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Der Oberamtmann und der Amtsrichter

Jeremias Gotthelf: Der Oberamtmann und der Amtsrichter - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleDer Oberamtmann und der Amtsrichter
pages654-729
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1853
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Die Frau Oberstin schauderte bei dem bloßen Gedanken, nicht an die Möglichkeit, daß ihr Söhnlein sie je erhalten könnte, das gehörte weit außerhalb ihres Gedankenkreises, sondern daß ein solcher Kerl an so was nur denken dürfe. Sie warf dem Oberamtmann vor, daran sei er schuld; so komme es, wenn man die Leute behandle wie er, daß sie sich einbilden müßten, es sei fast kein Unterschied zwischen ihm und ihnen. Wenn er die Leute recht zu behandeln wüßte, so hätte er den Flegel dreimal vierundzwanzig Stunden hintern tun lassen. Mit solcher Humanität richte man nichts aus, mache die Leute nur unverschämt. Es werde die Zeit kommen, wo man die Unvernunft einsehen werde. Dann könne man die Finger abbeißen vor Verdruß, aber das könne man lange, die Sache sei doch, wie sie sei. Der Oberamtmann gab zu bedenken, daß in solchen Dingen die Frauen kein Urteil, keinen Verstand hätten; wo Ordnung sein solle, müsse Disziplin sein, die sei aber nur möglich, wo Gerechtigkeit sei, jeder seine Pflicht tue, danach belohnt oder bestraft würde. So sei es hier, so sei es in einem Regiment, dafür könne sein Bruder Zeugnis geben. Der Oberst möge sein, wie er wolle, wenn er nicht gute Ober- und Unteroffiziere habe, so laufe es nicht, und die erhalte man nur bei gerechter Strenge. Weit entfernt, den Kaspar zu strafen, habe er ihm ein schönes Trinkgeld gegeben. Es werde ihm kaum mehr ein Lieutenant in die Hände laufen, dagegen aber bringe er ihm zehn andere ein. Hätte er ihn gestraft oder nur böse Worte gegeben, so wäre er verhunzt gewesen und hätte sein Lebtag nie mehr zu etwas getaugt.

Die Frau Oberstin war nicht von denen eine, welche abbrechen können zu rechter Zeit, und der Oberamtmann stand bei einem Kapitel, wo ihm die Galanterie ausging. Er begann vom Weiberregiment zu reden, und wie, wenn so eines lange dauere, in einem Hause man es dahin bringe, daß man zuletzt nichts mehr darin habe als Muheime und Wanzen, nicht einmal mehr Mäuse, weil die das ewige Tschäder auch nicht vertragen möchten. Die Frau Oberamtmännin konnte nicht ablenken, die Räder waren zu stark im Zug, da zündete der Lieutenant ruhig, fast wie im Traume eine Zigarre an und blies nach einigen starken Zügen Wolken Rauchs um sich. Da fuhr die Frau Oberstin auf wie von einem Skorpion gestochen, schmiß Louis einige welsche Ehrentitel zu und schwankte, von einer Nichte unterstützt, aus dem Zimmer. Der leiseste Tabaksgeruch machte ihr Ohnmachten und Krämpfe, wie sie sagte. Über Louis' etwas groben Witz ward stillschweigend weggegangen, man fand, es sei so schicklicher. Hätte man darüber Louis was sagen wollen, so hätte der die liebe Mutter ins Gespräch gezogen, und was trug das ab? Es begriff das niemand besser als der Oberst, der griff daher auch das Kapitel von der Disziplin auf, erzählte eine Menge Exempel darüber und machte damit den Rest des Abends recht kurz und vergnügt.

Besucher gleichen den Streifwachteln, sie sitzen während ein paar schönen Tagen ab, dann streifen sie weiter; wenn dann die trüben Tage kommen, kann man sehen, wie man es macht ohne sie. So waren auch Obersts fortgezogen und Oberamtmanns allein im Schlosse. Der Frau Oberamtmännin war das so unlieb nicht: sie konnte dann das Einherbsten ungestört besorgen und die Töchter dabei brauchen. Sie meinte nicht, sie hätte sie bloß für den Sonntag bekommen, so daß sie alle Tage Sonntag haben könnten, sie meinte, sie seien auch Werktagskinder und müßten auch sechs Tage arbeiten und schaffen alle ihre Werke. Sie meinte nämlich, die Gebote Gottes seien für alle Leute und absonderlich für die vornehmem, die sollten das Beispiel geben, und namentlich gerade die sollten sechs Tage arbeiten und den Sonntag heiligen, erstlich wegem Exempel und zweitens wegem Nutzen, denn Müßiggang ist aller Laster Anfang, absonderlich bei den Reichen, die ohne Arbeit ja ganz natürlich geil und üppig werden müssen und voll Bosheit.

Wir wollen nicht behaupten, daß die Fräulein den Kabis selbst hobeln und die Stauden stampfen mußten, aber sie mußten doch dabeisein, mußten zusehen, wie man es macht, wie es geht, mußten, wie man zu sagen pflegt, Verstand von allem zu kriegen suchen. Herr und Frau waren hierbei durchaus einig, daher gingen die Fräulein der Mutter willig an die Hand, sie meinten, es müsse so sein. Wenn Freundinnen zum Besuch kamen, besonders aus der Stadt, und die Nase rümpften über solche Zumutungen, gränneten über eine ländliche Lebweise, wo dem weiblichen Geschlechte noch etwas mehr zugemutet wurde, als die Puppe spielen, ja, manchmal sogar einen Korb oder sonst was auf ganz gemeine Weise anzurühren und sogar zu tragen – »mach nur, daß der Papa es nicht sieht oder hört, wie du das ansiehst, sonst nimmt er dich aufs Korn, und du mußt es büßen!« warnten die Töchter ihre Freundinnen. Nun, es gab schnippische, naseweise Dinger, welchen das Gesicht des Herrn Oberamtmanns nicht so imponierte wie allen, welche in seiner Nähe lebten, sondern den Kitzel fühlten, mit ihm anzubinden, sich ausließen über die Zumutungen, welche an Fräulein gestellt wurden, als ob sie unter die arbeitende Klasse gehörten, als ob sie ihr Brot verdienen müßten. Wohl, die rannten schön an, die taten es nie mehr zum zweitenmal, der Oberamtmann vertrieb mit seinem Schlachtengesichte ihnen die Lust beim erstenmal und zumeist noch ziemlich höflich. Er frug, was sie meinten, wofür sie eigentlich in der Welt seien? Solche unverblümte Fragen setzten die kecksten Leute zuweilen in Verlegenheit. Er frug weiter, ob sie nicht ein Buch kennten, in welchem schwarz auf weiß stehe: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen!« Und in dem gleichen Buche heiße es auch, es habe jedermann sein Pfund erhalten, und das Pfund solle er anwenden, und je nach der Anwendung werde einst der Mensch belohnt oder bestraft.

Der Oberamtmann war ein sehr ehrenfesten Mann, aber zur Steuer der Wahrheit müssen wir sagen, daß er aus der Bibel hauptsächlich die Sprüche kannte, welche er auf andere schlagend anwenden konnte und wirklich auch anzuwenden wußte. Wenn er nun mit solchen Fragen einem Fräulein auf den Leib rückte, so fragen wir, ob es nicht natürlich war, daß sie in Verlegenheit geriet. Wenn man so unvermutet kommt und sagt: »Seh mal, laß sehen, wo hast dein Pfund, gib füre!« wo ist das Fräulein zu Stadt und Land, welches nicht einigermaßen in Verlegenheit geraten würde? Soll sie sagen: »Ich bin schön, ich kann klavieren, besser als König David harfen, tanzen ebenfalls besser als er, zeichnen wie ein Blitz und schön daneben, les honneurs machen auf deutsch und welsch und ganz artig, daneben habe ich viel Konversation, und das Mundstück steht mir nie, als wenn ich schlafe«, wir fragen, kann ein Fräulein wohl so antworten? Und, wenn sie nicht so antworten kann, was soll sie dann antworten? Ja, so kann man in Verlegenheit kommen, wenn jemand das Fragen nicht scheut, und wenn eine Person so gleichsam vergessen hat, sich selbst zu fragen: »Für was ist eine vernünftige Person auf der Welt? Und gesetzt der Fall, ich sei eine vernünftige Person, welches ist mein Pfund, mit dem ich was Vernünftiges anfangen und damit gewinnen soll andere Pfund?« Wer einmal in dieser Fragen Klemme gewesen war, der hütete sich vor dem zweitenmal und tat wohl daran.

Besonders in dem Herbste, von welchem wir erzählen, hatte man sich zu hüten, das schwere Geschütz des Oberamtmanns nicht sich zuzuziehen; er war so übellaunig, daß die Frau Oberamtmännin ihre ganze Kunst aufbieten mußte, um leidlich Wetter zu machen. Es war ein prächtiger Herbst, ein unvergleichlich Jagdwetter, und eine Masse von Geschäften lag vor dem Oberamtmann, namentlich Untersuchungen, Verhöre mutmaßlicher Diebe, wirklicher Vagabundierer, welche das schöne Wetter zum Spazieren auffallenderweise benutzten. Da mußte nun unser Oberamtmann hinter dem Fenster sitzen, Spitzbuben verhören, verschmitzte Kerls, deren größter Spaß es war, Richter anzulügen und an der Nase herumzuführen tagelang, und draußen das prächtigste Wetter von der Welt! Man begriff, daß es dem Oberamtmann in allen Gliedern gramseln mußte, wenn ein Gauner mit seinem Schelmengesicht durch seine Antworten ihn mutwillig herumzerrte und fitzte, wie man zuweilen sich den Spaß mit jungen Hunden macht, und wie er so einem unwillkürlich funfzehn bis zwanzig diktieren mußte und zwar aus dem Salz. Und wenn dann obere Behörden sich veranlaßt fanden, den Herrn Oberamtmann ernstlich zu ersuchen, in seinem Eifer sich zu mäßigen, so war das ebenfalls kein geeignetes Mittel, ihn besserer Laune zu machen.

Einmal war auch so ein prächtiger Tag, weder Reif noch Nebel waren in der Nacht gewesen, ein schöner Tau hatte den Boden eben recht angefeuchtet, ein feiner, duftiger Schleier gab der Erde ihren Schmelz. Vor dem Schlosse hatte der Herr seine Pfeife geraucht, war endlich voll Zorn in sein Audienzzimmer hinaufgestiegen und hatte sich zwei vorführen lassen, einen Mann und ein Weib, die sich offenbar kennen mußten und doch nichts voneinander kennen wollten. Der Oberamtmann inquirierte sich bald in Feuer, der Mann spielte den Heuchler, das Weib tat schnippisch und jagte dem Herrn das Blut in Kopf, und arg mußte es damit werden, denn er drehte denselben immer, schnellte ihn förmlich einige Male dem Fenster zu, blieb stecken mitten in einer Frage, fragte endlich den Schreiber: »Still doch, was hört man?« »Ich glaube, ein Gjag«, sagte dieser kaltblütig. Der Herr sprang auf, riß das Fenster auf, da kam es schön und voll zum Fenster herein, das Getöne einer wilden Jagd. Noch scholl es von ferne her, aber eine prächtige, orgelnde Stimme hob sich vor den andern heraus wie der erste Tenor aus einem wirbelnden Chor. »Wer zum... jagt da?« frug der Herr zornig. »Es wird wahrscheinlich der Amtsrichter sein«, sagte der Landjäger. »Es dünkt mich, ich kenne die Hunde, besonders der eine, er hat die schönste Laute weit und breit.« »So, der Amtsrichter, so, der wird meinen, er müsse mir die Langeweile vertreiben!« sagte der Herr. »Der könnte auch was Besseres tun, als z'jagen.«

Er trat zurück und begann wieder zu fragen. Da brachen die Hunde aus dem Walde ins Feld hinaus, näher dem Schlosse zu. »Ja, es sind des Amtsrichters Hunde«, sagte der Landjäger, »ich kenne sie jetzt. Es sollen bsunderbare Hunde sein; man sagt, der Amtsrichter täte sie nicht geben um vier schwarze Stiere. Mit Schein haben sie verloren, der Hase wird sich versetzt haben.« Nun, jetzt wird er Verstand haben und abrufen, er wird mir doch nicht da unter der Nase jagen wollen! dachte der Herr, drehte sich wieder der Arbeit zu, inquirierte, daß Funken stoben. Da klepfte es unten im Tale, neu brachen die Hunde los. Er wollte! rief der Oberamtmann, den Rest vernahm man nicht, lief zum Fenster, sah, wie ein Jäger einen Hasen weitertrug und dennoch die Hunde fortjagten dem Schlosse zu, im Schloßberg einen Lärm verführten, daß man kaum sein eigen Wort vernahm, als ob sie den Oberamtmann mit Gewalt ins Freie heulen wollten. Der schloß im Zorn die Fenster, befahl dem Landjäger, er solle mit dem Jäger hinuntergehen und die Hunde erschießen, es nehme ihn doch wunder, ob er nicht sicher sein könne im Schlosse. Solch Trotz und Bosheit habe er nicht erlebt, da könne er in der Stube bleiben, derweile jage der Bauer ihm unter den Fenstern, daß man das eigene Wort nicht mehr verstehe; so könne es nicht länger gehen, man müsse dafür sorgen, daß man wieder wisse, wer Meister sei im Lande.

Man sei billig! Es war wirklich strenger Tubak für den Oberamtmann. Der Amtsrichter war freilich in seinem Recht, dieses Recht kostete sechs Taler, erstreckte sich über den ganzen Kanton, das Hochwild ausgenommen, und dieses Recht konnte von jedem erkauft werden, der ehrenfähig oder Offizier, obrigkeitlicher Beamter war oder ein gewisses Vermögen bescheinigen konnte. Nebenbei hatten die Oberamtmänner das wenig beschränkte Recht, Bewilligungen, gültig in ihrem Kreise, zu erteilen. Indessen wenn die Jäger unter sich Friede haben wollten, so kam einer dem andern nicht zu nahe, jagte dem andern nicht bis vor die Küchentüre. Es war von je so und wird so bleiben: man hat gern so ein eigen Gehege, und wer dem andern ins Gehege kömmt, werde nun darin gehegt, was da will, wird nicht mit liebenswürdigen Augen angesehen. Nun denke man sich zu diesem noch das: Da im Zimmer saß ein alter Edelmann von gutem Blute, nicht Hofadel, sondern Bauernadel, das heißt Adel, im Lande entsprossen, und fragen tut es sich, welches der wirklich vornehmere sei, und dieser alte Edelmann mußte mit zwei Gaunern die Zeit verbrauchen im Zimmer, unterdessen jagte ihm der Bauer ums Schloß herum, schoß vor seinen Fenstern einen Hasen, forderte möglicherweise einen zweiten in seinem Garten – und er saß da, zwei Gauner hielten ihn zum besten, er hatte ernste Befehle, die Untersuchung so schnell als möglich zu beendigen, weil sie mit andern zusammenhing, und er konnte nicht vorwärtskommen, mußte die lustige Jagd draußen hören und drinnen die verschmitzten Gesichter sehen! Wir fragen, ob man darob nicht fast zum Narren werden mußte, ob da nicht ein Zorn zu verwerchen war, daß es fast über menschliche Kräfte ging.

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