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Der Octopus

Frank Norris: Der Octopus - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFrank Norris
titleDer Octopus
seriesDas Epos des Weizens
volumeErster Teil
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1907
translatorEugen von Tempsky
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140509
projectid27042c94
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9

Auf Abteilung drei der Los Muertos-Ranch war der Weizen bereits gemäht. An einem Morgen der ersten Augustwoche fuhr S. Behrman in seinem Buggy über die weite, sich nach Südwesten ausbreitende Stoppelfläche. Seine Augen suchten den Horizont ab nach der leichten Rauchwolke, durch die sich die arbeitende Dampfmäh- und -dreschmaschine bemerkbar machen mußte. Aber er sah nichts. Der Stoppel schien sich bis an den Rand der Welt zu erstrecken.

S. Behrman hielt nach einer Weile sein Fuhrwerk an und holte den Feldstecher unter dem Sitze hervor. Er stellte sich im Wagen auf, schraubte das Glas zurecht und hielt nach Süden und Westen hin scharfe Ausschau. Es war, als ob die unendliche Fläche der Ozean wäre und als ob er selbst, in einem offenen Boote verschlagen, die Wasserwüste nach dem Rauche eines Dampfers absuchte, dessen Rumpf noch tief unter dem Horizont steckte.

»Ich bin doch neugierig,« murmelte S. Behrman, »ob die heut morgen auf Nummer vier arbeiten.«

Endlich stieß er ein »Ah!« der Befriedigung aus. Weit nach Süden hin in dem Schimmer des sich auf die Erde niedersenkenden Himmelsgewölbes entdeckte er unmittelbar über dem Horizont ein weißes Rauchwölkchen – zweifellos war das die Maschine.

Dorthin wandte S. Behrman den Kopf seines Pferdes. Länger als eine Stunde mußte er über das holprige Feld und den knisternden Stoppel fahren, bis er endlich die Maschine erreichte. Sie war jedoch zum Stillstand gekommen. Die Sacknäher und der die Schneidevorrichtung beaufsichtigende Mann lagen im Schatten der Maschine auf dem Stoppel, während der Maschinist und der Arbeiter, der auf die den Weizen von der Spreu scheidende Windfege zu achten hatte, an einem Teile des Triebwerks herumhantierten.

»Was gibt's denn, Billy?« fragte S. Behrman, sein Pferd anhaltend.

Der Maschinist wandte sich nach ihm um.

»Der Weizen körnert hier sehr stark,« antwortete »Wir dachten, es wäre besser, das Paternosterwerk schneller gehen zu lassen, und da haben wir gehalten, um ein neues Kettenrad einzusetzen.«

S. Behrman nickte zustimmend und fragte dann:

»Wie fördert's denn?«

»Hierherum wenigstens fünfundzwanzig bis dreißig Sack per Acker; dagegen läßt sich doch nichts sagen, dächt' ich.«

»Durchaus nicht, Bill.«

Einer der Sacknäher warf die Bemerkung ein:

»Die letzte halbe Stunde haben wir's auf drei Sack die Minute gebracht.«

»Das ist gut, das ist gut.«

Es war mehr als gut; es war » bonanza«, und auf der ganzen Abteilung vier stand solch wundervoller Weizen. Niemals hatte Los Muertos mehr hergegeben, nie war eine Ernte ertragreicher gewesen. S. Behrman tat einen tiefen Atemzug der Genugtuung. Er wußte genau, wie groß sein Anteil an dem von der Bahn geschluckten Weizenland war und wieviel tausend Bushel dieser außerordentlichen Ernte ihm gehörten. Während all der jahrelangen Wirren, des Zankes und Haders, der offenen, schließlich zum blutigen Kampfe führenden Feindseligkeit hatte er, sich in Geduld fassend und fest von dem unausbleiblichen Erfolge überzeugt, gewartet. Die Sache war endlich zum Abschluß gekommen. Er hatte seinen Lohn erhalten und sah sich jetzt nach so langer Zeit stummen Harrens an dem ersehnten Ziele als Grundherr eines fürstlichen Besitzes, als Herr und Meister des Weizens.

Das Kettenrad war eingesetzt, und die Arbeiter Nahmen auf den Ruf des Maschinisten ihre Plätze ein. Der Heizer schürte das Feuer, die beiden Sacknäher setzten ihre großen, die Augen vor der Spreu schützenden Brillen auf und nahmen ihre Posten auf der Sackplattform ein; die Männer an der Windfege und dem Schneideapparat ergriffen ihre Hebel.

Die bis an den oberen Rauchfangrand erzitternde Erntemaschine spie eine dicke, kerzengerade aufsteigende Rauchsäule aus und rollte zischend und rasselnd vorwärts. Sofort setzte sich das verwickelte Triebwerk in rasche Bewegung; die wie Zähne knirschenden Messer des Schneideapparates schnitten einen Schwaden von fünfunddreißig Fuß; die Treibriemen glitten wie schnell und glatt fließendes Wasser über die Riemenscheiben; die Windfege schwirrte, der Rührapparat rasselte; Zylinder, Flügelgebläse, Treibriemen und Hebewerke, Kornbeutel und Spreusiebe raschelten, klapperten, knarrten und summten. Der Dampf zischte und fauchte; dumpf dröhnte der Erdboden, und die Tausende und aber Tausende der von den gezahnten Messern abgeschnittenen Weizenhalme fielen raschelnd und rauschend wie vom Sturme gepeitschtes trockenes Schilf nach innen und wurden von einem Riemen ohne Ende emporgehoben, um in dem Wanst des sie verzehrenden Ungeheuers zu verschwinden.

Das war es und nichts weniger. Es war das gierige Weiden eines heißhungrigen Ungetüms, das die Felder zertrampelte und ihre Frucht mit knirschenden Eisenzähnen hinunterfraß: ohne Unterlaß schlingend und niemals satt, verzehrte es, in eine Wolke heißen Dampfes, beißenden Rauches und wirbelnder, die Augen blendender Spreu gehüllt, brummend und geifernd eine ganze Ernte. Ein im Flußschlamm halb versunkenes Hippopotamus, bahnte es sich, schnaufend und schwitzend und das Schilf in sich hineinschlingend, seinen Weg durch den ihm bis an den Bauch reichenden Weizen; ein Dinosaurus, der durch das dichte, von der Sonne erhitzte Gras sich schleppend bald auf dem Bauche dahinkroch, bald schwerfällig weiterstapfte, ließ es das von seinen riesigen Kiefern Erfaßte und Zermalmte in dem ungeheuern, nie zu sättigenden Schlund verschwinden.

S. Behrman hatte seine helle Freude an der Arbeit der Maschine; er ließ sein Pferd von einem der Sackträger halten und nahm dessen Platz auf der Sackplattform ein. Die Erschütterungen und die Stöße der Maschine rüttelten ihn, daß ihm die Zähne klapperten. Seine Ohren wurden von einem tausendzüngigen Getöse bestürmt; stählerne Maschinenteile schlugen klirrend aneinander, sich dehnende Treibriemen knarrten, das Holzwerk krachte. Der feine, von den Windfegen aufgewirbelte Spreustaub setzte sich in S. Behrmans Haar fest und drang ihm in Mund, Nase, Augen und Ohren.

Dicht vor seinem Sitze auf der Plattform befand sich der Auslauf der Rinne, aus welcher der gedroschene, geworfelte und für die Mühle fertige Weizen von der Reinigungsmaschine her ununterbrochen ist die Säcke strömte. Dieser Erguß aus dem Auslauf gewährte S. Behrman eine ungeheure Befriedigung. Ohne auch nur einen Augenblick auszusetzen, quoll rauschend ein Strom von Weizen in den Sack. In einer halben Minute – mitunter schon in zwanzig Sekunden – war der Sack voll, worauf er dem zweiten Näher zugeschoben wurde, der ihn zuband und auf den Stoppel fallen ließ. Wagen, die der Maschine folgten, sammelten die Säcke auf und brachten sie zur Bahn.

S. Behrman war durch den Anblick dieses Stromes von Getreide wie gebannt. Diese ganze kreischende und dröhnende Maschinerie, dieses ganze riesige Gefüge, die Monate der Ackerbestellung, das Pflügen, die Saat, das sehnsüchtige Warten auf Regen, die Jahre der Vorbereitung, die Sorge und Angst, die Voraussicht, der ganze Betrieb der Ranch, alle die Arbeitsleistungen von Pferden und Dampf, von Männern und halbwüchsigen Burschen, alles das vereinigte sich auf diese eine Stelle, den Auslauf der Körner von der Maschine in die Säcke. Die Dichtigkeit dieses Weizenstromes zeigte den Fehlschlag oder den Erfolg an, sie entschied über Reichtum oder Armut. Hier endete die Arbeit des Landmanns. Hier an dem Rande der Auslaufrinne trennte er sich von seinem Getreide, und von hier aus ergoß sich der die Welt ernährende Weizenstrom. Die gähnenden Sacköffnungen konnten für die unzähligen, in gierigem Verlangen nach Nahrung weitaufgerissenen Mäuler des hungernden Volkes gelten, und in die Säcke selbst, Sie zuerst so mager und schlottrig und so leer wie ausgehungerte Mägen waren, ergoß sich beharrlich und ohne Unterlaß der lebenspendende Strom, der die Leeren füllte, die Verschrumpften mästete und sie glatt, schwer und rund machte.

Nach einer halben Stunde kam die Erntemaschine wieder zum Stillstand. Die Leute auf der Sackplattform hatten alle Säcke aufgebraucht. Aber bald erschien der von S. Behrman neu angestellte Vormann und meldete, daß ein mit leeren Säcken beladener Wagen gleich zur Stelle sein würde.

»Wie weit ist der Elevator in Port Costa, Herr?«

»Er ist fertig,« erwiderte S. Behrman.

Der neue Herr von Los Muertos hatte sich entschlossen, seinen Weizen in einem großen Getreideelevator im Hafen von Port Costa aufzuspeichern; die Getreideschiffe nahmen dort ihre Ladungen für Liverpool und den Osten ein. S. Behrman hatte einen Speicher in Port Costa gekauft und für seine Zwecke bedeutend vergrößert. Dorthin sollte die Ernte von Los Muertos geschafft werden. Die P. und S. W. hatte S. Behrman einen besonderen Frachtsatz bewilligt.

»Wir haben übrigens Glück,« sagte S. Behrman zu seinem Verwalter. »Fallons Einkäufer war gestern in Bonneville. Er kauft für Fallon und auch für Holt. Ich bin ihm zufällig in den Weg gelaufen, und da hab' ich 'ne Schiffsladung verkauft.«

»Eine Schiffsladung!«

»Eine Schiffsladung Los Muertos-Weizen. Er vertritt ein Komitee zur Linderung der Hungersnot – 'ne Weibergesellschaft in San Francisco – und braucht eine ganze Schiffsladung. Ich hab' ein Abkommen mit ihm getroffen. In der San Franciscoer Bai warten jetzt Schiffe mit einem Gesamtgehalt von zirka fünfzigtausend Tonnen auf Ladung und raufen sich um Frachten. Ich hab' an McKissick telegraphiert, und der hat mir heut morgen telephonisch geantwortet. Er hat ein Barkschiff für mich, die ›Swanhilda‹. Uebermorgen dockt sie und fängt dann gleich zu laden an.«

»Wär's nicht besser, wenn ich hinführe,« fragte der Verwalter, »und danach sähe?«

»Nein,« antwortete S. Behrman. »Bleiben Sie nur hier und sehen Sie zu, daß die Zimmerleute im Ranchhause fertig werden. Derrick wird inzwischen 'raus sein. Wissen Sie, das Abkommen ist 'ne eigne Sache. Ich verkaufe an keinen Zwischenhändler – nicht an Fallons Einkäufer. Er hat mich nur darauf gebracht. Ich verhandle direkt mit den Frauenzimmern und will auch die Verfrachtung in die Hand nehmen. Ich hab' dafür gesorgt, daß mein Verkaufspreis die Frachtspesen ausgleicht! 's ist ein sonderbares, verwickeltes Geschäft und nicht gerade nach meinem Geschmack, aber zu verdienen ist was dabei. Ich werde selbst nach Port Costa fahren.«

Nachdem S. Behrman sich noch weiter von dem guten Fortgang der Ernte überzeugt hatte, stieg er wieder in seinen Buggy und fuhr nach der Countystraße, der er in südlicher Richtung, nach dem Ranchhause von Los Muertos hin, folgte. Er war noch nicht weit gefahren, als er eines ihm wohlbekannten Reiters ansichtig wurde, der langsam vor ihm dahintrottete. Es war Presley. Sein Pferd durch ein Schütteln der Zügel antreibend, holte er den jungen Mann bald ein und wechselte einen Gruß mit ihm.

»Nun, was bringt Sie denn wieder hierher, Herr Presley?« fragte er. »Ich glaubte schon, wir würden Sie nicht mehr zu sehen bekommen.«

»Ich will meinen Freunden Lebewohl sagen,« antwortete kurz angebunden Presley.

»Gehen Sie fort von hier?«

»Jawohl – nach Indien.«

»Auf mein Wort! Gesundheitshalber, wie?«

»Ja.«

»Sie sehen auch angegriffen aus. Uebrigens, die Neuigkeit haben Sie wohl schon gehört?«

Presley bekam einen Schreck. In der letzten Zeit waren die Unglücksnachrichten so schnell aufeinander gefolgt, daß er bei jeder unerwarteten Mitteilung für die ihm Nahestehenden zu zittern begann.

»Was für eine Neuigkeit?« fragte er.

»Von Dyke. Er ist verurteilt worden – zu lebenslänglichem Zuchthaus.«

»Zu lebenslänglichem Zuchthaus!« Der neben S. Behrmans Buggy durch die Felder an der Countystraße reitende Presley wiederholte sich diese Worte, bis ihre ganze Bedeutung ihm zum vollen Bewußtsein kam.

Zu lebenslänglichem Zuchthaus! Keine Aussicht. Keine Hoffnung.

Tag auf Tag, Jahr auf Jahr in derselben trostlosen Einförmigkeit hinbringen zu müssen! Er sah die grauen Mauern, die eisernen Türen, die Fliesen des Gefängnishofes, auf dem nicht einmal ein Grashalm, geschweige denn ein Baum wuchs; er sah die enge, kahle, trostlose Zelle, die Kleidung, die Nahrung des Zuchthäuslers, und alles das umgeben von unübersteigbaren granitnen Schranken, welche die Welt ausschlossen, den Unglücklichen aber einschlossen mit Verworfenen, mit den Parias der menschlichen Gesellschaft, mit Dieben, Mördern, hartgesottenen Sündern, die, mit Opium vergiftet und alles Schamgefühls bar, tief unter dem Vieh standen. Dahin war es mit Dyke gekommen, mit Dyke, der so ehrenhaft, so unerschrocken, so heiter und gutmütig wie kein andrer war.

Presley erfand eine Ausrede, um S. Behrman zu verlassen und vorauszureiten. Vor Carahers Kneipe hielt er nicht an, denn seine Wut, die einst so heiß aufgelodert war, hatte längst sich abzukühlen begonnen. Leidenschaftslos sah er jetzt die Dinge in ihrem wahren Lichte. Wenn man Caraher auch manches wegen des jammervollen Todes seiner Frau zugute halten konnte, so übte er doch einen unheilvollen Einfluß auf die Ranchbewohner aus, einen Einfluß, der lediglich zum Verbrechen anreizte. Der anarchistische Kneipwirt, der selbst nichts wagen und sein Leben nicht aufs Spiel setzen wollte, hatte Dyke wie Presley zur Verübung eines Mordes angestachelt. Ein schlechter Mensch, eine Pestbeule in der Welt der Ranchbewohner, vergiftete er die Körper der Farmer mit Alkohol und ihre Seelen mit Unzufriedenheit.

Endlich erreichte Presley die Heimfarm von Los Muertos. Eine bedrückende Stille lag auf Haus und Hof; das Gras des Rasenplatzes war halb verdorrt und über einen Fuß hoch; auf der Vorfahrt begann hier und da das Unkraut emporzusprießen. Er band sein Pferd an den Ring im Stamme eines großen Eukalyptusbaumes an und ging in das Wohnhaus.

Im Speisezimmer traf er Frau Derrick. Ihre großen braunen Augen hatten nicht mehr den unruhigen, fast schreckhaften Ausdruck von ehedem; in ihnen verriet sich jetzt der Seelenzustand eines Menschen, der, von einem längst gefürchteten Unglück betroffen, seinen Schmerz in stummer Ergebung zu tragen sucht. Die Starrheit eines tief eingewurzelten Kummers, eines nicht wieder gutzumachenden Jammers, einer Verzweiflung, aus der es keinen Ausweg gab, lag in ihrem Blick, ihrem Wesen, ihrer Stimme. Sie hatte die Teilnahmlosigkeit, die Gleichgültigkeit, die eisige Ruhe einer Frau, die da weiß, daß sie gegen weiteres Leid abgestumpft ist.

»Wir gehen fort von hier,« sagte sie zu Presley, als die zwei an den beiden Schmalseiten des Eßtisches Platz genommen hatten. »Magnus und ich – alles, was von uns noch übriggeblieben ist. Geld ist nur noch sehr wenig vorhanden; Magnus hat kaum genug für sich, geschweige für mich. Ich muß jetzt für ihn sorgen. Wir gehen nach Marysville.«

»Warum dorthin?«

»Ja, sehen Sie,« erklärte ihm Frau Derrick, »zufällig ist dort an dem Seminar meine frühere Stelle wieder frei geworden. Ich kehre zurück und werde – Literatur lehren.« Sie lächelte müde. »Ich fange wieder von vorn an, nicht wahr? Nur habe ich nichts mehr von der Zukunft zu erwarten. Magnus ist ein alter Mann geworden, und ich muß für ihn sorgen.«

»Er geht also mit Ihnen,« sagte Presley. »Das muß für Sie doch eine gewisse Beruhigung sein.«

»Ich weiß nicht,« entgegnete Frau Derrick langsam. »Sie haben Magnus in der letzten Zeit nicht gesehen.«

»Ist er – wie meinen Sie das? Geht es ihm nicht besser?«

»Möchten Sie ihn sehen? Er ist in der Office. Sie können gleich hineingehen.«

Presley erhob sich. Er zögerte einen Augenblick und fragte dann:

»Frau Annixter, Hilma – ist sie noch bei Ihnen? Ich möchte sie gern noch einmal sehen, ehe ich fortgehe.«

»Gehen Sie zu Magnus,« sagte Frau Derrick. »Ich will ihr sagen, daß Sie hier sind.«

Presley schritt durch den steingepflasterten Vorraum mit dem Glasdach und trat, nachdem er dreimal angeklopft hatte, in die Office.

Magnus saß an seinem Schreibtisch und blickte nicht auf, als Presley hereinkam. Man hätte in ihm eher einen Achtziger als einen Sechziger vermutet. Er hatte die gerade, aufrechte Körperhaltung verloren, die man an ihm zu sehen gewohnt war. Es schien, als ob die Muskeln, die den Rücken gerade- und das Kinn hochhielten, schlaff geworden wären und sich gedehnt hätten. Hüften und Bauch zeigten schwerfällig machenden Fettansatz; Trägheit und Mangel an Bewegung hatten Magnus beleibt gemacht. Die Augen waren wässerig und unstet, Kinn und Wangen unrasiert, und das graue Haar neigte nicht mehr dazu, sich an den Schläfen nach vorn zu locken, sondern hing, dünn geworden und verwirrt, über die halbe Ohrmuschel herab. Die Adlernase schien dem spitzen Kinn zuzustreben; der Mund mit den schlaffen Lippen war halb geöffnet.

Der Governor, der früher in seinem zugeknöpften zweireihigen Gehrock ein Muster von Nettigkeit gewesen war, saß jetzt in Hemdärmeln da; seine offene Weste ließ ein schmutziges Hemd sehen. Die mit Tinte befleckten Hände, die im Gegensatz zu seinem übrigen Körper ihre Beweglichkeit nicht verloren hatten, beschäftigten sich mit einem Stoße von Papieren – länglichen Aktenstücken, die den ganzen Tisch bedeckten. Ohne einen Augenblick zu ruhen, fuhren die Hände des Governors flink und geschickt zwischen den Papieren hin und her.

Magnus sortierte Papiere. Er nahm ein Schriftstück von dem Stoß links von sich, öffnete und überflog es, faltete es sorgsam wieder zusammen und legte es auf einen zweiten Stoß zu seiner Rechten. Waren alle Papiere auf einen Haufen geschichtet, so legte er, von neuem in umgekehrter Folge beginnend, die Schriftstücke von rechts nach links und dann wieder von links nach rechts. Dabei kam kein Wort über seine Lippen; er saß vollständig regungslos da, selbst seine Augen bewegten sich nicht; nur in den flink hin und her greifenden Händen schien Leben zu sein.

»Nun, wie geht's Ihnen denn, Governor?« fragte Presley, auf ihn zukommend.

Magnus wandte sich langsam um und sah ihn und die Hand an, die er in der seinen hielt.

»Ah,« sagte er endlich, »Presley ... jawohl.«

Dann senkten sich seine Augen und irrten ziellos über den Fußboden hin.

»Ich bin gekommen, um Lebewohl zu sagen, Governor,« begann Presley von neuem. »Ich gehe fort.«

»Sie gehen fort ... ja, wahrhaftig, 's ist Presley. Guten Tag, Presley.«

»Guten Tag, Governor. Ich gehe fort von hier. Ich bin gekommen, um Lebewohl zu sagen.«

»Lebewohl?« Magnus runzelte die Brauen. »Wozu sagen Sie denn Lebewohl?«

»Ich gehe fort von hier, Herr Derrick.«

Der Governor erwiderte nichts. Er starrte auf die Kante seines Schreibtisches und schien in Gedanken versunken. Es trat eine lange Pause ein, bis Presley endlich sprach:

»Wie geht's denn, Governor?«

Magnus blickte langsam auf.

»Wahrhaftig, 's ist Presley,« sagte er. »Wie geht's denn, Presley?«

»Geht's Ihnen gut, Herr Derrick?«

»Jawohl,« antwortete Magnus nach einer Weile, »jawohl, ganz gut. Ich bin gekommen, um Lebewohl zu sagen. Nein –« er stockte, sich mit einem Lächeln entschuldigend, »nein – Sie haben das doch eben gesagt, nicht wahr?«

»Nun, Sie gehen ja auch fort von hier. Ihre Frau teilte mir das eben mit.«

»Ja, ich gehe fort. Ich kann nicht auf ...« lange suchte er nach dem Worte, »ich bleibe nicht auf – auf – wie heißt es doch gleich?«

»Los Muertos,« warf Presley dazwischen.

»Nein, das ist's nicht. Aber ja, es ist's doch, es stimmt, Los Muertos. Ich weiß nicht, was in der letzten Zeit aus meinem Gedächtnis geworden ist.«

»Nun, ich hoffe, es wird Ihnen bald besser sein, Governor.«

Während Presley noch sprach, trat S. Behrman ins Zimmer. Der Governor sprang mit überraschender Behendigkeit auf; den Rücken der Wand zukehrend, atmete er tief und schwer und beobachtete voller Spannung den Vertrauensmann der Bahn. Nachdem er die beiden Männer freundlich begrüßt hatte, nahm S. Behrman in der Nähe des Schreibtisches Platz und ließ die Glieder seiner schweren Uhrkette durch die fetten Finger gleiten.

»Es war niemand draußen, als ich klopfte, aber ich hörte Sie hier sprechen, Governor, und da bin ich eingetreten. Ich wollte Sie fragen, Governor, ob meine Zimmerleute übermorgen hier anfangen können. Ich will die Holzwand dort 'rausnehmen und aus den beiden Zimmern eins machen. Das wird also nicht stören, denk' ich. Bis dahin werden Sie ja hier 'raus sein, nicht wahr?«

In dem Wesen und der Sprache des Governors war nichts Unklares mehr. Magnus zeigte dieselbe Achtsamkeit wie ein gezähmter Löwe in der Gegenwart seines Bändigers.

»Ja, ja,« sagte er rasch. »Sie können Ihre Leute herschicken. Ich werde morgen schon fort sein.«

»Es soll nicht den Anschein haben, als ob ich Sie drängte, Governor.«

»Nein, nein, Sie drängen mich nicht. Ich bin bereit, schon jetzt zu gehen.«

»Kann ich irgend etwas für Sie tun, Governor?«

»Nichts.«

»Doch, doch, Governor,« widersprach ihm S. Behrman. »Es ist jetzt alles vorüber, und da mein' ich, wir sollten gute Freunde sein. Ich glaube, daß ich doch was für Sie tun kann. Wir brauchen noch einen Hilfsbeamten in unsrer hiesigen Frachtabfertigungsstelle. Was meinen Sie, wollen Sie den Versuch machen? Wir zahlen fünfzig Dollar den Monat. Ich dächte, daß Sie jetzt Geld brauchen könnten, und es muß doch für die Frau gesorgt werden. Nun, was sagen Sie dazu? Wollen Sie's versuchen?«

Presley konnte den Mann nur voll stummen Staunens anstarren. Wo wollte er hinaus? Was lag diesem Beginnen zugrunde, und warum ging er so offen und in Presleys Gegenwart vor? Wollte S. Behrman spaßen und zugleich sich seines Triumphes freuen? Wollte er die Vollständigkeit seines Sieges einer Probe unterwerfen, indem er versuchte, wie weit er gehen und bis zu welchem Grade er den überwundenen Feind unter die Füße treten konnte?

»Was sagen Sie dazu?« wiederholte er. »Wollen Sie's versuchen?«

»Sie – Sie bestehen darauf?« fragte der Governor.

»O, ich bestehe auf gar nichts!« rief S. Behrman. »Ich biete Ihnen eine Stellung an, das ist alles. Wollen Sie sie annehmen?«

»Ja, ja, ich nehme sie an.«

»Wollen Sie zu unsrer Partei übergehen?«

»Ja, ich will zu Ihnen übergehen.«

»Sie müssen ein ›Bahnmann‹ werden, verstehen Sie?«

»Ich will ein Bahnmann werden.«

»Es kann vorkommen, daß Sie Anordnungen von mir entgegenzunehmen haben.«

»Ich werde Anordnungen von Ihnen entgegennehmen.«

»Sie müssen ein treuer Diener der Bahn sein. Sie dürfen keine Geschichten machen.«

»Ich werde ein treuer Diener der Bahn sein.«

»Sie möchten also die Stelle haben?«

»Ja.«

S. Behrman wandte sich von Magnus ab, der sich sofort wieder setzte und von neuem seine Papiere zu sortieren begann.

»Also, Presley,« sagte der Vertrauensmann der Bahn, »ich glaube, ich werde Sie nicht wiedersehen.«

»Hoffentlich nicht.«

»Na, na, Presley, Sie wissen doch, daß Sie mich nicht ärgern können.«

Er setzte den lackierten Strohhut auf und wischte sich mit dem Taschentuch seine fettige Stirn. Er war in der letzten Zeit feister wie je geworden, und seine braunleinene Weste mit den zahllosen ineinandergreifenden Hufeisen und den Knöpfen von falschem Perlmutter umspannte straff den dicken, weit vorstehenden Bauch.

Presley sah sich den Mann einen Augenblick an, ehe er antwortete. Noch vor einigen Wochen hätte er dem Erzfeinde der Farmer nicht so gegenüberstehen können, ohne daß ein Ausbruch wilder Wut mit Sturmesgewalt seine Knochen geschüttelt hätte. Jetzt aber fand er zu seinem Staunen, daß der frühere Grimm in tiefe Verachtung übergegangen war, der sich wohl Verbitterung, aber kein wilder Zorn beimengte.

Er war müde, todmüde von all dem Traurigen, das er erlebt hatte.

»Ja,« antwortete er gemessen, »ich gehe fort von hier. Sie haben dieses Haus zugrunde gerichtet. Ich könnte nirgends bleiben, wo Sie mir vor die Augen kommen könnten und ich das Elend sehen müßte, das Sie angerichtet haben, sobald ich nur vor die Tür trete.«

»Dummes Zeug, Presley,« entgegnete S. Behrman, dem es nicht einfiel, sich zu ärgern, »'s ist Unsinn, so zu reden; aber ich kann mir schon denken, wie Ihnen zumute ist. Und ich glaube, Sie waren auch derjenige, der die Bombe in mein Haus geworfen hat, wie?«

»Ja, ich war's.«

»Na, von gesundem Menschenverstande zeugt das nicht, Presley,« entgegnete S. Behrman mit der größten Seelenruhe. »Was konnten Sie dadurch gewinnen; wenn Sie mich umbrachten?«

»Wahrscheinlich nicht soviel, wie Sie dadurch gewonnen haben, daß Sie Harran und Annixter umbrachten. Aber das ist jetzt alles vorüber. Vor mir sind Sie sicher.« Die Wunderlichkeit dieses Gesprächs und die Seltsamkeit seiner Lage kam Presley plötzlich zum Bewußtsein, und er mußte laut lachen. »Es scheint, daß Sie von niemand und auf keine Weise zur Rechenschaft gezogen werden können, S. Behrman. Ist's etwa nicht so? Bei den Gerichten ist nichts gegen Sie zu machen – das Gesetz kann nicht an Sie 'ran, Dykes Revolver mußte gerade bei Ihnen versagen, und Sie sind sogar Carahers sechs Zoll gut plombierten Gasrohrs entgangen. Was sollen wir denn mit Ihnen anfangen?«

»Geben Sie's lieber auf, Pres, mein Junge. Ich glaube, mir kann nichts was anhaben. – Also, Magnus,« sagte er, den Governor von neuem anredend, »also, ich will mir's überlegen, was Sie gesagt haben, und werde Sie in ein paar Tagen wissen lassen, ob ich Ihnen die Stelle verschaffen kann. Sehen Sie,« fügte er hinzu, »Sie werden alt, Magnus Derrick.«

Presley stürzte aus dem Zimmer; er vermochte nicht länger Zeuge von dem tiefen Falle des Governors zu sein. Welche andre Szenen der Erniedrigung sich noch in diesem Raume abspielten, wie weit S. Behrman die Demütigung trieb, wußte er nicht. Er hatte plötzlich das Gefühl, daß die Luft der Office ihn erstickte.

Er eilte hinauf in sein früheres Zimmer. Auf dem Wege dahin entging es ihm nicht, daß der Haushalt in der Auflösung begriffen war. Ueberall wurde gepackt; halbvolle Koffer standen in den Hausfluren, Kisten und Körbe mit Packstroh beengten die in Unordnung geratenen Zimmer, Dienstboten, die Bücher, allerlei Zierat und Kleidungsstücke herbeischleppten, kamen und gingen.

Presley nahm in seinem Zimmer nur einige Manuskripte und Notizbücher sowie eine Reisetasche an sich, die seinem persönlichen Gebrauche dienende Gegenstände enthielt; in der Türöffnung blieb er stehen und blickte, den Türknopf in der Hand, noch lange in das Zimmer zurück.

Er stieg in das Erdgeschoß hinab und begab sich wieder in das Speisezimmer. Frau Derrick war verschwunden. Lange blieb Presley vor dem Kamin stehen und gedachte, sich im Zimmer umblickend, der Vorgänge, die sich hier vor seinen Augen abgespielt hatten. Er mußte an die Sitzung denken, in der Osterman die erste Anregung zum Kampfe für die Wahl des Eisenbahnkommissars gegeben hatte, und an jene andre, in der Lyman als Verräter gebrandmarkt und von Annixter gezüchtigt worden war. Während er noch diesen traurigen Erinnerungen nachsann, öffnete sich eine Tür zu seiner Rechten, und Hilma trat ein.

Presley, der mit zum Gruß ausgestreckter Hand einen Schritt nach ihr hin tat, traute seinen Augen nicht. Es war eine ernste Frau, die gefaßt und würdevoll auf ihn zukam. Hilma war schwarz gekleidet; Schnitt und Machart ihres Gewandes zeigte eine fast klösterliche Einfachheit. Das mit unbewußter weiblicher Eitelkeit zur Schau getragene Nette und Zierliche, das, im Gegensatz zu Hilmas einfachem Wesen stehend, früher an ihrer Kleidung bemerkbar gewesen war, fehlte jetzt ganz. Unverändert war das bildsäulenartige, ruhige Ebenmaß ihrer Züge und Formen; aber diese Ruhe kündete jetzt ein großes, mit unendlicher Ergebung getragenes Herzeleid. Sie war schön geblieben, aber älter geworden. Der tiefe Ernst des schwergeprüften Dulders, der die Welt und ihr Elend kennen gelernt hat, schien über sie gekommen zu sein. Noch nicht einundzwanzig, zeigte sie das Wesen einer Frau von vierzig.

Die frühere Pracht ihrer Gestalt, die Fülle von Hüfte und Schulter, die in wundervoller Rundung sich vom Gürtel nach dem Halse wölbende Linie war verschwunden. Sie war schlanker geworden und erschien daher ungewöhnlich, beinahe unnatürlich groß. Ihr Hals war magerer als einst, und der Zug um Lippen und Kinn etwas eckig. Ihre wundervoll geformten Arme hatten ein wenig an Umfang abgenommen. Aber die großen, weitgeöffneten Augen waren unverändert und wie ehedem von der feinen Linie der auffallend schwarzen Wimpern eingerahmt. Das braune duftende Haar, dicht und schwer wie immer, glänzte und funkelte zuzeiten im Sonnenlicht. Die tiefe Stimme hatte dieselbe samtene Weichheit, die Annixter so zu lieben gelernt hatte.

»Ah, Sie sind's,« sagte sie, ihm die Hand reichend. »Es ist so lieb von Ihnen, daß Sie mich noch sehen wollen. Ich höre, Sie gehen fort von hier.«

Sie ließ sich auf das Sopha nieder.

»Ja,« erwiderte Presley, einen Stuhl heranrückend, »ja, ich fühle, daß ich nicht länger hierbleiben kann. Ich mache eine lange Ozeanreise. Mein Schiff segelt in einigen Tagen. Aber Sie, Frau Annixter, was gedenken Sie zu tun? Kann ich Ihnen irgendwie dienen?«

»Nein,« antwortete sie, »mit nichts. Papa hat sein gutes Auskommen. Wir leben jetzt hier.«

»Sind Sie wohlauf?«

Mit einer Gebärde der Hilflosigkeit hob sie leicht ihre Hände und entgegnete, tieftraurig lächelnd:

»Wie Sie sehen.«

Presleys Blicke ruhten auf ihr, während sie sprach. Hilmas würdevolle Gefaßtheit – ein neuer Grundzug ihres Wesens – machte im Verein mit der schlanken, durch die Falten ihres schwarzen Gewandes zu noch größerer Geltung gebrachten Gestalt einen hoheitsvollen Eindruck. Man hätte sie für eine verbannte Königin halten können. Aber sie hatte nichts von ihrer Weiblichkeit verloren; diese Eigenschaft war vielmehr noch gesteigert worden. Das Unglück hatte sie weicher gemacht und ihr Wesen veredelt. Das konnte Presley sehen. Hilma war jetzt zu ihrer vollen Reife gelangt; sie hatte unendliche Liebe und unendlichen Kummer kennen gelernt, und das durch die Liebe zu Annixter in ihr erwachte Weib war durch seinen Tod stärker und unendlich edler geworden.

Wie, wenn alles anders gewesen wäre? Bei dieser Frage überraschte sich Presley, während er mit ihr sprach. Ihr holder Liebreiz, ihre Sanftmut und Milde wirkte fast wie etwas Fühl- und Greifbares. Es war, wie wenn eine Liebkosung seine Wange streifte oder eine zarte Hand die seine umschloß. Bei ihr – das wußte er – war Mitgefühl zu finden, und ihre Seele – nicht minder war er sich dessen bewußt – barg einen unermeßlichen Reichtum an Liebe.

Und jetzt fühlte er mit einem Male, wie sein müdes Herz sich ihr erschloß. Ein Sehnen, das Beste, was in ihm war, ihr zu weihen, ihrethalben stark und gut zu werden, sein zweckloses, halb verfehltes Leben durch die Begeisterung für ihren Edelsinn, ihre Güte und Herzensreinheit neu zu beginnen, quoll übermächtig in ihm auf und erstarkte zu einem Vorsatz, wie er ihn so ernst noch nie gefaßt hatte.

Während eines Augenblickes sagte er sich, daß die Plötzlichkeit dieser Gemütsbewegung den Beweis der Selbsttäuschung in sich trüge. Er war sich vollkommen darüber klar, daß seine Antriebe unvermittelt und von kurzer Dauer waren. Aber er wußte, daß diesmal kein plötzliches Gefühl ihn überrascht hatte. Ohne es sich zu vergegenwärtigen, war er von Anfang an zu Hilma hingezogen worden, und während all der schrecklichen Tage seit dem Gemetzel am Bewässerungsgraben hatte ihr Bild sich ihm fortwährend aufgedrängt. Und als er sie heute schöner als je, ruhig, stark und gefaßt wiedersah, da erreichte das, was er für sie fühlte, seinen Höhepunkt.

»Sind Sie so unglücklich, Hilma,« fragte er, »daß Sie vom Leben kein Glück mehr erwarten können?«

»Ich müßte vergessen – ich müßte meinen Mann vergessen –, wie könnte ich sonst glücklich sein? Ich will lieber unglücklich sein in der Erinnerung an ihn, als glücklich und ihn vergessen. Er war buchstäblich und wahrhaftig meine ganze Welt. Ehe ich ihn kannte, hatte nichts für mich Wert, und jetzt, da ich ihn nicht mehr habe, hat alles seinen Wert für mich verloren.«

»Sie glauben jetzt,« erwiderte er, »sich gegen den Toten zu verfehlen, wenn Sie wieder glücklich würden? Aber mit der Zeit – vielleicht nach Jahren erst – werden Sie erkennen, daß das nicht so zu sein braucht. Der Teil von Ihnen, der Ihrem Gatten gehört, kann sein Andenken immer heilig halten. Aber Sie sind jung; ein langes Leben liegt noch vor Ihnen. Eine drückende Bürde braucht Ihr Leid Ihnen nicht zu sein. Wenn Sie es so ansähen, wie Sie sollten und wie Sie es eines Tages ansehen werden, glauben Sie mir – so wird dieses Leid Ihnen eine große Hilfe sein. Es wird Sie veredeln, es wird Sie zu einer noch hochherzigeren, noch echteren Frau machen.«

»Ich glaube Sie zu verstehen,« entgegnete Hilma. »In dieser Weise habe ich noch nie darüber nachgedacht.«

»Ich will Ihnen helfen,« begann er von neuem, »wie Sie mir geholfen haben. Ich will Ihr Freund sein, und vor allem andern möchte ich Ihr Leben nicht unnütz dahingebracht sehen. Ich gehe fort, und es ist sehr möglich, daß ich Sie nicht wiedersehe, aber Sie werden mir immer ein Halt und eine Stütze sein.«

»Ich verstehe Sie nicht ganz,« entgegnete sie, »aber ich fühle, daß Sie sehr, sehr gut zu mir sind. Und ich hoffe, daß Sie es weiter sein werden, wenn Sie je zurückkommen sollten. Ich weiß nicht, weshalb Sie es so gut mit mir meinen, es müßte denn sein – ja, natürlich –, Sie waren der beste Freund meines Mannes.«

Sie redeten noch eine Weile miteinander, bis Presley endlich sich erhob.

»Ich bringe es nicht über mich,« sagte er, »Frau Derrick noch einmal zu sehen. Sie würde dadurch nur noch trauriger gestimmt werden. Bitte, sagen Sie ihr das. Ich glaube, sie wird es verstehen.«

»Ja,« antwortete sie, »das will ich tun.«

Beide schwiegen; sie schienen einander nichts mehr zu sagen zu haben. Presley hielt ihr seine Hand hin.

»Leben Sie wohl,« sagte sie, ihm die ihre reichend.

»Leben Sie wohl, Hilma. Gott segne Sie.«

Er wandte sich rasch um und verließ das Zimmer.

Aber als er in aller Stille das Haus verlassen wollte, um ungesehen zu seinem Pferde zu kommen, begegneten ihm unvermutet Frau Dyke und Sidney auf der Veranda. Er hatte vergessen, daß die Mutter und das Kind des Lokomotivführers seit jenem Schreckenstage, an dem Annixter getötet und Hilma aus ihrem Heim vertrieben war, ein Obdach in Los Muertos gefunden hatten.

»Und Sie, Frau Dyke,« fragte er, ihr die Hand reichend, »wohin wenden Sie sich, da hier doch alles zusammenbricht?«

»Nach der Stadt,« antwortete sie, »nach San Francisco. Ich habe dort eine Schwester; sie wird sich des Kleinchens annehmen.«

»Aber was gedenken Sie selbst zu tun, Frau Dyke?«

Mit eintöniger, ausdrucksloser Stimme antwortete sie ihm:

»Ich werde sehr bald sterben, Herr Presley. Wozu sollte ich auch länger leben? Mein Sohn ist auf Lebenszeit im Gefängnis, für mich ist alles vorüber, und ich bin müde, todmüde.«

»Das ist Unsinn, Frau Dyke,« widersprach ihr Presley, »Sie müssen nicht so reden. Sie werden es noch erleben, daß Ihr Kleinchen eine glückliche Frau ist.«

Er versuchte einen heiteren Ton anzuschlagen, fühlte aber dabei, daß seinen Worten das Ueberzeugende fehlte. Der Tod hatte bereits seinen Schatten auf das Antlitz von Dykes Mutter geworfen. Presley fühlte, daß sie recht hatte, und während er, einen Arm um Sidneys Schulter geschlungen, vor der alten Frau stand, wurde er sich der Tatsache bewußt, daß er den Beginn des Unterganges noch einer Familie vor Augen hatte; ebenso wie die kleine Hilda Hooven würde auch dieses Kind ohne eigne Schuld unter den mißlichsten Umständen und gleich zu Anfang von einer schweren Last niedergedrückt ins Leben treten. Wie würden sich wohl die Schicksale dieser Kleinen gestalten, von denen die eine die Schwester einer Verlorenen, die andre das Kind eines Zuchthäuslers war? Und er mußte an ein andres junges Mädchen denken, die zierliche Honora Gerard, die, geliebt und verhätschelt und von jedermann umschmeichelt, nur unter den Freuden zu wählen hatte, die ihr die Welt im reichsten Maße bot.

»Leben Sie wohl,« sagte er, seine Hand hinhaltend.

»Leben Sie wohl.«

»Leb wohl, Sidney.«

Er küßte die Kleine, hielt Frau Dykes Hand einen Augenblick in der seinen und eilte, nachdem er den langen Tragriemen seiner Reisetasche um die Schultern geschlungen hatte, zu seinem Pferde. Er stieg in den Sattel und ritt aus Los Muertos hinaus, um nie wieder zurückzukehren.

Nachdem Presley die Countystraße erreicht hatte und auf ihr eine Strecke Weges dahingeritten war, sah er nicht weit links von sich das Farmgehöft liegen, auf dem Broderson einst gehaust hatte. Die Wirtschaftsgebäude wurden umgebaut und vergrößert, um den gesteigerten Anforderungen des neuen Betriebs zu genügen. Ein Presley unbekannter Mann, zweifellos der neue Besitzer, trat aus dem der Straße zunächst gelegenen Zauntor. Presley eilte, zur Seite blickend, vorüber und hatte, der Countystraße in nördlicher Richtung folgend, bald auch den riesigen Wasserbehälter und die dichtgepflanzte, als Windschutz dienende Pappelreihe hinter sich.

Als er zu dem Caraherschen Wirtshause kam, fand er dort alles unverändert. Die Kneipe hatte, dem neuen wie dem alten Regiment gleich unentbehrlich, den Sturm ohne Schaden ausgehalten. Ebendieselben staubigen Buggys und Buckboards waren unter dem Schuppendach angebunden, und Presley konnte im Vorbeireiten Caraher ganz wie ehedem mit lauter Stimme sein den Umsturz und die Vernichtung predigendes Glaubensbekenntnis verkündigen hören.

Bonneville wurde von Presley, der keine Beziehungen zu der Stadt hatte, gemieden. Von der Countystraße abbiegend, ritt er über den Nordwestlichen Zipfel von Los Muertos und die Bahngleise, schlug dann auf dem oberen Wege eine seiner früheren entgegengesetzte Richtung ein und kam schließlich zu der langen Trestlebrücke und dann zu dem ehemaligen Heim Annixters.

Eine bedrückende, durch keinen Laut unterbrochene Stille lag über Haus und Hof; nichts rührte sich. Die verrostete Windmühle auf dem turmartigen Eisengerüst des artesischen Brunnens stand still; leer war der große Barn; die Fenster des Wohnhauses, des Küchengebäudes und der Molkerei waren mit Brettern vernagelt. An einem Baum neben dem zerbrochenen Zauntor war eine weißgestrichene Holztafel befestigt; ihre mit schablonierten Buchstaben hergestellte Inschrift lautete: »Warnung. Unbefugten ist das Betreten dieses Gehöfts aufs strengste verboten. Zuwiderhandelnde verfallen der höchsten gesetzlich zulässigen Strafe. P. und S. W. R. R.«

Am späten Nachmittage erreichte Presley, wie er geplant hatte, die Hügel an der Quelle des Broderson-Baches. Mühsam erklomm er die höchste Erhebung und blickte dann lange und zum letzten Male über die zu seinen Füßen wie eine Riesenkarte sich aufrollende Talebene. Unabsehbar und in ungemessene Weiten dehnte sich, von der Hitze gegeißelt und unter dem roten Glutauge der Sonne schimmernd und zitternd, das fruchtbare Ackerland des San Joaquin-Tales. Es war die Zeit nach der Ernte, und die Allmutter Erde, nach den Wehen der Geburt von der Frucht ihres Leibes entbunden, schlief jetzt den Schlaf der Erschöpfung; in tiefer Ruhe lag der Koloß, die Amme der Völker, die ewige, kraftvolle und gütige Ernährerin der Welt.

Und während Presley in die Weite blickte, da überkam ihn mit zwingender Kraft die Erkenntnis des Sinnes und der Bedeutung jenes großen Rätsels des Wachsens und Werdens. Einen Augenblick lang war es ihm, als ob das Geheimnis des Daseins sich ihm offenbarte. Die Menschen waren wenig mehr als nichts, Lebewesen kleinster Art, Eintagsfliegen, die zwischen Morgen- und Abenddämmerung ihre Schwingen regten, starben und vergessen wurden. Vanamee hatte gesagt, es gäbe keinen Tod. Für Presley war jetzt der Augenblick gekommen, in dem er noch einen Schritt weiter gehen konnte. Die Menschen, der Tod, das Leben waren nichts; nur die Kraft war da – die Kraft, die Menschen schuf und sie wieder dahinraffte, um Platz für kommende Geschlechter zu schaffen, die Kraft, die den Weizen wachsen ließ und ihn von den Feldern aufsammelte, damit eine neue Ernte heranwachsen konnte.

Es war das Geheimnis des Werdens, das erstaunliche Wunder des Vergehens und Wiederwerdens im regelmäßigen Wechsel der Jahreszeiten. Sonne und Sterne gaben das Zeitmaß für die ewige Symphonie der Wiedergeburt, deren gewaltiger Tonfall hin und her schwang wie das Pendel eines riesigen Uhrwerks. Der Hand Gottes des Herrn selbst entströmte ewig und unveränderlich die alles durchdringende Urkraft.

Während Presley noch über das weite Tal hin schaute, gewahrte er in der Ferne die Gestalt eines Mannes, der geradeswegs auf die Mission San Juan zuschritt. Trotzdem der Mann nicht viel mehr als ein großer Punkt war, so lag doch in seinem Gange etwas Unverkennbares für Presley, dem es außerdem schien, als ob der ferne Wanderer keinen Hut trüge. Presley gab seinem Pony die Sporen. Der Mann war zweifellos Vanamee, und Presley, der jetzt die vom Vieh zum Broderson-Bach getretenen Pfade hinabjagte, holte auch bald seinen Freund ein. Auf den ersten Blick fiel es ihm auf, daß Vanamee sich außerordentlich verändert hatte. Seine Züge waren zwar noch die eines Büßers, und aus seinem Antlitz strahlte noch das gesteigerte Erkenntnisvermögen eines jungen Sehers, eines gottbegnadeten Hirtenpropheten der hebräischen Legenden. Aber der Schatten des großen Kummers, der sich so lange über ihn gebreitet hatte, war verschwunden; der Gram, der, wie Vanamee wähnte, nie in ihm absterben würde, war gestorben oder vielmehr aufgegangen in eine siegesfrohe Freude, die wie der Sonnenschein des jungen Tages aus seinen tiefliegenden Augen und von den gebräunten hohlen Wangen strahlte. Die Freunde redeten fast bis zum Sonnenuntergang miteinander; auf die Frage Presleys nach seinem Glück blieb Vanamee jedoch die Antwort schuldig. Nur einmal ließ er sich herbei, den Gegenstand zu streifen. »Tod und Gram sind Kleinigkeiten,« sagte er. »Sie sind vergänglich. Das Leben muß dem Tode und die Freude dem Schmerze vorhergehen. Sonst könnte es etwas wie Tod oder Schmerz nicht geben. Beide sind nur Negationen. Das Leben ist positiv. Der Tod ist nur die Abwesenheit des Lebens, ebenso wie die Nacht nichts weiter als die Abwesenheit des Tages ist, und wenn sich das so verhält, so kann etwas wie der Tod nicht vorhanden sein. Nur das Leben und die Ausschaltung des Lebens, die wir törichterweise Tod nennen, existieren. ›Ausschaltung‹ sage ich, nicht ›Erlöschen‹. Ich sage nicht, daß das Leben wiederkehrt. Das Leben verläßt uns eben nie; es ist einfach da. Zu gewissen Zeiten verbirgt es sich im Dunkeln – aber ist das Tod, ist das Erlöschen oder Vernichtung? Ich weiß, gottlob, daß dem nicht so ist. Stirbt das Weizenkorn, das zuzeiten im Dunkeln sich verbirgt? Das Korn, das wir für tot halten, erwacht zu neuem Leben – aber wie? Nicht als ein Korn nur, sondern als zwanzig. Der Tod ist nur etwas Wirkliches für all den Kehricht der Welt, für all den Schmerz, für all die Ungerechtigkeit, für all die Sorge. Das Gute, Presley, stirbt niemals. Das Böse stirbt. Grausamkeit, Unterdrückung, Selbstsucht, Habgier – die sterben. Aber Edelmut, Liebe, Opferwilligkeit, Großmut, Wahrheit – mögen sie auch nur in kleinem Maße vorhanden und schwer zu finden sein – sie leben, gottlob, immer, sie sind ewig. Dein Mut ist gebrochen, deine Seele ist schwer bedrückt von alledem, was du in diesem Tale gesehen hast, von diesem hoffnungslosen Kampf, von dieser dem Anschein nach hoffnungslosen Verzweiflung. Nun, das Ende ist noch nicht gekommen. Was bleibt nun übrig, nachdem alles vorbei ist, nachdem die Toten begraben und die Herzen gebrochen sind? Ueberblicke das von der erhabenen Höhe der Menschenliebe –: das größtmögliche Gute für die größtmögliche Anzahl! Was bleibt? Menschen gehen unter, Menschen werden verdorben und Herzen gebrochen – aber was bleibt unberührt, unangreifbar, unbefleckt? Suche das zu finden nicht nur in dieser, sondern in jeder Krise im Leben der Welt, und wenn dein Gesichtskreis weit genug ist, so wirst du sehen, daß niemals das Böse, sondern immer das Gute schließlich bestehen bleibt.«

Lange schwiegen beide. Der von neuen Gedanken erfüllte Presley war in tiefes Sinnen versunken; endlich sprach Vanamee:

»Ich hielt Angèle für tot. Ich weinte auf ihrem Grabe und trauerte um die in Befleckung Gestorbene» Sie ist herrlicher als je zu mir zurückgekehrt. Frage mich nicht. Dieses Wunder, dieses Idyll in Worte zu kleiden, wäre mir eine Entheiligung. Das muß dir genügen. Angèle ist zu mir zurückgekehrt, und ich bin glücklich. Adios

Rasch erhob er sich. Die Freunde drückten sich die Hände.

»Wir werden uns wahrscheinlich nie wiedersehen,« sagte Vanamee. »Und wenn dies die letzten Worte sind, die ich zu dir spreche, so höre auf sie und bewahre sie im Gedächtnis, denn ich weiß, daß ich die Wahrheit spreche. Das Böse ist kurzlebig. Beurteile nicht den ganzen Kreis des Daseins nur nach dem Ausschnitt, den du sehen kannst. Das Ganze ist schließlich vollkommen.«

Und schon war er gegangen. Einsam und nachdenklich schritt Presley, sein Pferd am Zügel führend, durch die hier noch ungemähten Felder; auf immer kehrte er den in der Fülle reifen Weizens prangenden Fluren den Rücken.

Nicht so Vanamee. Stundenlang durchstreifte er die Gegend; bald führte ihn sein Weg an dem verlassenen Gehöft vorbei, das einst Annixters Heim gewesen war, bald schritt er durch den rauschenden, noch ungemähten Weizen von Quien Sabe, bald erklomm er die Hänge der Hügel weit im Norden, um dann wieder dem gewundenen Laufe der zu Tal fließenden Bäche zu folgen. So verging ihm die Nacht.

Strahlend brach der wolkenlose Tag an. Die Nacht war vergangen. Rosig breitete sich die Morgenröte über den östlichen Horizont. Die Freudenbringerin Sonne sandte ihre kristallhellen Strahlen über die Schulter der Erde und flammte in blendendem Glänze bis zum Zenith empor; wie das Auge Gottes des Vaters blickte das Tagesgestirn herab auf die Fluren.

In einer einsamen Ecke der Quien Sabe-Ranch stand Vanamee bis an die Brust im Weizen. Nach Osten gewandt, blickte er in die Herrlichkeit des jungen Tages und sandte seinen stummen Ruf über Sie goldenen Aehren fernhin nach dem Tale der Blumen.

Schnell kam die Antwort. Sie eilte ihm entgegen. Die Blumen der Samenfarm waren verblüht. Die Sommersonne hatte sie verwelkt und verdorrt und ganze Händevoll ihres Samens verstreut, damit sie wieder keimen und neu erblühen sollten. Nicht länger prangte die Blumenfarm in bunter Pracht. Die Rosen und die Lilien, die Nelken, die Hyazinthen, der Mohn, die Veilchen und Reseden, sie alle waren verblüht, verweht waren ihre süßen Düfte und verblichen die bunten Farben, mit denen sie einst das kleine Tal geschmückt hatten. Kahl, braun, mißfarben stiegen seine Hänge zu den Höhen hinauf. Die Romantik war von dem Tale gewichen und mit ihr die Vision. Kein Trugbild seiner Einbildungskraft, kein Traumgesicht war es, das jetzt Vanamee nahte. Es war Wirklichkeit – es war Angle von Fleisch und Blut, die, zu neuem Leben erstanden, aus der Enge des Tales hervorkam. Die Romantik war verschwunden, aber etwas Besseres war an ihre Stelle getreten. Keine Erscheinung, kein Traum, sondern sie, sie selbst. Vorüber war die Nacht, und die Sonne stand am Himmel; die Blumen waren dahin, aber herrlich und kraftvoll war der Weizen zur Reife gekommen.

Im Weizen harrte er ihrer. Er sah sie kommen. Sie war einfach gekleidet. Kein seltsam-prächtiges Gewinde von Tuberosen umkränzte ihr Haupt, kein fremdartiges Gewand aus rotem Purpur und Gold floß an ihr hernieder. Sie war nicht mehr ein rätselhaftes, schnell vergehendes Truggebilde, sondern ein einfaches Landmädchen, das zum Stelldichein mit dem Liebsten geht. Die nächtliche Vision war von bezaubernder Schönheit gewesen, aber was war sie im Vergleich zu dem herrlichen Geschöpf von Fleisch und Blut? Die Romantik wurde von der Wirklichkeit übertroffen. Die schlichte Aufrichtigkeit eines liebenden, vertrauenden Herzens war etwas Besseres als ein Blumenmärchen, als das Blendwerk der Mondnacht. Sie kam näher. Er sah ihr vom Sonnenlicht überflutetes Antlitz, er sah ihr goldig schimmernde? Haar, dessen schwere, straffe Flechten an den Schläfen herabhingen, er sah die bezaubernde Fülle ihrer Lippen und das eigenartige Hinundherwiegen des Hauptes auf dem schlanken Nacken. Aber sie wandelte nicht mehr im Schlafe. Die wundervollen Augen, Veilchenblau und schwergelidert, mit ihrem außergewöhnlichen, den Frauen des Orients eignen, schräg aufwärts nach den Schläfen verlaufenden Schnitt, waren weit offen und auf die Vanamees gerichtet.

Aus der Märchenwelt, aus dem Mond- und Sternenschein, aus dem Schimmer der Lilien und aus der stillen, mit Wohlgerüchen geschwängerten Luft war sie endlich zu ihm gekommen. Das Mondlicht, die Blumen und der Traum waren entschwunden. Im Weizen nahm Angèle ihre Körperlichkeit an. Wirklich und leibhaftig, kein Traum mehr, stand sie im hellen Sonnenlicht vor ihm.

Er eilte ihr entgegen, und sie streckte die Arme nach ihm aus. Vanamee zog sie an sich. Ihn auf den Mund küssend, murmelte sie:

»Ich liebe dich, ich liebe dich.«

*

Nachdem S. Behrman in Port Costa aus dem Zuge gestiegen war, erfragte er sofort den Weg nach dem Kai, an dem das Barkschiff »Swanhilda« Weizen lud. Den von ihm erworbenen und bedeutend vergrößerten Elevator hatte er noch gar nicht gesehen. Der Kauf war durch Vermittler abgeschlossen worden, da S. Behrman durch andre, dringendere Geschäfte in Anspruch genommen und nicht abkömmlich war. Jetzt endlich sollte er zum ersten Male den augenfälligen Beweis seines Erfolges sehen.

Er suchte sich seinen Weg über die Eisenbahngleise nach der sich an den Docks hinziehenden Reihe mit römischen Ziffern numerierter Speicher, in denen der gesackte Weizen lagerte.

Der Anblick der vollen Säcke erinnerte ihn an die Tatsache, daß er in der Art, wie er seinen Weizen handhabte, einzig unter den Verladern dastand. Sie lagerten und luden ihn in Säcken; er aber behandelte ihn als Stürzgut. Säcke kosteten mitunter bis zu vier Cents das Stück; S. Behrman hatte sich entschlössen, den Elevator zu bauen und das Getreide darin lose aufzuspeichern, anstatt das Geld auf Säcke auszugeben. Nur ein kleiner Teil seines Weizens – der auf Abteilung drei – war gesackt worden. Der andre, tatsächlich zwei Drittel der ganzen Ernte von Los Muertos, lagerte in dem mächtigen Elevator in Port Costa. Bis zu einem gewissen Grade hatte der Wunsch, zu sehen, wie sein Verfahren sich bewährte, S. Behrman zu der Fahrt nach Port Costa veranlaßt. Ein noch stärkerer Beweggrund war Neugier, um nicht zu sagen reine Gefühlssache, gewesen. Seit so langer Zeit schon hatte er diesen Tag des Triumphes geplant, mit so heißem Verlangen hatte er ihn herbeigewünscht, daß er jetzt, nachdem der ersehnte Tag endlich gekommen war, ihn aufs ausgiebigste genießen und sich nichts von dem entgehen lassen wollte, was mit seinem Weizen geschah. Er hatte das Ernten und die Ueberführung nach der Eisenbahn mit angesehen: jetzt wollte er beobachten, wie der Körnerstrom sich in den Schiffsraum ergoß – selbst beim Lichten der Anker und der Abfahrt des Schiffes durfte er nicht fehlen.

An den Speichern vorüber gelangte er zu dem mit dem Strande gleichlaufenden Dock. Der Hafen wimmelte von Schiffen; es waren zumeist Barkschiffe, welche die Reise ums Kap Horn machten, große Hochseesegler ohne regelmäßige Fahrten, deren eisenbeschlagene Vorderfüße alle Weltmeere von Rangoon bis Rio de Janeiro und von Melbourne bis Christiania zerteilt hatten. Einige warteten, bis zum Plimsollladestrich mit Weizen beladen, weiter draußen auf die nächste Flut, um in See zu gehen. Viele andre aber lagen mit ihren mächtigen Flanken an den Kais; Ausleger- und Laufkräne versenkten Tausende und Tausende von Säcken mit Weizen in die Tiefe des Schiffsraumes. Es herrschte ein emsiges Treiben; die Kräne knarrten und drehten sich mit ihren rasselnden Ketten rastlos hin und her; Stauer und Dockarbeiter mühten sich schwitzend ab; Werftmeister und Bootsmannsmaate erteilten mit lauter Stimme Befehle, Karren rumpelten, und die Wellen leckten mit klatschendem Geräusch an den Pfählen des Bollwerks; von einer Gruppe Matrosen her, die den Anstrich eines Schiffsrumpfes erneuerten, schallte ein Seemannslied über das Wasser; der Passatwind pfiff in dem Tauwerk und erfüllte die Luft mit durchdringendem Salzgeruch. Ringsumher erscholl das Geräusch von Schiffshantierungen, und man fühlte, roch und schmeckte die See.

S. Behrman entdeckte bald seinen Elevator. Er überragte alle andern Gebäude; auf das rote Dach war in riesigen weißen Buchstaben der Name des Eigentümers gemalt. Zwischen hochaufgetürmten, vollen Getreidesäcken, haltenden Karren. Kisten und Kästen mit Kaufmannsgütern und vereinzelten Pyramiden von Blechbüchsen mit eingelegtem Lachs schritt S. Behrman auf seinen Elevator zu. Dicht unter dem Gebände hatte ein großes Schiff mit hohen Masten und breiten Rahen am Kai festgemacht. Auf dem ihm zugewandten Heck konnte S. Behrman in erhabenen goldenen Buchstaben die Worte »Swanhilda – Liverpool« lesen.

Er ging auf einer steilen Fallreepstreppe an Bord und traf auf dem Quarterdeck den Maat. S. Behrman nannte seinen Namen und fragte:

»Na, wie läßt sich die Sache an?«

»Recht gut, Herr,« antwortete der Maat, der ein Engländer war. »Uebermorgen um die Zeit werden wir den Kasten hübsch glatt vollgepackt haben, 's ist eine große Zeitersparnis, das Zeug so 'reinzuschütten, und drei Leute können die Arbeit von sieben tun.«

»Ich denke, ich werd' mich mal ein bißchen umsehn,« sagte S. Behrman.

»Schön,« entgegnete kopfnickend der Maat.

S. Behrman ging zu der vorderen Luke, die sich nach unten in den tiefen Schiffsraum öffnete. Diese Luke war mit dem Elevator durch eine große eiserne Rinne verbunden, und in ihr stürzte ein wahrer Weizenkatarakt in die Tiefe.

Er entquoll einem riesigen Behälter im Elevator selbst und strömte durch die Rinne, um mit metallischem Getöse ununterbrochen und unaufhaltsam in den dunkeln, weiten Schiffsraum zu fallen. Niemand war zu sehen. Keine menschliche Mitwirkung schien an der Bewegung des Weizens beteiligt zu sein. Es war vielmehr, als ob die Körnermassen von einer ihnen innewohnenden lebendigen Kraft nach vorwärts getrieben würden, die mit ungestümer Hast und Ungeduld nach der See drängte.

Aufmerksam beobachtete S. Behrman das Herniederströmen des Weizens; das Getöse der harten, gegen das Metall der Rinne schlagenden Körner machte ihn fast taub. Er steckte seine Hand einen Augenblick in die stürzende Flut; die kurze Berührung rieb ihm die Haut wund, während die vorwitzige Hand wie von einem reißenden Unterstrom mitfortgezogen wurde.

Vorsichtig blickte er hinunter in den Schiffsraum. Ein muffiger Dunst, der starke, stechende Geruch des unbearbeiteten Rohstoffes fuhr ihm in die Nase. Es war ganz finster dort unten. Er konnte nichts sehen; rings um die Lukenöffnung und über ihr wirbelte eine Wolke allerfeinsten Staubes, der die Augen blendete und sich in Mund und Nase festsetzte.

Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Dunkel des Hohlraums unter ihm, und er begann die graue Masse des Weizens zu unterscheiden, eine weite, fast flüssig erscheinende Fläche, die, während der Körnerstrom auf sie niederstürzte, in breiten, langsamen Wellen fortrückend beständig ihre Form veränderte. Mit einem Male schwoll der Katarakt merklich an. S. Behrman drehte sich um und blickte hinauf nach dem Elevator, um die Ursache dieser plötzlichen Zunahme zu entdecken. Dabei geriet er mit dem Fuß in eine Taurolle, strauchelte und fiel mit dem Kopfe voran in den Schiffsraum.

Der Fall war tief, und S. Behrman plumpste mit dem schweren Aufschlage eines Bündels nasser Wäsche auf die Weizenschicht. Einen Augenblick war er betäubt. Der Atem war ihm vollständig vergangen. Er konnte weder sich bewegen noch schreien. Aber allmählich kehrte das volle Bewußtsein zurück, und er kam wieder zu Atem. Er blickte um und über sich. Das in den Schiffsraum dringende Tageslicht wurde durch den vom Falle des Weizens aufgewirbelten Spreustaub getrübt, und diese Dämmerung ging unweit der Luke bereits in Zwielicht über; weiterhin wurde es immer dunkler und schließlich stockfinster. Er kam mühsam wieder auf die Füße zu stehen, nur um zu finden, daß er bis über die Knöchel in die lose Masse einsank.

»Den Teufel auch,« stieß er hervor, »das ist 'ne schöne Geschichte!«

Gerade unter der Rinne bildete der niederströmende Weizen einen kegelförmigen Hügel, von dessen Seiten er jedoch immer wieder in dicken Schichten herabglitt, um sich dann, so flüssig wie Wasser, nach allen Seiten hin zu verbreiten. Während S. Behrman noch sprach, stürzte eine Körnerwoge zu seinen Füßen nieder und türmte sich rasch bis zu seinen Knien auf. Er trat schnell zurück, weil er bei längerem Verweilen in der Nähe der Rinne bald bis zum Gürtel im Weizen versinken mußte.

Es gab aber doch zweifellos irgendeinen Ausgang, eine Treppe oder Leiter, die hinauf zum Deck führte. Mühselig durch den Weizen watend, suchte er mit ausgestreckten Händen im Dunkeln seinen Weg. Jeder Atemzug drohte ihn zu ersticken, denn er zog mehr Staub als Luft in Mund und Nase ein. Bisweilen war ihm das Atmen überhaupt unmöglich, und er schnappte mit weit offenem Munde keuchend nach Luft. Wie sehr S. Behrman auch suchte, er fand keinen Ausgang, keine Treppe, keine Leiter. In der Finsternis umhertaumelnd, stieß er sich wieder und wieder Stirn und Fingerknöchel an den eisernen Schiffswänden blutig. Er gab den Versuch auf, einen Ausweg zu finden, und stapfte mühselig zurück nach der Luke. Dort konnte er sehen, daß die Körnerschicht inzwischen an Höhe zugenommen hatte.

»Mein Gott,« sagte er, »so kann das nicht weitergehen.« Und dann brüllte S. Behrman, so laut er nur konnte: »Hallo – dort oben – an Deck – irgend jemand – um Gottes willen!«

Das ununterbrochene metallische Getöse des herniederschießenden Weizens übertönte seine Stimme. Er konnte in dem Brausen des Katarakts kaum sich selbst hören. Und dann war es ihm auch unmöglich, unter der Luke stehen zu bleiben; die Weizenkörner spritzten im Fallen umher und stachen sein Gesicht wie vom Sturme gejagte Eisnadeln. Nicht minder schmerzten seine ungeschützten Hände; er litt wahre Folterqualen. Einmal war er nahe daran, blind zu werden. Dazu kam noch, daß die von dem Hügel unter der Rinne herabstürzenden Weizenwogen gegen seine Knie und Beine schlugen, ihn zurückdrängten und fast zu Fall brachten.

Er mußte immer weiter von der Luke zurückweichen. Einen Augenblick nur blieb er stehen, um aus Leibeskräften zu schreien. Es war umsonst. Seine Stimme vermochte das Brausen der in der Rinne niederstürzenden Weizenmassen nicht zu übertönen und verhallte ungehört. Zu seinem Entsetzen entdeckte der Unglückliche, daß er in den Weizen versank, sobald er stehen blieb; er merkte das erst, als er bis zu den Knien darinsteckte, und schon stieg eine Körnerwoge, die von der immer wieder zusammensinkenden und sich immer wieder neu aufbauenden Pyramide herabwirbelte, bis zu seinen Hüften empor und machte ihn bewegungslos.

Eine wahnsinnige Angst erfaßte ihn. Grausige Todesfurcht, das entsetzliche Gefühl, in einer Falle, aus der es kein Entrinnen gab, gefangen zu sein, rüttelte ihn wie der Sturm eine trockene Binse. Verzweiflungsvoll aufbrüllend, riß er sich aus der Umschlingung des Weizens los und kämpfte sich in taumelnder Hast wieder bis zur Luke durch. Er strauchelte, als er in ihre Nähe kam, und fiel gerade unter den herabstürzenden Strom. Wie Schrotsalven trafen ihn die unzähligen herniedersausenden Weizenkörner; unbarmherzig peitschten und ritzten sie seine Haut. Blut rann von seiner Stirn; es verdickte sich mit dem umherwirbelnden Spreustaube und klebte ihm die Augen zu. Noch einmal raffte er sich auf. Eine Lawine von dem Körnerhügel begrub ihn bis zu den Hüften. Zurück und immer weiter zurück wurde er gedrängt; er fiel, raffte sich wieder auf, griff mit krallenden Händen ins Leere und heulte um Hilfe. Zu sehen vermochte er nicht mehr; seine stauberfüllten Augen schmerzten, wenn er sie öffnete, als ob sie mit Nadeln gestochen würden. Sein Mund war voll Staub, Staub haftete an seinen verdorrten Lippen; brennender Durst peinigte ihn, und seine Schreie erstickten in dem würgenden, schmerzenden Halse.

Und während der ganzen Zeit schoß der Weizen in beständigem, endlosem Strome unaufhaltsam und unerbittlich mit lang ausgehaltenem Brausen von oben herab.

Er wich in eine ferne Ecke zurück und suchte, den Rücken gegen die eiserne Wand des Schiffsrumpfes gelehnt, seine Gedanken zu sammeln und ruhiger zu werden. Sicher mußte es doch irgendeinen Ausweg geben, sicher würde er nicht auf diese Weise umkommen und sein Ende in einer Masse finden, die weder fest noch flüssig war. Aber was sollte er tun? Wie es anfangen, daß man ihn hörte?

Während er noch darüber nachsann, brach die Pyramide unter der Rinne wieder zusammen und sandte eine mächtige Körnerwoge bis zu der Ecke, in der er kauerte; eine Hand und ein Fuß wurden ihm dabei überflutet.

Zitternd sprang er auf und hastete nach einer andern Ecke.

»Bei Gott,« schrie er, »bei Gott, verdammt schnell muß mir was einfallen!«

Wieder stieg die Fläche des Weizens, und die Körner türmten sich höher um S. Behrman auf. Wieder wich er zurück. Wieder kroch er taumelnd zu der Auffallstelle des Katarakts und schrie, bis ihm die Ohren klangen und die Augen aus ihren Höhlen traten – und wieder trieb ihn die unbarmherzige Flut zurück.

Jetzt begann der grausige Tanz mit dem Tode. Kreuz- und Quersprünge machte der Mensch, er wand und krümmte sich und wurde bald in diese, bald in jene Ecke gejagt, während der langsam und unerbittlich fließende Weizen fortwährend anstieg und jede Ecke, jeden Winkel, jede Ritze ausfüllte. Er stieg ihm bis zum Gürtel. Von der Todesangst zu wilder Raserei aufgestachelt, wühlte er sich mit blutenden Händen und abgebrochenen Nägeln aus der ihn festhaltenden Masse heraus, nur um erschöpft hintenüberzufallen und keuchend in dem dicken Staube nach Atem zu ringen. Die langsam näherkommende Flut jagte ihn wieder auf; der Versuch, die Augen zu öffnen, verursachte ihm furchtbare Schmerzen. Des Sehvermögens beraubt, sprang er taumelnd zur Seite, nur um gegen die eiserne Schiffswand anzukrachen. Mit blutüberströmtem Gesicht machte er kehrt; noch einmal blieb er, um sich zu sammeln, einen Augenblick stehen, und schon wirbelte eine neue Sturzwelle um seine Knöchel und Knie. Stillstehen bedeutete für ihn ein Versinken, Sitzen oder Liegen ein um so schnelleres Begrabenwerden. In völliger Finsternis, in einer Luft, die kaum zu atmen war, kämpfte er mit einem Feinde, der nicht gefaßt, wehrte er sich verzweiflungsvoll gegen eine Flut, die nicht abgedämmt werden konnte.

Von dem Geräusch des fallenden Weizens geleitet, kroch S. Behrman auf Händen und Füßen nach der Luke hin. Noch einmal strengte er seine Stimme zu einem Schrei um Hilfe an. Aber der wunde Hals und die blutenden, rissigen Lippen vermochten nur noch ein keuchendes Stöhnen hervorzubringen. Noch einmal versuchte er, nach dem dämmrigen, durch die Luke fallenden Lichte hinzublicken. Allein die mit Spreustaub verklebten Augenlider öffneten sich nicht mehr. Der Weizen verschüttete ihn bis zum Gürtel, als er sich aus seiner knienden Stellung aufrichten wollte.

Das Bewußtsein entfloh. Betäubt von dem Getöse des Körnerkatarakts, der Stimme beraubt und geblendet von dem Spreustaube, stürzte er mit gekrallten Fingern vornüber, wälzte sich auf den Rücken und blieb, nur noch schwach zuckend und mit langsam von einer zur andern Seite rollendem Kopfe, so liegen. Der ununterbrochen aus der Rinne stürzende Weizen ergoß sich rings um ihn. Er füllte die Taschen seines Rockes, er kroch in den Aermeln und Hosenbeinen empor, er bedeckte den dicken, vorstehenden Bauch, lief in kleinen Rinnsalen in den weitausgerissenen, verzerrten Mund und bedeckte schließlich das Gesicht.

Auf der Oberfläche des Weizens unter der Rinne bewegte sich nichts als der Weizen selbst. Jedes Zeichen von Leben fehlte. Einen Augenblick nur regte sich etwas. Eine fette Hand mit kurzen Fingern und geschwollenen Adern hob sich empor, griff krallend ins Leere und fiel schlaff und kraftlos nieder. Eine Sekunde darauf war sie bedeckt. Im Schiffsraum der »Swanhilda« war keine andre Bewegung als die von einem gemeinsamen Mittelpunkt der immer wieder zusammenbrechenden und sich immer wieder neu aufbauenden Körnerpyramide, kreisförmig auseinander fließenden Wellen, kein andrer Laut als das Rauschen des Weizens, der in beständigem Strome ununterbrochen und unaufhaltsam mit lang ausgehaltenem Brausen aus der eisernen Rinne niederstürzte.

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