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Der Oberamtmann und der Amtsrichter

Jeremias Gotthelf: Der Oberamtmann und der Amtsrichter - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleDer Oberamtmann und der Amtsrichter
pages654-729
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1853
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»Omnia mea mecum porto«, kann jeder sagen, denn jeder trägt seinen Proviant in seiner Tasche mit sich. Sehr selten sind die Partien, wo ein Träger mit einer Hutte einen tüchtigen Halt an einen bestimmten Ort trägt, wo man zu tafeln beschlossen. Seitdem die Herren ihren Hausfrauen ihre monatlichen Haushaltungsgelder so karg zumessen, lieben diese splendide Extraspenden für die Jagd nicht. Man denke, wieviel Pfund Fleisch und andere gute Sachen bei einem Halt eigentlich nutzlos konsumiert werden!

Noch einfacher wanderten der Oberst und sein Sohn aus, sie hatten nicht einmal einen Piqueur, sie nahmen des Oberamtmanns Hunde nicht mit, weil sie mit denen des Amtsrichters nicht gleichen Fußes waren, sie hatten ein Stelldichein verabredet, zu dem sie des Oberamtmanns Jäger führte. Der Herr selbst kam nicht mit, er jagte nicht mit dem Amtsrichter, der noch dazu die bessern Hunde haben sollte, wie sein Jäger selbst in vertrauten Stunden ihm klagte.

Es war ein dunkler Nebelmorgen, aus denen oft die schönsten Tage kommen, zuweilen aber auch ein bedenklich Regnen. Auch Nebel nützt, und des Oberamtmanns Jäger meinte, es sei kommod, daß sie heute mit dem Amtsrichter jagten; an solchem Morgen, wo der ganze Wald tropfe, könne er mit ihren schweren Hunden, die nicht ins Dickicht wollten, nicht aufstechen. Da werde dann der Herr Junker Landvogt böse; wenn er sich auch alle Mühe gebe, so könne er doch nicht selbsten Hund sein. Er habe dem Herrn Landvogt schon oft angeraten, er solle zu seiner Meute einen recht guten Sperzer kaufen. Ehe das Tier auf sei, höre man jagen. Aber der Herr meine, das verstöre die Jagd; wenn man beim Aufgehen des Tieres nicht alle Hunde beisammen habe, jage es nie schön. Aber jage man schön, wenn man kein Tier auf die Beine bringe?

Sie fanden den Amtsrichter bereits ihrer harren mit vier Hunden, die sehr geistreich aussahen und den Amtsrichter fast umrissen vor Ungeduld. Dieser schüttelte den Kopf und sagte, sie hätten nicht gut ausgelesen, das Wetter sei im Ändern, er zweifle, daß sie den ganzen Tag jagen könnten. Wenn es nur aufzustechen sei, sagte der Oberst. Für das habe er nicht Kummer, von wegen seine Hunde scheuten die dichten Stauden nicht, selbst nicht die Brombeerstauden, aber wenn es regne, sei keine Freude, dabeizusein, erwiderte der Amtsrichter. Er führte sie nun eine ziemliche Strecke weit, sagte dem Jäger, er solle die Herren anstellen, wenn es geschehen, ihm ein Zeichen geben, früher lasse er die Hunde nicht ab. Der Jäger tats, stellte die Herren an und mahnte sie, nur ruhig zu bleiben, entweder werde man sie rufen oder holen. Es sei schüssig hier, aber auch verirrlich, darum sollten sie mit unnötigem Laufen sich nicht Mühe geben. Der Lieutenant ward zuerst angestellt, mit dem Oberst ging der Jäger weiter.

Der Lieutenant hörte bald das Zeichen des Jägers, nicht lange darauf einen Hund anschlagen, vorlauten, dann mehrere, dann ward es wieder still, dann einige raschere Töne, dann wieder still, dann brachs los auf einmal, als ob der ganze Wald voll Hunde wäre, in wütendem Geheul kams heran, im Anschlag zitternd erwartete er den Hasen, aber eine kurze Strecke von ihm weg stoben die Hunde über eine lichte Stelle, die er nicht beachtet hatte, und weiter gings wie die wilde Jagd. Es war wahr, des Amtsrichters Hunde jagten schön, aber als leichte Kavallerie, und einer unter ihnen hatte eine Stimme, es war ordentlich, als ob er damit orgelte, man hörte ihn über Berg und Tal.

Der Lieutenant meinte, es fehle nicht, der Hase kehre alsbald und laufe ihm ins Rohr. Aber der Hase band die Strümpfe, sah einstweilen sich nicht um, und mehr und mehr verlor sich die Jagd, nur hier und da kamen einzelne verlorene Töne durch die Bäume. Es begann der Nebel stärker zu tropfen, das Tropfen ward Regen; fernhin glaubte er einen Schuß zu hören, sonst wars stille im Walde und blieb stille und regnete stärker. Da kam ihm ein Einfall. Du wartest nicht länger, dachte er, warum naß werden um nichts und wieder nichts, der Jagd gehst nicht nach, verirrlich seis, hat der Jäger gesagt, du gehst gerade nach der Säublume, setzest dich dort wie der Vogel ins Hirs und sagst der Mama, du hättest gedacht, dort am sichersten auf den Papa zu warten.

Er wußte, wie er meinte, ganz sicher, wo die Säublume lag, in einer Viertelstunde gedachte er dort zu sein. Er hing das Gewehr an Rücken, verließ seinen Posten und ging voll Lachens der Säublume zu. Er ging und ging, ging eine Viertelstunde, zwei, drei, vier, aber auf die Säublume kam er nicht, sondern in einen tiefen Grund. Er klomm an einer Seite empor, da kam eine große Waldmatte, es kam ein Mööslein, kam wieder Wald, und regnen tats dazu, und die Nebel hingen auf den Wipfeln der Bäume, daß es ein Elend war. Der Lieutenant hatte sich rechts, hatte sich links gewandt, hatte keine Richtung mehr, kein Merkmal, sich zurechtzufinden, am Himmel keins, auf Erden keins, er besaß keine Lokalkenntnis, wußte nichts von Schluchten, Waldmatten oder Möslein. Nun, es waren nicht Urwälder, Prärien, unendliche Sandwüsten; an einem Orte werde ein Ende sein, dachte er, wenn er gerade laufe; umkommen werde er wohl nicht. Aber verdammt unangenehm war es ihm doch einstweilen, er begann innen auf der Haut naß zu werden statt auf der Säublume zu sitzen wie in Abrahams Schoße, er gedachte, es so gut zu machen, und wie hatte er es gemacht!

So hat man es mit den genialen Einfällen, man meint oft, was damit herauskomme, und hintendrein sieht man, wie alles ganz krumm gekommen. Bis dahin war er in Hast gelaufen, als ob er was erjagen wollte, jetzt stellte er sich unter eine große Tanne etwas ins Trockene und horchte, horchte lange, aber nichts hörte er, gar nichts als das Rieseln des Regens auf den Blättern der Bäume, es war wie ausgestorben in Moos und Wald. Er schoß sein Gewehr los, legte seine Jagdtasche ab, packte seinen Proviant aus, schoß, aß, horchte auf Antwort, auf Töne irgendwelchen Art, aber nichts, gar nichts wollte tönen, nicht eine Glocke, keine Flinte, kein Vogel tat den Schnabel auf, geschweige daß eine Kuh sich hören ließ. Sein Proviant war aufgegessen, sein Pulver wollte er nicht alle verschießen, hier bleiben half nichts, es schien ihm eine Einsamkeit, in die seit der Sündflut noch kein Mensch gekommen, er mußte also weiter, aber in welcher Richtung? Er hatte von den Wilden gehört, daß das Moos an den Waldstämmen ihnen die Himmelsgegenden anzeigt, aber was half ihm die Himmelsgegend, da er nicht wußte, wo er war, also auch nicht wußte, nach welcher Seite hin Schloß oder Säublume war. Und als er doch die Bäume untersuchte, fand er sie rundum gleich, rundum naß. Er marschierte also naturgemäß, nämlich da hinaus, wo das Marschieren am leichtesten war. Gradeaus konnte er aber doch nicht wandern, es kamen Hindernisse, Dickichte, Schluchten usw., die er umgehen mußte, die ihn in eine Richtung brachten, er wußte durchaus nicht, in welche, dann ward es wohl licht hinter den Bäumen; jetzt sei es gewonnen, meinte er, einmal im Freien, fehle es nicht. Aber dann wars nur eine Lichtung im Walde, oder wenns Feld war, wie er glaubte, so war er doch handkehrum wieder im Walde und wußte ebensowenig, wo er war, als früher, denn nie sah er hundert Schritte weit. Es wurde ihm nachgerade doch unheimlich, denn es ging tiefer in den Nachmittag hinein, und er begann müde zu werden; er dachte, ob er wohl verhexet sei und gebannt in einen gewissen Bezirk, und ob ihm wohl beim Feierabendläuten der Bann aufgelöst werde, wie er gehört, daß es gewöhnlich geschehe, oder wie das gehen solle die Nacht über, wenn er verhexet bleiben sollte?

Zum Feueranmachen hatte er nichts bei sich, und wenn er auch keine wilden Tiere zu fürchten hatte, so ists immer ein fatal Übernachten im Nassen, ohne Feuer, ohne Mantel. Feldzug hatte der Lieutenant noch keinen gemacht, weder Spaniens Glut noch Rußlands Schnee hatten ihn abgehärtet, eine Nacht im Nassen kam ihm als eine gar zu strenge Sache vor. Da hörte er etwas, er wußte nicht, brach ein Tier durch Unterholz, oder war was los oben in den Bäumen, jedenfalls war es etwas, etwas Lebendiges in der toten Öde. Er ging am Rande eines Eichwaldes, und immer stärker ward das Geräusch, blieb jedoch an gleicher Stelle, er konnte es gar nicht heimweisen. Er marschierte Gewehr im Arm vorsichtig dagegen zu, sah Vögel streichen am Rande in kurzem, raschem Fluge, sah starke Bewegung in den Wipfeln der Bäume, kam endlich darüber, daß es ein wildes Taubenheer sei, welches an den reifen Eicheln sich gütlich tat. Der Fund vertrieb ihm die Gedanken, er ward wieder Jäger, schoß, wo er glaubte, es sei am besten angebracht.

Für das Ohr des Jägers gibt es nicht bald einen bessern Klang, als wenn ein schwerer Vogel von hohem Baume tätscht, einen besonders schönen Tätsch geben die großen, im Herbst fetten, wilden Tauben; zwei-, dreimal hörte ihn der Lieutenant, ward davon ganz begeistert, sah nur immer dem unermeßlichen Heer von Tauben nach, das nach jedem Schuß wohl aufflatterte, aber bald wieder zu seinem Aktus, das heißt zu seinem Abendfraß, sich setzte.

Eben hatte er wieder geladen und hob die Flinte, da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter, und ein Mund frug von hinten her: »Um Vergebung z'frage, habt Ihr eine Patente?« Man kann denken, wie der Junker erschrak. Früher hätte er gesagt: »Ein Königreich« – wenn er nämlich eins gehabt – »für einen menschlichen Laut!« jetzt fuhr ihm ein solcher schauerlich durch die Seele, als ob er käme vom König der Waldteufel, der gekommen, den Eindringling beim Nacken zu fassen. Er schüttelte mit dem Kopf, hob die Flinte, schoß, und zwei Tauben tätschten prächtig nieder. »Um Vergebung z'frage, habt Ihr eine Patente?« fragte ein langer Mann mit einem breiten Wetterhut auf dem Kopf und einen starken Prügel in der Hand. »Was Teufels geht das Euch an?« schnauzte der Lieutenant und machte sich wieder an seine Flinte. »Ich meine wohl«, antwortete der Mann ruhig, griff in die Tasche und wies den Bären vor, seinen blechernen Schild mit einem darauf gedruckten Bären, dem bernerischen Wappen, wie ihn die Jagdaufseher zu tragen pflegten, der Kürze halber aber gewöhnlich bloß in der Tasche statt angeheftet. »Habe keine Patente und brauche keine«, sagte der Lieutenant unwillig. »Selb wäre kurios«, sagte der Mann, »selb nähme mich wunder, Ihr werdet nicht mehr Recht haben als andere Leute?« »Ich bin beim Oberamtmann zur Visite«, schnauzte der Lieutenant und schlich den Tauben wieder nach, der Aufseher sachte hintendrein, ließ ihn schießen, sagte dann: »He nun, so wird er euch eine Bewilligung gegeben haben, so zeiget die!« »Warum nicht gar, ich ging mit andern auf die Jagd, mit dem Amtsrichter auf der Säublume und dem Jäger, verirrte mich.« »Das könnte mir ein jeder sagen, und ich kann es glauben oder nicht, wie ich will, es wird am besten sein, wir gehen gleich miteinander aufs Oberamt, es wird sich dort schon ergeben, wer Ihr seid.« »Mein Vater ist der Bruder vom Herrn Oberamtmann«, antwortete der Lieutenant. »Ja, ja, das wird sich dann erzeigen, wenns wahr ist, aber jetzt hulf ich gehen, es wird sonst Nacht, ehe wir dort sind, und dann habe ich noch weit heim.«

Das kapierte unser Lieutenant, daß er nicht wisse, wo er sei, und froh sein müsse, wenn ihm jemand den Weg zeige. Ohnehin waren die Tauben erschreckt und das Beschleichen schwierig geworden. Er ließ sich also willig finden, im Begleit des Aufsehers dem Schlosse zuzuwandern, von welchem sie fast zwei Stunden entfernt waren und zwar von der entgegengesetzten Seite her, als sie am Morgen ausgezogen. Der Aufseher lachte sehr über die Kreuz- und Querzüge des Lieutenants, die er leicht an den Matten und Möslein erkannte, welche derselbe beschrieb. Es war nicht halb so öde gewesen um ihn, als er gedacht; er war nahe an Häusern vorübergestreift, aber er war in der Macht des Nebels gefangen, und die hat starke Bande. Es amüsierte anfänglich den Lieutenant, zu denken, was der Jagdaufseher für ein Gesicht machen werde, wenn es sich ausweise, daß er wirklich des Oberamtmanns Neffe sei. Der werde verlegen sein und nicht wissen, wohin kriechen aus Angst. Bald darauf dachte er aber an die Gesichter der Cousinen, welche die machen werden, wenn er in solcher Bewachung einziehe einem Vagabunden gleich, und wie lange er es werde hören müssen, wie man ihn eingebracht, und was für ein ehrlich Aussehen er haben müsse. Als nun sein Begleiter ihm endlich sagte, wenn es nicht so nebelte, so könnte man dort das Schloß sehen, sie seien keine halbe Stunde mehr davon, so reckte der Lieutenant in die Tasche und sagte: »So, mein guter Freund, jetzt finde ich den Weg schon, danke für das Geleit, und da habt Ihr was für Eure Mühe.« Der Jagdaufseher nahm des Stück schweigend und ging mit dem Junker weiter. Der Junker verwundert frug: »Ist das auch Euer Weg nach Hause?« »Nein, dsKonträr«, meinte der Mann. »Aber warum kommt Ihr dann noch weiter?« frug der Junker. »Warum sollte ich nicht weiter kommen?« frug der Mann. »He, ich finde jetzt den Weg ganz allein«, antwortete der Lieutenant. »Ha, Bürschli, hab dich jetzt, wo ich will; gell, wo es gegen den Oberamtmann geht, spaziert dir das Herz den Hosen zu. O nei, so geht das nicht, ich bin z'alte geworden dazu, der Oberamtmann würde öppe lache und zletzt mich noch absetzen, wenn ich so dumm wäre.« »Aber warum nimmst dann das Geld?« frug der Junker ärgerlich. »He«, sagte der Aufseher kaltblütig, »ich dachte, ich hätte einmal etwas, und etwas ist besser als nichts, vielleicht gebe es noch mehr, vielleicht auch nicht, und allweg könne ich es dem Junker Landvogt zeigen, der könne dann daraus schon abnehmen, was Ihr für ein Kunde seid.«

Der Lieutenant hatte gewaltige Lust, recht zornig zu werden, begehrte mit dem Aufseher fürchterlich auf, tat, als ob er denselben mit Gewalt abtreiben wollte. Der Aufseher, statt sich einschüchtern zu lassen, ward dadurch nur hartnäckiger und gröber. Den Lieutenant fürchtete er nicht, war ihm körperlich überlegen, und, daß er sich beim Oberamt nicht verfehle, wenn er einen Jagdfrevler einbringe, sei es, wer es wolle, das wußte er auch. Einen Kameraden hätte er vielleicht laufen lassen, aber der fremde Herr da, der bloß zVisite war, was konnte der ihm schaden? Der Junker mußte marschieren trotz dem gemeinsten Soldaten seiner Kompanie nach der Pfeife des Befehlenden. Im Schloß ging der Aufseher voran und befahl einem begegnenden Knechte, dem Oberamtmann zu sagen, er solle hinunterkommen, er hätte einen. Der Junker dagegen wollte die Treppe auf, sich trennen von seinem Begleiter, salvieren vor den Augen seiner Cousinen, er glaubte, auf sicheren Boden zu sein. Aber so hatte es der andere nicht gemeint; am Ziele wollte er sich seine Lorbeeren nicht entreißen, den Junker reicht ziehen lassen, lieber wollte er Gewalt brauchen, was einen mächtigen Spektakel gab.

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