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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ausklang

Der neue Daniel

Spießruten

Der »Hunne von Pleasant Ridge,« seiner Geburt, seiner Denkungsweise und seines Zeichens nach Deutscher, lag angekleidet auf seinem Bett in der geräumigen Dachstube, die zu dem von ihm gemieteten oberen Stockwerk einer Villa gehörte und blickte durch das quadratisch abgeteilte Fenster, in dessen Rahmen nur der Wipfel eines mächtigen Baumes im Tal und Himmelsblau zu sehen war.

Er hatte ein aufgeschlagenes Buch neben sich, doch las er kaum darin, sondern starrte entweder durch das Fenster oder an die Decke.

Jetzt stand er auf, füllte sich mit trägen Bewegungen ein kleines Standglas mit einer goldigen Flüssigkeit, die aus einer dickbauchigen Flasche stammte. Es war Susquehanna-Whisky und er hatte in letzter Zeit mehr als ihm gut war daran Geschmack gefunden.

Schläfrig war er nicht, aber vollkommen apathisch; ja es schien, als ob der Alkohol absolut keine Wirkung mehr auf seinen trägen Körper habe.

Es war im Hochsommer des Jahres achtzehn. Die große Offensive war im vollsten Schwung: jener letzte knirschende Befreiungsversuch des gefesselten Riesen, des Gullivers, den ein Gewimmel kluger und zäher Zwerge in Stahlmaschen verstrickt, so daß seine schwellenden Muskeln an allen Stellen gelähmt waren, wo er sie noch vernichtend hätte brauchen können.

Sie hatten seinen Mund mit Zeitungspapier zugedeckt, so daß man das Flüstern, das sich ohne Draht durch die Luft fortzupflanzen mühte, nicht mehr über die Meere hörte. Sie hatten seine Ohren damit verstopft und seine Augen damit geblendet. Und seine Wendungen in den Fesseln, seine Drehungen genügten noch, um sie im Umkreis fortzuscheuchen.

Aber sie rotteten sich wieder zusammen und attackierten ihn dort, wo sie seine Ohnmacht witterten.

Es war kurz vor dem Zusammenbruch. Schon ging sein Atem mühsam, schon schien es, als höre man Rasseln aus der mächtigen Lunge, das Selbstauflösung und Rückzug prophezeite; – aber noch waren sie nicht sicher, die Zwerge; – aus vierundzwanzig buntgescheckten Stellen der Welt schickten sie neue Kräfte herzu, verschmolzen ihre Farben und waren trotz Wunden und Verstümmelungen doch immer wieder eins, wie ein Rattenkönig, der im Akkord pfeift und lieber eines von seinen Häuptern selbst vernichtet, als daß er seinen unnatürlichen Zusammenhang selbst zerrisse.

Zwölf Monate hatten an Erwin genagt, ihn mit immer neuen Hoffnungen geplagt, ihn in immer tiefere Verzweiflungen gestoßen, so daß am Schlusse diese maßlose und unverhältnismäßige Apathie ihn ergreifen konnte. Daß er sein Haus nicht mehr verließ, daran war ein neues Edikt des Marshalls schuld, das ihn auf seine eigene Straße beschränkte, wenn er sich Bewegung machen wolle.

Sie war eine hübsche Allee auf dem Kamm eines Hügels und ein schmuckes Haus folgte dem anderen. Keines unterschied sich im Bauprinzip von seinem Nachbarn; denn alle hatten die Veranden nach vorn, einen Ziergarten davor mit englischem Rasen und hinten die weißgestrichene Garage.

Warum ging er nicht hinaus und machte sich Bewegung? Auch die Aussicht war hübsch!

Ein von Mais- und Weizenfeldern, kleinen Hainen und Kuhgeländen gesprenkeltes Tal eröffnete sich und verschwand dort unten im blauen Dunst des Fabrikenkranzes, in den Cincinnati gebettet liegt.

Nach einer Seite hin glich dies wellige Terrain zuweilen dem Meer; denn es gab tief purpurne Sonnenuntergänge, die parallele Wolkenbänke beleuchteten, und in schönen Nächten trat der Mond dort, ohne durch Höhen verzögert zu werden, prächtig rötlich und oval hervor.

Die Natur war üppig hier. Winde strichen, freiheitliche Winde aus allen Ecken des Himmels. Es war eine Gegend für Vögel und doch war sie ein Gefängnis, schlimmer als eine Zelle.

So oft er heraustrat auf den betonierten Weg, wurde der Haß lebendig, als trete er in ein Hornissennest. Daß Steine an seinem Kopf vorüberschwirrten, merkte er schon gar nicht mehr. Es waren keine schweren Steine, die Verletzungen hervorrufen konnten, und sie prallten auch manchmal harmlos von seinem herabgezogenen Panamahut ab; denn Pleasant-Ridge wußte genau, daß in diesem Staate der Union etwaige Lynchjustiz peinlich auffallen werde und brüstete sich mit einer gewissen »traditionellen« Kultur. Auch verletzt man eine Sehenswürdigkeit, auf die man sich fast etwas zugute tat, nicht unnötigerweise. Dies war ihr Hunne und sie neckten ihn. Er lief Spießruten und das machte ihnen Spaß.

Besonders das weibliche Element der liebenswürdigen Kolonie, das große politische Debatten, die die Gegend mit Gekreisch erfüllten, zu den Abendstunden auf Schaukelstühlen abhielt, wollte den Augenschmaus nicht vermissen; und es war eine fast schmerzliche Enttäuschung, als man bemerkte, daß Erwin es vorzog, eine Weile sein Haus nicht mehr zu verlassen. So konnte man sich wenigstens Mutmaßungen hingeben, was er drinnen treibe.

Das bedauernswerte Geschöpf von einer Frau, die er da an sich gefesselt, diese so tief gesunkene Engländerin, die mit ihm hauste und für die bestgemeinte Sympathie so wenig Verständnis zeigte, die ließ man in Ruhe oder schickte höchstens mitleidige Schnalzlaute hinter ihr her. Sie hatte ja auch viel zu tun, das arme Geschöpf. Was in aller Welt konnte sie aber auch dazu bewegen, sich freiwillig in eine solche Situation zu begeben? Sie war selbst daran schuld gewissermaßen.

Die Väter, die ringsum mit ihren halbwüchsigen Söhnen über den Landkarten jenes kuriosen Weltwinkels »Europa« brüteten, waren dankbar gegen das Schicksal, daß sie ihren Sprößlingen einen Hunnen in persona vorführen durften. Wenn etwa die Vorstellungsgabe der Knaben versagte, so wies man mit dem Finger durch das Fenster und sagte: »Stellt euch so etwas vor, zu hunderttausenden, dann habt ihr den Gegner. So sieht er aus. Ihr könnt ihm zu Leibe gehen, wenn der Krieg, was Gott verhüte, noch lang genug dauert; und wißt, was für eine Abart von Mensch euch entgegentritt.«

Die Knaben dachten sich nicht »was Gott verhüte«, sondern: »Was Gott gebe.« – Denn das mußte ein milder und amüsanter Sport sein, solch schwerfällige und untrainierte Kreaturen, wie diesen Deutschen hier, zu Paaren zu treiben. Einstweilen konnte man sich ja schon darin üben, indem man ihn belästigte.

Wenn man abends vor der Haustüre den dicken Fausthandschuh anzog und sich den Hartgummiball zuschleuderte, so war es ein guter Scherz, wenn man die Richtung des Balles auch einmal so lenkte, daß er Erwin an den Rücken flog, und im Chor schrie: »We beg your pardon« und mit frechen und kalten Gesichtern heranstob, um sich zu erkundigen, ob er mitspielen oder noch ein Weilchen stehenbleiben wolle, um zu verhindern, daß der Ball ins Tal hinunterfliege.

Es waren harmlose blonde stupsnasige Jungen voll guter Instinkte, und Erwin mochte sie leiden. Aber wenn er sich früher auch in ein kleines Gespräch eingelassen und dafür ein scheues halbverlegenes Lächeln geerntet, er unterließ es jetzt; und sein müder glanzloser Blick sah durch sie hindurch wie durch Glas.

Zuweilen kamen Briefchen ins Haus ohne Unterschrift; törichte kleine Frechheiten oder dumme Bedrohungen, die er ostentativ auf dem Balkon zerriß und in die Gegend streute. Wenn er mit den zwei oder drei Bekannten telephonierte, die in der Stadt halb aus Notwendigkeit oder weil sie nichts zu riskieren hatten, zu ihm hielten, so geschah es fast regelmäßig, daß er während der Unterhaltung ein verdächtiges kleines Geräusch hörte, das ihm zeigte, daß irgendwo ein neugieriges Ohr sich an den Draht angeschmiegt; daß irgendein von »Patriotismus« fieberndes altes Weib im Dienste der Regierung seine natürliche Neugier offiziell befriedigte.

Er schloß ein solches Gespräch dann gewöhnlich mit einer ziemlich groben Bemerkung ab, die auf den Lauscher gemünzt war, und sorgte so dafür, daß neue Rachegefühle gegen ihn entstanden. Ihn freute das.

Er saß ja leidlich sicher verschanzt; und das wenige Gift, das er auszuscheiden in der Lage war, kam so an die richtige Adresse.

Mit Mildred unterdessen stand es so: Um acht Uhr erhob sie sich und nährte das Kind. Es war ein dunkelblonder Knabe, nun acht Monate alt. Er gehörte ihr allein. Sie ließ niemanden an ihn heran. Er war die Frucht tiefer Qual.

Das Frühstück, das in eine Tageszeit verlegt wurde, wo man es mit dem Mittagessen verbinden konnte, half Erwin ihr zubereiten. Sie tischten es sich gegenseitig auf ohne viel Zeremonie, in vollster Apathie, auf je einen Teller. Manchmal beschränkten sie sich sogar auf die Küche, um sich nicht gegenseitig unnötige Arbeit zu machen.

Denn sie hatten das Gefühl, daß sie sich gegenseitig in Ruhe lassen mußten. Zuweilen in Momenten, wo irgend etwas halbwegs Neuartiges sich ereignete, konnten sie sich wohl auch einen Kaffee brauen oder ihr altgewohntes Halma spielen; aber selbst diese beschaulichen Gewohnheiten versickerten im Triebsand tödlichsten Stumpfsinns. Selbst das Erwin sich noch vollständig anzog, war fast ein Wunder zu nennen; Mildred beschränkte sich darauf, ein waschleinenes Kleid aus einem Stück zu tragen, und ihn konnte man wohl auch tagelang in seinen Pyjamas beobachten.

Mildred lebte wie ein Uhrwerk. Sie stand auf, verrichtete die Obliegenheiten des täglichen Daseins, die sie auf das geringste Maß zusammenstrich, mit Unlust, ging früh ins Bett und stand mit derselben Unlust wieder auf. Das einzige, was ihrem Dasein noch eine Art Inhalt zu geben schien, war das Kind. Bei dem leisesten Schrei erhob sie sich und sah nach seinen Bedürfnissen. Sie redete selten und lachte nie. Ihr Gesicht war wie gefroren, ihre Augen stets halb geschlossen, ihr Kopf hing vornüber und aus ihrer Figur war jene Straffheit gewichen, die Erwin früher so an ihr geliebt; jene selbstbewußte Inangriffnahme des Lebens, in welcher Form es auch kommen wollte. Sie war versteinert.

Zuweilen mit einer rührenden Bewegung legte sie ihm die Hand auf die Schultern und ließ ihren Arm wie ein Stück Holz auf dem seinen ruhen. Er strahlte keine Wärme mehr aus, dieser Arm. An ihren Mundwinkeln saßen zwei scharfe Falten und ihr Blick hob sich ihm nicht mehr licht, frei und verheißungsvoll entgegen wie früher, da sie ihm sagte: »Hab nur Geduld, der Wahnsinn muß ja doch einmal zu Ende gehen.« Nein, sie drehte ihre Pupillen fast mit Mühe in die Höhe, wenn er ihr Kinn hob und wenn sie sich ansahen, so war es, als stelle man zwei halbverwaschene Bilder einander gegenüber.

Die Zeitungen häuften sich dick in der Ecke auf. Man würdigte sie keines Blickes mehr. Druckerschwärze prahlte wild wie früher, doch diese blechernen Alarmklänge wirkten nicht mehr, vermochten nicht einmal mehr schwachen Ekel zu erzeugen.

Was Erwin von den Vorgängen erfuhr, bezog er zum Teil von Mildred, und es gelang ihm, sie für Momente gesprächig zu machen, wenn er ihr nahelegte, ein Glas der Flüssigkeit, die sie ihm jetzt halb verzieh, zu sich zu nehmen.

Wenn das Kind schlief und sie fühlte die sanfte Wärme des Alkohols in den erschlafften Gliedern, dann gab sie Erwin zuweilen kurze dramatische Schilderungen. Widerwillig gab sie sie, doch mit einer Plastik und einem Darstellungsvermögen, die ihn bezaubern konnten, da er die so tief und schändlich vergewaltigten Talente wiederum witterte, die in diesem Wesen vergebens nach Ausdruck rangen.

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