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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der »Kurort«

Für die ersten Tage des Aufenthaltes hatten sie genug Lebensmittel im Hause gehabt. Nun aber schien es nötig, dauernde Verbindungen mit den Händlern im Ort anzuknüpfen, um sie regelmäßig geliefert zu bekommen.

Erwin machte sich daher am nächsten Morgen auf den Weg. Er beschloß, den abschneidenden Fußpfad durch den Wald nach der Überlandstraße zu benutzen.

Er war etwa zwanzig Schritt weit gegangen, als ihn etwas, das man vielleicht noch ein Gesicht nennen konnte, aus den Büschen von der Seite her anstarrte. Es zog sich blitzschnell zurück und ein Rascheln verklang, wie das einer plumpen Eidechse.

Erwin hatte einen kurzen eisigen Schreck verspürt, und der eigne Schreck machte ihm die Angst der Negerin begreiflich. Es war das Gesicht eines Frosches gewesen an einem menschlichen Hals; das Antlitz eines Geschöpfes, das die Züge einer frühen Embryonalstufe beibehalten und grotesk entwickelt hatte. Könnte man nicht, dachte er, diesem Gesicht menschliche Form verleihen, wenn ein Arzt die Sache in die Hand nähme? ... Doch – sinnierte er – ist es der Mühe wert, hier einzugreifen? – Das quäkt, ißt, schläft, und hat sein reptilhaftes Wesen hier im Walde; wer weiß, ob wir es jetzt besser haben! – –

Er kam durch spärliche Lichtungen, doch immer, wohin er trat, verfolgte ihn der mulmige Sand. Die Vegetation war reich an Bodengewächsen, doch hatten die Blätter alle etwas Blankes, Erstarrtes, als ob nie ein Windhauch sie getroffen hätte. Tierspuren bemerkte er kaum, nur die einzige Kuh der Sektierer hatte ihre Andenken hier und da zurückgelassen, die von Schmeißfliegen in allen Farben schillerten.

Endlich kam er auf eine kleine Böschung und trat auf die Straße heraus. Es war die große Überlandstraße nach Atlantic City.

Sie war sehr breit und die Automobile hatten sie platt gefahren und stellenweise mit Öl bespritzt. So machte sie einen gewissermaßen wohnlicheren Eindruck wie die Spruce-Street, obschon sie bereits um diese Zeit ziemlich belebt war, nicht von Menschen, aber von Maschinen. Bei der nächsten Parallelstraße bemerkte er mit Erstaunen, daß eine Negerkolonie sich dort befand. »So kommt wohl Madleen auf ihre Rechnung, vorausgesetzt, daß sie sich als Kubanerin nicht als etwas Besseres vorkommt als diese schlichten Schwarzen hier,« dachte er. »Auf alle Fälle, wenn sie an Angstzuständen leidet, ist ihr Volk zur Hand. – – Oder,« grübelte er, »sollte auch in einer Negerseele eine Art Vereinsamung Platz greifen, die entfernt mit Individualität in unserem Sinne Ähnlichkeit haben könnte?«

Die Sorte von Negern, die hier wohnte, war allem Anschein nach arm. Sie zogen das Wenige, was sie brauchten, mühsam aus dem Sandboden und hatten sich ihrer Weise nach relativ häuslich eingerichtet; aber aus all den bretternen Bungalows grinste ein staubdürrer Zerfall, den müde Hände nur zuweilen verzögerten, um dann schlaff in die Schöße zurückzusinken. Eine fette, schmatzende, dumpfe Genügsamkeit erfüllte dieses schweigsame Viertel, zuweilen von gurrenden Lauten und dem Geklapper von Blechtöpfen durchtönt, und von grellen Farbflecken ausgehängter Wäsche durchblitzt. Ein paar ältere Neger in zerfransten Hosen und zerschossenen Leinenjacken rieben ihre grauen Wollköpfe an den Verandastufen und die Sonne lockte metallenen Glanz aus den Amuletten, die sie im Kraushaar ihrer ausgemergelten Rippen trugen. Das Ganze glich einer riesigen Zigeunerniederlassung um die Mittagszeit, wenn die erfinderischen Männer des Stammes alle auf Beute ausgezogen sind, und die anderen ihnen mit träger Hoffnung entgegenbrüten.

Erwin zerbrach sich den Kopf, wieso es möglich gewesen sei, daß er diese Negerkolonie nicht schon früher bemerkt habe. Unter keinen Umständen hätte er sich in diesem Falle hier niedergelassen ... Deswegen, – erkannte er jetzt – war der Mann mit den stechenden Augen so redselig und hatte es so eilig, als er mich herausbrachte. Der Regen half ihm noch dabei, die Gegend effektiv zu verhängen...

Der Weg zu Fuß dauerte, wie Erwin sich ausgerechnet, bis in den Kurort dreiviertel Stunden und eine halbe Stunde war er unterwegs, als er das Bahngeleis der New Jersey-Central überschritt und mit kurzem Herzklopfen einige Sekunden darauf den Zug vorübertosen spürte in greifbarer Nähe und so blitzartig, daß die Pullman-Wagen trotz ihrer Länge vom Wald aufgesogen wurden, als seien sie gewichtslos wie Erbsen, die ein Knabe aus dem Rohr bläst. Das Tosen verjüngte sich stracks zu leisem Poltern, das abrupt von der Stille zerquetscht ward und nurmehr ein traumhaftes Pulsieren in der Luft zurückließ. Nichts war mehr da, als das Gleißen der Schienen und Telegraphendrähte.

Entfernungen, dachte Erwin, gibt es nicht für dies faule Volk. Sie bauen sich mächtige Maschinen, blitzblanke Kolosse voll wiehernder Pferdekräfte und brechen damit durch Länder von der Größe europäischer Fürstentümer, die an ihren Schiebefenstern vorüberflitzen wie bei uns die Kilometersteine.

Nach dem Schienenstrang hörte der Wald auf; und er hatte noch eine sonnige Strecke vor sich. Er war so in Gedanken versunken gewesen, daß das unaufhörliche Knattern der Motore auf der Straße ihm nicht mehr aufgefallen war, als ein stehendes Geräusch, dessen man sich nur erinnert, wenn es aufhört. Links öffnete sich eine Bucht von stagnierendem Wasser, das sich bald als breite, bald engere Mulde im Holz verlor. Es war kein Jungholz mehr, es waren ältere Tannen, die ein Waldbrand, der vor 15 Jahren diese ganze Gegend verwüstet, verschont hatte, wie denn überhaupt der ganze Baumbestand freundlichere, vielseitigere Formen anzunehmen begann, je mehr er sich dem Kurort näherte. Das Wasser war der See Carasaljo, dessen Name ihnen damals wie Musik in die Ohren geklungen. Nun, etwas Besonderes war er keinesfalls. Es war zwar ein Natursee, aber er sah nach einem Gelegenheitsgewässer aus, wie es Fabrik-Staudämme erzeugen. Er hatte etwas Künstliches, trotzdem sich auf den Prospekten Berufsphotographen fleißig damit beschäftigten, ihn in allen Beleuchtungen und von seinen liebenswürdigsten Seiten zu zeigen.

Das französisch abgestufte Dach eines pompösen Landhauses schaute von der anderen Seite über die Wipfel; neue Häuser traten hervor, schmiedeeisern umgitterte Beete blitzten auf, und wie eine seltsame Offenbarung, wie eine Perle in der Wüste, trat auf einmal aus der deprimierenden Kümmerlichkeit der Gegend verwirrender Luxus hervor.

Erwin war bald im »Dorf«. Das erste, was er tat, war zu der Kraftstation zu gehen, um die Erneuerung des Telephons nach seinem Häuschen zu beantragen. Man versprach ihm, es sobald wie möglich zu legen, freilich, über die Zeit, die es dauern könne, erlaubte man sich ein leichtes Achselzucken.

Ja, es gäbe viel zu tun; verschiedene neue Herrschaften von New York hätten sich niedergelassen ... So müßten sich Leute, die in Spruce-Street... (hier huschte ein schnelles Lächeln über die hölzernen Gesichter) ...wohnten, ein wenig gedulden.

Als Erwin ging, fühlte er sämtliche Augen des Bureaus auf seinen Rücken geklebt.

Er ging nun noch zum Fleischer, zum Kolonialwarenhändler, zu einigen anderen Leuten und erwirkte es nach einiger Überredung, daß man ihn zweimal wöchentlich mit Material versorge. Er müsse jedoch einen Aufschlag entrichten, meinte man, denn in die Gegend, wo er wohne, schickten sie selten ihre Buggies. Zum Schluß hielt er sich noch etwa eine halbe Stunde in der Ortschaft auf... Sie war, wie alles in den Vereinigten Staaten, quadratisch angelegt; jeder Block hatte eine oder zwei rote nüchterne Methodistenkirchen an den Ecken. Da war die allbeliebte Drogerie mit ihrer blitzblanken Bar, wo es Fruchteis mit Soda gab; hier war ein aus Majolika errichtetes Häuschen, wo die Standard Oil Comp. gegen Einwurf von Fünfzigcentstücken Benzin automatisch verabfolgte. Dort waren die langweiligen, korrekt gekleideten Männer, deren Kinnbacken Tabak oder Gummi zerkleinerten. Da waren die üblichen Matronen mit ihren Waschblusen und verwaschenen Gesichtern, die sich unter schrillem Näseln vor ihren Haustüren unterhielten; waren flachshaarige, nacktbeinige Kinder, ihren Erzeugern wie aus dem Gesicht geschnitten und mit der Ausdruckslosigkeit von Generationen in sommerfleckigen Gesichtern; – kleine Mädchen oder pumphosige Knaben, die mit storchähnlichen Schritten die Tretmühle zwischen Kirche, Haus und Schule durchmaßen; kurz, es war die Ureinwohnerschaft, das dürftige Skelett Lakewoods, wenn man den Zauber, den der Name »Kurort« verlieh, wegblies. Es war die kleine Bahnstation und weiter nichts.

Die großen Gebäude, wie das Laurel House mit seinen sechs Stockwerken, das einen ganzen Block bedeckte und mit seiner Unzahl von grünverschalten Fenstern etwas von einem erblindeten Koloß hatte, sowie die prächtigen Sandsteinvillen schienen nur durch Zufall hierhergebaut; es war, als ob ein Knabe zwei Spielzeugkästen durcheinandergeworfen habe...

Das geistige Leben Lakewoods schien sich in Lichtbildtheatern zu erschöpfen, deren es eine erkleckliche Menge gab und die jedenfalls abends eine marktschreierische Reklame mit bunten Glühlämpchen zustande brachten. Jetzt aber gemahnten die nackten Gestelle mit den farbigen verstaubten Gläsern an einen ländlichen Jahrmarkt nach einer Feuersbrunst. Zusehends bekam Erwin diesen Ort zum Erbrechen satt und machte sich auf den Heimweg. Eine flüchtige Erinnerung an Wiesbaden oder Homburg schwirrte ihm durch den Sinn. Sanftes Schluchzen entstand im Hintergrund seines Gedächtnisses wie vor Zeiten, wenn es zu regnen begann; wenn eine europäische Kurpromenade sich plötzlich vom Leben entleerte und all die bunten Schirme wie durch Zauber grausam verschwanden. Wie im Rhythmus desselben Schluchzens zogen weiche deutsche Hügel an seinem inneren Auge vorbei; sanft einladende Wellenlinien voll traumhaft schöner Wege...

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