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Der Octopus

Frank Norris: Der Octopus - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFrank Norris
titleDer Octopus
seriesDas Epos des Weizens
volumeErster Teil
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1907
translatorEugen von Tempsky
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140509
projectid27042c94
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4

Auf einer der westlichen Abteilungen von Quien Sabe, dicht an dem Grenzzaun zwischen dieser Ranch und dem Ostermanschen Besitz, schirrte Vanamee unter Beihilfe eines Stallburschen die Pferde an den Pflug, der ihm vor zwei Tagen überwiesen worden war.

Die Eigentümer der Schafherde hatten ihn sofort nach dem beklagenswerten Unfall bei der Trestlebrücke entlassen; er wandte sich darauf mit der Bitte um Arbeit an Harran. Die Ackerbestellzeit begann eben; auf allen Ranchos wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Der Acker war nach dem Regen in vorzüglichem Zustande für den Pflug, und die Gespanne und Leute von Annixter, Broderson und Osterman waren alle in voller Tätigkeit. Zu seiner Ueberraschung fand Vanamee, daß man auf Los Muertos noch feierte; die Pferde standen noch in den Ställen, die Männer faulenzten im Schatten des Schlaf- und Speisehauses, rauchten, schliefen oder trieben sich, die Hände in den Hosentaschen, ziellos umher. Die Pflüge waren immer noch nicht angekommen. Magnus und Harran Derrick verzehrten sich vor Ungeduld. Sie hatten sicher darauf gerechnet, lange vor Beginn der Bestellzeit im Besitz der neuen Pflüge zu sein, und es deshalb unterlassen, die alten instand zu setzen und auszubessern; viele davon waren zerbrochen und unbrauchbar, andre verkauft. Es war nicht vorauszusehen, wann die neuen Pflüge endlich eintreffen würden. Harran hatte beschlossen, noch eine Woche zu warten und, wenn sie dann immer noch nicht gekommen wären, eine Anzahl Pflüge alten Modells von den Bonneviller Händlern zu kaufen. Es war besser Geld als die zur Bestellung günstige Zeit zu verlieren.

Da es für ihn keine Arbeit in Los Muertos gab, so war Vanamee nach Quien Sabe gegangen. Von Annixter, an den er sich zuerst gewandt hatte, wurde er an einen seiner Abteilungsverwalter gewiesen. Nachdem der sich über Vanamees frühere, allerdings längere Zeit zurückliegende Tätigkeit auf Los Muertos und seine Vertrautheit mit Pferden vergewissert hatte, nahm er ihn als Pflüger für die bereits begonnene Ackerbestellung in Lohn und Arbeit.

Am Abend vorher, um sechs Uhr, war auf den Signalpfiff des Vormanns die ganze, lange Linie von Pflügen im Augenblick zum Stillstand gekommen; die Pferde wurden abgeschirrt und in den Stall gebracht, die Pflüge blieben in ihren Furchen stehen. Am nächsten Morgen wurde die Arbeit eine Stunde nach Tagesanbruch wieder aufgenommen. Nach dem Frühstück hatte Vanamee, der ein Pferd ritt und die andern an den Zügeln führte, sich mit seinen Mitarbeitern bei den Pflügen eingestellt und schirrte jetzt sein Gespann an. An der nur zeitweise errichteten Abteilungsschmiede war er aufgehalten worden, weil eines seiner Vorderpferde beschlagen werden mußte; er hatte sich dadurch um fünf Minuten verspätet. Fast alle andern Gespanne waren bereits angeschirrt, und die Pflüger, das Signal zum Beginn erwartend, auf ihren Sitzen.

»Alles fertig hier?« fragte der Vormann, der in seinem Buggy an Vanamees Gespann heranfuhr.

»Alles fertig, Herr,« antwortete Vanamee und zog die letzte Schnalle fest. Er stieg auf seinen Sitz, ordnete die Zügel und schaute nach der Linie der Pflüge hinter sich, um dann seine Blicke über die vom hellglänzenden Lichte des Morgens überflutete Landschaft schweifen zu lassen.

Der Tag war schön. Seit dem ersten Herbstregen hatte es nicht mehr geregnet. Kein Wölkchen stand an dem zart-lichtblauen, im Strahle der Morgensonne leuchtenden Himmel, dem die braune Erde ihre mächtige, den Duft des Frühtaues aushauchende Flanke zuwandte. Die von Staub und Dunst gereinigte Luft war so klar wie Kristall. Die Hügel weit im Osten jenseits des Broderson-Baches hoben sich von dem bleichen Saffran des Horizonts so klar und scharf umrissen ab, als ob sie darauf geklebt wären. Von Horizont zu Horizont in unendliche Weiten dehnte sich das Ackerland. Aber nicht länger war es von der Hitze verdorrt, rissig und runzelig von den Strahlen einer unbarmherzigen Sonne und mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Der Regen hatte seine Arbeit getan; es gab keine Scholle, die nicht vor Fruchtbarkeit schwoll, kein Ritzchen, dem nicht der frische Duft der wiedererwachten Erde entströmte. Man konnte nicht ein Dutzend Schritte gehen, ohne deutlich zu fühlen, daß der Boden unter den Füßen lebte, daß er, endlich aus seinem Schlafe erwacht, von dem Verlangen nach Wiedererzeugung durchwogt war. Tief im Erdinnern klopfte wieder das Riesenherz, das vor Leidenschaft bebend und geschwellt von Begehren sich den Liebkosungen des Pfluges in heißem Verlangen darbot. Dunkel fühlte man die innere Unruhe der Erde, das Dehnen ihrer Glieder, den verborgenen Aufruhr in ihrem Schoße, das Verlangen, befruchtet zu werden, wiederzuerzeugen, auszustoßen den ewig neu sprießenden Keim des Lebens, der sich in ihren Lenden regte und ans Licht drängte. Die fünfunddreißig Pflüge – jeder mit zehn Pferden bespannt – dehnten sich in einer wohl eine Viertelmeile langen Linie vor und hinter Vanamee aus; sie waren nicht einer hinter dem andern, sondern staffelförmig, und zwar so aufgestellt, daß jeder Pflug von dem seitlich vor ihm stehenden um die eigne Länge entfernt war. Jeder Pflug hatte fünf Schare, und so wurden, wenn alle im Gange waren, gleichzeitig einhundertundfünfundsiebzig Furchen ausgeworfen. Von weitem sahen die Pflüge wie eine lange Kolonne Feldartillerie aus. Jeder Fahrer saß auf seinem Sitze und blickte bald auf seine Pferde, bald auf den nächsten Vormann. Die Vormänner und Aufseher in ihren Buggys oder Buckboards buckboard = Bockwagen, ein vierrädriger Wagen, dessen Kutschkasten nicht auf Federn, sondern auf einem elastischen Brett ruht. waren wie Batterieoffiziere auf die Zwischenräume der langen Linie verteilt. Annixter selbst war zu Pferde; er trug einen breitkrämpigen Hut und hohe Stiefeln und überwachte, seine Zigarre zwischen den Zähnen, das Ganze.

Der Abteilungsverwalter, der am Ende der staffelförmigen Pflugkolonne gehalten hatte, galoppierte jetzt an deren Spitze. Erwartungsvolle Stille herrschte. Ein Gefühl der Bereitschaft ging durch die ganze Linie. Alles war in Ordnung, und jeder auf seinem Platze. Das Tagewerk konnte beginnen.

Plötzlich schrillte ein Pfiff von der Spitze her. Sofort gab der nächste Vormann das Signal weiter, wobei er sich nach den Pflügern hinter ihm umwandte und mit dem erhobenen Arm winkte; Pfiff folgte auf Pfiff, bis der letzte in der Ferne verhallte. Das Signal brachte sofort Leben in die lange Linie. Die willigen Pferde legten sich in die Stränge. Langsam und gleichmäßig marschierte die Kolonne vorwärts. Die sich von Gespann zu Gespann ununterbrochen fortsetzende Bewegung löste eine Menge von Geräuschen aus. Schnallen und Gebisse klirrten, straff angespanntes Lederzeug knarrte, dumpf rasselten Spannketten und eiserne Räder, Peitschen knallten, das tiefe Atmen und Prusten von nahezu vierhundert Pferden mischte sich mit den kurzen, scharfen Zurufen ihrer Lenker, und das ununterbrochene leise Rauschen und Knirschen des von zahllosen Scharen zu dicken, braunen Schollen ausgeworfenen Erdreichs bildete den Grundton zu all jenen mannigfachen Geräuschen.

Die Arbeit schritt rüstig fort. Höher stieg die Sonne. Unablässig kneteten, furchten und zerwühlten hunderte eiserner Hände das feuchte, braune Erdreich, hunderte von eisernen Zähnen bissen tief in das Fleisch des Titanen. Auf hohem, von der Bewegung der aufgeworfenen Schollen schwankendem Sitze thronend, die vom Morgentau noch feuchten, wie belebte Wesen zwischen seinen Fingern gleitenden und zerrenden Zügel in den Händen, verfiel Vanamee inmitten dieses Durcheinanders beständig wechselnder, bald Gesicht oder Gehör, bald beide Sinne zugleich beschäftigender Eindrücke in eine Art wohliger Empfindungslosigkeit; wie hypnotisiert ließ er das Gewirr ringsum, in das er selbst verwoben war, auf sich wirken.

Sein Gespann in gleichmäßigem Gange und den genauen Abstand von dem vor ihm arbeitenden zu halten, sowie die Furchen möglichst dicht neben den von dem Vorderpfluge ausgeworfenen zu pflügen, das war alles, was er zu tun hatte. Während aber ein Teil seines Gehirns aufmerksam auf diese Dinge achtete, war der andre, größere von der Einförmigkeit der Arbeit eingelullt und betäubt.

Das Pflügen, das jetzt in vollem Gange war, zog ihn in einen langsam kreisenden, verschwommenen Wirbel von Dingen und Empfindungen. Unter ihm war die stoßende, schwankende Ackermaschine; keine Scholle wurde aufgeworfen, kein Widerstand überwunden, ohne daß sich die Bewegung seinem ganzen Körper mitteilte –, schon die bloße Reibung des abgeschnittenen, über die blanken Pflugschare gleitenden Erdreichs empfand er bis in die Fingerspitzen, bis in den Hinterkopf und Nacken. Er hörte das mahlende Geräusch unzähliger, tief in den lehmigen Boden tretender Pferdehufe, das Rasseln von Spann- und Zugketten, die Bewegung der blanken braunen Flanken im straff gespannten Lederzeug, das Klappern der Kummethölzer, das Kauen an den Gebissen, das Klirren der Hufeisen an Kieselsteinen, das Knistern und Knacken des spröden, in die Furche gepflügten Stoppels und zwischen allem die tiefen, schweren Atemzüge der im Geschirr sich abmühenden, schweißtriefenden Pferde und die sie anfeuernden Zurufe ihrer Lenker. Ueberall sah er ein Wogen glänzendbrauner, muskelgeschwellter Rücken, die sich im schweren Zuge streckten; er sah Schaumflocken auf dem Geschirr, breite napfförmige, von anhaftendem Lehm beschwerte Hufe, von der Sonne rotbraun gebrannte Männer in blauen, von Achsenschmiere fleckigen Arbeitshosen; mit festem Griff, so daß die Knöchel weißlich schimmerten, umschlossen arbeitsstarke Hände das Gewirr von Zügeln. Der Ammoniakdunst der Pferde und der fade Duft morschen Stoppels und warmen Lederzeugs mischte sich mit dem scharfen Schweißgeruch von Mann und Tier; stärker und durchdringender aber als alle diese Düfte war der dumpfe, weiche Geruch des frischgepflügten, zu neuem Leben erwachten Erdreichs.

Hin und wieder hatte Vanamee von einer der niederen Erderhebungen aus einen weiteren Ueberblick. Auf den andern Abteilungen von Quien Sabe war dieselbe Arbeit im Gange. Ab und zu sah er eine andre Pflugkolonne in der anstoßenden Abteilung; sie war manchmal so nahe, daß das gedämpfte Getöse ihres Marsches sein Ohr erreichte, manchmal aber so weit entfernt, daß sie zu einem schmalen dunkeln Streifen auf dem graubraunen Acker zusammenschrumpfte. Weiter nach Westen auf Ostermans Ranch kamen und gingen andre Pflugreihen. Von der höchsten Geländewelle aus konnte Vanamee selbst die fernen Felder von Brodersons Ranch überblicken. An den sich dort hin und her bewegenden Punkten war zu erkennen, daß auch da gepflügt wurde. Und viel weiter noch, in verschwimmender Ferne, dort, wo die Schulter der Erde sich mählich nach abwärts wölbte, lagen, wie er wußte, andre Ranchos, und diesen reihten sich wieder andre an; bis in die Unendlichkeit schienen sich die ungemessenen Weiten zu dehnen.

Ueberall im weiten San Joaquin-Tale rührten Tausende von Pflügen das Land auf, zehntausend blanker Schare rissen tief ein in die feuchtwarme Ackerkrume. Die Erde schien zu lechzen nach der über ihren Körper hinstreichenden manneskräftigen, gewaltigen Liebkosung. In heldenstarker Umarmung griffen unzählige eiserne Hände tief in das warme braune Fleisch des Landes, das, von Leidenschaft durchgittert, dieses stürmische, in seiner ungebändigten Kraft einem gewaltsamen Ueberfall gleichende Werben erwiderte. Hier unter der strahlenden Sonne und dem wolkenlosen, glänzenden Blau des Himmels begann das Freien des Titanen in seiner ursprünglichen, ungefesselten Leidenschaft. Die beiden, die Welt bewegenden Kräfte, das von Uranfang Männliche und Weibliche, hatten sich in riesiger Umarmung aneinandergeklammert, sich umschlungen in kreißendem Ringen unersättlicher Begierde, furchtbar und herrlich zugleich, kein Gesetz kennend, ungebändigt, wild, naturgewaltig, göttlich erhaben.

Von Zeit zu Zeit machte die Pflugabteilung, in der Vanamee arbeitete, auf ein Signal des Vormannes oder Aufsehers Halt. Die Pferde standen still, und das Getöse der Arbeit schwieg. Minuten vergingen. Das Pflügen wurde unterbrochen. Auf der ganzen Linie fragte man, was geschehen war. Unruhig und besorgt galoppierte der Abteilungsverwalter vorbei. An einem der Pflüge war etwas in Unordnung, ein Bolzen war herausgerutscht, ein Hebel wollte nicht wirken, ein ganzer Pflug war in schwerem Boden stecken geblieben oder ein Pferd lahm geworden. Gegen Mittag mußte ein Pflug ausgeschaltet werden; er war derartig beschädigt, daß ein Bote nach dem Maschinenschlosser in die Abteilungsschmiede geschickt wurde. Annixter hatte sich entfernt. Er war nach den andern Abteilungen der Ranch geritten, um auch dort die Arbeit zu überwachen. Um zwölf Uhr setzten sich alle Abteilungsverwalter, wie er angeordnet hatte, mit ihm in telephonische Verbindung und berichteten über den Fortgang der Arbeit, die Anzahl der umgepflügten Acker und die Arbeitsleistung eines jeden Pfluges, die im Durchschnitt zwanzig Meilen täglich betragen sollte. Um halb ein Uhr verzehrten Vanamee und die andern Pflüger ihren Imbiß, der ihnen am Morgen in Blecheimern mitgegeben worden war. Am Feierabend wurde wie tags zuvor ausgespannt; Vanamee setzte sich auf eins seiner Pferde, trieb die andern vor sich her und kehrte zurück nach den Ställen und dem Arbeiterhause.

Es war jetzt zwischen sechs und sieben Uhr. Das halbe Hundert Pflüger fiel über das von den chinesischen Köchen angerichtete Abendessen her. Der als Speiseraum dienende Schuppen war aus ungehobelten Brettern zusammengeschlagen und so lang wie eine Kegelbahn. Bänke ohne Lehnen waren die Sitze; über dem mit Wachstuch überzogenen Tische flackerten und qualmten ein halbes Dutzend Petroleumhängelampen. Der Tisch wurde im Sturm genommen; das Klappern der eisernen Messer und Blechteller glich dem Prasseln von Hagelkörnern auf einem Metalldach. Mit tiefen Zügen heimischen Weins spülten die Pflüger ihre staubigen Kehlen. Die ausgebreiteten Ellbogen auf den Tisch gestützt und mit geröteten Gesichtern hieben sie auf das Fleisch und Brot ein, als ob sie nie genug davon bekommen könnten. An dem ganzen langen Tisch, in dessen Wachstuchbezug sich die Hängelampen spiegelten, hörte man das fortwährende Geräusch des Kauens, sah man die ununterbrochene Bewegung kräftiger Kinnladen. Jeden Augenblick wurde eine neue Fleischportion, eine frische Pinte etwas mehr als ein halber Liter. Wein, ein andres Halblaib Brot gefordert. Länger als eine Stunde aßen die Männer. Das war nicht mehr ein Abendessen; eine Mahlzeit; ein Barbecue Volksfest im Freien, bei dem ganze gebratene Rinder verzehrt werden. war's, ein schmatzendes Schmausen, derb und ursprünglich, barbarisch, homerisch. Vanamee fühlte sich durch alles das nicht abgestoßen. Presley würde dieses Schmausen des Volkes, dieses Sichvollstopfen des nach seinem Futter gierenden Menschentieres angewidert haben. Der anspruchslose Vanamee, der ein einfaches, dem Urzustand der Menschheit nahekommendes Leben zu führen gewöhnt war, verstand die Bedeutung jenes barbarischen Mahles. Er wußte, daß die Männer nach einer kurzen halben Stunde mit vor Müdigkeit bleischweren Gliedern und in halber Betäubung auf die schmalen Lagerstätten sinken würden, um bis zum Morgen in regungslosem, tiefem Schlafe zu liegen. Arbeit, Essen, Schlaf –, darum allein drehte sich ihr schlichtes, rechtschaffenes, gesundes Leben. Zurückversetzt zu dem Ausgangspunkt aller Kultur, waren diese Männer stark und voller Lebenskraft wie der Boden, den sie bearbeiteten, ungeschlacht, unverbildet, natürlich und gesund.

Unmittelbar nach dem Essen wurden die Pfeifen angezündet, und der Raum füllte sich mit dichten Wolken starkduftenden Tabakrauchs. An einer Ecke des langen Tisches spielte man Poker. Ein blondhaariger Schwede holte seine Ziehharmonika hervor; auf den Stufen des Schlafhauses lauschte eine Gruppe bald mit aufmerksamem Ernst, bald unter Ausbrüchen von Gelächter dem Geschichtenerzähler der Gesellschaft. Aber nach kurzer Zeit schon legten sich die Männer auf den Pferdedecken ihrer harten Lagerstätten zur Ruhe. Stärker und zahlreicher wurden die tiefen Atemzüge; noch ehe die Abendröte verblichen war, lagen alle schon in tiefem Schlafe.

Nur Vanamee blieb wach. Die Nacht war warm und sternenhell. Bald mußte der Mond aufgehen. Vom Süden her kam der kühlende Hauch einer leichten Brise. Die stille Nacht war erfüllt von dem starken, durchdringenden Duft des frischgepflügten Landes. Der aufgehende Mond sah, wie die braune Brust der Erde sich ihm zuwandte. Der dunkle Schleier der Nacht hob sich. In der Ferne war wieder die riesige Lebenseiche auf Hoovens Pachtfarm nahe am Bewässerungsgraben von Los Muertos zu sehen, das Turmgerüst des artesischen Brunnens auf Annixters Ranch, die Gruppe von Weiden am Broderson-Bach dicht neben der langen Trestlebrücke, und endlich der altersgraue Turm der die Hügelkette jenseits des Baches krönenden Mission San Juan. Wie dem heimischen Schlage zustrebende Tauben wanderten dorthin unaufhaltsam Vanamees Gedanken. Jenseits des Turmes, ganz in seiner Nähe, lag in einer Bodensenkung die Blumenfarm, wo Angèle Varian einst gewohnt hatte. Seine Augen aufs äußerste anstrengend, spähte Vanamee über die weiten Flächen hin, bis er glaubte, die Reihe ehrwürdiger Birnbäume zu sehen, unter deren schattigen Kronen Angèle einst auf ihn zu warten pflegte. In so mancher Nacht wie dieser hatte er die Ranchos auf dem Wege zu der seiner Harrenden durchquert. Vanamees Gedanken wanderten zurück zu der Wonnezeit seines Lebens vor sechzehn langen Jahren, da Angèle noch auf Erden weilte und die beiden in das Zaubernetz ihrer Liebe verstrickt waren, einer Liebe, so herrlich, rein und erhaben, daß sie ihnen ein Wunder, eine Offenbarung, eine göttliche Gabe erschien, die der allgütige Schöpfer selbst in ihre Herzen gepflanzt hatte. Für diese Liebe waren sie geboren worden, um dieser Liebe willen in die Welt gekommen, auf daß sein und ihr Leben sich vereinigten zu jenem vollkommenen Dasein, zu dem Seelenbunde zwischen Mann und Weib, unauflöslich, harmonisch wie Musik, von nicht auszudenkender Schöne, der Vorgeschmack des Himmels, die Bürgschaft der Unsterblichkeit.

Nein! Niemals konnte Vanamee vergessen, niemals! Nie konnte die Schneide seines Kummers ihre Schärfe verlieren, nie die Zeit den nagenden Zahn seines Schmerzes abstumpfen. Und als jetzt seine Blicke an dem altersgrauen Glockenturme der Mission hingen, da sprang der nie sterbende Schmerz ihm von neuem an den Hals, zerfleischte ihm das Herz, riß und rüttelte an ihm mit furchtbarer Kraft, als ob das Entsetzliche erst gestern geschehen wäre. Sein Herz zuckte vor Pein – er litt schärfste körperliche Qual. Die Finger seiner gerungenen Hände krallten sich ineinander, Tränen füllten die Augen, und sein ganzer Körper bebte vom Kopf bis zu den Sohlen.

Er hatte sie verloren. Gott hatte es nicht anders gewollt. Ein Irrtum war alles gewesen. Die unendliche, wundersame Liebe, die beide überkommen hatte, war nur ein nichtiges Blendwerk gewesen. Plötzlich erhob sich Vanamee. Er wußte, was ihm heut nacht noch bevorstand. Während seiner langen Wanderungen in der Wüste, auf der Mesa, tief in den Engen der Canons, verirrt und vergessen auf den Flanken namenloser Berge, einsam und allein unter den Sternen und dem bleichen Auge des Mondes, hatte er von Zeit zu Zeit erfahren, wie diese Stunden über ihn kamen, in denen sein Schmerz gegen ihn anprallte wie der Rücklauf einer gewaltigen, furchtbaren Maschine. Dann mußte er die lange Nacht hindurch mit seinem Kummer ringen; zu den stummen Sternen schrie er ein verzweiflungsvolles »Warum?« empor, um dann in halber Bewußtlosigkeit unzusammenhängende Gebetesworte zu murmeln.

Wieder war eine solche Nacht für ihn gekommen. Wieder wußte Vanamee, daß er umgaukelt von Bildern vernichteten Glückes und das Herz von den Qualen der Erinnerung zerrissen bis zum Morgengrauen mit seinem Schmerze kämpfen mußte. Und wurde seine Seele heut wieder von diesem furchtbaren Krampf gepackt, so gab es nur einen Ort, an dem er weilen konnte. Der war die Mission. Dorthin wollte er eilen – er wollte Vater Sarria aufsuchen, er wollte die Nacht im tiefen Schatten der alten Birnbäume des Missionsgartens verbringen.

Die Felder von Quien Sabe durchquerend, sein Gesicht, das Antlitz eines Asketen, fleischlos, braun, von tiefstem Leid erfüllt, der Mission zugewandt, eilte Vanamee durch die Nacht. Nach einer Stunde etwa kreuzte er die nördlich von Guadalajara nach der Blumenfarm führende Straße, um dann, ein kleines Stück weiter, den Broderson=Bach zu durchwaten, der dort durch einen Zipfel des Missionslandes floß. Er erklomm den Hügel und rastete, außer Atem vom eiligen Lauf, am Ende des Säulenganges der Mission.

Bis jetzt hatte Vanamee es nicht über sich gebracht, zur Nachtzeit in der Mission zu weilen. Als er zuletzt am späten Nachmittag mit Presley dort gewesen war, hatte er sich noch vor Einbruch der Abenddämmerung wieder auf den Weg gemacht; er vermochte damals nicht, den Phantomen zu begegnen, mit denen seine Einbildungskraft den nächtlichen Missionsgarten bevölkerte. Bei Tage waren ihm Garten und Gebäude fremd erschienen. In seinen Gedanken hatte er die Mission und ihre Umgebung nie mit Tageslicht und Sonnenschein in Verbindung gebracht. Wenn immer auf seinen langen Wanderungen in der Wildnis des Südwestens sich ihr Bild vor seinem geistigen Auge entrollte, so erschien es ihm stets in dem geheimnisvollen Dunkel mondscheinloser Nächte; unter den ehrwürdigen Birnbäumen breiteten sich undurchdringliche Schatten, und der Springbrunnen war nur dem Ohr, nicht dem Auge wahrnehmbar.

Den Garten hatte er noch immer nicht betreten, denn der lag auf der andern Seite der Mission. Vanamee schritt auf den ausgetretenen roten Backsteinfliesen des Säulenganges bis zu der letzten Tür neben dem Turm, um dort die kleine Glocke zu ziehen, die durch einen aus dem Loch über dem Türknopf herabhängenden Lederriemen in Bewegung gesetzt wurde.

Nach langem Warten erst öffnete ihm die in ihrer Nachtruhe gestörte Dienerin; schlaftrunken und mit zwinkernden Augen erklärte sie ihm, daß Sarria nicht in seinem Zimmer sei. Vanamee war ihr als Schützling und vertrauter Freund des Priesters wohlbekannt; sie ließ ihn daher eintreten; ihren Herrn würde er wohl in der Kirche finden. Sie führte ihn den langen, kühlen Gang hinan bis zu einem größeren Raum, der die ganze Grundfläche des Glockenturmes einnahm; eine ausgetretene alte Treppe wand sich von dort hinauf ins Dunkle. Am Fuße der Treppe war eine in die Kirche führende Tür. Diese wurde von der Dienerin für Vanamee geöffnet und hinter ihm wieder geschlossen.

Das Innere der Missionskirche, ein langes Rechteck weißgetünchter Adobewände mit einer flachen Decke, war von der an drei langen Ketten gerade über dem Altargeländer hängenden ewigen Lampe und drei billigen, von Wandarmen gehaltenen Petroleumlampen aus Bronzeimitation matt erleuchtet. An den Wänden ringsum hingen die unvermeidlichen, den Leidensweg Christi darstellenden Bilder. In Zeichnung und Anordnung abschreckend roh, waren sie dennoch von einer unschuldigen, überzeugten Aufrichtigkeit, die nicht eines gewissen Reizes entbehrte. Die vergoldeten Rahmen trugen in großen schwarzen Buchstaben die den Inhalt jedes Gemäldes erklärenden Inschriften: »Simon der Kyrener hilft Jesus Sein Kreuz Tragen,« »Die heilige Veronika Trocknet Jesus das Antlitz.« »Jesus Fällt zum Vierten Male« und andre. In der halben Länge der Kirche begannen die Reihen der Betpulte, große sargartige, durch Türen abgeschlossene Verschlage von schwarzem, durch hundertjährigen Gebrauch glänzend poliertem Eichenholz; über ihnen und aus der Wand herausgebaut hing die Kanzel mit ihrer als Schallboden dienenden, dem emporgehobenen Deckel einer ungeheuern Hutschachtel ähnlichen goldglänzenden Haube. In dem Mittelgange zwischen den Betpulten lag ein Läuferteppich, dessen grelles Rot dem Auge weh tat. Einige Stufen führten zu dem durch ein Geländer von wurmstichigem Eichenholz abgeteilten Chor und dem Hochaltar mit seiner aus einem San Franciscoer Ramschbasar stammenden Leinenbekleidung und den von einer längst verstorbenen spanischen Königin geschenkten Leuchtern aus gediegenem Silber – jeder so schwer, daß ein Mann vollauf an ihm zu tragen hatte; drei Bilder hingen über dem Altar: die Jungfrau mit der Strahlenkrone, der Kreuzestod Christi und Johannes der Täufer, der San Juan Bautista und Schutzheilige der Mission von alters her, eine knochige, graue Gestalt in Tierfellen und mit zwei segnend emporgehobenen Fingern.

Die Luft in der Kirche war kühl und dumpfig und erfüllt von dem süßlich-faden Geruch abgestandenen Weihrauchs. Tiefe Stille herrschte; der Schall der hinter Vanamee ins Schloß geworfenen Türe dröhnte mit einem in dieser Grabesstille wie Donner wirkenden Widerhall von Ecke zu Ecke. Vater Sarria war jedoch nicht in der Kirche. Vanamee schritt suchend den Mittelgang auf und ab und blickte in die Kapellen zu beiden Seiten des Chors. Der Priester war nirgends zu finden. Aber er mußte vor ¦kurzem hier gewesen sein, denn die Altargeräte waren von ihren Plätzen gerückt, als ob er sie eben wieder hätte ordnen wollen. An beiden Längsseiten der Kirche waren mehrere schwere, mit Eisen beschlagene Holztüren angebracht. Eine von diesen an der Kanzelseite befindlichen Türen stand halb offen. Vanamee stieß sie noch weiter auf und blickte jetzt quer über einige mit Gemüse bestellte Beete nach der Rückseite des Baues, der einst die Kreuzgänge enthalten hatte; durch ein offenes Fenster sah er Vater Sarria eifrig das silberne Kruzifix putzen, das gewöhnlich auf dem Hauptaltar stand. Vanamee rief den Priester nicht an. Er legte einen Finger auf jede Schläfe und blickte einige Sekunden starr auf den in seine Arbeit Vertieften, um dann die Augen halb zu schließen. Die Pupillen zogen sich zusammen, und der Ausdruck seines Gesichtes verriet die aufs äußerste gesteigerte Willensanspannung. Sehr bald sah er den Priester, der gerade die Hülle über das Kruzifix zog, dabei plötzlich innehalten und um sich blicken. Vater Sarria nahm seine Beschäftigung wieder auf, um sie jedoch, verwundert und bestürzt, von neuem zu unterbrechen. Mit unsicheren Schritten und augenscheinlich über sich selbst verwundert ging er zur Tür, öffnete sie und sah hinaus in die Nacht. Vanamee, der im tiefen Schatten stand, rührte sich nicht; er schloß die Augen, und wieder zeigte sein Gesicht den Ausdruck angespanntester Willenskraft. Der Priester zögerte, machte einen Schritt vorwärts, wandte sich um, blieb wieder stehen und ging dann geradeswegs über die Beete, um mit Vanamee zusammenzustoßen, der regungslos in seiner Türnische stehen geblieben war.

Sarria, der sehr erschrocken war, atmete erleichtert auf, als er Vanamee erkannte.

»O – o, du bist's! Warst du's, den ich rufen hörte? Nein, ich konnte nichts gehört haben – eben denk' ich dran. Welch seltsame Kraft! Ich weiß nicht, ob es recht ist, sie auszuüben, Vanamee! Ich – ich mußte kommen. Weshalb, weiß ich nicht. Es ist eine große Kraft – eine Macht – mir gefällt das nicht. Vanamee – zuweilen graut mir davor.«

Vanamee warf den Kopf zurück. »Wenn ich gewollt hätte, so hätte ich's fertig gebracht, dich zu mir nach der Quien Sabe=Ranch kommen zu lassen.«

»Ich begreife nicht,« erwiderte der Priester kopfschüttelnd, »daß mein eigner Wille nichts dagegen vermag. Eben jetzt konnte ich nicht widerstehen. Wäre ein tiefer Fluß zwischen uns gewesen – ich hätte hinübergemußt. Wenn ich nun aber jetzt gerade geschlafen hätte?«

»So wäre es noch leichter gewesen,« erwiderte Vanamee. »Mir ist's ebenso unerklärlich wie dir. Aber das weiß ich, im Schlafe wäre dein Widerstand noch geringer gewesen.«

»Vielleicht wäre ich gar nicht aufgewacht und im Schlafe zu dir gekommen.«

»Vielleicht.«

Sarria bekreuzigte sich, »'s ist etwas Okkultes,« sagte er unsicher. »Nein – ich mag das gar nicht. Liebster Freund,« er legte seine Hand auf Vanamees Schulter, »tu es nicht wieder – rufe mich nicht wieder so – versprich mir's! Sieh nur,« er hielt ihm seine Hand hin, »ich zittere noch am ganzen Körper. Nun, reden wir nicht weiter davon. Warte einen Augenblick. Ich will nur das Kreuz auf seinen Platz stellen und ein. neues Altartuch auflegen – dann bin ich fertig. Morgen ist das Fest des heiligen Kreuzes, und ich bereite alles dazu vor. Eine wundervolle Nacht! Wir wollen im Klostergarten eine Zigarre rauchen.«

Einige Minuten später traten die beiden aus der Tür, die der Kanzel gegenüber und auf der andern Seite der Kirche lag, in den Klostergarten. Sarria, der ein Käppchen über der Tonsur und seine Soutane trug, sah jetzt priesterlicher aus als in dem Aufzug, in dem Presley und Vanamee ihn zuletzt gesehen hatten.

Der alte Garten war ein liebliches, friedvolles Stückchen Erde. In dichten Gruppen standen Palmen und Magnolienbäume. Ein mehr als hundertjähriger Weinstock rankte sich in der Ecke, wo zwei den Garten einschließende Mauern aneinander stießen, an einem Spalier empor. Die Kirche selbst bildete einen weiteren Abschluß des Gartens, der nach einer Seite offen war. Die Mauer, die ihn früher dort begrenzt hatte, war längst zerfallen; ihre Richtung wurde durch eine Reihe von acht mächtigen, knorrigen Birnbäumen bezeichnet, deren dichtverwachsene Aeste keine Früchte mehr trugen. In der Südmauer, grade den Bäumen gegenüber, war ein großes rundbogiges Tor, das auf den freien, ebenen Grasplatz vor der Mission führte und stets geschlossen war. Schmale, gutgehaltene und mit Reseda eingefaßte Kieswege wanden sich zwischen den Blumenbeeten und unter den Magnolienbäumen hin. Inmitten des Gartens plätscherte ein kleiner Springbrunnen; seine steinerne Schale war dicht mit Moos bewachsen. Seitwärts davon stand eine verfallene Sonnenuhr; grüner Edelrost bedeckte den bronzenen Zeiger, und die Zahlen auf dem Halbrund des Zifferblattes waren verwischt und unleserlich.

Auf der andern Seite des Springbrunnens und hart an der Mauer zog sich eine Reihe von neun Gräbern hin; drei davon hatten Kopfsteine, die andern große steinerne Grabplatten. Zwei von Sarrias Amtsvorgängern ruhten hier; drei Gräber waren die von Missionsindianern. In einem andern sollte ein ehemaliger Alkalde von Guadalajara begraben sein, die beiden nächsten enthielten die sterblichen Reste De La Cuestas und seiner jungen Frau (sie hatte den trügerischen Glauben an seine Liebe mit sich ins Grab genommen). Das neunte, am Ende der Reihe und den Birnbäumen zunächst gelegen, trug einen kleinen Kopfstein, den kleinsten von allen; auf ihm war, zusammen mit dem nur sechzehn Jahre auseinander liegenden Geburts- und Todestage der Name »Angèle Varian« eingemeißelt.

Wunderbar war die tiefe, wohltuende Ruhe und friedvolle Einsamkeit des kleinen Klostergartens. Dieses liebliche Eckchen des sich nach allen Seiten in die Ferne weitenden Tales glich in seiner romantischen Abgeschlossenheit dem Zaubergarten der Märchen und Träume. Weit, weit draußen lag die rauhe Wirklichkeit, das harte, lärmende Tagewerk der geschäftigen Welt; hierher aber verlor sich nie der Widerhall ihres knarrenden Triebwerks, dessen Mißton das von dem leisen Plätschern des Springbrunnens eingelullte Ohr hätte beleidigen können.

Sarria und Vanamee ließen sich auf einer steinernen Bank nahe der Tür, aus der sie eben getreten waren, nieder. Der Priester zündete sich eine Zigarre an, Vanamee rauchte Zigaretten, die er nach Mexikanerart selbst rollte.

Still und voll tiefen Friedens war die unendliche Weite der Nacht. Der Himmel funkelte von Sternen. Eben stieg der Mond am dunkelblauen Firmament empor. Ruhig und unbewegt war die Luft, kein Laut ließ sich vernehmen. Das ununterbrochene leise Plätschern des Springbrunnens schien nur das Sinnbild der verfließenden Zeit zu sein, ein Etwas, das in seiner unaufhaltsamen Gleichmäßigkeit mehr gefühlt als gehört wurde. In langen Zwischenzeiten wehte ein leichter Luftzug, kaum mehr als ein Hauch, über die hohen Mauern in den Garten und verbreitete weithin auf seinem Wege den süßen Duft von Magnolienblüten, Reseda, feuchtem Moos und Gras und all dem zarten grünen Leben, das still im Schutze der Klostermauern sproß.

Von seinem Sitze aus konnte Vanamee, wenn er den Kopf wandte, unter den Birnbäumen hindurch nach Norden blicken. Gleich jenseits der Bäume senkte sich der Hang zu dem kleinen Tal herab, das die Höhe, auf der die Mission stand, von der Reihe niederer Hügel der Quien Sabe-Ranch trennte. In jenem Tal lag die von Angèles Angehörigen bebaute Blumenfarm, deren fünfhundert Acker betragende Gesamtfläche – einzig in ihrer Art – mit Rosen, Veilchen, Lilien, Tulpen, Nelken, Tuberosen, Schwertlilien, Mohn, Heliotrop in üppiger, strotzender Fülle bestanden war. Ueber die ganzen Vereinigten Staaten hin versandten Angèles Verwandte, die diesen Blumenbau im großen trieben, Samen und Setzlinge. Im ganzen Lande kannte man die Blumensamenfarm. Jetzt waren die abgeernteten Felder ihres Schmuckes beraubt. Gegen Mitte des Sommers aber, wenn jene Millionen von Blumen in voller Blüte standen, war die Farbenpracht dieser ganzen fünfhundert, in allen Abstufungen von Rot, Blau und flammendem Gelb strahlenden Acker von wunderbarer, unbeschreiblicher Schönheit. Der Ostwind wehte den Duft dieses Tales der Blumen, dieses Chaos von Wohlgerüchen bis in die Straßen des fast zwölf Meilen entfernten Bonneville.

In diesem blühenden Leben, dieser Welt von Farbe, dieser schwülen, von süßen Gerüchen erfüllten und übersättigten Luft war Angèle geboren worden. Hier hatte sie die sechzehn Jahre ihres Lebens zugebracht. Hier war sie gestorben. Kein Wunder war's, daß Vanamee bei seinem sein empfindenden Schönheitssinn und seiner aufs höchste gesteigerten Fähigkeit, in einem großen Glücke aufzugehen, zu Angèle hingezogen wurde und ihr die tiefste, innigste Liebe weihte.

Aus der Fülle der Blumen war sie ihm genaht; der Duft der Rosen war in ihrem goldig schimmernden Haar, dessen schwere straffe Flechten an den Schläfen herabhingen. Von den Veilchen hatten die tiefblauen und schwergeliderten, mandelförmigen Augen – orientalische Märchenaugen von fremdartigem Liebreiz – ihre Farbe geborgt. Die Lippen, voll und rot wie die der Aegypterin, wetteiferten mit dem königlichen Purpur der Nelken. Ihr Nacken hatte das schneeige Weiß, den zarten Duft und die schwebende Anmut der Lilienkelche. Von ihren Händen ging das süße Arom des Heliotrops aus. Der weiche, einschläfernde Duft der Mohnblüte wehte aus den Falten ihres Gewandes. Den kleinen Füßen war der seine Wohlgeruch der Hyazinthen eigen.

Eine lange Weile saßen der Priester und Vanamee, ohne zu reden, beieinander. Endlich brach Sarria das Schweigen.

»Wie still es ist!« sagte er, seine Zigarre aus dem Munde nehmend. »So schön ist der alte Garten, so friedvoll und ruhig! Eines Tages wird man mich hier begraben – ich denke gern daran – und dich auch?«

» Quien sabespanisch = wer weiß es?

»Ja, dich auch. Wo sonst wohl? Nein, hier ist's am besten – dort neben dem lieben Mädchen.«

»Ich kann meine Gedanken noch nicht darauf richten. Das, was einst kommen soll, ist mir gleichgültig. Mir bedeutet es nichts!«

»Es bedeutet alles, mein Sohn!«

»Ja, für einen Teil meines Wesens, aber nicht für den andern, den besten, der einst Angèle gehörte. O, du weißt nicht!« rief er mit einer plötzlichen, ungeduldigen Bewegung, »niemand weiß es. Was ist es mir denn, wenn du mir sagst, daß ich auch einmal sterben und dann Angèle an einem unbestimmbaren Orte wiedersehen werde, den du Himmel nennst? Denkst du denn, daß dieser Gedanke einem Menschen je die Last seines Kummers erleichtert, je die Schärfe seines Schmerzes abgestumpft hat?«

»Aber du glaubst, daß –«

»O, glauben, glauben!« gab der andre zurück. »Was glaube ich denn? Ich weiß es nicht. Ich glaube und ich glaube nicht. Ich kann mich erinnern, was sie war, aber ich kann nicht hoffen, was sie einst sein wird. Hoffnung ist schließlich nur die nach vorwärts gekehrte Erinnerung. Wenn ich versuche, sie mir in einem andern Leben vorzustellen – Himmel nennt ihr's ja wohl –, an jenem unbestimmbaren Ort jenseits des Grabes, – wenn ich das versuche, so erscheint sie meiner Phantasie immer so, wie sie war, körperlich, irdisch, so, wie ich sie liebte. Unvollkommen, sagt ihr. Aber so habe ich sie doch gesehen, und so, wie ich sie sah, liebte ich sie. Und so, wie sie war, körperlich, irdisch, unvollkommen, liebte sie mich. Das ist's, das will ich!« rief er aus. »Ich mag sie nicht anders haben. Sie soll nicht vergeistigt, verklärt, erhaben und himmlisch sein. Ich will sie, sie selbst. Nur dieses Gefühl hat mich, glaube ich, davon abgehalten, Selbstmord zu begehen. Ich will lieber unglücklich sein in der Erinnerung an das, was sie wirklich war, als glücklich in der Vergegenwärtigung ihres verwandelten, geläuterten, himmlischen Daseins. Ich bin nur ein Mensch. Ihre Seele! Die war ebenso schön wie gut, gewiß! Aber auch wieder etwas Unbestimmbares, Unfaßbares, nicht viel mehr als eine Phrase, bei der man sich nichts denken kann. Wirklich aber war der Druck ihrer Hand, wirklich der Ton ihrer Stimme, wirklich waren die Arme, die sie um meinen Nacken schlang. O,« rief er in einem Ausbruch ungestümen Schmerzes, »gebt mir das zurück! Sagt eurem Gott, er soll mir alles das wiedergeben – den Ton ihrer Stimme, den Druck ihrer Hand, die Arme, die sie um meinen Nacken schlang, ihre, ihre wirklichen Arme, – und dann mögt ihr mir vom Himmel reden.«

Sarria schüttelte den Kopf. »Wenn du Angèle wiedersiehst,« sagte er, »droben im Himmel, wirst auch du verändert sein. Vergeistigt wirst du sie sehen, mit geistigen Augen. Das höhere Wesen, das sie jetzt ist, begreifst du nicht. Ich verstehe das. Es hat seinen Grund darin, daß du, wie du eben sagtest, menschlich bist, – sie aber ist göttlich. Wenn du ihr aber dereinst gleichen wirst, dann wirst du erkennen, was sie in Wahrheit ist, nicht was sie zu sein schien, weil ihre Stimme süß war, ihr Haar goldig, und weil ihre Hand warm in der deinen lag. Vanamee. du redest wie ein törichtes Kind. Du gleichst den Korinthern, an die Paulus schrieb. Erinnerst du dich? Ich weiß die Worte auswendig, – herrlich sind sie und furchtbar zugleich, erhaben und majestätisch. Wie mit Trompetengeschmetter marschierende Soldaten schreiten sie einher. Hör' nur: ›Möchte aber jemand sagen‹ – so hast auch du eben gesagt, – ›wie werden die Toten auferstehen? Und mit welcherlei Leibe werden sie kommen? Du Narr, das du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn. Und das du säest, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, nämlich Weizen, oder der andern eins. Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, und einem jeglichen von den Samen seinen eignen Leib ... Es wird gesäet ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistiger Leib.‹ – Weil du nun noch ein natürlicher Leib bist, so kannst du sie nicht erkennen noch nach ihr, der Vergeistigten, Verlangen tragen. Wenn ihr aber beide vergeistigt sein werdet, dann werdet ihr euch beide erkennen, wie ihr euch nie erkannt habt. Das Weizenkorn ist das Sinnbild der Unsterblichkeit. Du begrubst es in der Erde. Es stirbt und ersteht tausendmal schöner auf. Vanamee, dein teures Mädchen war nur ein Weizenkorn der Menschheit, das wir hier begraben haben, und das Ende ist noch nicht gekommen. Aber alles das ist so alt, so alt! Vor Tausenden von Jahren hat das die Welt schon gelernt, und doch muß es ein jeder, der in seinem Leben je an dem offenen Grabe eines geliebten Wesens stand, immer wieder von neuem lernen.«

Vanamee, der mit verschwimmenden Augen zwischen den Stämmen der Birnbäume hindurch nach dem kleinen Tal hinstarrte, blieb stumm. Nach einer Weile erst antwortete er dem Priester.

»Das mag alles sein, wie du sagst,« begann er. »Ich aber habe noch nicht zu lernen vermocht. Ich weiß nur, daß ich sie liebe – o, als ob alles erst gestern gewesen wäre –, und daß ich leide, leide!«

Den Kopf auf die krampfhaft geballten Fäuste gestützt, beugte er sich vornüber. Wie ein immer dunkler werdender Schatten vertiefte sich der unsäglich traurige Ausdruck seiner Züge, und Tränen traten in die tiefliegenden Augen. Und jetzt drängte es ihn, eine Frage zu stellen, die das betraf, woran zu denken er sich sträubte. Nach langem Zögern erst sprach er: »Ich bin lange unterwegs gewesen und habe die ganze Zeit nichts von hier gehört. Ist etwas zu berichten, mein Vater? Hat sich ein Verdacht geregt? Ist irgendeine Spur gefunden worden von – von dem andern?«

Der Priester schüttelte den Kopf. »Nichts. Nicht das geringste. Es ist ein Geheimnis. Es wird immer ein undurchdringliches Geheimnis bleiben.«

Den Kopf zwischen die geballten Fäuste gepreßt, wiegte Vanamee im Uebermaße seines Schmerzes den Oberkörper hin und her.

»O, wie fürchterlich,« stieß er hervor, »wie grauenvoll! Und sie – denke doch, Sarria – erst sechzehn, ein Kind, das von keiner Sünde wußte, rein: und ohne Makel wie ein unschuldiges kleines Kind, das nichts als das Gute kennt, – gereift nur in ihrer Liebe. Und so zerschmettert zu werden, während dein Gott vorn Himmel herabblickte und das Gräßliche, ohne zu helfen, geschehen ließ!« Mit einem Male schien er alle Selbstbeherrschung zu vertieren; einer jener Ausbrüche blinder, ohnmächtiger Wut und rasenden, unsäglichen Schmerzes, die ihn von Zeit zu Zeit überfielen, bemächtigte sich plötzlich seiner. Eine Flut von Worten strömte über seine Lippen, und mit einer Verzweiflung, Trotz und heißes Flehen ausdrückenden Gebärde schleuderte er wild die zusammengekrampfte Rechte zum Himmel empor. »Nein, dein Gott stand ihr nicht bei! Er hatte kein Erbarmen mit ihr! Wo blieb da der Schutz des Himmels? Wo die Güte und Liebe, von der ihr predigt? Warum gab Gott ihr das Leben, wenn es zertreten werden sollte? Warum verlieh ihr Gott die Fähigkeit zu lieben, wenn sie nicht beglücken durfte? Sarria, hör mich an! Warum machte Gott sie so göttlich rein, wenn er diesen Frevel duldete? Ha!« rief er voll bitteren Hohnes, »euer Gott! Ein Apache wäre barmherziger gewesen. Euer Gott! Es gibt keinen Gott. Es gibt nur den Teufel. Der Himmel, zu dem ihr betet, ist nur ein Possenspiel, eine Gaukelei, ein Blendwerk! Die Hölle allein ist wirklich!«

Sarria packte ihn am Arm. »Du bist ein Tor und ein Kind,« rief er aus, »und du lästerst Gott. Ich verbiete es dir. Hörst du? Ich verbiete es dir!«

Mit einem Aufschrei fuhr Vanamee auf ihn los.

»Dann sage deinem Gott, daß er sie mir zurückgeben soll!«

Sarria wich von ihm zurück; erstaunt und entsetzt starrte er mit weitaufgerissenen Augen den Freund an. Sein gebräuntes Gesicht war fahl geworden; tiefe dunkle Schatten lagen unter den eingesunkenen Augen und auf den mageren Wangen. Der Priester erkannte ihn nicht mehr. Vanamees Gesicht, das Antlitz eines Asketen, bleich und abgezehrt, eingerahmt von dem langen schwarzen Haar und Spitzbart, bebte in der Verzückung der Halluzination. So hatten die von Gott erleuchteten Hirten der hebräischen Legenden, die jüngeren Propheten Israels, ausgesehen, die in der Wildnis wohnten, die himmlische Gesichte hatten, ein Traumleben führten, mit Gott zu reden vermochten und mit wunderbaren Gaben begnadet waren. In dem kurzen Augenblick eines Gedankens verstand ihn Sarria. Hinaus in die Wildnis, in die weite, öde Wüste des Südwestens hatte Vanamee seinen Kummer getragen. Tage-, Wochen-, ja monatelang war er – ein einzelner Punkt in der Unendlichkeit der Horizonte – bald in dumpfes Brüten versunken, bald sein Hirn zermarternd, mit dem nie endenden Schmerz allein gewesen. Während Anstrengungen und Entbehrungen den schlecht ernährten Körper schwächten, wirkten die in unablässigem, qualvollem Kreislauf immer wieder zu demselben Ausgangspunkt zurückkehrenden Gedanken derartig auf Vanamees von Natur schon reizbare Gemütsart, daß seine Einbildungskraft aufs höchste gesteigert, krankhaft erregt, von Sinnestäuschungen bedrängt wurde und fortwährend nach der Offenbarung, nach dem Wunder suchte. Es war daher erklärlich, daß der mit so krankhaft erhitzter Phantasie auf den Schauplatz eines vernichteten Glückes zurückkehrende Vanamee in den peinvollsten Wahnvorstellungen befangen und von seinen überreizten Nerven gemartert war.

»Sage deinem Gott, daß er sie mir zurückgeben soll,« wiederholte er mit wilder Beharrlichkeit.

Es war der leidenschaftliche Drang nach dem unergründlich Geheimnisvollen, der seine Phantasie peitschte und anstachelte, bis sie an dem ihr von der Natur gezogenen Umkreis abschnellte und hinausflog ins Leere, dorthin, wo alles möglich scheint, wo sie, durch das Dunkel wirbelnd, nach dem Uebernatürlichen tastete und in heißem Verlangen das Wunder heischte. Und zugleich war es der wilde, trotzige Widerspruch der menschlichen Natur gegen das Unabwendbare, das Unwiderrufliche, es war der zuckende Krampf der Empörung gegen den Stachel des Todes, der Aufruhr der Seele über den Sieg des Grabes.

»Er kann sie mir zurückgeben, wenn er nur will,« rief Vanamee aus. »Sarria, du mußt mir helfen! Ich sage dir – ich warne dich – länger halte ich es nicht mehr aus. Mein Kopf ist wirr – ich habe meine Sinne nicht mehr beisammen. Etwas muß geschehen oder ich verliere den Verstand. Körper und Geist bricht darunter zusammen. Bringe sie mir zurück – mache, daß Gott sie mir zeigt. Wenn eure Wunder wahr sind, so wäre es ja nicht das erstemal. Kann sie nicht mein sein, so laß sie mich wenigstens sehen – zeige sie mir, wie sie in Wirklichkeit war in ihrer Leiblichkeit, nicht ihre Seele, nicht als Geist. Ich will sie wiederhaben, sie selbst, die irdische Angèle, in unbefleckter Reinheit. Ist das Wahnsinn, so laß mich wahnsinnig sein. Aber hilf mir – du und dein Gott! Spiegelt mir ein Blendwerk vor oder wirkt das Wunder!«

»Hör' auf!« rief der Priester und rüttelte ihn an der Schulter. »Schweig! Besinne dich. Das ist Wahnsinn. Ich lasse es nicht zu, daß du wahnsinnig wirst. Sie dir zurückbringen! Ist das Gottes Walten? Ich glaubte, du wärest ein Mann – du redest aber wie ein schwachmütiges Mädchen.«

Vanamee zuckte zusammen und atmete tief auf, um dann, wirr um sich blickend, wieder zur Besinnung zu kommen.

»Du hast recht,« stammelte er. »Ich weiß bisweilen kaum, was ich rede. Es gibt Augenblicke, in denen sich mein ganzes Wesen in wilder Empörung aufbäumt gegen das Geschehene. Ich glaube dann stärker zu sein wie der Tod, und wenn ich nur wüßte, wie ich meine Willenskraft gebrauchen, all mein Denken zusammenfassen könnte – die Stärke meines Willens, – ich vermöchte dann – wer weiß – wenn auch nicht sie zurückzurufen, – aber – etwas – –«

»Ein kranker und aus seinem Gleichgewicht gebrachter Geist ist empfänglich für Sinnestäuschungen, wenn du das meinst,« sagte Sarria.

»Vielleicht meine ich's. Vielleicht ist's nichts weiter als die Sinnestäuschung, die Halluzination.«

Sarria entgegnete nichts. Lange schwiegen die beiden. Aus einer feuchten Mauerecke tönte in gleichbemessenen Zwischenräumen das Quaken eines Frosches. Der kleine Springbrunnen plätscherte in ununterbrochener Einförmigkeit, und eine Magnolienblüte löste sich von ihrem Zweige und senkte sich, so geradlinig wie ein Bleilot durch die unbewegte Luft fallend, mit leisem Rascheln auf den Kies des Gartenweges. Sonst herrschte tiefe Stille.

Sarrias Zigarre, die längst ausgegangen war, entglitt seinen Fingern und fiel zur Erde. Der Priester war sanft eingeschlummert. Vanamee berührte seinen Arm.

»Schläfst du, Vater?«

Der schreckte auf und rieb sich die Augen.

»Wahrhaftig, ich glaube, ich habe geschlafen.«

»Geh lieber zu Bett. Ich bin nicht müde. Ich werde noch etwas hier sitzen bleiben.«

»'s ist wohl besser, wenn ich zur Ruhe gehe. Dein Bett ist hier immer für dich bereit, wenn du davon Gebrauch machen willst.«

»Nein – ich gehe zurück nach Quien Sabe – später. Gute Nacht, mein Vater.«

»Gute Nacht, mein Sohn.«

Vanamee war allein. Lange saß er, die Ellbogen auf die Knie und das Gesicht in die Hände gestützt, ohne sich zu rühren. Die Minuten, die Stunden vergingen. Langsam stieg der Mond immer höher zu den Sternen empor. Vanamee rollte und rauchte Zigarette auf Zigarette; unbeweglich stand der bläuliche Rauch über seinem Kopfe oder zog in seinen Schleiern durch die stille Luft.

Dem Einfluß des alten Geheges, jenes romantischen, geheimnisvollen Winkels, jenes von der Welt abgeschlossenen Gartens der Träume mit seinen Ueberlieferungen, seinen Gräbern, mit der verfallenen Sonnenuhr und dem moosumwachsenen Springbrunnen konnte der einsame Mann nicht widerstehen.

Vanamee geriet, nachdem der Priester ihn verlassen hatte, allmählich wieder in jenen Zustand seelischer Ueberreiztheit, der schon einmal in dieser Nacht über ihn gekommen war. Wie mit scharfen Geißelhieben peitschte ihn der Gram, übermächtig wallte ihm im Herzen wieder seine Liebe auf, die er noch nie so tief, so zart, so stark zu fühlen geglaubt hatte. Der ihm von alters her vertraute Missionsgarten, an dem die Jahre nichts geändert hatten und der heute noch genau so war wie damals, als er mit Angèle allnächtlich hier zusammenkam, brachte ihm die Geliebte in lebendigste, schmerzvollste Erinnerung. Er erhob sich und schritt, die Hände auf dem Rücken verschränkt, auf den schmalen Kieswegen zu all den Stellen, die ihm besonders teuer waren. Auf der Bank, von der er eben aufgestanden war, hatte er oft mit Angèle gesessen. Hier, neben der verfallenen Sonnenuhr, dachte er der Nacht, in der er sie zum ersten Male geküßt hatte. Dort am Becken des Springbrunnens mit seinem grünen Moosrand hatte sie ihren bis zur Schulter entblößten Arm tief ins Wasser getaucht und ihn, kühl und naß, wie er war, von Vanamee küssen lassen. Und hier wieder, im tiefen Schatten der Birnbäume, hatten sie allabendlich gesessen und, über das kleine Tal hinblickend, der Nacht zugesehen, wie sie ihren Dom vom Horizont zum Zenit wölbte.

Rasch wandte sich Vanamee von dem Ausblick ins Tal ab. Weithin, nach der Mitte der um diese Jahreszeit kahlen Blumenfarm zu, hatte er die Umrisse des Hauses erkannt, in dem Angèle einst lebte; trüber Lichtschein schimmerte aus einem Fenster. Der Schmerz, der an Vanamees Seele nagte, steigerte sich plötzlich zu qualvollster Pein. Mit langen Schritten durchquerte der Unglückliche den Garten und eilte in die Kirche zurück, deren kühle Luft ihn wie ein Bad umfing. Er wußte nicht, er konnte sich keine Rechenschaft darüber ablegen, was er hier suchte. Er wußte nur, daß er unsagbar litt, daß seine schmerzvolle Sehnsucht nach Angèle, nach irgend etwas, an das sich seine übermächtige Liebe klammern konnte, wie mit eisernen Zähnen an seinem Herzen nagte. Er wollte genarrt sein, er ersehnte die Sinnestäuschung, er erflehte das Trugbild; was es auch immer sein mochte –, alles war ihm willkommener wie die Leere der Nacht, die herzbeklemmende Stille, die Oede des sich in die Unendlichkeit weitenden Himmelsgewölbes.

Am Chorgeländer, unter der ewigen Lampe, sank Vanamee auf die Knie. Den Kopf tief auf die das Geländer umklammernden Arme gebeugt, betete er. Er wußte nicht, was für Worte über seine Lippen kamen noch worum er flehte, – seine Seele schrie nach Hilfe, nach Linderung unsäglicher Qual, nach der Antwort auf seinen schmerzdurchzitterten Ruf.

Jene Antwort war's, auf die sich endlich alle Kräfte seines in wirren Aufruhr geratenen Geistes vereinigten. Er forderte diese Antwort, – in inbrünstigem Flehen heischte er sie. Die himmlische Gnade, die ihm Frieden und dumpfe Ruhe bringen konnte, genügte Vanamee nicht. Er forderte eine Antwort, etwas Sinnenfälliges, selbst wenn dieses Sinnenfällige nur seiner erhitzten Einbildungskraft entsprang, – er verlangte eine Stimme aus der Nacht, eine Hand; die seine im Dunkel tastenden Finger umschloß, einen Atem, warm, duftend, vertraut wie eine sanfte, holde Liebkosung seiner eingefallenen Wangen. Einsam und allein im Halbdunkel bei: verfallenden Kirche mit ihrem von den Wänden bröckelnden Mörtel, ihrer herben, kindlichen Kunstlosigkeit in Zierat und Bildwerk kämpfte er mit seinem glühenden Verlangen, – einzelne Worte, Bruchstücke von Sätzen, gestammelt und unzusammenhängend, rangen sich zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Aber die Antwort vermochte er hier in der Kirche nicht zu finden. Vor ihm über dem Hauptaltar thronte die heilige Jungfrau mit niedergeschlagenen Augen und gefalteten Händen, das Haupt umgeben vom Heiligenschein. Die Farben des Bildes waren verblichen und angeräuchert von den seit Jahrhunderten zu der Gottesmutter aufsteigenden Weihrauchwolken. Der am Kreuz verscheidende Heiland bot den jammervollen Anblick eines in Todesqual verzerrten Körpers dar; dunkle Blutflecken hoben sich grausig von dem aschfahlen Fleisch seines Leibes ab. Der heilige Johannes, der San Juan Bautista und Schutzpatron der Mission, eine knochige, in Felle gehüllte Gestalt mit zwei zum Segnen erhobenen Fingern, starrte in das Halbdunkel unter der Decke; das Menschenleid, das sich zu seinen Füßen in vergeblichem heißem Flehen an das Chorgeländer klammerte, rührte auch ihn nicht, und Angèle blieb wie vordem nur eine Erinnerung, – fern, unerreichbar, verloren auf ewig.

Vanamee richtete sich auf und wandte dem Altar mit einer Gebärde der Verzweiflung den Rücken. Er durchschritt die Kirche und trat aus der niederen Tür gegenüber der Kanzel wieder in den Garten. Die laue, unbewegte Luft hüllte ihn wie in einen warmen, wohligen Mantel und vertrieb aus seinen fröstelnden Gliedern die Kühle, die von den feuchten, zerbröckelnden Lehmwänden der Kirche ausging.

Und jetzt fand Vanamee seinen Weg quer über den Garten, an dem Springbrunnen vorbei zu der Gräberreihe an der Ostmauer. Hier ruhte Angèle in dem kleinsten der neun Gräber, den kleinen Stein zu Häupten, der ihren nur sechzehn Jahre auseinanderliegenden Geburts- und Todestag kündete. Zu dieser Ruhestätte war Vanamee endlich zurückgekehrt nach all den in der Wüste, der Wildnis verbrachten Jahren, nach seinen ziellosen Wanderungen in ferne Lande. Nur hier konnte er – falls es ihm vergönnt war – das Gefühl von Angèles Nähe haben. Dicht vor ihm, nur knappe vier Fuß unter dem Rasen, lag der Leib, den er so oft umfangen, das Antlitz, ihr teures Antlitz, das er so oft geküßt hatte, das goldig schimmernde Haar, dessen schwere, straffe Flechten an den Schläfen herabhingen und zusammen mit der Linie der schöngeschwungenen Brauen ein die runde weiße Stirn einrahmendes Dreieck bildeten, – die Augen, veilchenblau und schwergelidert, mit ihrem fremdartig=orientalischen, schräg aufwärts nach den Schläfen verlaufenden Schnitt, die süßen Lippen voll und rot wie die der Aegypterin, – hier ruhte Angèle Varian in der nur ihr eignen rätselhaften, wunderbaren Schönheit, die so verwirrend, so bezaubernd, so außer aller Norm und Regel war.

Er kniete nieder und las, die Rechte auf den Grabstein gelegt, von neuem die Inschrift. Einem dunkeln Antriebe folgend, ließ er seine Hand von dem Stein liebkosend über den niederen grasbewachsenen Hügel gleiten. Und dann lag er, ohne zu wissen, was er tat, in voller Länge ausgestreckt neben dem Grabe; seine Arme umklammerten den Hügel, seine Lippen waren gepreßt auf das Gras, mit dem er bewachsen war. Der seit nahezu zwanzig Jahren eingedämmte Gram brach in alles überflutenden wilden Wogen hervor. Der Gedanke, sich zu bezwingen, kam Vanamee nicht. Er rang nicht länger mit seinem Schmerz, er versuchte keinen weiteren Widerstand. Er hatte fast ein Gefühl der Erleichterung, sich überwinden zu lassen. Aber die jetzt eintretende Gegenwirkung war nicht minder heftig. Sein Aufruhr gegen das Unabänderliche, seine Empörung gegen das Grab rüttelte ihn vom Scheitel bis zu den Sohlen, stachelte ihn über alle Grenzen der Vernunft hinaus und trieb ihn bis zum Wahnsinn, bis zur Raserei. Er verlor alle Herrschaft über sich und wußte nicht länger, was er tat.

Hatte Vanamee sich zuerst darauf beschränkt, in einem wilden, leidenschaftlichen Aufruf Angèle vom Himmel zurückzufordern, so lenkte jetzt die maßlose Selbstsucht, die allen Formen von Geistesstörungen eigen zu sein scheint, seine krankhafte Einbildungskraft in neue Bahnen. Er vergaß Gott, er dachte nicht länger an die himmlische Macht. Sich selbst mußte er göttliche, himmlische Kräfte an; er fühlte sich stark genug, dem Tode zu trotzen. Zuerst hatte er die Vermittlung des Priesters gefordert, daß Gott ihm Angèle wiedergeben sollte; jetzt aber wandte er sich an die Geliebte selbst. Lang ausgestreckt, die Arme um den Hügel geklammert, lag er an ihrem Grabe; Angèle schien ihm so nahe, daß er sich einbildete, sie müsse ihn hören. Mit einem Male erinnerte er sich der ihm eignen seltsamen Kraft, jener Kraft des Willens, mit der er Presley über die Felder der Quien Sabe-Ranch gerufen und heute abend erst Sarria zu sich gezwungen hatte. Er faßte alle Kräfte seiner Seele in dem einen Gedanken zusammen, der ihn so lange erfüllt hatte; mit geschlossenen Augen, die Hände vor das Gesicht gepreßt, rief Vanamee: »Komm zu mir, Angèle –, hörst du mich nicht? Komm zu mir!«

Aber aus dem Grabe kam seine Antwort. Stumm und unbewegt lag die Erde unter dem Rufer. Eifersüchtig hütete sie das Geheimnis und weigerte sich, den ihr anvertrauten Leib, den sie in festem Griffe hielt, wieder herauszugeben. Ungerührt ließ sie die Qual, die sich mit verzweifelten Händen an das längst geschlossene Grab krallte. Dieselbe Erde, die noch heute morgen so verlangend, so der leisesten Berührung entgegenkommend, so geschwellt von Leben war, hielt jetzt zur nächtlichen Zeit den Tod in ihrer Umarmung; unverletzt bewahrte sie das Geheimnis des Grabes und verschloß sich, die Antwort weigernd, gegen alles Flehen. Angèle blieb wie vordem nur eine Erinnerung –, fern, unerreichbar, verloren auf ewig.

Vanamee hob das Haupt empor und blickte mit verschwimmenden Augen und an allen Gliedern von der vergeblichen Anspannung seiner Kraft zitternd, um sich. Aber er verzweifelte nicht. Noch nie hatte ihn die zwingende Kraft seines Willens im Stich gelassen. Er war fest davon überzeugt, daß, wenn er sich aufs äußerste anstrengte, irgend etwas – er konnte nicht sagen was – geschehen mußte. Und war es auch nur eine Selbsttäuschung, ein Trugbild, – er wollte damit zufrieden sein.

Und wieder richtete sich, ohne daß es eines Anstoßes bedurft hätte, sein verstörter Geist, sein ganzes Denken, die volle Kraft seines Willens aus Angèle. Er rief die Geliebte, als ob sie noch lebte. Seine auf den Grabstein gerichteten Augen schlössen sich halb, die Pupillen wurden kleiner, krampfhaft ballte er die Fäuste, und seine Nerven spannten sich an bis zum Zerreißen.

Einige Sekunden verharrte er so, in atemloser Spannung auf die Offenbarung, auf das Wunder wartend. Und da fühlte er, ohne sich der Ursache bewußt zu werden, daß seine Blicke von dem Grabstein abgelenkt wurden. Auch Vanamees Körper folgte der Richtung seiner Augen. Er wußte nicht, was ihn zwang, Angèles Grab den Rücken zuzukehren und sich nordwärts nach den Birnbäumen und dem kleinen Tale mit der Blumenfarm zu wenden. Zuerst glaubte er den Grund hierfür in dem Nachlassen seiner angespannten Willenskraft suchen zu müssen. Wieder wandte er sich dem Grabe zu; die Hände gegen die Stirn gepreßt und mit knirschenden Zähnen sammelte er von neuem mit ungeheurer Anstrengung alle seine Kräfte. Er zwang sich zu glauben, daß Angèle noch am Leben sei, und wandte sich jetzt an dieses Geschöpf seiner Einbildungskraft.

»Angèle!« flüsterte er, »Angèle, ich rufe dich – hörst du mich? Komm zu mir – komm – jetzt – in diesem Augenblick!«

Die ersehnte Antwort blieb aus. Aber wieder fühlte er, wie die unerklärliche Gegenwirkung den Zug seiner Gedanken durchkreuzte. Mochte er noch so sehr dagegen anstreben, er mußte sich nach Norden kehren, den Birnbäumen zu. Dem unwiderstehlichen Zwange folgend, tat er einen Schritt nach vorwärts, dann noch einen und noch einen. Im nächsten Augenblicke fand er sich im Schatten der Birnbäume stehend, die Augen unverwandt auf das kleine Haus der Blumenfarm gerichtet, in dem Angèle einst gewohnt hatte. Bestürzt und verwirrt kehrte er nach dem Grabe zurück und strengte von neuem die ganze Kraft seines Willens an; mit derselben Plötzlichkeit wie vorher setzte, als die Anspannung seines Wollens bis zu einem gewissen Punkt gesteigert war, die Gegenwirkung wieder ein. Er mußte nach Norden blicken, er mußte in den Schatten der Birnbäume treten und von dort aus ratlos und bestürzt seine Augen über die Felder der Blumenfarm wandern lassen. Weiter trieb ihn dieser Einfluß nicht; aber bis zu den Birnbäumen hin wirkte er mit unwiderstehlichem Zwang. Eine Zeitlang beschäftigte Vanamee das Sonderbare dieses Vorgangs sogar mehr als sein Kummer. Ein- oder zweimal ließ er, fast versuchsweise, jene Einwirkung sich wiederholen. Das Ergebnis blieb stets dasselbe. Wenn immer er die Geliebte mit der Kraft seines Willens erfaßt zu haben glaubte, wurde er stets widerstandslos nach Norden unter die Birnbäume gedrängt. Aber Vanamee litt zu sehr, um sich länger mit dem ihm rätselhaften Vorgange beschäftigen zu können. Jeden Widerstand aufgebend, verließ er das Grab und warf sich im dunkeln Schatten der Birnbäume auf den Rasen; das Kinn auf die Hände gestützt, überließ er sich willenlos den auf ihn einstürmenden Erinnerungen und dem unsäglichen Gram über sein auf ewig verlorenes Glück.

Er stellte sich vor, daß Angèle wieder zu ihm kam. Längst entschwundene Zeiten rief er sich ins Gedächtnis zurück. Er gedachte der warmen Sommernächte, der tiefen Stille, des mit Sternen besäten Himmels, des kleinen Missionsgartens, der das Gemisch all der Wohlgerüche aushauchte, die während der Hitze des Tages die sengenden Sonnenstrahlen in den Blütenkelchen angesammelt hatten. Er sah sich, sein andres Selbst, zu dem gewohnten Stelldichein kommen. Während des ganzen Tages war sein Denken von ihr erfüllt gewesen. Den ganzen langen Tag hindurch hatte er der stillen, süßen Stunde entgegengesehen, die ihr gehörte. Dunkel war die Nacht. Er konnte nichts sehen, aber bald hörte er einen leichten Schritt; am Hügelhange raschelte leise das Gras unter ihren kleinen Füßen. Schon schimmerte ihr goldenes Blondhaar kaum sichtbar im Sternenlicht, und ein kosender Luftzug fächelte ihm ihren süßen Atem zu. Sie war es, sie selbst – ihre Augen, schwergelidert und veilchenblau, leuchtend von Liebe, ihre süßen, vollen Lippen, die seinen Namen stammelten; ihre Hände, welche die seinen erfaßten, ihr holder Leib, der sich seiner Umarmung hingab; ihre Lippen lagen auf den seinen, ihre Hände umschlossen sein Haupt und zogen sein Antlitz herab zu dem ihren.

Alles das hatte sich Vanamee vergegenwärtigt. Und jetzt schleuderte er mit wildem Schmerzensschrei einen Arm empor; seine Augen suchten das Dunkel zu durchdringen, seine Seele empörte sich in trotzigem Aufruhr gegen den Triumph des Todes. Schnell flog sein Blick durch die Nacht, unwillkürlich der Richtung folgend, von der Angèle ihm einst zu nahen pflegte. »Komm zu mir!« stieß er flüsternd hervor; Muskeln und Nerven spannten sich unter der vergeblichen Anstrengung seines Willens. »Komm zu mir, jetzt – jetzt! Hörst du mich nicht, Angèle? Du mußt kommen, du mußt.«

Mit der Schnelligkeit des Blitzes kehrte plötzlich Vanamees volles Bewußtsein zurück. Weit öffnete er die Augen; sofort war er wieder seiner Sinne mächtig. Ganz ruhig, ganz Herr seiner selbst, richtete er sich auf und blickte durch die Nacht nach der Blumenfarm hin.

»Was war es nur?« murmelte er verwundert.

Er ließ seine Augen in die Runde wandern, wie wenn er sich wieder mit der Wirklichkeit vertraut machen wollte. Er blickte auf seine Hände, auf die rauhe Rinde des Birnbaumes, neben dem er stand, und die verwitterten Mauern von Kirche und Garten. Seine alle Grenzen überflutende Einbildungskraft war zurückgeebbt, die ungeheure Anspannung seiner Seelenkräfte hatte nachgelassen. Wieder besaß er seine Selbstbeherrschung und volle, ungetrübte Urteilskraft.

Aber so sicher, wie seine Hände ihm gehörten, so sicher wie die Rinde des Birnbaumes rauh, die verfallenden Lehmwände der Mission bröcklig und feucht waren, – ebenso sicher hatte sich etwas ereignet. Etwas Unbestimmtes, Unfaßbares, das sich an einen besonderen, namenlosen sechsten Sinn wandte und von diesem unfehlbar wahrgenommen wurde. Seine Seele, seine Einbildungskraft, die er durch die Nacht über das kleine Tal hingesandt hatte, die ratlos hin und her irrend und suchend sich im Dunkel verlor, verharrte plötzlich an einem Punkte, – sie hatte etwas gefunden. Und mit diesem Funde war sie zu ihm zurückgekehrt und hatte den unvermuteten, geheimnisvollen Wechsel gebracht. Das, was geschehen war, ließ sich in Worten nicht schildern. Die Nacht war nicht länger stumm, das Dunkel nicht länger leer. Weit, weit in der Ferne, weiter als Augen zu sehen vermochten, unbestimmbar und rätselhaft, hatte sich in der unbewegten Finsternis etwas gebildet, ineinander fließenden, sich leicht kräuselnden Ringen vergleichbar, die ein in stilles Wasser fallender Stein hervorruft. Einen kurzen Augenblick nur zu den Sternen aufleuchtend, war die Erscheinung ebenso schnell entschwunden. Wieder war die Nacht dunkel und unbewegt. Kein Laut war zu hören, und nichts rührte sich.

Einen Augenblick stand Vanamee wie gebannt, atemlos vor Erstaunen und mit weitaufgerissenen starren Augen. Dann aber schlich er Schritt um Schritt so vorsichtig und leise wie der auf Beute lauernde Leopard zurück in den dunkeln Schatten. Etwas wie Furcht durchschauerte ihn. Und dann folgte unmittelbar nach dem ersten überwältigenden Eindruck der Zweifel an der Zuverlässigkeit seiner Sinne. Die Erscheinung war so flüchtig, so schnell zerfließend und unfaßbar gewesen, daß er schon glaubte, sich getäuscht zu haben. Aber er besann sich. Nein, er hatte sich nicht getäuscht! Sicher, – etwas hatte sich ereignet. Und von diesem Augenblicke an bemächtigte sich seiner die peinvollste Ungewißheit. Langsam schlich er auf den Fußspitzen und mit angehaltenem Atem auf das leiseste Geräusch achtend zurück in den Garten. An dem Springbrunnen machte er Halt, um seine Hände in das kühle Wasser zu tauchen und Stirn und Augen zu befeuchten. Wieder lauschte er. Nichts unterbrach die tiefe Stille.

Verstört und voller Unruhe verließ Vanamee den Garten und stieg den Hügel hinab. Er überschritt den Broderson-Bach an der Furt, dort, wo ihn die Straße nach Guadalajara kreuzte. Mit gesenktem Haupt und die Hände hinter dem Rücken verschränkt wanderte Vanamee grübelnd und sinnend über die Felder von Quien Sabe.

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