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Der Octopus

Frank Norris: Der Octopus - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFrank Norris
titleDer Octopus
seriesDas Epos des Weizens
volumeErster Teil
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1907
translatorEugen von Tempsky
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140509
projectid27042c94
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Zweites Buch

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1

Initial In seinem Bureau in San Francisco saß Lyman Derrick an einem Morgen des Vorfrühlings vor dem massiven schöngearbeiteten Schreibtisch aus poliertem Redwood das für Möbel sehr beliebte dunkelrote Holz der immergrünen Sequoie. und diktierte der Maschinenschreiberin Briefe. Mit eintöniger, gedämpfter Stimme fügte er genau und geschäftsmäßig Satz an Satz.

»Ich habe die Ehre, hiermit Empfang Ihrer geschätzten Zuschrift vom 14. ds. Mts. zu bestätigen, und gestatte mir, darauf zu erwidern – –«

»Einliegende Tratte auf New Orleans bitte ich unsrer Verabredung gemäß zu verwenden – –«

»In Beantwortung Ihres geschätzten Schreibens Nr. 1107, den Streitfall der Stadt und des Countys San Francisco gegen die Excelsior Warehouse and Storage Co. betreffend, möchte ich bemerken – –«

Eintönig, abgemessen und deutlich diktierte er weiter und schaukelte sich dabei langsam auf seinem lederüberzogenen Drehstuhle nach vor- und rückwärts, wobei er die Ellenbogen auf die Armlehnen stützte. Die vorstehenden Augen blickten ausdruckslos nach dem Kalender an der gegenüberliegenden Wand und zwinkerten hin und wieder, wenn er im Sprechen innehaltend nach einem Worte suchte. »Das ist für den Augenblick alles,« sagte er endlich.

Ohne etwas zu erwidern, erhob sich die Maschinenschreiberin, schob den Bleistift in ihr zusammengeknotetes Haar und verließ das Zimmer, dessen Tür sie leise und vorsichtig hinter sich schloß. Als sie gegangen war, stand auch Lyman auf und streckte sich in seiner ganzen Länge, wobei er drei Finger vor den gähnenden Mund hielt. Um seine durch das lange Sitzen steif gewordenen Glieder geschmeidig zu machen, ging er einige Male im Zimmer auf und ab und betrachtete mit Genugtuung die gediegene und geschmackvolle Einrichtung – den schweren roten Teppich, das dunkle Olivengrün der Wände, die ausgewählten Kupferstiche – Bildnisse von Marshall, Taney, Field – und einen farbigen, vortrefflich ausgeführten, den großen Kolorado-Cañon die ungeheure Klamm des Koloradoflusses, 383 Kilometer lang mit 800-1500 Meter hohen senkrecht aufsteigenden Wänden. darstellenden Steindruck, den großen wohlgefüllten, mit einer Büste von James Lick und einem mächtigen bläulichgrünen Himmelsglobus gekrönten Bücherschrank, den aus buntgefärbten feinen Gräsern von Navajo-Indianern geflochtenen Papierkorb, das schwere silberne Schreibzeug, den kunstvollen, höchst zweckmäßig eingerichteten Aktenschrank und die Reihen von Blechkästen, die mit ihren Vorlegeschlössern und den die Namen von Klienten, Prozessen und Vermögensmassen tragenden Aufschriften wichtig und ernst wirkten.

Er mochte dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt sein. Im Gegensatz zu Harran ähnelte er seiner Mutter, war aber viel dunkler als Annie Derrick. Die runden, vorstehenden Augen gaben seinem Gesicht einen fremdländischen, ungewöhnlichen Ausdruck. Sein Haar war schwarz, und er trug einen kleinen dichten und spitzen Schnurrbart, den er gewohnheitsmäßig mit der Innenfläche seines Daumens von den Mundwinkeln aus nach aufwärts strich. Dieser Bewegung, bei der er auch den kleinen Finger spreizte, ging eine leichte Drehung des Unterarms voraus, die seine Manschetten zur Geltung bringen sollte und ihm ebenfalls zur Gewohnheit geworden war.

Lyman war sorgfältig gekleidet; im Knopfloch steckte eine rote Rose, und seine Beinkleider hatten Bügelfalten. Er trug Lackschuhe, einen vorn ausgeschnittenen Schoßrock von besonders rauhem schwarzen Cheviot und eine lohfarbene zweireihige Covertclothweste mit Knöpfen von dunkelgeadertem Perlmutter. Seine Ascotkrawatte, ein großer Bausch schwerer schwarzer Seide, wurde von einer zierlichen, mit einem Opal und vier kleinen Brillanten besetzten Goldnadel zusammengehalten. Nach einer Weile machte Lyman vor einem der beiden großen Fenster Halt, durch deren Spiegelscheiben das helle Licht des Frühlingstages hereinströmte.

Er zündete eine Zigarette an, die er aus seiner gebogenen Dose von mattem Silber hervorholte, und blickte in der Absicht, eine Zeitlang müßig zu sein, gutgelaunt und von dem sich ihm bietenden Anblick angezogen hinunter.

Sein Bureau befand sich im zehnten Stock des Exchange Building, das Börsengebäude. eines aus weißem Stein aufgetürmten Wolkenkratzers, der, am Schnittpunkte von Market- und Kearney-Street gelegen, das weitaus großartigste Geschäftsgebäude der Stadt war.

Tief unter Lyman hastete das Leben der Großstadt. Die Wagen der Drahtseilbahn rollten in sausender Fahrt und nur wenige Augenblicke anhaltend hin und her; hell tönten ihre Glocken, und die großen Glasscheiben klirrten von der Erschütterung des kurzen Haltens und Anfahrens. Zwei- und vierrädrige Lastwagen rasselten über das Steinpflaster, und die Schritte Tausender von Fußgängern erzeugten ein scharrendes Geräusch auf den Seitenwegen. Die mit Chrysanthemen, Veilchen, Nelken, Rosen, Lilien und Hyazinthen gefüllten Körbe der Blumenverkäufer um Lottas Brunnen hoben sich buntfarbig und heiter von dem Grau der Straße ab.

Lyman hatte von diesem Mittelpunkt großstädtischen Lebens nicht den Eindruck angestrengter Geschäftstätigkeit. Ihm deuchte, als ob die Bevölkerung sich beständig von Kleinigkeiten fesseln ließe und, Bedeutenderem abgeneigt, das Leben leicht nähme. Gutmütig, leicht zu täuschen, freigebig und verträglich, verbrachten diese Menschen sorglos ihre Tage in einer Umgebung, die ihnen Wohlleben gewährte, ohne anstrengende Arbeit von ihnen zu fordern. Hier fand der Beobachter die Rastlosigkeit New Yorks ohne den ernsten Eifer, der dort herrschte, die Heiterkeit Neapels ohne südliche Trägheit und Sevillas Romantik, der hier das Malerische fehlte.

Als Lyman sich vom Fenster abwandte, um seine Arbeit wieder aufzunehmen, erschien der Laufbursche in der Tür.

»Der Mann von der lithographischen Anstalt, Herr,« meldete der Bursche.

»Schön, was will er?« fragte Lyman, um jedoch sofort hinzuzufügen: »Laß ihn herein.«

Ein junger Mann trat ein, der ein großes Bündel trug; mit einem Seufzer der Erleichterung legte er seine Last auf den nächsten Stuhl und sagte noch ganz außer Atem:

»Von der Standard Lithograph Company.«

»Was ist's?«

»Weiß nicht,« erwiderte der Bote. »Karten, glaub' ich.«

»Ich brauche keine Karten. Wer schickt sie? Ich glaube, Sie irren sich.«

Lyman riß die Hülle von der oberen Seite des Bündels und zog einen der vielen großen, achtmal gefalteten Papierbogen hervor. »Ah,« rief er aus, »ich weiß jetzt. Ja, es sind Karten. Hierher aber waren sie nicht zu senden. Sie müssen nach der Office, die sie verteilt, gebracht werden.« Er schrieb eine neue Aufschrift auf den Anhänger. »Bringen Sie sie an diese Adresse,« fuhr er fort. »Diese eine werde ich hier behalten. Die andern kommen dorthin. Wenn Sie Herrn Darrell sehen, so sagen Sie ihm, daß Herr Derrick – behalten Sie den Namen – heut nachmittag möglicherweise nicht kommen kann; er möchte aber trotzdem alles Nötige erledigen.«

Der junge Mann zog mit seinem Bündel wieder ab. Lyman breitete die Karte auf dem Tische aus und begann sie aufmerksam zu studieren. Es war die amtliche Eisenbahnkarte Kaliforniens, die, bis zum dreißigsten März des Jahres vervollständigt, für die staatliche Kommission angefertigt war. Die Linien der einzelnen Gesellschaften hatte man durch verschiedene Farben kenntlich gemacht. In Blau, Grün und Gelb sah man nur hier und da ein kleines, Orte von minderer Bedeutung verbindendes Netz. Aus einiger Entfernung gewahrte man es kaum. Die ganze Karte hingegen war kreuz und quer von einem weitausgebreiteten Netzwerk roter, mit P. u. S. W. R. R. bezeichneter Linien durchzogen. Ihr Mittelpunkt war San Francisco; von dort verzweigten sie sich nach Norden, Osten und Süden über den ganzen Staat. Von Coles in der obersten Ecke der Karte bis Yuma in der untersten, von Reno auf der einen bis San Francisco auf der andern Seite erstreckte sich dieses rote Adergeflecht wie die Anordnung des Blutumlaufs. Verwickelt, sich immer wieder teilend und von neuem wiedervereinigend, sandten diese Abzweigungen nach allen Seiten hin Nebensprossen, Verästelungen, Fühlfäden und Schmarotzer, die wie winzige Blutsauger von der Hauptader aus in ein entlegenes County vordrangen, ein vergessenes Dorf oder Städtchen mit unzähligen, weitrankenden Fangarmen umfaßten und es in den Bannkreis des Mittelpunktes zerrten, von dem das weitverzweigte System ausging. Der Grund der Karte war weiß, und es schien, als ob alle Farbe, die zur Hervorhebung der auf ihr verzeichneten Countys, Städte und kleineren Orte hätte dienen sollen, ganz und gar aufgesogen worden wäre von dem ungeheuern, alles überwuchernden Organismus, dessen rote Adern in einem gemeinsamen Mittelpunkt zusammenliefen. Es war, als ob der ausgesogene und davon blutleer und weiß gewordene Staat den farblosen Hintergrund bildete für das Ungetüm, den scheußlichen Auswuchs, das riesige, sich von dem Mark eines ganzen großen Gemeinwesens nährende Schmarotzertier, dessen strotzende, mit Blut bis zum Bersten gefüllte Schlagadern in unendliche Weiten reichten. In der rechten oberen Ecke waren die Namen der drei neuen Eisenbahnkommissare aufgedruckt: Jones Mcnisch für den ersten Bezirk, Lyman Derrick für den zweiten und James Darrell für den dritten.

Im Herbst des Vorjahres war Lyman von der demokratischen Staatskonvention als Kandidat aufgestellt worden. Die Sippschaft politischer Macher in San Francisco, die im Solde des von seinem Vater geleiteten Ranchbesitzerausschusses stand, hatte ihn unterstützt, und so war er zusammen mit Darrell, dem Kandidaten der Pueblo- und Mojave-Bahn, und Mcnisch, dem erklärten Anhänger der Pazifischen und Südwest-Bahn, gewählt worden. Darrell war der erbitterte Gegner der P. und S. W., Mcnisch ging für sie durchs Feuer. Lyman galt für das gemäßigte Mitglied der Kommission; als Kandidat der Ranchbesitzer hatte er allerdings deren Vorteil im Auge, aber er war ein ruhiger, überlegter Mann und zeigte sich nicht von derselben unversöhnlichen Gesinnung beherrscht wie seine Amtsgenossen.

Ostermans Geschicklichkeit war es gelungen, Magnus unentwirrbar in die Wahlmache zu verwickeln. Die bei dem Annixterschen Barneinweihungsballe in der Hitze der Leidenschaft gegründete Liga hatte sich während des Winters fester zusammengeschlossen. Ihr geschäftsführender Ausschuß mit Magnus als Vorsitzendem war durch das Geschick Ostermans mit dem alten, aus ihm selbst, Broderson und Annixter bestehenden verschmolzen worden. Osterman hatte sofort den Vorsitz jenes alten Ausschusses niedergelegt, Magnus war auf diese Weise an die Spitze gekommen und nahm also jetzt, ganz wie es Osterman ursprünglich geplant hatte, die leitende Stellung ein. Der neue Ausschuß hatte zweierlei im Auge: die Besitzergreifung des streitigen Landes durch die Eisenbahn mußte abgewehrt und gleichzeitig der geheimgehaltene Plan zur Wahl einer Eisenbahnkommission gefördert werden, die den Frachttarif in einer für die Weizenbauer des San Joaquin-Distriktes günstigen Weise regelte. Der Prozeß wegen des Landes wurde sofort bei Gericht angestrengt, und die neue Preisfestsetzung, die den Acker mit zwanzig bis dreißig Dollar bewertete, in der erbittertsten und hartnäckigsten Weise bekämpft. Aber es traten Verzögerungen ein, und der Prozeß schien sich endlos hinzuziehen; inzwischen arbeitete der Ausschuß daran, die »Kommission der Ranchbesitzer«, wie die aufgestellten Kandidaten genannt wurden, ins Amt zu bringen. Harran hatte die erste Anregung dazu gegeben, daß sein Bruder Lyman als Kandidat für den zweiten Distrikt aufgestellt wurde. Der Vorschlag fand sofort großen Beifall. Lyman schien für das Amt ganz wie geschaffen. Mit den Ranchbesitzern durch Bande des Blutes eng verbunden, hatte er deren Angelegenheiten doch nicht zu den eignen gemacht. Er war in der Stadt erzogen worden. Die Bahn würde nicht besonders mißtrauisch gegen ihn sein. Er war ein guter Anwalt, ein tüchtiger, umsichtiger Geschäftsmann von scharfem Verstand und weitem Blick; zudem besaß Lyman bereits eine auf Erfahrung begründete Kenntnis des politischen Lebens, da er Gehilfe beim Bezirksgericht gewesen war und noch jetzt die Stellung des dem Sheriff beigegebenen Anwaltes bekleidete. Für die Ranchbesitzer war vor allem andern der: Umstand maßgebend, daß er als Sohn Magnus Derricks besonderes Vertrauen verdiente und der Sache seines Vaters treu ergeben war.

In dem für ihn unternommenen Wahlfeldzuge ereignete sich manches Unvorhergesehene. Gleich im Beginn mußte der Ausschuß, an dessen Spitze Magnus stand, zum Mittel der Bestechung greifen. Die Urwähler mußten auf jede Weise und um jeden Preis gewonnen werden, und so sah man sich sofort beim Zusammentritt der Wählerversammlung gezwungen, die Stimmen verschiedener Bevollmächtigter zu kaufen. Es mußten von der für die Kosten der Wahl bestimmten Geldsumme, die Magnus, Annixter, Broderson und Osterman aufgebracht hatten, fünftausend Dollar zu diesem Zweck ausgegeben werden. Nur der Ausschuß hatte von dieser Bestechung Kenntnis; die Liga, die sich um Mittel und Wege nicht kümmerte, nahm es als selbstverständlich an, daß der Wahlfeldzug in einwandfreier Weise geführt wurde.

Eine ganze Woche nach diesem unsauberen Handel verließ Magnus sein Haus nicht und weigerte sich unter dem der Wahrheit ziemlich nahe kommenden Vorwande einer Erkrankung, irgend jemand zu empfangen. Er schämte sich vor sich selbst und empfand tiefen Abscheu vor dem, was er getan hatte. Harran vermochte er nicht mehr ins Gesicht zu sehen. Er fing an, sich vor seiner Frau zu verstellen. Mehr als einmal war er entschlossen gewesen, mit der ganzen Angelegenheit zu brechen, seine führende Stellung aufzugeben und die andern ohne ihn vorgehen zu lassen. Aber dazu war es jetzt zu spät. Er war durch sein Versprechen gebunden, hatte sich der Liga angeschlossen und war ihr Führer geworden. Sein Abfall würde gerade jetzt, wo sie alle ihre Kräfte zur Führung der Landprozesse anstrengen mußten, die Auflösung der Liga herbeigeführt haben. Es handelte sich um mehr als ein unsauberes politisches Geschäft. Die Bahn hatte ihre Klauen nach dem Lande ausgestreckt. Sein Rückzug von einer schlechten Sache bedeutete dann eine Schwächung, ja vielleicht den Zusammenbruch einer andern, guten und gerechten, für die er aus vollster Ueberzeugung eintrat. Er vermochte dem Netz, in dem er sich gefangen hatte, nicht mehr zu entrinnen. Das Unrecht schien unlösbar in das Gewebe des Rechts verknüpft. Magnus war überwältigt, geblendet, betäubt, hineingezogen in den Wirbelstrom der Ereignisse, der ihn, er wußte nicht wohin, mit sich riß. Er ergab sich in sein Schicksal.

Nach langem und viel Aufsehen erregendem Widerstande von seiten der Parteigänger der Bahn wurde Lyman schließlich als Kandidat aufgestellt und in der Folge auch gewählt.

Als das geglückt war, machten Magnus, Osterman, Broderson und Annixter große Augen. Ihre kühnsten Hoffnungen waren von diesem leichten Siege übertroffen worden. Es war kaum zu glauben, daß die Bahn sich so leicht hatte hinters Licht führen und mit offenen Augen in die Falle locken lassen. Wie konnte das nur zugegangen sein?

Wie dem auch sein mochte – Osterman warf seinen Hut mit wilden Juchzern des Entzückens in die Luft. Der alte Broderson verstieg sich zu einem zahmen Hurra. Selbst Magnus strahlte vor freudiger Genugtuung. Die andern bei der Verkündigung der Freudenbotschaft anwesenden Mitglieder der Liga schüttelten einander die Hände und hielten es zur Feier des Sieges für angezeigt, einigen Flaschen die Hälse zu brechen. Nur Annixter war andrer Meinung.

»'s ist zu leicht,« erklärte er. »Nein, ich bin nicht so entzückt davon. Wo ist denn da Shelgrim geblieben? Warum deckt er seine Karten nicht auf? Gott verdamm' seine Seele! Die Sache ist verdächtig, sag' ich euch. Irgendwo schwimmt 'n großer Fisch im Wasser 'rum. Ich weiß nicht, wie er heißt, und weiß nicht, ob er beißt, aber er flitzt so 'rum, und niemand kriegt ihn dabei zu sehen. Mögt ihr immer glauben, daß ihr ihn im Netz habt – ich glaub's nicht – weiter hab' ich nichts zu sagen.«

Aber man machte sich über ihn lustig – er wäre ein Unglücksrabe. Die Kommission sei doch gewählt, da wäre nicht drum 'rumzukommen. Darrell und Lyman Derrick ständen doch beide auf seiten der Ranchbesitzer. Ja, lieber Gott, Annixter wäre eben nie zufrieden. Der hielte eigensinnig an seinen Ideen fest, bis der letzte Schuß gefallen sei. Wahrhaftig, wenn er in 'nen Fluß fiele und ertränke, so würde er gerade zum Possen stromauf treiben.

Im Laufe der Zeit wurde die neue Kommission eingesetzt. Während der ersten Monate ihrer Amtsführung war sie damit beschäftigt, die von der alten Kommission hinterlassenen Rückstände aufzuarbeiten und die Eisenbahnkarte herauszubringen. Aber jetzt wurde klar zum Gefecht gemacht.

Lyman sowohl wie Darrell hatten sich verpflichtet, für eine im Durchschnitt zehn Prozent betragende Herabsetzung der Weizenfracht innerhalb des ganzen Staates einzutreten.

Die Maschinenschreiberin fand sich jetzt wieder ein mit den zur Unterschrift fertigen Briefen. Lyman faltete die Karte zusammen und nahm die gewohnheitsmäßige Erledigung seiner Geschäfte wieder auf. Dabei mußte er daran denken, was wohl während der von seiner Tätigkeit als Eisenbahnkommissar beanspruchten Zeit aus seiner Anwaltspraxis werden würde.

Als Lyman gegen Mittag gerade ein Glas Mineralwasser aus dem neben ihm stehenden Siphon abzog, wurde laut an die Tür geklopft; unmittelbar darauf traten Magnus und Harran, gefolgt von Presley, ein.

»Hallo, hallo!« rief Lyman, der aufsprang und seinen Besuchern beide Hände entgegenstreckte, »das ist 'ne Ueberraschung. Ich erwartete euch alle erst heut abend. Kommt, setzt euch. Ein Glas Zischwasser gefällig, Governor?«

Die Ankömmlinge setzten Lyman auseinander, daß sie mit dem Nachtzuge von Bonneville eingetroffen seien; der geschäftsführende Ausschuß der Liga habe nämlich von seinen die Prozesse gegen die Eisenbahn führenden Anwälten die telegraphische Nachricht erhalten, daß der Richter des als höhere Instanz angerufenen San Franciscoer Gerichtshofes wahrscheinlich heute seine Entscheidung abgeben würde. Sehr bald nach der Anzeige der neuen Preisbemessung hatte die Bahn den Ranchbesitzern durch S. Behrman das Anerbieten gemacht, ihnen die strittigen Landsektionen zu einem nur auf dem Papier stehenden Preise zu verpachten. Diese Zumutung war entrüstet zurückgewiesen worden, und die Bahn hatte daraufhin das Land in Ruggles' Office in Bonneville zum Verkauf ausgeboten. Trotz des geforderten unsinnigen Preises fanden sich sofort Käufer ein – Strohmänner natürlich –, die im Auftrage der Bahn oder S. Behrmans handelten – im County bisher gänzlich unbekannte Persönlichkeiten, Leute ohne Geld, ohne Besitz, Abenteurer, Parteigänger der Bahn. Unter ihnen spielte Delaney, der auf die in Annixters Ranch enthaltenen Bahnsektionen bot, eine große Rolle.

In Ruggles' Office wurde das Possenspiel der urkundlichen Uebertragung des Eisenbahnlandes an jene Strohmänner ernsthaft durchgeführt, wobei ihnen die Bahn den Besitz gewährleistete. Die Liga verweigerte den vorgeblichen Käufern den Zutritt zu den Besitzstücken, worauf die Bahn, getreulich an der ihren Strohmännern gegebenen Gewähr festhaltend, sofort Prozesse zum Zwecke der Besitzentsetzung beim Bezirksgericht in Visalia anstrengte.

Es war das Vorpostengefecht, die starke Rekognoszierung vor der Schlacht. Die Gegner prüften einander auf ihre Kräfte und schoben, während sie nur vorsichtig und langsam vorgingen, das entscheidende, tödliche Ringen noch eine Zeitlang hinaus, bis jeder seine Stellung verstärkt und seine Streitkräfte in Schlachtordnung aufgestellt hatte.

Während die Prozeßverhandlungen im Gange waren, ließ sich S. Behrman häufig im Gerichtsgebäude von Visalia und dessen Umgebung sehen. Der Prozeß selbst war nach Erledigung der endlosen Vorverhandlungen nur von kurzer Dauer. Die Ranchbesitzer verloren. Die Prozesse wurden sofort vor der höheren Instanz, dem Bundesgericht in San Francisco, weitergeführt, dessen Entscheidung noch heut erfolgen sollte.

»O, das ist mir ganz was Neues,« rief Lyman, als ihm sein Vater diese Mitteilung gemacht hatte. »Ich glaubte nicht, daß man so prompt sein würde. Erst vorige Woche war ich auf dem Gericht, und da schien noch ungeheuer viel vorzuliegen, das vor eurer Sache erledigt werden mußte. Ich kann mir denken, daß du sehr auf den Ausgang gespannt bist!«

Magnus nickte. Er hatte sich in einen von Lymans bequemen Sesseln niedergelassen und den breitkrempigen grauen Zylinderhut neben sich auf den Fußboden gestellt. Sein schwarzer Tuchrock zeigte noch viele, von der engen Verpackung in der Reisetasche herrührende Kniffe und Falten; die Beinkleider über den Schaftstiefeln waren durch Stege unten festgehalten.

In seinen Stuhl zurückgelehnt, beobachtete er seine beiden Söhne mit stiller Freude. Dem Vaterauge erschienen sie als hervorragende, mit außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten und vorteilhaftem Aeußern ausgestattete Vertreter ihrer Berufe. Er war ungemein stolz auf sie. Nie sah man ihn glücklicher, heiterer, straffer und militärischer, lebhafter und in gehobenerer Stimmung als in Gesellschaft seiner beiden Söhne. Er war fest davon überzeugt, daß die ganze Nation keine vortrefflicheren Muster junger Männlichkeit aufzuweisen hatte.

»Ich denke, daß wir hier beim Bundesgericht gewinnen müssen,« sagte Harran, auf die in seinem Glase zergehenden Luftbläschen blickend. »Die Untersuchung war hier viel eingehender als in Visalia. Unsre Sache ist diesmal zu gut. Sie hat zu viel von sich reden gemacht. Das Gericht wird es nicht riskieren, eine Entscheidung zugunsten der Bahn abzugeben. Das Uebereinkommen liegt doch schwarz auf weiß vor – und dann sind die Zirkulare, die die Bahn ausgegeben hat. Wie kann man denn um die 'rumkommen?«

»Ja, ja, in einigen Stunden werden wir's wissen,« bemerkte Magnus.

»O,« rief Lyman erstaunt aus, »es war also schon für heut morgen angesetzt! Warum seid ihr denn nicht bei der Verhandlung?«

»Es erschien mir das nicht würdevoll, Sohn,« entgegnete der Governor. »Wir werden's bald genug wissen.«

»Guter Gott!« rief jetzt Harran, »wenn ich bedenke, was alles auf dem Spiele steht. Ja, ja, Lyman, 's ist unser Heim, Haus und Hof, fast ganz Los Muertos, tatsächlich unser gesamtes Vermögen – und gerade jetzt bei den Aussichten auf eine kolossale Weizenernte. Und es handelt sich nicht nur um uns. Ueber eine halbe Million Acker im San Joaquin-Distrikt kommt in Frage. Bei einigen kleineren Besitzern kommt es auf eine Konfiskation ihres ganzen Landes 'raus. Geht die Sache durch, so werden nahezu hundert Besitzer zu Bettlern. Broderson behält keine tausend Acker übrig. O, es ist entsetzlich!«

»Die Bahn erbot sich doch, ihre Landsektionen zu verpachten,« warf Lyman ein. »Macht der eine oder andre von dem Anerbieten Gebrauch oder beabsichtigt jemand zu kaufen?«

»Kaufen? Zu dem Preise!« rief Harran. »Zu zwanzig und dreißig Dollar den Acker! 's ist nicht einer unter zehn, der das überhaupt könnte. Das Geld ist knapp bei allen, weil das Land so lange nichts gebracht hat. Und pachten – Land pachten, das ihnen tatsächlich gehört – nein, es sind verdammt wenige, die das tun, gottlob! Das hieße ja das Eigentumsrecht der Bahn direkt anerkennen – damit begäbe man sich ja auf immer jeden Anspruchs. Von den Mitgliedern der Liga gibt sich niemand dazu her, das weiß ich. Es wäre ja auch der niederträchtigste Verrat.«

Er hielt einen Augenblick inne, um den Rest seines Mineralwassers zu trinken, und redete dann, Lyman unterbrechend, der als höflicher Mann eben Presley in die Unterhaltung ziehen wollte, weiter: »Es drängt alles in diesen Tagen zu einer Krisis. 's ist 'ne Existenzfrage für die Weizenbauer des ganzen Staates, das steht fest. Die Entscheidung der Landprozesse und die Festsetzung des neuen Frachttarifs fallen so ziemlich zusammen. Wenn wir die Prozesse gewinnen und dann auch der neue Tarif in Kraft tritt, da fließt für uns lauter Milch und Honig. Wird der ganze San Joaquin nicht außer Rand und Band sein, wenn wir durchkommen, und ich glaube, wir werden's!«

»Was werden uns Weizenbauern für Fallen gestellt, wie werden wir ausgesogen und betrogen!« sagte Magnus düster. »Die Gerichte, die Kapitalisten, die Eisenbahnen – sie alle locken uns in irgendein neues großartiges Unternehmen, nur um uns schließlich zu hintergehen. Na,« fügte er, sich an Lyman wendend, hinzu, »einer Sache sind wir wenigstens sicher. Wir werden ihnen die Weizenfrachten beschneiden, wie, Lyman?«

Lyman schlug die Beine übereinander und rückte sich in seinem Schreibtischsessel zurecht.

»Darüber wollte ich gerade mit dir sprechen, Vater,« sagte er. »Ja, wir werden ihnen die Frachten beschneiden, um durchschnittlich zehn Prozent im ganzen Staat werden wir sie herabsetzen – dazu haben wir uns verpflichtet. Aber ich möchte dich, Governor, und dich, Harran, darauf aufmerksam machen – erwartet zunächst nicht zu viel. Ein Mann, der selbst nach zwanzigjähriger Erfahrung im Eisenbahnverwaltungswesen es fertig bringt, einen durchaus angemessenen und gleichmäßigen, zwischen dem jeweiligen Verladungs- und Bestimmungsort genau balancierten Frachttarif aufzustellen, der ist ebensogut imstande, die Vereinigten Staaten zu regieren. Die ganze Sache ist durch alle die Haupt-, Neben- und gepachteten Linien, durch die Uebergangsstationen, die Sätze für die Spediteure und die Entscheidungen der Kommission für den zwischenstaatlichen Handel so verwickelt geworden, daß selbst ein Vanderbilt sie nicht entwirren könnte. Wie kann man also erwarten, daß eine Eisenbahnkommission wie zum Beispiel die unsrige, die – wir wollen offen sein – aus einer Anzahl von Männern hervorgegangen ist, die so was wie den Unterschied zwischen dem Zuschlag für Umrangieren und einem Differentialtarif nicht kennen – wie kann man erwarten, daß eine solche Kommission das ungeheure Material in der kurzen Zeit von sechs Monaten bewältigen soll? Frachten herabsetzen – o ja, jeder Dummkopf kann das; jeder Dummkopf kann schreiben: ein Dollar anstatt zwei. Wenn ihr aber die Fracht auch nur um den Bruchteil eines Prozentes zu tief herabsetzt und die Bahn dann ein gerichtliches Verbot erlangt mit der Begründung, daß der neue Frachtsatz einen lohnenden Betrieb unmöglich macht – seid ihr dann etwa in einer besseren Lage?«

»Deine Gewissenhaftigkeit macht dir Ehre, Lyman,« sagte der Governor. »Ich spreche dir meine Hochachtung aus, mein Sohn. Ich weiß, du wirst unparteilich gegen die Bahn handeln. Mehr wollen auch wir nicht. Unparteilichkeit gegen die Bahn ist auch Unparteilichkeit gegen den Farmer, und wir erwarten nicht, daß du die ganze Angelegenheit im Handumdrehen ordnen wirst. Nimm dir Zeit. Wir können warten.«

»Wenn aber die nächste Kommission im Dienst der Bahn steht und unsre Frachtsätze umwirft?«

Der einstige Minenkönig, der gefürchtetste Pokerspieler von Calaveras County verstieg sich zu einem kurzen, schlauen Augenzwinkern.

»Dann ist es zu spät. Bis dahin werden wir alle zu großem Vermögen gekommen sein.«

Presley war aufs höchste über diese Bemerkung erstaunt. Er konnte sich an gewisse innere Widersprüche im Charakter des Governors nicht gewöhnen. Magnus war ein für das Gemeinwohl eintretender Mann von gesundem Urteil, reiflicher Ueberlegung und festen Grundsätzen; hin und wieder aber verriet er durch eine Bemerkung wie die eben gefallene, daß in seine Natur ein Einschlag vom Wagemut des Spielers verwoben war, der mit seinen Ueberzeugungen und Grundsätzen im Widerspruch stand.

Magnus war eben der Neunundvierziger geblieben. In ihm war immer noch der abenteuerlustige Geist lebendig. »Bis dahin werden wir alle zu großem Vermögen gekommen sein« – das war der Ausdruck dieser Gesinnung. »Nach uns die Sintflut.« Trotz seines Gemeinsinnes, trotz seines Eintretens für Recht und Wahrheit, seiner Achtung vor dem Gesetz war Magnus der Spieler geblieben, der bereit war, riesige Einsätze zu wagen und ein Vermögen aufs Spiel zu setzen, um eine Million zu gewinnen. Es war der echte kalifornische Geist, der sich in ihm verkörperte, der Geist des Westens, der sich mit Einzelheiten nicht abgeben, nicht geduldig warten mochte, bis er durch regelmäßige mühsame Arbeit zum Ziele kam. Die Sucht des Goldgräbers, über Nacht reich zu werden, steckte Magnus im Blute. In diesem Geiste bewirtschaftete die Mehrzahl der Ranchbesitzer, deren Urbild Magnus war, ihre Ranchos. Sie hatten keine Liebe für ihr Land. Sie hingen nicht an der Scholle, die sie bebauten. Nach denselben Grundsätzen, nach denen sie vor einem Vierteljahrhundert ihre Minen ausgebeutet hatten, betrieben sie jetzt den Landbau. Den Gedanken, haushälterisch mit den außergewöhnlichen Hilfsquellen ihrer fruchtbaren San Joaquin-Niederung umzugehen, würden sie als kleinlich, knickerig und jüdisch weit von sich gewiesen haben. Ihre Bewirtschaftung schien lediglich darin zu bestehen, alles, was in dem Boden steckte, herauszubekommen und ihn völlig auszusaugen und zu erschöpfen. Waren dann keine Erträge mehr zu erzielen, so legten sie eben ihr Geld anderweitig an; bis dahin aber würden sie alle zu großem Reichtum gekommen sein. Wozu sich sorgen? »Nach uns die Sintflut.«

Lyman, der sich offenbar unbehaglich fühlte, wollte dem Gespräch eine andre Wendung geben. Er erhob sich und sagte, während er seine Manschetten herabzog: »Apropos, ich möchte, daß ihr drei heut in meinem Klub mit mir frühstückt, 's ist ganz in der Nähe. Ihr könnt dort gerade so gut wie anderswo die Entscheidung des Bundesgerichts abwarten, und ich möchte euch auch den Klub zeigen; ich bin gerade eben Mitglied geworden.«

Die vier hatten sich an einen kleinen Tisch gesetzt, der an dem runden Erkerfenster des Klubsaales stand. Lyman schien sich allgemeiner Beliebtheit zu erfreuen. Fast jeder Eintretende hatte einen freundlichen Gruß für ihn; verschiedene Herren kamen sogar an seinen Tisch, um ihm die Hand zu geben. Er schien jedermanns Freund und gegen jeden gleich liebenswürdig zu sein. Lymans verbindliches Wesen versagte auch Leuten gegenüber, die er nicht leiden konnte, niemals.

»Sieh nur den Menschen dort drüben,« sagte er und machte Magnus auf einen Mann in mittleren Jahren aufmerksam, der auffällig gekleidet war, entzündete Augen hatte und langes Haar trug; der Kragen seines Sammetrockes war dicht mit Kopfschuppen besät. »'s ist Hartrath, der Maler,« fuhr Lyman fort, »ein Mensch, dem jedes Schicklichkeitsgefühl abgeht. Wie er sich hier hereinschlängeln konnte, ist mir ein Rätsel.«

Als dieser Hartrath aber auf ihn zukam und sich nach seinem Befinden erkundigte, zeigte Lyman sich ihm gegenüber von so gewinnender Liebenswürdigkeit, als ob er sein bester Freund wäre.

»Was zum Teufel tust du dann so mit ihm?« fragte Harran.

Lyman antwortete mit einigen unbestimmten Redensarten. Der wahre Grund für sein Verhalten lag darin, daß er von hochgradigem Ehrgeiz beherrscht war. Er träumte davon, eine hohe politische Stellung zu erreichen; zur Verwirklichung dieses Traumes war allgemeine persönliche Beliebtheit sehr wesentlich. Ein jeder, der stimmberechtigt war – Lump oder Gentleman –, mußte daher gewonnen werden. Lyman war eifrig bemüht, in den weitesten Kreisen bekannt zu werden und sich einflußreiche Männer zu Dank zu verpflichten. Nie vergaß er ein Gesicht oder einen Namen. Gegen jedermann zeigte er eine liebenswürdige Vertraulichkeit. Sein Ehrgeiz war auf nichts Unbedeutendes gerichtet. In der Mißachtung von Kleinigkeiten ähnelte er seinem Vater. Städtische Aemter zogen ihn nicht an. Er hatte seine Laufbahn schon auf zwanzig Jahre im voraus geplant. Bereits Anwalt des Sheriffs sowie Gehilfe des Bezirksgerichtsanwaltes und neuerdings Eisenbahnkommissar, konnte er, wenn er wollte, leicht das Amt des Bezirksgerichtsanwaltes selbst erlangen. Für ihn handelte es sich jetzt darum, ob ihm die Uebernahme dieses Amtes nützen oder schaden könnte. Würde sie ihn in der Laufbahn, die er geplant hatte, fördern oder vom rechten Wege abbringen? Lyman wollte etwas mehr werden als Bezirksgerichtsanwalt, Bürgermeister, Staatssenator, oder selbst Kongreßmitglied. Er ging darauf aus, das in Wirklichkeit zu sein, was sein Vater nur dem Namen nach war – er wollte das erreichen, was Magnus vergebens erstrebt hatte. Gouverneur des Staates wollte er werden. Er hatte die Zähne aufeinander gebissen und arbeitete, ohne sich von irgendwelchen Rücksichten oder Einwänden ablenken zu lassen, mit der langsamen, durch nichts zu erschütternden Beharrlichkeit des Korallentierchens auf sein Ziel hin.

Nach dem im Speisesaale eingenommenen Frühstück bestellte Lyman Zigarren und Liköre und kehrte mit seinen Gästen in das Rauchzimmer zurück. Ihr früherer Platz im Erker war aber besetzt. Ein Mann in mittleren Jahren mit eisgrauem Haar und Schnurrbart saß, eine lange dünne Zigarre rauchend, an ihrem Tisch. Er trug dunkeln Gehrock und weiße Weste und erinnerte in unbestimmbarer Weise an einen Marineoffizier außer Dienst. Presley, der ihn zuerst bemerkte, rief leise:

»O, ist das nicht Cedarquist?«

»Cedarquist?« wiederholte Lyman. »Ein guter Bekannter von mir. Ja natürlich, er ist's,« fuhr er fort. »Governor, du mußt ihn kennen lernen. Eine unsrer hervorragendsten Persönlichkeiten. Du wirst dich gern mit ihm unterhalten. Er stand an der Spitze der großen Atlas-Eisengießerei. Sie hat den Betrieb eingestellt, mußt du wissen. Nicht etwa bankerott geworden, aber sie rentiert sich nicht mehr, und da hat Cedarquist die Fabrik geschlossen. Er ist aber bei verschiedenen andern Unternehmungen beteiligt. Ein reicher Mann – ein Kapitalist.«

Lyman führte seine Gäste zu dem Herrn hin und stellte sie ihm vor.

»Herr Magnus Derrick, ganz richtig,« sagte Cedarquist und gab dem Governor die Hand. »Dem Namen nach sind Sie mir schon lange bekannt. Es ist mir ein großes Vergnügen, Sie kennen zu lernen.« Dann wandte er sich an Presley: »Hallo, Pres, mein junger Freund! Was macht das Gedicht, das große, große Gedicht für Fortschritte?«

»Gar keine,« antwortete Presley in einiger Verlegenheit, während man sich setzte. »Ich habe die Idee so ziemlich aufgegeben. Die großen Lebensfragen, die jetzt für Los Muertos zum Austrag kommen, haben mich derartig gefesselt, daß ich von meinem Plan mit jedem Tage weiter abgekommen bin.«

»Das verstehe ich,« entgegnete der Fabrikherr, sich an Magnus wendend. »Ich verfolge Ihren Kampf gegen Shelgrim mit dem lebhaftesten Interesse, Herr Derrick.« Er erhob sein Glas mit Whisky und Soda. »Ich trinke auf Ihren Erfolg.«

Als er das Glas wieder niedersetzte, schloß sich Hartrath, der Maler, ohne dazu ermuntert zu sein, der Gesellschaft an. Als Vorwand diente ihm, daß er mit Lyman reden müsse, von dem Hartrath glaubte, daß er Fühlung mit dem Stadtrate besäße. Es war nämlich eine Ausstellung, die mit einem großen Blumenfest verbunden werden und eine Million Dollar kosten sollte, geplant worden. Die ganze Stadt sprach davon. Man beabsichtigte, bei dieser Gelegenheit verschiedene Statuen aufzustellen. Hartrath suchte daher Lymans Einfluß für einen ihm befreundeten Bildhauer zu gewinnen, der gern künstlerischer Leiter dieser Veranstaltung werden wollte. Mit den Händen herumfuchtelnd und mit den entzündeten Augenlidern zwinkernd, redete er auf seine Hörer ein:

»Eine Million Dollar! Ha, stellen Sie sich das nur vor! Ja, wissen Sie denn auch, daß fünfmalhunderttausend bereits gezeichnet worden sind? Was Gemeinsinn anbetrifft, meine Herren, so kann keine Stadt auf dem Kontinent die unsre überbieten. Und das Geld ist nicht weggeworfen. Wir werden Gäste aus dem Osten zu Tausenden hier haben – Kapitalisten – Männer, die Geld anlegen wollen. Die Million, die wir für die Ausstellung ausgeben, wird in unsre Taschen zurückfließen. Ah, Sie sollten sehen, wie die Frauen unsrer Stadt für die Sache ins Zeug gehen. Sie veranstalten die mannigfaltigsten geselligen Vergnügungen – Tees, altfränkische Singschulen, Liebhabertheater, Pfeffernußfeste – o, und auch die Geschäftsleute – wie Wasser schütten sie das Geld aus! Großartig, wirklich großartig ist der Patriotismus unsrer gesamten Bürgerschaft!«

Der Fabrikherr betrachtete den Maler mit nachdenklicher Aufmerksamkeit. »Und wieviel werden Ihre Pfeffernußdamen und für das Gemeinwohl begeisterten Kapitalisten dazu beisteuern, daß die Ruinen der Atlas-Eisengießerei in die Luft gesprengt werden?«

»In die Luft gesprengt? Das versteh' ich nicht,« murmelte der überraschte Maler.

»Wenn Sie Ihre Kapitalisten aus dem Osten,« fuhr Cedarquist fort, »zu Ihrer Ausstellung, die 'ne Million Dollar kosten soll, hierherlotsen, so wollen Sie doch nicht, daß diese Herren eine Eisengießerei, in der 'ne Million Dollar steckt, außer Betrieb gesetzt sehen sollen bloß wegen der Gleichgültigkeit der San Franciscoer Geschäftsleute? Ihre Kapitalisten könnten unbequeme Fragen stellen und wir müßten dann antworten, daß unsre Geschäftsleute ihr Geld lieber in Eckgrundstücken und Staatspapieren anlegten, anstatt eine lebensfähige heimische Industrie zu fördern. Wir brauchen keine Ausstellungen. Rauchende Fabrikschornsteine brauchen wir. Wir brauchen keine Statuen und Springbrunnen, keine Vergrößerungen der öffentlichen Parks und keine Pfeffernußfeste. Geschäftlichen Unternehmungsgeist brauchen wir. Sieht uns das nicht ähnlich?« rief er mißmutig aus. »Ist das nicht eine traurige Tatsache? Ach, San Francisco! 's ist keine Stadt – eine Midway Plaisance Vergnügungsstraße der Chicagoer Weltausstellung mit mannigfachen Volksbelustigungen und Schaustellungen. ist es. Kalifornien will genarrt sein. Glauben Sie wohl, daß Shelgrim sonst das ganze San Joaquin-Tal hätte zu seinem Küchengarten machen können? Gleichgültigkeit, absolute Gleichgültigkeit gegen allgemeine Angelegenheiten ist uns allen als Stempel aufgedrückt. Unser Staat ist ein wahres Paradies für marktschreierische Hanswürste. Ihr und eure Ausstellung für 'ne Million Dollar!« Mit einem gleichmütigen Lächeln wandte er sich an Hartrath. »Gerade solche Leute wie Sie, Herr Hartrath, sind unser Ruin. Sie rufen einen Schwindel aus Flittergold und Pappdeckel ins Leben, setzen sich 'ne Narrenkappe mit Schellen auf und schlagen an der Straßenecke auf den Gong. Der Pöbel schreit Hurra und wirft ihnen seine Nickel in den Hut. Ihre Pfeffernußfestivität – jawohl, ich sah so was in vollem Gange neulich im Garten von einer Ihrer Damen auf der Sutterstraße. Ich war auf dem Heimwege von der letzten Aufsichtsratssitzung der Atlas-Kompanie. Ein Pfeffernußfest, mein Gott! und die Atlas-Kompanie muß ihren Betrieb einstellen wegen mangelnder finanzieller Unterstützung. Eine Million Dollar wird ausgegeben, um Gäste aus dem Osten anzuziehen, und denen zeigt man dann ein stillstehendes Walzwerk, das weiter nichts mehr zu tun hat, als den Rest seines Rohmaterials und die Stahlabfälle zu verkaufen.«

Lyman sah sich jetzt veranlaßt zu vermitteln, da die Lage etwas gespannt zu werden schien. Er versuchte zwischen den widerstreitenden Interessen der drei Männer – Künstler, Fabrikant und Farmer – einen Ausgleich herbeizuführen. Hartrath aber, der die ihm entgegengebrachte feindliche Gesinnung fühlte, entzog sich diesem Versuch. Ein Bild von ihm – »Studie aus den Contra Costa-Hügeln« – sollte zum Besten der Ausstellung heute in den Klubräumen ausgespielt werden. Hartrath hatte die Leitung der Lotterie übernommen und benutzte diesen Umstand, um sich zurückzuziehen.

Cedarquist sah ihm eine Weile sinnend nach; dann wandte er sich an Magnus und entschuldigte sich bei ihm wegen der Schärfe seiner Worte.

»Er ist nicht schlimmer wie viele andre, und die Bürger unsers Staates und unsrer Stadt sind schließlich auch nur um ein weniges hohlköpfiger als andre Amerikaner.« Er war auf sein Lieblingsthema gekommen, und so machte er, der Aufmerksamkeit seiner Hörer sicher, seinem Herzen Luft.

»Wenn ich den schreienden Mißstand nennen soll, Herr Derrick, unter dem das amerikanische Leben leidet, so ist's die Gleichgültigkeit der besseren Volksschichten gegen das Gemeinwohl. Wir finden das in allen unsern großen Zentren. Es gibt, weiß Gott, noch andre Trusts in den Vereinigten Staaten außer unsrer lieben P. und S. W. Eisenbahn. Jeder Staat hat seine eigne Plage. Ist's nicht ein Eisenbahntrust, so ist's ein Petroleumtrust, ein Zuckertrust oder ein andrer Industrietrust, der das Volk ausbeutet, weil« – er betonte die letzten Worte – »das Volk sich ausbeuten läßt. Nur die Gleichgültigkeit des Volkes macht die Herrschaft des Despoten möglich. Das ist so wahr wie die Tatsache, daß das Ganze größer als ein Teil ist – und dieser alte selbstverständliche Grundsatz wirkt, wenn man ihn immer wieder betont, lächerlich. Trotzdem wird er nicht befolgt und stets mißachtet, weil man immer wieder auf eine noch nicht dagewesene, geistreiche und verwickelte Theorie verfällt und eine wundervolle Neuordnung der Dinge plant; die einfache Tatsache aber bleibt als ewiger, unumstößlicher Grundsatz bestehen. Das Volk brauchte nur ›nein‹ zu sagen, und die denkbar stärkste politische, kirchliche oder wirtschaftliche Tyrannei könnte nicht eine Woche überleben.«

Seine Zuhörer, die ihm mit vollster Aufmerksamkeit gefolgt waren, nickten zustimmend, als Cedarquist geendet hatte.

»Das ist einer der Gründe, Herr Derrick,« begann er nach einem Augenblick von neuem, »warum mir Ihre Bekanntschaft so erfreulich ist. Sie und Ihre Liga versuchen dem Trust ein ›Nein‹ entgegenzustellen. Ich hoffe, daß Sie Erfolg haben. Er ist Ihnen sicher, wenn Ihr Beispiel das Volk für die von Ihnen vertretene Sache gewinnt. Im andern Falle –«, er brach kopfschüttelnd ab.

»Eine Phase des Kampfes spielt sich an dem heutigen Tage ab,« bemerkte Magnus. »Meine Söhne und ich erwarten jeden Augenblick die Entscheidung des Bundesgerichts; sie steht unmittelbar bevor.«

»Es scheint, daß wir beide Kämpfer sind, Mister Derrick,« sagte Cedarquist. »Jeder von uns kämpft gegen seinen besonderen Feind an. Wir passen gut zusammen, der Farmer und der Industrielle; beide sind wir Körner zwischen den zwei Mühlsteinen, der Lethargie des Volkes und den Uebergriffen des Trusts, den beiden Grundübeln des modernen Amerikas. Pres, mein junger Freund, da haben Sie Ihr großes Epos!«

Aber Cedarquist war noch von einem andern Gedanken beherrscht. Selten bot sich ihm eine so günstige Gelegenheit, von seinen Ansichten und dem Gegenstande seines eifrigen Strebens zu sprechen, und so wandte er sich von neuem an Magnus:

»Glücklicherweise war die Atlas-Kompanie nicht meine einzige Kapitalsanlage. Ich bin noch anderweitig interessiert. Von jeher war mein Ehrgeiz der Bau von Schiffen, Herr Derrick – stählernen Segelschiffen –, die dem Transport amerikanischen Weizens dienen sollen. Jahrelang habe ich die amerikanische Weizenfrage studiert, und schließlich bin ich dazu gekommen, eine Theorie aufzustellen. Ich will sie Ihnen auseinandersetzen. Gegenwärtig geht unser gesamter kalifornischer Weizen nach Liverpool, und von dort aus wird er über die ganze Welt verteilt. Aber es wird anders werden. Ich bin fest davon überzeugt. Ihr jungen Leute,« er richtete seine Worte jetzt an Presley, Lyman und Harran, »werdet das noch erleben. Unser Jahrhundert ist nahezu abgelaufen. Das Losungswort dieses zur Neige gehenden neunzehnten Jahrhunderts war ›Produktion‹. Das Losungswort des zwanzigsten Jahrhunderts – hört, was ich euch sage, ihr jungen Leute – wird ›Märkte‹ sein. Als Markt für unsre Produktion – oder um ein bestimmtes Beispiel anzuführen –, als Markt für unsern Weizen hat Europa seine Rolle ausgespielt. Die Bevölkerungszunahme Europas hält nicht Schritt mit dem enormen Fortschritt unsrer Produktion. In manchen Ländern, besonders in Frankreich, ist ein Stillstand in der Bevölkerungszunahme eingetreten. Wir aber produzieren immer größere Mengen von Weizen. Ueberproduktion ist die Folge. Wir bauen mehr Weizen als Europa verzehren kann, und infolgedessen gehen die Preise herunter. Diesem Uebelstande wird nicht durch die Einschränkung unsers Weizenbaues abgeholfen, sondern nur dadurch, daß wir neue Märkte, größere Märkte erschließen. Jahrelang haben wir unsern Weizen von Ost nach West gesandt, von Kalifornien nach Europa. Aber die Zeit wird kommen, wo wir ihn von West nach Ost senden müssen. Wir müssen dem Wege, auf den uns die wirtschaftliche Entwicklung drängt, folgen; ihr entgegenstemmen können wir uns nicht. China ist's, auf das wir unser Augenmerk zu richten haben. Der Reis beginnt in China seinen Nährwert zu verlieren. Aber die Asiaten müssen ernährt werden, – wenn nicht mit Reis, dann mit Weizen. Sehen Sie, Herr Derrick, wenn auch nur die Hälfte der Bevölkerung Chinas eine halbe Unze Weizenmehl pro Kopf täglich verbraucht, so würden alle Weizenfelder Kaliforniens dazu nicht hinreichen. O, könnte ich das nur in die Köpfe aller Weizenbauer des San Joaquin hineinhämmern – jawohl! – und in die der Besitzer der Bonanza-Ranchos von Dakota und Minnesota. Schickt euren Weizen nach China; bringt ihn selbst auf den Markt; macht eure Geschäfte ohne den Zwischenhändler; macht euch unabhängig von dem Ringe der Elevatoren und Mischspeicher. Wenn ihr durch die Verproviantierung Chinas die Sendungen nach Europa vermindert habt, so tritt die Wirkung davon sofort ein. Die Preise auf dem europäischen Markte gehen in die Höhe, ohne im geringsten die auf dem chinesischen zu beeinflussen. Wir halten den Schlüssel in der Hand – wir haben den Weizen – unendlich mehr wie wir selbst verbrauchen können. Asien und Europa sind für ihr Hauptnahrungsmittel auf Amerika angewiesen. Es zeugt von einer Schwachköpfigkeit sondergleichen, Europa mit unsern Brotstoffen zu überschwemmen, während der Osten nahe daran ist, zu verhungern!«

Cedarquist und Magnus setzten ihr Gespräch noch eine Zeitlang fort. Der von dem Fabrikanten entwickelte Gedanke war dem Governor neu und gab ihm viel zu denken. Er beteiligte sich nicht mehr an der allgemeinen Unterhaltung und lehnte, mit dem gekrümmten Zeigefinger über den Rücken seiner Adlernase streichend, gedankenvoll in seinem Sessel.

Cedarquist zog jetzt Harran ins Gespräch und begann ihn über Einzelheiten in betreff der Lage der Weizenbauer des San Joaquin auszufragen. Lyman zeigte eine höfliche Gleichgültigkeit und gähnte zuweilen hinter der vorgehaltenen Hand. Presley konnte sich seinen eignen Gedanken überlassen.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der die Angelegenheiten und Beschwerden der Farmer seiner näheren Bekanntschaft – Magnus, Annixter, Osterman und Broderson – ihm lediglich Widerwillen eingeflößt hatten. Ganz erfüllt von dem geplanten großen Epos des Weizens, das ihm nur in unbestimmten Umrissen vorschwebte, hielt er sich fern von dem, was ihm als kleinliches Gezänk erschien. Aber die aufregenden Vorgänge in Annixters Geschirrkammer hatten ihn gepackt und mit sich gerissen. Die darauf folgenden Monate verbrachte er in zitternder Erregung. Der Gedanke an sein Epos war aufgegeben. Nicht einen einzigen Vers hatte er während der letzten sechs Monate geschrieben. Als die Beziehungen zwischen Liga und Trust immer gespannter wurden, wuchs seine Aufregung von Tag zu Tag. Er sah die ganze Angelegenheit in ihrem wahren Lichte, und sie erschien ihm vorbildlich. Wieder einmal war der uralte Krieg zwischen Freiheit und Unterdrückung zum Ausbruch gekommen. Er hatte Augenblicke, in denen die Wut gegen die Bahn ihn wie ein raschelndes, welkes Rohr erzittern ließ, während die schlaffe Gleichgültigkeit, die das kalifornische Volk für den Kampf zeigte, ihn mit Verzweiflung erfüllte.

Presley mußte, wie er einst Vanamee auseinandergesetzt hatte, Ausdruck finden für das, was ihn bewegte. Er fühlte, daß er sonst ersticken würde. Das veranlaßte ihn, ein Tagebuch zu führen, dem er, wenn immer der Drang ihn dazu trieb, seine Gedanken und Beobachtungen anvertraute. Das geschah zuweilen täglich, zuweilen nur drei- bis viermal im Monat. Seine Lieblingsdichter – Milton, Tennyson, Browning, selbst Homer – warf er auf die Seite und las dafür Mill, Malthus, Young, Puschkin, Henry George und Schopenhauer. Mit grenzenloser Begeisterung suchte er in das Studium der wirtschaftlichen Ungleichheit einzudringen. Er las nicht, er verschlang alle einschlägigen Bücher. Das Ergebnis dieses Uebereifers, der Presley krank machte, war ein wütender Haß gegen alle Ungerechtigkeit und Unterdrückung und ein Wirrwarr einander widerstreitender Gedanken und Begriffe, in dem er sich nicht zurechtfand; ebensowenig vermochte er einen annehmbaren Vorschlag zur Abstellung oder Linderung des von ihm bekämpften Uebels zu machen.

Der Stumpf seiner Zigarette verbrannte ihm die Fingerspitzen und weckte ihn aus seinem Brüten. Im Begriff, eine frische Zigarette anzuzünden, warf er einen Blick über das Zimmer und war nicht wenig erstaunt, zwei sehr geschmackvoll gekleidete Damen in Gesellschaft eines älteren Herrn in langem schwarzen Rock vor Hartraths Gemälde stehen zu sehen, das sie, die Köpfe zur Seite geneigt, prüfend musterten.

Presley, der Mitglied des Klubs war, unterdrückte einen Ausruf der Ueberraschung; denn Damen hatten nur bei ganz besonderen Anlässen Zutritt zu den Klubräumen. Er wollte eben Lyman fragen, was ihre Anwesenheit zu bedeuten habe, der aber hatte sie auch gesehen und rief: »O, das hatte ich doch ganz vergessen! Natürlich, heut ist ja Damentag.«

»Ja, gewiß!« warf Cedarquist ein. »Wußten Sie das nicht? Zweimal im Jahre öffnen sich ihnen unsre Pforten, und heute liegt ein doppelter Anlaß dazu vor. Hartraths Gemälde wird ausgelost – zum Besten der famosen Ausstellung natürlich. Sie sind nicht auf dem laufenden, Lyman. Das ist 'n hochheiliger Ritus – ein wichtiges, öffentliches Ereignis.«

»Natürlich, natürlich,« murmelte Lyman und musterte dabei verstohlen Vater und Bruder. Sicherlich, ihre Kleidung entsprach nicht der heutigen Feier. Er war ein rechter Tor gewesen. Sein Vater zog, wohin er auch kam, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, und heute hatte er Stege an den Beinkleidern, und der schwarze Rock war arg zerknittert und voller Falten; mit einer ungeduldigen, nervösen Drehung des Handgelenkes zupfte Lyman seine Manschetten hervor und schielte zum zweitenmal nach dem rosig-braunen Gesicht des Bruders, dessen hellblondem, sich an den Schläfen nach vorn kräuselndem Haar und dem Anzuge von kleinstädtischem Schnitt. Aber das ließ sich nicht ändern. Er machte sich Gedanken darüber, was wohl die Satzungen des Klubs über die Einführung von Gästen an Damentagen besagten.

»Richtig, Damentag!« sagte er. »Es freut mich wirklich, Governor, daß du's gerade so getroffen hast. Bleiben wir nur hier sitzen. Ich dächte, der Platz wäre sehr gut, um alles überblicken zu können. Hier haben wir die beste Gelegenheit, alle unsre Notabilitäten zu Gesicht zu bekommen. Erwarten Sie die Ihren hier, Herr Cedarquist?«

»Meine Frau und meine Töchter dürften wohl kommen,« antwortete der Fabrikherr.

»O, desto besser!« sagte Presley. »Ich wollte mir das Vergnügen machen, Ihre Töchter heut nachmittag zu besuchen, Mister Cedarquist.«

»Sie können sich das Fahrgeld für die Tram sparen, Pres,« entgegnete Cedarquist. »Sie werden sie hier sehen.«

Man hatte zu dem heutigen Empfange auf ein Uhr eingeladen, und so kamen denn die Gäste zwischen eins und zwei in einem fast ununterbrochenen Strom an. Magnus, seine beiden Söhne und Presley beobachteten von ihrem günstig gelegenen Platz am Erkerfenster die bunte Menge mit großer Aufmerksamkeit. Cedarquist hatte sich entschuldigt, weil er, wie er sagte, nach seinem Weibervolk sehen müßte.

Unter zehn Gästen waren immer wenigstens sieben Damen. Sie betraten den Klub – diesen ihnen unvertrauten Männerschlupfwinkel, in dem Gatten, Brüder und Söhne einen so großen Teil ihrer Zeit verbrachten – mit einem gewissen absichtlich zur Schau getragenen Zögern und schauten sich, die Köpfe rasch hin und her wendend wie Hennen, die eine fremde Tenne besuchen, mit kurzen, nervösen Seitenblicken überall um. Die einzelnen Gruppen wurden von je einem Klubmitglied empfangen, das mit vielen Verbeugungen und verbindlichen Manieren den Hausherrn machte und die Gäste auf Büsten, Bilder und andre beachtenswerte, der Ausschmückung der Räume dienende Gegenstände aufmerksam machte.

Presley, der noch unter dem Eindrucke von Bonneville, Guadalajara und Annixters Barneinweihungsball stand, war überrascht von der Schönheit aller dieser Damen und ihrer reichen, geschmackvollen Kleidung. Das Gedränge nahm rasch zu. In das Gesumme der lebhaften, aber in gedämpftem, verbindlichem Tone geführten Unterhaltung mischte sich das leise Rascheln von Seide, Samt und Tüll. Die feinen Wohlgerüche von Violet de Parme und Peau d'Espagne erfüllten die Luft. In dem langsam wogenden Gedränge bildeten sich immer neue wundervolle Farbenzusammenstellungen, deren Grundton bald von hellvioletten Kreppstoffen, bald von lavendelfarbigem Samt oder dem zarten Weißgelb aufgenähter Spitzen gebildet wurde.

Gegenseitige Vorstellungen schienen nicht nötig zu sein. Man hatte den Eindruck, daß sich alle Welt kannte. Nirgends war etwas wie Zwang oder ungeschicktes Benehmen zu bemerken; die ganze Veranstaltung trug das Gepräge heiteren, verfeinerten Lebensgenusses. Ueberall waren Zwiegespräche im Gange; es herrschte ein natürlicher, ungezwungener Ton. Man redete leicht und ohne Stocken und war nie um eine Entgegnung verlegen. Dadurch, daß sich allmählich noch mehrere Personen an dem anfangs paarweise geführten Gespräche beteiligten, wurde die Unterhaltung allgemeiner, und es bildeten sich Gruppen, die sich wieder trennten, um in andern Gruppen aufzugehen oder sich von neuem zu vereinzeln. Alles das ging ohne alle Schwierigkeiten und Hindernisse vor sich; die ganze festliche Veranstaltung verlief durchaus glatt und in der schicklichsten, unter taktvollen, wohlerzogenen Menschen üblichen Art.

Aus einiger Entfernung und nicht zu laut ließ ein Streichorchester seine anmutigen Weisen ertönen. Diener mit blanken Metallknöpfen an den schwarzen Fräcken gingen von Gruppe zu Gruppe und boten schweigend und unaufdringlich Salate und Gefrorenes an.

Der Brennpunkt der Versammlung war der kleine Platz vor Hartraths »Studie aus den Contra Costa-Hügeln«. Das Gemälde hing in einem Rahmen von natürlichem Redwood, dem Holze der immergrünen kalifornischen Sequoie, von dem die Rinde nicht entfernt war. Man hatte das sehr große Bild auf einer Staffelei rechts am Eingang in den Hauptsaal so aufgestellt, daß es allen in die Augen fallen mußte. Links im Vordergrunde standen zwei rötliche Kühe bis an die Knie in einem Felde gelbblühenden Mohns, während in der rechten Ecke ein Mädchen zu sehen war, das behufs harmonischer Abstimmung der Farben ein blaßrotes Kleid und eine weiße Sonnenhaube trug, auf der die Schatten durch große Patzen hellblauer Farbe dargestellt waren. Die Frauen und jungen Mädchen begutachteten das Kunstwerk mit Ausrufen der Bewunderung; sie ergingen sich dabei in auswendig gelernten Phrasen und suchten, indem sie ihr Urteil in die verwaschenen Fachausdrücke der Malklassen und der Bücher über Kunstgeschichte kleideten, freigebig gespendetes Lob und verständnisvolle Kritik gleichmäßig abzuwägen. Sie sprachen von atmosphärischen Effekten, vom Mittelgrund, vom » chiaro-oscuro«, von Verkürzungen, von der Zerlegung des Lichtes, von der Unterordnung der Individualität unter die Treue der Darstellung.

Ein großes junges Mädchen, dessen außergewöhnlich hellblondes Haar fast weiß erschien, hatte geäußert, daß die Behandlung der Flächen sie stark an Corot erinnerte; ihre Begleiterin aber, die eine langgestielte Handbrille an einer um den Hals geschlungenen goldenen Kette trug, entgegnete: »Ah! Vielleicht Millet, aber nicht Corot.«

Dieser Ausspruch hatte einen unmittelbaren Erfolg und machte schnell die Runde. Er schien von feinem Unterscheidungsvermögen eingegeben zu sein und wirkte daher sogleich überzeugend. Man entschied sich endgültig dahin, daß die rotbraunen Kühe an Daubigny erinnerten, während die Behandlung der Flächen durchaus Millet, der Gesamteindruck aber nicht so ganz Corot wäre.

Presley, der begierig war, das zu so lebhafter Besprechung Anlaß gebende Bild zu sehen, hatte sich von den Gefährten im Erker getrennt; er war neben Hartrath zu stehen gekommen und reckte sich jetzt den Hals aus, um über die Schultern der sich vor dem Gemälde Drängenden einen Blick auf die rötlichen Kühe, das Milchmädchen und die blaugemalten Hügel werfen zu können. Mit einem Male hörte Presley Cedarquists Stimme hinter sich; er wandte sich um und erblickte den Fabrikanten, dessen Frau und beiden Töchter.

Es gab ein fröhliches Wiedersehen. Presley schüttelte allen die Hände und gab seiner Freude Ausdruck, die alten Freunde hier zu treffen. Er kannte die Familie von klein auf, da Frau Cedarquist seine Tante war. Die gute Dame und ihre beiden Töchter waren sich darüber einig, daß die Luft von Los Muertos Presley außerordentlich gut getan haben mußte. Er sei zweifellos stärker geworden. Vielleicht ein bißchen blaß. Seine Schreiberei griffe ihn gewiß an. Ah, er sollte sich nur in acht nehmen. Die Gesundheit sei doch allemal die Hauptsache. Ob er wohl wieder Verse gemacht hätte? Jeden Monat suchten sie in den Zeitschriften nach seinem Namen. Frau Cedarquist war eine Dame der feinen Welt und Vorsitzende von wohl zwanzig Klubs und Vereinen. Sie hatte immer neue Steckenpferde und Liebhabereien und führte ihren Gesellschaftskreisen stets neue und alle Welt in Erstaunen setzende Schützlinge zu – höchst sonderbare Leute, die sie, Gott weiß woher, ans Licht zog und lange vor ihren gleichfalls auf derartige Persönlichkeiten Jagd machenden Bekannten entdeckte. Bald war es eine russische Gräfin mit schmutzigen Fingernägeln, die ganz Amerika bereiste und überall Geld borgte – bald eine Aesthetikerin, die eine wundervolle Sammlung von Schmuckgegenständen aus Topas hatte, Pläne für stilgerechte Wohnungseinrichtungen entwarf und, mit einem Schleppkleide aus weißem Samt angetan, in Frau Cedarquists Räumen »Empfänge abhielt« – bald die Witwe eines Mohammedaners aus Bengalen oder Radschputana mit einem blauen Farbenfleck mitten auf der Stirn und beseelt von dem edeln Streben, Gelder zur Unterstützung ihrer Leidensgefährtinnen zu sammeln. Dann folgte ein bärtiger, eben von den Klondike-Goldfeldern zurückgekehrter Poet, und diesem ein heruntergekommener Musiker, dem die Leitung eines europäischen Konservatoriums wegen einiger die freie Liebe behandelnden Flugschriften die Tür gewiesen hatte, und der nach San Francisco gekommen war, um die Bewohner dieser Stadt in die Musik von Brahms einzuführen. Dann kam ein junger Japaner an die Reihe, der eine Brille und ein graues Flanellhemd trug und von Zeit zu Zeit die erstaunlichsten Gedichte losließ, wunderliches und unverständliches, in mühsamer Nachtarbeit ausgebrütetes Zeug ohne Reim und Versmaß. Der Abwechslung halber erschien dann eine »christliche Wissenschaftlerin«, eine magere, graue Frau, die Kranke gesund betete und vom Christentum wie von der Wissenschaft gleich weit entfernt war. Ihr folgte bald ein Universitätsprofessor mit dem struppigen Barte eines Anarchistenführers, der in rauhen Kehllauten sprach und sich, wenn er in Eifer geriet, fast einen Schlagfluß an den Hals brüllte. Dann kam ein zivilisierter Tscherokese, der eine Mission zu erfüllen hatte –, dann eine Vortragskünstlerin, deren Stärke Byrons »Griechenlieder« waren –, dann ein vornehmer Chinese, dann ein Miniaturmaler, dann ein Tenor, ein Pianist, ein Mandolinenspieler, ein Missionar, ein Zeichenlehrer, noch irgendein Virtuose, ein Sammler, ein Armenier, ein Botaniker mit einer neuen Blume, ein Kritiker mit einer neuen Meinung, ein Arzt mit einer neuen Behandlung. Und alle diese Leute hatten eine förmliche Leidenschaft für Deklamation und Maskerade. Die russische Gräfin redete über die Gefängnisse Sibiriens und trug dabei den Kopfputz und unechten Schmuck einer russischen Braut. Die Aesthetikerin in ihrem weißsamtnen Schleppkleide hielt Vorlesungen über unaufgeklärte Fragen der Sittenlehre und Kunst. Die indische Witwe in indischer Kleidung schilderte das Leben ihres Volkes. In Pelzen und Stiefeln aus Renntierhaut schwitzend, trug der bärtige Poet seine, das wilde Treiben in den Goldgräberlagern Alaskas verherrlichenden Verse vor. Der junge Japaner hatte die seidenen Gewänder der Samurai-Zweischwertermänner angelegt und las aus seinen Werken vor: »Die flachrandige, nachts zugenagelte Erde, rostend in der Finsternis,« »Die kühnen senkrechten Regen, die herniederfallen wie Botschaften aus dem eisernen Leibe der Urzeit.« Die »christliche Wissenschaftlerin« erörterte mit hohler Grabesstimme die Lehre vom Gegenwillen und dem panpsychischen Hylozoismus. Der Universitätsprofessor, der sich zu diesem Zwecke um drei Uhr nachmittags den Frack und weiße Zwirnhandschuhe anzog; brüllte in deutscher Sprache vor literarischen Zirkeln und Vereinigungen ausgewählte Stellen aus Goethe und Schiller, wobei er die geballten Fäuste schüttelte und vor Anstrengung purpurrot im Gesicht wurde. Der Tscherokese hatte eine vom Maskenverleiher entnommene, mit Fransen und blauen Glasperlen besetzte hirschlederne Indianertracht angelegt und wartete mit Liedern seines Stammes in der Ursprache auf. Die Vortragskünstlerin, in einer Toga aus Nesseltuch und mit Armbändern aus Zinn geschmückt, deklamierte »Die Inseln Griechenlands, auf denen Sappho voller Glut lebte und sang«. Der Chinese war als Mandarin gekleidet und hielt einen Vortrag über Confucius. Der Armenier trug Fes und Pumphosen und sprach über den unaussprechlichen Türken. Als Stierkämpfer herausgeputzt, gab der Mandolinenspieler musikalische Abendunterhaltungen, bei denen er die Lieder des andalusischen Landvolkes sang.

Unausrottbarer Schwindel, nicht zu unterdrückende Gaukelei war das alles vom Anfang bis zum Ende. Eine unabsehbare Reihe von zungenfertigen, glatten, allgegenwärtigen, mit schwindelhaftem Flitterkram behängten Scharlatans zog unter Führung von Damenvereinspräsidentinnen und gefördert von allen Frauenklubs, literarischen Vereinen, Lesezirkeln und Gesellschaften für höhere Kultur vor den Augen der betörten Menge vorüber. Es war unglaublich, wieviel Zeit, Aufmerksamkeit und Geld diesem Humbug geopfert wurde. Es verschlug nichts, daß Betrüger auf Betrüger entlarvt wurden; es machte nicht den geringsten Eindruck, wenn man den Klubs, Vereinen und Gesellschaften sonnenklar bewies, daß sie beschwindelt worden waren. Je mehr die »spießbürgerliche« Presse der Stadt spottete und höhnte, desto enger schlossen sich die Frauen um ihren Schützling, der gerade Mode war. Daß der verfolgt wurde, war ihnen eine wahre Wonne, und sie umgaben ihren Apostel höherer Kultur sofort mit der Strahlenkrone des Märtyrers.

Diese Schwindler beuteten die Gesellschaft aus wie gaunerische Würfelbubenbesitzer die Besucher eines Jahrmarkts und zogen mit vollen Taschen ab, nicht ohne den nach ihnen an die Reihe kommenden Genossen zu versichern, daß die Stadt noch lange nicht ausgesogen und daß noch genug für alle da sei.

In den meisten Fällen warf sich das Publikum, das ja an mehr als einen Gegenstand gleichzeitig nicht zu denken vermag, einem einzelnen Apostel zu Füßen; zu gewissen Zeiten aber, wenn, wie gerade jetzt, ein Blumenfest oder die Millionen-Dollar-Ausstellung allgemeine Begeisterung erregte, hatte die gesamte Schwindlerbande gute Tage. Die anrüchigen Professoren, Literaten, Virtuosen und andre Künstler drängten sich nur so. Ihr Getöse erfüllte die Luft. Von überall her hörte man Geigengefiedel und Mandolinengeklimper, süßliches Geschwätz über Kunst, das zusammenhanglose Gereime der Poeten, die Deklamationen der Vortragskünstlerinnen, die unverständlichen Phantasien des Japaners, das wirre Gemurmel des Tscherokesen, die brüllenden Kehllaute des deutschen Universitätsprofessors – alles für die Ausstellung, die eine Million Dollar kosten sollte. Hunderttausende von Dollars wurden in Umlauf gesetzt.

Frau Cedarquist war geschäftig vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Jeder neueintreffende Humbugger wurde ihr vorgestellt. An jeden Poeten, jeden Literaten, jeden Professor richtete sie dieselbe Frage: »Seit wann sind Sie sich dieser Kraft bewußt?«

Die Dame verbrachte ihre Tage in zitternder Erregung und jubelnder Feststimmung. Sie war »in der Bewegung«. In den Bewohnern der Stadt erwachte der Sinn für die Verwirklichung des Schönen und das Verständnis für höhere Lebenszwecke. Das war Kunst, das war Literatur, das war verfeinerte Kultur. Für den Westen war die Zeit der Renaissance angebrochen. Frau Cedarquist war eine kleine wohlbeleibte Frau in den Fünfzigern mit einem roten Gesicht und etwas übermäßig geputzt. Schon vor ihrer Verheiratung reich und mit Shelgrim verwandt, stand sie mit dem großen Finanzmann und dessen Familie auf vertrautem Fuße. Ihr Gatte beklagte zwar die Handlungsweise der Eisenbahn, hatte persönlich aber keinen Anlaß, mit Shelgrim zu streiten, in dessen Hause er öfters speiste.

Frau Cedarquist war entzückt, bei dem heutigen Feste einen »jüngeren Dichter« getroffen zu haben, und bestand darauf, ihn mit Hartrath bekannt zu machen. »Ihr zwei dürftet so viel Gemeinsames haben,« erklärte sie Presley.

Der schüttelte die schlaffe Hand des Malers und murmelte einige hergebrachte Redensarten, während Frau Cedarquist eifrig weitersprach:

»Ich bin überzeugt, Sie kennen Herrn Presleys Verse, Herr Hartrath. O, Sie sollten das, glauben Sie mir. Sie beide haben so viel Gemeinsames. Ich sehe so viel Gleichartiges in der Art und Weise, wie Sie beide die Natur interpretieren. In Herrn Presleys Sonett ›Der bessere Teil‹ ist derselbe Ton wie in Ihrem Gemälde, dieselbe Wahrheit des Ausdrucks, dieselbe Feinheit der Behandlung, dieselben Nuancen, – ah.«

»O, verehrte Frau,« murmelte der Maler, einer ungeduldigen Entgegnung Presleys zuvorkommend, »ich bin nur ein Stümper. Sie glauben das nicht, ich weiß es. Aber ich bin zu feinfühlig. Das ist mein Kreuz. Das Schöne,« er schloß seine entzündeten Augen mit wehleidigem Ausdruck, »das Schöne entmutigt mich.«

Aber Frau Cedarquist hörte nicht mehr. Ihre Blicke waren auf das üppige Haar des Malers geheftet, eine dichte glänzende Mähne, die bis über seinen Rockkragen herabreichte.

»Löwenhaft!« murmelte sie, »löwenhaft! Wie der Simson der Bibel.«

Im nächsten Augenblick war ihr schon etwas andres eingefallen.

»Ich muß eilen!« rief sie. »Ich verkaufe ja heute Lose für Sie, Herr Hartrath. O, und mit solchem Erfolg! Schon fünfundzwanzig. Du wirst gewiß zwei Lose haben wollen, lieber Neffe, und, apropos, ich habe etwas so Erfreuliches mitzuteilen. Sie müssen wissen, ich bin eine der Vorstandsdamen des Subskriptionskomitees für unsre Ausstellung, und wir sind, wie Sie wissen, an Herrn Shelgrim mit der Bitte herangetreten, die Sache zu unterstützen. O, was für ein freigebiger Gönner, ein wahrer Lorenzo di Medici! Denken Sie nur, er hat im Namen der P. und S.W.-Eisenbahn fünftausend Dollar gezeichnet – und da reden die Leute noch von der Knauserigkeit der Eisenbahn.«

»Möglicherweise tut er das in seinem Interesse,« meinte Presley. »Die Leute fahren doch mit seiner Bahn zu der Ausstellung und den Festlichkeiten.«

»Ah, du Philister,« rief Missis Cedarquist. »Von dir muß ich so etwas hören! Solch niedrige Beweggründe unterzuschieben – –«

»Wenn die Dichter so materiell werden, Herr Presley,« warf Hartrath dazwischen, »was sollen wir da dem Volke sagen?«

»Und Shelgrim unterstützt eure Millionen-Dollar-Ausstellung,« hörte man plötzlich jemand dicht hinter Presley sagen, »weil dadurch dem Volke Sand in die Augen gestreut wird.«

Man wandte sich um und sah Cedarquist, der sich unbemerkt der Gruppe genähert hatte und dem Laufe der Unterhaltung gefolgt war. Er sprach aber ohne Bitterkeit und zwinkerte sogar belustigt mit den Augen.

»Jawohl,« sprach er lächelnd weiter, »unser lieber Shelgrim fördert eure Ausstellungen, und nicht nur aus dem Grunde, weil ihm, wie Presley sagt, so was Geld bringt, sondern hauptsächlich deshalb, weil jedermann sich amüsiert, sich zerstreut und die Aufmerksamkeit des Volkes von dem Tun und Treiben der Bahn abgelenkt wird. Als Beatrice noch ein Baby war und manchmal ein bißchen Leibschmerzen hatte, da klirrte ich immer mit dem Schlüsselbund vor ihrer kleinen Nase herum; das lenkte ihre Gedanken von den Schmerzen im Bäuchelchen ab. Shelgrim macht's gerade so.«

Die andern widersprachen zwar, lachten aber gutgelaunt. Frau Cedarquist erhob warnend den Finger und rief dem Maler zu:

»Philister über dir, Simson!«

»Ich höre übrigens,« bemerkte Hartrath, der dem Gespräch eine andre Wendung geben wollte, »daß Sie Mitglied des Komitees zur Linderung der Hungersnot sind. Machen Sie gute Fortschritte?«

»O, großartige, kann ich Ihnen sagen,« entgegnete Frau Cedarquist. »Wir haben den Anstoß zu einer ungeheuern Bewegung gegeben. Diese armen Geschöpfe! Die Photographien sind einfach entsetzlich. Neulich hatte ich das Komitee zum Lunch bei mir, und da wurden die Bilder herumgezeigt. Aus allen Teilen des Staates laufen Beiträge ein, und Cedarquist trifft bereits seine Anordnungen für das Schiff.«

Das Komitee, von dem man sprach, war einer der zahlreichen Ausschüsse, die in Kalifornien wie überhaupt in den ganzen Vereinigten Staaten zur Linderung der in Mittelindien herrschenden Hungersnot gebildet worden waren. Die Berichte über die furchtbare Not und die ungeheure Sterblichkeit in den heimgesuchten Landstrichen hatten die ganze Welt mit Entsetzen erfüllt; überall beeilte man sich, zu helfen. In San Francisco hatten mehrere Damen, an deren Spitze Frau Cedarquist stand, eine Anzahl von Ausschüssen ins Leben gerufen. Die Zusammenkünfte dieser Hilfsvereine waren von der den Vorsitz führenden Dame jedoch zu geselligen Veranstaltungen gestempelt worden – Gabelfrühstücken und Tees, bei denen man die Mittel und Wege, wie die verhungernden Asiaten zu retten seien, über Tellern mit Salat und gefüllten Teetassen beriet.

Mit einem Male ging eine leichte Bewegung durch die Versammlung. Die Ziehung der Lose sollte jetzt stattfinden. Hartrath, der ganz aufgeregt wurde, entschuldigte sich und eilte auf seinen Posten; Cedarquist nahm Presley beim Arm.

»Pres, machen wir uns aus dem Staube,« sagte er. »Kommen Sie mit ins Weinzimmer, wir wollen ein Glas Sherry ausknobeln.«

Sie hatten Mühe, sich herauszuwinden. Der Hauptsaal, in dem die Ziehung vor sich gehen sollte, hatte sich plötzlich gefüllt. Die Gäste umdrängten den neben dem Gemälde stehenden Tisch, auf den ein Diener die Wahlurne mit den zu ziehenden Nummern gestellt hatte. Die Damen hielten ihre Lose in der Hand und drängten nach vorn. Es erhob sich ein allgemeines Geschwätz in kurz abgestoßenen, murmelnden Lauten.

»Was ist denn aus Harran und Lyman und dem Governor geworden?« fragte Presley.

Lyman war verschwunden; er hatte sich mit einer geschäftlichen Verabredung entschuldigt. Magnus und sein jüngerer Sohn hatten die jetzt menschenleere Klubbibliothek im Oberstock aufgesucht, wo sie ungestört miteinander reden konnten.

»Harran,« begann der Governor in entschiedenem Tone, »daran ist wirklich etwas, was Cedarquist uns eben auseinandersetzte. Nach China mit unserm Weizen! Was meinst du dazu, Sohn?«

»Das ist gewiß beachtenswert, Governor.«

»Mir leuchtet das ein, Sohn, mir leuchtet das ein. 's ist ein großes Unternehmen, und ein Riesenvermögen ist damit zu erwerben. Wer was Großes wagt, kann auch was Großes gewinnen. Dein alter Vater ist keineswegs bereits rückständig, Harran, und wenn ich auch nicht den weiten Blick unsers Freundes Cedarquist habe, so vermag ich eine sich mir zu bietende Chance doch schnell zu sehen. Sohn, der ganze Orient zerfällt und öffnet damit seine Pforten angelsächsischem Unternehmungsgeist. Es ist an der Zeit, daß auch Brotstoffe sich den dortigen Markt erobern müssen. Und gerade jetzt, wo Lyman den Tarif heruntersetzt, so daß wir niedrige Frachten bis zum Hafen bekommen!«

Vom Hauptsaale her drang das erwartungsvolle Murmeln und aufgeregte Geschwätz zahlloser heller Frauenstimmen bis in die stille Bibliothek.

»Ich glaube wohl, daß die Sache ernstlich zu erwägen wäre, Governor,« erklärte Harran.

Magnus erhob sich und schritt, die Hände hinter dem Rücken gekreuzt, in der Bibliothek auf und ab. Seine Einbildungskraft war aufs lebhafteste angeregt, und der alte Spieler in ihm glaubte jetzt den günstigen Glücksfall zu sehen, der sich ihm durch das wechselvolle Zusammenwirken mannigfacher Umstände im rechten Augenblick bot. In aller Stille und unerwartet hatte sich ihm das Glück genaht. Er erwachte eines Morgens und fand das Vorausgesehene verwirklicht. Magnus hatte eine Vision. Eine plötzliche tiefgreifende Umwälzung war eingetreten. Der Weizen hatte sich zahllose neue Märkte erobert. Das war ein ebenso wichtiges Ereignis wie die Entdeckung von Amerika. Der Weizenstrom wurde abgelenkt, wogte in einem ungeheuern Strudel zurück und ließ alle die Zwischenhändler und Unternehmer, alle die Besitzer von Lagerhäusern und Mischspeichern in heller Verzweiflung auf dem Trockenen; auf immer war ihnen das Geschäft verdorben. Magnus sah den Farmer vollkommen unabhängig und die Nahrung der Welt den Klauen der Spekulanten entrissen; er sah, wie Tausende, von dem eisernen Griff von Trust, Ring und Monopol befreit, selbständig wurden, ihren eignen Weizen selbst verkauften und sich zu einer einzigen Genossenschaft zusammenschlossen, die ihre Vertreter nach allen Häfenplätzen Chinas schickte. Er selbst, Annixter, Broderson und Osterman vereinigten sich zu einem gemeinsamen Unternehmen. Er wollte sie schon von der Großartigkeit der neuen Geschäftsgebarung überzeugen. Sie würden die Bahnbrecher sein. Harran sollte als ihr Bevollmächtigter nach Hongkong geschickt werden. Sie würden ein Schiff befrachten – wahrscheinlich kaufen – von Cedarquist vielleicht, in Amerika gebaut und mit der Nationalflagge am Gaffelstock. Das Segeln dieses mit den Ernten von der Broderson- und Osterman-, der Quien Sabe- und Los Muertos-Ranch vollgeladenen Schiffes würde ein Ereignis sein wie die Abfahrt der Karavellen von Palos. Es würde ein denkwürdiger, eine neue Zeit einleitender Tag sein. Noch ganz von diesen Zukunftsträumen erfüllt, schickte der Governor sich an, mit Harran den Klub zu verlassen.

Die zwei stiegen in das untere Stockwerk hinab und waren eine Weile in dem Gedränge der Modeherren und -damen festgehalten, von denen die Vorhalle und der Eingang zum Hauptsaal, in dem eben die Verlosung stattfand, versperrt wurde. In der Nähe des Treppenabsatzes stießen sie auf Presley und Cedarquist, die eben aus dem Trinkzimmer kamen.

Magnus, der von dem ihn erfüllenden Gedanken noch ganz Feuer und Flamme war, setzte dem Fabrikherrn mit einer Menge Fragen über verschiedene Einzelheiten zu, ehe er sich von ihm verabschiedete. Cedarquist aber gab nur unbestimmte Antworten. Er wäre kein Farmer und wüßte kaum, wie Weizen aussähe. Aber auf die Strömung des Welthandels verstünde er sich, und er fühlte, daß diese Strömung unaufhaltsam nach Osten ginge. Gerade das Unbestimmte dieser Antwort begeisterte den Governor noch mehr. Einzelheiten schob er vorläufig zur Seite. Er sah nur noch den großen Coup, die ungeheuern Gewinne. Er sah, wie der Osten erobert wurde, er sah die Weltherrschaft gen Westen schreiten, bis sie endlich den fernen, geheimnisvollen Orient erreichte, von dem sie einst ihren Ausgang genommen hatte.

Ueber den Stillen Ozean sah er seinen Weizen wie eine riesige Woge rollen; sie brach sich an der Küste Asiens und überschwemmte den Orient mit einer goldenen Flut. Ein neues Zeitalter war gekommen. Er hatte den Tod der alten und die Geburt der neuen Zeit erlebt; zuerst die Mine, dann die Ranch – zuerst Gold, dann Weizen. Wieder war er der verwegene, vor nichts zurückschreckende und Ungeheures wagende Bahnbrecher, der minder Kühnen den Weg wies und ein Vermögen, eine Million in einer Nacht eroberte. Seine Natur wuchs zu ihrer ganzen Größe empor. Von den hochgehenden Wogen seiner Begeisterung getragen, fühlte er sich wieder jung und unüberwindlich; endlich war er der Führer, der König unter seinen Mitarbeitern, der in der elften Stunde, noch ehe er ein alter Mann wurde, sich die ihm so lange vorenthaltene gebietende Stellung errang. Jetzt endlich konnte er Großes vollbringen.

Plötzlich hörte Magnus jemand seinen Namen nennen. Er blickte sich um und gewahrte in einiger Entfernung hinter sich zwei ihm fremde Herren, die aus dem Gedränge in eine kleine Nische getreten waren. Offenbar hatten sie keine Damen hier, um die sie sich hätten bekümmern müssen, und so war ihre Aufmerksamkeit durch die heutige Veranstaltung nicht in Anspruch genommen. Magnus sah, daß er ihnen unbekannt war. Der eine las seinem Gefährten etwas aus der Abendausgabe einer Zeitung vor; dabei hatte Magnus seinen Namen nennen hören. Er blieb stehen und lauschte; Presley, Harran und Cedarquist taten das gleiche. Bald wußten alle, wovon die Rede war. Die Zeitung berichtete die richterliche Entscheidung, auf die Magnus wartete – die Entscheidung in dem Prozeß der Liga gegen die Eisenbahn. Es war still in Halle und Saal geworden, denn die Gewinnummer wurde eben gezogen. Jedermann hielt erwartungsvoll den Atem an, und Magnus und die andern hörten deutlich die folgenden Worte: »... Daraus folgt, daß der Besitztitel der umstrittenen Ländereien dem Beklagten – der Pacific- und Südwest-Eisenbahn – zukommt. Die Kläger haben keinen Rechtstitel, und ihr Besitz besteht demnach nicht zu Recht. Entscheidung und Richterspruch muß daher zugunsten des Beklagten erfolgen, und es wird demgemäß verfahren.« Magnus erbleichte trotz seiner Selbstbeherrschung. Mit einem Fluche biß Harran die Zähne zusammen. Die eben noch so gehobene Stimmung fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Das Hirngespinst von dem neuen Abfluß des Weizens, der Eroberung des Ostens, dem Eindringen in den Orient erwies sich jetzt als nichtiges Blendwerk. Mit einem gewaltsamen Ruck wurden sie wieder in die Wirklichkeit zurückgerissen. Zwischen ihnen und ihren Luftschlössern, zwischen der mit üppiger Fruchtbarkeit gesegneten San Joaquin-Niederung und den Millionen der dem Hungertode nahen Asiaten lag das Ungeheuer von Stahl und Dampf mit dem eisernen Herzen – der unbarmherzige und unersättliche Vampyr; seine Eingeweide waren zum Bersten gefüllt mit dem aus den Adern eines ganzen Volkes gesaugten Lebensblute – sein stets hungriger Rachen verschlang gefräßig alle die Ernten, mit denen die hungernden Millionen des Orients hätten ernährt werden können.

Noch starrten die vier Männer einander an, als plötzlich ein Sturm von Beifall und Händeklatschen losbrach. Die Verlosung von Hartraths Gemälde war eben beendigt, und als Presley sich umwandte, sah er, wie Frau Cedarquist und deren zwei Töchter eifrig dem Fabrikherrn winkten, von dem sie durch das Gedränge getrennt waren. Und jetzt rief Frau Cedarquist mit lauter Stimme:

»Ich habe gewonnen! Ich habe gewonnen!«

Unbemerkt und nach einem kurzen Abschied von Cedarquist stiegen Magnus und Harran, der mit starkem Arm den Vater stützte, schweigend die zum Ausgang führende Marmortreppe hinab. Das Orchester ließ eine muntere Weise ertönen, und von neuem erhob sich summendes Stimmengewirr. Als Presley Cedarquist Lebewohl sagen wollte, blickte der noch den beiden Derricks nach und sagte dann, auf die bunte Menge der festlich gekleideten schönen Frauen und der feinen jungen Herren deutend, mit trübem Lächeln:

»'s ist keine Stadt, Presley, 's ist keine Stadt – eine Midway Plaisance ist es.«

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