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Der Octopus

Frank Norris: Der Octopus - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFrank Norris
titleDer Octopus
seriesDas Epos des Weizens
volumeErster Teil
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1907
translatorEugen von Tempsky
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140509
projectid27042c94
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8

An einem Nachmittag in der ersten Hälfte des Juli, etwa vier Wochen nach dem blutigen Treffen am Bewässerungsgraben und der Bonneviller Massenversammlung, wurde Cedarquist, der in seinem Bureau in San Francisco die eben erhaltenen Briefe öffnete, durch den unerwarteten Besuch Presleys überrascht.

»Auf mein Wort, Pres,« rief der Fabrikant, als Presley durch die von dem Laufburschen geöffnete Tür trat, »sind Sie denn krank gewesen? Setzen Sie sich, mein Junge. Trinken Sie ein Glas Sherry. Ich halte mir immer 'ne Flasche hier.«

Presley nahm den Wein und sank in die Tiefen eines großen, mit Leder überzogenen Polsterstuhls.

»Krank?« erwiderte er. »Ja, ich bin krank gewesen. Ich bin noch krank. Vollständig in Stücke bin ich gegangen.«

Sein ganzes Wesen zeigte eine matte Gleichgültigkeit, die Gleichgültigkeit großer Ermüdung.

»Nun, nun,« entgegnete Cedarquist, »es tut mir sehr leid, das zu hören. Was fehlt Ihnen denn, Pres?«

»Ach, hauptsächlich wohl Nerven, glaub' ich, und mein Kopf, und Schlaflosigkeit, und Schwäche, ein allgemeiner Zusammenbruch, sagt der Doktor. Ueberanstrengung des Gehirns, zu große, anhaltende Ausregung wäre es, meint er. Ich glaube, daß ich mit knapper Not einem Hirnfieber entgangen bin.«

»Ja, das kann ich mir schon denken,« sagte Cedarquist ernst. »Nach alledem, was Sie durchgemacht haben!«

Presley schloß seine eingesunkenen, von tiefen, dunkeln Ringen umgebenen Augen und preßte eine abgezehrte Hand gegen den Hinterkopf.

»Es ist wie ein böser Traum,« murmelte er. »Ein fürchterlicher Traum – und er ist noch nicht vorüber. Sie haben alles nur durch die Zeitungsberichte erfahren. Aber dort unten in Bonneville, in Los Muertos – o, Sie können sich keine Vorstellung von dem Elend machen, das verursacht worden ist durch die Niederlage der Ranchbesitzer und die Entscheidung des Oberbundesgerichts, die sie ihres Eigenturns beraubt. Wir hatten bis zuletzt an der Hoffnung festgehalten, in der letzten Instanz zu gewinnen. Wir hatten geglaubt, daß wir bei dem obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten schließlich doch Gerechtigkeit finden würden. Und die Nachricht von dieser Entscheidung war der härteste, der letzte Schlag. Für Magnus war es der letzte – tatsächlich der allerletzte.«

»Armer, armer Derrick,« murmelte Cedarquist. »Erzählen Sie mir von ihm, Pres. Wie trägt er's? Was wird er tun?«

»Es macht ihn zum Bettler. Er hat viel mehr, als irgendeiner von uns glaubte, in seine Ranch gesteckt, als er sich entschloß, den meisten Pächtern zu kündigen und die ganze Ranch selbst zu bewirtschaften. Die Prozesse gegen die Bahn und die Wahlkampagne, um Lyman in die Eisenbahnkommission zu bekommen, haben ihm auch viel gekostet. Der Betrag, den Genslinger von ihm erpreßte, wird so ziemlich der Rest seines Vermögens gewesen sein. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt – Sie kennen ja den Governor – auf die diesjährige Bonanzaernte, die sollte ihm wieder aufhelfen. Nun, die Bonanzaernte ist auch herangewachsen – sie reifte grade zur rechten Zeit, daß S. Behrman und die Bahn die Hand darauf legen konnten. Magnus ist ruiniert.«

»Welch ein Trauerspiel!« murmelte der Fabrikant. »Lyman hat sich als Schurke entpuppt, Harran ist erschossen worden, und jetzt auch noch das. Und alles innerhalb so kurzer Zeit – gleichzeitig, könnte man fast sagen.«

»Wenn er nur daran gestorben wäre,« fuhr Presley fort, »aber das ist das Schlimmste.«

»Was ist das Schlimmste?«

»Ich fürchte wirklich und wahrhaftig, daß ihn das um seinen Verstand bringt. Es hat ihn gebrechen; o, Sie sollten ihn sehen, Sie sollten ihn sehen. Ein gebeugter, schlottriger und zittriger alter Mann, der bereits kindisch wird. Den ganzen Tag sitzt er im Speisezimmer und kramt mit täppischen Fingern in Papieren herum; er sortiert sie, bindet sie zusammen, macht sie wieder auf, vergißt, was er getan hat, murmelt unverständliches Zeug und fängt wieder von vorn an. Und bei Tisch vergißt er öfters zu essen. Und dann, wissen Sie wohl, im Hause kann man nämlich die Züge pfeifen hören, ehe sie auf die lange Trestlebrücke kommen, und bei jedem Pfiff scheint der Governor – ich kann mir's nicht erklären – in Angst zu geraten. Er zieht die Schultern in die Höhe und senkt den Kopf, als ob er sich vor etwas ducken wollte, und atmet erst dann wieder auf, wenn der Zug außer Hörweite ist. Er scheint eine kindische, unvernünftige Angst vor der Bahn zu haben.«

»Aber er wird natürlich jetzt von Los Muertos fortmüssen.«

»Gewiß, sie müssen alle fort. Eine Frist von vierzehn Tagen haben sie. Die wenigen Pächter, die noch in Los Muertos waren, gehen auch fort. Damit hängt übrigens meine Reise hierher zusammen. Die Familie eines der Erschossenen – Hooven hieß der Mann – ist nach San Francisco gekommen, um hier Arbeit zu suchen. Wenn sie nicht ein ganz außerordentliches Glück dabei gehabt haben, so dürfte es ihnen bereits sehr schlecht gehen. Ich will versuchen, sie zu finden und etwas für sie zu tun.«

»Sie müssen zunächst etwas für sich selbst tun, Pres.«

»O, seitdem ich Bonneville verlassen habe und das Elend dort herum nicht mehr sehe, geht es mir schon besser. Und ich will eine große Reise machen. Ich bin nämlich auch deshalb zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten, mir dabei behilflich zu sein. Würden Sie mir gestatten, auf einem Ihrer Weizenschiffe Passage zu nehmen? Der Arzt meint, eine Ozeanreise würde mich wieder auf die Beine bringen.«

»Aber gewiß, Pres,« erklärte Cedarquist. »Es tut mir nur leid, daß Sie fortwollen. Wir hatten gehofft, Sie diesen Winter bei uns auf dem Lande zu haben.«

»Ich muß fort,« entgegnete Presley kopfschüttelnd. »Selbst wenn ich ganz gesund wäre, vermöchte ich jetzt nicht in Kalifornien zu bleiben. Wenn Sie mich mit einem Ihrer Kapitäne bekannt machen wollten – –«

»Mit Vergnügen. Wann wünschen Sie denn zu reisen? Sie werden wohl ein paar Wochen warten müssen. Unser erstes Schiff wird nicht vor Ende des Monats segeln.«

»Das wäre mir sehr recht. Vielen Dank, Herr Cedarquist.«

Cedarquist, der an den Bedrängnissen der Farmer in der Bonneviller Gegend lebhaften Anteil nahm, wollte noch mehr davon hören.

»Die Bahn hat also von den meisten Ranchos Besitz ergriffen?« fragte er.

»Von allen,« erwiderte Presley. »Nachdem Magnus zum Rücktritt gezwungen worden war, ging die Liga sofort in Stücke. Die alte Geschichte – sie fingen untereinander Streit an. Dann kam ein Vergleich zustande, eine neue Liga wurde gebildet und ein neuer Präsident gewählt. Und jetzt begannen viele Mitglieder abzufallen. Die Bahn erbot sich, die umstrittenen Ländereien den Ranchleuten zu verpachten, ihnen, denen sie doch gehörten,« rief Presley bitter aus, »und da der Pachtpreis – nominell – fast nichts war, so verstanden sich sehr biete dazu, den Pachtvertrag zu unterzeichnen. Mit der Unterzeichnung des Vertrags erkannten sie natürlich den Rechtstitel der Bahn an. An Magnus aber wollte die Bahn nicht verpachten. In vierzehn Tagen übernimmt S. Behrman Los Muertos.«

»Zweifellos hat die Bahn ihm ihren Rechtstitel als Belohnung für seine Dienste abgetreten,« bemerkte Cedarquist.

»Zweifellos,« murmelte Presley müde und erhob sich, um zu gehen.

»Apropos,« sagte Cedarquist, »haben Sie vielleicht am Freitag abend was vor? Möchten Sie nicht mit uns speisen? Die Mädels gehen nächsten Montag aufs Land, und da werden Sie sie wahrscheinlich längere Zeit nicht zu sehen bekommen für den Fall, daß Sie Ihre Ozeanreise machen.«

»Ich fürchte ein sehr schlechter Gesellschafter zu sein,« entgegnete Presley. »In mir ist kein Murr, kein Leben mehr. Ich bin wie eine Uhr, deren Feder gebrochen ist.«

»Nicht gebrochen, Pres, mein Junge, nur abgelaufen. Versuchen Sie mal, ob wir Sie nicht wieder ein bißchen aufziehen können. Wir dürfen Sie also erwarten. Um sieben speisen wir.«

»Vielen Dank, Herr Cedarquist. Also bis auf Freitag um sieben.«

Als er wieder auf der Straße war, schickte Presley seine Reisetasche mit einem Botenjungen nach seinem Klub, wo er sich ein Zimmer bestellt hatte, und sprang dann auf einen nach der Castro-Straße fahrenden Tramwagen. Noch ehe er Bonneville verlassen hatte, war es ihm nach eifrigen Nachforschungen gelungen, Frau Hoovens Adresse in San Francisco zu erfahren; zu ihr begab er sich jetzt.

Wenn Presley Cedarquist gesagt hatte, daß er sich krank, übermüdet und matt fühlte, so war das nur die halbe Wahrheit gewesen. Er war völlig erschöpft und kraftlos. Aber aus seiner durch die äußerste Abspannung verursachten Gleichgültigkeit wurde er zeitweise aufgepeitscht durch Ausbrüche der Empörung, durch die nur Augenblicke währende Wiederkehr jener blinden, unbeherrschten Kraft, die ihm den heißen Wunsch eingegeben hatte, schreckliche Vergeltung zu üben. Was er zu tun beabsichtigte, hätte er nicht sagen können; ein qualvolles Märtyrertum, eine heldenhafte Selbstaufopferung, deren Furchtbarkeit den. sie Darbietenden nicht abzuschrecken vermochte, schwebte ihm vor. Er glaubte von dem blinden, irregeleiteten Heldenmut des Anarchisten angefeuert zu sein, der sein Opfer in die Luft sprengt und sich dabei voll bewußt ist, daß die Katastrophe auch ihn in den durch sie aufgewirbelten Strudel zieht.

Die ihm innewohnende Unentschlossenheit jedoch hemmte beständig seine Schritte. Kopflos, willensschwach, aufwallend und dann wieder zaghaft zögerte und zauderte er und verfiel, anstatt zu handeln, in dumpfes Brüten. Entschlüsse, die er in den dunkeln Nachtstunden gefaßt hatte, gab er am Morgen wieder auf.

Gehandelt hatte er nur einmal. Und als er jetzt auf dem Tramwagen durch die windigen, schmutzigen Straßen sauste, mußte er zitternd daran denken. Die schreckhafte Vorstellung von dem, »was hatte werden können«, wenn die Rachetat, zu deren Vollziehung er berufen zu sein gewähnt hatte, völlig gelungen wäre, lastete schwer auf ihm. Presleys Einbildungskraft führte ihm immer wieder den Schauplatz seiner Tat vor die Augen. Er sah sich im Schatten der Bäume und Sträucher an das in einer Vorstadt Bonnevilles gelegene Haus herankriechen; mit lauernder Vorsicht und aufs äußerste angespannten Sinnen spähte er nach den erleuchteten Fenstern, deren aufgezogene Vorhänge den Blick ins Innere freiließen. Dann hatte er den Mann, auf den er lauerte, in das grelle Licht der Gasflammen treten sehen. Und weiter sah Presley sich selbst, wie er aufsprang und auf das Fenster zustürzte. Er glaubte noch das Gewicht von Carahers Bombe, die »sechs Zoll gut plombiertes Gasrohr«, in seiner Hand zu fühlen. Mit hocherhobenem Arm schleuderte er das todbringende Geschoß. Ein Schauer zersplitterter Fensterscheiben regnete auf Presley nieder; ihm war, als ob er von brausender, rotflammender Lohe umhüllt ins Leere sänke. Ein furchtbarer Krach zerriß die Luft, und die Erde bebte. Von dem Umkreise der im blitzschnellen Wirbel der Vernichtung sich drehenden Dinge wurde Presley jäh abgestoßen und fortgeschleudert in den leeren Raum, in Finsternis und Grauen. Und als ihm nach langer Zeit erst die Besinnung wiederkehrte, wußte er nur, daß er, außer sich vor Schreck und dem Wahnsinn nahe, so schnell ihn seine Füße trugen, keuchend auf der Straße nach Los Muertos dahinfloh. Die in ihrer Furchtbarkeit unvergeßliche, ihm alle Qualen der Hölle bringende Nacht folgte. Bald zermarterten ihn Gewissensbisse, und er fühlte den tiefsten Abscheu vor dem, was er getan zu haben vermeinte, bald wütete er gegen seine Schwäche, seinen Mangel an Mut, seine jämmerliche, hin und her schwankende Seele. Doch der Morgen brachte Presley die Nachricht von dem Mißlingen seines Anschlags; zugleich wurde ihm die Gewißheit, daß nicht der leiseste Verdacht gegen ihn bestand. Nicht weniger wunderbar wie sein Feind war er dem Verderben entronnen. Unzusammenhängende Gebetesworte stammelnd, hatte Presley sich auf die Knie geworfen und unter Tränen Gott dafür gedankt, daß er ihn vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt, an dessen Rand er bereits gestanden hatte.

Dann aber hatte sich bei ihm der Verdacht eingenistet, daß er von allen Menschen der Bedauernswerteste – ein zu nichts Fähiger – wäre. Alles, was er sich vorgenommen, woran sein Herz gehangen hatte, war fehlgeschlagen – sein großes Epos, seine Bestrebungen, den Menschen, unter denen er lebte, zu helfen, und selbst der Anschlag auf das Leben des Feindes – alles das war mißglückt. Den Rest seiner zersplitterten Kraft zusammenraffend, faßte er den Entschluß, fortan den besten Regungen seines Herzens nachzuleben und zunächst der schwer heimgesuchten Familie Hoovens, des kleinen Deutschen, aus ihrer verzweifelten Lage herauszuhelfen.

Nachdem alles vorüber und Hooven zusammen mit den sieben andern in dem Kampfe am Bewässerungsgraben Gefallenen auf dem Bonneviller Friedhofe begraben war, hatte seine Witwe, ohne jemand um Rat oder Hilfe anzugehen, Los Muertos und ihr Heim auf immer verlassen und war mit Minna und der kleinen Hilda nach San Francisco gegangen, um dort Arbeit zu suchen. Presley hörte davon erst, nachdem bereits vierzehn Tage seit der Abreise der Hoovens verflossen waren. Sofort wurde in ihm die Befürchtung wach, daß Frau Hooven, die ebenso wie Minna stets auf dem Lande gelebt hatte, bei ihrer Unkenntnis großstädtischer Verhältnisse in dem harten Kampfe ums Dasein, den die Stadt den Bedrängten aufzwang, leicht in eine schlimme Lage geraten sein könnte. Diese Befürchtung wandelte sich schnell zur Gewißheit, und so hatte er sich rasch entschlossen, der Familie nach San Francisco zu folgen, um sie aufzusuchen und ihr beizustehen.

Presley, dem es bereits in Bonneville gelungen war, die Adresse der Hoovens zu ermitteln, fand unschwer das nahe der Kraftstation der Castro-Straßen-Kabelbahn gelegene billige, aber ziemlich anständige Kosthaus.

Die Wirtin wußte sofort Bescheid.

»Eine Deutsche mit 'nem kleinen Mädchen und 'ner erwachsenen Tochter, ja gewiß. Die große Tochter war ganz hübsch. Gewiß, ich kenne sie, aber sie sind nicht mehr hier. Vor 'ner Woche sind sie fort. Ich konnte ihnen das Zimmer nicht länger lassen. Eine ganze Woche Miete waren sie schuldig geblieben. Ich bin nicht in der Lage – –«

»Wissen Sie, wohin sie gegangen sind? Wissen Sie, wohin sie sich ihren Koffer haben schicken lassen?«

»Ah, jawohl, ihren Koffer,« zeterte das Weib, die Arme in die Hüften stemmend und mit puterrotem Kopfe. »Ihren Koffer, ah, jawohl. Ich hab' ihren Koffer, und was wollen Sie denn da machen? Ich behalt' ihn, bis ich mein Geld kriege. Haben Sie da was 'reinzureden? Legen Sie nur los!«

Mit einer Gebärde der Entmutigung wandte Presley sich ab. Bestürzt und unruhig blieb er finster vor sich hinblickend eine Weile an der Straßenecke stehen. Seine Befürchtungen waren nur zu begründet gewesen. Schon vor einer Woche hatten die Hoovens ihr bißchen Geld ausgegeben. Seit sieben Tagen bereits waren sie ohne alle Hilfsmittel, wenn sie nicht Arbeit gefunden hatten, »und was für Arbeit,« fragte er sich, »können sie denn in Gottes Namen überhaupt hier in der Stadt finden?« Sieben Tage! Der Gedanke war ihm schrecklich. Sieben Tage ohne Geld, ohne eine Seele in dieser von Menschen wimmelnden Stadt zu kennen. Konnten Minna und ihre Mutter, die beide mit dem Leben der Großstadt völlig unvertraut waren, auch nur ahnen, daß es gerade für Leute in ihrer Lage aufs beste eingerichtete und unterhaltene Stiftungen gab? Er wußte, daß sie ihr gut Teil Stolz hatten, den eigensinnigen, störrischen Bauernstolz; selbst wenn ihnen solche wohltätige Anstalten bekannt wären, würden sie es wohl über sich bringen, dort Hilfe zu suchen? Die Angst um ihr Los schnitt ihm ins Herz. Wo mochten sie jetzt sein? Wo mochten sie gestern nacht geschlafen, wo heut morgen gefrühstückt haben? Hatten sie überhaupt heut morgen ein Frühstück, hatten sie gestern nacht ein Bett gehabt? Was war aus den im Getriebe der Großstadt Verlorenen und Vergessenen geworden? Wohin mochte die Ebbe und Flut der Straßen sie gespült haben?

War das noch eine andre Variation, die eiserne Hände aus jenem Thema hervorholten, das so alt wie die Welt und überall bekannt war? Wie lange noch sollten die furchtbaren Ereignisse nachwirken, die sich am Bewässerungsgraben abgespielt hatten? Wie weit würde das Ungetüm seine Fangarme noch ausstrecken?

Auf dem Rückwege nach dem im Mittelpunkt der Stadt gelegenen Geschäftsviertel faßte und verwarf Presley Plan auf Plan, wie er Frau Hooven und ihre Töchter finden und ihnen beistehen könnte. In der Montgomery-Straße angelangt, schlug er die Richtung nach seinem Klub ein; seine Gedanken waren inzwischen wieder einmal zu den Ursachen und dem Verlaufe des gewaltigen Kampfes zurückgekehrt, dessen Zeuge er achtzehn Monate hindurch gewesen war.

Mit einem Male machte er Halt; sein Auge war durch ein großes Schild gefesselt worden, das über dem Eingange eines mächtigen Verwaltungsgebäudes angebracht war. Von einer plötzlichen Eingebung erfaßt, blieb er einen Augenblick mit starren, weitgeöffneten Augen und geballten Fäusten auf dem Bürgersteige stehen.

In dem Gebäude hatte die Generaldirektion der Pazifischen und Südwest-Bahn ihren Sitz. Es war, wenn schon von bedeutender Größe, durchaus nicht in die Augen fallend; Presley mußte während seiner verschiedenen Aufenthalte in der Stadt schon oft daran vorübergegangen sein, ohne daß es seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Das also war die Zwingburg des Feindes – von hier aus breitete sich das ungeheure und weitverzweigte, von dem Lebensblut des Staates strotzende Adergeflecht aus; hier war der Knotenpunkt des Gewebes, in dessen Maschen sich Schicksal, Glück und Leben so vieler verstrickt hatten. Von hier aus – so sagte er sich – war die planmäßige Erpressung, Vergewaltigung und Ungerechtigkeit ausgegangen, die alle Rechte den Ranchbesitzern raubten, bis diese, an die Wand gedrängt, sich dem erbarmungslosen Gegner stellten, um im erbitterten Verzweiflungskampfe zu fallen. Von hier aus waren an S. Behrman, an Cyrus Ruggles und an Genslinger die Befehle erteilt worden, deren Ausführung Dyke in den Kerker gebracht, Annixter getötet, Magnus ruiniert und Lyman zum Schurken gemacht hatte. Hier war der Hauptturm der Fronfeste und hier, hinter einem der vielen Fenster, in einem der vielen Bureaus, seine Hand an den Hebeln der riesigen Maschine, saß Shelgrim, ihr Herr und Meister.

Im selben Augenblick, in dem Presley sich diese Tatsache vergegenwärtigte, erfaßte ihn eine unbezwingbare Neugier. Warum sollte er nicht von Angesicht zu Angesicht den Mann sehen, dessen Macht so ungeheuer, dessen Willen so unbezwingbar, dessen Vermögen, Unheil anzurichten, so grenzenlos war, den Mann, den alle so lange und so aussichtslos bekämpft hatten? Es war Presley bekannt, daß er zugänglich war; warum sollte er ihn also jetzt nicht aufsuchen? Presley raffte sich zu einem raschen Entschlusse auf. Handelte er, der Eingebung des Augenblicks folgend, nicht sofort, so würde er, das stand bei ihm fest, nie handeln. Mit klopfendem Herzen und gepreßt atmend betrat er das Gebäude und fand sich in einigen Augenblicken in einem Vorzimmer sitzend; seine Augen hingen wie hypnotisiert an der Mattglasscheibe einer in das nächste Zimmer führenden Tür, die in goldenen Buchstaben die Aufschrift »Präsident« trug.

Presley wunderte sich, daß Shelgrim noch in seinem Bureau war. Es war bereits spät – schon lange nach sechs –, und die andern Bureaus in dem Gebäude wurden eben geschlossen. Viele waren bereits leer. Durch die offene Tür des Vorzimmers konnte Presley die Schreiber, Laufburschen, Buchhalter und andre Angestellte, deren Tagewerk vorüber war, nach den Treppen und Aufzügen eilen sehen. Shelgrim allein, der keine Ermüdung zu kennen und keine Ruhe zu brauchen schien, blieb noch an seinem Schreibtische sitzen.

»Um welche Zeit geht Herr Shelgrim gewöhnlich nach Hause?« fragte Presley den jungen Mann, der im Vorzimmer an einem Pulte Listen liniierte.

»So zwischen halb sieben und sieben,« antwortete der. »Sehr oft kommt er abends wieder.«

Und der Mann war siebzig Jahre alt. Presley konnte einen Ausruf des Staunens nicht unterdrücken. Der Präsident der P. und S. W. war also nicht nur geistig ein Riese. Siebzig Jahre alt – und noch immer hielt er auf seinem Posten aus mit einer unverrückbar auf ihr Ziel gerichteten Willenskraft und einer Arbeitsleistung, die viele in voller Jugendkraft Stehende um den Verstand gebracht und gesundheitlich zugrunde gerichtet haben würde.

Aber schon biß Presley trotzig die Zähne zusammen.

»Es ist die Lebenskraft eines Werwolfes,« sagte er sich. »Der menschenfressende Tiger ist auch stark. Der Mann, der einem ganzen Volke das Lebensblut ausgesogen hat, sollte wohl Kraft besitzen.«

Eine kleine elektrische Wandglocke läutete scharf. Der junge Mann, der Listen liniierte, legte die Feder aus der Hand und steckte, die Tür öffnend, seinen Kopf in das Zimmer des Präsidenten; nach einem mit dem für Presley unsichtbaren Zimmerinhaber gewechselten Worte machte er die Tür weit auf und sagte:

»Herr Shelgrim läßt bitten.«

Presley trat in einen großen, hellen, aber auffallend kahlen Raum. Ein abgetretener Teppich bedeckte den Fußboden, zwei Stahlstiche hingen an der Wand und ein paar Stühle standen an dem schlichten großen Tische, auf dem eine Menge Papiere unordentlich umherlagen. Dazu kam noch ein Waschtisch in der Ecke mit einem großen Kruge voll Eiswasser, auf dem ein reines steifgestärktes Handtuch lag. Das war die ganze Ausstattung des Zimmers. Ein Mann, vermutlich der Gehilfe eines Abteilungsvorstehers, stand, sich auf eine Stuhllehne stützend, an der einen Schmalseite des Tisches. Shelgrim selbst saß in seinem großen Drehstuhl.

Er war ein großer, schwerer, fast plump zu nennender Mann. Der eisgraue Schnurr- und Vollbart bedeckte den Mund und den unteren Teil des Gesichtes vollständig. Seine Augen waren hellblau und etwas wässerig; das bleiche Gesicht zeigte hier und da einige Leberflecken. Was aber Presley sofort auffiel, das war die ungeheure Breite seiner Schultern. Er hatte noch nie einen breitschulterigeren Mann gesehen. Ein kurzer Hals steckte in diesen mächtigen, fast zu einem Buckel gerundeten Schultern, die dazu geschaffen schienen, die schwerste Verantwortlichkeit und eine jeden andern niederdrückende Last von Haß sich aufbürden zu lassen.

Er trug ein schiefgerücktes seidenes Käppchen und einen langärmeligen doppelreihigen Rock von schwarzem Tuch mit dazugehöriger Weste, an deren unteren Knöpfen der Stoffüberzug abgeschabt war, so daß man das Metall darunter sehen konnte; die oberen waren offen, und in dem Hemdbusen waren zwei Perlen eingeknöpft.

Presley, der unbeachtet blieb, setzte sich, ohne dazu aufgefordert zu sein. Der Beamte erstattete eben einen Bericht. Er sprach, ohne seine Stimme zu dämpfen, so daß Presley jedes Wort verstehen konnte. Der Bericht fesselte seine Aufmerksamkeit. Er betraf einen Buchhalter in dem Bureau des die Ausgaben prüfenden Rechnungsbeamten. Der Mann schien durchaus zuverlässig, fleißig und strebsam zu sein. Zeitweise aber – und auch nur in langen Zwischenräumen – erfaßte ihn der Saufteufel; er war dann drei Tage lang wie behext. Während dieses Zeitraumes und der nächsten Tage leistete er so gut wie nichts. Der Mann hatte Frau und Kinder und gab sich alle Mühe, sein Laster abzulegen; in nüchternem Zustande war er eine tüchtige Arbeitskraft. Das hatte man berücksichtigt und ihm immer und immer wieder verziehen.

»Sie werden sich erinnern, Herr Shelgrim,« sagte der Beamte, »daß Sie sich mehr als einmal für ihn verwendet haben, wenn wir seine Entlassung anregten. Ich glaube nicht, daß wir ihn länger behalten können. Jedesmal verspricht er sich zu bessern, aber es ist immer wieder die alte Geschichte. Dieses Mal hat er sich vier Tage lang nicht sehen lassen. Ich glaube wirklich, Herr Shelgrim, wir sollten Tentell den Abschied geben. Wir können uns den Luxus nicht leisten, ihn zu behalten. Wir verlieren zu viel Geld durch ihn. Hier ist seine Entlassung fertig zur Unterschrift, falls Sie sie wünschen.«

Eine Pause trat ein. Atemlos wartete Presley auf die Entscheidung. Der Beamte legte das mit der Maschine hergestellte Entlassungsschreiben vor seinen Oberen. Das Schweigen hielt an; in der Vorhalle draußen wurde die schmiedeeiserne Tür des Aufzuges klirrend zugeschoben. Shelgrim würdigte das Schriftstück keines Blickes. Er schwang seinen Drehstuhl nach den Fenstern hinter sich herum und blickte starr ins Freie. Endlich redete er:

»Tentell hat Familie, eine Frau und drei Kinder ... Wieviel zahlen wir ihm?«

»Einhundertunddreißig.«

»Verdoppeln wir das, oder sagen wir zweihundertundfünfzig. Wir wollen sehen, wie das wirkt.«

»Gewiß – natürlich – wenn Sie meinen, aber wirklich, Herr Shelgrim – –«

»Gut, versuchen wollen wir's jedenfalls.«

Presley fand, ehe der Beamte sich zurückzog, keine Zeit, seine Auffassung von der Eigenart des Präsidenten der P. und S. W. mit dem eben beobachteten, ihm neuen Charakterzuge in Einklang zu bringen. Shelgrim machte einige Notizen auf die Schreibunterlage vor ihm und unterzeichnete eine Anzahl Briefe, ehe er Presley seine Aufmerksamkeit schenkte. Endlich sah er auf und schaute den jungen Mann mit einem ernsten, durchdringenden Blicke an. Er hatte kein freundliches Lächeln für seinen Besucher. Es dauerte einige Zeit, ehe er ihn anredete. Endlich sagte er:

»Darf ich bitten?«

Presley trat vor und nahm einen näheren Stuhl. Shelgrim machte mit seinem Sessel eine kleine Drehung und langte nach der auf dem Tische liegenden Karte seines Besuchers. Presley bemerkte, daß er sie, ohne eine Brille zu benutzen, las.

»Sie sind der junge Mann,« sagte Shelgrim, sich nach ihm umwendend, »der das Gedicht ›Die Mühseligen‹ geschrieben hat?«

»Allerdings.«

»Es scheint viel Aufsehen gemacht zu haben. Ich habe es gelesen und habe auch im Hause Cedarquists das Bild gesehen, das Sie dazu angeregt hat.«

Presley, der gespannt auf jedes Wort, jede Bewegung Shelgrims aufmerkte, nahm wahr, daß dessen Körper stets unbeweglich blieb. Kopf und Arme bewegten sich, aber der gewaltige Rumpf rührte sich nicht. Als im weiteren Verlauf der Unterredung diese Eigentümlichkeit noch mehr hervortrat, kam Presley auf den sonderbaren Gedanken, daß Shelgrim seinen Körper in dem Stuhle ausruhen ließ, während Kopf, Hirn und Hände unabhängig von dem rastenden Rumpfe arbeiteten. Ein kleiner Teller mit geschälten Haselnüssen stand handgerecht auf dem Tische; von Zeit zu Zeit langte er mit seinem großen Daumen und Zeigefinger nach einer Nuß und führte sie zum Munde.

»Ich habe das ›Die Mühseligen‹ genannte Bild gesehen,« fuhr Shelgrim fort, »und ich muß sagen, daß mir das Bild besser gefällt als das Gedicht.«

»Das Bild ist das Werk eines Meisters,« beeilte sich Presley zu bemerken.

»Und deshalb eben,« entgegnete Shelgrim, »läßt es nichts mehr zu sagen übrig. Sie hätten ebensogut schweigen können. Aufs beste läßt sich etwas nur einmal sagen. Und das Gemälde ›Die Mühseligen‹ ist deshalb ein großes Kunstwerk, weil der Künstler darin das Beste gesagt hat, was sich über den Gegenstand sagen läßt.«

»In diesem Sinne habe ich nie darüber nachgedacht,« entgegnete Presley, der ganz verlegen und ratlos war. Was er in Shelgrim zu finden erwartet hatte, würde er nicht haben sagen können. Aber immerhin war er darauf vorbereitet gewesen, eine harte, unbarmherzige Herrennatur, einen Mann von Blut und Eisen kennen zu lernen; statt dessen hatte er einen Gefühlsmenschen und einen Kunstkritiker in ihm entdeckt. Mit einem dem geistigen Rüstzeuge Presleys entnommenen Maßstabe ließ sich dieser Mann nicht messen, und es begann dem Besucher aufzudämmern, daß sein Maßstab möglicherweise nicht besonderer Art zu sein brauchte, sondern sich tatsächlich nur als gänzlich unzureichend erwies. Er fing an, in Shelgrim nicht nur den bedeutenden, sondern auch den großherzigen Mann zu sehen, der in seiner Vielseitigkeit und seinem weitgehenden Mitgefühl das gleiche Verständnis für die menschliche Natur, in einem Gewohnheitssäufer, für den geistigen Gehalt eines von Meisterhand gemalten Bildes und für die geschäftliche Leitung und den Betrieb von zehntausend Meilen Eisenbahn besaß.

»In diesem Sinne habe ich nie darüber nachgedacht,« wiederholte Presley. »Es liegt viel Wahres in dem, was Sie sagen.«

»Wenn ich auf eine derartige Sprache hören soll,« fuhr Shelgrim fort, »so will ich sie unmittelbar hören. Ich ziehe es vor zu hören, was der große französische Maler zu sagen hat, anstatt den Worten zu lauschen, die Sie über das verlieren, was er bereits gesagt hat.«

Shelgrim sprach, solange das, was er ausdrücken wollte, in seinem Hirn noch frisch war, laut und mit scharfer Betonung. Näherte er sich aber dem Ende seiner Sätze, so sank seine Stimme, als ob der Gedanke ihn nicht länger zu beschäftigen vermochte. Die letzten Worte kamen dann undeutlich aus seinem grauen Barte hervor; hin und wieder lispelte er auch ein klein wenig.

»Ich schrieb das Gedicht,« wandte Presley ein, »in einem Zustande hochgradiger Erregung. Ich lebe oder lebte vielmehr auf der Los Muertos-Ranch in Tulare County – Magnus Derricks Ranch.«

»Die an Herrn Derrick verpachtete Ranch der Eisenbahn,« verbesserte ihn Shelgrim.

Mit einer müde Hilflosigkeit ausdrückenden Gebärde hob Presley die Hände.

»Ich vermute,« fuhr der Präsident der P. und S. W. fort, »daß Sie mich für einen abgefeimten alten Schuft halten.«

»Ich glaube,« entgegnete Presley, »ich bin überzeugt –« Zögernd suchte er nach Worten.

»Glauben Sie mir, junger Mann,« rief Shelgrim und klopfte, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, mit dem dicken Zeigefinger auf den Tisch, »glauben Sie mir: Eisenbahnen bauen sich selbst. Wo eine Nachfrage ist, wird früher oder später auch ein Angebot sein. Läßt Herr Derrick den Weizen wachsen? Der Weizen wächst von selbst. Kommt es auf Mister Derrick an? Ist er die treibende Kraft? Kommt es auf mich an? Baue ich die Eisenbahn? Mit treibenden Kräften haben Sie's zu tun, junger Mann, wenn Sie von der Bahn und vom Weizen reden, und nicht mit einzelnen Menschen. Hier ist der Weizen, das Angebot. Er muß fortgeschafft werden, um das Volk zu ernähren. Das ist die Nachfrage. Der Weizen ist eine treibende Kraft, die Eisenbahn eine andre, und beide sind dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterworfen. Die einzelnen Menschen haben mit der ganzen Sache herzlich wenig zu tun. Verwicklungen können entstehen, Verhältnisse können eintreten, die den und jenen hart treffen – ihn vielleicht vernichten –, aber der Weizen muß mit derselben Unvermeidlichkeit, wie er wächst, dorthin geschafft werden, wo er das Volk ernähren soll. Wenn Sie irgend jemand für den Kampf auf Los Muertos verantwortlich machen wollen, so begehen Sie einen Irrtum. Machen Sie die Verhältnisse, nicht die Menschen dafür verantwortlich.«

»Aber – aber,« stammelte Presley, »Sie stehen an der Spitze, Sie verfügen über die Bahn.«

»Sie sind noch ein sehr junger Mann. Ueber die Bahn verfügen? Kann ich ihre Entwicklung aufhalten? Ich kann Bankrott machen, wenn Sie wollen. Aber wenn ich meine Bahn als ein geschäftliches Unternehmen leite, so kann ich nicht mit ihr machen, was ich will. Ich kann nicht über sie verfügen. Sie ist eine aus gewissen Verhältnissen hervorgegangene Kraft, und ich – niemand – kann ihre Entwicklung aufhalten oder nach Belieben über sie verfügen. Kann Ihr Herr Derrick den Weizen hindern zu wachsen? Er kann seine Ernte verbrennen oder sie verschenken oder sie für einen Cent den Bushel verkaufen – ebenso wie ich Bankrott machen kann –, aber trotz alledem muß der Weizen wachsen. Kann jemand den Weizen niederhalten? Nun, ebensowenig kann ich die Bahn niederhalten.«

Wie betäubt und mit wirbelndem Hirn betrat Presley wieder die Straße. Dieser neue Gedanke, diese neue Auffassung verblüffte ihn. Er hätte nichts dagegen zu sagen gewußt, denn es war der helltönende Widerhall der Wahrheit. Treibende Kräfte also, Verhältnisse, Gesetze von Angebot und Nachfrage waren die feindlichen Mächte? Nein, keine feindlichen Mächte! Im Wesen der Natur lag nichts Feindseliges, sondern nur eine ungeheure Gleichgültigkeit, mit der sie unverrückbaren Zielen unaufhaltsam zuschritt. Sie war eine riesige Maschine, eine ins Unermeßliche gesteigerte Kraft von zyklopischer Furchtbarkeit, ein Leviathan mit einem Herzen von Stahl, der keine Duldung, kein Mitleid, keine Reue kannte und der mit der unerschütterlichen Ruhe des Nirwana das ihm im Wege stehende menschliche Atom zermalmte, ohne daß die leiseste Erschütterung in all dem wunderbaren Gefüge von Treib- und Zahnrädern nachbebte.

Presley ging in seinen Klub und speiste dort, trübsinnig vor sich hinbrütend und in ein Gewebe düsterer Gedanken verstrickt, zu Nacht. Als er nach beendeter Mahlzeit eben aufstehen wollte, ereignete sich ein Zwischenfall, der ihn im Augenblick aufrüttelte und seinen Gedanken eine andre Richtung gab.

Sein Tisch stand nahe an einem Fenster, Presley schlürfte eben den letzten Schluck des die Mahlzeit abschließenden Kaffees und sah dabei zufällig auf die Straße. Plötzlich blieben seine Blicke an einer ihm bekannt scheinenden Gestalt hängen. Konnte das wohl Minna Hooven sein? Die Person bog um eine Straßenecke und kam ihm aus den Augen; jedenfalls hatte sie Minna sehr ähnlich gesehen. Sofort sprang Presley auf, griff nach seinem Hut und eilte auf die Straße, deren Laternen bereits brannten.

So sehr er aber auch suchte, es gelang ihm nicht, das Mädchen zu finden, in dem er die Tochter des unglücklichen Deutschen erkannt zu haben glaubte. Endlich gab Presley die Suche auf und kehrte in seinen Klub zurück, der um diese Zeit fast unbesucht war. Nachdem er noch einige Zigaretten geraucht und zur Beruhigung seiner Nerven in einem der Klubbibliothek entnommenen Buche zu lesen versucht hatte, ging er erschöpft und verstört endlich zu Bette.

Presley hatte sich übrigens nicht geirrt. Das Mädchen, dem er zu folgen versucht hatte, war in der Tat Minna Hooven gewesen.

Als Minna eine Woche zuvor nach einem Tage vergeblicher Bemühungen, Arbeit zu finden, in das Gasthaus auf der Castro-Straße zurückkehrte und dort ihre Mutter und Hilda nicht mehr vorfand, war sie sprachlos vor Schreck und Kummer. Sie war noch nie in einer größeren Stadt als Bonneville gewesen und wußte jetzt nicht, was sie tun und wie sie sich das Verschwinden von Mutter und Schwester erklären sollte. Daß die Wirtin auf dem Punkte war, ihnen die Tür zu weisen, wußte Minna. Es war aber ein Abkommen mit ihr getroffen worden, daß die Familie noch einen Tag länger bleiben sollte, weil Minna Arbeit zu finden hoffte. Daran erinnerte sie die Wirtin. Die aber übergoß sie mit einer solchen Flut von Schmähungen, daß die Aermste zu stummer Unterwürfigkeit eingeschüchtert wurde.

»O, o,« stammelte sie endlich. »Ich weiß. Es ist mir ja schrecklich. Ich weiß, wir schulden Ihnen Geld, aber wo ist denn meine Mutter hin? Ich will sie ja nur finden.«

»Ach, lassen Sie mich in Ruh!« kreischte das Weib. »Woher soll ich das wissen?«

In Wahrheit verhielt sich die Sache so, daß Frau Hooven, nachdem sie vor die Tür gesetzt und ihr mit der Polizei gedroht war, falls sie sich in der Nähe des Hauses blicken ließe, bei der Wirtin ein altes Stück Löschpapier mit einigen darauf gekritzelten Worten hinterlassen hatte; diesen Zettel, der Minna bei ihrer Rückkehr übergeben werden sollte, hatte die Wirtin verloren. Um nun ihre Nachlässigkeit zu bemänteln, stellte sie sich höchst zornig und erbost an.

»Ich will mit solchem Kroppzeug wie euch nichts zu tun haben!« schrie sie Minna an. »Ich weiß nicht, wo Ihre Leute sind. Was ich bin, ich habe nur mit anständigen Leuten zu tun. Solange die Miete bezahlt wird, sage ich kein Wort. Sobald ich aber um 'ne ganze Woche Miete beschwindelt werde, dann ist's aus. Machen Sie, daß Sie fortkommen. Ich kenne Sie nicht. Ich will nicht, daß mein Haus in schlechten Ruf kommt, weil Menschen von der Süd- und Marktstraße sich davor rumtreiben. Scheren Sie sich fort, oder ich ruf' 'nen Polizisten!«

Außer sich vor Schreck und Angst floh Minna auf die Straße. Es war ungefähr fünf Uhr. Sie hatte fünfunddreißig Cents in der Tasche; das war ihre ganze Habe. Was nun?

Und jetzt überfiel sie jäh die Furcht vor der großen, fremden Stadt, die blinde, maßlose Angst, die nur der Ausgestoßene kennt; ihr war, wie wenn Geierklauen sich um ihren Hals krallten.

Die Erfahrungen der ersten auf der Suche nach Arbeit verbrachten Tage hatten ihr eben das gelehrt, was sie von dieser neuen Welt, in die sie hineingestoßen war, hätte erwarten sollen. Was sollte aus ihr werden? Was sollte sie tun, wohin sich wenden? Welch schreckliche Fragen, auf die es keine Antwort gab! Und nicht nur für sich selbst hatte sie zu fürchten. Was war aus der Mutter und der kleinen Schwester geworden, die beide gleich unfähig waren, für sich zu sorgen? Wo waren sie hingegangen? Hatten sich die beiden verirrt, waren sie ratlos wie sie selbst? Im Weitergehen jedoch besann sie sich. Der Gedanke, daß sie, daß ihre Mutter, daß Hilda verhungern sollten, war doch unsinnig. Natürlich würde es dazu nicht kommen, natürlich nicht. Man verhungerte nicht so leicht. Und es würde sich schon alles zum Bessern wenden, natürlich, das würde es – mit der Zeit. Aber wie würde sie inzwischen nur über die bevorstehende Nacht und die nächsten Tage hinwegkommen? Daran mußte zuerst gedacht werden.

Die Plötzlichkeit, mit der das alles über sie hereingebrochen war, stellte ihr Selbstvertrauen auf die härteste Probe. Während der neunzehn Jahre ihres Lebens hatte sie nie erfahren, was es heißt, sich selbst durchzuhelfen. Der Verdienst des Vaters hatte zur Erhaltung seiner Familie gereicht; Hooven hatte stets nach Kräften für sie gesorgt. Jetzt war der Vater tot und die Mutter ihr entrissen. Mit einem Male hatte sie von nirgendher Hilfe zu erwarten. Und jetzt trat die furchtbare Frage an sie heran: »Was kannst du tun, um nicht zu verhungern?« Sie mußte sich mit dem Leben abfinden, sie mußte dem riesigen Steinbild unverrückt in die glanzlosen Augen blicken.

Es dämmerte bereits. Minna, die nicht auffallen wollte – denn es schien ihr, daß Tausende von spähenden Augen sie beobachteten –, suchte ein unbefangenes Wesen anzunehmen und schlug raschen Schrittes die Richtung nach dem Geschäftsteile der Stadt ein.

Sie war recht nett gekleidet. Zu dem blauen Tuchrock mit Plüschgürtel von derselben Farbe trug sie eine rosa Hemdbluse und darüber ein Jäckchen, einen Matrosenhut von Strohgeflecht und leidliche Schuhe, die früher ihrer Mutter gehört hatten. Selbst die drückende Sorge, unter der sie litt, hatte ihre hellen, grünlich-blauen Augen nicht getrübt, die auffallende Röte ihrer Lippen nicht gebleicht und die Wangen des außergewöhnlich weißen Gesichts nicht einfallen lassen. Das schwarzblaue Haar war wohlgeordnet. Sie hatte eine gute Gestalt mit jugendlichen, runden Formen und eine gute Haltung. Trotz ihres Kummers bemerkte sie, daß die Männer sie ansahen und ihr nachblickten. Aber sie ward sich dieses Umstandes nur dunkel und halb unbewußt inne. Die wirkliche Minna hegte die schlimmsten Befürchtungen und murmelte, von tausend Aengsten gepeinigt, unaufhörlich vor sich hin: »Was soll ich tun, was soll ich tun, o, was soll ich jetzt tun?«

Nach einem endlosen Wege erreichte sie die Kearneystraße und folgte ihr, bis die guterleuchtete und sauber gehaltene Nachbarschaft der feineren Geschäfte in das vom Laster wimmelnde Barbary-Coast-Viertel mit seinen verrufenen Kneipen und Tingeltangeln überging. Um diese Gegend zu vermeiden, bog sie seitwärts ab und geriet dabei in die Chinesenstadt, aus der sie sich erst nach einer ihr unvergeßlichen fürchterlichen halben Stunde atemlos und vor Angst zitternd wieder herausfand; es war mittlerweile ganz dunkel geworden.

An der Ecke der Kalifornia- und Dupontstraße blieb sie eine Zeitlang stehen und überdachte ihre verzweifelte Lage.

»Ich muß etwas tun,« sagte sie sich, »ich muß etwas tun.«

Minna war jetzt todmüde, und da kam sie auf den Gedanken, die katholische Kirche, in deren Schatten sie stand, zu betreten und auf einer der Bänke zu rasten. Der Abendgottesdienst ging eben zu Ende. Aber lange noch, nachdem Priester und Ministranten den Altar verlassen hatten, saß Minna in der dunkeln widerhallenden Kirche und suchte sich mit ihrer verzweifelten Lage, so gut sie konnte, abzufinden.

Zwei oder drei Stunden später weckte sie der Küster. Die Kirche wurde geschlossen; sie mußte hinaus. In der scharfen Nachtluft fröstelnd, steif vom langen Sitzen in derselben gezwungenen Stellung, noch immer müde und verschlafen, verwirrt und verängstigt stand Minna wieder auf der Straße. Sie begann hungrig zu werden; das Verlangen nach Nahrung wurde immer dringender, und so entschloß sie sich endlich, für fünf Cents eine Tüte mit Obst zu kaufen, das sie gierig verzehrte. Dann nahm sie ihre Wanderung wieder auf.

In einer dunkeln Seitengasse der Kearneystraße, nicht weit von der Ecke der Plaza, bemerkte sie endlich ein erleuchtetes Schild, das die Inschrift trug: »Betten für die Nacht, fünfzehn und fünfundzwanzig Cents.«

Fünfzehn Cents! Durfte sie das daran wenden? Ihr würde dann nur ein winziger Betrag bleiben, das allerletzte, was sie besaß; mußte sie auch das noch hingeben, so trat der Zustand völliger Mittellosigkeit ein, an den sie nicht zu denken wagte. Außerdem aber flößte ihr der abschreckende Anblick des Hauses Furcht ein. Es war finster, unheimlich, schmutzig – ein Haus, das die Vorstellung unentdeckt bleibender Verbrechen und verborgener Schrecknisse erweckte. Zwanzig Minuten, eine halbe Stunde lang zögerte sie und ging wohl zwei- oder dreimal um das Viertel herum. Endlich entschloß sie sich. Eine Müdigkeit, wie sie Minna noch nie gekannt hatte, lastete wie Blei auf ihren Schultern und hemmte ihre Schritte. Sie mußte schlafen. Sie konnte nicht die ganze Nacht die Straßen auf- und abwandern. Sie ging durch die offene Haustür unter dem erleuchteten Schilde und stieg eine steile schmutzige Treppe hinauf. Oben stand ein Mann in blauer Arbeitsbluse hinter einem hohen Pulte und füllte eine Lampe. Minna redete ihn an.

»Ich möchte gern,« stammelte sie, »ein Zimmer – ein Bett für die Nacht haben. Eins für fünfzehn Cents tut's schon, denk' ich.«

»Ja, dieses Haus ist nur für Männer,« entgegnete der Mann und blickte von seiner Lampe auf.

»O,« sagte Minna, »o – das – das hab' ich nicht gewußt.«

Stumpfsinnig starrte sie ihn an; mit derselben Ausdruckslosigkeit begegnete er ihrem Blick. So sahen sich die beiden eine ganze Weile in die Augen.

»Ich – ich hab' das nicht gewußt,« wiederholte Minna.

»Ja, 's ist nur für Männer,« gab er zurück.

Sie ging langsam die Treppe hinunter und stand wieder auf der Straße.

Und auf der Straße, die, während die Stunden vorrückten, immer menschenleerer, immer stiller wurde, und auf der die Heimatlose die bittere Not des Lebens der Armen und Enterbten immer drückender empfand, verbrachte Minna Hooven die erste Nacht ihres Ringens, den Kopf über den Fluten des Meeres der Großstadt zu halten, in das sie gestoßen worden war.

Der Morgen kam und mit ihm neuer Hunger. Minna hatte mittlerweile wieder ihren Weg nach den Wohnvierteln gefunden und saß gegen zehn Uhr auf einer Bank in einem von Kindermädchen und ihren Pfleglingen wimmelnden kleinen Park. Einige der Mädchen schoben ihre Kinderwagen nach Minnas Bank, nahmen dort Platz und setzten ein bereits begonnenes Gespräch fort. Minna hörte zu. Die Freundin eines der Mädchen hatte plötzlich ihre Stellung aufgegeben und auf diese Weise, wie sie meinte, ihre »Madame« verdienterweise bestraft.

»O,« sagte Minna, sich einmischend und mit ungewohnter Geläufigkeit lügend, »ich bin ein Kindermädchen. Ich bin außer Stellung. Glauben Sie, ich könnte die Stelle bekommen?«

Die Mädchen wandten sich nach ihr um und sahen Minna, in der sie offenbar sofort die Landpomeranze erkannten, sehr von oben herab an.

»Sie können's ja versuchen,« sagte eine von ihnen. »Haben Sie gute Referenzen?«

»Referenzen?« wiederholte Minna bestürzt. Sie wußte nicht, was das war.

»O, Frau Field ist nicht so, daß sie auf Referenzen besteht,« ließ sich eine andre vernehmen. »Sie ist so gutmütig. Ach, irgendwer kann ihr was weismachen.«

»Ich werde hingehen,« sagte Minna. »Haben Sie die Adresse?«

Man gab sie ihr.

»Lorin,« murmelte sie. »Das ist wohl nicht in der Stadt?«

»Nein, 's ist drüben über der Bai.«

»Ueber der Bai?«

»Ja. Sie sind wohl vom Lande, nicht wahr?«

»Ja. Wie – wie komm' ich denn dorthin? Ist's weit?«

»Na, Sie nehmen das Fährboot unten an der Marktstraße und drüben steigen Sie in den Zug. Nein, 's ist nicht sehr weit. Befragen Sie sich nur. Man wird Ihnen schon Bescheid sagen.«

Das war eine Gelegenheit, die sich ihr bot. Als Minna jedoch die Landungsstelle der Fährboote erreichte, erfuhr sie, daß die Fahrt hin und zurück zwanzig Cents kostete. Erwies sich diese als vergeblich, so standen nur noch zehn Cents zwischen ihr und dem Ende mit Schrecken. Aber hier war eine Möglichkeit – die einzige, die sich ihr bis jetzt geboten hatte. Minna unternahm die Fahrt.

Die Straßenbahnen und die Fährboote, die Lokomotiven und die Personenwagen der Vorortzüge erinnerten mit ihrer Aufschrift P. u. S. W. R. R. die Aermste fortwährend an den Tod ihres Vaters und die riesige Macht, die sie in ihre verzweifelte Lage gebracht hatte. Ueberall hatte sie die verhaßten Buchstaben vor Augen, bis sie nichts andres mehr zu sehen glaubte. Ihr war, als ob das Ungeheuer von allen Seiten seine Fangarme nach ihr ausstreckte.

Von Minute zu Minute wurde ihr Hunger nagender; fortwährend mußte sie daran denken. Als sie auf dem Boot saß, überraschte sie sich dabei, wie sie die Gesichter der Mitfahrenden prüfte und darüber nachsann, wann der eine gefrühstückt hatte und um welche Zeit der andre zu Mittag essen würde.

Als Minna in Lorin auf der andern Seite der Bai aus dem Zuge stieg, fand sie, daß das Städtchen einer jener Vororte war, die noch nicht in die Mode gekommen und in der Umgebung einer jeden amerikanischen Großstadt zu finden sind. In der Nähe der Bahn standen gruppenweise und einzeln Villen und größere Häuser – Spekulationen von Bauunternehmern –, und entlang der Bahnlinie selbst prangten auf riesigen Holzschildern und in mannsgroßen Buchstaben die Anpreisungen von vorstädtischem Bauland und Einfamilienhäusern.

Minna fand ohne besondere Mühe Frau Fields nettes, kleines Landhaus, das durch einen Vorgarten von der Straße getrennt und von Palmen, Lebenseichen und den unvermeidlichen Eukalyptusbäumen beschattet war. Bei seinem Anblick wurde ihr warm ums Herz. O, wenn sie hier einen Winkel für sich fände, eine Zuflucht vor diesen entsetzlichen Straßen der Stadt und vor der Ratte des Hungers mit ihrem unbarmherzig nagenden Zahn. Wie gerne würde sie arbeiten, wie eifrig sich um die Zufriedenheit ihrer Herrschaft bemühen, wie geduldig jeden Tadel hinnehmen, wie treu und zuverlässig wollte sie sich zeigen. Wenn sie vorgab, ein Kindermädchen zu sein, so sagte sie nicht schlechtweg die Unwahrheit. Zu Hause hatte sie fast ausschließlich für Hilda, ihre kleine Schwester, zu sorgen gehabt und verstand sich daher auf Kinderpflege.

Das Herz pochte und der Atem stockte ihr, als sie die in der Mitte der Haustür angebrachte Glocke zog.

Die Frau vom Hause, eine ältere Dame mit einem guten Gesicht, öffnete. Minna sagte weshalb sie gekommen wäre.

»Ich habe aber schon ein Mädchen gemietet,« wurde ihr entgegnet.

»O,« murmelte Minna, die alle Kraft zusammennahm, um den Schein zu bewahren.

»O – ich dachte – vielleicht –«

»Das tut mir leid,« sagte die Dame und fügte dann hinzu: »Würden Sie vielleicht die Pflege von drei kleinen Kindern und daneben noch etwas leichte Hausarbeit übernehmen wollen?«

»Jawohl, Madame.«

»Meine Schwester – sie wohnt in North Berkeley – sucht ein Mädchen. Haben Sie genügende Erfahrung und gute Referenzen?«

»Jawohl, Madame.«

»Schön, ich werde Ihnen die Adresse geben. Sie wohnt in North Berkeley.«

Die Dame ging ins Haus zurück und kam nach einigen Augenblicken mit einer Karte wieder, die sie Minna gab.

»Das ist die Adresse – verwischen Sie sie nicht, mein Kind, die Tinte ist noch naß – stellen Sie sich nur vor.«

»Ist es weit? Kann ich bis dorthin gehen?«

»O, bewahre! Sie müssen die Elektrische nehmen, etwa sechs Viertel weiterhin.«

Als Minna North Berkeley erreichte, hatte sie kein Geld mehr. Infolge eines unglückseligen Mißverständnisses hatte sie einen in der entgegengesetzten Richtung fahrenden Wagen bestiegen. Der Irrtum wurde zwar bald bemerkt, er kostete ihr aber das letzte Fünfcentstück. Ihr blieb nur noch eine Hoffnung; aber auch die erwies sich sehr bald als trügerisch. Die Stelle war, wie die vorige, bereits besetzt, und Minna verließ die Tür, an die sie umsonst geklopft hatte, mit der Gewißheit, daß ihr jede Daseinsmöglichkeit genommen war und daß sie jetzt, des letzten kläglichen Schutz- und Abwehrmittels, ihres letzten Pfennigs beraubt, dem letzten Kampfe um ihr Leben, dem Ringen mit dem Tode entgegenging.

Und als sie zum Tode matt und fast ohnmächtig ihre endlose Wanderung jetzt wieder aufnahm, hatte sie das bestimmte Gefühl, daß diese Mattigkeit, dieser ohnmachtsartige Zustand völliger Erschöpfung Vorboten des Hungertodes waren. Nahte denn das Ende schon heran? Todesfurcht stachelte ihre rasch sinkende Kraft wieder auf.

»Ich muß, ich muß etwas tun, o, irgend etwas. Ich muß etwas zu essen haben!«

Zu spät kam sie jetzt auf den Gedanken, ihr Jäckchen zu versetzen, aber sie war fern von der Stadt und ihren Pfandleihen und hatte kein Geld für die Rückfahrt.

Sie wanderte weiter. Eine Stunde verging. Minna wurde verwirrt und verlor allen Ortssinn; ziellos und unbekümmert um die Richtung, die sie einschlug, bog sie in Seitenstraßen ein und ging, ohne zu wissen wohin, weiter und weiter. Und kostete es den letzten Rest ihrer Kräfte, Minna mußte in Bewegung bleiben denn sie hatte die qualvolle Vorstellung, daß, wenn sie stillstand, die Ratte in ihrer Magengrube immer unbarmherziger nagte.

Endlich betrat sie ein Gehege, das ein Park oder eine andre, gemeinnützigen Zwecken dienende Anlage zu sein schien. Zahlreiche Bäume standen einzeln oder gruppenweise auf weiten Rasenflächen, die von gutgehaltenen schattigen Fahr- und Fußwegen in anmutigen Windungen durchzogen wurden. Jenseits einer großen, von der Sommersonne braun gebrannten und verdorrten Wiese schimmerten hohe Gebäude und ein Flaggenmast durch die Bäume. Das Ganze mutete wie eine große öffentliche Unterrichts- und Erziehungsanstalt an. Aus verschiedenen an Bäumen befestigten Warnungstafeln, die das Abpflücken von Blumen verboten, ersah Minna, daß ihr Weg sie in die das Universitätsgebäude des Staates umgebenden Anlagen geführt hatte. Im Weitergehen gelangte sie schließlich zu einer Gruppe riesiger Lebenseichen, deren unterste Aeste fast bis zum Erdboden reichten. In ihrem kühlen Schatten breitete sich ein mit Blumen durchwirkter grüner Rasenteppich aus. Selten hatte Minna ein lieblicheres Stückchen Erde gesehen. Um den Stamm der stärksten Lebenseiche war eine Bank gebaut; auf diese ließ sich Minna Hooven, von Hunger und Müdigkeit aufs äußerste erschöpft, endlich fallen und fragte sich verzweiflungsvoll, was sie jetzt noch tun konnte.

Kaum aber rastete sie, da begann der tierische Selbsterhaltungstrieb sich in ihr zu regen; das Verlangen nach Speise und Ruhe, nach einem sicheren Obdach für die nächste Nacht wurde immer dringender, immer ungestümer und steigerte sich zu einem solchen Grade, daß sie in ihrer Pein die schwachen, vor Hunger zitternden Hände zu Fäusten ballte, während heiße Tränen aus ihren Augen stürzten und ein der gequälten Brust sich entringendes Schluchzen ihren schmerzenden Hals würgte.

Nach einigen Augenblicken jedoch bemerkte sie, daß eine Dame von etwa dreißig Jahren zweimal an ihrer Bank vorüberging; als sie sich die Dame genauer ansah, erinnerte sich Minna, daß sie in demselben Boot mit ihr von der Stadt übergefahren war.

Die starkgeschnürte Person war ganz in Seide gekleidet und trug einen prächtigen Hut von etwas auffallender Form und Farbe. Minna merkte, daß sie von ihr beobachtet wurde, aber noch ehe sie Gelegenheit hatte, diesem Umstande entsprechend zu handeln, kam die Fremde zu ihrer maßlosen Ueberraschung auf sie zu und redete sie an.

»Das ist aber ein merkwürdiger Zufall,« rief die Person und setzte sich neben Minna. »Sie sind doch das junge Mädchen, das auf dem Boot mir gegenüber gesessen hat. Sonderbar, daß ich Sie zufällig wieder treffe! Ich habe die ganze Zeit an Sie gedacht.«

Minna bemerkte jetzt, daß die Dame geschminkt war und eine Wolke von Wohlgeruch um sich verbreitete. Sonst hatte sie nichts Außergewöhnliches an sich; nur waren die Linien um ihren Mund etwas hart, und die Augenlider zeigten beim Senken und Heben eine gewisse Schlaffheit.

Diese Besonderheiten im Verein mit einem ungemein selbstbewußten Wesen erregten Minnas Aufmerksamkeit.

»Wissen Sie wohl,« fuhr die Dame fort, »ich glaube, daß ein Kummer Sie drückt. Das dacht' ich mir, als ich Sie auf dem Boot sah, und denke mir's noch. Ist es so? Haben Sie Kummer? Sie sind vom Lande, nicht wahr?«

Minna, froh, eine mitfühlende Seele in dieser flüchtigen Bekanntschaft zu finden, gestand, daß es ihr schlecht ginge; sie wäre von ihrer Mutter getrennt worden und käme, wie die Dame richtig vermutet hätte, in der Tat vom Lande.

»Ich habe mir die größte Mühe gegeben, eine Stellung zu finden,« so schloß sie, »aber ich scheine kein Glück zu haben. In einer größeren Stadt wie Bonneville bin ich zuvor noch nie gewesen.«

»Ja, es ist wirklich ein merkwürdiger Zufall,« entgegnete die Fremde. »Ich hab' mich nicht umsonst zu Ihnen hingezogen gefühlt. Ich suche gerade solch ein junges Mädchen wie Sie. Sehen Sie, ich bin die meiste Zeit allein und möchte gern ein nettes, heiteres Mädchen als eine Art Gesellschafterin um mich haben. Verstehen Sie? Und Sie haben etwas an sich, das ich mag. Sie gefielen mir gleich, als ich Sie auf dem Boot sah. Was meinen Sie, wollen wir über die Sache reden?«

*

Als Presley gegen das Ende der Woche eines Nachmittags aus seinem Klub kam, stand er zu seiner Ueberraschung an einer Straßenecke plötzlich Minna gegenüber.

»Ah,« rief er, sie freudig begrüßend, »auf mein Wort, ich hatte Sie schon beinahe aufgegeben. Ueberall habe ich Sie gesucht. Ich fürchtete nämlich, daß es Ihnen nicht zum besten ginge und da wollte ich sehen, ob ich Ihnen nicht irgendwie beistehen könnte. Wie geht's Ihrer Mutter und Hilda? Wo wohnen Sie? Haben Sie eine gute Stellung?«

»Ich weiß nicht, wo die Mama ist,« antwortete Minna. »Wir sind getrennt worden, und ich habe sie nicht wiederfinden können.«

Inzwischen hatte Presley mit einem schnellen Blicke die Einzelheiten von Minnas seidenem Kleide mit seiner Spitzengarnitur, seinem Samtbesatz und der silbernen Gürtelschnalle gemustert. Sie trug das Haar anders wie früher, und ihr großer modischer Hut war auf der einen Seite nach aufwärts gebogen und mit einer großen goldenen Schnalle und einer Puffe von hellblauem Plüsch geschmückt. Scharf blickte Presley sie an.

»Ja – aber – aber wie geht's Ihnen denn?« fragte er.

Minna lachte höhnisch.

»Mir?« rief sie. »O, ich bin zum Teufel gegangen. Es war entweder das oder verhungern.«

Bleich und zitternd kehrte Presley in sein Zimmer im Klub zurück. Schlimmeres als das von ihm befürchtete Schlimmste hatte sich ereignet. Er hatte nicht rechtzeitig geholfen. Wieder war sein Vorsatz vereitelt worden. Eine abergläubische Furcht befiel ihn, daß er ein vom Schicksal Gekennzeichneter war und daß alles, was er unternahm, fehlschlagen mußte. Dahin war Minna gekommen, dazu war sie getrieben worden; er hatte seinen Entschluß, zu helfen, zu spät gefaßt und hatte daher nichts mehr für sie tun können. Sollten denn die Greuel nie aufhören? Sollte das grausige Gespenst immer wieder vor seinen Augen aufsteigen? Sollte er den Folgen, den weittragenden Folgen des Kampfes am Bewässerungsgraben immer wieder auf seinem Pfade begegnen? Wann würde die traurige Angelegenheit ihren Abschluß finden, wann das durch sie verursachte Unheil aufhören? Wo war die Stätte, nach der die Fangarme des Ungeheuers nicht hinreichten?

Das Entsetzen vor all dem Furchtbaren hatte ihn krank gemacht. Er wollte fliehen, um sich von dem endlosen Elend zu befreien, dem abzuhelfen er außerstande war. Er hatte die Ueberzeugung, ein Feigling zu sein, und war sich selbst ein Gegenstand des Abscheus.

Als Presley jetzt seinen Anzug wechselte, um der Einladung der Cedarquists nachzukommen, erfüllte ihn bittere Selbstverachtung, weil er sich mit dergleichen Nichtigkeiten zu befassen vermochte.

Er kam fast eine halbe Stunde zu spät; aber noch ehe er seinen Ueberzieher ablegen konnte, erschien Frau Cedarquist, zum Ausgehen angekleidet, in der vom Salon nach dem Vorzimmer führenden Tür.

»Mein lieber Presley,« rief die wohlbeleibte, übermäßig geputzte Dame und eilte in ihrem rauschenden Seidenkleide auf ihn zu. »Wie sehr freue ich mich! Du armer, lieber Dichter, du bist so durchsichtig wie ein Geist. Du brauchst ein besseres Diner, als ich dir bieten kann, und das sollst du auch haben.«

»Habe ich mich denn geirrt?« rief Presley. »Herr Cedarquist sagte doch Freitag abend?«

»Nein, nein, nein,« entgegnete sie, »er hat sich geirrt. Du wirst dich in einem Engagement irren! Unmöglich! Cedarquist hatte vergessen, daß wir selbst heute abend geladen sind, und als er mir sagte, er hätte dich aufgefordert, bei uns zu speisen, da bin ich über den Mann hergefallen, mein Bester – vorgenommen habe ich mir ihn. Aber ich wollte nichts davon wissen, daß er dir abtelegraphierte. Ich schrieb unsrer Wirtin ein Briefchen und fragte sie, ob ich dich nicht mitbringen könnte. Dabei teilte ich ihr natürlich mit, wer du bist, und sie nahm den Vorschlag, o, mit Empressement auf. Das ist also alles in Ordnung. Cedarquist und die Mädchen sind vorangefahren, und du, mein teurer Dichter, wirst die alte Dame hinbringen. Ich glaube, ich höre den Wagen. Allons! En voiture!«

Kaum hatte sie das kühle Dunkel des wohlgepolsterten, nach Leder und Tuch duftenden Coupés aufgenommen, als Frau Cedarquist ausrief:

»O, ich habe dir ja noch gar nicht gesagt, bei wem du speisen wirst – o, eine hervorragende Persönlichkeit. Denke dir, du begibst dich in das Lager deiner intimsten Feinde. Du wirst bei den Gerards speisen; Herr Gerard ist einer der Vizepräsidenten der P. und S. W.-Eisenbahn, deiner bête noire

Presley fuhr zusammen und ballte krampfhaft die Fäuste, so daß seine weißen Handschuhe fast barsten. Er wußte nicht, was er erwiderte, und Frau Cedarquist war derartig mit ihrem endlosen Redestrom beschäftigt, daß sie seine Bestürzung nicht wahrnahm.

»Ihre Tochter Honora geht nächste Woche nach Europa, die Mutter reist mit ihr. Frau Gerard hat heute nur ein paar Leute geladen – ganz sans cérémonie, weißt du –, uns, dich und, o, ich weiß nicht, zwei oder drei andre. Hast du je Honora gesehen? Ein reizendes kleines Ding, und reich wird sie mal! Millionen – ich könnte nicht sagen wieviele. Tiens. Nous voici!«

Das Coupé hielt an dem Bordsteine, und Presley folgte Frau Cedarquist die Stufen hinan zu der mächtigen Flügeltüre des palastartigen Gebäudes.

In fassungsloser Betäubung ließ er sich von einem Diener Hut und Mantel abnehmen und traf in einer Halle mit Glasdach, deren reicher Bilderschmuck sie als Herrn Gerards Gemäldesammlung kennzeichnete, wieder mit Frau Cedarquist zusammen; noch immer halb betäubt hörte er an dem Eingange zu einem andern großen Raume, dessen Türen mit schweren blauen Vorhängen verhängt waren, seinen und seiner Dame Namen von dem anmeldenden Diener ausrufen.

Sich für die Einführung bei den ihm unbekannten Gastgebern sammelnd, trat Presley ein.

Der Raum war sehr groß und außerordentlich hoch. Flache, rechteckige Pfeiler von rosenrotem Marmor liefen vom Fußboden aufsteigend und fast mit der Wand abgeglichen in korinthische Kapitäle aus, welche die Decke trugen. Die Decke selbst stieß nicht im rechten Winkel mit den Wänden zusammen, sondern rundete sich nach diesen hin ab. Ein Gewebe vergoldeter Voluten in hohem Relief bildete den Rahmen des großen Deckengemäldes, das Nymphen und Göttinnen, goldene Triumphwagen, weiße Tauben und andres Mythologische zeigte. Kränze und Gewinde von Rosen durchzogen und umrankten das Ganze. Die Wände zwischen den Pfeilern deckten Seidentapeten im Stile Ludwigs XV.; ihre Zeichnung war von schlichter Schönheit und feinstem Geschmack. Der Kamin war ein Wunder; er reichte vom Fußboden bis zur Decke. Zwei gebeugte Riesen aus schwarzem Marmor mit kraftstrotzenden Muskeln trugen den aus purpurnem, weißgeäderten Marmor hergestellten Oberbau, der im selben Stil wie die Zeichnung der Seidentapeten gehalten war. Ein bronzener Schild in seiner Mitte trug ein unentzifferbares Monogramm und einen lateinischen Wahlspruch. Messingne Kaminböcke von wohl sechs Fuß Höhe standen zu beiden Seiten des Herdsteines.

Vorhänge von dunkelm Brokat und gelbliche Spitzengardinen mit kunstvoll eingewebten Namensanfangsbuchstaben hingen vor den Fenstern. Gerade gegenüber von dem Kamin war ein gotisches Fenster mit herrlicher Glasmalerei angebracht, das sein Licht von dem Wintergarten nebenan erhielt. Die in glänzende Rüstungen gehüllten Gralsritter, Lohengrin mit seinem Schwan und Parsifal, der ein Banner trug, waren die Mittelfiguren. Das Fenster, ein wahres Meisterstück, wirkte wundervoll; es schimmerte, flammte und glühte in hundert Farben und Tinten, in Purpur, Weinrot, Rosa, in strahlendem Blau, in Goldgelb und einem Violett, das fast schwarz erschien.

Der den ganzen Fußboden bedeckende Teppich war so weich und elastisch wie kurzgeschorener Rasen. Felle, unter denen das eines riesigen Eisbären besonders auffiel, und kleinere Teppiche aus Seidensammet waren in geschmackvoller Anordnung darüber gebreitet. Die eine Ecke nahm ein Renaissancezierschrank aus Ebenholz ein, der Presley um mehrere Fuß überragte und mit Elfenbein und Silber eingelegt war; in der Mitte stand ein wie Eisen schwerer großer Tisch von schwarzer flämischer Eiche. Ein feiner Duft von Sandelholz erfüllte die Luft. Vom Wintergarten her war das leise Plätschern eines Springbrunnens zu hören. Zahlreiche elektrische, in den Fries zwischen den Kapitälen eingelassene Glühlampen verbreiteten, hinter Halbkugeln von mattem Glase brennend, ein mildes Licht.

Frau Gerard ging ihren Gästen entgegen. »Ah, da ist ja Herr Presley, unser junger Dichter, auf den wir alle so stolz sind. Ich fürchtete schon, Sie würden nicht kommen können. Sie bereiten mir ein besonderes Vergnügen, daß ich Sie willkommen heißen darf.«

Ein Diener trat vor sie hin.

»Es ist angerichtet, Madame!« meldete er.

*

Frau Hooven hatte sich, nachdem sie aus dem Kosthause gewiesen war, an die nächste Straßenecke gestellt, um dort auf Minnas Rückkehr zu warten; die kleine sechsjährige Hilda hielt die Hand der Mutter.

Sie war durchaus noch keine alte Frau, aber schwere Arbeit hatte sie vorzeitig altern lassen. Auf Schönheit konnte sie keinen Anspruch mehr machen, und es war ihr auch gleichgültig geworden, wie sie aussah. An dem verhängnisvollen Tage trug sie einen verschossenen Kapotthut, der mit künstlichen Blumen von schmutzigem Rot besetzt war. Um die Schultern hatte sie ein kariertes Wolltuch geschlungen. Auf die Straße gesetzt wie Minna, war sie noch übler daran als diese; denn ihr Geldtäschchen, das eine klägliche Handvoll Zehn- und Fünfcentstücke enthielt, lag in dem von der Wirtin beschlagnahmten Koffer. Minna war, bis sie ihre fünfunddreißig Cents ausgegeben hatte, nicht völlig mittellos. Ihre Mutter und die kleine Schwester aber waren gleich vom ersten Augenblicke nach ihrer Austreibung von allem entblößt.

Während Frau Hooven auf Minna wartete und jede Straßenecke und jeden herannahenden Fußgänger beobachtete, erschien ein Polizist, der sie fragte, was sie triebe. Als er keine Antwort erhielt, forderte er sie auf, weiterzugehen; stehen bleiben dürfe sie nicht.

Minna hatte schon wenig Zuversicht in dem ihr von der Großstadt aufgedrungenen Daseinskampfe gezeigt; ihrer Mutter aber fehlte jedes Selbstvertrauen. Kummer und Not, drückende Armut und vor allem andern die namenlose Angst vor dem Gedränge und dem Lärm der Straßen, hatte einen betäubungsartigen Zustand in ihr hervorgerufen; sie war stumpf und stumm wie ein vor Angst starres Tier. Nur noch ein Trieb war in der armen, einfältigen, verängstigten und verstummten Frau rege. Sie hing an ihrem Leben und dem ihrer kleinen Tochter Hilda mit der blinden, verzweifelten Beharrlichkeit einer ertrinkenden Katze.

Wortlos gehorchte sie dem Befehle weiterzugehen und versuchte es nicht einmal, dem Polizisten ihre Lage auseinanderzusetzen. Sie ging bis zur nächsten Straßenkreuzung und kehrte nach einigen Augenblicken zurück, um wieder von ihrer Ecke aus nach den Wagen der Kabelbahn auszuspähen und angstvoll die Bürgersteige entlang zu blicken.

Wieder wies sie der Polizist fort, und wieder gehorchte sie, ohne Einspruch zu tun. Als der Beamte sie aber zum dritten Male an der verbotenen Ecke traf, da wurde er ärgerlich. Er ging der scheu Davonschleichenden nach und packte die Arme, die in kopfloser Hartnäckigkeit eben wieder umkehrte, an der Schulter.

»Wollen Sie denn arretiert werden, wie?« herrschte er sie an. »Wollen Sie, daß ich Sie einsperre? Wollen Sie das? Nun, so reden Sie doch!«

Die unheilkündenden Worte wurden in ihrer ganzen Bedeutung von Frau Hoovens schwerfälligem Begriffsvermögen erfaßt. Arretiert! Sie sollte arretiert werden. Die Furcht der Bäuerin vor dem Gefängnis trieb mit scharfem Stachel ihre widerwillig umkehrendem Fersen zur Flucht. Sie eilte fort in der Absicht, auf ihren Posten zurückzukehren, sobald der Polizist gegangen wäre. Als sie sich aber endlich umwandte und das Kosthaus wieder zu finden suchte, entdeckte sie zu ihrem Schrecken, daß sie sich in einer ihr unbekannten Straße befand. Sie mußte, ohne es zu bemerken, um eine Ecke gebogen sein. Zurückzufinden vermochte sie sich nicht. Sie und Hilda hatten sich verirrt.

»Mammie, ich bin müde,« klagte Hilda.

Die Mutter nahm sie auf den Arm.

»Mammie, wohin gehen wir, Mammie?«

Ja, wohin? Bestürzt starrte Frau Hooven die endlosen Häuserviertel, den endlosen Zug der Wagen auf dem Fahrdamm, die endlosen Reihen der Fußgänger auf den Bürgersteigen an. Wo war Minna? Wo würde sie selbst und ihre Kleine diese Nacht schlafen? Was sollte sie Hilda zu essen geben? Sie durfte nicht stehen bleiben. Eine Sitzgelegenheit gab es nicht; ihr blieb nichts andres übrig als zu gehen.

O, die Via dolorosa der Armen und Verlassenen, der Kreuzesweg der Heimatlosen! O, die Meilen und Meilen, die auf dem granitnen Pflaster zurückgelegt werden müssen. Gehen und immer gehen. Sie müssen in Bewegung bleiben; immer weiter, weiter werden sie getrieben – sie wissen nicht wohin, sie wissen nicht warum. Weiter und weiter, unablässig gehen zu müssen mit blutenden Füßen und gefolterten Gelenken; gehen zu müssen mit zitternden Knien und schmerzendem Rücken; gehen zu müssen, wenngleich die Sinne vor Müdigkeit schwinden, das Verlangen nach Schlaf die Augenlider sinken macht, und jeder Nerv, Ruhe heischend, durch den Schmerz sein Warnungszeichen gibt. Am Ende der Wanderung, deren sich immer wieder kreuzende Irrwege ein vielfach verschlungenes Netz bilden, wartet der Tod. Nach einem Ziele nur führt die Via dolorosa. Aus der Mittelkammer des Labyrinths ist kein Entrinnen möglich; ein unabwendbares Schicksal führt die Füße derer, die in seine Irrwege geraten. Wie sie auch hin und her wandern, wie oft sich auch ihre, von einer der unzähligen Straßenecken zur andern führenden Schritte kreuzen, wie unzählige Male sie auch vorwärts eilen, wieder umkehren, seitwärts abbiegen und sich drehen und wenden mögen – das unerbittliche Geschick treibt sie zum Schluß in die Mittelkammer, in der ihrer wartend der Tod thront.

Bald trug, bald führte Frau Hooven auf ihrem ziellosen Wege die kleine Hilda. Viertel auf Viertel, Straße auf Straße durchwanderte sie. Aus Furcht vor den Polizisten wagte sie nicht, stehen zu bleiben. Und wenn immer die Todmüde ihre Schritte verlangsamte, so sah sie unfehlbar jedesmal eine dieser Schreckensgestalten von weitem, die, wie sie sich einbildete, sie beobachteten und nur darauf warteten, daß sie stehen blieb, um dann einen Grund für ihre Festnahme zu haben. Hilda wurde immer unruhiger.

»Mammie, wo gehen wir hin? Mammie, ich bin müde.«

Und dann wurde zum ersten Male die Klage laut, die das Mutterherz wie ein Dolchstoß traf.

»Mammie, ich bin hungrig.«

»Sei hibsch ruhig,« beschwichtigte die Aermste ihr Kind. »Bald gibt's Abendbrot.«

Von den zahllosen Vorübergehenden, von allen den um die sechste Stunde ihrem Heim zueilenden Männern und Frauen wurden die beiden hin und wieder angestoßen und zur Seite gedrängt. Mit stummer, stumpfer Neugier starrte Frau Hooven eins nach dem andern der in einem endlosen Strom an ihr vorüberwogenden Gesichter an; sie glaubte in ihnen jede andre Regung als die des Mitleids zu sehen. Heiter waren sie oder traurig, bekümmert oder fröhlich, sie waren gedankenvoll oder stumpf und nichtssagend – keins aber wandte sich mitleidig ihr zu. Der Ausdruck aller dieser Gesichter mochte noch so verschieden sein, aber bei jedem schimmerte Gefühlslosigkeit durch die Maske. Alle diese Männer und Frauen waren durch eine unermeßliche Kluft von ihr getrennt; sie standen hoch über ihr. Was war sie diesen Menschen, sie und ihr Kind, die beide schwach, gebrechlich und zum Leben untüchtig, aus der menschlichen Herde in die Wüste gestoßen waren?

Jene Leute anzubetteln, kam ihr noch nicht in den Sinn. Stolz war dabei nicht im Spiele. Sie hätte ebensoviele Sphinxe um Almosen bitten können.

Frau Hooven ging weiter. Ohne daß sie es wollte, führten ihre Füße sie im Kreise herum. Bald erkannte sie die Häuser wieder; sie war schon einmal in dieser Straße gewesen. Dieser Gedanke mochte ihr unangenehm sein; sie bog im rechten Winkel ab und ging mehr als ein Dutzend Viertel geradeaus. Inzwischen wurde es dunkler. Die Sonne war untergegangen. Die Uhr des Motorenhauses einer elektrischen Kabelbahn zeigte auf sieben. Zweifellos war Minna schon lange zuvor zurückgekehrt, ohne die Mutter vorzufinden, und hatte – ja, was hatte sie nur getan, was konnte sie überhaupt tun? Wo war ihre Tochter jetzt? Gewiß wanderte auch sie ziellos auf den Straßen umher. Was würde wohl aus der verirrten, obdach- und freundlosen Minna, die ein hübsches Mädchen war, in dem Netzwerk dieser schrecklichen Straßen werden?

Die aus ihrer Stumpfheit aufgerüttelte Frau konnte einen Ausruf der Seelenqual nicht unterdrücken. Vielleicht war das Unglück schon geschehen, welcher Jammer stand ihr noch bevor! Sie strengte ihre Gedanken an und entsann sich der Straße und der Nummer des Kosthauses. Sie wollte nach dem Wege dorthin fragen. Der Polizist war für heut nacht gewiß nach Hause gegangen. Frau Hooven blickte um sich. Sie war in einem Viertel bescheidener Wohnungen; ein junger Mann, der einen neuen Gartenschlauch um die Schulter geschlungen trug, kam ihr entgegen.

»Ach, Miester, sein Se so gietich – –«

Der junge Mann streifte sie mit einem raschen Blick und ging, die Schlauchrolle auf seiner Schulter zurechtrückend, weiter. Nach einigen Schritten aber verlangsamte er seinen Gang und suchte mit den Fingern in der Westentasche. Dann kam er zurück und legte einen Vierteldollar in Frau Hoovens Hand.

Bestürzt starrte sie das Geldstück an. Der junge Mann war verschwunden. Er hatte also geglaubt, daß sie bettelte. Dazu war es jetzt schon gekommen! Sie, die zeitlebens ihr gutes Auskommen gehabt und deren Mann fünfhundert Acker Weizenland gepachtet hatte, war für eine Bettlerin gehalten worden! Die Schamröte schoß ihr in die Wangen. Sie wollte schon dem Geber das Geldstück nachwerfen, aber in demselben Augenblick klagte Hilda:

»Mammie, ich bin hungrig.«

Mit einer unsäglich müden Gebärde und in das Unvermeidliche sich findender Gelassenheit steckte Frau Hooven das Geld in ihre Tasche. Sie hatte kein Recht mehr, stolz zu sein. Hilda mußte essen.

Da sie in der Stadt nicht Bescheid wußte und mit den Gebräuchen und Möglichkeiten billiger Speisehäuser unvertraut war, so gab Frau Hooven den ganzen Vierteldollar auf eine Abendmahlzeit für sich und Hilda aus und hatte daher nichts mehr übrig, um ein Nachtquartier zu bezahlen.

Die Nacht war furchtbar. Hilda hatte sich, an die Schulter der Mutter geschmiegt, in den Schlaf geschluchzt. Sie wachte aber von Stunde zu Stunde auf; obwohl in das Tuch ihrer Mutter gehüllt, klagte die Kleine über Kälte und fragte immer wieder, warum sie nicht zu Bett gingen. Betrunkene lagen und saßen schnarchend auf den nahen Bänken. Gegen Morgen setzte sich ein schnapsduftender Bummler neben Frau Hooven und erging sich in einem mit Flüchen und Unflätigkeiten gespickten Selbstgespräch. Erst als es schon dämmerte, schlief sie ein.

Es war heller Tag, als Frau Hooven erwachte. Hilda lag noch in barmherzigem Schlaf. Die Glieder der Mutter waren steif und lahm von der Kälte und Feuchtigkeit der Nacht; ihr Kopf schmerzte. Sie setzte sich auf eine andre, von der Sonne beschienene Bank und saß zwei lange Stunden in der dürftigen Wärme, bis die Feuchtigkeit aus ihren Kleidern verdunstet war.

Ein Polizist ließ sich sehen. Sie weckte Hilda, nahm sie auf den Arm und eilte hinweg.

»Mammie,« begann die Kleine, sobald sie ganz, wach war, »ich bin hungrig. Ich will mein Frühstück.«

»Ja, ja, gleich, mei Dechderchen.«

Sie selbst war hungrig, aber daran dachte sie nicht. Wie sollte sie nur Hilda füttern? Sie erinnerte sich ihrer Erfahrung vom vorigen Abend, als der junge Mann mit dem Gartenschlauche ihr Geld gegeben hatte. War denn das Betteln so leicht? Erhielt man Almosen, wenn man darum bat? So schien es; aber alles, was von ihrem starren Unabhängigkeitssinn noch in ihr war, bäumte sich gegen den Gedanken auf. Sie und betteln! Sie sollte Fremden ihre Hand hinhalten?

»Mammie, ich bin hungrig.«

Es blieb ihr nichts andres übrig. Dazu mußte es ja doch kommen. Wozu zaudern, wozu das Unvermeidliche aufschieben wollen? Sie suchte eine verkehrsreiche Straße auf, in der Männer und Frauen sich zu ihrem Tagewerk begaben.

Prüfend musterte sie die Leute und ließ sie immer wieder an sich vorübergehen, weil bald dieser, bald jener Gesichtsausdruck oder auch gewisse Besonderheiten wie ein zusammengekniffener Mund, finstere, buschige Brauen oder ein vorstehendes Kinn sie abschreckten. Zweimal, als sie bereits ihre Wahl getroffen und sich zu einer Anrede entschlossen hatte, bebte sie, den Mut verlierend, davor zurück; das Blut stieg ihr in den Kopf, ihre Ohren dröhnten, und ihr ganzes Wesen empörte sich gegen diese Erniedrigung. Es blickte sie gewiß jeder an. Ihr war, als ob sie in ihrer schwachvollen Lage Hunderte von Augen auf sich zöge.

»Mammie, ich bin hungrig,« klagte ihr Kind von neuem.

Jetzt stand ihr Entschluß fest. Aber was sollte sie sagen? Mit welchen Worten erbaten Bettler ein Almosen? Sie versuchte sich darauf zu besinnen, in welcher Weise Landstreicher, die auf Los Muertos an ihrer Hintertür erschienen waren, sie angesprochen und in welchen feststehenden Redewendungen gewisse Bettler in Bonneville eine Gabe von ihr erbeten hatten. Endlich entschied sie sich für eine dieser Formeln und ging auf einen wohlbeleibten, bärtigen Herrn zu, der rasch der inneren Stadt zuschritt.

»Ich bitt scheen, helfen Se 'ner armen Frau.«

Der Herr ging weiter.

»Er hat mich vielleicht nich geheert,« murmelte Frau Hooven.

Jetzt kamen zwei gutgekleidete Frauen, die munter miteinander schwatzten.

»Ach, bitt scheen, helfen Se 'ner armen Frau.«

Sie blieben stehen, und die eine nahm, ihrer Gefährtin etwas zuflüsternd, aus ihrem Geldtäschchen eine gelbe Marke, die sie Frau Hooven unter wortreichen Erklärungen überreichte. Die aber verstand sie in ihrer Verwirrung nicht und dachte nur, was die gelbe Marke wohl bedeuten sollte. Die beiden Frauen gingen weiter.

Die nächste Person, in der die Arme eine mitleidige Seele vermutete, war ein junges, sehr nett gekleidetes Mädchen von etwa achtzehn Jahren.

»Ach, bitt scheen, helfen Se 'ner armen Frau.«

Sichtlich verlegen blieb das junge Mädchen stehen und suchte in ihrem Geldtäschchen.

»Ich glaube, ich hab' – ich habe, dächt' ich, hier irgendwo zehn Cents,« murmelte sie immer wieder und wieder.

Endlich fand sie ein Zehncentstück, das sie in Frau Hoovens ausgestreckte Hand fallen ließ.

Das war der Anfang; der erste schwere Schritt war getan, die andern wurden ihr leicht. Den ganzen Tag trieb sich die Mutter mit ihrem Kinde bettelnd auf den Straßen herum. Hier war es ein Nickel Fünfcentstück aus Nickel = 20 Pf. dort ein Dime, Silbernes Zehncentstück = 40 Pf. hier wieder ein Nickel. Aber noch fehlte ihr die Uebung in der Kunst des Bettelns; auch wußte sie nicht, wo man am billigsten essen konnte. Während des ganzen Tages hatte sie knapp Geld genug für zwei Mahlzeiten von Brot und Milch und ein Gericht erbärmlich zubereiteten Schmorfleisches zusammengebracht. Die Nacht zum Mittwoch fand die beiden wiederum obdachlos. Und wiederum verbrachte Frau Hooven mit ihrer Kleinen die Nacht auf einer Parkbank. Am Mittwoch in aller Frühe wurde sie von heftigen, krampfartigen Magenschmerzen befallen, deren Ursache ihr unbekannt war. Im Verlaufe des Tages nahmen die Schmerzen zu, die jetzt mit einer den ganzen Körper überfliegenden Fieberhitze abwechselten. Die Arme wurde immer matter und kraftloser, und die Schmerzen nahmen beständig zu. Der Versuch, zu gehen, gelang ihr nur mit der größten Anstrengung. Das war ein neues Unglück. Sie mußte gehen, wenn sie betteln wollte. Unter Qualen sich von einem Viertel zum andern schleppend, erreichte sie endlich eine belebte Straße. Es gelang ihr, sich ein paar Nickel zu erbetteln; von dem nächsten Straßenhändler kaufte sie eine Düte Aepfel und kehrte wieder in den Park zurück, um dort erschöpft auf eine Bank niederzusinken.

Dort verbrachte sie den ganzen Tag. Hilda wimmerte abwechselnd nach ihrem Mahle von Brot und Milch oder spielte müde mit den Steinchen des Kiesweges. Gegen abend machte sich Frau Hooven wieder auf den Weg. Diesmal traf sie es schlimm. Niemand schien zum Geben geneigt. Zweimal wurde sie von Polizisten vertrieben. Ein einziger Dime war das Ergebnis zweistündigen Bettelns. Sie kaufte Brot und Milch für Hilda, weigerte sich aber, selbst etwas zu essen und kehrte zu ihrer Bank – dem einzigen Heim, das sie kannte – zurück; die Nacht verbrachte sie bald vor Frost bebend, bald in Fieberhitze glühend. Mit Ausnahme der von ihr gekauften Aepfel und eines Stückes harten Brotes, das in schmieriges Zeitungspapier gewickelt und vermutlich das fortgeworfene Ueberbleibsel der Mahlzeit eines Arbeiters war, hatte Frau Hooven von Mittwoch morgen bis Freitag abend nichts gegessen. Bei ihrer zunehmenden Schwäche wurde ihr das Betteln von Stunde zu Stunde schwerer; das Wenige, das sie erhielt, kam ausschließlich Hilda zugute, der sie morgens und abends Brot und Milch kaufte.

Am Freitag nachmittag war sie schwächer als je. Die Augen machten ihr zu schaffen. Sie konnte nicht mehr deutlich sehen; von Zeit zu Zeit aber erschienen ihr sonderbare Gebilde. Große, wundervoll geformte Kristallbecher schwebten in der Luft fast auf Armeslänge vor ihr auf und nieder. Herrliche Vasen von schimmerndem Glas neigten und beugten sich vor ihr. Sie sah Glaskugeln, die mannigfache, anmutige Formen annahmen; sie wuchsen zu großen Glocken, verwandelten sich in Stundengläser und spannen sich zu vielverschlungenen, brezelartigen Gebilden aus.

»Mammie, ich bin hungrig,« rief Hilda und strich mit den Händen über das Gesicht der Mutter. Die wachte auf und blickte verstört um sich. Es war Abend; die Straßenlaternen wurden bereits angezündet.

»Na komm, Kleene,« sagte sie, sich erhebend und Hildas Hand nehmend. » Sähn mer, wo mer's Abendbrot härkriegen, häh?«

Sie verließ den Park und folgte einer Querstraße, die von der Gegend, in der sie bisher gebettelt hatte, in gerader Linie wegführte. Sie hatte dort während der letzten Tage wenig Glück gehabt und wollte es mit einem andern Stadtteil versuchen. Nach einer ermüdenden Wanderung kam sie in die Van Neß Avenue nahe ihrer Kreuzung mit Market Street. In die Avenue einbiegend, ging sie mühselig und unter Schmerzen von Viertel zu Viertel in der Richtung nach der Bai weiter und sprach alle ihr Begegnenden um ein Almosen an; einen Unterschied der Person machte sie nicht mehr.

»Ach, bitt scheen, helfen Se 'ner armen Frau.«

»Mammie, Mammie, ich bin hungrig.«

Es war Freitag abend zwischen sieben und acht. In der breiten, zu dieser Zeit wenig belebten Avenue war es bereits dunkel. Tiefer und tiefer senkte sich ein von der See aufsteigender Nebel herab. Es war empfindlich kühl geworden, und die Gasflammen in den Straßenlaternen, feurige Vögel in Glaskäfigen, flackerten und tanzten in den langausgehaltenen Stößen des Passatwindes, der vom Ozean herbrausend sich in den Straßen der Stadt verfing.

*

Mit der zierlichen Tochter seiner Wirte am Arm betrat Presley den Gerardschen Speisesaal. Die andern Gäste waren ihm vorangegangen – Cedarquist mit Frau Gerard, dann ein bleicher, schlaffer junger Mann, Julian Lambert, der Presleys Cousine Beatrice, eine von den Zwillingstöchtern der Cedarquists, führte; ihm folgte sein Bruder Stephen, dessen Haar so lang und schlicht wie das eines Indianers, aber von strohgelber Farbe war, mit der Schwester von Beatrice. Der Hausherr, wortkarg und bärtig, beleibt und schnaufend, geleitete Frau Cedarquist. Unter den Gästen waren noch zwei oder drei andre Paare, deren Namen Presley nicht behalten hatte.

Den Speisesaal schmückte ein herrliches, zehn Fuß hohes Oelgemälde, das drei Wandflächen einnahm und dessen Gruppen durch schmale Felder von schwarzer Eiche voneinander getrennt waren. Es stellte die Personen des » Romaunt de la Rose« in zartester allegorischer Auffassung dar; man sah junge blauäugige Ritter von makelloser Schönheit und Reinheit, Damen mit Kronen, goldenen Gürteln und wehenden Schleiern, und junge blumentragende Mädchen, deren aufgelöstes Goldhaar, unter schneeweißen Kopftüchern hervorquellend, über seidene, golddurchwirkte Gewänder herabfloß. Der lange Zug der Ritter und Damen hob sich wirkungsvoll ab von einem Hintergrunde von Wald und Wiese, ehrwürdigen Eichen, im Grünen halbversteckten Springbrunnen und Feldern von Affodill und Rosen.

Im übrigen war der Raum einfach gehalten. Den größten Teil der von dem Gemälde freigelassenen Wand nahm ein ungeheurer Anrichteschrank ein, der einst die Banketthalle eines italienischen Palastes der Spätrenaissance geschmückt hatte. Sein alterschwarzes Holz bildete den dunkeln Hintergrund zu dem funkelnden Aufbau schweren Silbergeräts und kristallener Becher und Schalen.

Der erste Gang, Blue-Point-Austern, die auf kleinen Pyramiden von gehobeltem Eis angerichtet waren, harrte bereits der Gäste; zwei Diener begannen sofort die Gläser mit kühlem Haut Sauterne zu füllen.

Frau Gerard, die sich sehr viel auf ihre Diners zugute tat und nie der Versuchung widerstehen konnte, die ihr nötig scheinenden Erläuterungen über dieses Gericht oder jenen Wein zu geben, sagte, sich über den Tisch beugend, zu dem ihr an der Seite von Frau Cedarquist gegenübersitzenden Presley:

»Herr Presley, finden Sie den Sauterne zu kalt? Ich halte es für so bourgeois, einen so empfindlichen Wein wie Sauterne aufs Eis zu legen, und Burgunder oder Bordeaux kalt zu stellen – o, das ist tatsächlich ein Verbrechen.«

»Ist das nicht Ihr eignes Gewächs?« fragte Julian Lambert. »Mir scheint, daß ich das Bukett kenne.«

Er wollte als ein Feinschmecker gelten und machte daher über jeden Gang und die dazu gereichten Weine seine fachmännischen Bemerkungen.

»Sie müssen wissen, Herr Presley,« erklärte die kleine Honora Gerard ihrem Tischherrn, »Papa hat in Südfrankreich seine eignen Weinberge. Er ist ungemein wählerisch und rümpft die Nase über kalifornische Weine. Nächsten Sommer gehe ich nach Ferrières – dort sind unsre Weinberge –, ein allerliebstes Dörfchen soll es sein.«

Honora war ein sehr hübsches Mädchen; sie erinnerte an eine zierliche Porzellanfigur und hatte eine fein abgetönte Gesichtsfarbe. Sie trug keinen Schmuck. Die noch wenig entwickelten Schultern und der zarte Nacken wuchsen in köstlicher Unreife aus dem Tüllleibchen ihres ersten ausgeschnittenen Kleides empor.

»Jawohl,« fuhr sie fort, »ich gehe zum ersten Male nach Europa. Wie reizend wird das sein. Und ich werde meine eigne Femme de chambre haben, und Mama und ich werden überall hinreisen – nach Baden, Homburg, Spa, Tirol. Wird das nicht reizend sein?«

Mit nichtssagenden Redensarten stimmte Presley ihr zu. Mechanisch schlürfte er den vortrefflichen Wein; seine Blicke wanderten über den wundervollen Raum mit der zu einem goldgelben Tone gedämpften Beleuchtung, mit seinem schimmernden Silber und Kristall, den schönen, prächtig gekleideten Frauen, den gewandten, tadellos ihres Amtes waltenden Dienern und der reichgedeckten Tafel, auf der schöngeformte Gläser von feinstem Schliff, kostbares Meißner Porzellan und Aufsätze von getriebenem Silber prangten. Alles das zeugte von einem Reichtum, von einem Ueberfluß, der so groß war, daß an nichts gespart zu werden brauchte. Das war der Haushalt eines Eisenbahn-»Magnaten«, eines Eisenbahnkönigs.

Deshalb also mußten die Farmer zahlen. Deshalb zog S. Behrman die Schraube immer fester an, drehte den Schraubstock immer enger zu. Deshalb war Dyke zum Verbrechen getrieben und dem Zuchthause überliefert, deshalb war Lyman Derrick bestochen, der Governor zugrunde gerichtet, Annixter und Hooven niedergeschossen worden.

Eben wurde die Suppe, Püree à la Derby, gereicht und gleichzeitig, als hors d'œuvre, Ortolanpastetchen und feine Schnitten gerösteten Weißbrotes, die mit papierdünnen Schinkenscheiben und einer Schicht feingeriebenen Parmesankäses belegt waren. Der dazu gegebene Wein war, wie Frau Gerard ihre Gäste wissen ließ, Sherry vom Jahre 1815.

*

Frau Hooven kreuzte die Avenue. Es war schon spät. Ohne es zu wissen, war sie in einen Stadtteil gekommen, den erfahrene Bettler mieden. Niemand ließ sich auf der Straße sehen. Die Aermste war in ein zu beiden Seiten sich weithin ausbreitendes Villenviertel geraten, dessen Bewohner schon längst ihr behagliches, hellerleuchtetes Heim aufgesucht hatten. Und so waren die Bürgersteige menschenleer.

»Mammie,« wimmerte Hilda, »ich bin müde, trag mich.«

Den letzten Rest ihrer Kraft aufbietend, nahm Frau Hooven sie auf den Arm und wankte ziellos weiter. Und wieder klang der Klageruf des hungrigen Kindes an das Ohr der hilflosen, verzweifelnden Mutter:

»Mammie, ich bin hungrig.«

»Ach Gott, mei kleenes Mädel,« rief Frau Hooven, Hilda an ihr Herz pressend, während ihr die Tränen aus den Augen stürzten. »Ach mei kleenes Dechderchen, sag das nich wieder, sag das nich. Du brichst mer's Herze. Ich hab kee Abendbrot fer dich. Nischt hammer ze essen, nischt, nischt.«

»Wenn haben wir denn wieder Brot und Milch, Mammie?«

»Morgen – bald – mit d'r Zeit, Hilda. Ich weeß nich, was aus uns warn soll, ich weeß nich, was aus meim kleen Babby wärn soll.«

Sie schleppte sich weiter. Mit dem einen Arm hielt sie, so gut es ging, die an ihrer Schulter ruhende Hilda, mit der andern Hand stützte sie sich an dem Gitterzaun der Vorgärten. Endlich kam ein einsamer Fußgänger, ein junger Mann mit hohem Hut und Ueberzieher in Sicht, der rasch seines Weges ging. Frau Hooven streckte ihre zitternde Hand aus:

»Ach, bitt scheen, helfen Se 'ner armen Frau.«

Der junge Mann eilte weiter.

*

Der Fischgang bestand aus Grenadins von Barsch und jungem Lachs, der mit einer Farce gefüllt und in Weißwein und Champignonbrühe gedünstet war.

»Ich habe natürlich Ihr Gedicht gelesen, Herr Presley,« bemerkte Frau Gerard. »›Die Mühseligen‹ meine ich. Was für einen Sermon Sie uns da halten, Sie schrecklicher junger Mann! Ich hatte doch das Gefühl, als ob ich dem Schriftwort folgen müßte, das da sagt: ›Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen!‹ Sie können sich dazu gratulieren, wenigstens mich bekehrt zu haben. Lediglich dieses Gedicht hat Frau Cedarquist und mich veranlaßt, den Anstoß zu einer Bewegung zu geben, die darauf abzielt, den von der Hungersnot betroffenen Indern eine ganze Schiffsladung Weizen zu senden. Sind Sie jetzt zufrieden, Sie entsetzlicher Reaktionär?«

»Ich bin hocherfreut,« murmelte Presley.

»Ich fürchte nur,« ließ sich jetzt Frau Cedarquist vernehmen, »daß wir zu spät kommen. So schnell sterben sie, die armen Leute. Wenn unser Schiff in Indien ankommt, ist die Hungersnot vielleicht schon vorüber.«

»Hilfe für die Bedürftigen kommt nie zu spät,« entgegnete Presley. »Sie stellen leider stets eine gegebene Größe dar. Es heißt: ›Die Armen sind stets unter euch.‹«

»Wie ungemein geistreich das ist,« sagte Frau Gerard.

Frau Cedarquist klopfte als Zeichen ihrer höchsten Bewunderung mit dem Fächer auf den Tisch.

»Brillant, brillant,« murmelte sie, »epigrammatisch!«

»Honora,« sagte Frau Gerard, sich an ihre Tochter wendend, die grade mit dem schlaffen Lambert sprach, »Honora, entends-tu, ma chérie, l'esprit de notre jeune Lamartine

*

Frau Hooven wankte, Hilda au ihre Brust pressend, von Straße zu Straße. Ohne Unterlaß nagte der scharfe Zahn des Hungers in ihren Eingeweiden; wo sie auch ging, wohin sie sich auch wandte, ob sie zur Avenue zurückkehrte oder eine andre neue Richtung einschlug –, unablässig und unbarmherzig wühlte die Qual in ihr. Hungrig war sie, hungrig; und wenn der Nahrungsmangel ihr, der erwachsenen Frau, schon solche Qualen bereitete, was mußte dann erst ihr armes, halbverhungertes Kind leiden? O, streckte sich ihr doch eine helfende Hand entgegen, die ihr auch nur einen Mundvoll, einen kleinen Bissen darböte! Ihr ganzer zusammenbrechender Körper schrie nach Nahrung, nach irgend etwas, um den nagenden Zahn des Hungers abzustumpfen –, und wäre es ein weggeworfenes, schimmeliges Stück Brot, eine halbverzehrte Frucht, ja, selbst die Speisereste der Gasse, die Küchenabfälle des Kehrichthaufens! Sie taumelte weiter. In Ecken und Winkel, in die Lichtschächte zwischen Bürgersteig und Kellergeschoß, überall spähte sie hin; ihre Blicke folgten den lautlos dahinschleichenden Katzen, den eilig umherstreifenden, verlaufenen Hunden. Aber sie wurde immer schwächer, das Gewicht Hildas zog sie nieder, und die bohrenden, würgenden Magenschmerzen stellten sich von neuem ein. Mehr als einmal unterlag sie fast ohnmachtartigen Schwindelanfällen, bei denen sich alles um sie im Kreise drehte. Hilda jedoch schlief fest. Wurde sie geweckt, so erwachte zugleich auch ihr Hunger wieder. Aber wie sollte die dem Umsinken nahe Mutter sie weiterschleppen? Frau Hooven fürchtete, jeden Augenblick mit dem Kinde auf ihren Armen zusammenzubrechen. Die schreckliche Vorstellung eines Sturzes auf diesen kalten, vom feuchten Nebel glänzenden Steinen peitschte sie wieder auf; sie mußte alles aufbieten, um über diese Nacht hinwegzukommen. Sie blieb einen Augenblick stehen und wechselte, ihre letzte Kraft zusammennehmend, das Gewicht Hildas auf den andern Arm, dann ging sie weiter in die dunkle Nacht hinein. Bald darauf fand sie an dem Rande des Bürgersteiges die Schale einer Banane. Sie war zertreten und schmutzig, aber Frau Hooven hob sie freudig auf.

»Hilda,« rief sie, »wach auf, Kleene! Sieh nur, hier is was zu essen. Sieh nur, häh? Das is gut, nich? Ae Schtiek Banane.«

Der schmutzige und faule, Uebelkeit erregende Abfall war aber ungenießbar.

»Nein, nein,« schrie Hilda, »das ist nicht gut. Ich kann's nicht essen. O, Mammie, gib mir doch wieder Brot und Milch.«

*

Den Gästen der Gerards wurden jetzt die Entrees gereicht – Londonderry-Fasanen, Escalopes von Ente und Risolettes à la Pompadour. Man trank Château Latour dazu. An der ganzen Tafel war eine lebhafte Unterhaltung im Gange. Die guten Weine hatten den leichten Zwang, der anfangs herrschte, schwinden lassen; die Gäste waren in bester Stimmung und schienen durch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit miteinander verbunden zu sein. Der junge Lambert und Herr Gerard tauschten Erinnerungen an gemeinsam unternommene Entenjagden aus. Frau Gerard und Frau Cedarquist unterhielten sich über einen eben aus dem Italienischen übersetzten Roman, der die Schilderung seelischer Zustände, sittlicher Entartung und die Zergliederung des Wesens der Liebesleidenschaften seltsam durcheinander mischte. Stephen Lambert und Beatrice rühmten die guten Eigenschaften eines schottischen Schäferhundes, den die junge Dame unlängst zum Geschenk erhalten hatte. Die Veranstaltung wirkte festlich und heiter. Die elektrischen Glühbirnen strahlten, und der goldklare Wein warf ihr Licht zurück. Die ganze Tafel schimmerte im Glanze blütenweißen Tischzeuges, auserlesenen Porzellans und kristallheller Gläser. Die Diener kamen und gingen; sie füllten die Gläser, reichten die Speisen herum, wechselten die Gedecke und besorgten alles ohne Unterbrechung und Verwirrung und ohne jedes unnötige Geräusch.

Presley jedoch fühlte sich bei alledem nicht wohl. Von dem Schauplatz des heutigen Festes, von diesem Bilde des Ueberflusses, aus diesem durch feinste Lebensart gekennzeichneten Kreise kehrten seine Gedanken nach Los Muertos und Quien Sabe und zu dem Bewässerungsgraben an der Hoovenschen Pachtfarm zurück. Er sah sie fallen, einen nach dem andern, Harran, Annixter, Osterman, Broderson, Hooven. Das Aneinanderklingen der Weingläser wurde übertönt von dem Knallen der Revolver. Die Bahn mochte in der Tat nur eine Macht sein, die niemand meistern konnte, für die niemand verantwortlich war. Aber seine Freunde waren getötet, und in jahrelanger Unterdrückung und Erpressung war das ganze San Joaquin-Tal ausgesogen und so das Geld aufgehäuft worden, das ein Fest wie dieses möglich machte. Weil Magnus zum Bettler wurde, war Gerard ein Eisenbahnkönig geworden; weil die Farmer des Tales verarmten, wurden jene Leute reich.

Seine überreizte Einbildungskraft wuchs sich aus zu entsetzlichen Vorstellungen, zu grauenvollen Zerrbildern. Weil die Farmer am Bewässerungsgraben getötet waren, konnte Gerard mit den Seinen prassen. Sie alle mästeten sich doch von dem Blute des Volkes, von dem Blute der am Bewässerungsgraben hingeschlachteten Männer. Es war die halb lächerliche, halb grausige Veranschaulichung des Sprichwortes: »Der Große frißt den Kleinen,« es war unsäglich scheußlicher Kannibalismus. Harran, Annixter und Hooven wurden hier vor seinen Augen verzehrt. Diese hübschen, zarten Mädchen, seine Cousine Beatrice und das niedliche Fräulein Gerard, alle diese vornehmen Damen mit ihren schmalen Händen und schlanken Nacken verwandelten sich in seiner krankhaften überreizten Einbildungskraft plötzlich in ebensoviele Harpyien, die Menschenfleisch mit ihren Klauen zerrissen. Jäher Schwindel erfaßte ihn bei dieser grauenvollen Vorstellung.

Ja, das Volk würde sich eines Tages gegen seine Peiniger wenden und die zerreißen, die es jetzt ausbeuteten. Das Sprichwort: »Der Große frißt den Kleinen« würde umgekehrt werden. Während der Dauer eines Augenblickes sah er das prächtige Haus bis zu den Grundmauern ausgeplündert, die Tafel umgestürzt, die Gemälde zerfetzt und die Vorhänge in Flammen; er sah die Verkörperung der Freiheit, den Straßenpöbel, der, geschwärzt von Pulverrauch und nach der Gosse stinkend, die Brandfackel in blutgeröteten Händen schwang und heulend zu allen Türen hereinstürzte.

*

Um zehn Uhr brach Frau Hooven zusammen. Glücklicherweise führte sie Hilda an der Hand, und so wurde die Kleine durch den Fall nicht verletzt. Vergebens war die Unglückliche stundenlang die Straßen auf und ab gewankt. Sehr bald gab sie ihre Absicht zu betteln auf, denn niemand war unterwegs. Auch unterließ sie es, mit den verlaufenen Hunden und Katzen um die Wette nach Nahrung zu suchen. Und dann faßte sie endlich den Entschluß, nach dem Park zurückzukehren und dort auf einer Bank zu rasten; dabei irrte sie sich aber in der Richtung und kam, der Sacramentostraße folgend, nicht in den Park, sondern auf leeres Bauland, das sich weithin über die ganze Höhe des Clay Street-Hügels erstreckte. Bei dem Versuche, über den uneingezäunten, mit Gesträuch und einigen verkümmerten Lebenseichen bewachsenen Hang bis zur vollen Höhe hinanzugehen, brach Frau Hooven zusammen. Mühsam erhob sie sich wieder.

»Ach, Mammie, hast du dir weh getan?« fragte Hilda.

»Nein, nein.«

»Ist das dort das Haus, wo wir Brot und Milch bekommen?«

Die Kleine deutete auf ein unregelmäßig gebautes Haus, dessen Umrisse im Dunkel der Nacht gerade zu erkennen waren; es stand inmitten eines Gehölzes allein auf der Höhe.

»Nee, nee, dort gibt's kee Brot und Milch, mei Dechderchen.«

Hilda begann von neuem zu schluchzen.

»Ach, Mammie, bitte, bitte, ich bin so hungrig.«

Die gemarterten Nerven zerrissen unter der aufs äußerste gesteigerten Spannung, und Frau Hooven schüttelte die Kleine unsanft an der Schulter.

»Biste ruhig!« rief sie außer sich. »Daß de das nich wieder sagst. Mei Gott, du bringst mich noch um!«

Aber schon kam die Rückwirkung. Auf die Knie sinkend, schloß die Mutter ihr King in die Arme und drückte es fest an sich.

»Nee, nee, wein, soviel de willst. Sag's, daß de hungrig bist. Sag's wieder, sag's immerzu. Sag's nur, du armes, verhungertes kleenes Babby. O, mei armes kleines Dechderchen! Mei Gott, ich wärd bald verrickt. Ich kann d'r nischt zu ässen gäben, nischt, nischt. Hilda, mer wärn zusamm schtärben. Tu deine Aermchen um mein'n Hals, so, so, mei kleenes Babby. Mer wärn schtärben, mer wärn zum Pappa gehn. Mer wärn nich mehr hungrig sein.«

»Wohin gehen wir jetzt?« fragte Hilda.

»Närgendshin. De Mamma is so miede. Mer bleiben ä Weilchen hier und ruhn aus.«

Hilda an sich drückend und sie in ihr Tuch hüllend, legte sich Frau Hooven unter einen großen Strauch nieder, der etwas vor dem Winde schützte. Grenzenlos breitete sich die unermeßliche, leere Nacht um die beiden. Hier oben waren sie hoch über der Stadt. Tiefe Stille herrschte. Die Nebelwolken rollten, landeinwärts jagend und alle Lichter verfinsternd, alle Umrisse verwischend, dicht über sie hin. Bald war nichts mehr von der Stadt zu sehen; selbst das einzelne Haus auf dem Hügel verschwand. Nur dichter grauer Nebel wogte ringsum. Nichts war da als der wallende Nebel und Mutter und Kind, die auf einem Fleckchen naßkalten Erdbodens, einer ziellos im leeren Raum umhertreibenden Insel, vor Kälte zitterten.

Ein Blatt des Strauches streifte Hildas Finger; unwillkürlich griff die Kleine danach und führte es zum Munde.

»Mammie,« sagte sie, »ich ess' das Blatt hier. Ist das gut?«

Sie erhielt keine Antwort.

»Schläfst du, Mammie?« fragte Hilda, das Gesicht der Mutter berührend.

Frau Hooven ermunterte sich etwas.

»Häh? Was sagst de? Ob ich schlaf? Ja, ich hab wohl ä bißchen geschlafen.«

Sie murmelte noch einige unverständliche Worte und verfiel wieder in Schweigen. Sie schlief jedoch nicht. Ihre Augen waren offen. Eine angenehme Betäubung, eine wohltuende Gefühllosigkeit begann sich bei ihr einzustellen. Sie fühlte keine Magenschmerzen mehr, selbst der Hunger hörte auf zu nagen.

*

»Diese gefüllten Artischocken sind delikat, gnädige Frau,« murmelte der junge Lambert und wischte sich die Lippen mit einer Ecke seiner Serviette. »Verzeihen Sie, wenn ich das erwähne, aber Ihr Diner ist meine Entschuldigung.«

»Und dieser Spargel – da Herr Lambert ein Beispiel gegeben hat,« bemerkte Frau Cedarquist, »so zart, ein solch exquisiter Geschmack. Wo beziehen Sie den nur her?«

»Unser ganzer Spargel kommt aus dem südlichen Teile des Staates von einer besonderen Farm,« erklärte Frau Gerard. »Wir bestellen ihn telegraphisch und bekommen ihn, nachdem er erst vor zwanzig Stunden gestochen ist. Mein Mann läßt ihn von einem Sonderzug mitnehmen, der nur zu diesem Zwecke an der Farm hält. Das ist ja etwas kostspielig, aber ich kann nun einmal keinen Spargel essen, der länger als einen Tag gestochen ist.«

»Ich auch nicht!« rief Julian Lambert, der für einen Epikureer gelten wollte. »Ich kann auf die Stunde sagen, zu welcher Zeit der Spargel gestochen ist.«

»Die Idee, gewöhnlichen Marktspargel zu essen,« sagte Frau Gerard, »der von der Himmel weiß wie vielen Händen begriffen worden ist.«

*

»Mammie, Mammie, wach auf!« schrie Hilda und versuchte die Augenlider der Mutter, die sich endlich geschlossen hatten, in die Höhe zu schieben. »Wach auf! Du willst mir ja nur Angst machen!«

Mit ihren schwachen Händchen rüttelte die Kleine sie an der Schulter. Endlich bewegten sich die Lippen der Mutter. Das angstvoll lauschende Kind konnte die geflüsterten Worte unterscheiden:

»Ich bin krank. Schlaf nur ... Krank ... Nischt zu essen.«

*

Zum Nachtisch wurde eine wundervolle, aus abwechselnden Lagen von Biscuit glacé, Gefrorenem und verzuckerten Kastanien bestehende Schüssel gereicht.

»Delikat, nicht wahr?« bemerkte Julian Lambert halb zu sich selbst, halb zu Miß Cedarquist. »Dieses Moscovite fouettée – auf mein Wort, ich habe nie etwas Aehnliches gegessen.«

»Und Sie verstehen sich doch wahrhaftig darauf,« entgegnete die junge Dame.

*

»Mammie, Mammie,« jammerte Hilda, »schlaf nicht so. Ich hab' solche Angst!«

Immer wieder versuchte sie die Mutter aufzurütteln und die schlaffen Augenlider mit den Fingerspitzen zu heben. Aber die Aermste rührte sich nicht mehr. Der hagere, abgezehrte Körper mit dem knochigen Gesicht und den eingesunkenen Augenhöhlen lag lang ausgestreckt auf dem Rücken. Die mit den Spitzen nach oben gerichteten Füße ließen die abgelaufenen, löcherigen Schuhsohlen sehen. Auf der Stirn und dem grauen Haar hatte sich der Nebel in großen Tropfen niedergeschlagen. Der ärmliche, zerknitterte Hut fast schief; beschmutzt und zerrissen war das verschossene, abgetragene Kleid.

Hilda schmiegte sich dicht an die Mutter; sie küßte ihr Gesicht und schlang die Aermchen um ihren Hals. Abwechselnd schluchzend und schlafend lag sie lange so da. Mehrere Stunden mochten vergangen sein, als ein Geräusch sie aus ihrem Schlummer weckte. Ein Polizist und zwei oder drei andre Männer beugten sich über sie. Einer von ihnen hielt eine Laterne. Stumm vor Schreck und Angst konnte Hilda die an sie gerichteten Fragen nicht beantworten. Eine Frau, die offenbar in dem Hause auf dem Hügel wohnte, erschien jetzt; Tränen des Mitleids vergießend schloß sie das Kind in ihre Arme.

»Ich will das kleine Mädchen zu mir nehmen,« sagte sie zu dem Polizisten. »Aber wie steht's mit der Mutter? Können Sie sie noch retten? Ist es schon zu spät?«

»Ich habe nach einem Arzt geschickt,« erwiderte der Mann.

*

Kurz ehe die Damen die Tafel verließen, hob der junge Lambert sein Glas Madeira. Sich gegen die Gattin des Eisenbahnkönigs verneigend, sagte er:

»Mein hochachtungsvollstes Kompliment zu diesem köstlichen Diner.«

*

Der Arzt hatte sich über Frau Hooven gebeugt.

»Ich kann nichts mehr tun,« sagte er, sich aufrichtend. »Der Tod ist schon vor einiger Zeit eingetreten. Sie ist an Erschöpfung und Nahrungsmangel gestorben.«

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