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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Katastrophe

Erwin war sich vollständig klar, als er zu Hause angelangt war, daß Gewitterwolken über dem Haupte des Leutnants hingen. Er fühlte die Verpflichtung, ihn telephonisch zu warnen und ihn von seinem letzten Interview mit dem Marshall in Kenntnis zu setzen.

»Es wäre das beste, wenn wir uns überhaupt nicht mehr sähen,« meinte er, »denn ich schade Ihnen und Sie schaden mir und der alte Kerl sucht jetzt nach einem Anlaß, um Ihnen ein Bein zu stellen. Das habe ich neulich gemerkt. Das beste wäre, Sie verschwänden unauffällig von der Bildfläche und tauchten in einer ruhigen anderen Ausgabe irgendwo in New York oder sonstwo wieder auf.«

»Fällt mir gar nicht ein,« dröhnte die Stimme durchs Telephon. »Der Zuckschwerdt macht immer noch, was er will. Bluff ist das, was Sie da zu hören gekriegt haben, nichts als Bluff. Mich und einschüchtern?! – Gibt es gar nicht. Im übrigen, wenn man mich fragt, wer von uns beiden der Schlappere...«

Erwin hing das Hörrohr an und schloß innerlich mit der Bekanntschaft ab. Doch sie wirkte weiter.

Er zog sich fast einen ganzen Tag lang in sein Schneckenhaus zurück, um über Zuckschwerdt nachzudenken und sich darüber klar zu werden, warum er einen wachsenden und unverhältnismäßigen Haß gegen ihn spürte.

An sich betrachtet (das war er sich klar), würde diese Figur in Mitteleuropa oder an der Front nicht im geringsten aus dem Rahmen gefallen sein. Aber war es nur der wesensfremde Hintergrund, der sie so scharf hervorhob und ihre unangenehmen Seiten in so grelles Einzellicht setzte? Hatte dieser Mann nicht auch eine Menge liebenswürdiger Eigenschaften? War er kein netter Plauderer? Hatte er nicht durch viele kleine Galanterien versucht, sich das Herz Mildreds zu erobern, ohne auf irgendwelche Gegenleistung zu rechnen? Nein, die Wurzeln dieser tiefen, ihn fast unglücklich machenden Antipathie mußten tiefer liegen. Es war der Haß gegen das Symbol.

Ich habe ja auch diese Eigenschaften an mir, dachte Erwin. Ich habe meine primitiven Momente, wo sie geweckt werden. Aber ich halte vielleicht solche Teile meiner selbst besser in Schach, besser im Zusammenhang mit den anderen, die ein gewisses Gegengewicht sind; – mit Produktivität, einer, wenn man will, Wechselwirkungen erzeugenden Geistigkeit. Dieser Mann aber besteht aus einer einseitigen Ausbildung von purer animalischer Kraft.

Er ist der Draufgänger, er ist die Konkurrenz und der offene Verzicht auf höhere Werte. Sollte der fanatische Schulmeister in Washington doch den Finger auf einen Punkt gelegt haben, der uns nottut?

Wenn man diesen Deutschen sieht, so glaubt man fast, daß Wilson recht hat. Nimm deinen Finger aus der Wunde, deinen runzligen steifen Finger, Professor! Bist du wirklich ein Prophet?

Er suchte ein paar der letzten Reden hervor und verschlang sie noch einmal mit dem Auge. In einer peinlichen Folgerichtigkeit ketteten sich die wundervoll gebauten Sätze aneinander. Scholastisches Englisch, prunkend von wirkungsvollen Archaismen, in einer eindringlichen, nimmermatt gehäuften Tautologie... Wie berauscht sich doch dieser Bilderstürmer an seiner Utopie!

Wäre es denkbar, wäre es wirklich denkbar – (und seine Hand zerkrampfte das ciceronianische Prunkstück der »Predigt vom Mount Vernon«) –, daß es dieser Hörsaalfigur, diesem steifen Bakelschwinger über Nationen, diesem Pfaffen der Demokratie, der völkische Vorurteile mit einem Strich roter Tinte auszumerzen sich erkühnte, – daß es diesem Manne wirklich gegeben wäre, das Tor zu einer neuen unerhörten Epoche aufzureißen?

Freilich neben seinen abstrakten und unendlich berauschenden Gedankengängen nimmt sich der Haufe von erbosten Stacheltieren, die da drüben ganze Länder zerschnüffeln, ein wenig wie Chaos oder dumpfe Urzeit aus. Hier ist eine klare Posaune, dort ein Durcheinanderschmettern verstimmter Instrumente. Gebe Gott, daß der Tubenstoß das Blutorchester einmal zum Schweigen bringt!

Ist es wirklich denkbar, daß eine Auslösung schrankensprengenden Hasses hier nur ein Mittel zu höherem Zweck sein könnte? Daß der Teufel mit Beelzebub bekämpft wird, damit der Erzengel wahrer Demokratie sich licht herablassen kann auf den Dämon des Metalls, wenn er erdrosselt daliegt wie Unflat in der Morgensonne? – Ist es denkbar, daß Prinzipien, die so sonor, in solch sinnfälligen Akkorden, mit so höherer Logik an das Menschlichste appellieren, Wurzel fassen, Echo finden und eine Völkerfamilie auf ihrer klaren Basis dereinst zusammenschmieden?! – – –

Erwin fieberte.

Der Meteorstein war in den Sumpf gefallen und hatte aufgezischt. Ganz übersprüht war er von neuen Ideen.

Eine gewisse Unruhe, die mit geheimem Besserwissen zusammenzuhängen schien, beflügelte seine Gedankenwelt.

Es war irgendwie, als ob das Lächerliche jener Photographie, der hölzernen dozierenden Figur dort oben im Bureau des fragwürdigen Stadttyrannen verblasse. Der törichte eckige Unterkiefer des echt englischen Kopfes verschwand. Die Pose auf der Tribüne bekam etwas Rührendes, als ob eine unbeholfene Seele, lodernd in reiner Absicht, sich gegen einen Tumult unreiner, selbstischer Interessen stemme. Der primitive Glaube an die Grundidee eines zusammengeschweißten Staatenwesens, das Erwin früher künstlich erschienen, brachte das brodelnde Rassengemisch unter den Schutz und die Verschmelzung einer flammenden Flagge, die im Glanz eindeutiger Berechtigung, allen zur Erkenntnis, hochgeschraubt hing.

»Wieviel muß ich hinunterwürgen,« dachte Erwin, »wieviel Tradition muß ich noch aus meinem System reißen?«

Das waren Urschmerzen, die ihn befielen.

»Es geht nicht ohne Qual ab, ein Weltbild auszumerzen und ein anderes dafür hineinzusetzen. Mir war einmal, als ob eine Scheidewand zwischen meine Jugend und meine Zukunft geschoben würde. Bis jetzt war sie noch durchsichtig; bis jetzt sah ich noch holde Gebärden aus meiner Kindheit und ein Deutschland aus Hügeln, Kirchtürmen und selbstgenügsamem, innerem Reichtum.

Da kam eine Figur mir in die Quere wie Zuckschwerdt. Auch ein Deutschland, aber eines, das ich zu übersehen liebte, das Entstellung jenes anderen bedeutet.

Es ist gut, wenn die Wand, die durchsichtige, sich verdunkelt. Ich will nichts sehen von dem früheren Panorama. Lassen wir die neue Idee hier betriebsam sein und schließen wir die Tür endgültig hinter uns zu.« Es kam ihm seltsam vor, als ob die Kluft, die er vor zwei Jahren so deutlich gewittert, sich nunmehr so vergrößert, so trostlos gespalten habe, daß er nicht mehr imstande sei, Stimmen vom anderen Ufer zu hören.

Der Mensch ist nicht vollkommen, beruhigte er sich dabei, wenn er nicht einmal bis über die Ohren in einer ihm sonst wesensfremden Idee gesteckt hat. Erst dann findet er die Distanz. Es mag charakterlos sein, daß ich mich so treiben lasse, aber ich will einmal über mich verfügen lassen, um zu sehen, welch neue Quellen ich in mir entdecke. Man kann nicht immer am Knochen der Tradition herumkauen, ohne daß er den Geschmack verliert.

Hier reicht man mir wieder Fleisch und Blut. Sehen wir zu, wie ich die neue Zubereitung vertrage.

Er ging herab und versuchte Mildred zu erklären, was ihn so intensiv beschäftigte.

»Ich habe auch darüber nachgedacht,« sagte sie. »Aber man kennt die Sache ja hier auch nur von der einen Seite. Wilson kann reden. Ich habe noch nie einen Redner gesehen, der ein solch geläufiges Repertoir hätte. Father Vaughan stammelt, an ihm gemessen. Doch du mußt bedenken, vielleicht ist viel Eitelkeit dabei und im Grunde genommen, was weiß er von dem Deutschland, das du bist? Er weiß nur etwas von Zuckschwerdt, und das auch sehr von hinten herum, vermute ich. Die Fama vergrößert. Der Mann hat in Oxford studiert und war kaum auf dem Kontinent. Ich vermute, er hat keine Ahnung von Europa.

Er macht es sich sehr bequem. Das alles liegt doch nicht so auf der Hand, wie er sich vorstellt. Mit diesem Volk hier kann er umspringen. Was ist das auch weiter als ein großer Schmelztopf und er rührt darin herum! Wenn einer einen Strohhut aufsetzt, setzt alles einen Strohhut auf; wenn einer eine Idee hat und sie recht geschickt annonciert, daß sie einem auf jeder Zeitung entgegenbrüllt, so hat jeder Einzelne in einer Woche dieselbe Idee. Nichts ist leichter als Propaganda mit Amerikanern zu machen.

Dem größten Schreier laufen sie nach und vorläufig kommt mir der Erfolg Wilsons nicht anders vor als der von Billy Sunday.« – »Ach«, beschloß sie wegwerfend und straffte den Nacken... »Ich mag überhaupt diesen Puritaner nicht. Europäer sind keine Engel, aber auch keine Herde von Schulkindern ... Am Schluß kommt es doch darauf an, wer den andern unterbekommt; und der alte Devanney hat recht: Dadurch ändert sich an menschlichen Eigenschaften kein Jota. Ob ihr nun unterliegt oder nicht, macht für mich keinen Unterschied, macht auf die vernünftigen Menschen jeder Rasse keinen Unterschied. Ihr habt bewiesen, daß ihr eine kolossale Energie habt.

Ihr seid taktlos, das stimmt; und macht die größten Dummheiten. Eure Diplomaten sind von köstlicher Unbefangenheit. Ihr seid überhaupt zu logisch.

Darin beruht eure Schwäche und man stellt euch ein Bein. Im Verkehr zwischen Diplomaten oder in der Beurteilung von Stimmungen gibt es keine Logik. Man fühlt nach und ist Opportunist.

Sieh dir doch Downingstreet an! Welche Opportunisten! Wie vergeßlich im richtigen Moment! Wie fix und fertig mit kleinen Verschleierungen und Verschweigungen!! Und dann halte daneben diese rührende Offenheit eures Auswärtigen Amtes!

Ich war einmal in Chile bei einer Freundin zu Besuch, deren Vater sich große Ulmer Doggen hielt. Wer da unbefugt in den Garten kam, riskierte sein Leben. Ein Rotto kam nicht heil wieder heraus; aber auch ein Freund des Hauses fühlte sein Blut gefrieren; denn er wußte noch nicht, daß die großen kindlichen Hunde ein paar Zentimeter vor seiner Gurgel innehalten und sich wedelnd auf die Pfoten niederlassen würden.

So seid ihr! Ihr seid gereizt. Man behandelt euch schlecht, überall erklärt man Krieg gegen euch. Natürlich macht euch das schlechter Laune. Aber ihr tut so, als wolltet ihr aller Welt an die Gurgel springen. Warum nicht einmal bellen?! Und das törichteste ist, daß, wenn ihr bellt oder wedelt, ihr es am falschen Flecke macht.«

»Du verabreichst uns kräftige Pillen«, lachte Erwin. »Natürlich hast du recht von deinem Standpunkte aus, und ich wünschte nur, ich wäre innerlich nicht so zerrissen und konfus. Dieser Zuckschwerdt hat Gedankengänge in mir angeregt, die besser nicht geweckt wären...«

Die Einrichtung der »Schlaraffia« ist weltbekannt. Überall wo sich Deutsche vor dem Kriege im Ausland in größerer Zahl zusammenfanden, bildeten sie eine Zweigstelle.

Man setzte sich farbige Mützen auf aus Papier, trank Bier und huldigte dem Gesang und der Poesie.

Der Zufall fügte es nun, daß Zuckschwerdt sich gerade bei einer solchen Zusammenkunft befand, als die Spürhunde von Onkel Samuel mit den Ohren an den Schlüssellöchern klebten.

Man sang gerade ein beherztes Lied zu der Melodie des amerikanischen Sammy-Marschliedes, welches beginnt: »Over there«. Und hier taten sich die Türen auf und die harmlose Versammlung mußte sich legitimieren.

Wer amerikanischer Bürger war, durfte nach Hause gehen. Die übrigen wurden sofort in das Federal-Building geleitet, um die Entscheidung abzuwarten.

Es stellte sich heraus, daß Zuckschwerdt seine Papiere noch nicht herausgenommen hatte; daß er somit nicht einmal einen Bindestrich-Amerikaner vorstelle, recht eigentlich auf der riskanten Grenzlinie sich bewege und mit mehr als einem Fuß innerhalb der deutschen Grenzpfähle stehe... Somit wurde er als eindeutiger Hunne bewertet und dementsprechend behandelt.

Er kam, wie Erwin später erfuhr, zunächst mit einigen Raubmördern zusammen in das Gefängnis in Dayton, wo er zwei Monate in einer kleinen Zelle saß, und wurde dann nach Oglethorpe verfrachtet, in Georgia, hinter Stacheldrähte.

Der kleine Greis im Rathaus schien trotz der Gründlichkeit dieser Erledigung Zuckschwerdts noch immer nicht befriedigt. Er äußerte sich Erwin gegenüber in einer Gereiztheit, die in seinen Mundwinkeln und in seinem grauen Schnauzbart nachvibrierte.

»Leute wie Sie machen ja Mißgriffe«, sagte er. »Aber Sie sind ein vernünftiger Mann und haben meine Andeutung frühzeitig genug in Ihre Pfeife gesteckt. Unser Prinzip ist: We watch'em, ... we watch'em ... and suddenly: – we grab'em!! und das ist auch mit Ihrem Freund passiert.

Wir nehmen jetzt wenig Rücksicht mehr. Ich kann meine Untergebenen kaum im Zaum halten. Die Welt dreht sich ja und dies alles wird einmal wieder abflauen; aber wenn wir einmal ein Geschäft unternehmen, so sind wir mit Leib und Seele dabei. Schnell und gründlich, denn die Gründlichkeit« – (hier lächelte er fast entschuldigend) – »ist nicht bloß in Ihrem Vaterlande zu Hause. Auch wir sind gründlich auf unsere Weise. Wo Uncle Sam seine Finger drin hat, zieht er sie nicht vorzeitig heraus, es sei denn, daß er sich verbrenne. Der Brei wird umgerührt, der Quirl ist da.

Aber wir beide bleiben die besten Freunde; wie?«

»O heiliges Irland«, dachte Erwin.

»Sie werden den alten Mann, der so umspringt, nicht mögen; aber« – (und hier entblößte er wieder mit rhetorischer Geste sein Amtszeichen, daß es kupfern aufblitzte) – »mich haben sie hier zum Marshall Attorney gemacht, mich haben sie in die Höhe kommen lassen und ich halte loyal zu diesen Einrichtungen, loyal durch dick und dünn.

Wie Ihr Freund das aufnahm, als wir ihn entfernten? – Er erwartete es nicht und dabei hatte er eine Mütze auf dem Kopfe, die die republikanischen Farben trug und sang ein Lied, das unsern Patriotismus verspottete. Aber natürlich,« – (und hier schnaufte der Greis) – »wir haben ja keinen Patriotismus. Macht es euch nur bequem hier und ersäuft unsere Bürger wie junge Katzen, ohne Warnung und Stoßgebet. Gehen Sie jetzt und bleiben Sie ruhig. Es wird Ihnen nichts geschehen. Dafür sorge ich. Sie sind nicht der Typus, auf den wir heftig zu sprechen sind.

Noch einmal: Die Welt dreht sich und wir können nicht wissen, wer von uns beiden recht hat. Nächstes oder übernächstes Jahr kann wieder alles auf den Kopf gestellt sein und ich bin töricht und bin siebzig Jahre alt.

Einstweilen haben wir mit dem Augenblick zu rechnen! –«

So schloß der Fall des Leutnants Zuckschwerdt. Aber ganz abgeschlossen war er nicht, fühlte Erwin insgeheim. Es war da noch viel, viel zu erklären, richtigzustellen, gutzumachen, aus dem Wege zu räumen.

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