken zu kommen. Aber die Versuchung war zu groß. In einer dunkeln Nacht stand ich wieder im Schatten der Birnbäume und rief nach Angèle; ich beschwor sie, mir aus der Nacht, aus der Finsternis zu nahen. Diesmal erhielt ich eine schnelle und unverkennbare Antwort; worin sie bestand, wie sie zu mir kam, vermag ich dir nicht zu erklären, denn ich hörte keinen Laut. Und ich sah nichts als das leere Dunkel der Nacht. Der Mond schien nicht. Aber irgendwo in dem kleinen Tale, weit, weit von mir, kam etwas wie eine Bewegung in die Finsternis; mein Ich, das aus dem Missionsgarten in das Tal hinauszog, das nach ihr rief und sie suchte, fand, ich weiß nicht was – einen Ruhepunkt, einen Gefährten. Seitdem bin ich dreimal nachts im Missionsgarten gewesen. In der vergangenen Nacht war ich zum dritten Male dort.«

Er hielt inne; seine Augen glänzten vor Erregung. Presley verharrte vornübergebeugt und bewegungslos in höchster Spannung.

»Nun – und vergangene Nacht?« wiederholte er, den Freund zum Weitersprechen ermunternd.

Vanamee rückte in seinem Stuhl und blickte, während er einen Augenblick mit den Fingern auf den Tisch trommelte, ruhig vor sich hin.

»In der vergangenen Nacht,« antwortete er, »zeigte sich eine Veränderung. Die Antwort« – er holte tief Atem – »kam näher.«

»Bist du dessen sicher?«

Vanamee hatte nur ein Lächeln vollkommenster Gewißheit.

»Die Antwort erfolgte nicht etwa leichter und schneller. Ich konnte nicht irren. Jene Bewegung in der Dunkelheit, das, was mit einem Male die Leere der Nacht erfüllt, kommt näher an mich heran – körperlich, tatsächlich näher.«

Seine Stimme sank zu einem Flüsterton herab. Sein Antlitz, das an die Züge der jüngeren Propheten, der Seher in der Wüste erinnerte, nahm einen an Verzückung grenzenden Ausdruck an. Mit Augen, die nicht sahen, blickte er starr vor sich hin.

»Wenn,« murmelte er, »wenn ich nun wieder nachts unter den Birnbäumen stehe und sie rufe, immer wieder rufe und wenn dann die Antwort näher kommt und näher, und ich warte, warte, bis endlich in einer Nacht, der herrlichsten, wunderbarsten von allen, sie – sie selbst – –«

Plötzlich brach die Spannung seiner Seele. Mit einem rauhen Schrei und einer raschen, abwehrenden Handbewegung kam Vanamee wieder zu sich.

»O,« rief er aus, »was ist es nur? Wessen unterfange ich mich? Was bedeutet es? Bald flößt es mir Entsetzen ein und bald wieder erfüllt es mich mit unendlich süßem Glücksgefühl, das ich nicht mehr gekannt habe, seit sie starb. O, das Unnennbare, Unfaßbare! Wie kann ich dir das schildern, was vorgeht, wenn ich sie rufe durch die Nacht – diese schwache, ferne, mit den Augen nicht wahrnehmbare, zitternde Schwingung, diese unfühlbare, kaum merkliche Bewegung. Weder hörbar noch sichtbar, wendet es sich nur an einen sechsten Sinn. Höre, es ist etwa so: Während der ganzen letzten Woche haben wir in Quien Sabe gesät. In der dunkeln, stillen Erde begraben ruhen jetzt die Samenkörner unter der Ackerkrume. Kannst du dir vorstellen, wie das blind und taub im dunkeln Schoß der Erde ruhende Samenkorn das erste, das allererste leise Beben fühlt, das die Strahlen der Sonne in ihm hervorrufen, die allererste Regung der trägen Materie, lange, lange noch, ehe eine sinnlich wahrnehmbare Veränderung eintritt, lange, ehe das Mikroskop auch nur die leiseste Spur davon zu entdecken vermag – kannst du dir vorstellen, wie das Samenkorn in der ersten leisen Vorahnung kommenden Lebens zu schwellen beginnt? Nun, ganz ebenso unfaßbar ist dieser Vorgang.«

Wieder verfiel er in träumerisches Schweigen und flüsterte nach einer Weile: »Das du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn ... und sie, Angèle ... ist gestorben.«

»Du konntest dich also nicht geirrt haben?« fragte Presley. »Du bist ganz sicher, daß etwas vorging? Die Einbildungskraft vermag viel, und die Umgebung mußte dich stark beeinflussen. Ein derartiger Vorgang erscheint so unmöglich. Du hast ja doch auch nichts gehört und nichts gesehen.«

»Ich bin überzeugt von dem Vorhandensein eines sechsten Sinnes,« entgegnete Vanamee, »oder vielmehr eines ganzen Systems unbekannter, namenloser Sinne außerhalb unsers Begriffsvermögens. Menschen, die viel allein und in inniger Gemeinschaft mit der Natur leben, haben die Empfindungsfähigkeit dafür. Es ist das vielleicht ein Grundgesetz, das unsrer Natur ebenso wie der von Tieren und Pflanzen innewohnt. Es ist dasselbe Gesetz, das die Vögel lange vor dem Eintritt der ersten Fröste nach dem Süden treibt, dasselbe Gesetz, das jedes Weizenkorn dem Lichte der Sonne zustreben läßt. Und dieser Sinn trügt nie. Du magst falsch sehen, falsch hören; wendet sich aber etwas an diesen sechsten Sinn, so betätigt er sich mit vollster Zuverlässigkeit. Nein, ich höre nichts im Missionsgarten. Ich sehe nichts, nichts berührt mich, aber trotzdem habe ich die Gewißheit.«

Presley zögerte einen Augenblick und fragte dann:

»Willst du wieder den Garten aufsuchen? Willst du wieder die Probe machen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sehr sonderbar,« sagte Presley sinnend. Vanamee sank wieder in seine ruhende Haltung zurück, und seine Augen blickten von neuem ins Leere. »Sehr sonderbar,« wiederholte er murmelnd. Ein langes Schweigen folgte. Stumm und regungslos blieben beide.

Hier in dem altersschwachen und langsam absterbenden, vergessenen Städtchen, das sonnendurchglüht in der lautlosen Mittagshitze schlummerte, saßen die beiden seltsamen Männer, der eine ein geborener Dichter, der andre ein solcher durch Erziehung und Bildung, dumpf brütend vor leeren Weingläsern. Träumer beide und verstummt in dem Schweigen ringsum, einsam und in sich gekehrt, krankhaft überreizt, nicht im Einklang mit ihrer Welt, unverstanden von ihrer Zeit, dem zu Ende gehenden Jahrhundert, suchten sie, mit wirren Händen im Dunkel des Irrtums tastend, nach dem Wunder. Die nur hin und wieder von leisem Taubengegurr und Bienengesumm unterbrochene Stille war so tief, daß das Keuchen und Pfauchen einer in dem fernen Bonneviller Bahnhof Wagen umsetzenden Lokomotive deutlich vernehmbar bis zu den beiden Träumern drang.

Es war wohl dieses mißtönende Geräusch, das Presley endlich aus seinem dumpfen Träumen riß. Die beiden Freunde erhoben sich, riefen den schlaftrunkenen Solotari heran und zahlten für ihr Mahl. Dann traten sie hinaus in die sengende Glut und folgten, nachdem sie die Straßen des Städtchens durchwandert hatten, dem in nördlicher Richtung über eine Ecke von Dykes Hopfenfeldern führenden Landweg. Ihr Ziel waren die Hügel in dem nordöstlichen Zipfel von Quien Sabe. Ebendorthin war Presley damals gewandert, als er Vanamee zum ersten Male wiedersah, wie er die Schafe hütete. Dieser einen weiten Bogen beschreibende Umweg war Presleys Lieblingsspaziergang, und er wollte, daß Vanamee sein Vergnügen daran teilte.

Sie hatten bald Guadalajara im Rücken und durchquerten jetzt das von Dyke gekaufte Land, auf dem er seine großartige Hopfenernte zu erzielen gedachte. Dykes neues Heim, ein sehr freundliches, weißgetünchtes Landhäuschen mit grünen Fensterläden und breiter Veranda, war ganz in der Nähe; dicht daneben erhoben sich zwei große, noch im Bau begriffene Speicher zur Aufbewahrung der Ernte und noch ein weiteres Gebäude, in dem der Hopfen getrocknet und geschwefelt werden sollte. Ueberall sah man, daß der frühere Lokomotivführer schon fleißig gearbeitet hatte. Der Boden war für das Auspflanzen vorbereitet, und unzählige, durch ein Gewirr von Drähten und Schnüren verbundene Hopfenstangen ragten hoch in die Luft. An einer Biegung des Weges stießen die beiden Wanderer auf Dyke, der einen mit neuen Hopfenstangen beladenen Farmwagen lenkte. Er war in Hemdsärmeln, die er bis über die Ellbogen aufgerollt hatte; seine sehnigen behaarten Arme waren schweißglänzend und rot vom Sonnenbrand. Mit seiner wie tiefer Glockenton dröhnenden Stimme rief er dem Vormann und einem jungen Burschen, die von Stange zu Stange Verbindungsdrähte zogen, gerade etwas zu. Die beiden Freunde erblicken und sie gutgelaunt begrüßen war eins bei ihm. Er redete sie mit »Jungens« an und bestand darauf, daß sie mit ihm nach dem Hause fahren und dort ein Glas Bier trinken sollten. Seine Mutter wäre erst gestern von Marysville zurückgekommen, wo sie ein Seminar für das Kleinchen ausgesucht hätte. Sie würde sich ungeheuer freuen, die beiden »Jungens« zu sehen; und dann müßte sich Vanamee doch auch überzeugen, wie das Kleinchen, seit er es zum letzten Male gesehen hätte, gewachsen wäre. Er würde das kleine Ding von damals kaum wiedererkennen – ja, und das Bier läge seit heut früh auf Eis. Presley und Vanamee konnten nicht gut ablehnen.

Sie kletterten in den Wagen und holperten über das unebene Feld durch den kahlen Wald von Hopfenstangen nach dem Hause. Drinnen fanden sie Frau Dyke, eine alte Dame mit sehr liebem Gesicht, die eine Haube und über ihrem Reifrock ein äußerst altmodisches Kleid trug; sie stäubte gerade den in einer Ecke des Parlours Besuchszimmer, gute Stube. stehenden Nipptisch ab. Dyke stellte ihr seine Freunde vor und holte dann das eisgekühlte Bier.

»Mutter,« sagte er und wischte den Schaum von seinem großen blonden Bart, »ist denn Sid nicht irgendwo in der Nähe? Herr Vanamee soll sehen, wie sie gewachsen ist. 's ist das gescheiteste Kleinchen in ganz Tulare County, Jungens. Das ganze ›Eingeschneit‹ kann sie vom Anfang bis zum Ende hersagen, ohne etwas auszulassen oder ins Buch zu gucken. Vielleicht glaubt ihr das nicht! Mutter, ist's nicht so – ohne eine Zeile auszulassen, wie?«

Frau Dyke nickte bestätigend und setzte den Herren auseinander, daß Sidney in Guadalajara wäre. Sie hätte gestern morgen, als sie ihre neuen Pantöffelchen zum ersten Male anzog, ein Zehncentstück in jedem gefunden und keine Ruhe gelassen, bis sie das Geld ausgeben durfte.

»Auf Lakritzen für ihr Lakritzenwasser?« fragte Dyke mit wichtiger Miene.

»Jawohl,« erwiderte Frau Dyke. »Ehe sie ging, mußte sie mir sagen, was sie sich kaufen wollte – es waren Lakritzen.«

Trotz des Einspruchs seiner Mutter, die behauptete, er sei närrisch und Herren wie Presley und Vanamee kümmerten sich nicht viel um »kleines Volk«, bestand Dyke darauf, daß Sidneys Schönschreibhefte gezeigt wurden. Sie waren denkwürdige Beispiele sorgfältiger, mühsamer Genauigkeit; von Seite zu Seite wiederholten sich mit ermüdender Beharrlichkeit die abgedroschenen Nutzanwendungen und zum Gebrauch fertigen Denksprüche von Philanthropen und politischen Schriftstellern. »Auch ich bin ein amerikanischer Bürger, S. D.«, »Wie das Reis gebogen ist, neigt sich der Baum«, »Die zu Boden getretene Wahrheit erhebt sich immer wieder«, »Gebt mir Freiheit oder gebt mir Tod«, und zu guter Letzt, zwei sonderbare Eindringlinge unter den verwaschenen, abgetragenen Redensarten, kamen die beiden Losungen: »Mein Wahlspruch – Oeffentliche Aufsicht für öffentliche Gerechtsame« und »Die P. und S. W. ist die Feindin des Staates«.

»Ich sehe,« bemerkte Presley, »Sie sorgen dafür, daß das Kleinchen schon beizeiten die Situation kennen lernt.«

»Ich hab' ihm gleich gesagt, es wäre töricht, Sid so was zum Abschreiben zu geben,« sagte Frau Dyke mit mildem Tadel. »Was versteht sie von öffentlichen Gerechtsamen?«

»Laß nur gut sein,« entgegnete Dyke, »sie wird schon daran denken, wenn sie erst groß ist und wenn die Leute im Seminar sie ein bißchen zurechtgestutzt haben werden; dann fängt sie an zu fragen, und sie wird alles verstehen. Und denke nur nicht, Mutter,« fuhr er fort, »das Kleinchen wüßte nicht, wer Papas Feinde sind. Wollt ihr's wohl glauben, Jungens? Hört nur! Ich hab' doch dem Kleinchen so gut wie nichts von der Bahn und meiner Entlassung erzählt. Neulich arbeite ich doch da am Zaune neben den Bahngleisen, und Sid war bei mir. Sie hatte ihren Puppenkram mitgebracht und spielte hinter einem Haufen Hopfenstangen Haushaltung führen; da kommt ein Güterzug – Frachten von Plätzen in Missouri und 'ne Reihe leerer Wagen von New Orleans –, und als er vorbei war, was denken Sie wohl, was das Kleinchen machte? Sie wußte nämlich nicht, daß ich aufpaßte. Geht sie doch an den Zaun 'ran und spuckt ihr bißchen Spucke hinter der Caboose am Güterzug angehängter Personenwagen für Beamte oder Arbeiter der Eisenbahn. her und dann steckt sie ihr Köpfchen durch den Zaun und – wollen Sie's glauben oder nicht – zischt – jawohl! zischt den Zug aus. Und Mutter sagt, Sid täte das jedesmal, wenn sie 'nen Zug vorbeifahren sieht, und sie ginge niemals über die Gleise, ohne daß sie ihr bißchen Spucke draufspuckte. Na, was sagen Sie dazu?«

»Ich verwarne sie jedesmal,« beteuerte Frau Dyke. »Ich weiß auch gar nicht, wo sie dieses häßliche Zischen her hat. Nein, es ist nicht zum Lachen, 's ist doch schrecklich, wenn ein kleines Mädchen, das sonst so lieb und gut ist, wie's nur sein kann, auf einmal so böse wird. Sie sagt, die andern kleinen Mädchen in der Schule wären alle so – und die Jungens auch. Ach ja,« seufzte sie, »warum ist nur die Generaldirektion so hart und ungerecht? Wirklich, mich könnte alles Geld in der Welt nicht glücklich machen, wenn ich mir dächte, daß auch nur ein kleines Kind mich haßte – mich so haßte, daß es hinter mir ausspie und mich auszischte. Und 's ist nicht bloß ein Kind, alle sind so, sagt Sidney. Und stellen Sie sich nur alle die Erwachsenen vor, welche die Bahn hassen, Männer und Frauen, das ganze County, der ganze Staat, Tausende und Abertausende. Kommt das den Direktoren und Aufsichtsräten niemals in den Sinn? Denken sie nie an all den Haß, der sie von allen Seiten umgibt, wissen sie nicht, daß gute Menschen mit den Zähnen knirschen, wenn von der Eisenbahn die Rede ist? Warum wollen sie nur bei allen verhaßt sein? Nein, nein,« murmelte sie mit Tränen in den Augen, »ich will's Ihnen sagen, Herr Presley, die Eigentümer der Bahn sind böse, hartherzige Männer, denen es ganz gleichgültig ist, wie sehr die armen Leute leiden, wenn die Bahn nur ihre achtzehn Millionen im Jahre bringt. Solange sie nur gefürchtet werden, macht es ihnen nichts, ob ihre Mitmenschen sie hassen oder lieben. Das ist nicht recht, und Gott wird sie früher oder später bestrafen.«

Bald darauf verabschiedeten sich die zwei. Dyke ließ es sich nicht nehmen, sie mit seinem Wagen bis zu dem Zauntor zu bringen, durch welches man das Gebiet der Quien Sabe-Ranch betrat. Unterwegs kam Presley auf das von Frau Dyke Gesagte zurück und veranlaßte so Dyke, von der P. und S. W. zu sprechen.

»Also,« begann der, »die Sache liegt so, Herr Presley. Ich selbst habe keine Veranlassung, mich auf die Hinterbeine zu stellen. Mit euch, die ihr Weizen baut, ist's was andres, aber sehen Sie, Hopfen zählt hier im Staate nicht. Das Geschäft darin ist so unbedeutend, daß die Bahn es nicht der Mühe wert hält, ihn zu brandschatzen. Die Weizenbauer sind's, die sie 'rankriegt. Der Frachtsatz für Hopfen ist nicht übertrieben, das muß ich zugeben; erst neulich hab' ich mich in Bonneville genau danach erkundigt. Zwei Cents das Pfund und, Gott helf' Ihnen, damit kann jedermann zufrieden sein. Wie gesagt,« fuhr er fort, »ich bin jetzt daran, ein hübsches Stück Geld zu verdienen. Daß die Bahn mir den Abschied gab, scheint schließlich doch 'ne gute Sache für mich zu sein. Ich hatte mir 'n bißchen Geld erspart, und da bietet sich die Chance, in das Hopfengeschäft 'reinzugehen mit der Gewißheit, daß der Hopfenpreis innerhalb eines Jahres auf das Vierfache, aufs Fünffache in die Höhe geht. Das war nun meine Chance, und die Eisenbahnleute haben mir – wenn's ihnen auch gar nicht im Traume einfiel – doch was Gutes getan, als sie mir kündigten –, und das Kleinchen kommt nächsten Herbst ins Seminar.«

Nachdem Presley und Vanamee sich von dem Exlokomotivführer verabschiedet hatten, schritten sie auf der in nördlicher Richtung durch Quien Sabe führenden Landstraße tüchtig zu und kamen in etwa einer Viertelstunde bis zur Behausung Annixters. Sofort fiel ihnen die rührige, ungewohnte Geschäftigkeit auf, die heute hier herrschte. Davon angezogen und belustigt schauten sie dem munteren Treiben eine Weile zu.

Der Barn, das ungeheure Gebäude, das Stall, Scheune und Vorratskammern unter einem Dach vereinigte, war vollendet. Die frisch getünchten Außenwände flimmerten blendendweiß in der Mittagssonne; aber Holzwand und Balkenwerk drinnen war noch nicht gestrichen, und aus den geöffneten Schiebetoren wehte der köstliche Geruch von Hobelspänen und frischem Holze. Eine Menge von Menschen – Annixters Farmarbeiter – war überall in emsiger Tätigkeit. Auf den obersten Sprossen hoher Leitern standen kühne Kletterer und zogen auf Schnüre gereihte japanische Papierlaternen von Balken zu Balken und über die ganze Längswand hin. Frau Tree, Hilma und eine weibliche Hilfskraft schnitten ganze Ballen roten, weißen und blauen Kambriks in unendlich lange Streifen und leiteten die Ausschmückung an Decke und Wänden mit den bunten Gehängen; überall klopfte und hämmerte es. Ein mit Zweigen immergrüner Gehölze und großen Bündeln von Palmblättern hochbeladener Farmwagen fuhr vor und war im Nu seine Ladung los; bald darauf prangte das frische Grün als heiterer Wandschmuck zwischen den Streifen dreifarbigen Kambriks. Zwei junge Bäume wurden zu beiden Seiten des Haupttores aufgestellt und ihre oberen Zweige zu einer Art Laube zusammengebogen, in deren Mitte eine riesige Papptafel angebracht werden sollte, von der den Eintretenden das Wort: Willkommen! in glänzenden Goldbuchstaben entgegenleuchtete. In hoch aufgetürmten, scheinbar unentwirrbaren Haufen lagen unzählige für den heutigen Tag von der Odd-Fellow-Halle in Bonneville gemietete Stühle auf dem Fußboden. Weit hinten an der fernen Schmalseite des langgestreckten Baues hämmerten Zimmerleute an dem Podium für die Musikanten. Ueberall herrschte fröhliche Tätigkeit; man lachte und scherzte, und jedermann war vorzüglich aufgelegt. Derbe Späße wurden von Gruppen von Männern überlaut belacht. Gewagte Scherzworte, deren schlecht verhüllter Doppelsinn die Frauen in Verlegenheit setzen sollte, flogen hin und her und wurden unter wieherndem Gelächter und tobendem Stampfen auf den Fußboden weitergegeben. Höchst ergötzliche Gerüchte kamen auf; man wollte wissen, daß Adele Vacca, die Frau eines Abteilungsverwalters, ihr Strumpfband verloren hatte; auch sollte die Tochter des Vorarbeiters der Hauptfarm hinter der Milchkellertür geküßt worden sein.

Von Zeit zu Zeit ließ sich Annixter blicken; er war in allerschlechtester Laune. Ohne Hut, das ungeordnete lehmfarbene Haar wie Weizenstoppeln emporstarrend, eilte er zwischen Neubau und Wohnhaus hin und her; beladen wie ein Packesel schleppte er Whisky in umflochtenen Glasballons, Weinkisten und Körbe mit Zitronen und Ananas. Er hatte alle Anordnungen getroffen und hielt sich für alles verantwortlich – nicht zuletzt für den Punsch, den er eigenhändig brauen wollte; der sollte ganz was Besonderes werden – steif und stramm, ein Punsch, der einen komplett aus den Stiefeln heraushob, ein regulärer Haarsträuber.

Die Pferdegeschirr- und Sattelkammer hatte Annixter sich und seinen Freunden vorbehalten. Auf einen langen, aus dem Hause geholten Tisch stellte er Kistchen mit Zigarren, Flaschen mit Bier und Whisky sowie die großen Porzellanterrinen für den Punsch. An ihm sollte es nicht liegen, so erklärte er, wenn nicht mindestens die Hälfte seiner Freunde heute toll und voll würde. Ganz Tulare County sollte noch jahrelang von seinem Einweihungsfest sprechen. Von geschäftlichen und andern Sorgen wollte er – heut wenigstens – nichts wissen. Das konnte er auch, denn die Aussichten waren nicht ungünstig. Osterman hatte von Los Angeles gute Nachrichten über die Verhandlungen mit Disbrow und Darrell mitgebracht. Das Komitee war zu einer neuen Sitzung zusammengetreten; Harran Derrick hatte daran teilgenommen. Damit war Annixter sehr zufrieden, wenngleich Harran sich nicht an der Diskussion beteiligt hatte. Die Hauptsache war die vom Governor gegebene Einwilligung zu Harrans Beitritt; Harran selbst hatte sich verpflichtet, ein Sechstel für die Kampagneausgaben beizusteuern, vorausgesetzt, daß diese eine bestimmte Summe nicht überschritten.

Annixter hatte gerade den bestürzten chinesischen Koch, der in seiner Küche Zitronen zerschnitt, mit einer Flut von Verwünschungen überschüttet, als er die eben eintreffenden Freunde Presley und Vanamee bemerkte und schon von weitem begrüßte. »Hallo, Pres,« rief er mit einer Kopfbewegung nach dem Neubau, »komm her und sieh dir das Ding an! Wir sind stramm an der Arbeit für heut abend,« fuhr er fort, als die beiden näher kamen. »Wie wir bis um acht Uhr fertig werden sollen, weiß ich allerdings nicht. Denkt euch nur, dieser Dummkopf von Caraher hat keine Zitronen mehr – jetzt im letzten Augenblick –, vor mehr wie einem Monat schon sagte ich ihm, daß ich ganze drei Kisten haben müßte – jawohl! – und eben jetzt, wo ich ein gutes, schnelles Reitpferd so nötig wie das tägliche Brot brauche, wird mir der Buckskin aus dem Corral Umzäunung. gestohlen. By Jingo, gestohlen! Den Schuft von Dieb will ich aber ins Zuchthaus bringen – und wenn ich darüber bankrott werde – und ein Sechzig-Dollar-Sattel und Zaum ist mit zum Teufel gegangen – und nur die Hälfte von den bestellten japanischen Papierlaternen sind gekommen und nicht alle Kerzen dazu. 's ist genug, um einen Hund krank und elend zu machen! Nichts wird getan, was man nicht selbst tut, und wenn man nicht fortwährend mit einem Knüppel bei allen diesen Müßiggängern steht. Mir ist die ganze Geschichte bis an den Hals – und meinen Hut habe ich auch verloren! Ich wünschte zu Gott, daß mir diese verdammte Tanzerei auch nie im Traume eingefallen wäre! Mir alle diese Frauenzimmer auf den Hals zu laden! Ich muß nicht richtig im Kopf gewesen sein, als ich auf diese verrückte Idee kam.« Ohne daran zu denken, daß er selbst die beiden Freunde herangerufen hatte, fuhr er fort: »Ich habe wirklich alle Hände voll zu tun. Entschuldigt, wenn ich mich nicht um euch bekümmern kann!«

Er rief dem Chinesen eine letzte Verwünschung zu und eilte zurück in das Gebäude. Im Stallgange wäre er um ein Haar mit Hilma Tree zusammengestoßen, die mit einem Paket Kerzen im Arm aus einem Pferdestande hervorkam. Annixter stammelte eine Entschuldigung und kehrte in seine Geschirrkammer zurück, deren Tür er hinter sich schloß. Dort brannte er eine Zigarre an, ließ sich auf einen der gemieteten Stühle nieder, legte die Beine auf den Tisch und vergaß für eine Weile, daß, wie er eben noch gesagt hatte, ohne ihn nichts gefördert würde. Die Hände in die Hosentaschen vergrabend, starrte Annixter mit düsterem Stirnrunzeln in den blauen Rauch seiner Zigarre.

Er mußte sich endlich eingestehen, daß er den Gedanken an Hilma Tree nicht wieder loswerden konnte. Sie hatte ihn endlich »'rangekriegt«. Was er vor allem andern fürchtete, war geschehen. Ein »Femininum« hatte ihn »'rangekriegt«, und da war es mit seinem Seelenfrieden vorbei. Fortwährend mußte er an das junge Frauenzimmer denken. Ihr galt sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen, sein erster beim Erwachen. Jeden Augenblick des langen Tages wurde er damit geplagt. In seinem Beruf, seinen Geschäften störte ihn diese Vernarrtheit fortwährend. Er mußte sich das niederdrückende Geständnis machen, daß es für einen Mann wie ihn geradezu eine Schande sei, mit solchen Dummheiten seine Zeit zu vertrödeln. War es wohl möglich, daß er erst gestern vor einem Musikaliengeschäft in Bonneville ernstlich daran gedacht hatte, Hilma eine Spieluhr zu kaufen? Er wurde schamrot, als er sich das jetzt vergegenwärtigte. Wie konnte ihm eine solche Eselei auch nur in den Sinn kommen – Hilma hatte ihm doch deutlich genug gesagt, daß sie ihn nicht leiden könne. Und er? Er läuft dem Mädel nach – er, Annixter! In heller Wut stieß er einen greulichen Fluch aus und schlug mit dem Stiefelabsatz auf die Tischplatte. Immer wieder hatte er den festen Entschluß gefaßt, sich die Dummheit aus dem Sinn zu schlagen. Einmal glaubte er schon, daß ihm das gelungen sei; aber er hatte sich gründlich getäuscht – es wurde ärger als je zuvor und von Tag zu Tag schlimmer. Er brauchte nur die Augen zu schließen, um sie so deutlich zu sehen, als ob sie vor ihm stünde. In einer Glorie von Sonnenlicht sah er sie; das rosige Inkarnat ihrer zarten Haut, ihr üppiges Blondhaar, der stolze, weiße, in wundervollen Linien nach den Schultern verlaufende Nacken schimmerte in goldenem, seidigem Glanz; die unschuldsvollen großen braunen Samtaugen, deren weitgeöffnete Pupillen im Sonnenlicht wie Diamanten strahlten, schienen ihn fragend und verheißend zugleich anzublicken.

Annixter war völlig aus seinem Gleichgewicht gebracht. Mit Ausnahme des kleinen schüchternen Geschöpfes aus der Handschuhreinigungsanstalt in Sacramento hatte er keinerlei weiblichen Umgang gehabt. Seine Welt war hart und rauh, eine Welt von Männern nur – von Männern, die bekämpft und überwunden werden mußten; fast gegen jeden war seine Hand gekehrt. Für die Frauen hatte er das instinktive Mißtrauen des Schulknaben in den Lümmeljahren. Und jetzt war nun doch ein Weib in sein Leben getreten. Diese Entdeckung verdroß ihn unsäglich; er war über alle Maßen verärgert, gereizt, aufgeregt und in einer verzweifelten, geradezu unerträglichen Stimmung. Er traute der Person nicht, und doch begehrte er sie; in seiner Unerfahrenheit hatte er keine Ahnung, wie er es anfangen sollte, sich ihr zu nähern. Annixter haßte das ganze weibliche Geschlecht und fühlte sich doch unwiderstehlich zu dem Einzelwesen hingezogen. Gemüt und Seele waren ihm so verwirrt, daß er Haß und Liebe nicht mehr auseinander zu halten vermochte und sich einbildete, Hilma zu hassen. Die Folge davon war, daß er immer gereizter, galliger und in seinem bitterbösen Verdruß sich selbst unausstehlich wurde.

Wütend warf Annixter die nur halb ausgerauchte Zigarre weg und stürzte sich von neuem in den Wirrwarr des heutigen Tages. Unter geräuschvollen und ermüdenden Hantierungen verging der Nachmittag. Als es Abend wurde, war zur allgemeinen Ueberraschung Ordnung in das Chaos gekommen und alles zum Empfang der Ballgäste fertig. Man hatte den letzten Kambrikstreifen an den Dachsparren befestigt, den letzten grünen Zweig an die Querbalken genagelt, die letzte Laterne aufgehängt und den letzten Nagel in das Podium für die Musikanten getrieben. Man lief auseinander, um eilig zu Abend zu essen und sich umzukleiden. Annixter verließ als letzter den Neubau; es dämmerte bereits. Der Bauherr und Festgeber war in Hemdsärmeln und trug seinen Rock über der Schulter. Unter den einen Arm hatte, er eine Säge geklemmt, einen Sack mit Handwerkszeug trug er in der andern Hand. Seine Vielgeschäftigkeit und der Lärm des Tages hatten ihn ganz marode gemacht. Er war in allerschlechtester Laune. Und seinen Hut hatte er immer noch nicht gefunden.

»Der Buckskin mitsamt dem Sechzig-Dollar-Sattel ist zum Teufel!« stöhnte er. »O, ist das nicht wunderschön?«

In seinem Hause hatte Frau Tree ihm ein kaltes Abendbrot mit der unvermeidlichen Schüssel gedünsteter Backpflaumen als Nachtisch bereitgestellt. Nach eingenommener Mahlzeit badete Annixter, um dann feine Toilette für den Ball zu machen. Er war lange unschlüssig, wie er sich kleiden sollte; schließlich entschied er sich für den von einem Bonneviller Schneider gemachten schwarzen Jackettanzug, den er in der Stadt zu tragen pflegte. Aber sein Hut hatte sich noch immer nicht gefunden. Er hatte andre Hüte zur Auswahl, mußte aber durchaus diesen einen für den heutigen Abend haben. Der Gedanke an die verlorene Kopfbedeckung beunruhigte ihn während des Ankleidens fortwährend. Er mußte den Hut wieder haben und beschloß, noch einmal gründlich danach zu suchen. Eine halbe Stunde wohl stöberte er in dem Neubau herum; in allen Ständen, in der Geschirr- und der Futterkammer sah er nach, – doch alle Mühe war vergebens. Aergerlich gab er die Sache auf und kehrte in den großen gedielten Scheuerraum zurück, der heut als Tanzsaal dienen sollte, um sich noch einmal zu überzeugen, ob alles in Ordnung war.

Die in langen Reihen an den Innen- und Außenwänden hängenden Papierlaternen waren noch nicht angezündet, und nur ein halbes Dutzend niedrig brennender Wandlampen mit großen glänzenden Scheinwerfern verbreiteten ein trübes Licht; oben in dem hohen Dachstuhl und den fernen Ecken des weiten Raumes lagerten schwarze, undurchdringliche Schatten. Die Vorderseite des Gebäudes war nach Westen gekehrt. Durch die geöffneten Schiebetore strömte ein Strahl von der Nachglut des Abendhimmels; sein milder, rosiger Glanz ließ das gelbe Licht der Petroleumlampen um so trüber erscheinen. Annixter, der hier- und dorthin blickte, sah plötzlich eine menschliche Gestalt aus dem tiefen Schatten einer entlegenen Ecke schnell auftauchen, einen Augenblick in dem von außen einströmenden Lichtkegel verweilen und, als sie seiner ansichtig wurde, geschwind wieder in den Schatten zurücktreten; ihre eiligen Schritte hallten auf dem hohlen Fußboden. Unter dem frischen Eindruck des Pferdediebstahls stehend, schöpfte er sofort Verdacht.

»Wer da?« rief er mit lauter Stimme.

Keine Antwort! Sofort hatte Annixter den schußbereiten Revolver im Anschlag.

»Wer ist da? Schnell Antwort! oder ich schieße!«

»Um Gottes willen, schießen Sie nicht! Ich bin's – Hilma Tree!«

Annixter bekam einen tüchtigen Schreck und steckte den Revolver wieder in die Hüftentasche. Er schritt der Ecke zu, woher die Stimme gekommen war, und traf Hilma in dem offenen Tore.

»Herr des Himmels!« murmelte er. »Das ging mir durch und durch! Wenn ich wirklich geschossen hätte –«

Fassungslos und verwirrt stand Hilma vor ihm. Sie war aufs einfachste in weißen Musselin gekleidet und trug weder Blumen noch Schmuck. Die Schlichtheit ihres Anzugs ließ sie noch größer als gewöhnlich erscheinen; ihre Augen waren ohnehin schon in gleicher Höhe mit denen Annixters. Ein eigenartiger Reiz lag in dem Gegensatz zwischen Hilmas hoher voller Gestalt und ihrer Sinnesart; ihrem Wesen nach war das voll erblühte Mädchen noch ein halbes Kind und hatte doch die Größe eines stattlichen Mannes.

Einen Augenblick standen sich die beiden stumm und verlegen gegenüber; Hilma sprach zuerst:

»Ich – ich suchte meinen Hut. Mir war, als ob ich ihn nachmittags hiergelassen hätte.«

»Und ich habe auch meinen Hut gesucht,« rief Annixter. »Ist das nicht komisch?«

Sie lachten über diesen Zufall wie zwei Kinder, und die Befangenheit, die über beide bei der unvermuteten Begegnung gekommen war, begann von ihnen zu weichen. Annixter sah dem jungen Mädchen voll in die Augen und fragte unvermittelt:

»Nun, Fräulein Hilma, hassen Sie mich noch immer?«

»O, Herr Annixter,« antwortete sie, »ich habe nie gesagt, daß ich Sie hasse.«

»Hm – aber Sie können mich nicht leiden; das haben Sie gesagt!«

»Das, was Sie taten – tun wollten, kann ich nicht leiden. Es macht mich böse, und Sie haben mir auch weh getan. Ich hätte nicht sagen sollen, was ich damals sagte, – aber es war Ihre Schuld.«

»Sie meinen also, Sie hätten nicht sagen sollen, daß Sie mich nicht leiden können?« fragte Annixter. »Warum?«

»Ich – ich kann von keinem Menschen sagen, daß ich ihn nicht leiden kann.«

»Folglich können Sie mich leiden, – gut leiden, nicht wahr?«

»Ich kann von niemand sagen, daß ich ihn nicht leiden mag;« erwiderte Hilma beharrlich.

»Ja – aber ich verlangte damals etwas mehr, wissen Sie's noch?« fragte Annixter unsicher. »Ich wollte, daß Sie mich gernhätten. Und wieder bitte ich Sie darum. Ich möchte gern, daß Sie mich gernhätten.«

»Warum denn?« fragte Hilma unbefangen und blickte ihn forschend an.

Annixter schwieg verlegen. Einer solchen Aufrichtigkeit und Unschuld gegenüber wußte er nichts zu sagen.

»Weil – weil – « stammelte er, um dann herauszuplatzen: »Ich weiß es nicht! Das heißt,« fuhr er, nach Worten suchend und sich zusammennehmend, fort, »ich vermag es nicht recht zu sagen.« Und dann kam er auf eine glänzende Idee, eine rettende Lüge. »Ich möchte nämlich bei allen Menschen beliebt sein,« erklärte er. »Jawohl, das ist's!« sprach er, sicherer werdend, schnell weiter. »Der Gedanke, daß es Leute gibt, denen ich unangenehm sein könnte, ist mir schrecklich! Ich bin nun mal so. 's ist meine Natur.«

»O, da brauchen Sie sich keine Sorge zu machen,« erwiderte Hilma. »Mir sind Sie nicht unangenehm, – nein, durchaus nicht.«

»Das ist schon etwas,« erklärte Annixter, »das ist schon etwas! Aber, was ich sagen wollte, mir ist es nicht genug, daß ich Ihnen nicht unangenehm bin. Ich möchte, daß Sie mich gernhaben. Wie ist's damit?«

Hilma antwortete nicht gleich. Ihre Blicke wanderten durch das offene Tor nach dem erleuchteten Fenster des Molkereigebäudes; schließlich sagte sie, den Kopf leicht in den Nacken werfend: »Daran habe ich noch gar nicht gedacht.«

»Denken Sie jetzt dran,« bat er.

»Mir ist es wirklich noch nie in den Sinn gekommen,« erwiderte Hilma, »daß ich irgend jemand besonders gern haben könnte. Das kommt vielleicht daher, daß ich jedermann gernhabe. So wird's wohl sein!«

»Sie müssen doch aber gewisse Leute lieber haben als die andern,« wagte jetzt Annixter zu sagen. »Und ich möchte gern zu diesen ›gewissen Leuten‹ gehören, wissen Sie? Mein Gott! ich verstehe mich auf solche Geschichten nicht. Ich rede wie ein Tölpel, wenn ich mit einem Mädchen spreche; das, was ich sagen will, kann ich nicht richtig herauskriegen, 's ist mir nun einmal nicht gegeben. Und, hören Sie nur, ich habe vorhin gelogen, als ich sagte, daß ich bei allen Menschen beliebt sein möchte. Ein solcher Blödsinn! Ich kümmere mich verdammt wenig darum, was die Leute von mir denken. Hol der Teufel die ganze Bande! Einige ausgenommen natürlich – solch guten Kerl wie Presley und noch ein paar Leute, von denen ich will, daß sie mich gernhaben. Was die denken, hat Wert! Ja, ja, ich habe Feinde – massenhaft! Ein halbes Dutzend könnte ich aufzählen, denen es nur so in den Fingern juckt, mich niederzuknallen. Und wie steht's hier auf meiner Ranch? Ich weiß genau, daß meine Arbeiter mich verwünschen, wenn ich vorübergehe. Die Leute, mit denen ich meine Geschäfte mache, sind auch nicht besser,« fuhr er, halb zu sich selbst redend, fort. »In Bonneville, in der ganzen Umgegend hier ist nicht ein einziger, der nicht vor Freude heulen würde, wenn er eine Chance hätte, Buck Annixter unterzukriegen. Ob mir das wohl schrecklich ist? Spaß macht mir's! Ich wirtschafte auf meiner Ranch, wie's mir paßt, und hab' beim Spiel die Trümpfe in der Hand. Ein ›Leuteschinder‹ bin ich, ein ›Händelsucher‹, ein ›Prahlhans‹. Jawohl, ich weiß, was sie mir für Namen geben; ein ›boshaftes Vieh von einem Kerl‹ nennen sie mich, lieber mich könnte ein neugeborenes Lamm in Wut geraten, sagen sie, und ich bin ›dickköpfig‹, ›dumm‹, ›boshaft‹. Alles das sagen sie – aber sie sollten auch sagen, daß ich gescheiter bin wie die ganze Rasselbande. Mir kann keiner!« Seine Augen blitzten. »Sie sollen nur mit den Zähnen knirschen – mich bekommen sie nicht unter. Wenn ich meine Faust balle, so kriegt sie keiner auf. Nein, nicht mit einem Steinmeißel!« Er wandte sich von neuem an Hilma: »Wenn nun ein Mensch so verhaßt ist wie ich, dann, Fräulein Hilma, ist es doch natürlich, daß er sich die paar Freunde erhalten will, die er hat, – nicht wahr? Leute, die mich wirklich kennen – Presley, der verdrehte Kerl zum Beispiel – wenn's sein muß, stecke ich die Hand ins Feuer für ihn –, die wissen schon, daß ich kein Hundsfott bin. Mitunter komme ich mir recht einsam und verlassen vor, – verstehen Sie das? Jedes Pferd hier – es mag wohl meine Schuld sein – legt tückisch die Ohren zurück, wenn ich in den Sattel steige, jeder Hund, der mich sieht, kneift den Schwanz ein. Und doch ist hier auf der Quien Sabe=Ranch der Gaul noch nicht gefohlt, der mich aus dem Sattel bringen könnte, der Hund noch nicht gewölft, der sich mir die Zähne zu zeigen getraute. Dem irischen Setter versetze ich einen Fußtritt, so oft er mir in die Quere kommt, – würde ich's wohl aber auch tun, wenn er nicht so feige wäre und mit dem Schwanze wedelte und sich freute, wenn ich komme? Kurz und gut: ich möchte, daß Sie gewissermaßen das Gefühl haben, daß ich Ihr guter Freund bin und daß Sie mich gernhaben!«

Die Flamme der Wandlampe vor Hilma züngelte spitz empor und fing an zu qualmen. Das Mädchen stellte sich auf die Zehen und schraubte den Docht herunter.

Annixter bemerkte den warmen Widerschein des rotgelben, trüben Lichtes auf ihrem vollen weißen Arm.

»Verstehen Sie, was ich meine?« fragte er.

»O ja, gewiß,« antwortete sie, sich nach ihm umwendend. »Sie sind sehr gütig, daß Sie ein Freund von mir sein wollen. Das konnte ich allerdings nicht wissen, als Sie mich damals küssen wollten. Aber nachdem Sie jetzt alles so auseinandergesetzt haben, mag das schon sein. Sehen Sie, ich bin ganz anders wie Sie. Ich liebe es, daß jedermann mich gernhat, und habe selbst auch alle Menschen gern. Da fühlt man sich so froh und glücklich. Sie glauben das vielleicht nicht. Probieren Sie's nur mal, Herr Annixter, Sie werden schon sehen! Es ist so schön, gut zu den Menschen zu sein und zu fühlen, daß gute Menschen auch zu uns gut sind. Und alle sind immer so gut zu mir gewesen. Mama und Papa natürlich, und Billy, der Stallmann, und Montalegre, der portugiesische Vorarbeiter, sogar auch der Chinesenkoch und Herr Delaney – der ist nun aber weg – und Frau Vacca und ihr kleines –«

»Ah, Delaney!« unterbrach sie Annixter. »Sie und er waren sehr gute Freunde, wie?«

»Gewiß,« erwiderte Hilma. »Er war wirklich sehr nett mit mir. Im Sommer ritt er täglich nach der Blumenranch und brachte mir immer einen ganzen Armvoll der herrlichsten Blumen mit, und ich tat so, als ob ich ihn mit Dollars bezahlte, die ich mit einer Biskuitform aus dem Käse schnitt. Es war so spaßig! Ja, wir waren sehr gute Freunde.«

»Dort raucht noch eine Lampe,« brummte Annixter. »Bitte, schrauben Sie sie herunter! Und lassen Sie doch die Tannennadeln hier auffegen. Ich habe noch furchtbar viel zu tun. Adieu!«

»Adieu, Herr Annixter.«

»Ah,« murmelte er. »Delaney, so, so! Sie reibt mir's unter die Nase, daß ich ihn herausgeworfen habe.« Er biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten. »Bei Gott, das Mädel muß ich haben! Dem Cowpuncher wörtlich: Kuhzwicker. – Die Ohren der Rinder werden von den cow-punchers auch cowboys genannten berittenen Hirten durchbohrt oder eingeschlitzt. Diese Zeichen werden ebenso wie die Brände auf dem Rücken oder den Hinterkeulen als Marken des betreffenden Besitzers gerichtlich eingetragen. werde ich's eintränken! Bin ich nicht ihr Arbeitgeber, ihr Herr? Ich werd's ihr schon zeigen – und Delaney auch. Das ist 'ne Kleinigkeit, – und dann mag Delaney sie haben, – wenn er sie noch will – nach mir!«

Tückisch funkelten seine Augen. Ein böser Ausdruck kam in das harte Gesicht. Die brutalen männlichen Instinkte voll maßloser Gier, Falschheit und Lüsternheit wurden in ihm wach. Alles Niedrige, Unedle dieser Natur, die doch die Frauen nicht kannte, regte sich, von Haß und heißer Lust zugleich erfüllt. Und während scheußliche Leidenschaften wie züngelnde Schlangen seine Seele zerwühlten, schritt Hilma, ein Liedchen vor sich hin summend, hinüber nach dem Hause der Eltern; der letzte Strahl des verblassenden Abendrots ließ ihr weißes Kleid in zartem goldigroten Glanz schimmern.

Etwas nach halb acht fuhr der erste Einspänner vor mit dem Apotheker aus Bonneville und seinen Damen. Unmittelbar darauf folgte ein ausgedienter offener Geschäftswagen, der eine zahlreiche, in Knallrot und Schwefelgelb prangende mexikanische Familie brachte. Billy, der Stallmann, und sein Gehilfe spannten die Pferde aus und banden sie an einen Zaun hinter dem Neubau. Dann kam Caraher, der Kneipwirt, in seinem Buckboard, er trug seinen »Derbyhut«, den »Prinz-Albert-Rock«, spitze gelbe Schuhe und die unvermeidliche rote Krawatte; die von Annixter so heiß ersehnte Kiste mit Zitronen brachte er unter dem Sitz mit.

Es hatte den Anschein, als ob die zahlreichen geladenen Gäste in einer ununterbrochenen langen Prozession ankommen sollten, während der nächsten halben Stunde jedoch erschien niemand weiter. Annixter und Caraher begaben sich in die Geschirrkammer, woselbst sie sofort über die Zusammensetzung des famosen Punsches zu streiten begannen. Man konnte die erregte Auseinandersetzung schon von weitem hören.

»Zwei und ein halbes Quart und ein Tassenkopf Chartreuse!«

»Blech! Blödsinn! Das verstehe ich besser. Nichts wie Champagner und einen Schuß Kognak!«

Die Frau des Apothekers und ihre Schwester zogen sich in die Futterkammer zurück, in der ein Toilettentisch mit verstellbarem Spiegel zum Gebrauch der Damen bereitstand. Der etwas unbeholfene Apotheker wartete draußen vor der Tür; er hatte den Rockkragen zum Schutz gegen den von allen Seiten kommenden Zug in die Höhe geklappt und überlegte mit sorgenvollem Gesicht, ob es wohl korrekt sei, Handschuhe anzuziehen. Die Mexikaner – Vater, Mutter, fünf Kinder und Schwägerin – saßen steif und in gezwungener Haltung auf den Kanten der gemieteten Stühle; sie redeten kein Wort, hielten die Ellbogen an die Hüften gepreßt, die Augen gesenkt und schielten verstohlen nach Wand- und Deckenschmuck. Den jungen Vacca, Sohn eines Abteilungsverwalters, beobachteten sie mit angespannter Aufmerksamkeit; dieser Jüngling trug einen karierten Rock und weiße Zwirnhandschuhe und schritt unermüdlich die Längsseite des weiten Raums auf und nieder, wobei er mit tiefernster, äußerst wichtiger Miene das Wachs einer Kerze auf den Fußboden schabte, der dadurch hübsch glatt zum Tanzen werden sollte.

Jetzt erschien auch die städtische Musikkapelle aus Bonneville. Ursprünglich sollte das feinere »Dirigo Club-Orchester« zum Tanze aufspielen; Annixter hatte aber noch im letzten Augenblick den Dirigenten derartig gekränkt, daß er sich zu spielen weigerte. Die Musiker, lustige, überlaute Burschen, die einen Franzosen unter ihnen, den sie »Skeezicks« nannten, arg hänselten, begaben sich sogleich auf die Plattform in der Ecke. Ihr übermütiges Lachen hallte mit hohlem metallischen Klange zwischen den Querbalken über ihren Köpfen wider. Der Apotheker bemerkte zu dem gerade vorbeikommenden jungen Vacca, daß er die Musiker für angetrunken halte. »Ich hab' keine Zeit, keine Zeit!« erwiderte der junge Mann im Weitergehen und schabte unermüdlich mit sich immer gleichbleibendem tiefen Ernst und höchst wichtigtuend an seiner Wachskerze.

»Zwei und ein halbes Quart!« und: »Blech! Blödsinn! Das verstehe ich besser!« schallte es wieder von der Geschirrkammer her.

An der einen Längsseite der heute als Ballsaal dienenden Tenne waren vierzehn, durch Zwischenwände voneinander getrennte Viehstände eingebaut, in denen während des Winters die Milchkühe stehen sollten. Das Sägemehl lag noch zwischen den Fugen, und das frischgeschnittene blanke Holz duftete nach Harz und Tannennadeln. Der Apotheker ging langsam die ganze Reihe hinab, wobei er nachdenklich und in stille Betrachtung versunken vor jedem Stande stehen blieb. Darauf machte er den Weg zurück und nahm in kritischer Erwägung des Für und Wider mit dem Kopfe nickend, von neuem seinen Posten vor der Futterkammer ein. Er hatte sich zu dem Entschlüsse durchgerungen, seine Handschuhe anzuziehen, und schien höchlich darüber befriedigt.

Inzwischen war es ganz finster geworden. Die langen Reihen japanischer Papierlaternen an den Außenwänden wurden von auf Steigleitern stehenden Männern, angezündet. In der Dunkelheit konnte man von unten her nur die von den buntfarbigen Laternen grotesk beleuchteten Gesichter sehen. Bald aber, als immer mehr und mehr Kerzen brannten, wurde es ganz hell. Zu gleicher Zeit wurden drinnen sämtliche Lampen und Laternen angezündet; das ganze Gebäude strahlte jetzt innen und außen in glänzender Helle. Der junge Vacca, der eine Weile verschwunden war, erschien wieder – die Taschen voller Wachskerzen. Emsig begann er von neuem zu schaben; diese Tätigkeit nahm ihn derart in Anspruch, daß er auf keine an ihn gerichtete Frage antwortete und immer nur versicherte, er sei sehr beschäftigt und habe alle Hände voll zu tun.

Von draußen hörte man Pferdegetrappel und Stimmen. Neue Gäste kamen an. Dem Apotheker fuhr ein plötzlicher Schreck in die Glieder: er hatte doch wohl seine Handschuhe zu zeitig angezogen! Voller Verwirrung steckte er seine Hände in die Hosentaschen, Cutter, einer von Magnus Derricks Verwaltern, trat soeben mit seiner Frau und deren beiden unverheirateten Cousinen ein. Sie kamen von dem fünfzehn englische Meilen entfernten Verwalterhaus der Abteilung vier von Los Muertos und hatten, da der Reitpfad kürzer als der Fahrweg war, die Strecke zu Pferde zurückgelegt. Frau Cutter erklärte jedem, der es hören wollte, sie sei halbtot und möchte viel lieber zu Bett gehen als tanzen. Die beiden Cousinen in gepunktem Schweizermusselin über blauem Satin taten ihr Bestes, sie zu beruhigen. Das war nicht so leicht. Man konnte Frau Cutter immer wieder versichern hören, ihr Rücken sei beinahe gebrochen, sie wünschte zu Hause in ihrem Bett zu sein und begreife überhaupt nicht, weshalb sie eigentlich hierhergekommen wäre. Der Apotheker bemerkte, daß Cutter ein Paar Handschuhe aus dem Pompadour seiner Frau zog; sofort nahm er die Hände aus den Hosentaschen.

In der Musikantenecke kam es plötzlich zu einem lärmenden Auftritt. Ein Stuhl wurde umgeworfen; es schien zu Tätlichkeiten zu kommen. Verwünschungen und höhnende Worte flogen hin und her. Skeezicks, der Franzose, wollte einem seiner Quälgeister an den Kragen.

» Oh, c'est trop fort!« zeterte er. » Un serin – eine dumme Kanarienvogel schimpft er mir. Ah, ick will demolier seine sleckte Gesicht mit meine Faust!«

Die Männer, die eben die Laternen angezündet hatten, mußten dazwischentreten, um den Frieden wiederherzustellen.

Jetzt kam Hooven mit Frau und Töchtern. Minna trug die kleine Hilda, die fest schlief, auf dem Arm. Die hübsche Minna sah mit ihrem schwarzen Haar, dem elfenbeinfarbenen Gesicht, den grünlich schimmernden Augen und den vollen roten Lippen auffallend gut aus. Sie trug das Brautkleid ihrer Mutter, ein dürftiges Fähnchen aus billigem Satin. Frau Hooven hatte sich mit Ohrgehängen aus Jetimitation geschmückt. Hooven war angetan mit einem abgelegten Gehrock Magnus Derricks; die Aermel waren ihm zu lang, die Schultern lächerlich weit. Er und Cutter hatten sofort eine erregte Auseinandersetzung über das Eigentumsrecht an einem gewissen Stier.

»Ja, aber der Brand –«

»Ach Gott, der Brand,« Hooven schlug sich mit beiden Händen vor den Kopf, »nee, da muß'ch wärklich drieber lachen! Nischt weiter wie der Brand! Ich kenn doch den Bullen genau – mit'm weeßen Fleck mitten uff der Schtärne. Fragen Se, wen Se wolln – da wern Se schon heeren, daß der Bulle meine is. Der Brand? Der Teifel soll ä Brand holen!«

Mit einem: »Bitte, meine Herren!« forderte der junge Vacca die beiden auf, zur Seite zu treten. Noch immer wanderte er, unermüdlich Wachs schabend, umher.

Blitzschnell drehte sich Hooven auf dem Absatz herum. »Hoho, was wolln Se denn?« rief er ärgerlich. In seiner Aufregung über den ihm streitig gemachten Stier war er bereit, mit irgendwem Handel anzufangen. »Schtoßen Se nich so! Meenen Se etwa, daß d'r Barn hier Ihre is? Sie, Sie, überhaupt Sie!«

»Ich hab' keine Zeit, keine Zeit!« Durchdrungen von seiner Wichtigkeit wanderte der Wachsschaber weiter.

»Zwei und ein halbes Quart, zwei und ein halbes Quart!«

»Blech! Blödsinn! Das weiß ich besser.«

Der Barn füllte sich rasch. Fortwährend hörte man draußen die Räder auf dem Sande knirschen. Immer neue Gäste erschienen in dem Torwege, einzeln oder paarweise, ganze Familien und lautschwatzende Gruppen von fünf oder sechs Personen. Phelps kam von Los Muertos mit seiner Mutter, ihm folgte ein Brodersonscher Vorarbeiter nebst Familie, dann erschien ein geschniegelter Kommis aus Bonneville, der hier fremd war und ängstlich nach einem Platz für seinen Hut suchte. Nach ihm kamen zwei dunkeläugige mexikanische Señoritas aus Guadalajara, kokett in Schwarz und Gelb gekleidet, und sodann eine Gruppe von Ostermans Pächtern, dunkelhäutige Portugiesen mit tiefschwarzem, von Pomade starrendem Haar und gekräuselten Schnurrbärten, nach billigem Parfüm duftend. Auch Vater Sarria von der Mission fand sich ein; er hatte eine neue Soutane angelegt und trug den breitkrempigen Hut unter dem Arme. Sein Erscheinen war ein Ereignis. Mit mildem Lächeln und verbindlich nach rechts und links grüßend, schritt er, die ihm entgegengestreckten Hände schüttelnd, von Gruppe zu Gruppe. Jetzt kam aber ein Gast, der ganz besonderes Aufsehen erregte. Durch die den Eingang umdrängende Menge schritt Osterman. Er trug Frackanzug, weiße Weste und Tanzschuhe von Lackleder; es war doch unglaublich! Man stieß sich mit den Ellbogen an und flüsterte, die Hand vor dem Munde, einander allerlei Bemerkungen zu. Sich so herauszuputzen! An den Frackschößen sollte man ihn zupfen! Dieser Ziegenbock von Osterman war doch ein zu verrückter Kerl. Was der wohl noch alles anstellen würde!

Die Musiker begannen ihre Instrumente zu stimmen. Aus ihrer Ecke drang ein Gewirr gedämpfter Töne. Das Zirpen der Violinen, das leise Dröhnen der Baßgeige, das quiekende Gurgeln der Klarinette mischte sich mit dem Schmettern der Ventiltrompete, dem Stöhnen der Tuba und dem schnarrenden Raspeln der Trommel. Eine festliche, frohe Stimmung verbreitete sich. Immer noch kamen neue Gäste. Das Aroma von Sägemehl und frischgeschnittenem Bauholz vereinte sich mit Blumenduft und künstlichen Wohlgerüchen. In das summende Stimmengewirr von männlichem Bariton und weiblichem Sopran mischte sich hier und da Helles Lachen sowie das Rascheln steifgestärkter Unterröcke. Gruppenweise begann man auf den an drei Seiten der Tenne sich hinziehenden Stuhlreihen Platz zu nehmen. Lange noch drängte sich die Hauptmasse der Gäste in der Nähe des Eingangs zusammen; allmählich aber löste sich das Gedränge in lange, den Sitzreihen zustrebende Linien von weißem Musselin, rosa und blauem Satin mit eingesprengten dunkeln Punkten, den in Schwarz gekleideten Männern. Die Unterhaltung wurde immer lebhafter, je mehr die anfängliche Befangenheit wich. Man rief sich von fern zu und redete mit lauter Stimme herüber und hinüber. Es kam sogar vor, daß eine ganze Gesellschaft von der einen Seite des Barns zu der andern herüberlief.

Annixter kam mit einem vom Streite mit Caraher und gemeinsamem Punschkosten roten Gesicht aus der Geschirrkammer. Er stellte sich rechts vom Eingange auf und schüttelte den Ankommenden die Hände mit der Aufforderung, tüchtig loszulegen und fidel zu sein. Seinen näheren Bekannten flüsterte er mit schlauem Augenzwinkern etwas von Punsch und Zigarren ins Ohr, die ihrer in der Geschirrkammer warteten.

Von weit und breit kamen die Ranchbesitzer. Da war Garnett von der Ruby Ranch, Keast von dem gleichnamigen Besitztum, Gethings von der San Pablo, Chattern von der Bonanza Ranch und viele andre – es mochten ihrer zwanzig sein – meist ältere Männer in schwarzen Tuchröcken, bärtig, wortkarg, bedächtig. Der alte, mit seiner Frau am Arm eintretende Broderson war einer von diesem Schlage. Zugleich mit ihm kam ein gewisser Dabney, von dem man nichts als seinen Namen wußte, – ein schweigsamer alter Mann, der sich mit niemand einließ und nur bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten erschien; man wußte nicht, woher er kam, wohin er ging, und bekümmerte sich auch nicht darum. Gegen halb neun erschien Magnus Derrick mit den Seinen. Seine Ankunft machte nicht wenig Eindruck. Ueberall hieß es: »Dort kommt der Governor!« Man machte seinen Nachbar auf den hochgewachsenen, schlanken alten Herrn aufmerksam, der, wo er auch Eintrat, seine Umgebung um Kopfeslänge überragte; in Haltung und Miene Ehrerbietung einflößend, bewegte er sich wie ein Herrscher, der Gehorsam zu heischen und zu erlangen gewöhnt war. Sein Sohn Harran, in flottem dunkeln Rock mit vorn rund ausgeschnittenen Schößen, war unbestreitbar ein hübscher Mensch; jung, frisch und kräftig, mit roten Wangen, blauäugig und blond, war er der stattlichste unter den jungen Männern. Wegen seines artigen, verbindlichen Wesens war Harran von allen wohlgelitten. Er hatte seine Mutter am Arm und führte sie zu einem Platze neben Frau Broderson.

Annie Derrick sah an diesem Abend bildhübsch aus. Sie hatte ein graues Seidenkleid mit einem Kragen von rosa Samt angelegt. In ihr lichtbraunes Haar, das noch immer voll und seidigglänzend war, hatte sie nach spanischer Art einen hohen Schildpattkamm gesteckt. Aber der Blick ihrer großen Augen – sie waren die eines jungen Mädchens – wurde von Tag zu Tag sorgenvoller. Sie hatten zuweilen etwas Schreckhaftes, und der unschuldige, kindliche Ausdruck, den sie so leicht annahmen, wurde immer mehr verdrängt durch den innerer Angst. Etwas ängstlich und nervös von den vielen Lichtern, der drängenden Menge und dem Stimmengewirr, saß sie in ihrer Ecke in einer der hintersten Stuhlreihen; es war ihr nur lieb, daß sie nicht im Wege war, keine Aufmerksamkeit erregte und von niemand beachtet wurde.

Annixter, der gerade Dyke, dessen Mutter und dem Kleinchen die Hand gegeben hatte, zog plötzlich mit leisem Pfeifen den Atem ein. In der Nähe des Haupttors war es allmählich leerer geworden, und unter den einzelnen dort noch umherstehenden Gruppen hatte er eben das Ehepaar Tree mit Hilma bemerkt, die jetzt auf einige leere Stühle am Eingang zur Futterkammer zuschritten. Vorher in der Dämmerung hatte er Hilma nicht deutlich sehen können. Als sie aber jetzt im hellen Licht der Lampen und Laternen an ihm vorbeiging, da stockte ihm fast der Atem. So wunderschön war sie ihm noch nie vorgekommen. Es schien gar nicht möglich, daß dieses herrliche Wesen dasselbe Mädchen war, dem er täglich in Haus und Hof, Stall und Milchkeller begegnete, das Kalikoröcke und billige Waschblusen trug, ihm den Tisch deckte und sein Bett machte. Er konnte die Augen gar nicht von ihr wenden. Hilma trug zum ersten Male das Haar hochfrisiert. Die dichten Flechten und Strähne, denen ein seiner Duft entströmte, waren asphaltbraun im Schatten, im Licht aber glänzten sie wie Goldfäden. Ihr Musselinkleid – länger wie irgendeins, das sie bisher getragen hatte – war an Hals und Nacken ausgeschnitten und ließ die Arme frei.

Annixter murmelte einen Ausruf der Bewunderung. Solche Arme! Wie fing sie es nur an, daß man für gewöhnlich gar nichts von diesen herrlichen Armen merkte? Voll und stark an der Schulter, verjüngten sie sich nach dem Ellbogen und Handgelenk in wundervollen Uebergängen und Rundungen; ein seiner, duftiger Glanz lag über der zarten Haut. Wenn sie den Kopf wandte, schien eine leichte, wellenförmige Bewegung über Nacken und Schultern zu gehen; die bleichen, bernsteinhellen Schatten unter ihrem Kinn kamen und gingen über die rahmfarbene Weiße ihrer Haut wie der wechselnde Glanz gewässerter Seide. Die Hände hinter dem Rücken gefaltet, ließ Annixter kein Auge von ihr.

In wenigen Augenblicken war Hilma von jungen Leuten umringt, die sie um einen Tanz baten. Von allen Seiten kamen sie herbeigeströmt; Hals über Kopf, in fast unmanierlicher Eile liefen sie von der Seite der andern Mädchen weg. Hilma war zweifellos die Königin des Festes. Sofort und vollständig hatte sie ihren kleinen Triumph. Annixter konnte hin und wieder hören, was sie redete; Töne überströmender Fröhlichkeit schwangen über der samtenen Weiche ihrer Stimme.

Mit einem Male stimmte das Orchester die Festpolonäse an. Es gab einen großen Aufruhr, als die Tänzer durcheinander liefen, um sich ihre Damen zu holen. Der junge Vacca, der noch immer seine Runde machte, wurde beiseite geschoben. In der allgemeinen Verwirrung war der geschniegelte Kommis aus Bonneville ganz konfus geworden. Er konnte seine Dame nicht finden. Ratlos und mit wild rollenden Augen eilte er suchend umher. Das sollte ihm nicht wieder passieren! Er beschloß, eine Tanzkarte auf der Rückseite eines alten Briefumschlages zu entwerfen. Schnell ordneten sich die Paare zu einer langen Reihe. Hilma und Harran Derrick waren das erste Paar. Annixter, der doch die Polonäse hätte anführen sollen, hatte das hartnäckig verweigert; er wollte überhaupt nicht tanzen. Bald ging das unregelmäßige Schleifen und Scharren der Füße in rhythmische Bewegung über; das Orchester tutete und fiedelte, die Trommel rollte ihren Wirbel, und schmetternd markierte die Trompete den Takt.

Annixter tat einen tiefen Atemzug. »Na, endlich! Jetzt ist die Sache im Gange,« murmelte er.

Sonderbarerweise wollte auch Osterman nicht tanzen. Erst vorige Woche war er von Los Angeles zurückgekehrt, zum Bersten voll von alledem, was er über den Erfolg seiner Mission zu berichten hatte. Es war ihm geglückt. Er hatte Disbrow »in der Tasche« und konnte es kaum erwarten, vor den andern Komiteemitgliedern sein Licht als geschickter Politiker und seiner, diplomatischer Kopf leuchten zu lassen. An seine Rolle als Dandy beim Eintritt in die Festhalle und die allgemeine Aufmerksamkeit, die sein tadelloser Anzug erregt hatte, dachte Osterman jetzt nicht mehr. Er suchte seinem Komikergesicht mit den braunroten Wangen, den abstehenden Ohren, dem langen Gedankenstrich von Mund mit der Nase als Ausrufungszeichen darüber den Ausdruck würdevollen Ernstes zu geben; die Falten geheimnisvoller Wichtigtuerei zogen sich von seiner Stirn bis hoch hinauf in die Glatze. Er zog Annixter in einen der leeren Stände und begann mit beweglicher Zunge auf ihn einzureden; aufs genaueste wollte er ihm schildern, was er alles unternommen und ausgerichtet hatte. »Ich plante – ich kombinierte – ich ließ mir nichts merken – ich tat wie dumm –« Aber Annixter wollte nichts davon hören.

»Ach, lassen wir das Zeug heut! Ich habe einen Punsch in der Geschirrkammer, der auf Ihrem Mondschein die Haare wieder wachsen machen kann. Wir woll'n 'n paar gesunde Jungens zusammenkriegen und uns in den Punsch hineinknien.«

Sie drückten sich zwischen Tennenwand und Polonäse herum nach der Geschirrkammer; auf dem Wege dahin lasen sie Caraher, Dyke, Hooven und den alten Broderson auf. Als sie glücklich in der Geschirrkammer waren, schob Annixter den Riegel vor.

»Die Sache da draußen geht von alleine,« sagte er, den Punsch in die Gläser füllend, »aber hier ist so 'n verlassenes kleines Waisenkind, dessen wir uns annehmen müssen.«

Osterman brachte einen Toast auf die Quien Sabe =Ranch und den »kolossalsten Barn« aus. Man stieß an und leerte voller Andacht die Gläser. Der alte Broderson setzte bedächtig sein Glas vor sich hin, strich den langen Bart und räusperte sich. »Das – das ist zweifellos ein sehr – ein höchst angenehmes Getränke. Ich erinnere mich eines Punsches, den ich Weihnachten 83 trank – oder war es 84 –, dieser Punsch – damals in Ukiah – 's war doch 83 – Er redete in dieser zerstückten Weise weiter, verlor den Faden und kam vom Hundertsten ins Tausendste; niemand hörte ihm zu.

»Ich trinke ja selbst nichts,« bemerkte Dyke, »aber 'ne Kleinigkeit davon mit viel Wasser wäre nicht übel für das Kleinchen. Sie würde denken, 's ist Limonade.« Er wollte schon ein Glas für Sidney zurechtmischen, besann sich aber eines Besseren und ließ es.

»Der Chartreuse fehlt,« brummte Caraher und schielte dabei nach dem Gastgeber. Der brauste auf: »Blech! Blödsinn! Das versteh' ich besser. In manchen Punschen mag's gut sein, in andern wieder nicht!«

Hooven war es, der dem Punsch einen mit lautem Beifall begrüßten Namen gab.

»Gesundheit!« rief er, sein zweites Glas zum Munde führend; er trank aus und setzte es mit behaglichem Schmatzen wieder auf den Tisch. »Weeß Gott,« meinte er nachdenklich, »dähr Punsch! Na, dähr wäre doch ä famoses Düngemittel!« Ein Düngemittel! Die andern krümmten sich vor Lachen.

»Gut gesagt, Bismarck!« rief Annixter. Die Bezeichnung »Düngemittel« gefiel ungeheuer, und nicht anders wurde der Punsch während des ganzen Abends genannt. Osterman goß seinen Rest auf den Fußboden und behauptete, die junge Weizensaat schon sprießen zu sehen. Dann wandte er sich plötzlich an den alten Broderson.

»Ich bin kahl, nicht? Wollen Sie wissen, wie ich mein Haar verloren habe? Versprechen Sie, keine weitere Frage zu tun, und ich will's Ihnen sagen! Geben Sie Ihr Ehrenwort?«

»Häh? Was – wie – ich – ich verstehe nicht recht. O, Ihr Haar! Gut, ich versprech's! Wie haben Sie das also verloren?«

»'s ist abgebissen worden.«

Der verdutzte Broderson machte ein dummes Gesicht. Wiehernd lachten die andern. Der Alte glaubte unversehens einen famosen Witz gemacht zu haben; vergnügt in seinen Bart kichernd, wiegte er den Kopf hin und her. Plötzlich aber wurde er ernst –, ihm war etwas eingefallen. »Ja, ja – ich weiß – sagte er. »Aber – aber – wie denn – wie ist's denn abgebissen worden?«

»Aber,« schrie Osterman unter Tränen lachend. »Sie haben doch versprochen, danach nicht zu fragen!«

Ein allgemeiner, ungeheurer Heiterkeitsausbruch folgte. Caraher, der am Türpfosten lehnte, hielt sich die Seiten. Der etwas begriffsstutzige Hooven jedoch wußte nicht, worum es sich handelte; mit verständnislosem Lächeln wanderten seine Blicke von einem zum andern, bis es ihm durch den Kopf schoß, man belache noch immer seinen Witz.

»Düngemittel, was? Das is ä feiner Witz, wie? You bet!«

Bei dem allgemeinen Lärm und Gelächter dauerte es eine Weile, bis man – und zwar Dyke zuerst – jemand andauernd an der verriegelten Tür klopfen hörte. Dyke machte Annixter darauf aufmerksam. Der fluchte über den Kerl, der sich da eindrängen wollte, und öffnete widerwillig. Sofort aber änderte sich sein Benehmen.

»Hallo,« rief er. »'s ist Presley! Komm 'rein, Pres, komm 'rein!«

Mit lautem Zuruf wurde der Eintretende von den lustigen Trinkgenossen bewillkommt. Es herrschte bereits ungemeine Gemütlichkeit und eine fast überfließende Jovialität. Annixter hatte Vanamee, der hinter Presley stehen geblieben war, bemerkt und bestand, den Unterschied zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer für heute vergessend, darauf, daß beide Freunde hereinkommen sollten. »Wer Presleys Freund ist, ist auch mein Freund,« erklärte er. Als die beiden eingetreten waren und die Anwesenden begrüßt hatten, nahm Presley Annixter beiseite.

»Vanamee und ich kommen eben von Bonneville,« sagte er. »Wir haben Delaney dort gesehen. Er hat den Buckskin, ist voll schlechten Whiskys und hat den Teufel in sich. Du solltest ihn nur sehen – alle Cowboy-Requisiten hat er auf dem Leibe, langhaarige Leggins, Sombrero, Sporen und all den Kram – und einen großen Revolver hat er sich auch umgeschnallt. Er sagt, du hättest ihn zwar nicht zu deinem Barntanz eingeladen, aber er will doch kommen und die ganze Geschichte kurz und klein schießen. Er meinte auch, du hättest geschworen, ihn mit einem Fußtritt herauszuwerfen, wenn er sich wieder hier auf Quien Sabe blicken ließe, und da möchte er dir doch heut die Gelegenheit dazu geben.«

»So, so,« sagte Annixter nickend, »das will er, so, so!«

Das hatte Presley nicht erwartet. Er kannte Annixters große Reizbarkeit und war auf eine andre, mehr dramatische Wirkung der von ihm gebrachten Nachricht gefaßt gewesen. Er warnte Annixter vor der ihm drohenden Gefahr. Delaney hätte schon mal einen Greaser greaser – Schmierfink. Von den Amerikanern für die Mexikaner gebrauchter Schimpfname. übel mit dem Messer zugerichtet; er wäre als ein gefährlicher Kerl bekannt. Aber Annixter blieb ganz ruhig. » All right,« sagte er, »'s ist schon gut. Sag niemand was davon. Die Weibsen könnten's mit der Angst kriegen. Und nu komm und trink!«

Der Ball war indessen in vollen Gang gekommen. Das Orchester spielte gerade eine Polka. Der junge Vacca schabte bereits an seiner fünfzigsten Kerze; das viele Wachs hatte den Fußboden so glatt wie Glas gemacht. Der Apotheker tanzte mit einer der Mexikanerinnen und bewegte sich dabei mit der Regelmäßigkeit eines Automaten; stieren Auges und mit fest zusammengebissenen Zähnen drehte er sich immer nur nach einer Richtung. Hilma Tree, die mit ungemeiner Anmut tanzte, war schon zum zweitenmal von Harran Derrick geholt worden. Ihre Wangen waren sanft gerötet, ihre Augen halb geschlossen; durch die leicht geöffneten Lippen tat sie von Zeit zu Zeit einen tiefen, vom reinsten Entzücken durchzitterten Atemzug. Die Musik, die bunten Flaggen und das frische Grün, die Hitze und die mannigfachen Düfte, das Einförmige der rhythmischen Bewegung und selbst das zunehmende Gefühl körperlicher Ermüdung – alles das hatte die Empfänglichkeit ihrer Sinne gesteigert. Sie war in einem traumartigen Zustand, fast willenlos und unsagbar glücklich. War es doch ihr »erster Ball«. Bis zum Morgen hätte sie ohne Unterbrechung tanzen können. Minna Hooven und Cutter zogen es vor, öfters zu »promenieren«. Frau Hooven mit der fest schlafenden Hilda auf dem Schoß wandte kein Auge von dem Kleide ihrer älteren Tochter. Jedesmal, wenn Minna vorbeikam, suchte die Mutter ihre Aufmerksamkeit durch ein energisches: »Pst! Pst!« zu erregen. Unter Minnas Kleidertaille guckte die winzige metallene Spitze eines Schnürbandes hervor. Die arme Mutter war den Tränen nahe. Der geschniegelte Kommis aus Bonneville war fieberhaft erregt. Er hatte seine mühsam zusammengestellte Tanzkarte und anscheinend auch den Kopf verloren. Vor Aufregung zitternd, von den tanzenden Paaren gestoßen und über die Füße der Sitzenden stolpernd suchte er überall vergeblich umher; voller Verzweiflung blickte er unter alle Stühle und fragte immer wieder angstvoll, ob niemand seine Tanzkarte gesehen hätte.

Magnus Derrick, der Mittelpunkt eines lauschenden Kreises von Ranchbesitzern, in der Nähe des weit offen stehenden Haupttores, erörterte die Möglichkeit, daß im nächsten Jahre das Weizenangebot auf dem Weltmarkt knapp sein dürfte. Er war noch mitten in seinen Ausführungen, als das Orchester mit einem rollenden Trommelwirbel, hellem Trompetengeschmetter und einem letzten langen Brummen des Streichbasses zu spielen aufhörte. Die Paare hörten auf zu tanzen und eilten nach ihren Sitzen; der geschniegelte Kommis blieb einsam und wild die Augen rollend in der Mitte des Tanzbodens zurück. Der Apotheker machte sich von seiner Mexikanerin sofort mit mechanischer Präzision los und ließ dabei das Kinn auf seine Krawatte herabsinken; beim Tanzen hatten weder er noch seine Partnerin auch nur ein einziges Wort miteinander geredet. Die Señora ging allein zurück auf ihren Platz, während der von dem vielen Drehen schwindlig gewordene Apotheker mit schwankenden Schritten der nächsten Wand zustrebte. Plötzlich schien das ganze Gebäude sich um ihn zu drehen, und er fiel in seiner ganzen Länge hin. Sein Fall erregte große Heiterkeit; er aber raffte sich auf und eilte, so schnell er konnte, totenbleich und die Hand auf den Magen gepreßt durch das offene Tor hinaus in die finstere Nacht.

Dabney, der alte Mann, den niemand kannte, näherte sich der Gruppe um Magnus Derrick; er blieb, das Kinn in seinen Halskragen versenkt, abseits stehen und hörte mit ernsthafter Miene dem Gespräche zu, ohne selbst auch nur mit einem Worte daran teilzunehmen.

Seinen Violinbogen hoch über sich schwingend, rief jetzt der Kapellmeister mit lauter Stimme: »Bitte für Lancier zu engagieren und um den Saal zu promenieren!«

Seine Aufforderung wurde nicht sogleich beachtet. Man drängte sich um die Plattform, auf der eben eine erregte Auseinandersetzung stattfand. Skeezicks, der Waldhornbläser, beschuldigte das Kornett und die Trommel, ihm seinen mitgebrachten Imbiß stibitzt zu haben.

» Nom d'un tonnerre, c'est trop fort!« hörte man ihn fluchen und zetern. »Geben Sie meine Würste oder ick brecken Sie das Genick! Aha! Mauvais farceur! Meine Würste und das Pork-Sandwich mit Schweinebraten belegtes Brot. oder ick gehen von diese Platz tout de suite

Er klappte auffällig den schwarzen Instrumentenkästen auseinander und schickte sich an, sein Waldhorn hineinzulegen. Die Umstehenden suchten ihn zu beruhigen. Das Sandwich und eine Wurst kamen wieder zum Vorschein; die andre war verschwunden. Skeezicks ließ sich besänftigen, und man begann von neuem zu tanzen.

Die Versammlung in der Geschirrkammer, jener feuchten Ecke, die auf die männlichen Gäste große Anziehungskraft ausübte, wurde bald zahlreicher. Harran Derrick, der nur mit Hilma Tree tanzen mochte, wurde zuerst eingelassen. Nach ihm kamen Garnett von der Ruby und Gethings von der San Pablo=Ranch. Ein vierter Punsch wurde gemischt, wobei Annixter und Caraher sich ihre widerstreitenden Ansichten über seine Zusammensetzung ins Gesicht schrien. Man leerte Glas auf Glas und dampfte Annixters starke Zigarren, deren Rauch den Raum in einen bläulichen Nebel beißenden Tabaksqualms hüllte. Immer wieder wurden die Gläser gefüllt.

Vanamee allein trank nicht. Er saß, seine Zigarette zwischen den Lippen, ein wenig abseits und hielt sich von den andern zurück, deren Treiben er gelassen und, wie es schien, mit einiger Geringschätzung beobachtete.

Hooven verfiel nach dem dritten Glase in tiefe Betrübnis. Schwere Seufzer entrangen sich seiner breiten Brust. Er behauptete, »unterdrückt« worden zu sein. Cutter hätte ihm seinen Stier weggenommen. Ihm sei schmähliches Unrecht geschehen. Er zog sich in eine Ecke zurück, wo er wie ein Häufchen Unglück, die Füße auf der Querleiste und sich die Tränen aus den Augen wischend, auf seinem Stuhl hockte; er war schlechterdings nicht zu trösten.

Der alte Broderson überraschte den neben ihm sitzenden Annixter nicht wenig, als er ihm mit ungemein verschmitztem Augenblinzeln zuflüsterte: »Ich – als junger Bursche – in Ukiah – mit den Mädels – er stieß ihn dabei schäkernd in die Rippen, »da war ich ein rechter Teufelskerl. Aber – aber 's braucht niemand zu wissen!«

Annixter allein blieb unbeeinflußt von dem reichlich genossenen Getränk. Er trank ebensoviel wie jeder andre, blieb aber dabei durchaus nüchtern, sicher auf den Füßen und bei vollkommen klarem Verstande. Seinem harten, eigensinnigen Kopf schien der Alkohol nichts anhaben zu können. Er war stolz darauf, ungeheuer viel vertragen zu können und nie in seinem Leben betrunken gewesen zu sein.

»Hört mal!« rief der alte Broderson, sich mit ernsthafter Miene an die Tafelrunde wendend. »Also, wißt ihr, ich – ich« – nervös zupfte er an seinem langen Barte – »ich bin nämlich ein Teufelskerl mit den Mädels.« Er wiegte den Kopf hin und her und kniff, verschmitzt lächelnd, die Augen zu. »Jawohl, Herrschaften, das bin ich! Da war nämlich eine junge Dame in Ukiah – das heißt, damals, als ich noch ein junger Kerl war – siebzehn Jahr war ich. Wir hatten Rendezvous – nachmittags – auf dem Friedhof. Ich sollte nach Sacramento zur Schule – und am Nachmittag, an dem ich abreisen sollte, da hatten wir auch ein Rendezvous auf dem Friedhof und da – da blieb ich so lange, daß ich beinah den Zug verpaßt hätte. Sie hieß Celestine.«

Er machte eine Pause. Die andern warteten auf den Ausgang seiner Erzählung.

»Und dann?« ermunterte ihn Annixter fortzufahren.

»Dann? Weiter nichts! Ich hab' sie nie wiedergesehen. Sie hieß Celestine.«

Man lachte ihn aus; Osterman, der den Alten hänseln wollte, rief ihm zu: »Wirklich ausgezeichnet! Erzählen Sie noch was!«

Der alte Broderson lachte vergnügt mit; er war überzeugt, einen höchst ergötzlichen Scherz gemacht zu haben. Und jetzt winkte er Osterman zu sich heran, dem er mit großer Heimlichtuerei ins Ohr flüsterte:

»Pst! Passen Sie auf! Wir woll'n mal zusammen nach San Francisco – San Francisco bei Nacht, haha! Bummeln woll'n wir. Uns amüsieren. O, ich bin ein – ein großartiger Durchgänger! Ich bin nicht zu alt dazu. Sie sollen mal sehen!«

Annixter beauftragte Osterman mit der Herstellung der fünften Punschauflage. Der versicherte nämlich, er habe von Solotari ein Rezept zu einem »Düngemittel«, das die Vergoldung vom Punschlöffel wegzuätzen vermöge. Der Gastgeber überließ es Osterman, sich mit Caraher herumzustreiten, der hartnäckig auf einem Zusatz von Chartreuse bestand; er selbst trat hinaus in die Tenne, um zu sehen, wie sich sein Ball anließ.

Es war gerade eine Tanzpause. Eine dichte Menge von jungen Leuten umdrängte den letzten Stand am Ende der Tenne, wo eine ganze Flut von Limonade bereit stand. Zu zweien und dreien strebten die Galans von dort mit überfließenden Gläsern zwischen den zierlich gespreizten Fingern zurück zu ihren Tänzerinnen, die in langen Reihen von Weiß, Blau und Rosa, ihre dunkel gekleideten Mütter und älteren Schwestern hinter sich, an den Längswänden saßen. Lautes Stimmengewirr, vermischt mit gleich Windstößen hereinbrechenden Lachsalven, erfüllte den weiten Raum. Alles schien sich vortrefflich zu amüsieren. Der durch die Hitze gesteigerte scharfe Duft der Tannen- und Zypressenzweige erinnerte an die Weihnachtsfeier einer Sonntagsschule. In die tiefen, dunkle Nischen bildenden leeren Viehstände hatten die jungen Leute Stühle gestellt und machten dort den Damen ihres Herzens nach allen Regeln der Kunst den Hof; der nette junge Mann mit sorgfältig gescheiteltem Haar beugte sich galant über seine Dame, der er mit großer Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit Luft zufächelte, wobei er es nicht unterließ, den freien Arm um die Lehne ihres Stuhls zu legen. In der Nähe des Haupttores stand Sarria und rauchte eine von Annixters schwarzen dicken Zigarren. Das glatte, glänzende Gesicht des Priesters zeigte noch immer dasselbe gleichmäßige liebenswürdige Lächeln; die Zigarrenasche hatte lange graue Streifen auf seiner Soutane hinterlassen. Er ging Annixter aus dem Wege, da er von ihm wohl eine Anspielung auf seine Kampfhähne fürchten mochte, und nahm hinter der zweiten Stuhlreihe an der Musikplattform Stellung; auch dort fuhr er fort, verbindlich zu lächeln.

Von allen Seiten wurde Annixter auf seiner Runde begrüßt. Alle Augenblicke mußte er stehen bleiben, um Hände zu schütteln und sich zur Größe seines Barns und dem ungemeinen Erfolge des schönen Festes beglückwünschen zu lassen. Aber er war zerstreut, und seine Gedanken weilten anderswo; er verbarg auch seine Ungeduld durchaus nicht, als verschiedene junge Leute ihn ins Gespräch zu ziehen versuchten und ihn ihren Schwestern oder den Schwestern ihrer Freunde vorstellen wollten. Schroff wies er sie ab; sie sollten sich um ihre Angelegenheiten kümmern und ihn in Frieden lassen. Dem Kielwasser eines die Fluten durchschneidenden Schiffes vergleichbar, ließ die zornige Erregung der so arg Gekränkten den von Annixter zurückgelegten Weg erkennen. Seine unmäßige Grobheit säte für ihn den Samen neuen Zwistes und erneuter, gesteigerter Unbeliebtheit. Das kümmerte ihn aber wenig – denn er suchte Hilma Tree.

Endlich stieß er ganz unerwartet auf sie. Hilma sprach mit ihrer Mutter, neben deren Stuhl sie stand; wohl sechs oder acht junge Leute strichen, auf eine Gelegenheit, sie anzusprechen, wartend, in ängstlicher Unentschlossenheit um sie herum. Annixters Ueberheblichkeit, sein hochfahrendes, grobes Wesen war wie weggeblasen –, die Befangenheit und Verwirrung hingegen, die sich seiner schon so oft Hilma gegenüber bemächtigt hatte, war in verstärktem Maße zurückgekehrt. Anstatt sie anzureden, wie er sich vorgenommen hatte, stellte er sich an, als ob er sie nicht sähe. Den Kopf hoch in der Luft und ein plötzliches Interesse für eine Papierlaterne mit niedergebrannter Kerze heuchelnd ging er an ihr vorüber. Aber einen einzigen forschenden Blick hatte er doch auf sie geworfen, und der hatte ihm genügt. Hilma war verändert. Eine kleine, eigenartige, schwer zu beschreibende und doch unverkennbare Veränderung war mit ihr vorgegangen. Die Aufregung, das ungewohnte, mit voller Hingebung genossene Vergnügen, der wonnige Aufruhr, in den ihr »erster Ball« Hilmas ganzes Wesen versetzte, hatte diese Veränderung hervorgerufen. Vielleicht hatte ihr das bisher gefehlt. Jedenfalls war dieser kurze Moment für Annixter genügend gewesen, um jene Wahrnehmung zu machen und in Hilma das Weib zu sehen. Sie war nicht mehr das kaum erwachsene Mädchen, das er als solches behandeln, zu dem er sich herablassen konnte und dessen kindlich-unbefangenes Wesen er wohl leiden und ergötzlich finden mochte.

Bei seiner Rückkehr in die Geschirrkammer herrschte dort die lärmendste maskuline Heiterkeit. Osterman hatte ein geradezu wunderbares »Düngemittel« zusammengestellt, das in der Hauptsache aus mit Champagner und Zitronensaft verdünntem Whisky bestand. Mit einer Salve donnernden Beifalls war die erste Runde dieses Getränkes begrüßt worden. Das Teufelszeug hatte Hooven wieder auf die Beine gebracht und ihn noch dazu in eine höchst kampflustige Stimmung versetzt; der Teufel solle ihn holen, erklärte er, wenn er nicht jetzt auf der Stelle gründlich mit Cutter wegen des Stiers abrechnete. Osterman war auf einen Stuhl gestiegen und brüllte: »Einen Augenblick Ruhe, meine Herren!« Er brannte darauf, eine außerordentlich komische Geschichte zu erzählen.

Eben bemerkte Annixter, daß die Getränke – Champagner, Whisky, Kognak und Bier – zur Neige gingen. Das durfte nicht sein. Er würde es als eine unauslöschliche Schande empfunden haben, wenn es hinterher geheißen hätte, daß bei seinem Fest nicht für ausreichendes Getränk gesorgt gewesen sei. Unbemerkt schlüpfte er wieder hinaus und beauftragte zwei seiner Farmarbeiter, hinüber nach dem Wohnhause zu gehen und von dort allen »Stoff«, dessen sie habhaft würden, herbeizuschaffen.

Nachdem er diesen Auftrag gegeben hatte, kehrte er nicht sofort wieder nach der Geschirrkammer zurück. Eine Quadrille, die gerade im Gange war und deren Touren der Kapellmeister ausrief, fesselte für eine Weile seine Aufmerksamkeit. Der junge Vacca machte noch immer, Kerze auf Kerze schabend, seine Runde; offenbar von dem einzigen Gedanken beherrscht, unermüdlich seines Amtes zu walten, stieß er die tanzenden Paare beiseite und wollte nichts davon wissen, wenn man ihm vorstellte, daß der Fußboden nachgerade genügend glatt sei. Der Apotheker war von seiner nächtlichen Wanderung zurückgekehrt. Melancholisch lehnte er an der Wand, da er sich nicht mehr zu tanzen getraute. Der geschniegelte Kommis aus Bonneville war eben in eine höchst fatale Lage gekommen. Auf der Suche nach seinem Taschentuch, das ihm, während er seine Tanzkarte zu finden sich bemühte, abhanden gekommen war, geriet er nämlich unversehens in die den Damen als Toilettenraum vorbehaltene Futterkammer; Frau Hooven war gerade dabei, Minna, die ihre Taille hatte ausziehen müssen, das Korsett wieder zuzuschnüren. Es gab eine furchtbare Szene. Der Kommis wurde herausgeworfen und von der entrüsteten Mutter mit Verwünschungen überhäuft; man konnte ihre schrille Stimme über die ganze Tenne weg hören. Ein junger Mann, Minnas Kavalier, der vor der Tür auf sie gewartet hatte, forderte den Bedauernswerten mit spöttischer Höflichkeit auf, sich doch einen Augenblick mit ihm hinauszubemühen. Der atem- und sprachlose, völlig verwirrte, hier- und dorthin gestoßene Unglücksmensch starrte wild um sich und wußte nicht, wie ihm geschah.

Die Quadrille war inzwischen zu Ende gekommen, und ein Walzer hatte begonnen. Annixter, der sich überzeugt hatte, daß alles im besten Gange war, suchte, sich seitwärts durch die Masse der Tanzenden windend, wieder nach der Geschirrkammer zu gelangen. Dabei traf er unversehens auf Hilma, die allein stand und ängstlich umherblickte.

»Nun, amüsieren Sie sich, Fräulein Hilma?«

»O, das wollt' ich meinen! Es ist ja herrlich –, aber ich weiß nicht, was aus meinem Tänzer geworden ist. Ich bin ganz allein – das erstemal heut abend,« setzte sie stolz hinzu. »Haben Sie ihn vielleicht gesehen – meinen Tänzer, Herr Annixter? Ich habe seinen Namen vergessen. Erst heut abend habe ich ihn kennen gelernt – und ich habe so viele Bekanntschaften gemacht, daß ich mich nicht mal auf die Hälfte besinnen kann, 's ist ein junger Mann aus Bonneville – ein Kommis, dächt' ich –, mir ist so, als ob ich ihn schon in einem Geschäft gesehen hätte –, und er war sehr, sehr fein angezogen.«

»Er wird sich wohl in dem Gedränge verlaufen haben,« meinte Annixter. Plötzlich kam ihm eine Idee. Er nahm seine ganze Courage zusammen.

»Wissen Sie was, Fräulein Hilma,« sagte er mit klopfendem Herzen, »wie wär's denn, wenn wir uns diesen Tanz zunutze machten? Das heißt – tanzen möcht' ich ja nicht. Ich mag keinen Hampelmann aus mir machen und mich nicht von irgendeinem Dummkopf auslachen lassen –, aber wir könnten promenieren. Wollen Sie? Was meinen Sie dazu?«

Hilma war einverstanden.

»Es ist mir gar nicht so unangenehm, daß ich den Walzer nicht mit dem kleinen Kommis zu tanzen brauche,« sagte sie schuldbewußt. »Finden Sie, daß das recht schlecht von mir ist?«

Wie sie wohl so etwas denken könnte! Aufs eifrigste suchte ihr Annixter das auszureden.

»Ich bin aber warm!« murmelte Hilma und fächelte sich mit ihrem Taschentuche Luft zu. »Ach, und wie wundervoll habe ich mich den ganzen Abend amüsiert! Und ich fürchtete doch, daß ich ein Mauerblümchen sein würde und die ganze Zeit bei Papa und Mama sitzen müßte. Und ich habe doch jeden Tanz getanzt, und einige Tänze hab' ich sogar teilen müssen. O–o!« sie atmete tief auf und blickte mit glänzenden Augen um sich; aufs neue bewunderte sie die dreifarbigen Gehänge, die japanischen Papierlaternen und den grünen Schmuck an Wand und Balken. »O–o! das ist alles so wunderschön – wie in einem Märchen! Und dann zu denken, daß alles nur einen einzigen kurzen Abend dauern kann, und daß man morgen wieder zu dem gewöhnlichen, alltäglichen Dasein erwacht!«

»Nun ja,« sagte Annixter, der sie daran erinnern wollte, wem sie alle diese Herrlichkeiten zu danken hatte, – »ich habe mein Bestes getan, und ich sollte meinen, das ist ebensogut, wie wenn jemand anders sein Bestes tut.«

Hilma überschüttete Annixter mit einem Dankbarkeitsausbruch; er tat, als ob er sich dagegen verwahren müßte. Es wäre ja weiter nichts, sagte er. Und gekostet hätte es ihn auch nicht viel. Es mache ihm Spaß, wenn sich seine Gäste gut amüsierten, und das scheine ja auch der Fall zu sein. Was meinte sie wohl? Ginge es lustig genug zu?

Es war töricht von ihm, immer wieder darauf zurückzukommen. Aber der ungewandte Annixter wußte nichts mehr zu sagen, und es fiel ihm nichts Besseres ein, um das Gespräch im Fluß zu erhalten. Hilma erschöpfte sich in Versicherungen, daß ihr diese Nacht unvergeßlich sein würde. »O, tanzen!« fügte sie hinzu. »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie leidenschaftlich gern ich tanze! Die ganze Nacht könnte ich tanzen – ohne aufzuhören – immerzu!«

Annixter fühlte sich sofort getroffen. Dieses »Promenieren« war ganz gewiß gar nicht nach ihrem Geschmack. Sich mit einigem Unbehagen vorstellend, was er wohl für eine Figur machen würde, platzte er heraus:

»Möchten Sie jetzt gern tanzen?«

»Ach, ja!« antwortete sie.

Sie machten in ihrer Wanderung Halt. Hilma stellte sich ihm gegenüber und ließ sich von ihm umfassen. Annixter biß die Zähne zusammen; große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn. Seit fünf Jahren hatte er nicht mehr getanzt, – und das Tanzen war nie seine stärkste Seite gewesen. Einen Augenblick zögerten sie noch, um den richtigen Taktteil zum Anfangen abzuwarten. Annixter verpaßte das natürlich; außerdem wurden sie auch noch von einem andern Paare angetanzt. Annixter knurrte eine leise Verwünschung und zog Hilma, ohne den Arm von ihrer Taille zu nehmen, in die nächste Ecke.

»Wir wollen's nochmal versuchen,« murmelte er.

Wieder versuchten sie, das rhythmische eins–zwei– drei der Musik mitzählend, in Gang zu kommen. Annixter wartete aber den Bruchteil einer Sekunde zu lange und trat Hilma auf den Fuß. Beim dritten Versuch kamen sie zwar glücklich aus ihrer Ecke heraus, wurden aber sofort wieder angetanzt. Noch hatten sie sich nicht von diesem Mißgeschick erholt, als ein neues Paar derartig gegen sie anraste, daß Annixter um ein Haar hingestürzt wäre. Er war wütend. Hilma mußte sich trotz ihrer Verlegenheit zusammennehmen, um nicht zu lachen; die beiden waren jetzt in die dichte Masse der Tanzenden geraten, wurden von den sich drehenden Paaren fortwährend angestoßen und in die Mitte des Tanzbodens gedrängt. Unbeholfen aneinander festhaltend und sich eins bei dem andern entschuldigend, standen sie inmitten des sie umkreisenden Wirbels, als Delaney erschien.

Er kam mit der Plötzlichkeit einer Explosion. Es gab einen wilden Tumult am Eingang, eine wahre Salve von Flüchen rollte durch die Luft, Pferdehufe stampften mit lautem Getöse auf den hölzernen Dielen, in eiliger Flucht suchten die geängstigten Festgäste hinter den Stuhlreihen der Längsseiten Schutz – und schon war Delaney da. Im vollen Galopp war er auf dem Buckskin geradeswegs durch das Haupttor bis mitten auf den Tanzboden gesprengt.

Der tolle Reiter parierte jetzt sein Tier; eine unmerkliche Bewegung des kleinen Fingers, über dem der Zügel hing, genügte, um das grausame mexikanische Gebiß wirken zu lassen. Gleichzeitig schlug er ihm die Sporen in die Weichen; hochauf bäumte sich der Buckskin, um im nächsten Augenblick mit den Vorderhufen aus die hohlen Dielen niederzudonnern. Den Kopf tief zwischen den Vorderbeinen und den Rücken zum Katzenbuckel gekrümmt, schlug er wütend hinten aus; ein minder gewandter »Buster« Der horse-buster oder horse-breaker macht die verwilderten, in der Prärie aufgewachsenen Pferde unter Anwendung grober Gewaltmittel in wenigen Stunden reitbar. Diese Leistung erfordert ebensoviel Kaltblütigkeit und Mut wie Kraft und Reitgewandtheit. wie Delaney wäre dabei wie ein Sack voll Sand kopfüber aus dem Sattel geflogen. Und jetzt ließ er den Zügel nach und preßte seine Knie mit eisernem Druck gegen die Flanken des unbändigen Gaules. Der Buckskin kannte seinen Meister und gehorchte sofort. Zitternd stand er unter seinem Reiter; von dem die Kinnlade in scharfem, eisernen Ringe umschließenden Gebiß troff blutiger Schaum auf den glatten Fußboden. Delaney hatte sich mit peinlicher Sorgfalt herausgeputzt; er wollte, daß man ihm den wilden Cowboy, mit dem nicht zu spaßen war, auf den ersten Klick ansähe. Nichts fehlte an seiner Ausrüstung. Da war der breitrandige Hut mit vorn aufgeschlagener Krempe, das blaue weißpunktierte und im Nacken geknotete Taschentuch, die großen rotgesteppten Stulphandschuhe und dann vor allem die »Chaparejos« spanische Bezeichnung für die weiten, über Stiefeln und Beinkleidern getragenen Reithosen. von langhaarigem Bärenfell und endlich die im Patronengürtel an der Hüfte hängende Pistolenholster. Die war aber leer. In seiner Rechten schwang Delaney den schußbereiten, mit sechs Patronen geladenen Coltschen Armeerevolver, dessen dunkelblauer Stahl matt im Lichte der Lampen und Kerzen glänzte.

Eine Sekunde lang herrschte die tollste Verwirrung. Mit einem schrillen Mißklang brach die Musik ab, und blitzschnell leerte sich der Tanzboden. Wie mit einem Besen waren die Paare weggefegt. Hals über Kopf drängten die Menschenmassen sich gegen die Wände des Gebäudes; Stühle wurden umgeworfen, man stieß sich und stolperte übereinander, fiel und raffte sich wieder auf. Es war ein unbeschreibliches Durcheinander von wild schlenkernden Armen, strauchelnden Beinen, Fetzen von Tüll und Musselin, von zerdrückten Blumen, schreckensbleichen Gesichtern und aufgelöstem Haar. In wenigen Augenblicken löste sich dieser Wirrwarr; nach allen Richtungen stoben die geängstigten Menschen auseinander. Nur Annixter und Hilma, die sich noch umschlungen hielten, waren zurückgeblieben. Mitten auf dem Tanzboden standen sie dem vom Alkohol tollen, racheschnaubenden und zum Schlimmsten bereiten Delaney allein und verlassen gegenüber.

Der allgemeinen Panik folgte ein Augenblick vollkommener Stille. Die von der plötzlich hereinbrechenden Gefahr überraschten Menschen standen stumm und starr vor Schreck dicht gegen die Wände gedrängt. In diesem Moment allgemeinen, bangen Schweigens flüsterte Annixter, ohne seine Augen von Delaney zu lassen, Hilma zu:

»Fort mit Ihnen! Der Narr könnte schießen. Gehen Sie zur Seite!«

In dem Moment, der folgte, der nur sekundenlangen, dem Wendepunkt voraufgehenden Frist, während der Delaney sein aufgeregtes Tier beruhigte, geschah das Wunderbare. Hilma wandte sich ab von Delaney; ihre Blicke suchten und trafen die Annixters, mit beiden Händen seinen Arm umklammernd, rief sie angstvoll:

»Gehen Sie auch!«

Das war alles; für Annixter aber war es eine Offenbarung. Noch nie hatte er so scharf zu beobachten, so sein zu empfinden vermocht; er verstand Hilma sofort. Einen Moment nur sahen sich die beiden tief in die Augen; er wußte jetzt, daß Hilma für ihn fühlte. Der ganze Vorgang war so kurz wie ein Knipsen mit den Fingern. Drei Worte und ein Blick hatten genügt. Annixter aber drängte Hilma, als ob nichts derartiges zwischen ihnen vorgegangen wäre, von sich weg und wiederholte barsch:

»Fort mit Ihnen, sag' ich! Sehen Sie nicht seinen Revolver? Habe ich nicht genug ohne Sie zu tun?«

Er machte ihre Hände von seinem Arm los, blickte Delaney von neuem unverwandt an und trat, Hilma mit seinem Körper deckend, nach einer Ecke hin einige Schritte rückwärts. Dann stieß er das Mädchen mit solcher Gewalt von sich, daß sie taumelte und gefallen wäre, wenn ein hilfreicher Arm sie nicht in die schützende Ecke gezogen hätte. Wieder trat er vor und stand, die Hände in den Rocktaschen, unerschrocken und mit gespanntester Aufmerksamkeit seinem Feinde gegenüber.

Der Cowpuncher ließ sich noch Zeit. Furchtlos und vom Alkohol zu wildem Uebermut aufgestachelt, wollte er sich eine besondere Güte tun, indem er die allgemeine angstvolle Spannung verlängerte und seine ihm so wohlgefällige Rolle weiterspielte. Mit Schenkel und Zügel hielt er den Buckskin in fortwährender nervöser Bewegung; schnaubend und prustend warf das aufgeregte Tier den Kopf in kurzen, scharfen Rucken nach oben und trampelte mit den harten Hufen auf dem hohlen Fußboden. Der Reiter aber wandte sich an Annixter und übergoß ihn mit einer Flut spöttischer Schmähungen.

»Wahrhaftig, ich will blind werden, wenn das nicht der alte Buck Annixter ist! Mit einem Fußtritt wollte er mich von Quien Sabe wegjagen, – ist's etwa nicht so? Ich geb' ihm jetzt 'ne Chance dazu, – er kann sich vor den Damen zeigen. Einen Ball gibt er in seinem Barn, einen Ball mit einem eleganten Kehraus, und vergißt seinen alten Freund, den Bronco-Buster, bronco, spanisches Wort für ein wildes oder halbwildes Pferd. einzuladen. Aber ihn vergißt sein Freund nicht, – o, keineswegs. Ein gutes Gedächtnis für Kleinigkeiten hat er, sein Freund, der Bronco-Buster. Der macht gelegentlich gern einen Ball mit, – sein guter Freund. Und er kommt auf alle Fälle, – er weiß ja, daß er herzlich willkommen ist. Sein alter Freund will doch Buck Annixter tanzen sehen, – er will Buck Annixters Freunden zeigen, wie schön Buck tanzen kann – ein seines Solo, – wie 'ne Henne auf 'ner heißen Platte wird er tanzen, wenn ihn sein Freund, der Bronco-Buster, so höflich darum bittet. Ein kleines Tänzchen den Damen zuliebe, Buck! Diese Nummer des Programms ist allein den Eintrittspreis wert. Stimm die Fiedel, Buck! Aufgepaßt! Die Tonart geb' ich an!«

Er machte den »Fächer«, indem er seinen Revolver mit solch unglaublicher Schnelligkeit an dem durch den Abzugsbügel durchgesteckten Zeigefinger herumwirbelte, daß man eine sich blitzschnell drehende dunkelblaue Scheibe zu sehen meinte. Plötzlich und ohne anscheinend in diesem Wirbeln anzuhalten, feuerte er; ein von der Diele zu Annixters Füßen losgerissener Holzsplitter flog hoch in die Luft.

»Vorwärts!« rief Delaney, während der von dem Schuß scheugewordene Buckskin sich bäumte. »Einen Augenblick noch! 's ist mir zu hell hier. Die große Lampe dort blendet mich. Achtung! Ich werd' sie auspusten.«

Ein zweiter Schuß zertrümmerte die Lampe über den Musikern. Schrille Schreie bangen Entsetzens folgten dem Knall; ein Zittern und Beben durchlief die Menge der Gäste, die sich zusammendrängten wie geängstigte Kaninchen in ihrem Ställchen.

Annixter allein rührte sich nicht; er stand, noch immer mit den Händen in den Seitentaschen seines Rockes, etwa zwanzig Schritte von Delaney entfernt, den er mit wachsamen, glitzernden Augen scharf beobachtete. Kleinigkeiten konnten ihn wohl reizen und aufregen; der wirklichen, drohenden Gefahr gegenüber zeigte er eine außerordentliche, fast unnatürliche Ruhe.

»Ich passe auf!« rief sein Gegner. »Behalt die Hände in den Rocktaschen, wenn du noch ein bißchen länger leben willst, verstehst du? Daß du mir ja nicht mit der Hand nach der Hüftentasche In der rechten Hüftentasche des Beinkleides wird gewöhnlich der Revolver getragen. fährst, sonst könnten deine Freunde morgen aufgefordert werden, dich in der Morgue zu identifizieren. Man nennt mich den Freund des Leichenbestatters, wenn ich böse bin – und ich bin heut abend so böse, daß ich mich vor mir selbst fürchte. Man wird die Zensuslisten revidieren müssen, wenn ich hier fertig bin. Vorwärts jetzt! ich hab' das Warten satt! Tanzen will ich dich sehen!«

»Geben Sie das Pferd her. Delaney, und dann hinaus mit Ihnen!« sagte Annixter, ohne seine Stimme zu erheben.

Der Cowboy tat, als ob er über die Maßen verwundert wäre. Er hob sich in den Bügeln und starrte Annixter mit gut gespieltem Erstaunen an.

»Wa–a–a–s!« rief er, »wa–a–a–s sagst du da? Ah, ich vermute beinahe, du suchst Händel, – ja, das vermut' ich.«

»Da bist du schief gewickelt, mein Junge,« murmelte Annixter halb zu sich, halb zu seinem Feinde. »Wenn ich Händel suchte, brauchtest du's nicht erst zu vermuten.«

Und jetzt feuerte er. Annixter hatte sofort seinen Plan gefaßt, als Delaney in den Barn galoppierte. Schon lange steckte sein Revolver in der rechten Seitentasche seines Rockes, und er schoß jetzt durch das Rockfutter, ohne die Hand aus der Tasche zu ziehen.

Bis zu diesem Augenblick war Annixter seiner nicht ganz sicher gewesen. Im Anfang hätte er zweifellos jede Gelegenheit, sich mit Anstand aus dieser unangenehmen Lage ziehen zu können, willkommen geheißen. Der Knall seines Revolvers aber gab ihm sein volles Selbstvertrauen wieder. Er riß die Waffe aus der Tasche und feuerte von neuem. Das eigenartige Duell war jetzt in vollem Gange. Schuß folgte auf Schuß. Die beiden Revolver spien blaugraue längliche Rauchwölkchen aus, die wie zuckende Speerspitzen hin und her fuhren, sich zu dünnen Schleiern verbreiterten und in seinen Nebelschichten nach oben wogten. Es war durchaus wahrscheinlich, daß keiner ernstlich daran dachte, den Gegner zu töten. Beide feuerten, ohne mit einiger Genauigkeit zu zielen. Jeder schien nur darauf bedacht, seinen Revolver abzuschießen und die Kugeln des Gegners zu vermeiden. Nicht länger höhnten sie einander. Statt ihrer sprachen die Revolver.

Noch lange nachher konnte Annixter sich dieser Augenblicke aufs deutlichste erinnern. Nach Jahr und Tag noch war es ihm ein leichtes, sich die ganze Szene zu vergegenwärtigen – die gegen die Wände des Barns drängende Menschenmenge, die bunten Reihen japanischer Papierlaternen, der Geruch von Tannennadeln, Zypressenzweigen, neuem Bauholz, Sachet und Pulverrauch, das Angstgeschrei und die Schreckensrufe seiner Gäste, das Quieken des außer sich geratenen Buckskin, das Krachen der Schüsse, die trampelnden Pferdehufe, das aufgeregte Gesicht Harran Derricks im Rahmen der Geschirrkammertür und endlich mitten auf dem leeren Tanzboden sich selbst und Delaney in einer Wolke von Pulverdampf aufeinander losknallend.

Annixter hatte nur sechs Patronen in seinem Revolver. Ihm war aber, als ob er wenigstens zwanzigmal geschossen hätte. Der nächste Schuß war zweifellos sein letzter. Was dann? Scharf blickte er durch die immer dichter werdende Rauchwolke nach dem Buster aus. Um seiner eignen Sicherheit willen mußte dieser letzte Schuß treffen. Delaneys Brust und Schultern hoben sich plötzlich dicht vor ihm hoch aus dem Pulverdampf, als der rasende Buckskin sich gerade wieder bäumte. Zum ersten Male zielte Annixter genau; aber noch ehe er abdrücken konnte, erhob sich ein großes Geschrei, und er sah, wie der Buckskin plötzlich mit leerem Sattel und auf dem Boden nachschleifenden Zügeln quer über die Tenne raste und wie toll in die Stuhlreihen hineinkrachte. In taumelnder Hast richtete sich Delaney von dem glatten Fußboden auf; er hatte seinen Revolver nicht mehr, und Blut war an seinem Handgelenk.

Kaum war der Buster auf den Beinen, als er sich auch schon zu eiliger Flucht wandte. Rechts und links machte ihm die Menge Platz; durch das offene Haupttor flüchtete er in das Dunkel der Nacht. Wohl zwanzig Männer sprangen jetzt hinzu, um sich des wilden Buckskin zu bemächtigen. Der aber riß sich los und raste wie toll und blind in die Ecke nächst der Musikplattform. Mit fürchterlicher Gewalt, mit der ganzen Wucht eines Sturmbockes prallte der entsetzte Gaul gegen die Barnwand; die scharfe Kante eines Balkens riß ihm eine klaffende Stirnwunde. Die Verletzung schien ihn noch rasender zu machen; er nahm einen neuen Anlauf und stürzte sich wie ein wütender Stier und mit blutüberströmtem Kopf von neuem gegen die Wand. Kreischend war die Menschenmenge vor ihm auseinander gestoben, – einen alten Mann hatte er überrannt und mit den Hufen verletzt. Und jetzt trat er auf den am Boden schleifenden Zügel und überschlug sich in einen Haufen wirr durcheinander stehender Stühle, deren Holz von seinem Sturze und den wild ausschlagenden Hufen krachend zersplitterte. Scharenweise fiel man jetzt über ihn her; man schrie und gestikulierte, zerrte ihn am Gebiß und setzte sich auf seinen Kopf. Einige Minuten noch suchte das zappelnde, stöhnende Tier sich zu wehren, dann ergab es sich in sein Schicksal. Es tat tiefe, keuchende Atemzüge, die fast die Sattelgurte sprengten, rollte angstvolle, flehende Augen und zitterte in jeder Muskel; von Zeit zu Zeit zuckte es krampfhaft wie ein hysterisches Jungferchen. Endlich lag der arme Gaul ganz ruhig. Man ließ ihn wieder auf die Beine kommen; er wurde abgesattelt und in einen der leeren Stände geführt. Dort blieb er den ganzen Abend mit tiefgesenktem Kopf und schlagenden Flanken stehen; ab und zu schielte er, das Auge verdrehend, so daß das Weiße zum Vorschein kam, ängstlich zur Seite und tat in langen Zwischenräumen einen tiefen, seufzenden Atemzug.

Eine Stunde darauf war der Ball wieder in vollem Gange, als ob er durch nichts unterbrochen worden wäre. Der Zwischenfall war erledigt – man schien das aus der schwarzen Nacht plötzlich auftauchende Schrecknis, das Freude und Fröhlichkeit so jäh unterbrochen hatte und mit der Schnelligkeit von Blitz und Donner gekommen und verschwunden war, vergessen zu haben. Viele Frauen waren gegangen und hatten ihre Männer mit sich genommen. Der weitaus größere Teil der Gesellschaft aber blieb da und ließ sich in seinem Vergnügen nicht stören – schon um zu zeigen, daß man sich an solch kleinen Zwischenfall nicht kehrte. Delaney würde nicht zurückkommen, davon war jedermann überzeugt – und sollte er es doch wagen, so war ein volles halbes Hundert junger Leute bereit, ihm das Wiederkommen auf immer zu verleiden, by jingo! ein vermutlich aus » by Jesus«! korrumpierter Fluch. Als er vorhin so plötzlich und unvermutet erschien, waren sie lediglich zu überrascht gewesen, um etwas gegen ihn zu unternehmen – und ehe sie sich noch besinnen konnten, war er schon ausgerissen. Wäre er nur eine Minute, ja nur eine Sekunde länger geblieben, so würden sie ihm schon Mores gelehrt haben – yes, sir, by jingo! – ah, you bet!

Allerlei Mordsgeschichten wurden erzählt. Jeder dritte Mann war wenigstens einmal in seinem Leben an einer Schießerei beteiligt gewesen. »Ah, Sie hätten damals in Yuba County sein sollen –« – »Und gar erst in Butte County –« – »Bah. das heute war gar nichts! In Arizona hätten Sie Augen gemacht! Ich war da mal in'ner Kneipe und da – in dieser Weise redete man aufeinander ein. Osterman schwur hoch und teuer, mit eignen Augen gesehen zu haben, wie ein »Greaser« in einer Sägemühle in Nevada mitten entzweigesägt wurde. Der alte Broderson war dabei gewesen, wie das Vigilanzkomitee im Jahre 1855 irgendeinen armen Teufel auf der Californiastraße in San Francisco gelyncht hatte. Dyke erinnerte sich aus seiner Lokomotivführerzeit her, einen Betrunkenen überfahren zu haben. Gethings von San Pablo hatte auf einen Straßenräuber geschossen, Hooven einem französischen Chasseur bei Sedan das Bajonett durch den Leib gerannt. Ein greiser, an die hundert Jahre alter Mexikaner aus Guadalajara war dabei gewesen, als Fremont seine Stellung auf einem Berge in Benito County heldenmäßig verteidigte. Der Apotheker hatte auf einen Einbrecher gefeuert, der in der Neujahrsnacht bei ihm eingedrungen war. In den Straßen von Guadalajara hatte der junge Vacca einen Hund erschießen sehen. Vater Sarria hatte mehr als einmal an Schußwunden sterbenden portugiesischen Desperados das Sakrament gereicht. Auch die Frauen wußten von schrecklichen Szenen zu berichten. Frau Cutter erzählte einer gespannt lauschenden Gruppe von den alten Goldgräberzeiten in Placer County. Drei Männer – 1851 war's –, die eine fremde Mutung sich widerrechtlich aneignen wollten, hatten dran glauben müssen; ganze Salven wurden auf sie abgegeben. Die zum Tode Getroffenen taten ihren letzten Atemzug auf dem Fußboden von Frau Cutters Küche; sie hatte sie sterben sehen. Die Postkutsche, in der Frau Dyke reiste, war von Räubern angehalten und der Beamte der Expreßgesellschaft dabei erschossen worden. Hundert solcher Geschichten wurden erzählt. In ein Milieu von Blut und Wunden, von Todesröcheln und brechenden Augen, von Pulverdunst und krachenden Schüssen versetzte man sich. All die Erinnerungen aus dem Jahre 1849, der wilden Zeit, in der rohe Gewalt zügellos herrschte, erwachten im grellen Licht der Petroleumlampen und Papierlaternen zu neuem Leben.

Die heutige Schießerei hatte die versammelten Männer in eine gereizte, kampflustige Stimmung versetzt. Unter Westen und gestärkten Hemdbusen war die Sucht nach Streit und Gewalttätigkeit erwacht. So mancher, der ahnungslos eines andern Zorn erregt hatte, wurde ersucht, »auf einen Augenblick mit hinauszukommen«. Es war, wie wenn Spießer und Gabler, durch das Beispiel kämpfender Brunsthirsche gereizt, gegeneinander die Gehörne senkten, um sich vor den Schmal- und Alttieren zu zeigen. Das persönliche Ehrgefühl war zu einer geradezu mimosenhaften Empfindlichkeit gesteigert. Der leiseste Anlaß genügte, um sich beleidigt zu fühlen. Caraher sprach davon, daß er S. Behrman, wo er ihm immer begegnete, niederschießen würde. Zweimal mußten Hooven und Cutter, die wegen des Stieres von neuem aneinander geraten waren, getrennt und besänftigt werden. Ganz plötzlich fiel Minna Hoovens Kavalier über den geschniegelten Kommis aus Bonneville her und stieß ihn hinaus ins Freie, dort schrie er den Armen an, daß er Fräulein Hooven gröblich beleidigt habe, und prügelte ihn fürchterlich durch. Nicht weniger wie drei Männer mußten dem Wüterich sein Opfer entreißen, das, zerschunden und zerbleut, mit wirrem Haar und zerrissenem Halskragen, nicht wußte, wie ihm geschah, und seine Befreier in ratloser Angst mit weitaufgerissenen Augen anstarrte.

Annixter, der vor stolzer Freude über seinen Sieg beinah platzte, warf sich in die Brust und trug die Nase gewaltig hoch. Der Held des Abends war der Mittelpunkt eines Kreises glühender Bewunderer. Man riß sich um die Ehre, seine Hand schütteln zu dürfen, und war stolz, wenn man ihm auf die Schulter klopfen und unter bekräftigendem Kopfnicken seine unbegrenzte Bewunderung aussprechen konnte. »Ein großartiger Kerl!« hieß es. »Kaltblütig wie 'ne Gurke!« »Da seh' mir einer den Annixter an! Das nenn' ich Schneid!« »Ein ganz großartiger Schuß. Weiß Gott, Apache Kid hätt's nicht besser machen können!« »Zu solchem Schuß gehört wohl 'ne ruhige Hand und ein sicheres Auge.« »Noch nach fünfzig Jahren wird man in Tulare County von dem Schuß reden.«

Annixter selbst sagte nichts und hörte desto gespannter auf alles, was in seiner Umgebung geredet wurde; er war sich über den ganzen Vorgang nicht recht klar. Er wußte nur, daß Delaney mit einem Male davongelaufen war und dabei seinen Revolver sowie Blutspuren zurückgelassen hatte. Allmählich jedoch gelang es ihm, festzustellen, daß er bereits mit seiner vorletzten Patrone den glücklichen Schuß getan hatte, der Delaneys Pistolenhand zerschmetterte. Darüber war Annixter aufs höchste erstaunt. In Wahrheit nämlich hatte er von dem Augenblick, in dem die Schießerei begann, Delaney nur noch ganz verschwommen gesehen. Alles war wie in einem Wirbel gewesen.

»Wo haben Sie nur so schießen gelernt?« fragte jemand aus der Menge der ihn Umdrängenden. Mit erhabener Gleichgültigkeit zuckte er die Achseln. »Ach, das bißchen Schießen!« erwiderte er ganz obenhin, »das ist immer meine geringste Sorge gewesen.« Man riß vor Vergnügen die Mäuler auf und stieß sich verschmitzt einander zunickend in die Rippen.

»O nein – durchaus nicht!«

»Scheint mir auch so!«

»Den Teufel auch, you bet

Als die Frauen ihn beschlagnahmten, seine Hände drückten und erklärten, er habe ihren Töchtern das Leben gerettet, da zeigte Annixter die wundervolle Pose des bescheidenen, ritterlichen Helden, der, jedes ihm gespendete Lob abwehrend, in edler Selbstverleugnung von keinem Verdienst wissen will. Eine äußerst elegante Phrase, die er einmal irgendwo gelesen hatte, kam ihm dabei prächtig zustatten. Er war Lancelot nach dem Turnier, der aus der Schlacht zurückkehrende, als Sieger und Held gepriesene Bayard.

»Ich bitte, nicht davon zu sprechen,« murmelte er. »Ich tat nur, was jeder andre an meiner Stelle getan haben würde.«

Um die allgemeine heitere Stimmung völlig wiederherzustellen, teilte er seinen Gästen mit, daß man jetzt das Souper einnehmen würde. Dieses Mahl war als eine große Ueberraschung von ihm geplant worden. Es sollte ursprünglich um Mitternacht stattfinden; mit Rücksicht auf den Fall Delaney glaubte er jedoch, die Tische bereits eine Stunde früher in die Festhalle hereintragen lassen zu müssen, woselbst sie in Hufeisenform aufgestellt wurden. Die mit riesigen kalten Rostbraten, Hühnern und Enten, ganzen Bergen von Sandwiches, Krügen mit Milch und Limonade, Käsen von Mühlsteingröße und Schalen mit Nüssen und Orangen aufs reichlichste ausgestattete Tafel wurde mit brausenden Beifallssalven begrüßt, und die Musik spielte eine lebhafte Marschweise. Stühle wurden gerückt, Stiefel scharrten, Musselin, Tüll und Tarlatan rauschten und knisterten, als die hungrige Gesellschaft sich eilig zum leckeren Mahle setzte. Vor dem Klappern und Klirren der Teller, Messer und Gabeln konnte man sein eignes Wort nicht hören. Verschiedene Tische wurden im Sturm genommen. Man aß, was gerade vor einem stand; es kam vor, daß mit Orangen und Nüssen begonnen und mit kaltem Fleisch aufgehört wurde. Zum Nachtisch kamen Knallbonbons mit Kappen aus Seidenpapier und Gefrorenes. Ueberall knisterte und knallte es, wie wenn Zündblättchen auf Kindergewehren losgeschossen würden. Alle die papiernen Schlaf- und phrygischen Mützen, die spitzen Clown- und Zaubererhüte wurden aufgesetzt; die jungen Mädchen ergötzten sich ausgelassen lachend und mit den Händen klatschend an ihrem, mit diesen sonderbaren Kopfbedeckungen geschmückten Gegenüber.

Die Gesellschaft aus der Geschirrkammer hatte einen Tisch für sich; am oberen Ende saß Annixter, am unteren Harran. Presley war von dem Revolverduell vollkommen nüchtern geworden. Neben ihm saß Vanamee, der nur wenig aß und das Treiben ringsum mit ruhiger Gelassenheit beobachtete; ein verächtliches Lächeln zuckte zuweilen um seine Lippen, wenn die Gesellschaft gar zu laut wurde und der ausgelassene Uebermut sich zu etwas wie lärmender Trunkenheit steigerte. Osterman rollte Brotkügelchen, die er mit großer Treffsicherheit fortschnellte, die andern Trinkgenossen aber – Caraher, Harran Derrick, Dyke, der alte Broderson, Hooven, Cutter, Garnett von der Ruby, Keast von der gleichnamigen Ranch, Gethings von San Pablo und Chattern von Bonanza – aßen in sich hinein, was sie nur immer konnten, bis die Schüsseln vor ihnen leer wurden. An einer Ecke des Tisches saß, ohne ein Wort zu reden und von niemand beachtet, Dabney, der schweigsame Alte, von dem man nichts außer seinem Namen wußte. Er aß und trank mäßig und tunkte ab und zu sein Sandwich in die Limonade.

Osterman war auf den Einfall gekommen, sich als Olivenesser zu zeigen. Er verzehrte zwanzig, fünfzig und steigerte sich auf hundert in Essig eingelegte Oliven, ohne etwas andres anzurühren. Mit offenem Munde sah ihm der alte Broderson zu. Osterman behauptete, bei einer Wette tausend Oliven gegessen zu haben. Man wurde auf ihn aufmerksam. Glücklich darüber, daß seine Leistung Aufsehen erregte, aß er immer mehr Oliven. Der Inhalt einer ganzen Schüssel verschwand in seinem großen schmalgeschlitzten Krokodilmunde. Auf beiden Backen kaute er. Sein braunrotes Gesicht glänzte, und auf der hohen, kahlen Stirn perlte der Schweiß von der Anstrengung des Kauens. Er bekam heftige Leibschmerzen, und sein Magen sträubte sich gegen eine weitere Zufuhr von Oliven. Osterman aber kehrte sich nicht daran und war höchlich mit sich zufrieden, da er doch die Leute in Erstaunen setzte.

»Ich hab' mal beim Traubenessen aus Versehen einen Laubfrosch verschluckt,« erzählte er dem alten Broderson. »Drei Wochen hat sich der Kerl in meinem Magen aufgehalten. Wenn's regnete, da quakte er immer. Sie glauben's wohl nicht,« eiferte er. »Ich hab' doch den Laubfrosch in Spiritus zu Hause!«

Der Alte dachte gar nicht daran, die Wahrheit dieser merkwürdigen Geschichte zu bezweifeln, und schüttelte höchlich verwundert den Kopf.

»Alle Wetter,« rief Caraher über den ganzen Tisch weg, »das ist 'n famoser Witz. Noch einen!«

»Das erinnert mich an – an eine Sache,« begann unsicher der alte Broderson, »die – ich war nämlich noch ein Junge – damals – in Ukiah – vor fünfzig Jahren –«

»Famoser Witz!« rief jetzt ein halbes Dutzend. »Noch einen!«

»Wie – wie – was?« stammelte Broderson, verwirrt um sich blickend. »Ich – ich weiß nicht – ja, es war doch in Ukiah. Ihr – ihr macht mich ganz konfuse.«

Nach beendetem Mahle wurden die Tische wieder hinausgeräumt. Man verlangte stürmisch nach einem Virginia Reel. alter englischer Kontertanz zu lebhafter Musik, in dem je zwei Paare eine Acht beschreiben. Jetzt begann »das lustige Viertel« des Abends; die größte Ausgelassenheit herrschte. Die jungen Leute packten die ihnen zunächst sitzenden Mädchen. Im schnellsten Zeitmaße spielte die Musik. Rasch bildeten sich die beiden Reihen, und innerhalb weniger Sekunden war der Tanz wieder in vollem Gange: die Paare trugen noch ihre Mützen aus blauem und rosa Seidenpapier.

Die Punschliebhaber versammelten sich wieder in der Geschirrkammer. Frische Zigarrenkisten wurden geöffnet und die siebte Auflage des »Düngemittels« gemischt. Osterman goß den Rest eines Glases auf seinen kahlen Kopf und behauptete, neues Haar wachsen zu fühlen.

Mit einem Ruck erhob sich der alte Broderson von seinem Sitz. »Haha,« krähte er, »ich will tanzen! Zu alt war' ich, meint ihr? O, ich bin ein toller alter Kikeriki, wenn ich mal mobil werde!«

Er stolzierte hinaus in den Barn; die andern folgten ihm und hielten sich die Seiten vor Lachen. Schon hatte er eine alte Mexikanerin gepackt und zerrte die verschämt Kichernde in den Wirbel des Virginia Reels, der gerade auf seinem Höhepunkt war. Man drängte sich um das Aufsehen erregende Paar. Der alte Broderson machte seine Tanzschritte mit der Beweglichkeit eines Fohlens; er schnalzte mit den Fingern, schlug sich klatschend auf die Schenkel und grinste vor Vergnügen. Die ganze Ballgesellschaft bejubelte seine Sprünge und feuerte ihn durch ihren Beifall immer mehr an; schneller und schneller spielte die Musik. Der alte Mann war wie besessen; atemlos und nach Luft schnappend verrenkte er sich bei seinen grotesken Verbeugungen und Sprüngen fast die steifen Glieder. Der lärmende Beifall, die Musik und der reichlich genossene Punsch machten ihn ganz toll.

»St. Nikolaus tanzt!« rief Annixter. Er hatte genug von dem Alten gesehen und suchte jetzt Hilma Tree; der Blick, mit dem sie ihn im Moment der Gefahr angesehen hatte, war ihm unvergeßlich. Seitdem war sie ihm nicht zu Gesicht gekommen. Endlich entdeckte er sie. Hilma tanzte nicht, sondern saß mit ihrem Tänzer an der entgegengesetzten Schmalseite des Barns nicht weit von Vater und Mutter. Im Begriff, zu ihr zu gehen, wurde er durch einen in seiner Nähe ausgestoßenen Schrei zurückgehalten. Mitten in einem kunstvollen Doppelschleifer hatte der alte Broderson wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft geschnappt und mit einem gellenden Schmerzenslaut die Hand auf die Seite gepreßt. Ein heftiger, stechender Schmerz durchzuckte ihn wie ein unter die kurzen Rippen gejagtes Messer. Mit kläglicher Gebärde humpelte er mühsam aus den Reihen der Tanzenden und rief nach seiner Frau. Die alte Frau Broderson nahm ihn jetzt unter ihre Fittiche und schalt ihn wie einen Schulbuben aus. Zum Gespött der Leute hätte er sich gemacht, keifte sie, als er auf ihren Arm gestützt trübselig davonhinkte. Da hört doch alles auf! Tanzen muß er! Möchte man's wohl glauben? Ein lustiger, alter Großpapa! Er sollte lieber an seinen Sarg denken!

Es fehlte nur noch wenig an Mitternacht. Unter tosendem Jubel näherte sich der Tanz seinem Ende. Die schwitzenden Musiker arbeiteten wie die Galeerensklaven, die Tänzer aber sangen die Melodie mit.

In der Geschirrkammer hatten sich wieder die Trinker versammelt. Selbst Magnus Derrick ließ sich herab, diesmal mitzukommen und einen Toast zu trinken. Presley und Vannamee, den das wüste Treiben immer mehr anwiderte, hielten sich etwas abgesondert von den andern. Dabney, um den sich niemand kümmerte, saß allein und vergessen in seiner Ecke; ernst und schweigsam nippte er an seinem Glase. Garnett, Keast, Gethings und Chattern saßen weit zurückgelehnt, mit gespreizten Beinen und aufgeknöpften Westen auf ihren Stühlen und lachten vor sich hin, ohne zu wissen weshalb. Andre Ranchbesitzer, die Annixter nie gesehen hatte, Weizenbauer, die weither von Goshen und Pixley gekommen waren, fanden sich jetzt auch im Kneipzimmer ein; alte und junge Männer – unter ihnen Besitzer wahrer Fürstentümer, Hunderttausender von Ackern fetten Weizenbodens. An die zwanzig mochten's sein; viele waren einander fremd – alle aber kamen in der ausdrücklichen Absicht, Magnus Derrick, dem angesehensten Manne des San Joaquin-Tales, die Hand zu schütteln. Auch der alte Broderson, den man bereits zu Hause glaubte, nahm wieder seinen Platz ein; er war aber ganz nüchtern geworden und weigerte sich, auch nur noch einen Teelöffel voll zu trinken.

Annixters Gäste hatten sich, in zwei Gesellschaften geteilt; die Tanzenden wirbelten in übermütiger Ausgelassenheit durch die letzten Figuren des Reels, während die lärmenden Männer in der Geschirrkammer die letzten Gläser des famosen »Düngemittels« hinunterstürzten. Beide Parteien hatten an Zahl zugenommen; selbst ältere Leute tanzten jetzt, fast jeder Nichttänzer aber hatte den Weg in die Geschirrkammer gefunden. Tänzer und Trinker überboten einander in lärmender Fröhlichkeit. Wahre Wirbelwinde ausgelassener Heiterkeit und alle unwiderstehlich mit sich fortreißende Lachstürme schienen auf dem Tanzboden losgelassen zu sein; man klatschte dazu schallend in die Hände und jauchzte vor Vergnügen. Von dem Singen und Schreien der Trinker, ihrem tobenden Füßestampfen und den Faustschlägen auf den Tisch geriet das Petroleum der Hängelampen in zitternde Bewegung, und die in den japanischen Papierlaternen brennenden Kerzen flackerten. Durch all den Lärm drang hin und wieder das Winseln der Violinen, schmetternder Trompetenton und das Rasseln und Poltern der Trommel. Alle diese mannigfachen, mächtig auf- und abschwellenden Klänge und Geräusche flossen zusammen in einen einzigen unbestimmbaren Ton, der, mit ungeheurem Dröhnen von dem ihm als Resonanzboden dienenden Born widerhallend, hinauswogte über Felder und Prärien, um unter dem bewölkten, geheimnisvoll-stillen Nachthimmel in weiter Ferne mählich zu verklingen.

Annixter kippte gerade mit beiden Händen die Punschterrine um und goß die letzten Tropfen in das Glas Carahers, als ihn jemand am Aermel zupfte.

»Nun, wo kommen Sie denn her?« fragte er und setzte das leere Gefäß nieder.

Es war der uniformierte Depeschenbote der Telephongesellschaft, ein halbwüchsiger junger Mensch aus Bonneville. Noch ganz außer Atem von der scharfen Fahrt auf dem Zweirad, hielt er Annixter das Buch zur Unterschrift hin.

»Eine Depesche für Sie, Herr! Bitte zu unterschreiben!« Verwundert bestätigte Annixter den Empfang. Der Bote entfernte sich, nachdem er Annixter einen dicken gelben Brief übergeben hatte. Die Adresse war in Maschinenschrift; quer über der einen Ecke stand das mit Blaustift geschriebene Wort »Dringend!«.

Annixter riß den Umschlag auf und fand darin andre versiegelte Briefe an Magnus Derrick, Osterman, Broderson, Garnett, Keast, Gethings, Chattern, Dabney und ihn selbst.

»Was ist denn jetzt los?« murmelte er verwundert und teilte die Briefe aus. Der Vorgang hatte Aufmerksamkeit erregt, und es war verhältnismäßige Ruhe eingetreten. Die Gäste verfolgten die Briefe mit den Augen, als sie von Hand zu Hand gingen; man vermutete eine von Annixter vorbereitete Ueberraschung.

Magnus warf einen Blick auf seinen Brief, stand auf und las laut:

»Magnus Derrick,
Bonneville, Tutore Co., Cal.

Werter Herr!

Nach Neueinschätzung vom 1. Oktober ist der Wert des von Ihnen als Ranch Los Muertos bewirtschafteten Eisenbahnlandes auf 27 Dollar per Acker festgesetzt worden. Das Land ist jetzt zu diesem Preise an jedermann verkäuflich.

Ihr u. s. w.
Cyrus Blackelee Ruggles,
Landagent, P. und S. W. R. R.
S. Behrman,
Lokaler Agent, P. und S. W. R. R.«

Inmitten der allgemeinen tiefen Stille, die der Vorlesung folgte, hörte man Osterman grimmig ausrufen:

»Famoser Witz das! Noch einen!«

Sonst sprach niemand. Es herrschte eine Totenstille, die nur durch das Geräusch des Zerreißens von Papier unterbrochen wurde, wenn immer Annixter, Osterman, der alte Broderson, Garnett, Keast, Gethings, Chattern und Dabney ihre Briefe öffneten und lasen. Sie glichen dem an den Governor gerichteten fast Wort für Wort. Nur die Namen und Preise waren verschieden. In einigen Fällen war der Preis auf 22 Dollar für den Acker festgesetzt worden. Bei Annixter betrug er dreißig.

»Und – und – die Eisenbahn,« stammelte der alte Broderson, »die Eisenbahn hat doch versprochen, das Land an mich – an uns alle für zwei und einen halben Dollar den Acker zu verkaufen.«

Hatte diese von der Eisenbahngesellschaft geplante Vergewaltigung Erfolg, so wurden nicht allein die Ranchbesitzer in der Nachbarschaft von Bonneville geplündert. Das »Schachbrettsystem«, wonach ein Acker um den andern Eisenbahnland war, erstreckte sich auf den ganzen San Joaquin-Distrikt. Durch den gegen die Ranchbesitzer in der Bonneviller Gegend geführten Schlag würde ein höchst bedenklicher und verhängnisvoller Präzedenzfall geschaffen. Von den zahlreichen in der Geschirrkammer versammelten Gästen war fast jeder in seiner Existenz bedroht und – wenn die mächtige Eisenbahngesellschaft, was sehr wohl möglich war, ihre Gewaltmaßregel durchzuführen vermochte – dem völligen Ruin preisgegeben. Eine Million von Ackern Landes stand auf dem Spiele.

Und jetzt brach der Sturm los. In einem Augenblick waren ein Dutzend Männer mit zusammengebissenen Zähnen, geballten Fäusten und vor Wut purpurroten Gesichtern auf den Füßen. Wie eine Reihe hintereinander abgefeuerter Sprengminen platzten Flüche und Verwünschungen in die Luft. Die in unbezähmbarem Zorn bebenden Stimmen schlugen über zu gellendem Kreischen – die jäh emporgeworfenen Hände mit zu Klauen gekrümmten Fingern zitterten vor rasender Wut. Das Gefühl der Vergewaltigung, des aufgehäuften Unrechts, der Unterdrückung, Erpressung und Plünderung, aller der Rechtsbeugungen und Räubereien seit zwanzig langen Jahren war aufs höchste gesteigert und machte sich in einem Geheul verzweiflungsvoller, grimmigster Raserei Luft. So schreit das gepeinigte, halb zu Tode gehetzte und von jedem Ausweg abgeschnittene Menschentier, das dem erbarmungslosen Gegner zum letztenmal standhält und sich mit gefletschten Zähnen und drohend ausgestreckten Krallen zum letzten verzweifelten Kampfe bereitet. Es war der grausige, gellende Angst- und Wutschrei der gequälten, in die Enge getriebenen Bestie, die ihr Lager, ihren Gefährten, ihre Jungen verteidigt, die um sich schnappt und beißt, die bereit ist, sich auf den Feind zu stürzen, ihn mit Klaue und Zahn zu zerfleischen und die, nach mörderischem Kampf sich in des Verhaßten Blute wälzend, seinen Leichnam in Stücke reißt.

Der Ausbruch fürchterlicher Wut ebbte in zeitweilig aussetzendes Toben zurück; in den Augenblicken verhältnismäßiger Ruhe konnte man abgerissene Klänge der Musik und den Lärm der Tanzenden hören.

»Wieder S. Behrman!« schrie Harran Derrick.

»Hat seine Zeit gut gewählt,« murmelte Annixter, »der Kerl führt seinen Hauptcoup aus, wenn wir grade alle so vergnügt beisammen sind.«

»Meine Herren, das bedeutet unsern Ruin!«

»Was sollen wir tun?«

»Uns wehren! Kämpfen bis aufs Messer! Mein Gott! Glaubt ihr denn, daß wir uns das gefallen lassen? Das sollten wir hinnehmen?«

Wieder schwoll der Aufruhr zu rasendem Toben. Immer mehr kam den versammelten Männern die Tragweite der von der Eisenbahn getroffenen Maßregel zum Bewußtsein – immer furchtbarer, folgenschwerer und unerträglicher erschien ihnen dieser Gewaltakt. War es denn möglich, konnte man sich das überhaupt vorstellen, daß eine derartige Willkür, eine so ungeheure Tyrannei geplant war? Aber alle kannten doch – jahrelange Erfahrung hatte es sie gelehrt – jenes unbarmherzige eiserne Ungetüm, mit dem sie zu tun hatten. Wieder und wieder wurden sie angestachelt zu erneuter Wut über die frevelhafte Vergewaltigung, die grausame Tyrannei von seiten des übermächtigen Feindes. Die Fäuste geballt und mit wild rollenden Augen sprudelten sie Verwünschungen und Flüche, bis sie sich heiser schrien.

»Uns wehren! Wie? Was sollen wir tun?«

»Wenn es in diesem Lande noch Gesetze gibt –«

»Gesetze! Mit denen macht Shelgrim, was er will. Wer hat die Gerichte hier in Kalifornien in der Tasche? Wer anders als Shelgrim?«

»Gott verdamm' ihn!«

»Wie lange werdet ihr euch das gefallen lassen? Wann werdet ihr endlich die Rechnung ausgleichen mit sechs Zoll gut plombierten Gasrohrs?« Die amerikanischen Anarchisten benutzen Gasrohr zur Anfertigung von Dynamitbomben.

»Und unsre Kontrakte – und die Gesellschaft hat uns das Vorkaufsrecht fest versprochen –«

»Und jetzt verkauft sie an jeden Beliebigen!«

»Herrgott, es handelt sich um meine Heimstätte! Soll ich mir nichts dir nichts hinausgeworfen werden? Volle achttausend Dollar habe ich in mein Land hineingesteckt!«

»Und ich sechstausend! Und da streckt jetzt die Eisenbahn ihre Klauen danach aus!«

»Und erst das System von Bewässerungsgräben, das Derrick und ich angelegt haben. Tausende von Dollars stecken drin!«

»Ich fechte die Sache vor den Gerichten aus, und wenn mein letzter Cent dabei draufgeht!«

»Pah, die Gerichte! Als ob die Eisenbahn sie nicht in der Tasche hätte!«

»Ich soll das ruhig hinnehmen? Ich soll mich von meinem Land vertreiben lassen? Bei Gott, meine Herren, Gesetz oder nicht – Eisenbahn oder nicht – ich scher' mich den Teufel drum! Mich vertreiben sie nicht von meinem Land – mich – nicht!«

»Mich auch nicht!«

»Mich auch nicht!«

»Mich erst recht nicht!«

»Das setzt allem die Krone auf! Versuchen wir's zuerst mit den Gesetzen – ist's damit nichts, so müssen wir zu Büchse und Revolver greifen!«

»Sie können mich morden, sie können mich niederschießen – ich werde bis zum letzten Atemzug für mein Heim kämpfen!«

Endlich verschaffte sich Annixter Gehör: »Alle verlassen das Zimmer bis auf die Ranchbesitzer!« rief er. »Hooven, Caraher, Dyke, ihr müßt 'raus! Das ist 'ne Familienangelegenheit. Du, Presley, kannst mit deinem Freunde hierbleiben.«

Widerwillig gingen die andern. In der Geschirrkammer blieben – außer Vanamee und Presley – Magnus Derrick, Annixter, der alte Broderson, Harran, Garnett von der Ruby-, Keast von der gleichnamigen Ranch, Gethings von San Pablo, Chattern von Bonanza und noch etwa zwanzig Ranchbesitzer aus verschiedenen Teilen des Countys und schließlich Dabney, schweigsam und unbeachtet wie immer; niemand redete ihn an, und er selbst hatte noch kein Wort gesprochen. Die von der Versammlung in der Geschirrkammer Ausgeschlossenen hatten die Nachricht überall verbreitet. Von Mund zu Mund wurde sie weitergegeben. Ein Paar nach dem andern hörte auf zu tanzen. Gruppen bildeten sich. Schnell schwand die eben noch so ausgelassene Fröhlichkeit. Der Virginia Reel kam zu einem vorzeitigen Ende. Die Musiker hörten auf zu spielen. An Stelle der überschäumenden Lebensfreude, des lauten, ausgelassenen Treibens war eine gedrückte, unbehagliche Stimmung getreten. Gedämpftes Geräusch erfüllte den soeben noch von lärmender Lustigkeit widerhallenden Barn. Man wisperte und flüsterte, man kam und ging auf den Fußspitzen, setzte sich und stand, von innerer Unruhe getrieben, wieder auf. Durch die Holzwand abgedämpft kam erregtes Stimmengewirr von der Geschirrkammer her; laut und zornig wurde dort geredet und verhandelt. Viele Gäste konnten sich noch nicht zum Nachhausegehen entschließen; bestürzt und von banger Sorge erfüllt, saßen und standen sie in schlaffer Haltung umher. Auf allen lastete mit dumpfem Druck die Ahnung drohend nahen Unheils.

In der Geschirrkammer hingegen hielt die hochgradige Erregung unvermindert an. Ein Ranchbesitzer nach dem andern machte seiner namenlosen Entrüstung in einem Strome zornig herausgesprudelter Worte Luft. Man schien gegeneinander zu toben und zu rasen; in Wirklichkeit waren aber alle nur von einem Gedanken beherrscht – Widerstand um jeden Preis und bis zum blutigen Ende.

Osterman sprang auf und drang mit seiner gellenden Stimme durch den Lärm. Sein kahler Kopf glänzte im Lampenlicht, dunkelgerötet war das Komikergesicht mit den weit abstehenden Ohren, und eine wahre Flut von Worten entquoll dem großen, geradlinig und schmal geschlitzten Munde. Wie der Held eines Melodramas verstand er es, sich in Szene zu setzen.

»Organisation,« donnerte er, »muß unsre Losung sein! Der Fluch der Ranchmänner ist, daß sie ihre Kräfte zersplittern. Jetzt aber müssen wir zusammenstehen, jetzt – von diesem Augenblicke an. Die Krisis ist eingetreten – wir müssen ihr begegnen. Ich fordere auf zur Bildung der Liga. Nicht nächste Woche, nicht morgen, sondern jetzt, jetzt, sofort – noch ehe wir zu dieser Tür hinausgehen. Jeder von uns muß der Liga beitreten, sie soll den Grund zu einem ungeheuern Bunde legen, der zusammenhält bis zum Tode, wenn's nicht anders sein kann, der unser gutes Recht, unser Heim schützt. Sind Sie bereit, meine Herren? Jetzt muß es sein oder nie! Nochmals rufe ich nach der Liga!«

Lautes Beifallsgeschrei erschallte, als er zu Ende kam. Osterman hatte mit dem Instinkt des Schauspielers gerade im richtigen Augenblick geredet und seine Zuhörer mit sich fortgerissen. Was er mit der Liga meinte, wie er sich die dachte, wußten sie zwar nicht recht, aber es war doch etwas, ein ganzer Apparat, eine ungeheure Maschine, mit der man kämpfen und siegen würde. Er hatte noch nicht geendet, und schon umtoste ihn donnernder Beifall und vielstimmige Zurufe.

»Die Liga! Die Liga!«

»Jetzt, heut nacht noch, sofort! Keiner geht, ehe er nicht unterschrieben hat!«

»Recht hat er! Organisation! Die Liga!«

»Ein für uns arbeitendes Komitee haben wir bereits,« eiferte Osterman. »Ich gehöre dazu sowie Herr Broderson, Herr Annixter und Herr Harran Derrick. Ueber unsre Absichten und Ziele werde ich später Aufschluß geben. Dieses Komitee ist der erste Anfang unsrer Liga – zeitweilig wenigstens. Vertrauen Sie uns! Wir arbeiten für Sie und zusammen mit Ihnen. Lassen Sie uns dieses Komitee in das größere Komitee des Grundstockes der Liga verschmelzen – zeitweilig wenigstens. Vertrauen Sie uns! Wir arbeiten für Sie und zusammen mit Ihnen. Und dieses Komitee werden wir wiederum in das große Komitee der Liga aufgehen lassen, und als Präsident der Liga« – er machte eine wirkungsvolle kleine Pause – »als Präsident der Liga kann nur ein Mann in Betracht kommen, ein Mann, in dem wir alle unsern Führer sehen – Magnus Derrick.«

Tosender Beifall begrüßte den Namen des Governors. Die Geschirrkammer hallte wider von stürmischen Rufen:

»Derrick! Derrick!«

»Derrick als Präsident!«

»Derrick ist unser Führer!«

»Derrick, Derrick, Derrick als Präsident!«

Magnus erhob sich. Hochgewachsen und schlank wie ein Kavallerieoffizier, stand er ruhig und würdevoll vor den tobenden Männern. Er brauchte weder Wort noch Gebärde, um sich Gehör zu verschaffen. Seine achtunggebietende Persönlichkeit beherrschte die aufgeregte Versammlung. Sofort trat vollkommene Ruhe ein.

»Meine Herren,« begann er, »wenn Organisation ein gutes Wort ist, so dürfte Mäßigung ein noch besseres sein. Die Lage ist zu ernst –, wir dürfen nichts überstürzen. Ich möchte vorschlagen, daß jedermann nach Hause geht und über die Sache schläft. Morgen, wenn wir ruhiger geworden sind, wollen wir wieder zusammenkommen, uns beraten und wohlüberlegte Entschlüsse fassen. Was die mir zugedachte Ehre betrifft, so muß ich bitten, mir Zeit zu reiflicher Ueberlegung zu lassen. Noch ist die Liga nichts als ein bloßer Name. Den Vorsitz und die Vertretung einer Organisation zu übernehmen, deren Grundsätze noch nicht festgelegt sind, bedeutet eine schwere Verantwortlichkeit. Ich vermag sie nicht zu übernehmen –«

Man ließ ihn nicht weitersprechen. Die Versammlung wollte nichts von seiner Weigerung wissen. Stürmische Rufe wurden laut:

»Nein, nein! Die Liga heute noch, und Derrick wird Präsident!«

»Mäßigung haben wir zu lange schon gezeigt!«

»Zuerst die Liga, dann die Grundsätze!«

»Wir können nicht warten,« erklärte Osterman. »Viele von uns sind nicht in der Lage, einer morgigen Versammlung beizuwohnen. Geschäftliche Abhaltungen kollidieren damit. Jetzt sind wir alle zusammen. Ich schlage vor, daß ein Versammlungsleiter sowie ein Schriftführer pro tempore ernannt und sodann zur Wahl mittels Ballotage geschritten wird. Zuerst aber die Liga! Wir werden eine Resolution aufsetzen, daß wir alle zur Verteidigung unsrer Heimstätten zusammenhalten wollen – bis in den Tod, wenn's sein muß. Jeder Anwesende wird seinen Namen unter diese Resolution setzen.«

Seine Worte wurden mit dem größten Beifall aufgenommen. Während der nächsten Viertelstunde herrschte ein wirres Durcheinander; jeder redete zu gleicher Zeit, und in den Ecken des Gemachs bildeten sich Gruppen, die sich leise, aber eifrig untereinander besprachen. Tinte, Feder und Papier wurden aus dem Wohnhause geholt. Eine Reihe bindender Beschlüsse wurde aufgesetzt und durch Zuruf angenommen; die Liga zur Verteidigung der Rechte der Ranchbesitzer war gebildet. Annixter unterschrieb als erster. Andre folgten. Wenige nur hielten noch zurück; sie erklärten, erst nach reiflicher Ueberlegung beitreten zu wollen. Die immer länger werdende Namensliste machte die Runde; jede Unterschrift wurde mit lauten Hochrufen jubelnd begrüßt. Jetzt kam sie an Harran Derrick, der unter tobendem Beifall unterzeichnete. Dutzende von Händen mußte er schütteln, als er die Feder weggelegt hatte.

»Jetzt Magnus Derrick!«

Wieder erhob sich der Governor, um zu sprechen.

»Meine Herren, ich muß bitten, mir Zeit zu lassen. Ohne gründliche Erwägung, meine Herren –«

Erneute, stürmische Zurufe unterbrachen ihn.

»Nein, nein, jetzt oder nie! Unterschreiben, unterschreiben! Beitreten!«

»Lassen Sie uns nicht im Stich! Sie müssen uns helfen!«

Mit einem Male gewahrte die aufgeregte Menge eine in dieser Umgebung fremde Erscheinung an der Seite des Governors. Die Tür war unverschlossen geblieben, und Frau Derrick, außerstande die Qual des Wartens und der Ungewißheit länger zu ertragen, war, all ihren Mut zusammennehmend, in die lärmende Versammlung eingedrungen. Zitternd hing sie am Arme ihres Gatten; ihr schönes lichtbraunes Haar war in Unordnung, banger Argwohn und zitternde Angst sprach aus den weitgeöffneten, mädchenhaften, großen Augen. Sie wußte nicht, um was es sich handelte; aber eine bange Ahnung sagte ihr, daß diese lärmenden Männer von Magnus forderten, sich zu etwas Furchtbarem, zu einer die größten Gefahren mit sich bringenden Handlungsweise zu verpflichten – sie fühlte, daß sie ihn zwingen wollten zu dem verzweifelten, erbarmungslosen, todbringenden Kampf mit dem eisernen, Dampf und Feuer speienden Ungetüm. Sie, die stets unbemerkt bleiben wollte, hatte ihre scheue Zurückhaltung abgelegt und war in die tobende Versammlung gedrungen, in den stickigen, von Tabaksdampf und Alkoholdunst erfüllten Raum, in diese mit Haß und wilden Flüchen übersättigte Atmosphäre. Mit flehender Gebärde und außer sich vor Angst klammerte sie sich an den Arm ihres Gatten.

»Nein, nein,« stammelte sie, »nein, unterschreib nicht!«

»Er muß!« schrie Harran der Mutter ins Ohr, um bei dem herrschenden Lärm von ihr gehört zu werden. »Er muß! Begreifst du denn das nicht?«

Wieder umdrängten leidenschaftlich erregte Männer, einer den andern überschreiend, den auserwählten Führer. Frau Derrick wurde zur Seite geschoben. Ihr Gatte gehörte ihr nicht länger. Schwer mußte sie dafür büßen, die Frau eines großen Mannes zu sein. Wie ein riesiger eiserner Keil zwängte sich die Welt zwischen die Gatten. Die Arme wurde an die Wand gedrückt. Ein immer dichter werdender Kreis schreiender, wild gestikulierender Männer umgab Magnus. Zu sehen vermochte sie ihn nicht mehr – aber sie lauschte schreckgelähmt. Einen Augenblick war es ganz still – dann folgte ein wahrer Donner wilden Jubels. Magnus hatte unterschrieben. Harran fand seine Mutter an der Wand lehnend, die Hände vor die Ohren gepreßt; ihre vor Entsetzen weitgeöffneten Augen schwammen in Tränen. Er führte sie hinaus in den Vorraum, wo Frau Tree und Hilma sich ihrer annahmen, und hastete, die Hunderte an ihn gerichteter Fragen ungeduldig abweisend, zu der Versammlung zurück.

Man stimmte bereits ab, wobei Osterman als zeitweiliger Vorsitzender waltete. Schon bei der ersten Stimmenzählung wurde er zum Schriftführer gewählt; auf Magnus als Vorsitzenden vereinigten sich sämtliche Stimmen. Ein Vollzugsausschuß wurde gebildet, der als solcher am nächsten Tage auf der Los Muertos-Ranch beraten sollte.

Es war halb zwei Uhr. Die meisten Gäste hatten bereits den Heimweg angetreten. Schon lange waren die Musiker gegangen. Nur die Familien der an der Versammlung teilnehmenden Ranchbesitzer verweilten noch. Einzelne Gruppen hockten in den Ecken des noch hell erleuchteten weiten Raumes, in dessen Leere die geflüsterten Worte widerhallten. Fröstelnd hüllten sich die Frauen in ihre Mäntel und Umhänge; die jungen Männer hatten zum Schutz gegen den fühlbaren Zug ihre Rockkragen in die Höhe geschlagen.

Noch während einer langen halben Stunde tönte summendes Stimmengewirr von der Geschirrkammer her. Endlich hörte man langanhaltendes Stühlerücken und Fußscharren. Die Sitzung war zu Ende. Die Männer kamen heraus und suchten ihre Familien.

Sofort rüstete man sich zur Heimkehr. Alle waren todmüde. Einige junge Mädchen waren an die Schultern ihrer Mütter gelehnt eingeschlafen. Billy, der Stallmann, und sein Gehilfe wurden geweckt, und man spannte die Pferde ein. Im Hofraum wimmelte es von Stall- und Wagenlaternen. Unruhige Pferde kauten an ihren Gebissen, das Holz und Leder der Wagen knackte und knarrte unter dem Gewicht der Einsteigenden. Unaufhörlich rasselten Räder, während ein Fuhrwerk nach dem andern in der Nacht verschwand. Ein feiner, dichter Regen fiel; mit mattem, orangefarbenem Glanz leuchteten die Lampen in dem nebligen Geriesel.

Magnus Derrick war der letzte. Am Haupttor des Barns stieß er auf Annixter, der Namensliste und den Sitzungsbericht unter dem Arm trug; man hatte beschlossen, daß Annixter die Papiere bis auf weiteres in seinem Geldschrank verwahren sollte. Schweigend schüttelten sich die beiden die Hände. Magnus fuhr ab. Die Räder seines Breaks knirschten auf dem Kies vor dem Wohnhause, rollten darin mit hohlem Dröhnen über eine kleine Plankenbrücke und gewannen die Landstraße. Einen Augenblick noch hörte man die Hufschläge der Pferde. Dann war alles still.

Allein und in tiefes Sinnen versunken stand Annixter in dem Torwege seines großen Barns. Das mächtige Gebäude war leer. Dieser außerordentliche Abend war zu seinem Ende gekommen. Das Gewirr der Ereignisse und Menschen, das Gewoge der Tanzenden, Delaney, sein Gefecht mit ihm, Hilma Tree, die Augen im stummen Eingeständnis ihrer Liebe auf ihn gerichtet, das trunkene Durcheinander in der Geschirrkammer, die Briefe der Eisenbahn, der Ausbruch rasender Wut, die überhastete Bildung der Liga – alles das wirbelte durch sein übermüdetes Hirn. Er war erschöpft. Morgen war Zeit genug, alles durchzudenken. Mittlerweile regnete es stark. Er schob die Papiere in die Innentasche seines Rockes, zog einen Sack über Kopf und Schultern und ging hinüber nach seinem Hause. In der von flackerndem Kerzen- und grellem Lampenlicht erleuchteten Geschirrkammer, inmitten umgeworfener Stühle, Lachen vergossenen Getränks, überall umherliegender Zigarrenstummel und zerbrochener Gläser saßen noch lange Vanamee und Presley redend und sinnend. Endlich standen sie auf und traten hinaus auf den leeren Tanzboden; der Anblick des mächtigen, von ihren Schritten widerhallenden Raumes fesselte sie noch eine Weile.

Billy, der Stallmann, machte die Runde und löschte die Lichter aus. Immer dunkler wurde der weite Raum. Unaufhörlich trommelte der Regen auf das Dach; in Strömen ergoß er sich aus den Traufen. Der Fußboden war bedeckt mit Tannennadeln, Fetzen von Tarlatan und Musselin, Orangenschalen und zerknitterten Seidenpapiermützen. Auf drei Füßen stehend, schlummerte der Buckskin in seinem Stand; von Zeit zu Zeit wechselte er mit einem tiefen, stöhnenden Seufzer den Fuß. Der die Haare auf Rücken und Flanken starr zusammenklebende Schweiß verdunstete mit scharfem, durchdringendem Ammoniakgeruch, der sich mit dem faden Duft von Sachet und welken Blumen mischte.

Presley und Vanamee blickten lange auf den verlassenen Barn. Keiner sprach. Endlich fragte Presley: »Nun ... was denkst du davon?«

»Ich denke eben daran,« erwiderte langsam Vanamee, »daß man in Brüssel tanzte in der Nacht vor Waterloo.«

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