Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Kurt Kluge >

Der Nonnenstein

Kurt Kluge: Der Nonnenstein - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Nonnenstein
authorKurt Kluge
year1936
publisherJ. Engelhorn Nachf.
addressStuttgart
titleDer Nonnenstein
pages74
created20101105
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Der Gobelin

Dem Maler Niklas war es nie gut gegangen. Seit Jahren hatte er die kostspielige Stadt verlassen und wohnte in dem Dorfe Bechstedt bei einem Bauern, der ihm zwei unbewohnte Stuben des Gutshauses vermietet hatte. Neben seiner engen Schlafstube lag das Atelier, ein ebenfalls niedriger, aber ungewöhnlich großer, fast saalartiger Raum, der die Rollstube genannt wurde, weil seit Menschengedenken eine alte hölzerne Wäscherolle darin gestanden hatte und auch jetzt noch – ungefüge schwer aus Apfelholz gebaut und jeder Versetzung spottend – eine halbe Wand des Ateliers für sich einnahm. Fremde Besucher des Malers standen vor der Rolle still, und ihre erste Frage galt dem Sinn dieses Ungeheuers: war es ein uraltes Bettgestell oder war das ein Sarg auf bäuerlichem Katafalk? Den Rollkasten füllten schwere Bruchsteine, das hölzerne Gebäude war in allen Teilen wohlerhalten, die Rollerei konnte jederzeit vor sich gehen, und wenn Niklas sehr wenig Geld oder eine sehr tiefe Idee hatte, faßte er den schweren Rollkasten an seinem von ungezählten harten Bauernfäusten ausgeschliffenen Handgriff und bewegte ihn in Gedanken hin, 50 zurück und wieder hin. Am Anfang der Rollbahn knurrten die alten Hölzer, als ob das böse Tier in dieser uralten Maschine gestört und bissig würde. Am Ende der Bahn aber zwitscherte das schleifende Holz in seiner Führung wie eine Drossel, und beim Rückzug in seine Anfangslage fiepte der Rollkasten zum Sterben traurig.

»Er rollt wieder«, murmelte der Bauer in seiner Stube unten und drückte mit dem Daumen den Tabak im Pfeifenkopfe fester.

Heute rollte Niklas nicht wie gewöhnlich in den bedenklichen Stunden seines Lebens vom Knurren zum Drosselton und endlich zum Sterbelaut. Heute ließ er den Rollkasten am Ende des Auszugs und bewegte ihn nur kunstvoll in kleinen Abständen hin und her, so daß die alte Rolle zwitscherte wie ein Heer von Drosseln.

»No?« sagte der Bauer, der eben einen Sack in die Mehlkammer getragen, ächzend auf den Boden gestellt hatte und nun horchte. Nebenan zwitscherte Niklas, als seien alle Frühlingsdrosseln des Reichs in seiner Malstube beisammen. »No?« sagte nach einer ganzen Weile der Bauer verblüfft und machte die Tür auf, um nach der Ursache dieses Konzerts zu sehen. Ein paar Bilder standen auf den Staffeleien, wie immer. Haufen von Papier lagen liederlich auf dem Tisch, auch wie immer. Niklas aber, eine schmächtige lange Gestalt, hatte mit seinen zarten Händen verzweifelt den Rollgriff gepackt, lag in der Ausfallstellung eines Fechters vor der Rolle und rang mit ihr. »No?« machte der Bauer zum drittenmal. Niklas schreckte auf, sah den Bauer verlegen an und lachte: »Ja, Sie sagen ›no‹. Ich freue mich nämlich.«

51 »Mir war's doch auch so«, sagte der Bauer mit hochgezogenen Augbrauen.

»Ich habe nämlich Geld!« rief Niklas und sah aus seinen Mondscheinaugen dem Erdumpflüger strahlend ins verwetterte Gesicht.

»Dunderwetter«, brummte der Bauer.

»Drei Bilder auf einmal verkauft. Da!« – Niklas klopfte auf seine geschwollene Brusttasche – »Das reicht für Wochen. Ich wandre in den Wald 'nauf. Morgen um vier Uhr trete ich an.«

»Ins Grüne. Ist schon recht«, nickte der Bauer. »Und um vier in der Früh ist auch recht. Da grunt einen der nasse Klee an – und grunt und ist schon hell, wenn oben noch halb Nacht ist.«

 

Am ersten Wandertag tat Niklas nicht einen Strich in sein Buch. Er zog die Straße und sah die Welt als seine an, oder er lag auf dem Bauch und betrachtete das Gras von ganz nahe: »Der Bauer hat recht. Mehr läßt sich hierzu nicht sagen: es grunt und grunt.« Am zweiten Tage gedachte er ebenso zu bummeln, aber es geriet anders. In der Schneise eines fichtenbestandenen Hügels traf er auf ein Zigeunerlager: zwei gelbe Wohnwagen, ein Packwagen – die Pferde grasten auf dem Wege, bunte Wäsche hing an Fäden zwischen den Fichten, braungebranntes Volk trieb sein Wesen, und im Nu war er umringt von Kindern und Mädchen, die seine Zukunft weissagen wollten. »Was ist da viel zu prophezeien? Ich bin ein lebender Maler in Deutschland.« Aber ehe er sich's versah, stand er doch am Packwagen und hielt seine Hand hin.

52 »Der gnäd'ge Herr steht ganz nahe vor einem großen Glück.«

»Meine Güte – Glück?«

»Und das Glück wird größer sein, als es der gnädige Herr ertragen kann.«

»Hm«, dachte Niklas, »woher soll ich wissen, wieviel Glück ich aushalten kann?«

»Das Glück lebt aber noch nicht.«

»Totes Glück, alte Hexe?« rief Niklas.

»Kein Glück hat Leben aus sich, Herr. Du mußt es wecken.«

»Guten Morgen, Glück – und dann?«

»Dann, Herr, schläfst du an ihm ein.«

»Gute Nacht, alter Niklas – und nun ist's aus?«

»Jetzt fängt's an: wer am Glück einschläft, lebt ununterbrochen. Als wenn immer Nacht wäre.«

»Ein schwermütiger Trost, altes Orakel du – zum Teufel, Weib! Was ist das?!« schrie Niklas plötzlich und sah die Wagenplane so genau an, als ob er die Flöhe der Zigeuner darauf zählen wollte.

»Das?« fragte die Alte, »unsre Plane, Herr.«

Niklas prüfte die Fäden unter der Dreckkruste. »Freilich«, sagte ein Zigeuner, der hinzugetreten war, eine Ecke losknüpfte und die Plane ein Stück aufrollte – »schön? He? Und alt! Wir haben's im Kriege gefunden. Ein alter Teppich.«

»Aber mein Gott!« rief Niklas, starrte den Teppich an, der in Wahrheit ein Gobelin war und rollte ihn weiter auf – »wo habt Ihr das her!«

»Weither, Herr. Aus dem Krieg.«

53 »Und das nimmst du als Wagendecke, Rabenvater?« – das muß man melden, zuckte es durch des Niklas Gehirn, – Herr des Himmels, das ist ein gotischer Gobelin – den muß der Staat zurückkaufen –

»Nicht aus Deutschland«, sagte der Zigeuner lächelnd, als ob er diese Gedanken erraten hätte. »Will der Herr ihn kaufen?«

»Lieber Gott, ich?« antwortete Niklas. »Was wollt Ihr dafür haben?«

Der Zigeuner nannte irgendeine Zahl. Niklas lächelte nur traurig. Da knüpfte der Zigeuner auch die drei anderen Ecken auf, wendete den Gobelin ganz um und breitete ihn auf dem Waldweg aus. Dieser Waldweg war dicht mit Erdbeeren bewachsen, Staude neben Staude, und zwischen ihren weißen Blütensternen sproßten Grashalme, Salbei, Löwenzahnblätter, Moos – in diesem Teppich lag der Gobelin, und der Gobelin schien keinen Saum mehr zu haben: wo fing er an, wo hörte er auf? Er war in das Gras der Erde hineingewachsen und blühte nun mit ihm zusammen auf dem Boden. In der heißen Luft lag der Geruch von Tannenharz; hoch oben im Blauen kreiste ein Bussard.

»So hat noch nie ein Teppich ausgebreitet in der Welt gelegen. Wenn ihn sein Meister jetzt in diesem Saal sehen könnte«, murmelte Niklas. »Was stellt er denn vor? Eine Taube, Gott der Herr und die Menschheit, Flammen in der Luft: das ist die Ausgießung des Heiligen Geistes.«

Niklas legte leise seinen Rucksack und den Stock ins Gras und nahm den Hut ab. Die Zigeuner verstanden 54 nicht, was den fremden Mann bewegte, aber sie mußten es wohl in ihrer Zigeunerseele fühlen, denn sie traten ein wenig zurück, zogen auch die Hüte von den Köpfen, und die Kinder wurden still. Es war nichts zu hören als das dumpfe Grasrupfen der weidenden Pferde. Wo war der Teppich zu Ende? Alles war Teppich, und der lebte, brachte Blumen und Gras hervor, Bäume wuchsen aus ihm und Menschen – lauter unbelerntes, gottnahes Volk: »Die Ausgießung des Geistes in die richtige Welt, in die Welt ohne Lärm und Ameisentum«, sagte Niklas und lachte vor Glück. Als der Zigeuner ihn lachen sah, kam er vertraulich näher: »Was will der Herr also geben für das Tuch?« Wie im Traum antwortete Niklas. »Alles, was ich habe«, griff in seine Brusttasche und zog die Scheine hervor, die ihm eben noch für Wochen, vielleicht für Monate Freiheit, Leben und Schaffen bedeutet hatten. Der Maler sah dem Geldbündel mit keinem Blick nach, aber der Zigeuner blätterte es aufmerksam durch und tuschelte mit den anderen. Niklas sah nichts als Gott und die unzählbaren Feuerzungen im Gras: »Was sind vierhundert kurze Jahre – heute regnen die Feuerflocken so dicht und goldgelb wie seinerzeit zu Pfingsten in Brabant.« Dann rollte er unbekümmert den Teppich zusammen, lud ihn auf die Schulter und nickte der Zigeunerbande zu: »Ja, Kinder, das alte Tuch gehört nun mir. Mehr als ich habe, konnte ich euch nicht geben. Ihr habt den Heiligen Geist finden und auf weiten Wegen zu mir bringen müssen. Wenn es euch aber einmal not tut und ihr ihn brauchen solltet, klopft nur bei mir an. Ich wohne in Bechstedt.«

55 Der Zigeuner hatte wohl im Ernst gar nicht so viel Geld erwartet, war auch froh, das gefundene Gut los zu sein und sagte: »Nicht eben viel Geld. Aber es soll langen.«

»Auf Wiedersehen«, sagte Niklas.

»Wiedersehen? Warum nicht, Herr. Wir ziehen so, daß wir in zwei Jahren herum sind.«

»Also in zwei Jahren, zu Pfingsten, wenn die jungen Blätter und der neue Geist raus ist aus der Borke!« rief Niklas zurück und ging mühselig in der Hitze unter der schweren Last seines Gobelins den Weg zurück, den er eben gekommen war. Am späten Abend des anderen Tages war er wieder in Bechstedt, und am Morgen des dritten Tages hing der Gobelin an der Längswand der Rollstube. Niklas hatte seinen zersessenen Lehnstuhl in die Mitte der Werkstatt geschoben, saß darauf und sah den Teppich an.

 

»So Weiber, Herr Niklas, und ein Liter Wein zuviel – und fünf Wochen Wanderschaft sind herum wie zwei Tage – brrr«, schrie der Bauer von seinem polternden Futterwagen und zog die Zügel an, als er unvermutet seinen Mieter Niklas wieder sah. Niklas lachte: »Das war's eben nicht. Ich habe mir nur einen Teppich gekauft für mein Reisegeld.«

»Haben Sie's fußkalt?«

»Weiter oben! Hier hat's gesessen« – Niklas zeigte auf seine Brust – »ich habe den Teppich an die Wand gehängt.« Der Bauer gab den Pferden einen Peitschenknips: »An die Wand? Einen Teppich? Hü, Liese, 56 komm!« Er sagte nichts weiter und schüttelte nur den Kopf. Auch die alte hölzerne Rolle hatte alle ihre Sprachen verloren, die drohende, die lustige und die traurige, seit der Gobelin eingezogen war. Niklas rollte nicht mehr, sondern verbrachte von jetzt an die nachdenklichen Zwischenzeiten im Anschauen des gewirkten Bildes, und das Bild war auch gar nicht auszuschöpfen. Glaubte Niklas die letzte Tiefe und Grund unter den Füßen zu haben, so quoll irgendwo aus dem Verborgenen neue Form und neuer Sinn.

Schon der Vordergrund war unwirklich und alltäglich zugleich: aus dem braunen Erdboden wuchsen zwischen irdisch bekannten Kräutern, die man heute noch pflücken kann, seltsame Blumen, die nie jemand gesehen hatte. Auf den ersten Blick schien die Landschaft zwischen den Menschen auf der Erde und dem Gott im Himmel erdrecht aufgebaut zu sein, aber wenn man eine Berglinie verfolgen, den Grund eines Felsens, die Umgebung eines Gehöftes suchen wollte, verlor die Welt den Zusammenhang und die Erde ihre Feste, da aller Raum zwischen den Figuren durchwebt war mit Pfingstfeuerflämmchen, die vom Himmel sanken. Am linken Rand des Gobelin sah man eine Burg mit Zugbrücke und Graben, und vor dieser Festung prangte ein König in grünem Mantel, umgeben von seinen Rittern und Damen, Knechten, Pferden und Hunden. Diese glänzende, bunte Gesellschaft war zur Jagd ausgezogen und stand nun erschrocken still vor dem Wunder der Ausgießung des Geistes, das sich eben offenbarte. Den rechten Bildrand nahm eine gotische Stadt ein mit ihren 57 Türmen und Dächern, Brücken und Kirchen. Auch die Bürgerschaft war ins Freie gewandert und eben dran, ein Fest zu feiern mit Singen und Saufen: Fahnen, Geigenspieler, Weinkannen. Und auch hier war der Lärm plötzlich verhallt, das vergnügliche Vorhaben vergessen, die Bürgerschaft stand still und starrte in den geöffneten Himmel.

Die Mitte des Gobelins war beschädigt. Niklas hatte aber die aufgedröselten Fäden sorgsam in die alte Lage gebracht und, soweit sie noch vorhanden waren, auf einem untergelegten Leinwandstück angeheftet: ein geübtes Malerauge konnte erkennen, daß dort ein einzelner Mensch eingewebt war, der, tief in seinen Mantel gewickelt, in sich versunken am Boden kniete. Alle Menschen dieses Bildes blickten in den Himmel und seine Flammen des Geistes; nur diesem knieenden Menschen schien der Heilige Geist vertraut und erwartet zu kommen. Über dem unbekannten Einzelnen ballten sich denn auch die Wolken am dichtesten, und in diesem Gewölk erschien Gott der Herr mit der Taube und dem Sohn. Der Himmel war offen. Man sah ins Unergründliche, in dem Engel schwebten und aus dem die ewige Wärme hervorlohte in Gestalt des Feuers, das sich in Flammen teilte und endlich in unzähligen Flammenzünglein auf die Erde fiel, wie Schneeflocken im Winter aus der ewigen Kälte herabzufallen pflegen.

Dies alles sah Niklas auf dem Gobelin. Er nahm es so tief in sein Gemüt, daß sich das wunderbare gotische Bild schließlich quer und unverbogen in den Bechstedter Alltag schob und ohne Abgrenzung ebenso 58 in diesem lebendigen Tage lag, wie der Gobelin in dem Grase des Waldweges gelegen hatte und Gras und Baum und Erde selbst geworden war. Wenn Niklas den Kopf zum Fenster hinaussteckte, sah er nicht seine Nachbarschaft neben dem Bild, sondern nur sein Bild noch einmal: die Blumen, die Gobelinmenschen in Bechstedt – Herren wie Knechte, Arme wie Reiche, Handwerker wie Geistliche: alle waren da, und Pfingsten war auch, und die Leute hatten sich grüne Zweige an die Hüte gesteckt – und Niklas saß allein in seiner Rollstube, sah den Herrn und die Taube und die Feuerzungen: »Brabant oder Bechstedt – wer unterscheidet die!« Er sprang auf, hob die Arme hoch, und ihm war, als ob auf seinen Fingerspitzen Sankt-Elms-Feuer tanzte: »Wenn ich das male«, dachte Niklas. »Das!« rief er plötzlich ganz laut, »einfach das, was der alte Meister gesehen hat, aber neu und im Heute!«

Es klopfte. »Ja, es ist nun Zeit! Jetzt kommt herein zu mir!« schrie Niklas und stand mit ausgebreiteten Armen in der Mitte der dämmrigen Rollstube, an deren Ende die singende Rolle geheimnisvoll wie ein Katafalk an der Wand stand und geduldig auf ihre Sprache wartete.

»Schwerhörig bin ich nicht«, brummte jemand in der Türe, drehte sich um sich selber und kam verkehrt herein. Niklas erwachte bei dem Anblick des dunklen Wesens, ließ schnell die Arme sinken, stellte sich vernünftig hin und sagte: »Nanu«. Dann lachte er: »Schulmeister! Mensch, was haben Sie unterm Arm! Sie bleiben ja an der Klinke hängen mit dem Ding.«

59 »Ja, was hab' ich da«, knurrte der alte Lehrer Heim und hielt ein kugelrundes Paket vor sich hin. »Grüß Sie Gott, Herr Maler.«

»Der Mond, scheint's, ist die Nacht in den Teich gefallen, und der Schulmeister hat ihn aufgefischt.«

»Der Mond nicht, Niklas. Bloß die Erde. Jaja, Ferien, Verehrtester: man repariert jetzt die Lehrmittel.« Der Schulmeister wickelte ein Blatt des ›Thüringer Landboten‹ nach dem anderen ab, und endlich lag der Herzkern dieser Zwiebel bloß: der Schulglobus von Bechstedt.

»Recht, Meister. Sie tragen zu Pfingsten die alte Erde ein wenig spazieren.«

»Na, spazieren nun grade nicht. Ich komme vom Schuster.«

»Mann! Mit der Erdkugel!?«

»Die Lümmel«, antwortete Heim, »die Flegel! Zur Schulfeier haben sie mir den Globus vom Gestell gehoben; sie kugeln damit – bautz, da ist die Beule drin.«

»Die Erde bekam also eine Beule – na, und?«

»Ich denke, was tu ich nun? Die Bengel durchprügeln. Schön. Die Beule bleibt dabei, wie sie ist. Also zum Schuster damit.«

»Zum Schuster? Was soll der dabei?«

»Mit Pech hat der das Loch gefüllt. Da! Ist doch ganz fein geworden.«

»Das soll ein Wort sein! Die beschädigte Erde mit Pech heilen . . . Hält's denn?«

»Halten! Sie sehn's doch. Hier ist gerade lauter Meer. Ich male die Stelle noch blau, und kein Mensch sieht den Schaden.«

60 »Sieh mal an«, sagte Niklas vor sich hin, »die Welt ist verbeult. Es flickt sie einer mit Pech. Und dann kommt der andere und malt's himmelblau über.«

»Der Schuster ist kein schlechter Kopf, Niklas. Wissen Sie, was der sagt, als ich mich bedanke? ›Ih, Vater Heim, so 'ne Kugel läßt sich ohne Kunst reparieren. Die da‹ – er zeigt auf seine Schusterkugel – ›die nicht.‹ ›Nein‹, sage ich, ›die bricht.‹ ›Freilich‹, meint der Schuster, ›weil solches Glaszeug durchsichtig ist. Das läßt sich nicht kitten. Aber ein dickfelliges Ding wie die Erde da – das pappt sich immer wieder zurecht. Da guckt keiner durch.‹ ›Auch ein Vorteil‹, antwortete ich. ›Wie man's nimmt‹, antwortete mir da der Schuster, ›meine Kugel kann die Sonne verschlucken und wirft dann Licht – Ihre Erde, na, was kann die groß werfen, he? Schatten! Schatten!‹ Ja, Niklas, das sagt nun ein Schuster von der Erde.«

»So ein verfluchter Schuster!« rief Niklas, »ein Denunziant! Zu Pfingsten! Und wie steht's nun mit uns? Wir wohnen auf dieser geflickten Kugel. Werfen wir Licht oder werfen wir Schatten?«

Bedächtig wiegte der alte Bechstedter Schulmeister den Kopf und setzte sich in den Lehnstuhl. »Na?« fragte Niklas.

»Wenn man dem da glauben darf«, antwortete der Schulmeister und zeigte auf den Gobelin, »werfen wir vor der Hand recht lange Schatten auf diese alte Kugel. Sie macht's ja selber nicht besser. Aber sehn Sie hin: die Ausgießung des Lichtes ist in vollem Gange – man muß abwarten, wie das am Ende ausläuft . . . Rücken 61 Sie erst mal Ihren Tabakkasten heran und stopfen Sie auch.« Und nun begannen die beiden Bechstedter Meister, Erdenmaler beide von Beruf und Sendung, sich langsam durch den Abend hindurchzurauchen bis in die späte Nacht, wie sie es oft schon taten.

 

Am Tage malte Niklas in dieser Zeit wie ein Besessener. So lange das Licht hielt, stand er und schuf eine Welt nach der anderen. Aber er schuf sie nur für sich: sein Meister des Gobelins hatte das Jenseitige so selbstverständlich und gemütlich auf den feuchten, warmen Boden des Wirklichen gestellt, daß auch im armen Niklas das Hintergründige beweglich wurde, ins Rutschen kam und, eh' er's versah, mit allem Spuk des Himmels und der Hölle in den Vordergrund seiner Bilder rollte. Alles Dunkle in ihm trat unzerhackt und ungemildert heraus und stellte sich zwischen seine gemalten Bäume und Hügel und Gartenzäune, daß schließlich sogar der alte Heim scheu wurde und vor des Niklas letztem Bilde murmelte: »Na, na. Unsre gelben Rapsfelder hinten am Gabelschlag reichen doch bloß bis an den Hopfbach. Dann kommt Korn, und das ist jetzt noch grün. Soviel Raps in einer Flur – das glaubt Ihnen keiner.«

»Raps, Schulmeister!« sagte Niklas, »merken Sie denn nicht, daß das Sonne ist? Aber wie solltet Ihr's merken« – Niklas zeigte traurig auf den Gobelin – »Ihr habt den Sokrates vergiftet und den Phidias verhaftet und Herrn von Kleist erschossen . . .«

»Ich?!« rief Heim.

»Hat's Ihnen der Schuster nicht gesagt, als er 62 Ihnen das Pech und die gläserne Kugel vor die Nase hielt?«

Der Bauer hatte geschwiegen, die Rolle sagte nichts mehr, und nun hielt auch der Schulmeister den Mund. Das hätte nichts geschadet: die drei schwiegen verständnisvoll. Es war aber noch ein Viertes da, was den Niklas ansah, und das schwieg böse und gähnte dazu: das war die Welt. Der Gobelin leuchtete über dem Maler: »Die Ausgießung des Geistes«, sagte Niklas – »der Engel rechts neben dem Herrn, der da eben mit seinem Finger neugierig an eine vorüberschwebende Feuerzunge tippt und probiert, ob das Ding brennt, der ist der schönste – aber ich habe trotzdem Hunger, und heute ist der fünfte: ich muß die Miete bezahlen, Leinwand kaufen . . .«

Eine Woche wehrte er sich und noch eine. Dann ging's nicht mehr. Einen ganzen Tag tat er nichts, als den Gobelin ansehen, aber als es dunkel wurde, sagte er betrübt: »Es hilft nichts«, setzte sich hin und schrieb einen Brief an den berühmten Galeriedirektor Hofrat Wendig, in dem er diesem kenntnisreichen Gelehrten seinen Gobelinfund entdeckte. Niklas hätte den alten Teppich ebensogut in einen Ameisenhaufen stecken können. In einem Nu krabbelte es an den bunten Fäden des Brabanter Wirkers schwarz und wimmelnd hoch. Gelehrte kamen zu Fuß, zu Pferde und zu Wagen nach Bechstedt, gefolgt von einem Schwarm Photographen und Händlern. In den illustrierten Zeitungen Europas erschien nicht nur das Bild des Gobelins: die Blätter brachten auch Ansichten von Niklas, von Bechstedt, vom Fichtenhügel, von Zigeunern und zuletzt vom Bauer und des Bauern 63 Ochsen. Eines Tages hielt ein Auto am Torweg des Gutshauses, und eine Abordnung von Fachleuten nahm den Gobelin sachkundig von der Wand. Niklas stand still dabei, gab seinem Teppich auf der Treppe das letzte Geleit, half ihn in den Leichenwagen heben und klappte mit eigener Hand die Tür des Wagens zu. Der Motor ging an, lautlos glitt der Wagen um die Ecke – ein wenig Staub, vor der Tür die Reifenabdrücke des Autos in der Erde, und Niklas konnte nun in die Rollstube gehen und die beiden Haken ansehen, welche die Ausgießung des Geistes gehalten hatten: von jedem Eisenhaken hing ringelnd ein Ende Bindfaden herab.

»Die alten Rosthaken«, murmelte Niklas, »so stehe ich da.« Von ihm hingen seine beiden Rocktaschen ab, denn die waren voll gefüllt mit Banknoten. Niklas zog die Geldbündel mit spitzen Fingern heraus und hielt sie von sich ab: »Wie sie stinken«, sagte er und legte sie in eine leere Tabakschachtel. Jetzt rochen sie zwar nicht mehr, aber die unsichere Kostbarkeit dieser Pappschachtel drückte den Maler um so mehr. Wohin damit? In den Tischkasten? Nein, darin lag schon Brot, Wurst und Zeichengerät. Ins Bett? Beileibe nicht – der Geruch zieht in die Träume! Der Kleiderschrank hatte kein Schloß – aber sieh da, die Rolle! Die alte singende Rolle hatte ja nicht nur eine Kehle, sie hatte auch einen Bauch, und der war angefüllt mit schönen kantigen Kalksteinen. Den größten hob Niklas hoch; schob die Schachtel darunter, und wie der Maler den Stein losließ, gab es einen Knacks. Die Pappschachtel war zerdrückt. »Der 64 Mammon verreckt nicht vom Quetschen«, sagte Niklas höhnisch, »Gobelins werden mürbe davon, auch die Maler, und Erdkugeln kriegen Beulen, aber Geld bleibt Geld.« Und Niklas ließ die Rolle zum ersten Male wieder seit langer Zeit singen.

 

Der Gobelin war weg. Niklas malte wieder. Er sah auf die Wand mit den beiden Eisenhaken, sah mit brennenden Augen so lange, bis es flimmerte, und Feuerzungen schwebten wie goldener Schnee.

Niklas saß in einem Feuertreiben, und seine Bilder gerieten danach. Als der Gobelin noch dahing, hatte er gemalt wie er mußte, nicht wie die Welt wollte. Nun der Gobelin nicht mehr da war und die Längswand der Rollstube nach dem Himmel zu offen hielt, der Blick nicht mehr über die Blumen und Menschen schweifen konnte bis zu den Engeln und erst haltenmachen mußte im Angesicht Gottes selbst – seit die Längswand wieder nichts mehr war als eine getünchte Wand aus Backstein und Kalk – seitdem Niklas den Gobelin nicht mehr sah mit seinen verweslichen beiden Augen – seitdem lebte er erst recht und völlig in der flimmernd funkelnden Ausgießung des Geistes. Die bunten Wollfäden waren fort, aber das Wesen jenes entschwundenen Bildwerkes erfüllte den Raum und den Niklas und alles, was Niklas in diesem pfingstlichen Quartier zu Bilde machte von jetzt an.

Nun begann des Niklas große Malerzeit, und er konnte sich dieses Herrengestalten leisten: wenn er Geld brauchte, zog er nicht mit seinen Bildern auf die 65 Ausstellung in die Hauptstadt, sondern hob nur den wohlbekannten Stein im Rollkasten hoch, und die zerquetschte Zauberschachtel lag handlich vor ihm. Er brauchte bloß Daumen und Zeigefinger anzulecken und einen Hundertmarkschein herauszuziehen.

So lebte er Monat um Monat und malte, und wenn's auf die Neige ging, feuchtete er nur die Fingerspitzen an und zog neue Lebenskraft unter dem Steingeröll der Rolle hervor. Um die Malerseele sanken und schwebten die Feuerzungen des Heiligen Geistes. Er saß wie eingeschneit. Die Türe ging nicht mehr richtig auf, die Fenster waren ihm von Feuerflocken zugeweht. Um die Welt zu sehen, hätte er schon durch den Schornstein gucken müssen. Er tat's eines Tages und sah durch das ungeheure, kohlschwarze Fernrohr, aber erblickte nichts als ein kleines viereckiges Stück Himmel. Die tiefe Bläue und ihre Totenstille bei webendem Leben ergriff ihn so, daß er von nun an oft, bei Tage und bei Nacht, den Anblick der Welt auf diesem Wege suchte. Eines Tages traf ihn der alte Heim an seinem Kaminfernrohr.

»Zieht der Schornstein nicht?« fragte der Schulmeister.

Niklas aber lachte glücklich, brannte ein Streichholz an und hielt es in den Essenzug. Das flackerte ein wenig und ging dann, in langer Flamme nach oben gesogen, zitternd aus: »Da! Es zieht mir alles Feuer und Licht heraus. Alles da 'nauf.«

Der Schulmeister sah den Maler an und schüttelte den Kopf: »Niklas, Sie gefallen mir nicht. Sie müssen mehr an die Luft.«

»Ja, die Luft, Heim. Da fehlte es schon immer.«

66 »Am Hopfgärtner Weg steht ein Wacholder«, sagte der Schulmeister, »voll von Beeren. Ich mache Ihnen einen Aufguß.«

»Ich weiß«, antwortete Niklas, »der alte Wacholder sticht wie eine Bestie, wenn man pflücken will. Aber laß die Beeren nur hängen, Heim. Gegen die Schwindsucht helfen sie nicht.«

»Nu, nu, Schwindsucht, so schlimm wird's nicht sein, Niklas. Ich pflücke für Sie die Beeren. Zum Ernten muß man harte Hände haben. Meine sind wie Leder.« Niklas sah auf den Stein im Rollkasten, unter dem sein Schatz lag, lächelte und malte weiter. Eines Abends wollte er wieder an die Pappschachtel, leckte den Daumen und fuhr mit spitzen Fingern hinein. Aber er blieb mit seinem Hundertmarkschein erstarrt stehen: die zerquetschte Tabakschachtel war mit blauem Papier ausgeklebt und auf ihren Boden die Fabrikmarke gedruckt – das Bild eines Tannenbaumes. Niklas sah scharf hin: es war schon richtig – blaues Glanzpapier, ein Tannenbaum – sonst nichts. Die Schachtel war leer. »Und das hier«, rief Niklas und schwenkte den Geldschein wie ein Belagerter die weiße Fahne vor der Kapitulation, »das ist der letzte!«

Er hatte gelebt, gemalt und von Zeit zu Zeit die Finger geleckt und neue Kraft aus dem Rollkasten gezogen – und nie bedacht, daß ein Tag kommen mußte, welcher der Pappschachtel auf den verdammten nackten Grund sah.

»Immerhin«, dachte Niklas, »die Tanne ist nicht schlecht gezeichnet, und die Tanne hat vollkommen recht: 67 der letzte Schein soll hingehen, wie die Schachtel es meint – ich werde ihn verwandern.«

Am andern Morgen steckte Niklas den Kopf zum Fenster hinaus und roch die feuchte Erde des frühen Morgens. Das Dach des Bienenhauses lag noch im Schatten, aber der feldsteinerne Kirchturm dahinter leuchtete schon in gelbem Licht. Eben begann die Glocke in ihrem offenen Turmstuhl zu wackeln, dann unregelmäßig hin und her zu schwingen und zaghaft einzelne Schläge ihres Klöppels mit unsicheren Tönen zu beantworten. Der Maler sah dem Beginn des Frühgeläutes zu und freute sich, wie die Glocke langsam in Schwung kam, wie auch die zweite Glocke zu stammeln begann, dann die dritte einfiel und endlich der Herzschlag von Bechstedt im richtigen Takt war und ruhevoll weiterschwang. Niklas hörte das Hoftor klingeln und sah den Bauer heraustreten mit dem Gesangbuch unterm Arm und ein paar Stengeln Krauseminze in der Hand, die er sich von Zeit zu Zeit unter die Nase hielt. Krauseminze, dachte Niklas, die nimmt er mit zum Riechen, daß er nicht zu schnell einschläft. Er muß mit einer langen Predigt rechnen. Heute? Ja freilich – es ist Pfingsttag; – Niklas warf den Rucksack über, und die Glocke tat eben ihren letzten Schwung, als der Maler ins Freie trat. Er wanderte die alte Straße, die er immer in den Wald hinaufgegangen war. Nur ging es nicht so schnell wie sonst. Niklas war beklommen und griff oft nach der Brust und atmete: die Krankheit, die er einfach Schwindsucht genannt hatte und die der alte Heim mit Wacholdersaft besänftigen wollte, mußte emsig in ihm weitergenagt haben, seit er zuletzt diese 68 Straße gezogen war. »Wie lange ist das eigentlich her?« murmelte Niklas kurzatmig, während er den Fichtenhügel hinaufstieg, »Pfingsten war damals auch – voriges Jahr? Nein, da malte ich mein gelbes Bild. Also zwei Jahre. Zwei Jahre? ›In zwei Jahren sind wir herum und wieder hier‹, hat doch der Zigeuner zu mir gesagt . . .«

Er schritt den letzten Anstieg des Pfades hinauf, bog die Eschenzweige auseinander – da lag der Waldweg: die Fichten schwankten leise, am Ende der Schneise stand wie damals das Kornfeld als eine grüne, sanfte Mauer. Totenstille. Niklas ging müde über das Gras: »Wo seid Ihr, meine Freunde? Und mein Bild vom Geist, ach, in welches Museum haben sie dich gebracht? Hier lag der Gobelin, in lauter Erdbeerblüten und auf Salbei und Löwenzahnblättern. In der Bläue schwebte ein großer Vogel. Heimatloses Volk stand um das Bild herum – das wollte heute doch hier sein.«

Niklas wanderte langsam weiter. Es war ein mühsames Gehen, Schritt vor Schritt. Die Sonne wärmte nicht, ihn fror trotz des klaren Sonnenstrahls. In einem Dorfe nahe dem Fichtenhügel verbrachte er die Nacht, aber er lag schlaflos und hatte Angst vor der Ferne. Am anderen Morgen schritt er denn auch seine Wanderstraße nicht fort, sondern ging auf dem grasigen Waldweg zurück. Es zerrte etwas an ihm – hin, her, hin: »So habe ich es mit meiner Rolle gemacht«, murmelte Niklas, »immer hin und wieder – aber der Klang steht nicht auf Drosselschlag. Das klingt eher nach dem unteren Ende.«

69 Entschlossen kehrte er um. Als er spät abends in Bechstedt ankam, stand der Bauer im Torweg und schmunzelte: »Schon wieder daheim? Und diesmal ohne Teppich? Na, Ihre Freunde waren da und haben nach Ihnen gefragt.«

»Wer?«

»Gute Freunde vom Herrn Maler wären sie, haben sie gesagt. Zigeuner, Herr Niklas!«

»Was?« rief Niklas, »meine Zigeuner etwa?«

»So stimmt's doch?« knurrte der Bauer. »Ihre Zigeuner? Zwei Hühner fehlen mir seitdem, eine Ente und der Spankorb mit Eiern. Diebespack!«

»Wann waren sie denn hier?«

»Wann?« – der Bauer dachte nach – »heute ist Freitag – am Montag zog die Bande durch.«

»Dann sind sie schon weit. Ich hole sie nicht mehr ein«, sagte Niklas traurig.

»Die kriegen Sie nicht mehr. Die Hühner sind hin und die Ente und die Eier dazu. Aber dem Maler soll ich einen Gruß bestellen, und nun könnten die Zigeuner erst in zwei Jahren wiederkommen. Und ein Paket haben sie auch dagelassen. Ich habe es aber nicht oben rauftragen lassen. Es ist doch verlaust. Da, am Holzstall in der Ecke liegt's. Zwei Hühner, eine Ente . . .«

So federnd war Niklas auf seiner ganzen Wanderung nicht gegangen wie jetzt am abendlichen Ende seines Weges über den holprigen Hof nach dem schiefen Holzschuppen. Hier hatte der Bauer das Bündel hingeworfen: ein grauer Leinwandpacken. Kopfschüttelnd schnitt Niklas den Strick auf, aber der Stoff, den er für die Hülle 70 hielt, war das Ganze. Niklas faltete das Tuch auseinander – ein großes Segeltuch, leer. »Was soll das?« dachte der Maler, »eine Wagenplane? Denken die, ich kaufe alte Wagendecken auf, weil ich damals den Gobelin erwarb? Oder haben sie erfahren, daß ich den Gobelin verkauft habe? Zigeuner sind geheimnisvolles Volk, dem nichts entgeht. Soll das etwa der Ersatz sein?«

Niklas sah nachdenklich die große graue Plane am Boden liegen. Es dunkelte immer mehr. Um das Scheunendach flatterten lautlos die Fledermäuse, und der Hofhund setzte sich still neben Niklas, sah ihn an und wedelte. Nichts war zu hören als das Schwanzwischen des Hundes in den Hobelspänen, die am Boden lagen. In der Dunkelheit leuchteten die Hobelspäne und Fichtenscheite. Niklas starrte auf das graue Nichts und auf die schimmernden hellen Holzsplitter. »Wie das leuchtet«, dachte Niklas, »ja, sie leuchten!« Wie Flammenzungen wanden sich die gelben Späne. »Pfingsten trotz Nacht und Fledermaus und Hund« – der Maler faltete das Tuch zusammen und lud es auf seine Schulter – »das graue Tuch gehört nun mir. Es ist leer, aber ich will die Feuerzungen hineinfahren lassen und ein Bild aus ihm machen.«

Am anderen Tage hing die große, graue Leinwandplane an den beiden Gobelinnägeln der Rollkammerwand. Niklas saß stundenlang still davor in seinem Ledersessel und sah unverwandt auf die leere Leinwand. Dann griff er nach seinen Pastellstiften und fing an zu zeichnen. Sein Werk gedieh: schon am Abend konnte man am linken Rande das Bild des Schulmeisters 71 erkennen, der die verbeulte Erdkugel in der Hand hielt und stolz mit steifem, langen Zeigefinger auf die gekittete Stelle der Erde wies. In den nächsten Tagen schwebte auf dem Grau des Grundes am rechten Bildrand der Glockenstuhl von Bechstedt. Der Bauer stand breitbeinig davor und hieb mit seinem Spaten an das Glockenerz – er mußte gewaltig zugeschlagen haben, denn entsetzt fuhr der Pastor, offenbar aus seinem Morgenschlaf gestört und nur mit dem geistlichen schwarzen Rock bekleidet, händeringend aus der Tür der Pfarrei. In die Mitte hatte Niklas sich selber gemalt. Er kniete auf einem milden Rasen von Federgras, Salbei, Löwenzahnblättern und Erdbeerstauden. Sein Haupt war tief gesenkt und mit zarten, durchsichtigen Händen drückte er eine gläserne Kugel an seine Brust. Die Kugel strahlte in den Regenbogenfarben, und das Licht brach wunderbar aus ihr hervor. Die Kugel schien die Sonne selbst zu sein, denn sie allein sandte Licht in das Bild, ließ es in Feuerzungen und Garben auch nach oben in den Himmel strahlen und bestimmte die Richtung der Schatten, welche die Körper auf die Erde warfen. Die große Mittelstelle im Himmel war noch freier, grauer Leinwandraum.

Und dieser Himmelsraum wurde nie gemalt: je weiter das Bild gedieh, desto schwächer und elender wurde sein Maler. Faser für Faser Leben, Tropfen für Tropfen Blut und Hauch für Hauch Empfindung löste Niklas aus sich heraus und lud es in sein Bild hinein. Das Bild wurde von Tag zu Tage wärmer und satter und Niklas von Tag zu Tage bröckliger und klüftiger.

72 »Morgen male ich ihn«, hatte er am Abend zum Bauern gesagt.

»Wen denn?« fragte der Bauer und hörte auf zu rauchen, damit der Maler nicht so husten mußte.

»Den, der unser bißchen Licht einerntet«, antwortete Niklas.

»Was der aber für Gabeln und Fuhrwerk haben muß. Licht einfahren . . .«, brummte der Bauer kopfschüttelnd. »Ich gebe Ihnen eine Wärmeflasche mit, und morgen bleiben Sie schön im Bette, Herr Niklas.«

Am Morgen fand ihn die Magd, die den Kaffee brachte, im Lehnstuhl sitzen und lächeln. »Es geht ihm ja besser«, dachte sie, lachte ihn an und sagte: »Guten Morgen.« Aber als Niklas sich nicht rührte und immer so weiterlächelte, machte die Magd langsam den Mund auf, starrte, schrie auf und setzte klirrend das Geschirr auf den Tisch und lief zur Türe hinaus. Niklas lächelte weiter in seinem Lehnstuhl vor dem Bild der umgekehrten Ausgießung des Lichtes.

»Tot?« fragte der Bauer und faltete die Hände.

»Tot?« fragte der alte Heim und drehte versonnen an dem Globus, daß sich die Erdkugel schneller und schneller um ihre Achse drehte, bis schließlich Land und Meer nicht mehr braun und blau, sondern nur eines schienen und grau.

»Tot?« sagten die Zeitungsmänner und tauchten die Federn ein. »Tot?« die Fachleute, erinnerten sich und ließen eine Zeitlang die Daumen umeinanderkreisen. »Tot?« rief der Galeriedirektor Wendig, fuhr eilends mit seinem Stab nach Bechstedt und strahlte vor Freude 73 über das unbekannte und von ihm eben noch rechtzeitig entdeckte Rollkammergut.

»Das gibt auf Jahre hinaus wissenschaftliche Arbeit«, sagte er zu seinem Generalassistenten, »das gibt neue Gedanken, Bücher, Brot, und nun frage ich Sie, lieber Doktor: hätte der arme Schlucker so viel und so gut gemalt, wenn wir's ihm hätten wohl sein lassen bei seinen Lebzeiten, wie? Ein Galeriedirektor muß vor allem Glauben in seinem Herzen haben. Sehn Sie diese Bilder an: die deutsche Kunst geht nicht unter. Es fällt eben kein Sperling vom Dach, ohne daß der himmlische Vater dieses weiß und will. Ein jeder hat genug Sorge, wenn er des eigenen Berufes gedenkt: den lebenden Maler stellt Gott anheim, meine Lieben. Liegt der Vogel aber an der Erde, dann gehört er der Erde, dann ist er unser – und dann kein Besinnen, sondern ein fröhliches Zugreifen und Ernten!« Für wenig Geld erwarb er von dem Bauer, der des Niklas Erbe war, den gesamten Nachlaß und rettete ihn damit vor der Zersplitterung.

 

Des Niklas Bilder hängen nun in den schönen, fein abgetönten Sälen der Galerie. Die Hauptwand nimmt das sogenannte »Fragment« ein, jenes letzte, große Bild des Sterbenden, auf dem man Schulmeister und Bauer, Erdkugel und Schusterkugel, Feuerzungen und eine leere Stelle dort, wo Gott hingehört, sehen kann.

Dieses Bild, das zum Teil nur aus Pastellfarben besteht, wird sorgsam von einem besonderen Diener behütet, und diese Sorgfalt ist sehr notwendig, denn wie leicht verwischt die lockere Kreidefarbe und wie fürwitzig 74 und sorglos gehen die Besucher an solche einmaligen und kostbaren Werke heran! Eines Tages sind im Marmorportal der Galerie sogar Zigeuner erschienen – gewöhnliche, schmutzige, verlauste Zigeuner – und haben gesagt, sie wollten in die Niklassäle hinauf und das große Bild ansehen. Die Beamten hatten Mühe, das Pack loszuwerden – denn Niklas lag nun schon seit zwei Jahren wehrlos in der Erde am Fuße des Bechstedter Glockenturms. Er konnte Dieben kein Bild mehr nehmen.

 

Ende

 

 << Kapitel 2 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.