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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die hölzerne Grabkammer

Die nächsten Tage waren ereignislos. Die Eindrücke der ersten Zeit wiederholten sich. Wieder nach Lakewood zu gehen hatte Erwin keine Lust und Mildred begann sich mit der Bibliothek des Hauses zu befassen und fischte sich diesen oder jenen Autor heraus, den sie noch unvollständig kannte, wie Merriman oder Hichens. Schon nach zwei Tagen kam es ihnen zum Bewußtsein, daß man sich inmitten der Zivilisation ohne Telephon einsamer als Robinson fühlen könne, der doch immerhin noch seine schmucke Insel hatte, die ihm Abwechslung verschaffte.

Die Lieferanten schickten ihre Waren zweimal in der Woche, und die Ankunft des Buggys, die sich einmal mit einem erstorbenen Zittergreis auf dem Bock vollzog, das andere Mal mit einem weißblonden halbnackten Knaben, dem die Fähigkeit zu denken durch den stets geöffneten Mund entwichen zu sein schien, – stellte keine wellenschlagende Verbindung mit der brausenden Außenwelt her.

Es kam ihnen fast so vor, als seien sie auf den Rand eines großen Zinntellers geraten, von dem hinunter ins Bodenlose zu purzeln eine Kleinigkeit sein müsse.

Fast jeder Dampfer hatte zurzeit seine Antennen, die vom Murmeln aus allen Ecken der Welt erzitterten. Besonders jetzt hingen solche Drähte in einer schicksalsschwangeren Atmosphäre, in der jedes der Luft anvertraute Flüsterwort ein schwebendes Gas entzünden konnte. Die Beiden aber in ihrem nach bequemer Neuzeit duftenden Landhäuschen waren einsam wie im Boot auf uferloser See, einer See von jungen Fichten.

Es wohnten ja Menschen um sie herum, aber diese Menschen schienen ihnen unerreichbar, wie hinweggerückt und in ihren Gebärden seltsam verzerrt wie hinter konvexen Fenstern, die zuweilen Hand oder Profil anschwellen oder sinnlos schrumpfen lassen und jeden Laut hermetisch absperren ... Es schien, als müßte erst das Kryptogramm gefunden werden, das auf die Empfängerstation der halb eingeschlafenen oder seltsam verzwickt denkenden Gehirne ringsum wirken konnte.

In diesen toten Tagen geschah es auch, daß die Hitze ständig wuchs.

Man näherte sich der Mitte des Juli und für diese Jahreszeit waren, selbst für die trockene Gegend von Lakewood, zu wenig Niederschläge gekommen. Erwin und Mildred jedoch hatten sich in der Zeit ihres bisherigen Aufenthaltes eine gewisse Unempfindlichkeit gegen Hitze angewöhnt noch dazu war es ja trockne Hitze, die viel weniger ermüdet als tropische.

Er erinnerte sich der zerarbeiteten Farmershand auf dem Wegweiser, der nach dem › Paradise-Park‹ wies.

»Ich glaube«, meinte er, »wenn wir uns vornehmen, nicht zu ermüden, bis wir irgendwo hinkommen, wo es wenigstens Laubbäume gibt, so kommen wir doch noch auf unsere Kosten.« –

Seitlich jenes Wegweisers, hatte er bemerkt, schlängelte sich ein Pfad in den Wald hinein. Sie schöpften einige Hoffnung, daß dieser Weg nicht gerade war, sondern anscheinend wahllos auf dem Grund eines früheren Trapper- oder Indianerpfades entstanden. Kurz entschlossen bogen sie ein und fingen an schweigsam und zäh zu marschieren.

Nach einer halben Stunde hatten sie Fichten um sich, nach einer weiteren halben Stunde mehr Fichten und nach zwei Stunden, als sie sich aufseufzend auf den trocknen, von Nadeln spärlich bedeckten Boden niederließen, eine geradezu unermeßliche Masse von Fichten. Es waren immer diese jungen, bleistiftähnlichen Stämme, die einen dürftigen Ausblick ließen von vielleicht einer halben Meile nach allen Seiten in den Wald hinein.

Kein Wässerlein sprudelte, kein Fuchs huschte vorüber; keines Rehes feine Schnauze schob sich witternd zwischen Zweigen hervor; kein aufgeschrecktes Haselhuhn brach polternd aus dem Unterholz. Nein, was sie aufscheuchten, waren Stechfliegen oder Laufkäfer, die grün und golden aufblitzend vor ihnen aus dem Boden stiegen, eine kurze Strecke geradeaus schwirrten, immer vor ihren Füßen, und dann wie durch Zufall neben den Weg gerieten. Nur als sie sich wieder auf den Rückweg machten, sahen sie einen huschenden weißbraunen Schatten zwischen den Stämmen verschwinden und trösteten sich mit dem Gedanken, daß dies doch vielleicht ein Stück Wild gewesen sein könne–: bis sie auf klobige Spuren im Sand trafen, deren einzige Lösung nur einen Hund bedeuten konnte.

Der Moment, wo sie sich umdrehten, ohne irgendetwas erreicht zu haben, war wiederum von jenem unerträglichen inneren Stöhnen des Gefangenen begleitet, der eine Lücke zu öffnen sich müht. Denn ein Seitenschritt in den Wald von dem schwach erkennbaren Wege abseits hätte sie unfehlbar dem grauenhaftesten Irrgang ausgeliefert.

Das Gefühl, daß neben ihnen irgend eine spottende Gewalt herschritt, stets bereit sie am Kleid zu zupfen und sie einzuladen, sich doch einmal abseits umzusehen, – (um sie dann erbarmungslos in einer Falle von Sand und Stämmen sitzen zu lassen,) – stieß ihnen wie mit einer Faust in den Rücken. Irgend eine gegenstandslose Angst ballte sich hinter ihnen auf und rollte mit dem Summen der dem Sande entbrüteten Insekten hinter ihnen drein... Diese Angst, zunächst wie eine kleine Beunruhigung, wuchs, sich lawinenhaft aus allen Bereichen dieser hölzernen Totenkammer ihre wachsende Wucht entsaugend. Die Sonne stand schon schräg. Schon malten ihre Strahlen die Schatten der Einsamen riesengroß in das Gitter der Stämme. In einer halben Stunde würde ein graues Zwielicht herrschen; die spärlichen Merkmale des Weges würden sich ganz verwischen und nur ein Sternkundiger hätte die Richtung beibehalten.

So beeilten sie sich.

Mildreds Gesicht, wieder mit diesem Erwin äußerst besorgenden und befremdenden maskenhaften Ausdruck schimmerte weiß wie ihre Bluse. Er hörte ihre hastigen, trockenen Atemstöße. Sie holten aus, als ginge es ums Leben. Dabei waren sie sich darüber klar, daß nicht der geringste Grund zur Beunruhigung mehr vorliege. Eine kurze Strecke würde sie wenigstens in Hörweite der Überlandstraße bringen, und damit war ja schon alles gerettet. Oder sie brauchten dem schweifenden Hunde nur zu folgen, dessen Schatten wie ein irrender Geist dieser Einsamkeit, eine Ausgeburt oder ein Spuk, vor ihnen herglitt.

Erwin pfiff.

Der Hund stand einen Moment still, dann, mit einer merkwürdigen Plötzlichkeit, und allen Anzeichen von Bestürzung, wich er seitwärts durch das Unterholz und verschwand. Jetzt hörten sie schon vereinzeltes Hahnengeschrei und wußten, daß ihr Irrgang ein Ende hatte.

Es war kein erfrischender Spaziergang gewesen; es war, wie Mildred sich ausdrückte, als ginge man an einer endlosen Reihe von vergitterten Zellen vorüber, hinter denen die Seelen halb Erloschener ein planloses Wesen trieben.

Ein anderes Mal versuchten sie die scheinbare Fortsetzung des Weges bei der Hühnerfarm nach der anderen Seite zu verfolgen, was ja in diesem, dem Orte nähergelegenen Teile des Waldes kein solches Wagnis bedeutete. Wiederum trug der Weg zunächst denselben Charakter, dann aber gerieten sie auf Lichtungen, wo stagnierendes Wasser üppigere Vegetation erzeugte und hübsche Bilder halb tropischer Sumpflandschaften vor ihnen aufrollte. Wenn auch alles schweigsam und brütend war, so war es doch wenigstens wie die Erinnerung an ein Glashaus, wie es Erwins Vater vor Zeiten gepflegt und in das man mit gebücktem Kopf eintreten mußte. Feuchte Stengel kitzelten den Nacken dabei...

Aber auch dieses Stück des Weges wollte ihnen übel, denn es war Triebsand entstanden, der sie plötzlich bei einem unbedachten Schritt bis zu den Knien einsog; es war, als griffe der Dämon, der sie im Walde nicht äffen konnte, von unten nach ihnen; als walte etwas Zerstörerisches ob, das sich in vielen Formen zu äußern mühte und es zögernd bei halbem Gelingen beließ.

Sie trafen dann auf einen Reitweg, so vom Winde geschützt, daß die Hufabdrücke der Vorfrühlingssaison noch halb sichtbar waren. Dieser Reitweg führte in der Nähe ihres Hauses vorbei, das sich am schnellsten erreichen ließ, wenn man sich seitwärts eine Bresche durch das Gestrüpp bahnte. Hier schien der Boden überhaupt mehr Wasser zu enthalten, wie eine Unmenge großblätteriger Farne ihnen zeigte, die in ganzen Gruppen ihre grünen, mächtigen Fiedern über den Weg spreizten.

Aufatmend langten sie an und sahen, wie sich das Gesicht der Negerin, das mit fast angstvollem Ausdruck aus dem kleinen Küchenfenster wie aus einem Rahmen starrte, plötzlich verklärte.

Sie erwarteten ihr Abendmahl, das sie sehr früh, zwischen sechs und sieben Uhr zu nehmen gewohnt waren. Madleen fühlte sich überhaupt nur wohl, wenn ihre Herrschaft im Hause war. Man hatte sie schon mehrmals in seltsamen Stellungen betroffen, wenn man unvermutet zurückkehrte.

Einmal hatte sie im Walde gehockt, anscheinend Reiser sammelnd, aber bei näherer Betrachtung mit irgendwelchen Gebetsprozeduren beschäftigt, als wolle sie sich Geister vom Halse halten. Das andere Mal im Keller, wo sie die Pumpe eigenmächtig in Betrieb setzte und behauptete, das Geräusch sei eine so schöne Gesellschaft für sie. Das dritte Mal unter ihrer Bettdecke vergraben in ihrer Kammer.

Jedesmal hatte sie sich äußerst erschrocken wieder in ihr normales Wesen zurückgerettet, öfters auch fand man sie mit einer grotesk geschmückten billigen Kinderpuppe, oder mit einem zugelaufenen Kaninchen, an dessen Adresse sie dunkle Strophen in weichem Jargon sandte, was auf das Tier einen einschläfernden Einfluß hatte, als fühle es sich von der Urmutter alles Wesens gewiegt. Es legte die Ohren flach, und seine offenen Augen erblindeten vor Frieden. Madleen und Mildred, die Tierliebende, schienen für es nur zwei Erscheinungsformen dieser größeren Mutter zu sein. Viel Stoff zum Lachen gab Madleen, wenn sie alles, was in ihren Bereich trat, treuherzig personifizierte.

Von einem Milchtopf, den sie zerbrach, äußerte sie sich: »It was hard to keep up wid.« (»Es war schwer mit ihm zu verkehren«); und als ein Muttergottesbildchen, auf Email gemalt, verschwunden war und Mildred es aus Madleens geräumigem Brustausschnitt zog, (wo es sich, da sie mit ihrem Schwarzseidenen gepanzert war, unglücklicherweise deutlich abzeichnete) lief sie in die Küche und wimmerte gekränkt: »Shame; I´s been tricked!! ...« (»schändlich; man hat mich überlistet!...«) – Bisweilen auch erzählte sie absurde Geschichten von ihrer Familie; doch über ihren Bruder, den es nicht mehr gab, machte sie nur vage Andeutungen, um später einmal, nachdem ihre Phantasie durch die Umstände ins Kraut geschossen war, sich ausgiebig und blutdürstig über ihn zu verbreiten.

Bisweilen merkte man ihr eine abrupte Unmut im Wesen an, besonders wenn sie sich, wie es ihre Obliegenheit war, zum abendlichen Servieren umzuziehen hatte.

Mildred bestand aber nicht mehr darauf, da eine gewisse Gleichgültigkeit in ihr Platz gegriffen hatte.

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