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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Hügel

Sie erwachten beide fast gleichzeitig, ungewohnt früh. Eine Schwarzwälder Uhr, die der Vermittler während der gestrigen Inspektion aufgezogen, rief ihr eiliges, etwas heiseres »Kuckuck« herauf. Gleichzeitig schwammen von draußen Wellen von Hahnengeschrei herein, ungleichmäßig durcheinanderwogend, so daß die einzelnen spitzen Trompetenstöße nur als verworrene Masse zur Geltung kamen. Eine Unmenge Hähne schien in wütenden Wetteifer verfallen. Vollkommen wagrechtes, hellgoldenes Licht stahl sich ins Zimmer. Doch die übliche Morgenbegrüßung der Singvögel, wie man sie wenigstens vereinzelt an den Hügeln des Hudson zu hören bekommt, blieb vollkommen aus. Die ganze Gegend schien von Hähnen gepachtet.

Die Treppenstufen erzitterten jetzt, als werde ein schwerer Sack mühsam hinuntergestoßen. Das war Madleen, die zur Arbeit ging. Seltsamerweise hörte man kein Geräusch von Küchengeräten, kein Poltern oder Klirren, sondern nur die dumpfen Erschütterungen des Hauses, die ihre Schritte begleiteten. Wieder wunderten sie sich über die fast groteske Lautlosigkeit der schweren Person. Das Frühstück stand bereit, als sie herunterkamen. Alles blitzte morgenfrisch und heiter. Nachdem die »Times« genossen war, die Erwin sich aus dem Postkasten an der Straße geholt, erinnerten sie sich ihrer Absicht, eine Entdeckerfahrt zu machen. Sie wurden diesmal verschont von jenen flüchtigen Bedrückungsgefühlen, mit denen sie am vorigen Tag zu kämpfen gehabt.

Der Fichtenwald, der das Haus umgab, öffnete sich in einer längeren Einfahrt, die von großblättrigen Ahornen und drei oder vier verschiedenen Eichensorten gesäumt war. Ungefähr hundert Schritte brachten sie auf die Straße, die gelb durch die Bäume schimmerte. Auf der gegenüberliegenden Seite lagen einige schmuck gebaute, etwas verwahrloste Holzhäuser von villenartigem Charakter mit breiten Veranden, auf denen jetzt schon in dieser frühen Morgenstunde – es war kurz nach sieben – verschiedentliches Leben sich rührte. Verwaschene Blusen bewegten sich rhythmisch hinter dunkleren Holzgittern: die Damen der Spruce-Street waren bereits wach. Sie waren nicht nur wach, sondern sie schienen sich auch schon von etwa getaner Arbeit auf Schaukelstühlen auszuruhen. Hinter einem Hause näher der Überlandstraße zu schoß mit eilfertigem Geknatter ein Ford-Wagen heraus und verschwand in einer durchsichtigen Staubwolke. Der Geschäftsbetrieb des nahen Ortes streckte einen einzelnen Fangarm also auch hierher aus.

Sie waren einen Moment unentschlossen, dann machten sie sich auf, um in entgegengesetzter Richtung die Landschaft zu erforschen, die hinter der nächsten leichten Kurve der Spruce-Street sichtbar zu werden versprach. Erwartungsvoll schritten sie darauf zu. Nach fünf Minuten erkannten sie, daß es sich um keine Kurve handelte, sondern nur um eine kleine Schlingung der sonst schnurgeraden Straße. Und die Landschaft?– – –

Wie ein gelber Pfeil bohrte sich diese schlichte Straße vor ihnen durch den Wald. Den Seiten entlang rann eine gleichmäßig ermüdende Wand von Fichtenstämmen, und es war kein Wechsel in diesen Stämmen. Sie waren alle jung, und einer sah aus wie der andere. Da war kein knorriger Ast, der drohend herübergewuchtet hätte; keine Wurzel, die von Kraftdrang entstellt und sich bäumend, in den Weg gekrochen wäre. Da gab es keine turmhohen Fichten, Väter eines Wäldchens etwa, segnend über kleinerem Gewimmel schwebend ... Nein, was sie sahen, war eine große Schonung, eine mathematisch abgezirkelte kompakte Masse von Jungholz, die in ihrer trostlosen Einförmigkeit tief bestürzte ...

Ganz weit oben schien die Straße sich zu heben: ha! es gab dort etwas! Es gab dort die Erlösung! Mit halbem Seufzer bauten sie Schlösser von Hoffnung auf diesen fernen Hügel...! Die Straße war sandig. Bei jedem Schritt sank der Fuß zur Hälfte ein. Die Sonne, aus hellblauem Himmel, stach. Sie gingen tapfer vorwärts, beflügelt von der Sehnsucht nach dem Hügel.

»Du wirst sehen,« meinte Erwin, »dort ändert sich das ganze Bild. Irgendwo muß doch die Landschaft stecken.« Er sah auf die Uhr, es war halb acht. Sie gingen und gingen.

Mildred war verstummt. Das fröhliche Pläneschmieden, womit sie die morgendliche Frühstückszeit ausgefüllt, war versiegt. Sie blickte mit ihren grauen Augen streng in die Richtung des Hügels wie jemand, der ein Wunder erwartet, von dem er sich kaum eine baldige Erfüllung verspricht. So schritt sie vor ihm her, zäh mit ihren tapferen schlanken Beinen, und ihre weiße Gestalt auf der gelben funkelnden Fläche hatte etwas Einsames.

Die Häuser waren zurückgetreten; das letzte lag bereits eine halbe Meile hinter ihnen. Und der Hügel? – Die ganze Zeit über war er von ihnen wie eine Fata morgana hinweggerückt; jetzt deutete sich eine gewisse Abwechslung an durch ein sehr weitläufig gebautes, beinahe prächtiges einstöckiges Haus, das aus einem Klumpen von Laubbäumen trat. Auf einmal, wie durch eine Laune der Akustik, schlug ihnen der entfesselte Strom desselben Hahnengebrülls entgegen, das ihren Morgentraum durchklungen. Ein mißfarbener, zottiger Hund stürzte hervor, in tiefstem Hasse bellend; blieb wie angenagelt, mit gespreizten Beinen vor ihnen stehen und schritt dann, mit mürrischem Achselzucken gleichsam, zögernd zurück. Etwa fünfzig langgestreckte Kästen aus Fichtenholz wurden sichtbar, zwischen ihnen wimmelte es weiß durcheinander: Eine Hühnerfarm ...

Zwar keine Zucht, wie man sie in Europa kennt, von drei oder vier Dutzend bunter, gemächlicher Hennen oder schläfrig umherprunkender Hähne: nein – es war eine Masse von weißen, mageren »Leghorns«, die nach Abertausenden zählten, und über denen ein stechend-süßlicher Geruch von hellgrünem Kot stand, der, von rohen Maiskörnern untermengt, wie eine Guanoschicht den Boden verpestete. In diesem Element wateten sie mit ihren gelben, eintönigen Beinen, ermüdend gleichförmig anzusehen, und pickten wie Maschinen, jedes denselben Fraß.

»Sie sind im Kleinen« schoß es Erwin durch den Kopf –: »wie ein Bild der Bevölkerung hier. Sie waten in den Bodenschätzen umher; wenn eines eine Feder von abstechender Farbe besäße und damit kokettierte, es wäre seines Lebens nicht sicher. Nur dadurch, daß sie alle weiß sind und in Masse handeln und fressen, existieren sie. Ihre Eier müssen unsagbar fad schmecken...«

Ein vierschrötiger Mann mit semmelblonden Stoppelhaaren und hervortretenden Augen erschien in der Entfernung mit einer Harke bewaffnet. Einen Moment schob er seinen breitrandigen Strohhut aus der Stirn und starrte mit wasserblauen Augen herüber. Dann, als Erwin ihm zurief: »Ein schöner Morgen, wie?« grunzte er etwas Unartikuliertes und begann die Ställe zu reinigen. Er begann mit Nr. I und war bereits bei Nr. 3, als sie weitergingen.

»Wenn der Mann das jeden Morgen macht, vielmehr tagtäglich von morgens bis abends, muß er jede Menschenähnlichkeit verlieren,« dachte Erwin. »Aus diesem Nachbarn wird nicht viel herauszuholen sein.«

Nach weiteren zehn Minuten schienen sie auf halber Höhe des Hügels zu sein. Da ereignete sich etwas Erstaunliches: die breite Straße hörte plötzlich auf.

Sie war einfach wie weggeblasen, ganz und gar zu Ende.

Das plötzliche Gefühl, in eine Sackgasse geraten zu sein, wirkte mehr als beklemmend. Es war, als ob die Fichten eine plötzliche Verschwörung eingingen, sie einzufangen und nicht mehr herauszulassen...

Da, wie eine Erleichterung nach kurzem Asthma, öffnete sich ein kleiner Seitenpfad. Wie erlöst schritten sie darauf zu. Es hatte den Anschein, als ob er auf die Spitze des Hügels führen müsse. Sie stiegen. Sie sahen verstreuten weißen Schimmer, als ob dort ein Steinbruch sei. Auf einmal jedoch sprang ihnen die Bedeutung dieser Steine plump ins Gesicht: – es war ein Friedhof.

Grob gehauene Kreuze traten hervor, poliert, aus Rosengranit oder Marmor. Die Gräber waren wie nach der Schnur gerichtet, quadratisch zerteilt von sandigen Wegen. Eine einzige Trauerweide, ganz auf der Spitze, deutete den hilflosen Versuch zu gärtnerischem Schmuck an.

Mildreds Gesicht bekam etwas Maskenhaftes.

»Mir schwante so etwas«, sprach sie leise, als sie sich unter der Weide niederließen. »Es mußte so kommen, Erwin, es ist grausig. Soll dieser Friedhof und diese Hühner nun unsere Welt sein? Mir ist, als müßten nun all unsere hübschen Zukunftspläne in diesem sandigen Friedhofs-Stumpfsinn enden...«

Das nach Aussicht dürstende Auge schweifte umher. Es traf auf Fichten, Millionen von jungen Fichten; auf einen Horizont von Fichten. Der Hügel nahm sich aus wie das Krähennest eines Schiffes in uferloser See. Die Fichten hatten etwas Einkerkerndes, in ihrer Masse grausam Bedrohendes. Das ganze Becken des südlichen New Jersey lag in flammendem Dunst vor ihnen, in fahlgrüner Monotonie unter einem bleiern blauen Himmel, der farblos mit dem farblosen Horizont verschmolz. Dort blitzte zuweilen ein kleiner, weißer, wandernder Funke auf: das war das Meer, in das dieser Strom von halbtoter Vegetation hineinmündete. Das Einzige, was die schnurgerade, von spitzen Wipfeln zerstochene Linie unterbrach, war ein enormer Fabrikschornstein, dessen schwarzer Qualmfaden senkrecht im Himmel hing. Sonst schien es, als habe eine ungeheure, erbarmungslose Handfläche alles Leben aus der Natur herausgepreßt; als habe eine Walze alles niedergequetscht, so daß nur ein dürftiges Gemengsel saftlos-struppiger Reiser zurückblieb, über dem nicht einmal Vögel ihre Kreise zogen. Hier unter den Emblemen des Todes hauchte ein weiterer Tod sie an, ein größerer, zeitloserer, zwischen dessen zerbröckelnden Kiefern sie sich sitzen sahen voll dumpfen Erschreckens. Zuweilen strich eine Brise über das Wipfelmeer. Sie merkten es daran, daß dunkle Fächer darauf zerliefen. Sonst war nichts hörbar als Hahnengeschrei, eine Fabriksirene, traumhafter Takt eines Zuges, eine fern aufgellende Hupe von unsichtbarer Straße her und das gewaltige Sieden und Summen der Insekten.

Mildred stand plötzlich auf und rannte den Hügel wieder hinunter. »Es ist zu scheußlich hier«, rief sie zurück. »Ich bekomme Zwangsideen, wenn ich hier länger sitzen bleibe.«

Sie gewannen die Straße wieder, seltsam ermattet vom Ausflug. Erwin meinte begütigend:

»Vielleicht finden wir die Landschaft doch auf der anderen Seite...«

Doch sie hatte den Ausdruck sinnender Resignation und war ziemlich wortkarg, bis sie das Haus wieder erreichten.

Schon von weitem bemerkten sie eine dunkle Masse auf der Veranda, die sich als Madleen entpuppte. Wie ein Hund, der lange gewartet hat, eilfertig-wedelnde Zeichen von Freude gibt, geriet sie in ganz unverhältnismäßiges Entzücken, als sie ihrer Herrschaft ansichtig wurde. Hierauf zog sie sich mit der kryptischen Bemerkung: »It´s right in de woods allright ...« zurück, um die durch Angst unterbrochene Betätigung wieder aufzunehmen. Erwin bemerkte jedoch noch, daß ihre bestürzten Augen schnell nach rechts herüberrollten, wo ein zweites Haus stand, halb zwischen den Stämmen versteckt (eine unauffällige Bretterbude, die einem Stall glich). Wohnten da auch menschliche Wesen? Die elegantesten von ihren Nachbarn waren es auf keinen Fall. Noch kurz machte er sich Gedanken über die Bestürzung, die er auf dem Gesicht der Negerin gelesen hatte...

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