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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zuckschwerdt redivivus

In dieser Zeit traf es sich, daß etwas passierte; ja eine leise Verschiebung ging vor sich, eine folgenschwangere Verschiebung, deren Wesen Erwin zunächst noch nicht erkannte, die aber in ihm wachsen sollte zur Umkehr alles bisher Gedachten oder Erlebten.

Und sie begann damit, daß Mildred auf einem Gang in die Stadt den Pastor Kielwasser traf. Sie unterhielt sich eine Weile mit ihm, und was der sanfte Mann zu berichten wußte, teilte sie Erwin bald darauf mit.

Er sagte: »Kannten Sie nicht einen Herrn Zuckschwerdt? Ich habe einen Brief bekommen, daß der Ärmste im Internierungslager – ich muß leider wohl sagen – absichtlich zugrunde gegangen ist. Man gab ihm ja wohl genug zu essen, aber er bekam es mit der Stacheldrahtkrankheit und das ist, wie Sie wissen, eine Sache, die nur durch geistlichen Zuspruch zu lindern gewesen wäre. Er fühle sich wohl, schreibt der Bedauernswerte noch; er verlange nichts weiter, als daß man sich seiner wohlwollend erinnere, und so mag es wohl ein Gemütsleiden gewesen sein, das ihm das Leben vergällt. Von anderen Leuten hörte ich, daß er sehr sanft und umgänglich gewesen sei; ein guter Kamerad, will mir scheinen. Seine letzten Worte waren: Er sehe, daß nun drüben alles verloren sei, und da er nicht im aktiven Dienst stehe, so komme es ihm vor, als müsse er in der nahen Katastrophe sich selbst als Opfer darbringen. Irgendwie sei dadurch vielleicht anderen moralisch geholfen.«

Erwin erschrak.

Er hatte Zuckschwerdt schier vergessen. Der Mann war über die Bühne seines Lebens geschritten und hinter der Kulisse verschwunden, wie ihn dünkte, ohne irgendwelche Spuren in seinem Gedächtnis zurückzulassen, höchstens ein paar nachklingende Unlustgefühle, mit denen er sich schnell genug abgefunden.

Jetzt aber kam ihn ein leises Staunen an.

Der Leutnant trat wieder hinter der Kulisse hervor und kam im Stechschritt bis vorn an die Rampe.

Er trug noch das bunte Hemd. Er blitzte mit seinen Dachaugen zu ihm herüber. Eckig stand er da und es fiel ihm nicht ein, Kompromisse zu schließen.

Er war auch ein Vierminuten-Mann, aber keiner von der Sorte, wie man sie hier kannte.

Kein Beifallsklatschen aus dem Weißen Haus scholl hinter ihm und gab ihm Kontur.

Kein Massenbetrieb, von Frachtzügen zusammengeschleppt und mechanisch in alle Winde verteilt aus unerschöpflichem Born wickelte sich hinter ihm ab. Kein Mann in Zylinder betrachtete ihn aus der Ferne mit warnendem Zeigefinger.

Nein, was hinter ihm stand, war ein Koloß, der keine Form hatte; vielleicht ein zersprengtes Standbild aus Granit, aus dunklen Quadern getürmt, das dennoch seine edle Urform nicht verleugnete: – etwas sphynxhaft Schweigendes, Ursprüngliches, tief von orphischen Formeln Umrauschtes, das zu enträtseln sehr schwierig war und menschenleben-lange Andachten erfordern mußte.

Wie seltsam nahm sich doch des Leutnants Figur vor so neuem Hintergrunde aus!

Keine im Massendrill vorüber stampfende Kolonne, von eitlen Farben blitzend oder von schimmerndem Lack und Ordenssternen durchsetzt, zog hinter ihm vorbei. Kein Mann im Dreispitz tänzelte da auf einem Schimmel vorüber. Da war kein Prunk von Schabracken, kein Blitzen von Knöpfen an den Schoßwesten verschollener Epochen; kein Gefunkel von Zierdegen, keine Bühne für einen halbspielerischen, halb brutalen Militarismus mehr –: sondern da gab es nur eine formenarme Menschenmasse, die, von einer dunkeln Notwendigkeit getrieben, um die zerborstenen Quadern sich mühte, um sie wieder aufzubauen, und die keinem Sklavenhalter folgte, sondern deren jeder aus dumpfem Drang heraus still und geschäftig schuf.

Zuweilen machten sie eine Pause, und Erwin glaubte, viele Gesichter zu bemerken: – keine geduckten Köpfe mehr, sondern auf aufrechten Nacken getragene, deren Ausdruck in einem seltsamen Besserwissen erglänzte, einer Art trotziger Überzeugung; und es klang murmelnd, aber deutlich genug durch den noch unharmonischen Stimmentumult: »Das frühere konnten wir; – aber das jetzige können wir auch

Zuckschwerdt blitzte noch eine Weile in den leeren Zuschauerraum von Erwins Brust hinein. Ich muß mich selbst mit Publikum füllen, erkannte Erwin, um diesen stummen und ungelenken Schauspieler zu würdigen; denn für mich allein ist er zu problematisch.

Ist er nicht brutal? Ist er nicht eine vernichtungswerte Ausgeburt von früher? Nein, es scheint doch, daß er Reserven hat. Er kontrolliert einen größeren Apparat, als ich dachte: Er macht das neue auch.

Man brauchte ihn früher und so tat er mit. Er war treu denen, die ihn falsch gebrauchten und wird denen treu sein, die seine Energie in die richtigen Kanäle leiten.

Heil dir, mein Guter! Du warst unerquicklich, du fielst nicht bloß mir auf die Nerven, du arbeitetest dich ab auf dem wesensfremden Hintergrunde hier; eine Karikatur warst du, ein schlechtangebrachtes versprengtes Stück aus dem geometrisch reizlosen Mosaik fern dort drüben, das man mit Stahl und Zement zusammengekittet: – demselben Zement, aus dem man in blutigem Schweiß, in keuchender und am Ende verröchelnder Kraftentfaltung, die schlimmen Termitenbauten dieses Krieges schuf. – Welch ein Schicksal!

Der Trieb war in dir, der Sache zu dienen, und mit welcher Folgerichtigkeit rang sich der Dämon Pflicht in dir müde! Du warst konsequent, und diese Konsequenz mußte dich vernichten. Ja, triebst du nicht eigentlich Selbstvernichtung? War es etwa alles bewußt, was du hier vollführtest?

Mit einem Male, mit einem tieferen inneren Schrecken glaubte Erwin zu erkennen, was das Wesen des Belächelten und offen Verachteten im Grunde genommen bedeutet hatte. Ja, Zuckschwerdt hatte (darüber durfte er sich keinem Zweifel hingeben) bewußt Selbstvernichtung getrieben.

Er war intelligent genug gewesen, um zu erkennen, wie er sich schadete. Aber es schien, als habe er mit einer wahren Wollust sich an den Kanten blutig gerissen, die das Leben hier im Lande fanatischer Ideenfremdheit ihm auf Schritt und Tritt entgegenschob.

Je mehr er diese Fremdheit, den demokratischen Gedanken, gegen den seine ganze Tradition sich mit jeder Fiber sträubte, gegen sich anschwellen fühlte, desto bewußter, desto eckiger hatte er seinen Geist, den Geist der letzten vierundvierzig Jahre, dagegen ausgespielt.

Er war geschmacklos, er war töricht; aber er war echt. Die innere Unruhe ließ ihn nicht müde werden. Es mußte ihm fast eine Erlösung gewesen sein, als die Kraft, die er bekämpfte, ihn im Nacken packte; als diese schleichende, lächelnde Verlogenheit, die er nicht durchschauen konnte der Charakter dieser Rasse hier, – die ihre Selbstbeherrschung und ihr Rückgrat an so ganz anderen Stellen zeigte, wo er sie seinem eigenen Wesen nach vermuten konnte – plötzlich und brutal die Zähne zeigte. Er wollte dieses wie ein Aal ihm entgleitende Tier mit der Panzerhand packen und reizen. Er hatte es erreicht.

Hinter dem Stacheldraht fand er Frieden; den Draht konnte er nicht mit den bloßen Händen zerfetzen. Er hatte genug gekämpft.

Sein Kampf war ein stillerer als der an der Front. Es war ein fanatischer Kampf des Individuums gegen die Idee, des Stieres in der Arena, der mit den Hörnern im Sand pflügt und fast irrsinnig vor Wut darüber wird, daß die Widerstände, die er wittert, nie zu finden, nie zu zerschmettern sind.

Aller Haß gegen den Mann ging in Erwin zur Ruhe.

»Wenn ich die Wahl hätte,« dachte er, »ein Weltbild neu aus mir zu erschaffen und es irgend woher mit dem Material fruchtbarer Ideen zu füllen, so wüßte ich, daß ich mich nicht mehr vergreifen würde. Dieser Zuckschwerdt wurde produktiv, als er hinter dem Stacheldraht saß, produktiv auf seine eigene Weise. Wie sagte doch der Pastor? – »Er wurde sanft, gesellig und ein guter Kamerad.«

Sanfte Geselligkeit, das ist etwas Schöneres als »Respekt«; Anhänglichkeit etwas Besseres als Strammstehen. Übereinkommen der Geister, aus sich selbst herauswachsende, freudig anerkannte Autorität, – ja werden wir einmal so weit kommen? Dann schaffen wir etwas Größeres wie diese billige Demokratie hier, diese käufliche »Selbstverwaltung«, diese Scheinfreiheit, diese Sklaverei dummer puritanischer Konventionen, diese Massenverblödung durch »ungeschriebene Gesetze«.

Aber es ist wohl so, daß es nicht jedem geschenkt sein kann, konsequent zu sein. War ich es etwa, habe ich nicht hier gesessen und mich von Einflüssen umspielen lassen? War ich nicht der große Lurch am Sumpfe, der auf den Meteor wartete?

Vielleicht bin ich charakterlos. Ja, ich lege sogar meine Hand ins Feuer darauf, daß ich es bin. Aber es gibt gewisse Entschuldigungen. Ich wäre nicht so stilvoll erledigt gewesen, wie dieser Leutnant. Mein Geist, der nur auf die künstlerische Gestaltung von Sinneseindrücken gerichtet ist, mein Körper, der Handfesseln und Gefängniszellen als mittelalterliche Marter empfunden hätte,... sie beide hätten revoltiert und mich umnachtet.

Ich wäre nicht »sanft und gesellig« geworden. Ich wäre auch kein Idiot geworden, sondern ein geiferndes Tier in der Zwangsjacke, dunkelsten Instinkten ausgeliefert und auf sinnlose Zerstörung erpicht. Man hätte das nicht mit mir machen dürfen. Der alte Mann am Fountain-Square ist klug. Er überspannte den Bogen nicht. Er wußte, daß es auch unter Deutschen Nuancen gibt.

Aber es ist nicht hinwegzuphilosophieren, daß ich charakterlos bin. Vielleicht jetzt in diesem Moment erst, mit dieser ersten Erkenntnis des wahren Sachverhalts, zeige ich zum erstenmal eine Art Charakter und eine Spur von dem Rückgrat, das ich abhanden gekommen wähnte.

Ich bin nicht tot; noch habe ich Kräfte in mir und diese Kräfte streben auf ein bestimmtes Ziel hin. Ich muß sie sammeln, muß sie wieder pflegen und in den Dienst eines Zweckes stellen.

Und dieser Zweck, was läge näher, als ihn zu nennen: »Verteidigung des Leutnants Zuckschwerdt, eine kleine Schrift zur Erleuchtung an sich zweifelnder Mitteleuropäer?« – Ich würde etwa sagen: »Er ist nicht so schlimm, wie ihr ihn jetzt ausmalt, und war nie so prachtvoll, wie eure geblendeten Augen einstmals glaubten. Er ist ein Mensch wie wir alle. Aber man hatte ihm gewisse Ideen ins Hirn gesetzt, die man einseitig begoß und wuchern ließ unter dem Treibhaus einer Sonne, an der noch mehr Platz war, wie man sich gelegentlich einzureden liebte. Nehmt ihn so wie er ist, zieht ihm den Panzer herunter, aber zieht ihm keinen Gehrock dafür an, um Gottes Willen keinen Gehrock!«

Als der letzte ersterbende Schlag drüben fiel, dieser bewunderungswürdige letzte Auftakt, da hat der Prophet – (und wie glaubhaft hat er es uns Außenstehenden doch noch kürzlich zu machen verstanden!) – das Wort gesprochen: »Das Ding, das wir uns auszusprechen scheuen, zeigt uns wiederum sein häßliches Gesicht.«

O du sanfte Professorenseele!

Ja, häßlich ist dies Gesicht. Schön ist es nicht im akademischen Sinn. Es hat eine Nase wie einen stumpfen Schnabel und feuchte, strotzende Lippen; es blickt scharf unter Brauen hervor, die wie ein Strich sind, und hat einen Nacken wie ein Stier. Schön ist es nicht, oh Woodrow; aber seine Konturen werden dauernder sein als deine blasse Schreibtischmiene.

Dieses »Dinges« Augen werden noch Blitze schießen, wenn deine geblendeten Lider sich halb gelähmt geschlossen.

Wir haben noch mehr auf der Palette als deine hübsche Utopie. Was du vorzubringen weißt, steht auch in unserem Programm. Wir haben es einmal auf eine Weise probiert, und nun werden wir es einmal anders versuchen.

Voraussichtlich wirst du zusehen und dir deine kalten Finger streicheln, wenn du deine vierzehn kleinen Arrangements deinen Freunden entwickelt hast und sie sich mit halbem Lächeln damit befassen werden. Vielleicht erreichst du es sogar, daß sie dich ernst nehmen. Selbst Leute wie ich sind ja auf dich hereingefallen!

Deine Askese gibt dir eine gewisse Größe. Deine Selbstgefälligkeit, von dem ungeheuersten Blasebalg angefacht, den die Welt je erschaffen, war imstande, sich erstickend und blendend über fünf Jahre hinüberzublähen. Aber wenn dies Gebilde einmal platzt, so wird sich verschiedenes hier in den Köpfen verschieben; und auch die still Gewordenen in Deutschland, die dann erst anfangen, sich gründlich mit deiner Echtheit zu befassen, werden die Köpfe schütteln und etwas Wertvolleres erschaffen haben. Es wird ein Gemurmel durch alle Ecken von Europa gehen, und dies Gemurmel wird heißen: »Geprüft, gewogen und zu leicht befunden!«

Damit, meditierte Erwin weiter, soll nicht gesagt sein, daß nicht auch du deinem Dämon folgtest. Du meintest, was du sagtest, im Augenblick, wo Du es sagtest. Sehen wir zu, was du erreichst.

Vielleicht gelingt es dir mit deinen angelsächsischen Kinnbacken, dich nicht von den schlauen Opportunisten, dich nicht von der europäischen Seele umgarnen zu lassen. Hoffnungen schwimmen in deinem Kielwasser geknechteter oder mißleiteter Massen, wie sie noch nie auf einen einzelnen Mann getürmt worden sind.

Du weißt das alles und du drückst es zierlich aus. Du triffst mit zehn Worten auf zehn Nägelköpfe.

Aber warten wir ab, ob deine Posaune die Türme von Jericho wirklich ins Wanken bringt! An verschiedenen Stellen hast du schon Löcher geblasen, aber noch stehen Basteien; – blase weiter!

Oder baust du dir vielleicht ein trojanisches Pferd, um dich in das Herz der Heimat deines Freundes Zuckschwerdt schleifen zu lassen, lächelnd herauszusteigen, den Zylinder lüftend und zu sagen: »Verzeihen Sie, meine Herrschaften: eine kleine, im Internationalen Recht erlaubte Finte?!« Nein, dazu bist du doch zu gut; denn du bist schließlich auch echt in deiner Art. Es gibt verschiedene Typen von Menschheitsbeglückern. Hoffen wir, daß du unter die Handelnden und nicht unter die Schwätzer fällst.

Mildred hörte von Zuckschwerdts Tod.

Drei Tage lang sagte sie nichts und am vierten endlich mit einem leichten Zurückwerfen ihres Kopfes: »Er hat ja die kleine Katze umgebracht; aber die Schwätzer in der Welt haben mehr Morde begangen als er. Wilsons Rekord zu brechen wäre ihm selbst hinter einem Maschinengewehr nicht gelungen. Er hatte Rasse. Das sehe ich jetzt ein, und darum entschuldige ich ihn.«

Der Funke von Unruhe, den die Nachricht des Pastors in Erwins Blut geworfen, schwelte weiter. Ihm war, als ob dieser Vorgang nur symbolisch sei für etwas Größeres, Kommendes.

Doch ward er sich dieser Unrast nur in vereinzelten Momenten bewußt; im allgemeinen hielt die grenzenlose, alles niederhaltende Nüchternheit ihres Lebens ihre Faust auf ihm. Das einzig Positive, was die Nachricht zurückließ, war eine Melancholie, wie er sie noch nicht gekannt, die mit Resignation oder Stumpfsinn nichts zu tun hatte. Irgend etwas Bewußtes stand dahinter.

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