Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willy Seidel >

Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080309
projectid32fc378c
Schließen

Navigation:

Der Brief

Zuckschwerdt entschuldigte sich. Er tat es telephonisch. Er telephonierte noch mehrmals; aber er ließ sich nicht sehen. Offenbar schämte er sich vor Mildred.

Erwin schrieb ihm ein Briefchen, worin er ihm mitteilte: »Wir müssen nicht mehr so oft zusammenkommen; denn wenn uns irgendwelche Späher gesehen haben, so werde ich mit Ihnen unter einen Hut getan, und da ich nicht die Absicht habe, mich naturalisieren zu lassen wie Sie, da ich kein – verzeihen Sie den harten Ausdruck – künftiger Bindestrich-Amerikaner bin, würde die ganze Vergeltung auf mir landen und Sie würden frei davonkommen, und das wäre doch in Anbetracht unseres verschiedenartigen Temperaments ein grausamer Mißgriff.«

Auf diesen Brief antwortete Zuckschwerdt nicht. Vielleicht verstimmte ihn die Tatsache, daß man ihn in eine andere Kategorie schob, da er so lärmend Eindeutigkeit zu verkörpern suchte. Doch aus weiteren Telephongesprächen ward ersichtlich, daß Zuckschwerdt das Schreiben nicht erhalten hatte.

Nach etwa zwölf Tagen bekam Erwin eine Vorladung in das Rathaus. Er ging allein hin. Devanney saß wieder in der Ecke, bat ihn Platz zu nehmen mit derselben Lichtverteilung wie sonst, war sehr höflich, sehr gemütlich und überreichte ihm ein Schreiben, das oben den Vermerk trug: »Department of Foreign Interests«, und, wie Erwin sofort erfaßte, einen abschlägigen Bescheid enthielt.

Der Beginn der Mitteilung lautete: »Es liegt nicht im Sinne der jetzigen Politik der Vereinigten Staaten, Sie ihre Heimreise antreten zu lassen.«

Wie zart ausgedrückt, dachte Erwin. Man behandelt mich schlecht; aber wieviel berechnende kleine Schmeichelei liegt doch in der Tatsache, daß die Politik der Vereinigten Staaten und meine Person irgendwelche Beziehung zueinander haben sollten. Worin beruht eigentlich meine Schädlichkeit für dieses Land? Wie könnte ich diesen in Bewegung gebrachten Massen irgendeine heimtückische kleine Behinderung bedeuten? Das wäre ja geradeso, wie wenn man versuchte, mit einer Kaffeebohne ein Schwungrad aus dem Takt zu bringen.

Etwas wie Stolz überkam ihn darüber, daß offenbar jeder, der irgendwie seiner Rasse angehörte, von vornherein als gefährlich galt; daß man einem solchen ohne weiteres Talente zutraute, irgendeine verschmitzte Spionage phantasievoller, als ihre eigene am Materiellen klebende Phantasie es gestattete, in Szene zu setzen. Dies schoß ihm blitzschnell durch das Hirn, während er das Schreiben von Washington in Augenschein nahm.

»Es tut mir leid,« sagte Devanney, der ihn inzwischen von unten herauf beobachtet hatte. Er kaute an einer Zigarre und seine Augen schlichen dabei an Erwin auf und nieder. »Die Zeit wird ja wohl nicht fern sein, wo Sie Ihrem Vaterlande wieder geschenkt werden.«

»Wenn es nur auf mich ankäme,« meinte Erwin, »so müßte ich freilich wünschen daß diese Zeit nicht so bald kommt. Aber die Dinge liegen jetzt so, daß vorläufig keine Aussicht auf Schluß ist und je länger es sich hinzieht, desto eher scheint die Möglichkeit eines Vergleiches gegeben.«

Hier hörte er plötzlich, wie das Mundende der Zigarre mit knisterndem Geräusch zermahlen wurde und die Stimme des Marshalls, wie die eines Hofhundes, der nach Fliegen schnappt, etwas heiser hervorstieß: »Wir wollen keinen Vergleich.«

Erwin schrak auf. – Der da im Lehnstuhl saß, war ja der Feind und sah in ihm den Feind. Er hatte sich verleiten lassen, irgendeine kleine menschliche Brücke bauen zu wollen und das große konturenlose Raubtier zu streicheln. Nun hatte er es schnappen hören; nun war er auf der Hut.

Der Marshall jedoch war fast im selben Augenblick wieder verwandelt. Er spuckte den Tabak diskret in den Napf, brannte sich seine Ricoro frisch an und strahlte vor Leutseligkeit. »Es wird sich alles machen, mein lieber Herr Notacker«, sagte er sanft, fast vertraulich. »Nicht war, wir bilden uns ein, daß wir recht haben und Sie da drüben haben vielleicht von Ihrem Standpunkt auch nicht unrecht; und so entscheidet sich's eben. Der Mann, der die dickste Haut hat und am längsten warten kann, hat am Schlusse recht. Recht haben ist ja nur eine Zeitfrage. Einstweilen tragen wir unseren Teil dazu bei, Ruhe in der Welt zu schaffen.

»Ihre Auffassung bietet Beruhigung!«, sagte Erwin. Der Marshall fuhr fort: »Sie sind auch kein Mann, der mit militärischen Kraftleistungen und überhaupt mit Drill irgend etwas zu tun hat. Leute wie Sie führen keinen Krieg, und auch ich bin eine friedliche Natur, trotzdem ich manchmal gewissen Leuten, die wir so nächtlicherweise in den Saloons abfangen, unbequem werden kann. Trage mein Teilchen dazu bei, Ordnung zu schaffen in gewissen Distrikten und darin besteht mein ganzer Militarismus. Sie schreiben Ihre Bücher und widmen sich Ihrer Familie und dann werden Sie in Ruhe gelassen; und ich erfülle meine kleinen Obliegenheiten, und man läßt mich dann auch in Ruhe. Es wird mich freuen. Sie wiederzusehen.«

Erwin verbeugte sich und ging.

Der Marshall blickte ihm nach und in seinen Augen war ein Glanz wie von Zinn.

Die Eröffnung, daß es doch nichts mit der Abreise sei, wurde von Mildred ziemlich stoisch aufgenommen.

»Ich hatte mir auch inzwischen überlegt,« sagte sie, »daß es nicht so schnell gehen würde, besonders weil du dich mit einem Mann wie Zuckschwerdt hinbegeben hattest. Zuerst dachte ich ja, er hätte die richtige Methode; nun aber wird es mir doch klar, daß er nicht der Mann ist, der auf du und du mit den hiesigen Gewalthabern steht. Es sollte mich nicht wundern, wenn der Marshall so ein kordiales Benehmen innerlich schlecht vermerkt hat. Dich mag er ganz gern, das schließe ich daraus, daß er mit dir plaudert und sich sogar wegen des Krieges entschuldigt. Das ist eine reizende kleine irische Verlogenheit, denn er weiß, daß das Heil für Irland einmal irgendwie von euch kommen muß.«

Mit ihrer nüchternen Denkungsart hatte sie wieder den psychologischen Kernpunkt der Frage erfaßt. Denn das nächste Mal, da Erwin den Marshall sah, erhielt er die Bestätigung.

Es war ein Edikt herausgekommen, daß sämtlichen nichtbeheimateten Deutschen auferlegte, sich für jeden Gang, den sie von ihrer Wohnung aus in die Stadt unternahmen, einen Erlaubnisschein, oder einen stehenden Freipaß für die kürzeste Strecke zwischen ihrer Wohnung und dem Ort, wo sie beschäftigt waren, zu erwirken.

Erwin besuchte regelmäßig seinen Buchhändler, so daß man wohl von einer dauernden Verbindung sprechen konnte. So kam er wieder in das Bureau. –

In den Vorzimmern wurde er diesmal aufmerksamer betrachtet als sonst.

»Wie machen Sie es nur,« fragte ihn einer der Beamten dort mit schlauem Lächeln, »daß der Marshall Sie so ohne weiteres zu sich kommen läßt? Was knobeln Sie da drinnen miteinander aus? Sie müssen ein schlauer Fuchs sein!« und er zwinkerte mit dem Augendeckel.

»Ich weiß nicht, worauf Sie anspielen,« erwiderte Erwin in schöner Gelassenheit. »Wenn Mr. Devanney so liebenswürdig ist, Interesse an meiner harmlosen Person zu nehmen, so hat das nichts mit irgendwelcher Absicht von meiner Seite zu tun.«

Der Beamte fuhr fort mit dem Auge zu zwinkern und begab sich mit skeptischem Laut durch die Nase an seinen Platz zurück.

Wie müssen sie den kleinen Alten dort hinten fürchten, dachte Erwin.

Er sah eine Reihe von Deutschen, die sich an den Schaltern anstellten und angeschnauzt wurden, daß es schallte. Es waren meistens schlichte Leute, des Englischen nicht ganz mächtig, die mit einer gewissen Schadenfreude von diesen untergeordneten Schaltertyrannen in Ratlosigkeit hineingehetzt, zum Teil roh und sarkastisch behandelt wurden. Er selbst ging anscheinend frei aus und ein.

»Es scheint, ich stehe mit Onkel Samuel auf sehr intimem Fuß«, dachte er. »Käme es auf dieses Bureau an und auf diese Deputies hier, so säße ich vielleicht schon morgen im Gefängnis oder Internierungslager.«

Der Marshall empfing ihn fast noch freundlicher als sonst und gab ihm die Erlaubnis, zwischen seinem Hause und dem Buchladen hin- und herzufahren, ohne weitere Schwierigkeiten. Dann sagte er: »Ich möchte noch eins bemerken. Setzen Sie sich.«

Alle Augenblicke platzten Leute zur Tür herein. Schreibmaschinendamen kamen mit Kopien, die seine Unterschrift erheischten. Er hackte sie mit kratzender Feder darunter. Detektive kamen und erstatteten Bericht. Er hörte mit halbem Ohr hin und machte sich zwei, drei Notizen. Das Telephon schrillte. Er bellte seinen Dialekt hinein, kurze vernichtende Ordres, und schlug dann das Hörrohr abrupt wieder an. Zwischen all diesen Beschäftigungen, die er nebenhin abwickelte, unterhielt er sich mit Erwin, so als ob dies alles in einer Zelle seines Gehirns existiere, die er nach Belieben aus- und einschalten könne, ohne die Funktionen des übrigen Denkapparats zu beanspruchen.

»Wie geht es Ihrem Freunde Söckswert?« fragte er, und seine noch gut erhaltenen gelblichen Zähne entblößten sich in flüchtigem Lächeln. »Ein energischer Mann, wie? Viel unterwegs gewesen? Kennen Sie ihn schon lange?«

Erwin raffte seine ganze Geistesgegenwart zusammen. »Beträchtliche Zeit«, erwiderte er zögernd. »So richtig kennen gelernt habe ich ihn noch nicht; aber ich habe den Eindruck, daß er ein sehr anständiger Mensch ist.«

»Wundert mich, daß Sie sich vertragen,« meinte Devanney sinnend. »Er ist doch so verschieden von Ihnen.«

»Ja, ich führe ein zurückgezogenes Leben, und da hat er eine gewisse Abwechslung für mich bedeutet.«

»So, kommt er jetzt noch häufig zu Ihnen?«

»Nein, er hat anscheinend viel zu tun und wir haben uns nur zuweilen telephonisch unterhalten. Er hätte vielleicht wissen können, daß es mit meiner Heimreise ja nur eine hübsche Phantasie war; aber ich wollte es doch versuchen, weil er mir so zuredete.«

»Er hat Ihnen stark zugeredet? Sie sollten wohl Grüße an seine ... Eltern überbringen?« Devanneys Augen drehten sich zur Decke.

»Ich sollte gar keine Grüße überbringen. Es war reine Sympathie von seiner Seite. Er dachte sich in seiner schlichten Art, daß mir drüben viel mehr Stoff für meine Bücher zufließen würde als hier.«

Das Telephon schrillte. Devanney lauschte, dann bellte er hinein: »Zu Donagan, alle sechs, dritter Grad.«

»Dritter Grad?«, fragte sich Erwin. Eine eiskalte Hand griff ihn ans Herz. »Sind wir im Mittelalter?« –

Bedeutete dieser Ausdruck nicht das Äußerste an moralischer Folter, das die Polizei bei verdächtigen Leuten hier anwandte? Man setzte sie zwischen drei Männer, die starke Stimmen hatten; diese brüllten ihnen abwechselnd Fragen ins Ohr, schlaue peinlich suggestive Fragen, die mit schauerlicher Intensität wiederholt wurden, immer schneidender, immer anklagender, bis dem armen Teufel der Kopf zersprang und er sich zu allem bekannte, was man von ihm hören wollte.

Und dieser gemütliche Greis hier, der so reizend, so teilnahmsvoll mit ihm sprach, war ein Advokat des fünfzehnten Jahrhunderts?! Hier, wo alles nach den Methoden von übermorgen geregelt war? – Wo gewisse Ansätze der äußeren Lebensführung schon ins einundzwanzigste Jahrhundert hinüberreichten? – Wo Puritanismus und blitzblanke Hygiene das Leben und die Moral desinfizierten, auf das Kindlichste zurechtstutzten, treuherzig und viereckig machten? – Hier »Dritter Grad?«

»Dritter Grad?«

Wie kamen die wölfischen Urbedürfnisse des Menschen aus der reinlichen Verpackung wieder hervor!

Ihm schauderte.

Devanney schmunzelte. »Wir haben da ein paar Leute deutscher Abkunft (muß ich leider sagen), die spionageverdächtig sind, und wer sich einmal der Bequemlichkeiten dieses Landes bedient, der hat gewisse Verpflichtungen gegen uns, finden Sie nicht? Es ist nicht schön, uns nur auszunützen und uns dann, wenn wir in einen unbequemen Krieg verwickelt sind, entgegenzuarbeiten. Wir müssen da leider auf Rücksichtnahme verzichten. – Übrigens«, fuhr er fort, »nehmen Sie eine Zigarre und machen Sie sich's noch ein Weilchen hier gemütlich. Dieses Land verlangt Loyalität. Da gab es einmal einen zehnjährigen Tunichtgut in County Kerry; der brannte nach Dublin durch und kam als schmutzbespritzter Heizer vor sechzig Jahren nach Hoboken. Ein kleiner Sinn-Feiner mit dem viereckigsten Schädel, den Sie sich vorstellen können. Er wurde herumgeknufft, aber er biß sich überall fest; denn gute Zähne hatte er. Dies Land kennt keine Kompromisse. Energie besaß er und eine natürliche Politik trieb er auch. Er machte die Augen auf und es gefiel ihm hier.

Jeder nach seinem Verdienst, heißt es hier. Wir sind Demokraten. Wo einer hingehört, da wird er hingestellt und der kleine irische Straßenjunge, derselbe, der ohne ein Cent in der Tasche an Land trieb« – (und der Marshall erhob sich und riß den Aufschlag seiner Jacke zurück, so daß der große Messingstern seiner Amtswürde, der ihm an die Weste geheftet war, in voller Pracht hervorblitzte) – »derselbe sitzt hier vor Ihnen und ist Marshall Attorney von Cincinnati. Wenn ich will, passiert hier allerlei, das können Sie glauben. Ich habe mehr zu sagen wie der Mayor oder der Chief of Police. Selbst der Gouverneur faßt mich mit Handschuhen an.

Hier in dieser Schublade liegen die dicken Befugnisse, die ich vom Staatsdepartement bekommen habe. Sie können sich gratulieren, daß ich Sie gern habe. Mit Leuten, die wir nicht mögen, gehen wir manchmal sehr ungemütlich um; aber wenn Sie klug sind, werden Sie sich uns warm halten, und so denke ich, scheiden wir für diesmal als gute Freunde.« Erwin verabschiedete sich und ging bis zur Tür.

»Nur noch einen Moment«, rief ihm der Marshall nach.

»– ? –«

»Sagen Sie, Herr Notacker, wie ist doch der Vorname Ihres Freundes – (wie heißt er doch?) – Söckswert?«

Als Erwin gegangen war, machte der Marshall ein Schublädchen seines Schreibtisches auf und entnahm demselben den Brief, der in Erwins Handschrift an Zuckschwerdt gerichtet war. Beigefügt, auf Seidenpapier, lag eine zierliche englische Übersetzung. Schmunzelnd überlas der Marshall noch einmal dieses Briefchen und dann murmelte er vor sich hin: »Woher er nur den Instinkt hat? – Wer von den beiden ist nun der Dumme?«

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.