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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080309
projectid32fc378c
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Finale

Die Chöre werden zerrissen.

Es dröhnt.

Das einzige Wort: »Du!!«

Erwin zuckt zusammen und fährt auf.

Er sieht eine Zeitung vor sich knisternd in zitternder weißer Faust hin- und herschwanken und seine halb schlaftrunkenen Augen starren auf eine Prozession von Buchstaben, die schwarz und gewaltig groß über die ganze Breite des Blattes marschieren. Die Worte heißen:

»Germany accepts Wilson's terms. Offers armistice.«

Er reibt sich die Augen und setzt sich schwer auf. Das Blatt gleitet zerknittert auf den Boden und Mildred kniet darauf. Ihr Hals zuckt, sie lacht und schluchzt und sie stößt kleine Sätze hervor ganz außer sich, mit einer hohen Stimme, die er noch nie an ihr gehört – wie die Stimme einer Amsel aus einem Dickicht des Unterholzes, wenn ein Maigewitter sich verzieht.

»Wir können weg, Erwin, begreifst du das! Wir können wirklich und wahrhaftig weg! Heraus aus diesem fürchterlichen Gefängnis, unter Menschen zurück! Wir kommen wieder zu Menschen! Wieder menschenwürdig leben, o Gott! Nach Europa! Erwin, begreifst du! Warum sagst du nichts! Warum bist du so stumm! Es hätte nicht länger dauern dürfen! Ich war am Ende meiner Kraft! Und wenn ich noch neben dir vegetierte, es war Verstellung, Verstellung!«

Er greift schnell zu. Sie ist zusammengesunken. Ihre abgemagerten Arme fallen kraftlos in stumpfen Winkeln von der Bettkante. Ihre Lippen sind weiß. Er bettet sie sorgsam hin und flößt ihr etwas Whisky ein. Sie atmet schwach, als ob sie sich in Ruhe dehnen und sich wunschlos strecken könne zum erstenmal.

Sie wird unendlich kindlich dabei; unendlicher Pflege bedürftig; und die Brauenfalte, die sich früher nur in größtem Affekt auf ihrer Stirn gezeigt, sitzt nun quer darin, wie ein Schnitt, nicht hinwegzuglätten; wie ein grausamer kurzer Schnitt.


Die Fabriksirenen des achten November summen. Es geht gegen Abend.

In North-Norwood hat es begonnen mit einem schrillen Pfiff einer einzelnen Alarmpfeife, deren Ton ganz hoch hinaufklettert und wie feines Singen eines Kessels über den Höhen hängt.

Der Pfiff aus jener Gegend verdoppelt sich. Es ist kein Zirpen mehr, sondern es ist eine Quinte, eine freche nervenrüttelnde Quinte.

Dann fährt ein Bienensummen drein von Madisonville und gestaltet sie um zu einer dreifach wütenden Disharmonie. Die große Hummel brummt, andere Hummeln folgen der Führung. Von Walnut-Hills treten Töne herzu; und ein höllischer Schwarm tobt entfesselt. Mit ohrenbetäubendem Blasen öffnen sich auch die Ventile von Pleasant-Ridge.

Die Fabriksirenen der ganzen Gegend speien kreischenden Dampf in die Höhe.

Es ist wie eine mächtige zweite Welt, in der man lebt; ein erhöhtes Lebensgefühl, das mit brutalen Schwingungen die Gegend verwüstet und die Hirne in einen großen Wirbel zwingt. Man hörte Akkorde heraus. Man kann die wüsten Ströme sondern. Es ist eine große Symphonie elementarer, befriedigter Instinkte. Die große konturenlose Bestie gröhlt, gröhlt ihren Triumphgesang. Aus ihrem Rachen wogt, in endloser Kette, dumpfsurrender Urton, von brausenden Pfiffen begleitet. Dazwischen fährt das laute Gebelfer, das blecherne Freudengetöse einer hysterischen Menge, aufgestört und wimmelnd zwischen fernen Straßenschluchten.

Es wird dunkel.

Grüne Scheinwerfer zerpeitschen mit ihren Lichtbalken die blaue Schwärze. Das Tier hat seit vier Stunden gegröhlt ... es singt weiter, ekstatisch und brutal. – Dann endlich schnappt ein einzelner Ton ab. Andere schwingen weiter. Surren bleibt zurück wie das eines höllischen Cellos, daß ein trunkener Riese mißhandelt, dessen Saiten er lallend schabt und zum Platzen zwingt.

Nun ist es vorüber.

Das Surren versinkt, so scheint es, im Schrillen ferner vereinzelter Zikaden. – Auch dies verklingt: – doch ein dumpfer Ton bleibt zurück. Ist es der Wind, der spröde Baumkronen bewegt, lederharte Blätter; der sie aufrauschend in langgezogener Welle durcheilt? ...

Nein; – das klingt wie Echo weltenweiten, ausatmenden Stöhnens.

Die Himmelsgruft gähnt wie ein Keller und haucht Kälte aus. Die Sterne blitzen nicht sommerlich mehr, sondern klar und grell –: ein ungeheures Schicksal hat sich vollendet. Ein Schicksal, zurückgedämmt Jahre hindurch in Schweiß, in Fieber, Mühe und Blut. –

Ein Volk liegt erdrosselt. – Es hat ausgekämpft.


Erwin steht einsam an das Geländer des Balkons gelehnt. Er steht regungslos und der kalte Wind bewegt sein Haar. Es ist, als ob der letzte Hauch äußerster Schwäche, und doch auch der Befreiung aus tödlicher Agonie von Millionen mit ersterbender Zartheit an seine Stirne rühre ... gleich dem Flüstern eines ihm tief verbrüderten Freundes, voll von Botschaft und bedeutungsvollem Befehl.

Ende

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