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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080309
projectid32fc378c
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Die Straße der Verstörten

Eine erste Anknüpfung ergab sich mit der Nachbarschaft, als die elektrische Pumpe, die bis dahin wie ein Uhrwerk gearbeitet, plötzlich ohne ersichtlichen Grund versagte.

Erwin machte sich auf, da er kein Elektrotechniker war, um Hilfe zu holen.

Als er die Straße in der dem Hügel entgegengesetzten Richtung zwischen den Häusern hinunterschritt, konnte er bemerken, daß wiederum jede Veranda zwei oder drei Insassen hatte, die ihm nachblickten, ohne einen Laut von sich zu geben. Es schienen durchwegs ältere Leute zu sein, und die Damen (wenn man sie so nennen wollte), hatten den scharfen Ausdruck, den spät und widerwillig bestattete Hoffnungen verleihen. Es waren zweifellos auch Familienmütter darunter, was er daraus schloß, daß ihm zuweilen barfüßige Kinder begegneten, nackt unter weißen Hängekleidern, die ihr schnatterndes Gespräch jäh unterbrachen, wenn sie seiner ansichtig wurden und sich, wie zurückgescheucht, halb von der Straße zurückgezogen, um ihn von den Büschen aus starr zu betrachten. Die einzige Bewegung, die an den Verandaleuten bemerkbar war, war ein langsames Drehen der Köpfe, wie bei Gruppen angeketteter Eulen, an denen man vorübergeht. Kein Grußwort klang, und Zorn entstand in ihm.

»Der Krieg ist doch weiß Gott noch nicht so alt oder so aktuell in dieser abgeschiedenen Gegend, daß die Leute jemanden, der deutsch aussieht, wie ein Jahrmarkts-Monstrum anzustarren brauchen,« dachte er. Er vergegenwärtigte sich sein eigenes Äußeres mit einem Gefühl wachsender Unbehaglichkeit, da er nichts entdecken konnte, was irgendwie aus dem Rahmen fiel. Der Schnitt seines Hemdes und seiner Hose war durchaus amerikanisch, und sein Gesicht hätte ebensogut das eines New Yorkers skandinavischer Herkunft sein können, der sich Ferien macht. Er sah sich nach jemandem um, der ihm bei der Pumpe helfen könnte, und geriet ganz zum Schluß in der Nähe der Überlandstraße auf einen solid aussehenden Mann, der hinter seine Zeitung verschanzt in seinen Pyjamas auf der Veranda saß und eine goldene Brille trug.

Erwin erklärte ihm sein Anliegen, und der Mann mit wortkarger Bereitwilligkeit kam sofort herunter und begleitete ihn.

»Sie sind neu hier?« war alles, was er sagte. »Welches Haus haben Sie bezogen?«

»Das Haus des Pastors Merryweather.«

»Nun ja,« sagte der Mann, nahm seine Brille ab, putzte sie und setzte sie wieder auf: »Wir hätten nicht erwartet, ein so junges Ehepaar...« (das Wort ›Ehepaar‹ sprach er eigentümlich gedehnt) »... als Nachbarn zu bekommen. Der Pastor ist gut über sechzig, desgleichen seine Frau, und alte Leute leben sich hier wohl besser ein in dieser Stille.«

Er kniff die Lippen zusammen und verlor kein Wort mehr, bis er die Pumpe besichtigt und sie mit ein paar Handgriffen in Ordnung gebracht hatte. Mit freundlichem Abschied empfahl er sich; und doch blieb Erwin von seinem Wesen irgendeine unbequeme Vorstellung zurück, so als habe ihm der Mann Wichtiges verschwiegen. »Eine seltsame Gesellschaft,« dachte er. »Es ist doch gewöhnlich nicht der Fall, daß die Leute sich hier reserviert benehmen. In Europa, wo jeder sich hinter seinen vier Wänden verschanzt, fällt das ja nicht auf. Man kann jahrelang in einer englischen Stadt wohnen, ohne daß eine Katze sich um einen kümmert; hier aber setzen sie sich fast auf die Straße, schon am frühen Morgen, als ob es weiß Gott was zu sehen gäbe, und scheinen darauf zu lauern, daß ein Opfer sich in ihren Bereich verirrt. Wenn ein harmloser Fremdling einherkommt, bereiten sie eine tückische Augenattacke auf ihn vor.«

Es war nicht bloß Kritik gewesen, was ihm entgegengestarrt – das fühlte er – es schien, als habe eine Art subtiler Böswilligkeit in dem Ausdruck der erloschenen Gesichter gezittert... Doppelt seltsam schien dies Benehmen am Rand eines eleganten Kurortes, der zwar jetzt noch nicht in vollem Betrieb war, aber doch auch den Sommer über Spuren vorherbstlicher Regsamkeit hätte zeigen müssen.

Er erzählte Mildred von seinen Eindrücken. Doch diese hatte ihren Optimismus inzwischen wieder gefunden.

»Ach Gott,« meinte sie, »in dieser Gegend passiert so wenig, daß die Leute mit der Zeit ja wohl etwas stumpfsinnig und verschlossen werden. Übrigens wirst du ja arbeiten, und dich mit deinen Büchern beschäftigen, und wir zwei genügen uns ja vorläufig, was Verkehr anlangt. Zudem können wir ja auch in Lakewood selber Bekanntschaften machen, wenn wir uns ein wenig Mühe geben.«

Als sie nachmittags beim Kaffee auf der Veranda saßen, kam Madleen im Wald zum Vorschein von der Richtung jenes halbversteckten schäbigen Hauses her mit allen Anzeichen tiefinnerlicher Erregung; ja Aufgewühltheit.

›Ein Ehepaar, das eine kleine Gemüsefarm besitze, hause dort in zwei Zimmern. Trotz bescheidener Viehzucht rührten sie, als fanatische Anhänger der › Christian Science‹ kein Fleisch an. Sie trieben diesen Fanatismus so weit, daß sie ihre Tochter, die an einer Hasenscharte leide, nicht hätten operieren lassen, so daß jenes Kind mit der üblen Entstellung, die es seinen Altersgenossen zum Spott mache, allein dort hause und es im Betonen von Wörtern nicht über ein langgezogenes Quäken hinausgebracht habe ... Dieses Quäken habe sie, Madleen, schon am Mittag gehört, und sie wäre fast vom Stuhl gefallen, als das Kind lautlos erschienen sei und mit unirdisch-hohem, fast zaubrischem Zetern (sie kopierte es hier) – etwas Unverständliches verlangt habe... Nun aber wisse sie Bescheid und habe sich darüber beruhigt, wenn sie sich auch vor dem Kinde grause, das ihr sicher im Traum wieder begegnen werde‹.

Erwin lachte sie aus, aber die Negerin, mit wütend-beteuerndem Kopfschütteln (wobei die Furcht das ganze Email ihrer Augäpfel hervorlockte) – verschwor sich, sie ließe sich auf nichts ein mit jener Familie. Man habe ihr dort auch Eier umsonst angeboten, aber sie wolle von Leuten, denen die Bleichsucht aus den Gesichtern schimmere, nichts geschenkt bekommen...

Das Erlebnis mit diesen Nachbarn beschäftigte sie noch den ganzen Tag, man hörte sie murmeln oder sah sie beim Holzholen rundäugig um die Ecke spähen, als ob sie auf dem Sprung sei, bei einem plötzlichen Wiederauftauchen des bresthaften Kindes die Flucht zu ergreifen. In der Tat hörte Erwin, als er später in seinem Zimmer Bücher und Schriften ordnete, seltsam klagende Rufe aus dem Walde dringen wie die eines herrenlosen Tieres. – – –

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