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Der Oberamtmann und der Amtsrichter

Jeremias Gotthelf: Der Oberamtmann und der Amtsrichter - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleDer Oberamtmann und der Amtsrichter
pages654-729
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1853
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Da kam ein Amtsrichter, dann ein zweiter, aber kein Oberamtmann, bis alle da waren; dann kam er rasch hinein, setzte sich, ohne viel bei den sonst üblichen kordialen Begrüßungen sich aufzuhalten, an seinen Platz und sagte: er hätte sich verspätet, es werde gut sein, wenn sie anfingen und pressierten. Es fiel dieses Benehmen allgemein auf, doch kannte nur einer den Grund, und der dachte: Mach nur, das erschreckt mich noch lange nicht; wills kaltblütig abwarten. Der Schreiber las ab, was vorlag, und namentlich einen Entscheid des obern Gerichtshofes, des Appellationsgerichts, im gedachten Wässerungsprozeß, welcher das erstinstanzliche Urteil des Amtsgerichts aufhob und Recht sprach, wie der Oberst angedeutet hatte. Die Amtsrichter waren alle sehr verwundert und sagten: »Ei ja, so ists, ja, daß wir das nicht haben können sinnen!« Es ärgerte sie sehr, daß sie nicht den gesunden Menschenverstand gehabt, sondern demselben juristischen Sand scheffelweise hatten in die Augen werfen lassen. Das käme eigentlich jedem Kind in Sinn, sagten sie, aber wo die Advokaten zPlatz kämen, machen sie ein Blendwerk, daß es dem Teufel schwarz vor den Augen wird. Ja, sagte der Oberamtmann, aber der Verstand komme nicht vom Appellationsgericht, sondern anderswoher; und der Advokat, der es vorbrachte, fing es noch gar lustig an. Der Oberamtmann hatte dieses Appellationsgericht sehr auf dem Strich, er besaß eine ganze Schublade voll Wischer, welche dasselbe ihm ausgeteilt. »Ihr Herren«, sagte der Advokat, »bitte um gnädiges Gehör, aber um ein kurzes. Glaubt nicht, weil ihr die Akten vielleicht gelesen, ihr kenntet den Handel. Nur fünf Minuten, fünf Minuten, hört ihr es, will ich euch aufhalten, wenn ihr so gütig sein wollt, aufmerksam zu sein.« Das gefiel den Herren, sie ließen die Zeitungen einstweilen liegen, schrieben keine Artikel, wie es sonst geschehen soll, wie man sagt, diesmal paßten sie auf.

»Hochgeachtete Herren, gebt wohl acht und unterscheidet gut! Laut Brief und Siegel gehört dem untern Bauern das überflüssige Wasser des obern Bauern, das muß dieser ihm zukommen lassen; aber wieviel er brauchen darf für sich, ist ihm nicht vorgeschrieben, er kann brauchen, soviel er will. Nun kann man wässern und wässern, viel oder wenig Wasser brauchen. Hochgeachtete Herren, das werdet ihr begreifen, es kömmt auf den Bauer an. Nun ist der junge Bauer ein besserer Bauer als der alte, denkt besser der Sache nach, braucht mehr Wasser, und was er nicht braucht, reicht er dem andern zu, alles beim Tropfen, was will der mehr laut Brief und Siegel? Hochgeachtete Herrn, es sind erst drei Minuten vorbei, ich will sie Ihnen aber schenken und schließe.« Nicht wahr, wenn sie alle so redeten, so möchte man dabeisein und würde weniger sturm?

Den Verhandlungen wollen wir nicht folgen, bloß bemerken, daß sie noch an selbem Tag für ihre Bosheit mörderlich gestraft wurden, denn es kam ein Advokat, welcher während zwei Stunden so schrecklich redete über einen alten Weidenbaum, ob er rechts, links oder in der Mitte der March stehe, daß der Oberamtmann nachher sagte: er glaube wirklich, wenn er nicht die Fenster geöffnet, er hätte ihm das Schloß versprengt. Der Advokat aber fand sich veranlaßt, sich bitter über dieses Amtsgericht zu beklagen. So unmanierliche Richter, die sich so unanständig aufgeführt, hätte er doch noch nirgends angetroffen, sie hätten beständig gelacht, er glaube, sogar über ihn. Wenn ihm das noch einmal begegne, so begehre er entweder alsbald auf oder klage höhern Orts. Es war aber, als ob der Advokat es mit dem Oberamtmann abgeredet hätte, denn es wurden die Verhandlungen so spät geschlossen, daß der Oberamtmann kaum den Schluß erwarten mochte und, wie das letzte Wort verhallt war, sagte: »Ihr Herren, zur Suppe, sie kaltet sonst, und die Frau Oberamtmännin macht Ihnen ein sauer Gesicht.« Selb wäre ihm nicht am Orte, sagte ein Amtsrichter, wegen der Suppe wäre es ihm gleich, aber nicht wegem freundlichen Gesichte, welches die Frau Oberamtmännin sonst habe, er freue sich allemal darauf. Wir glauben nicht, daß der Herr dieses Kompliment passend fand im Munde eines Amtsrichters, so natürlich und richtig es sonst war. Der Ton, in welchem es es seiner Frau wiedererzählte, läßt es uns vermuten.

Sie war allerdings sehr freundlich, die Frau Oberamtmännin, mit allen, mit dem Amtsrichter auf der Säublume wäre sie gern noch freundlicher gewesen, wenn sie nicht die Augen ihres Herrn gefürchtet hätte, der nach einigen Worten schon ungeduldig wurde und rief: »Frau, willst kommen, zu servieren, oder soll ich?« Nach des Hauses Sitte wurde hinter dem Stuhle stehend gebetet, aber kurz. Es war aber keiner der Amtsrichter, der nicht sitzend und gleichsam insgeheim noch nachbesserte, das heißt, die längern Gebete, deren er sich zu Hause gewohnt war, noch hersagte. Es war ein stattliches Mahl mit drei Gängen, gewählte Speisen, gut bereitet, doch ohne besondere Eigentümlichkeiten, die erwähnt zu werden verdienten. Auch die Herren Amtsrichter gaben keine Veranlassung zu besondern Geschichten, sondern saßen und aßen wie andere Menschen. Keiner warf die Fischgräte unter den Tisch, keiner zog das Hinterstück eines Huhns in der Sauce herum, welche die Frau Oberamtmännin auf ihrem Teller hatte. Keiner sagte: »Gsundheit, Herr Landvogt, Santé, Jean!« Keiner trat der Frau Oberamtmännin auf den Fuß und sagte: »A vos services, Frau Landvögtin!« keiner: »Wettet Ihr nit so gut sy, Herr Schultheiß, u gschwind mit mr ufn Abtritt cho!«

Die heutigen Verhandlungen und der Stand der landwirtschaftlichen oder häuslichen Beschäftigungen bildeten den Gesprächsstoff, der erstere hauptsächlich vom Herrn, der zweite von der Frau gehandhabt. Der erstere redete mit einer gewissen Hast und Betonung, welche ein feines Ohr leicht bemerkte, und, je mehr die Ohren der Frau Oberamtmännin davon bemerkten, desto liebenswürdiger wurde sie, desto mehr haushälterische Weisheit strömte von ihren Lippen, so daß die Männer ganz erstaunt dasaßen und bei sich dachten: sie glaubten beim Schieß, ihre Weiber verständen nicht mehr von der Sache als die Herrenfrau da, aber solche fänden sich nicht dicht. So eine nähmten sie auch, von wegen es sei doch dann ein lustiger Dabeisein als bei so einer verschmuselte Karresalbegret, und grade solche Ölbützeni seien oft die Teuersten, wenn man sie gehörig im Salb behalten wolle. Die Oberamtmännin wußte aber wohl, daß beim Herrn noch etwas im Hintergrund war, das herauskommen wollte, was sie lieber nicht gehört hätte.

Das lief nun so nebeneinander her, zunehmende Hast und zunehmende Holdseligkeit, sehr spannend für die, welche es merkten, wahrscheinlich nur die Töchter, vielleicht auch der Amtsrichter, der aber ganz unbefangen und kaltblütig des Ausgangs harrte. So ging es bis zum Braten.

Das war der Punkt, welchen die Frau Oberamtmännin ganz besonders ersorgt hatte. Sie hatte deswegen den in dieser Saison üblichen Hasenbraten, welcher die nächste Beziehung dargeboten hätte, ausgelassen und ein schön Ferkel, ein rarer Vogel um diese Zeit, aufgestellt nebst schönen Hähnen als zweiten Braten. Es ging ihr aber wie manchem, der den Berg meiden wollte und ins Loch geriet. »Sie werden sich wundern, keinen Hasen auf dem Tisch zu sehen«, begann der Oberamtmann, und sein Antlitz wurde dunkel, während die Frau die Augen aufschlug und einem schweren Seufzer nachsah, den sie gen Himmel schickte, »wie üblich und bräuchlich in dieser Jahreszeit. Aber sie werden rar, die Hasen, sie kommen mir am Schloßberg weg, ich weiß nicht, wie. Es ist mir daher leid, daß ihr heute einen entbehren müßt. Wahrscheinlich werden sie von den Füchsen gefressen, es sollen seit einiger Zeit deren viele sein am Schloßberg. Ich will nächstens Würstchen kommen lassen von Bern und sie legen im Berge herum. Sie sollen noch viel besser sein als die Schnitten für die Mäuse. Man macht sie in Studers Apotheke in Bern und werden viel gebraucht. Dann aber muß man sich in acht nehmen mit den Hunden, sie fressen diese Würstchen ebenso gern wie die Füchse. Ich will euch daher gemahnt haben, wegen euern Hunden acht zu geben, es wäre mir leid, wenn der eine oder der andere Unglück haben sollte mit seinen Hunden, aber die Hasen möchte ich doch nicht gern aussterben lassen, sondern von Zeit zu Zeit meinen lieben Amtsrichtern einen aufstellen. Oder wie findet Ihr die Jagd in diesem Jahre, Amtsrichter?«

Das war das erste Wort, welches der Oberamtmann heute unserm Amtsrichter adressiert hatte, es schien zuckersüß und freundlich, aber der Amtsrichter fühlte den Stachel darin, den der Herr hineingelegt hatte, sehr wohl, ja, er fühlte noch einen darin, an den der Herr wahrscheinlich nicht dachte, ihm ging das Wort Füchse besonders ins Fleisch. Er sah wohl, daß die Kollegen den Stich des Oberamtmanns wohl merkten, und beim Wort Füchse schienen sich ihm alle Mundwinkel zu verziehen. Das machte ihn giftig, er glaubte, nicht einer zu sein, der hinten kratze und vornen schlecke, der den Heuchler und Schmeichler mache; er glaubte, ein Mann zu sein, der Mut habe und ins Recht trete wie selten einer und wirklich niemand fürchte, nicht fürchte, gegen den Oberamtmann freundlich und höflich zu sein, aber auch nicht, grob zu sein, wenn es die Sachlage mit sich brachte. Es ist merkwürdig, wie viele es gibt, bei denen je nach dem Barometer der Zeit bald die Grobheit, bald die Freundlichkeit obenaufkömmt, ungefähr wie bei dem Kapuziner, welcher das Wettermännchen vorstellen soll, und der je nach der Zeit bald die Kapuze über den Kopf zieht, bald sie fallen läßt und das Haupt entblößt. Das gehört halt zur Natur des Menschen; schon der alte König David machte schwere Erfahrungen in diesem Punkte, namentlich an Simei, dem Sohne Geras, und wenn der alte König bis auf diesen Tag gelebt hätte, so hätte er erfahren, daß auch an diesem Stücklein Erbsünde kein Düpflein vergangen ist. Unter diese Menschen gehörte der Amtsrichter aber wirklich nicht, um so mehr mußte es ihn kränken, wenn die andern glauben konnten, der Oberamtmann stichle auf eine solche Art, und er habe vielleicht Grund dazu. Er konnte es nicht schweigend hinnehmen, noch weniger sich entschuldigen, er antwortete daher, während die gute Frau Oberamtmännin Blut schwitzte: »Kann nicht rühmen, Herr Oberamtmann, kann nichts machen, bin wie verhexet, besonders um meinen Hof herum. Kaum lasse ich die Hunde ab, und sie stechen, so geht es fort und kehrt nie mehr. Es ist gar nicht wie bei den Hasen, es muß was Fremdes sein. Ich werde dem auch müssen abhelfen, sobald ich weiß, was es ist, sonst ist mir die Jagd verderbt.«

»Das sind vielleicht Rehe«, sagte ein anderer Amtsrichter arglos. »Es heißt, es seien deren schon mehrere gesehen worden.« Da war die Luft zum Ersticken schwül und der Oberamtmann hochrot. Der Schreiber sagte, er hätte gehört, aber er könne es schier nicht glauben, im Schwarzwald seien deren ganze Wälder voll, und wenn sie dort nicht mehr Platz hätten, so kämen sie zu Hunderten über den Bodensee, daß zu St. Gallen das Pfund Rehfleisch nicht mehr als einen Kreuzer gelte. Es werde darnach Fleisch sein, sagte ein Amtsrichter. Er könne es wohl glauben, denn er habe auch schon Fleisch gesehen, wo man ihm nicht Geld genug geben könnte, wenn er eine Laus groß essen sollte. Ein anderer erzählte ein Exempel dieser Art, es kam das Gespräch in allgemeinen Lauf.

Der Oberamtmann korbete an einer Antwort, denn er fühlte die Entgegnung des Amtsrichters um so bitterer, je weniger er wußte, wie tief er geschlagen, aber es ward ihm jede durch den Lauf des Gesprächs aus den Händen gewunden; und so abgebrochen sagen: »Herr Amtsrichter, das sind meine Rehe, und mit diesen nehmt Euch in acht, wenn ich Euch guten Rates bin!« das mochte er doch an seinem Tische und gegenüber dem Amtsgericht, welchem die Schranken seiner Kompetenzen zu gut bekannt waren, nicht sagen. Seine Frau war wieder holdselig wie Ketzer, winkte dem Jean, recht fleißig einzuschenken, die Töchter sekundierten diesmal gut, so daß es mit geharnischten Angriffen aus war, man am Ende recht lustig und friedlich auseinanderging – im allgemeinen und äußerlich, aber in zwei Herzen blieb ein Stachel sitzen.

Der Oberamtmann war empört über die Anmaßlichkeit des Amtsrichters, der Hieb um Hieb gegeben, statt geziemend sich zu unterziehen, und über sich, daß er solchen Übermut nicht gebührend gezüchtigt. Der Amtsrichter war voll Galle gegen den Oberamtmann. Er war hergekommen in guter Meinung, sich zu versprechen, nicht als wegen eines Verbrechens, sondern wegen eines Mißverständnisses und einer Unhöflichkeit, deren er sich nichts vermöge, die ihm aber leid sei. Nun behandelte ihn der Oberamtmann so feindselig, wollte ihm keine Gelegenheit geben, mit ihm unter vier Augen zu reden, titulierte ihn sogar als Fuchs! Wohl, mit dem sei er fertig, dachte er. Und wenn er ihm so komme, so werde er ihm zeigen müssen, wo die March durchgehe, und wozu er das Recht habe und wozu nicht. Der Amtsrichter wollte vor seinen Kollegen den Fuchs, den er empfangen, erklären und lud sie ein, unten im Wirtshaus noch eine Flasche zu trinken. Dort erzählte er, wie er mit dem Oberamtmann zweggekommen sei, und wie der es ihm jetzt mache, nicht einmal Gelegenheit wolle er ihm geben, dSach z'erkläre, aber eine Bitte tue er sy Seel nicht, und mit den Würstlein könne man es mit ihm probieren, wenn es sein müßte.

Wir glauben, der eine oder der andere war nicht unzufrieden, daß der Oberamtmann und der Amtsrichter zweispältig wurden, mag ihm wohl die Ungnade gegönnt haben, indessen gaben alle laut ihren Ärger kund über des Oberamtmanns Betragen. Es nähmte sie wunder, sagten sie, ob man dann mit einer Patente nicht im ganzen Kanton jagen dürfe, wo man wolle. Diese Zustimmung seiner Kollegen tröstete den Amtsrichter einigermaßen, doch den Stachel aus dem Herzen zog sie ihm nicht.

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