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Gutenberg > Ludwig Ganghofer >

Der Ochsenkrieg

Ludwig Ganghofer: Der Ochsenkrieg - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Ganghofer
titleDer Ochsenkrieg
publisherDroemersche Verlagsanstalt
year1950
copyright© 1928 by Adolf Bonz & Comp., Stuttgart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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In dem kleinen, schmucklos eingerichteten Gemach, das hinter des Amtmanns großer Schreibstube gegen den Hofraum lag, saßen Herr Someiner und Lampert am Tisch, der bedeckt war mit aufgeschlagenen Büchern.

Der Amtmann führte den Sohn, der seinen Dienst als Aktuarius beginnen sollte, in das verwickelte Wirtschaftswesen des kleinen Reiches ein und hatte dabei viel mehr von böser Schuldenlast und Rechtsbedrückung zu reden als von friedlichen Lebensgütern und erfreulichem Besitz. Mißwirtschaft im Innern und ruhelose Fehden nach außen hatten den Landbestand des Stiftes beschnitten, die Einnahmen geschmälert, den Verbrauch gesteigert, die Schulden vermehrt. Es war eine böse Zeit, ein hartes Leben. Nie war Friede an den Grenzen. Nahm sich das Stift der Seinen kräftig an, so gab es blutige Händel, war es geduldig und nachgiebig, so stellte es sich der Unbill und Willkür auf allen Seiten bloß.

Die Brüder vom heiligen Zeno zu Reichenhall versäumten keine Bedrängnis Berchtesgadens und schluckten bald einen Grenzwald und Bauernhof, bald einen strittigen Jagdberg. Und Salzburg, das auf Betreiben der bayrischen Herzöge das Gadnische Land nur widerwillig aus langer Pfandschaft entlassen hatte, erschwerte ihm eifersüchtig den wachsenden Salzbau und wartete auf eine günstige Stunde, um als fetter Wolf das magere Lamm zu verspeisen.

»Allweil sind wir wie ein gehetztes Schaf. Wehrt sich das arme Vieh mit dem Maul, so wird ihm der Schwanz beschnitten. Zieht es den Schwanz ein, reißt man ihm die Woll von den Lusern. Und wo wir uns hinwenden um Beistand, werden die hilfreichen Händ zu Klauen, die man fürchten muß.«

Es war die Politik der bayrischen Fürsten, Berchtesgaden nicht an Salzburg und nicht an Österreich fallen zu lassen. Und Politik der österreichischen Herzöge war es, den Hinfall Berchtesgadens an Bayern zu verhindern. Solchem Schutz zu Danke hatte das Stift die Fürsten von Österreich als Erbvögte und Schirmherren Berchtesgadens anerkannt. Doch diese Erbvögte wurden so gnädig, daß Berchtesgaden wieder Schutz bei den Herren von Bayern suchen mußte, die es seine Stifter und Patrone nannte. Auf der Kanzel des Gadnischen Münsters wurde vor der Predigt für die österreichischen Erbvögte und wider ungenannte Feinde, nach der Predigt wider ungenannte Feinde und für die bayrischen Patrone gebetet.

»Und glaub mir's, Bub, wir wären lang schon an Landshut, Ingolstadt oder München gefallen, wenn nicht die bayrische Faust fünf Finger hätt, die sich feindselig spreizen, statt daß sie einträchtig miteinander greifen. Seit sie das Löwenfell des großen Ludwig in Lappen gerissen haben, macht der ewige Vetternzwist die bayrischen Herren schwächer mit jedem Tag. Ein Glück für uns, daß es in Österreich drüben nicht besser ist. Und so ist's überall im Reich. Kein Wachsen nimmer, überall das Auseinanderfallen in Neid und Zwist. Was hab ich für böse Zeiten mitgemacht! Drei Könige im deutschen Land! Und in der Kirch drei Päpst!«

»Gott sei Dank, Vater, das ist vergangnes Elend! Und König Sigismund ist ein Herr, von dem die Deutschen ein Aufleben hoffen dürfen.«

»Wer glaubt, wird selig. In dir ist Hoffnung, weil du jung bist, in mir ist Mißtrauen, weil ich Menschen und Leben kenn. Im Reich gibt's keine Auferstehung nimmer. Der große deutsche Traum? Der liegt noch tiefer versunken als bloß im Untersberg. Die zu Rom haben's durchgesetzt. An der goldenen Bull ist zu Scherben worden, was deutsche Einheit heißt. Von den Fürsten schmort sich jeder den eigenen Gockel. Und der deutsche König ist ein armer Mann, fristet mühsam sein Leben, reitet im Land herum und brandschatzt eine Stadt nach der andern. Aber was tät mich die Wirrnis kümmern im Reich da draußen! Hätten wir nur in unsrem Bergwinkel ein leidlichs Leben!«

»Vater!« Lamperts junge Augen blickten ernst. »Das ist von den Elendsgründen einer, daß so viel tausend allweil sagen: Was kümmert mich die Wirrnis im Reich! Tät jeder die Not des Reiches spüren wie eine Not des eignen Lebens, so wär bald alles anders.«

Herr Someiner zog zuerst erstaunt die Brauen in die Höhe, dann lächelte er nachsichtig. »Jeder Redliche spürt die Not des Gemeinwesens und möcht helfen. Aber jeder spürt auch die Übermacht der Widerständ und ermüdet dran.«

»Widerstände sind da, um überwunden zu werden. Streit um ein nichtsnutzig Ding ist Verbrechen, aber Kampf um ein herrlich Gut ist das Beste des Lebens.«

Wieder lächelte Herr Someiner. »Wart erst, bis du im Amt bist! Und bis die Widerständ dich seufzen machen, so oft du ein Gutes willst! Wie Mauern stehen sie da. Jetzt renn mit dem Schädel hin!«

»Vater?« fragte Lampert, sich erregend. »Ist ein Kriegsheer von hunderttausend Mann nicht ein Widerstand? Und kein Jahr ist's her, da hat ein Häufl schlechtbewaffneter böhmischer Bauren die mächtige Ritterschar vor sich hergejagt wie einen Hasenschwarm. Und weißt du, von wo diesen Bauren solche Kraft gekommen ist? Weil in ihren Reihen ein Gedanke war, eine Hoffnung und ein Glaube. Vater, ich hab viel gesehen in Prag und viel gelernt. Auf dem Scheiterhaufen zu Konstanz hat man bloß einen Leib zu Rauch gemacht. Aber des Hussen Geist lebt weiter in seinem Volk und wirkt ein Großes. Wir Deutsche müssen lernen von den Böhmen.«

Vor Schreck über diese Worte hatte der Amtmann ein fahles Gesicht bekommen. Er machte eine wehrende Bewegung, die den Sohn verstummen ließ. Nun war Stille in der kleinen Kammer. Lange blieb Herr Someiner unbeweglich. Dann öffnete er die Tür der Schreibstube und sah hinaus. Der Schreiber Pießböcker war schon zur Mahlzeit fort. Aufatmend verriegelte der Amtmann draußen die Flurtüre und kam mit brennendem Gesicht zurück. »Lampert?« Seine zitternde Hand faßte den Sohn an der Schulter: »Bist du ketzerisch?«

Ruhig sah Lampert in die angstvollen Augen des Vaters. »Nein! Ich bin gutgläubig. Bei meiner Mutter Leben, das ist wahr!«

»Dem Himmel sei Dank!« unterbrach ihn der Vater. »Einen schönen Schreck hast du mir eingejagt.« Herr Someiner rüttelte den Sohn an der Schulter. »Sei fürsichtig! Verdacht ist eine Maus, die zum stoßenden Stier wird, eh man sich umschaut. Zu Regensburg haben sie heuer den Kaplan Grünsleder, bloß weil er den Hus verteidigt hat, auf dem Markt verbronnen. Überall ist das ketzerische Elend los. Bei uns hat's auch schon angefangen. In der Woch, eh du heimgekommen, hat man einen Salzkärrner gefaßt. Der ist ein Bruder vom freien Geist gewesen und hat eine höllische Lehr ins Volk geredet: Er wär durch die Gnad des Himmels völlig eins mit Gott geworden und tät nimmer sündigen können, und wenn der Mensch bloß allweil lebt nach seiner Natur Geheiß, so dürft er sich alles erlauben, und es gäb für ihn kein kirchliches und kein menschliches Gesetz mehr! – So eine Verruchtheit! Der Mann ist gestäupt worden, daß er an seiner Buß versterben hat müssen.«

Lampert sah das angstvoll erregte Gesicht des Vaters an. Und plötzlich sagte er: »Zu Prag, in der bayrischen Burse, hat einer eine wunderliche Frag getan. Er hat gefragt: Wenn Gott allmächtig ist, warum hat er die Menschen nicht bloß zum Guten erschaffen, warum auch zum Bösen? Gott muß doch stärker sein, als der Teufel ist? Weil Gott allgütig sein muß, kann er das Böse nicht zulassen, nicht selber schaffen. Aber das Böse ist da. Oder sagen bloß wir Menschen: bös? Und Gott sagt: gut? Zu allem? Weil alles sein Werk und Kind ist?«

»Und was für Antwort hast du dem Tropf gegeben?«

»Ich hab geschwiegen.« Lampert lächelte. »Aber einer hat mit der Faust auf den Tisch gehauen und hat geschrien: Eine Frag tun, auf die man nicht Antwort wüßt, wär Hinterlist und Niedertracht. Und da hat's dann Händel und blutige Ohren gegeben.«

Herr Someiner schüttelte mißbilligend den Kopf und nahm seinen Platz am Tisch wieder ein.

»Vater! Das war zu Prag ein friedloses Leben in der letzten Zeit. Böhmisch und hussitisch, deutsch und katholisch, das hat man allweil für ein Ding genommen. Hie Freund, dort Feind! Auf der Straß, im Rat, in der Herberg, in den Bursen, überall ist der ewige Hader gewesen, und kein Tag ist vergangen ohne Schlagen und Stechen. Auf der Straß einmal, da bin ich in so einen Handel hineingeraten, ich weiß nicht wie. Und derweil ich dreinhauen will, da packt mich einer am Arm. Ist ein junger Mensch gewesen mit blassem Gesicht. Und hat mich angeschaut mit traurigen Augen und sagt: ›Nicht schlagen! Denken!‹«

Der Amtmann nickte: »Das ist einer gewesen von meiner Art! Aber du hast nicht unrecht, in Händel kommt man, man weiß nicht wie. Weil die Leut das nicht lernen mögen: erst denken! Bis sie vor Weh und Müdigkeit zu denken anheben, ist das ärgste Unglück schon all weil geschehen.«

Als Lampert wieder zu sprechen begann, kam etwas Traumhaftes in den Klang seiner Stimme, so daß jedes Wort erfüllt war wie vom Hauch eines Geheimnisses. »Wir zwei sind gute Kameraden worden. Er ist ein Medikus gewesen, und sein Lieblingswörtl hat geheißen: Tu die Augen auf! War ein Rechtgläubiger. Und hat doch gut von den Feinden der Kirch gesprochen. Eines Tages hat er mich beredet, daß ich mit ihm hinausgeritten bin zum Taborberg. Und wie wir hinkommen zum Zeltgeläger der Hussiten, sagt er wieder: ›Tu die Augen auf!‹ – Vater, da hab ich ein seltsam Ding gesehen.«

Tief aufatmend streckte Lampert die Fäuste über eines der aufgeschlagenen Schuldbücher hin.

»Wie tausend goldne Lanzen sind die Zeltspitzen in der friedsamen Sonn gestanden. Ein großes Volk beisammen! Und du hast keinen Hader und Zwist gesehen, hast kein Johlen und kein Geschrei vernommen. Ruhig haben die Leut geredet, und jeder ist seiner Werkung nachgegangen. Unter den Bauren sind Bürgersleut gewesen und adlige Herren. Aber die hat man nimmer auseinandergeschieden. Und die Frauen ohne Putz, ohne Gold und Edelstein. Das haben sie niedergetan auf den Tisch der Sach, von der sie sagen, daß es die gute wär.«

»So ein Wörtl ist bald gesagt!« Herr Someiner wurde verdrießlich.

»Und da sind wir zu der Mahlstätt gekommen, wo die Priester auf grüner Wies und in der Sonn den Kelch gereicht haben. Du weißt, sie sagen, daß man das Göttliche nicht nur speisen müßt, auch trinken. Das heilige Buch ist ihnen die einzige Lehr. Und Gleichheit vor Gott und Menschen verkünden sie, Gemeinschaft der Güter in Friedsamkeit.«

Der Amtmann schüttelte den Kopf. Von dem, was in Lamperts leiser Stimme zitterte, quoll nichts hinüber zu ihm. »Narren, Narren!« sagte er hart. »Gefährliche Narren!«

»Zu Tausenden sind die gewaffneten Mannsleut und die Maiden und Frauen auf den Knien gelegen. In Inbrunst haben sie gebetet und den heiligen Trunk genommen. Und bald da und bald dort ist einer aufgestanden, vom inneren Geist entzündet, und hat mit flammender Red gesprochen zu den Herzen des Volks. Und allweil ist die Anred gewesen: Brüder und Schwestern!«

»Hätt heißen sollen: Verdrehte Köpf und hirnkranke Föhlen! Lang wird der ketzerische Wahnsinn nimmer dauern. In Österreich rüstet man schon. Man wird ihnen predigen mit Eisen und Feuer.«

Lampert erhob sich. »Mit Feuer und Eisen wird man nimmer tot machen, was lebendig geworden in vielen. Hat man den Hus nicht totgemacht? Schau jetzt nach Böhmen hinüber! Ketzer? Mag sein, daß du recht hast! Aber ist nicht auch in den Gutgläubigen die Einsicht, daß es besser werden muß mit Kirch und Lehr? Und du, Vater? Bist du zufrieden mit deinen geistlichen Herren?«

Der Amtmann trommelte ärgerlich auf einem Buche. Die Antwort fiel ihm schwer. Der Propst, der alte Dekan und ein paar von den Herren im Stift, das waren feste, redliche und aufrechte Männer. Aber diese jungen Chorherren und die übermütigen Domizellaren! Die entschlugen sich lustig der Regel und lebten, als wäre ihr Wunsch, das Kloster in ein weltliches Stift verwandelt zu sehen, schon erfüllt. Sie vergeudeten das Gut des Stiftes, kümmerten sich keinen Strohhalm um ihren geistlichen Beruf, so daß man zur Übung der Seelsorg bezahlte Kapläne anstellen mußte, derweil die Chorherren den Tag mit Jagen, Fischen und Beizen verbrachten, die Nacht mit Mummereien und Maidenspiel. Um den bürgerlichen Frauen und Töchtern leidliche Ruh vor diesen heiteren Herren zu schaffen, mußte die Gadnische Gemeinde im Badhaus die freie Wohnung stiften für die Hübschlerinnen, für die ,geschuhten Wachteln', die von Salzburg geflogen kamen. Um solcher Dinge willen hatte Herr Someiner schon manch einen zornigen Fluch verschluckt. Jetzt sagte er mürrisch: »Da redet man nicht davon. Im Amt muß Fürsicht allweil das erste sein.«

»Ein Amt ist überall, Vater! Und drum ist überall die Fürsicht und das Dulden. Und überall die Sittenwildnis der Geistlichkeit.«

Herr Someiner verlor die Geduld. »Die heilige Kirch und die Klerisei sind zwei verschiedene Ding. Ein Knecht, der mißraten ist, macht den Herren nicht schlechter.«

»Aber auch nicht besser.«

»Bub!« Der Amtmann sprang auf. »Bist du heimgekommen, um mich in Gefahr zu bringen?«

»Nein, Vater!« Lampert redete ruhig. »Aber das ist ein Ding, das mich schmerzt. Sollt man da nicht denken dürfen an Hilf?«

»Du wirst den schmierigen Hafen der Zeit nicht sauber machen!« Dem Gestrengen schwoll die Zornader an der Schläfe. »Laß du die Hilf von denen kommen, die dazu berufen sind.«

»Wären die geistlichen Herren nicht berufen als die ersten? Geistlich? Kommt dieses Wort nicht vom Geist her? Aber sie mästen den Leichnam eines faul gewordenen Lebens und lassen der Menschheit redlichen Geist versterben! Wer und was soll helfen, Vater?«

Herr Someiner wollte heftig erwidern. Da hörte er Stimmen und vernahm von der Schreibstube draußen ein Pochen an der Türe. Erschrocken flüsterte er: »Sei still, Bub! Da kommen Leut.« Der Zorn zitterte noch in seiner Stimme. »Laß dir raten! Red solch unbeschaffen Zeug nicht vor andern Leuten! Auch nimmer vor mir!«

Während Lampert die Hand über die Augen preßte, ging sein Vater in die Schreibstube hinaus und sperrte die Flurtür auf. Und als er an Stelle Marimpfels und des Ramsauer Richtmanns, die er erwartet hatte, einen alten Mann und einen jungen Burschen in der schwarzen Tracht der Salzknappen gewahrte, brach der mühsam verhaltene Zorn aus ihm heraus. »Gotts Nöten, was ist das für ein Unfürm? Wie trauet ihr euch zu lärmen vor meiner Tür?«

Der junge Bursch lachte verlegen und zog den Kopf zwischen die Schultern. Und der Alte sagte scheu: »Gestreng Herr Amtmann, der Bub da, das ist der Ulrich Eirimschmalz, ist Stollenknecht bei uns seit Lichtmeß, ist ein Ausländischer, vom Rhein her, und ist in Herberg bei mir. Und der hat ein Ding gemacht, daß ich gemeint hab, ich müßt es dem Gestreng Herrn Amtmann weisen.«

»Was für ein Ding? Ein schlechtes?«

»Ich weiß nit, Herr! Schauet selber!« Und der Alte reichte dem Amtmann ein mürbes, zerknittertes Blättlein Papier.

Herr Someiner nahm das Blatt, sah es an, zog die Augenbrauen in die Höhe und trat zum Fenster.

»Komm, Bub! Mußt nit Angst haben!« sagte der Alte, trat mit dem jungen Burschen in die Amtsstube und drückte die Türe zu.

Am Fenster betrachtete Herr Someiner das Blatt, auf dem drei schwarze Reihen dicker, gleichgroßer Schriftzeichen waren, plump und unsauber, schief aneinandergereiht, ähnlich der ungeübten Schrift eines schlechten, schwerhändigen Schreibers. Aber lesen konnte man's. Und jede der drei untereinanderstehenden Zeilen sagte das gleiche:

ullri eirimsmalz der menzer
ullri eirimsmalz der menzer
ullri eirimsmalz der menzer

Herr Someiner schüttelte den Kopf. »Was ist das für eine Narretei?« Er guckte das Blatt wieder an, während Lampert aus der Kammer trat. »Das sieht aus, als hätt's ein Geißbock geschrieben mit dem Huf!«

»Red, Bub!« sagte der alte Bergmann. »Tu dem Gestreng alles weisen! Gelt, Herr, das ist ein erstaunlich Ding!«

»Erstaunlich?« fragte Lampert. »Was?«

»Daß einer schreiben kann und keine Feder nit braucht.«

Lampert nahm das Blatt, das der Vater ihm reichte, und besah die wunderliche Schrift.

Der junge Knappe, dem bei der Sache nicht recht behaglich zumute war, begann zu erzählen, immer scheu den gestrengen Amtmann musternd.

Er wäre zu Mainz daheim, Sohn eines Zinngießers, von zwölf Geschwistern das jüngste. Vor zwei Sommern, mit achtzehn Jahren, wäre er auf die Wanderschaft gegangen, hätte ein Jahr lang dem Stadthauptmann zu Würzburg als Pavesenknecht gedient, ein Jahr lang dem Bischof von Chiemsee als Pulverstößer und als Zeltpflöcker bei Jagd und Beizwerk. Die blauen Berge hätten an seiner Seele gezogen. Und so wäre er nach Berchtesgaden gekommen und Stollenräumer im Salzwerk geworden.

»Und do haw ich, drei Woche kann's her sin, vor de Knappe bei der Mahlzeit erzählt, ich hätt in der Menzer Borscheschul en Kamerad gehatt, den Hennichen Gensfleisch von Guteberg. Der hätt was Richtigs nich lerne woll, haw ich erzählt, und hätt deß allerweche finde mög, daß mer schreiwe kann un kee Feder nich braucht.«

»Halt auch so einer von den Tagdieben«, murrte Herr Someiner, »die nicht wissen, wie sie die kostbaren Stunden totschlagen.«

»Wird schon so sein, Herr, jo! Awer gefunnen hot er's. Un weil die Knappe deß nich hawe glaube mög, daß mer schreiwe kann un kee Feder nich braucht, un weil ich mer nich der Lug hab zeihe laß, drum haw ich mer fürgenomm, daß ich's ihne weise will, wie's der Hennichen Gensfleisch gemacht hot. Un hab die Schriftzeiche nach Spiegelweis ussem Buchsbaumästche erausgestoche, wie's der Hennichen Gensfleisch gemacht hat. Und hab mit Essich und Ruß e Farb gerührt, hab die Stäbcher eneingetunkt un hab die Schriftzeiche uf e Blättche gedruckt, wie's der Hennichen Gensfleisch gemacht hot. Und do hawe's die Knappe lese könn.«

»Aber schlecht!« sagte Herr Someiner. »Mach, daß du weiter kommst, mit deiner mühsamen Narretei!«

»Vater!« Lampert hatte große Augen. »Das sollte man besser beschauen. Ich mein', das ist –«

Ein dröhnender Hall wie vom Einschlag eines schweren Blitzes krachte durch die Lüfte, und dann hörte man ein dumpfes Echo hinrollen über den Untersberg.

Ein Ungewitter? In der schönen Sonne und bei blauem Himmel?

Die viere, die in der Amtsstube waren, rannten zum Haustor und sprangen auf die Straße hinaus. Über ihren Köpfen klirrte ein Fenster, und da droben klang die angstvolle Stimme der Frau Someiner: »Was ist denn? Um Jesu Christ! Was ist denn da?«

Aus allen Fenstern der Marktgasse fuhren Kindergesichter und weißbehaubte Frauenköpfe heraus. Buben und Mannsleute kamen aus den Türen gesprungen, und alle redeten wirr durcheinander.

Nun wieder der gleiche, die Menschen erschreckende Hall. Er dröhnte vom Hirschgraben des Stiftes herüber. Und man hörte das donnernde Echo vom Untersberg über das weite Tal hinausrollen bis zum fernen Watzmann.

Viele Leute rannten gegen den Hirschgraben hin. Und von dort her kam an der Häuserzeile ein kleiner, magerer Mensch gesprungen, der mit dem wehenden Mäntelchen einem bubengroßen geflügelten Insekt vergleichbar schien. Das war der Amtsschreiber Pießböcker, dem die Gadener den Spitznamen ›der Item‹ gegeben hatten.

Der fuchtelte mit den Armen und kreischte in dünnen Fistellauten: »Gestreng, kommet flink hinüber zum Hirschgraben! Item, da probieren sie die neue Kammerbüchs, die gestern von Augsburg gekommen ist.« Das Männlein, dem der Atem versagte, schnappte nach Luft. »Item, sie haben mit dem ersten Schuß eine Mauer gebrochen, item, mit dem zweiten haben sie den großen Vierzehnender im Graben totgeschossen, item, das Vieh ist bloß noch ein Klumpen Fleisch und Blut gewesen. Item, Herr, das neue Ding ist eine mächtige Hilf wider Feind und Burgen! Kommet, Gestreng! Kommet, kommet!« Und aufgeregt, mit wehendem Mäntelchen, gaukelte das magere Männlein wieder davon.

»Eins nach dem andern!« brummte der Amtmann. »Erst muß ich den Mainzer Buben seiner Narrheit überweisen.« Und während er in das Haus trat, sagte er zu dem jungen Knappen: »Hast du den Hall vernommen! Da ist auch ein lützel Ruß dabei. Ist aber ein mächtig Ding! Was anders als dein rußiger Zeitvergeud!« Lampert stand noch immer auf der Straße und sah verloren in das schöne Blau hinauf, das über den steilen Dächern glänzte.

Wieder donnerte die Kammerbüchse im Hirschgraben.

Ein alter Handwerker in großem Schurzfell und mit nackten Armen nickte stumm vor sich hin. Er wandte das müde, freudlose Gesicht und flüsterte seinem neugierig guckenden Weibe zu: »Sie sagen, das hätt ein Pfaff erfunden. Da wird's der Welt einen Schaden tun.«

Als Lampert in die Amtsstube kam, saß Herr Someiner am Pult, tauchte die Feder ein, und während er zu kritzeln anfing, fragte er den Ulrich Eirimschmalz: »Jetzt sag, wie lang hast du gebraucht zu deiner federlosen Schreiberei?«

»Durch dritthalb Woche haw ich an jedem Feierawend geschnitt un gestoche, bis die Stäbcher fertich wäre. Drei Feierawend haw ich gebraucht zum Farbreibe un zum Drucke. Viel Blättcher haw ich verschmiert.«

»Drei Wochen? So?« Der Amtmann reichte dem Buben ein kleines Blatt. »Und das da hab ich geschrieben im Viertelsteil eines Paternosters. Was du geschrieben hast – schau her da!« Herr Someiner fuhr mit einem Federlappen über das bedruckte Blatt, und die Schrift war ausgewischt zu einem rußigen Fleck. »Was aber mein Kiel mit guter Tint geschrieben hat, das bleibt! Das kannst dir aufbewahren für Kind und Kindeskind!«

Auf dem Blatte stand mit zierlicher Schrift geschrieben: »Hennichen Gänsbraten der Menzer ist ein Tagdieb. Und du bist auch einer!«

Herr Someiner sprach: »Flink! Weiter mit euch!«

Die beiden trollten sich, und der junge Bergknappe, mit dem Zettel in der Hand, sah stumm den alten Bergmann an. Der sagte: »Ich hab gemeint, es wär eine nutzbare Sach. Aber so ein Herr versteht's halt besser.«

Wieder dröhnte der Hall der Kammerbüchse.

»Komm, Bub!« sagte der Amtmann. »Jetzt wollen wir hinüber in den Hirschgraben und das neue Ding betrachten. Der Pießböcker hat schon recht: Das ist eine große Sach! Und sei verständig, Bub! Tu im Hirschgraben die Herren geziemend komplimentieren.« Er fügte mit leiser Stimme bei: »Auch die Jungherren, die dir nicht gefallen.«

»Vater!«

»Was?« fragte der Amtmann mißmutig.

Lampert legte die Hand auf den Arm des Vaters. »Das Ding mit dem Buben will mir nicht aus dem Sinn. Ich weiß nicht, ob das recht gewesen, was du da getan hast.«

In der reizbaren Seele des Amtmanns kam plötzlich der nur halb unterdrückte Zorn wieder obenauf. »Willst du mucken wider deinen Vater?« schrie er. »Werd erst ein festes Mannsbild! Bist Doktor und Magister! Aber allweil bist noch wie ein seidnes Fähnl, das sich rührt vor jedem neuen Wind, mag's ein guter oder schlechter sein. Ich denk zuerst! Verstehst du! Und was ich tu, das ist –«

Herr Someiner schwieg und sah zum Fenster hin. Da draußen verstummte der Hufschlag zweier Pferde.

Lampert, der bei seines Vaters Wort vom seidenen Fähnlein bleich geworden, wandte sich schweigend ab und verließ die Amtsstube. Als er schon bei der Treppe war, hörte er das Eisengeklirr zweier Männer, die das Haus betraten. Er drehte das Gesicht und schien in seiner Erinnerung zu suchen. Da kam der Ramsauer Richtmann auf ihn zu, streckte ihm die Hand hin und sagte freundlich: »Gottes Gruß, Jungherr! Euch kenn ich noch allweil. Aber Ihr wisset wohl nimmer, wer ich bin. Freilich, es ist schon an die sieben Jahr her, daß wir uns nimmer gesehen haben. Ich bin der Runotter von der Ramsau.«

Während Lampert rasch die Hand des Richtmanns umklammerte, fuhr ihm das Blut ins Gesicht. »Doch, ich weiß schon, Ihr seid es!« In der Erregung, die ihn befallen hatte, sagte er ›Ihr‹, als wäre der Bauer von den Herren einer. Lampert warf einen fragenden Blick auf den Spießknecht hinüber, der in die Amtsstube trat. »Runotter? Bist du vor das Amt gerufen?«

»Wohl, Jungherr!«

»Warum?«

»Ich weiß nit.«

In der Amtsstube flüsterte Marimpfel: »Gestreng! Auf dem Hängmoos steht ein Käser, und siebzehn Milchküh sind aufgetrieben. Der Kerl da draußen muß ein schlechtes Gewissen haben. Er ist grob gewesen, und seine Wehr hat er angetan.« Herr Someiner winkte mit den Augen. Da ging der Spießknecht auf die Tür zu und rief hinaus: »Richtmann! Kommen sollst!«

Runotter trat in die Stube. »Gottes Gruß, Gestreng Herr Amtmann!«

Mit dem Bauer war auch Lampert gekommen. Er sagte rasch: »Hier wird geamtet?« Seine Stimme klang gepreßt. »Ich soll doch lernen, nicht? Da kann ich wohl bleiben und hören?«

Herr Someiner nickte und sagte zum Richtmann: »Gottes Gruß! Du bist in Wehr? Warum?«

Der Ramsauer sah zum Fenster hinaus. »Herr? Sollt nit der Spießknecht acht haben auf die Gäul da draußen? Der meinig ist ein lützel hitzig. Da könnt er schlagen oder beißen.«

»Beißt er«, murrte Marimpfel, »so kriegt er eine aufs Maul.« Klirrend verließ der Spießknecht die Stube.

Runotter nahm die eiserne Schaller ab, legte sie auf das Fenstergesims und sagte ruhig: »Warum ich in Wehr bin, Herr? Aus Fürsicht. Für Hofleut ist ein Bauer allweil der Minder. Um Händel zu verhüten, hab ich die Wehr angetan, wie mir's zusteht als Erbrechter.«

Lampert, der gegen die Tür der Kammer gelehnt stand, verwandte keinen Blick vom Gesicht des Bauern.

»Soooo?« sagte Herr Someiner. »Fürsicht ist eine löbliche Tugend.« Er musterte den Mann. »Ein festes Eisenzeug! Wirst bald noch einen zweiten Holdenküraß brauchen. Heut hab ich im Wehrbuch gelesen, daß dein Bub im Winter zu achtzehn Jahren kommt. Vermerkt steht, daß er nicht wehrfähig ist.«

Runotters Augen suchten im Leeren. »Das ist nit meine Schuld.«

Das Wort war ruhig gesprochen, und dennoch schien es unbehaglich auf den Amtmann zu wirken. Er benahm sich wie einer, der nicht gehört haben will, und sagte: »Willst du für deinen Buben das Erbgut aufrecht halten, so mußt du für ihn zur Holdenwehr im Winter einen Ersatzmann stellen. Da wirst du dich beizeiten umschauen müssen.«

»Wohl, Herr! Könnt sein, es war da grad ein guter Weg. Heut hat mir der Heiner, mein Knecht, von einem Soldmann erzählt, der in die Ramsau kommen ist. Will reden mit dem. Mag er bleiben, so zahl ich ihm gern die Löhnung fürs Warten bis zum Winter. Für meinen Buben tu ich alles.«

»Freilich, du kannst es!« Herr Someiner lächelte. »Der beste Steuergeber in der Ramsau!«

»Dem Himmel Vergelts! Gott segnet meinen Schweiß.«

»Wieviel Ochsen hast du?«

»Sechs für den Zug, zwei davon für den Acker, der mein ist, viere für Jagdfron und Scharwerk. Sieben Stückl Jungzeug hab ich auf der Alben.«

»Wo tust du sennen? Im Windbachtal?«

»Nein, Herr!« Die Brauen des Bauern zogen sich hart zusammen. »Da droben soll kein Stückl Vieh mehr fressen, das mein ist.«

»Ist da die Weid so schlecht?«

Runotter zögerte mit der Antwort. Seine Stirne färbte sich. »Nach der Hoflag tät' ich sennen müssen beim Windbach. Aber die Gnotschaft hat mir's zulieb getan und hat mir das Hängmoos zugewiesen.«

»Das Hängmoos?« Herr Someiner wuchs auf seinem Sessel. »Da sennest du selber?«

»Wohl, Herr!« Runotter schien das Wunderliche im Klang dieser Frage nicht zu begreifen. »Wir sind unser Sechse, die auf dem Hängmoos sennen, der Taubenseer, des Mareiners Schwager, die zwei Hintermöser, der Schwarzecker und ich.«

»Da hast du einen schlechten Tausch gemacht.«

Wieder furchten sich die Brauen des Bauern. »Ist mir lieber, als am Windbach sennen.«

»Auf dem Hängmoos ist schlechter Boden.«

»Der ist besser worden. Wir haben Gräben geschlagen und viel Boden trücken gemacht. Freilich, viel Sumpfland ist noch allweil droben. Ist oft schon ein Stückl Vieh versunken.«

»Da wirst du selber dein gutes Melkvieh wohl nicht auftreiben?«

»Doch, Herr! Drei Küh hab ich im Stall für die Heimleut, achte sind auf der Alben.«

»Auf dem Hängmoos?« Herr Someiner erhob sich.

Verwundert sah Runotter den Amtmann an. »Wohl, Herr! Auf dem Hängmoos.«

»Runotter«, sagte Herr Someiner streng, »du bist mir bekannt als redlicher Mann. Drum will ich vorerst noch gütig bleiben. Aber ich muß jetzt doch –«

»Vater!« stammelte Lampert, dem vor Unmut das Gesicht brannte. »Du wirst mir das nicht antun wollen, daß ich –«

»Hier wird geamtet!« klang es würdevoll über das Pult herüber. »Da redet bloß der Amtmann und wer gerufen ist.«

Die erstaunten Augen des Richtmanns glitten zwischen den beiden hin und her. »Ihr Herren? Was ist denn da?«

»Das wirst du hören!« Herr Someiner öffnete den eisenbeschlagenen Schrank, holte den Hängmooser Almbrief hervor und legte das alte, mürbe Pergament auf das Pult hin. Er wollte sprechen. Doch das Gebaren des Sohnes machte ihn aufblicken. Lampert, an der Lippe beißend, tat einen Schritt gegen den Vater hin, sah ihm in die Augen, wandte sich ab und trat in die Kammer hinaus. Herr Someiner bekam einen roten Kopf. Auch im Klang der Stimme verriet sich sein Ärger. »Wie viel Vieh ist aufgetrieben zum Hängmoos?«

»Achtzig Köpf, Herr, nach unserm Weidrecht. Heuer sind zwanzig Kalben droben, dreiundvierzig Ochsen und siebzehn Milchküh.«

»Achtzig Köpf?« Der Amtmann sah in den Almbrief. »Das stimmt. Aber Melkvieh? Seit wann wird Melkvieh aufgetrieben zum Hängmoos?«

»Das ist wohl allweil so gewesen, ich weiß es nit anders.«

»So?«

»Den Hängmooser Sauerkäs, den hab ich schon gegessen, da bin ich noch Jungbauer gewesen und –« Auf der Brust des Richtmanns hob sich langsam der schwere Küraß. »Und ein Mensch im Glück! Lang ist's her. Noch länger, wie daß mein Bub ein Krüppel sein muß.«

Der Amtmann mochte diese Erinnerung an das Glück des Runotter nicht gerne hören. Er sagte verweisend: »Tu nicht reden von Dingen, die nicht vors Amt gehören!«

Der Bauer biß die Zähne übereinander, und seine sonnverbrannten Fäuste klammerten sich härter um den Knauf des Holdenschwertes, das er vor sich stehen hatte.

»Und in der Sach, um die es da hergeht«, fuhr der Amtmann fort, »da mußt du dich irren, Runotter! Sauerkäs vom Hängmoos, sagst du? Man kann nicht käsen, wo kein Käser steht.«

»Auf dem Hängmoos steht doch einer.«

»Seit wann?«

»Seit allweil.«

»Weißt du auch das nicht anders?«

»Nein.«

Die kurzen Antworten mißfielen dem Gestrengen. »So? Dann schau dir einmal den Weidbrief an!«

Der Bauer nahm das Blatt und las. Das dauerte lang.

Inzwischen polterte Herr Someiner hinter dem Amtspult.

»Da hört sich doch alles auf! Seit Jahr und Jahr wird da ein Frevel wider das Fürstenrecht verübt. Groß wie ein Haus steht das Unrecht auf dem Hängmoos, hat siebzehn Schwänz und achtundsechzig Füß. Und kein Jäger sieht's, kein Grenzwächter und kein Forstknecht! Und keiner meldet's! Und die Herrschaft hat den Schaden. Es ist ein Kreuz! Auch auf die eignen Leut ist kein Verlaß. Und tut man nicht alles selber, so bleibt es ungetan.«

Runotter hob das Gesicht, sah den Amtmann an und betrachtete wieder das Blatt. »Herr, liegt da kein andrer Weidbrief nimmer für?«

»Ich weiß von keinem.«

Der Bauer legte das Blatt zurück. »Nachher muß da ein Irrtum sein, ich weiß nit, wo. Ist er bei uns Bauren, so geben wir schuldige Buß. Aber der Albmeister, der das Weidrecht hütet und die Schriften in Verwahr hat, ist ein redlichs Mannsbild. Ich glaub nit, daß er mit Wissen tat, was wider das Recht ist.«

Der Amtmann schlug mit der flachen Hand auf das Dokument: »Da steht es aber doch! Auf dem Hängmoos darf kein Käser sein. Küh dürfen nicht weiden da! Bloß Ochsen.«

Das ernste Steingesicht des Runotter bekam einen leisen Zug von Heiterkeit. »Der Herr muß sich nit aufregen. Es wird sich alles weisen. Der Weidbrief ist alt. Vor Zeiten ist auf dem Hängmoos schlechte Weid gewesen. So ein saures Gras! Drum wird man bloß Galtvieh aufgetrieben haben. Und der Ochsenhirt hat keinen Käser gebraucht. Drauf haben die Bauren den Weidboden so verbessert, daß Melkvieh hat grasen können. Und ich denk, da wird man das so ausgeredet haben –«

»Davon weiß ich nichts. Eine andre Urkund ist nicht im Kasten. Beim Recht entscheidet nicht, was du denkst, und nicht, was ich denk. Beim Recht entscheidet Schrift und Siegel. Da liegt der Brief. Wie er's zu Recht verlangt, so muß es gehalten sein. Der Käser auf dem Hängmoos muß weg. Die siebzehn Milchkuh müssen herunter, die siebzehn Ochsen müssen hinauf.«

Runotter, den seit achtzehn Jahren keiner hatte lachen sehen, mußte schmunzeln. »Herr, das Weidrecht geht doch ums Gras. Ist das nit ein Ding, ob das Gras von einer Kuh gefressen wird oder von einem Ochsen?«

»Nein!« Herr Someiner geriet in Hitze. »Recht ist kein Rütlein, das man biegt. Da steht's. Das Recht will Ochsen. Die Ochsen müssen hinauf!«

Der Richtmann schwieg eine Weile. Dann sagte er ruhig: »Herr! Wegen siebzehn Ochsen, die statt der Küh auf dem Hängmoos fressen sollen, wird doch nit der gnädig Herr Fürst mit der Ramsauer Gnotschaft einen Krieg anheben?«

»Krieg? Red nicht so unbeschaffen! Krieg führen Herr und Herr miteinander, nicht Herr und Bauer. Da geht's um Recht oder Unrecht, um Gehorsam oder schwere Buß.«

Runotter stieß das Schwert, dessen Knauf seine Fäuste umklammerten, leicht auf den Boden hin. »Gut, Herr! Ich bin nit bockbeinig und will den nötigen Verstand haben –«

Heftig unterbrach Herr Someiner: »Meinst du, den hab ich nicht?«

»Das hab ich nit gesagt. Aber es könnt doch sein, daß der Irrtum auf Seit der Herren ist?«

»Nein!« Der Amtmann schrie: »Bei mir ist alles geschrieben und gesiegelt. Mein Amt steht außerhalb des Irrtums. Und Recht muß Recht sein! Oder –«

Runotter sah die schwellenden Adern über des Amtmanns Schläfen und sagte rasch: »Gut. Herr! Daß wir Fried halten – ich will, bis die Sach geklärt ist, auf dem Hängmooser Herd kein Feuer nimmer zünden lassen. Und will die Kuh heruntertun. Und daß der Bauerschaft kein Schaden geschieht, drum will ich die siebzehn Kuh derweil auf meinem Anger grasen lassen. Und die Ochsen tu ich hinauf. Das soll geschehen, sobald meine Leut neben der Heumahd Zeit haben.«

»Zeit hin oder her! Der Mensch kann Geduld haben, das Recht hat Eil. Was du tun mußt nach Recht und Siegel, das wirst du tun bis morgen zur Mittagsstund! Sonst schick ich die Pfändung auf das Hängmoos, laß den Firstbalken aus dem Käser stoßen und laß die siebzehn Küh davontreiben als Pfand für Siegel und Recht.«

»Herr«, fuhr es dem Richtmann heraus, »das wär doch Unverstand!«

Bei diesem Wort streckte sich Herr Someiner. Seine Stimme klang höher und stieß gegen die Nase. »Redest du so mit mir? Weißt du nicht, daß ich hier steh an deines Fürsten Statt?«

»Verzeihet, Herr, es ist mir nur so herausgerumpelt.« Der Bauer atmete schwer. »Ich trag seit achtzehn Jahr um meiner Kinder willen einen Zaum vor dem Maul. Aber diemal reißt er.«

»Und dann kommt es, daß du redest, wie du denkst. Ja, Bauer!« Mißtrauisch und forschend musterte Herr Someiner den Richtmann. »Mir scheint, dich lern ich auch noch kennen! Doch was du geredet hast wider mich, das will ich um deiner Kinder willen vergessen. Aber Amt ist Amt. Nach Pflicht meines Amtes wird geschehen, was meines Fürsten Recht verlangt. Tu, was du willst! Morgen ums Mittagläuten ist die Pfändung auf dem Hängmoos. Fertig!« Er legte das gesiegelte Dokument in das Fach zurück und versperrte den eisenbeschlagenen Schrank.

»Recht? Wo ist Recht?« Runotter drehte den Knauf des Schwertes zwischen den Fäusten. »Ihr saget: Amt ist Amt? Gut! Da hab ich jetzt einen Merk gekriegt. Ein Amt hab ich auch. Ich bin Richtmann der Ramsauer Gnotschaft, bin eingeschworen drauf, unser Recht zu wahren. Auf dem Hängmoos geschieht, was allweil geschehen ist. Die Ramsauer hätten nit so getan, wär nit ein Recht dabei. Und wo das Recht ist, braucht man nit Pfändung und Spießknecht fürchten. Herr! Jetzt tu ich amten und sag als Richtmann der Gnotschaft: Recht muß Recht sein, und der Hängmooser Käser soll stehen, wo er steht, und die siebzehn Milchküh bleiben auf der Alben.«

Herr Someiner hatte die Arme verschränkt und stand gegen den versperrten Kasten gelehnt. »Nur weiter, weiter! Da weiß ich doch endlich, was du für einer bist. Noch gestern hab ich gesagt: Der Runotter ist von den Treuen und Verläßlichen einer!«

»Das bin ich, Herr! Nit um Hofgunst. Jeder Mensch ist, wie er sein muß.«

»Schön, Runotter! Du redest ja schon bald wie ein Bruder vom freien Geist! Ich merk, es fliegen Fledermäus im Land herum. Und heimliche Funken springen. Am Sonntag hat ein Rauschiger im Leuthaus die schweizerischen Eidgenossen leben lassen. Jetzt liegt er im Loch. Ich tu dich warnen, Runotter!«

»Was Ihr da redet, Herr, das trifft mich nit! Ich hör nit drauf, wenn ein paar Narrenköpf von der Schweizer Freiheit tuscheln. Aber verzeihen könnt man's –«

»Was?« fragte der Amtmann scharf.

»Daß ein Durstiger Sehnsucht hat nach einem Trunk. Und jetzt frag ich, Herr – mit den Ochsen vom Hängmoos – muß das wahrhaftig so sein, wie's jetzt beredet ist?«

»Recht muß Recht sein!«

»Gut! Dann muß ich als Richtmann stehen beim Recht der Gnotschaft.« Runotter nahm die eiserne Schaller vom Fenstergesims und drückte sie über den Scheitel. »Deswegen bin ich kein Unverlässiger und kein Freigeistler. Mein Herrgott ist mein Herrgott, und mein Fürst ist mein Fürst.« Ein Schwanken kam in die Stimme des Bauern. »Der ist mir drum nit minder worden, weil sein Chorherr Hartneid Aschacher ein schlechtes Stück getan hat wider mein Weib und mein Leben.«

Der Klang dieser Worte schien im eisenbeschlagenen Rippenschrank des Amtmanns etwas Menschliches aufzureißen. Er mußte seufzen. Doch er sagte streng: »Runotter, das gehört nicht vor mein Amt.«

»Dann wird's wohl vor ein Amt gehören, vor dem wir uns alle finden – einmal! Und solang ich noch auf der Welt steh, ist das gut, Herr Amtmann, daß der Chorherr Hartneid Aschacher im Kloster zu Chiemsee ein fürnehms Leben hat. So weit von uns.« Wie eine stählerne Klammer spannte sich die Faust des Bauern um die Scheide des Holdenschwertes. »Gottes Gruß, Gestreng Herr Amtmann!«

Die schwergenagelten Schuhe des Bauern klappten auf der Diele, und leise klirrte an seinem Küraß die Kette des Schwertgehänges.

Die Türe schloß sich. Und Herr Someiner sah sie mit wunderlichen Augen an, als müßte er sich besinnen, was da jetzt geschehen wäre.

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