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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Einzug

Nachdem zwei rothaarige Irländerinnen, beide wenig erfreulich, der jungen Frau »Audienz gegeben« und sich dahin entschieden hatten, daß die neue Herrschaft ihnen nicht ganz entsprach, erschien Madleen. Zunächst machte sie den Eindruck, als könne man sie nur mit der Feuerzange anfassen. Ihre Haut war schmutzigbraun mit speckigem Glanz darüber, der aber, wie sich später herausstellte, ein Naturphänomen war und nichts mit Unappetitlichkeit zu tun hatte. Sie wog etwa zweieinhalb Zentner und war in strahlend weißes, gestärktes Leinen gekleidet, das pittoresk von ihr abstand, wenn sie sich einmal setzte; doch trotz ihres Gewichtes setzte sie sich selten und nahm ihre Aufgabe mit großem Temperament, in Angriff. Ihr Haar war nicht wollig, sondern deutete durch strähnige Qualität kubanische Herkunft an, wenn sie sich auch sonst wenig von den Negern unterschied, die man an der Ostseite etwa der hundertundzehnten Straße bemerken kann.

Mildred versuchte sofort, ihr englische Disziplin geläufig zu machen, indem sie ihr ein weißes Häubchen vorschlug und einen Wechsel in der Erscheinung von sechs Uhr abends an: Bedingungen, die sie sofort annahm, da sie über ein neues Schwarzseidenes verfüge. Doch immerhin geriet sie zunächst in einige Nervosität, weil sie es ihrer neuen Herrschaft gleich von Anfang an recht machen wollte und mehrmals in das richtige Tempo zurückgedämmt werden mußte. Ihre Sprache war ein sanftes, sehr gutturales Schnattern, ganz aus der Kehle. Sie lachte häufig und entblößte einen Kranz von starken Zähnen dabei.

Es gefiel ihr, daß sie aufs Land kam. Ihre Begriffe von Land hatte sie aus dem Süden. Es schwebte ihr ein wuchernder Horizont dabei vor aus Mais, viel strotzendem Mais, von bunten Kopftüchern gesprenkelt, und Singsang-Abende bei Feuern, die man mit trockenen Kolben nährt. Sie träumte davon, aus dem Vollen wirtschaften zu können. Ihre Seele witterte einen seit noch wenig Generationen verschollenen Erdgeruch.

Sie übernahm von vornherein die Führung des heimatlosen Paares, und da sie äußerste Bedürfnislosigkeit verriet, wurde Mildreds umschattetes Auge etwas weniger kritisch, während sie diese Ausstellung von Naturinstinkten betrachtete; ihre feingeschnittene leicht gebogene Nase gewöhnte sich an den typischen Dunst, in den das Negerweib gehüllt war. Dieser Dunst glich der Erinnerung an einen Stall, in dem reinrassige Tiere gezüchtet werden; und Mildred hatte ein Auge für Rasse, wo und wie sie sich auch äußerte.

Weniger Glück hatte in ihren Augen der »junge Mann« im weißen Flanell, der sich bereits auf dem Bahnhof einfand. Was es war, das seinen toten Augen wiederum jenes gespenstische, kurze Licht gab, ließ sich nicht genau erkennen. Auf alle Fälle fiel es auch Erwin auf, daß der Blick des Mannes etwas Lauernd-Gläsernes, fast Starres hatte. Vielleicht war dies erklärlich durch Schrumpfung der Pupillen nach starker Inanspruchnahme eines Narkotikums. Auch fiel Erwin diesmal eine Note im Wesen des Vermittlers auf, die ihm auf einmal nahelegte, er könne sich leicht in der Altersabschätzung des »Jünglings« um einige fünfzehn Jahre vergriffen haben.

»Ich habe alles in prächtigster Bereitschaft für Sie«, knarrte die eilige Begrüßung. »Das Haus funktioniert vom Dach bis zum Keller. Auch die Mistreß wird sich prächtig einleben. Dies ist ein ruhiger Ort, so ruhig, wie ein Mann, der mit dem Hirn arbeitet, sich nur wünschen kann. Es ist eine ideale Ruhe. Hehe! Und die Nachbarschaft –« (hier saßen sie schon selbviert im Auto und der Sprecher am Lenkrad) – »die Nachbarschaft ist sehr originell. Ein Studium wert! Alles freundliche Leute, zuvorkommende Leute, die auch die Ruhe über alles schätzen«.

»Der Kerl gefällt mir nicht«, flüsterte Mildred kurz und bündig Erwin zu, während Madleen etwas verschüchtert ihre öligen Augen in der Gegend umherrollte.

Das Auto war bereits in einen so sausenden Takt geraten, daß nur noch Fetzen des Gespräches von vorn verständlich waren: »Balsamisches Klima« – »Tausende gesund geworden« – »Leute kommen als Ruinen und scheiden als Stiere« – »Fichtenduft« – »Ozon« – »prächtige Verbindung« – »Golfplatz« –

In diesem Moment machte das Gefährt die frühere schlenkernde Kurve, bohrte sich im rechten Winkel in den Wald und hielt wie damals mit atemraubendem Ruck vor der Einfahrt zum Häuschen. Der »Jüngling« gab noch eine kleine Probe großer Lebendigkeit, indem er über die geschlossene Klapptüre sprang, die Schlüssel dem neuen Hausherrn fast schelmisch zuwarf und sich in überflüssiger Weise um die Herausbeförderung der dicken Negerin bemühte.

Man ging ins Haus und in einer Sekunde lag der Kontrakt, reif für die Unterschrift, auf dem Tisch.

»So, mein Herr, jetzt fehlt nur noch Ihre und Ihrer Frau kleine Signatur und dann kann man Ihnen endgültig gratulieren. Sie bekommen es billig«, und mit einem fast bedauernden Schnalzen wiegte er den Kopf.

Erwin setzte nach kurzer Überlegung seinen Namen darunter. Indem er Mildred die Feder reichte, bat er sie, das Dokument vollgültig zu machen.

Es gibt Momente, in denen man auf einen flüchtigen, unkontrollierbaren Verdacht kommt, irgend etwas Wichtiges werde versäumt, etwas nie wieder Gutzumachendes bettle um Rücksichtnahme, ohne daß man klar verstünde, was diese lautlose, äußerst dringliche Frage bezwecke... Ja, alle Dinge ringsum bebten von dieser Frage, und eine kurze Lähmung schien herabzufallen wie ein Hauch, der die Politur einer Platte huschend erblinden macht. Mildred saß mit der Feder in der Hand da. Auf einmal warf sie sie hin und ging auf die Veranda hinaus, zitternd von der Anstrengung, sich zu vergegenwärtigen, was eigentlich an der Unternehmung sie so schmerzhaft störe.

Draußen traf ihr Blick in Grün. Zwei hübsch angelegte Beete, etwas verwildert, waren dem sandigen Boden entwunden worden; halbentblätterte, violette Azaleen und ein Tulpenbaum, dessen verdorrte Blütenhülsen von früherer, prangender Entfaltung zeugten, standen im Zentrum. Es war eine ausgedehnte Lichtung vor dem Haus. Sie sah die Straße blinken und die Nähe der Straße schien ihr plötzlich Mut zu geben, als habe sie, wie ein erstickender Taucher, plötzlich das Ventil gefunden, durch das sie atmen konnte. Die schnelle Bedrückung war vorüber, es war nur noch eine leise Angst vor irgend einer dunklen Verantwortung zurückgeblieben, die sie sich nicht zu enträtseln vermochte. Alles was sie sagen konnte, als sie zögernd zurückkam, war:

»Es scheint mir ein wenig still hier zu sein.«

Und sie schnitt dem Vermittler, der gerade zu einer neuen Suada ausholen wollte, das Wort kurz ab, indem sie hinzusetzte: »Aber das Haus ist ja ganz und gar, was ich mir wünschte.«

Ja, innerhalb des Hauses schien plötzlich alles sehr traulich und einschmeichelnd zu ihr zu reden. Waren die Linien der Fenster nicht die breiten, niederen, ausladenden der Landhäuser in Sussex? War diese Vertäfelung nicht anheimelnd? Diese erinnerungsbelasteten, starkgebauten Möbel, diese klassische Bibliothek, dieser Kamin und die gewundene Holztreppe, die ein weiteres Asyl eröffnete in eine Reihe kleiner, engumgrenzter, handlicher Gemächer? Kurz war das ganze Haus nicht, als habe sie es selbst erfunden, um sich über diesen Teil der Welt, der sie nicht losließ, der ihr wie ein Kerker schien, mit einem Kindheitstraum hinwegzutäuschen? »Es ist ja nicht für die Ewigkeit«, sagte sie sich noch einmal und grub die Schneidezähne leicht in die volle Unterlippe. Es wird vorübergehen, so oder so. Sie hörte bereits den wuchtigen Schritt des Negerweibes von oben und ihr gurrendes Selbstgespräch ... Ja, dieses Geschöpf war überall zu Hause und setzte sich in jeder Umgebung breit zurecht, wie es ihren ursprünglichen Instinkten entsprach. Warum sind wir so anspruchsvoll?

Und kurz entschlossen setzte sie sich nieder und fügte ihren Namen bei.

Eine kleine Unbehaglichkeit verursachte ihr noch die diebische Bewegung, mit der der Vermittler das Dokument in seine Tasche zauberte; er war aber sonst eitel Kordialität, sein Gemüt schien beruhigt, seine Augen wieder vollständig ausdruckslos, Knöpfen gleich, die einen Regenhimmel spiegeln.

»Ich empfehle mich Ihnen! Viel Vergnügen in Ihrem neuen Heim!« sagte er mit eingelernter Betonung, als sei die Phrase ihm dauernd geläufig. »Wenn Sie meine Dienste beanspruchen, so stehe ich jederzeit zur Verfügung.« Mit diesen Worten war er bereits draußen. Der Motor schnurrte ruckweise keuchend und fand dann sein gleichmäßiges Geräusch, das schnell hinter der nächsten Wegbiegung sickernd erlosch.

Die Beiden saßen sich noch am Tisch eine Weile gegenüber. »So da wären wir jetzt«, sagte Erwin. »Ich finde es erträglich hier.«

»Ja, das Haus ist hübsch«, meinte sie. »Und mit der Umgebung – sie hat ja vielleicht auch ihre Reize, und wir werden uns ja daran gewöhnen. Morgen früh wollen wir gleich einen kleinen Spaziergang machen nach dort draußen«, und sie wies nach der Straße hin, »wo man mehr von der ›Aussicht‹ hat. Dann bekommt man wenigstens einen Begriff von der Landschaft.«

»Fühlst du dich etwa hier eingesperrt?« fragte Erwin. Eine Pause entstand.

Dann kam die Antwort... Sie war ein halb tonloses: »Ja – Irgend wie – Ich weiß nicht recht....«

Man richtete sich ein und war für Stunden beschäftigt. So war man ziemlich müde, als man ins Bett ging.

Doch trotz der großen Müdigkeit schliefen sie nicht so schnell ein, als sie vorhatten. ›Es ist die ungewohnte Stille nach dem Stadtlärm‹, dachten sie.

Verschiedene Geräusche wurden hörbar. Aus der Kammer unter dem Dach kam zuweilen ein asthmatisches Schnaufen und das Krachen des Bettgestells, in dem Madleen sich umdrehte. Aus dem Keller drang das Ticken der abtropfenden Pumpe. Diese Laute standen seltsam vergrößert in einer unnatürlichen Schwärze, in die kein Stern blinkte.

Aber der Wind war geschäftig und bewegte die Blätter, deren Geräusch die Verwandtschaft mit dem Lebendigen wieder zu besiegeln schien.

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