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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
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senderwww.gaga.net
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Der kleine Greis

Endlich landete man auf dem Fountain-Square. Hier war das große Rathaus, das in seinen oberen Stockwerken das »Home Department« barg.

Zuckschwerdt hielt mit Aplomb und ließ das Vehikel stehen, wo es stand, ohne Sicherung.

»Wird mir keiner stehlen,« sagte er, »das ist der Vorteil davon. Jetzt passen Sie auf, nehmen noch ein paar Instruktionen. – Ich kenne den Marshall Attorney nicht selbst, habe aber gehört, daß er ein ganz patenter alter Kerl sein soll. Nun und was so diese versoffenen Beamten sind, die kann man um den Finger wickeln, wenn man sie richtig anpackt. Schmieren ihm ein wenig Honig ums Maul, das genügt und er frißt aus der Hand. Lassen Sie mich nur reden, ich deichsle den Kitt schon. Machen Sie die Klappe nicht auf, – Pardon, ich meine, äußern Sie keine Zwischenbemerkungen, bis ich mit meiner Erklärung fertig bin. Ich will mir den Mann beaugenscheinigen, will ihm die Würmer erst aus der Nase ziehen und dann, wenn ich Ihnen so mit den Augen zwinkere, dann legen Sie los und erzählen ihm von Ihrem Pech, daß Sie militäruntauglich wären, Atteste bringen könnten, Ihr Herz wäre kaput oder Ihre Nieren oder Sie hätten Plattfüße oder irgend etwas derartiges. Für die Atteste sorge ich dann schon. Spielen sich als Forschungsreisenden auf, von x-woher verschlagen, schrieben friedliche wissenschaftliche Sachen und brauchten Literatur, die Sie hier nicht kriegen könnten. Ihre Devise sei kurz: friedliche Kultur fortführen, das imponiert. Krieg ist für Sie 'ne Hirnverranntheit, sind blonder Pazifist, harmloser Bürger oder was Sie gerade sagen wollen. Wie gesagt, wirken Sie auf das Gemüt. Solche Gemütskisten ziehen hier, wenn man an den Richtigen kommt. Habe mir sagen lassen, der Alte ist Irländer. Da kann man schon von vornherein 'ne gewisse Deutschfreundlichkeit voraussetzen. Also auf in den Kampf und bleiben Sie politisch. Richten Sie sich nach mir, beobachten Sie uns beide, und Sie werden sehen, Sie kriegen Ihre Reisepapierchen, müßte doch mit dem Teufel zugehen. Reiben Sie ihm nur das Internationale Recht fest unter die Nase. Die Leute wissen nicht, daß es das gibt, aber Sie wissen's; Sie haben das genau nachgelesen, und Sie sagen, Sie können's ihm beweisen und dann geniert er sich, daß er Marshall Attorney ist und noch nichts davon gehört hat.«

Mit einem leichten aufmunternden Klaps schob er Erwin voran. Man stieg die breite Steintreppe hinauf. Zuerst kam man in einen Raum in dem nur einige mißgelaunt aussehende Männer an großen Bureautischen vorhanden waren. Nachdem Zuckschwerdt in fast unverständlich hervorgeschnaubtem, sehr nasalem Englisch erklärt hatte, wen er sprechen wolle, wies der eine von den Männern mit dem Daumen nach links, wo eine weitere Tür war. Man ging dort hinüber und kam in ein ebensolches Zimmer, wo wiederum einige Herrschaften hinter Bureautischen vorhanden waren, diesmal jedoch nicht so schläfrig, sondern mit sehr lebhaften Augen, die mit zwei schnellen Drehungen schwarzer Pupillen eine erschöpfende Charakteristik der beiden Besucher in sich aufnahmen und dann hinter herabsinkenden Lidern formulierten und verdauten.

Man sah in diesen Augen die Gewohnheit, Menschen nach kleinen äußerlichen Merkmalen erschöpfend abzuschätzen, wenigstens so weit sie für gewisse Zwecke in Betracht kamen.

Da waren zwei mäßig feiste Beamte; der eine diktierte mit Schnellzugsgeschwindigkeit vor sich hin und unterhielt eine Schreibmaschine in der anderen Ecke dadurch in wirbelnder Tätigkeit; der andere brannte mit seiner Zigarre ein Loch durch seine Zeitung und beobachtete, wie die Funken liefen, so als ob er in Gottes weiter Welt nichts besseres zu tun fände.

Hinten war ein verdächtig aussehender Aufbau bemerkbar, der einem der Käfige glich, in denen Händler, die für zoologische Gärten sammeln, ihre lebenden Waren zu verschicken pflegen; in diesem Aufbau befand sich ein Stühlchen. Die nackte Bedeutsamkeit des Arrangements hatte einen Effekt auf Erwin, als schiebe man ihm eine längst erkaltete Wärmflasche, die er noch heiß geglaubt, plötzlich auf den Magen.

»Hier machen,« erklärte Zuckschwerdt ihm laut auf deutsch (was eine tolle Waghalsigkeit bedeutete), »hier machen die Kerle ihre Verhöre. Da steckt man ein armes Luder in den Drahtkäfig und feuert von allen Seiten Fragen in sein Trommelfell, bis er ganz dumm ist. Die Finger kann er nicht in die Ohren stecken, weil er solche kleinen Schmuckstücke trägt.« Und er wies auf ein paar Knöcheleisen aus blankem Nickel, die auf dem Fensterbrett lagen. »Heute ist zufällig niemand da. Deswegen brennt auch dieser Herr seine Zeitung kaput.«

Ein fortwährendes Gehen und Kommen herrschte in einer Ecke. Aufgeweckt aussehende Herren, die Hutkrempen etwas im Gesicht, erschienen und nahmen beschriebene Papierchen mit oder legten solche auf ein Pult zurück, wo sie der diktierende Beamte schläfrig musterte und zerknüllte. Zuweilen streckte auch nur jemand seinen Kopf herein, wie etwa ein Fuchs in den Gänsestall, machte rätselhafte Zuckbewegungen des Halses, die irgendwelche Bedeutung hatten, schnippte mit den Fingern oder übte ähnliche Zeichensprache.... Dabei schien es, als kümmere sich im ganzen Bureau kein Mensch darum, was für private Scherze diese kleine fixe Gestalt für sich vollführe. Um Zuckschwerdt und seinen Begleiter kümmerte sich noch niemand.

»Detektive«, murmelte Zuckschwerdt. »Nun aber wird's Ernst. Jetzt nur das beste Englisch.«

Er hatte seine Karte in der Hand, diejenige nämlich, auf der er sich als Maschineningenieur legitimierte, und legte sie, stramm und doch bescheiden vortretend, auf den Tisch. Der Mann mit der mißbrauchten Zigarre blickte schnell auf, als ob er ihn das erstemal bemerke, und wies ein Maschinenfräulein, das zauberhaft schnell auf einen Klingeldruck erschien, mit knarrender Stimme an, die Beiden vor den Allgewaltigen zu bringen. Das Fräulein schlüpfte mit der Karte voran; nach einer Weile öffnete sich die Tür und sie winkte ihnen, hereinzukommen.

Der dritte Raum, den sie jetzt betraten, war der größte. Man sah durch gotisch zugespitzte Fenster auf den Platz hinunter. Hinten in der Ecke in einem Ledersessel, über dessen eine niedrige Lehne er das linke Bein pendelnd geschwungen hatte, saß in sich zusammengesunken ein kleiner Greis. »Greis« war vielleicht zuviel gesagt für ihn; immerhin war er ergraut und machte einen zusammengeschrumpften Eindruck. Er befand sich augenscheinlich in einer Art Träumerei, spielte mit einem Füllfederhalter und blickte apathisch vor sich hin.

Als die beiden eintraten, standen sie noch eine Weile ratlos da. Dann nahm das Wesen hinten in der Ecke Notiz. Das Bein zog sich zurück, der Füllfederhalter rollte aus den Fingern und Haltung kam in diese uninteressierte Figur bis zu dem Grade, daß er sich halb erhob und mit einem Blick auf die Karte Zuckschwerdts in unverkennbarem Brogue äußerte: »Nehmen Sie Platz, Mr. Söckswert, mit Ihrem Freunde. Was kann ich für Sie tun?«

Er sank zurück, gleich wie ein Bündel abgelegter Kleider, und zeigte eine abwartende Miene.

Erwin und Zuckschwerdt nahmen auf zwei Stühlen Platz, die so gestellt waren, daß das volle Fensterlicht auf sie fiel, während der kleine Greis es vorzog, sich mehr im Schatten der Ecke zu halten. Während Zuckschwerdt begann, blickte Erwin sich um.

Die Wände waren ölig grau, mit Photographien behängt. Woodrow Wilson blickte, etwas verschwommen vergrößert, aber immer noch in scharfen Konturen, von einer mit einem riesenhaften Sternenbanner umwickelten Tribüne herab. Hinter seinem Kopf und seinen Achseln hervor schimmerte, etwas weiter entfernt, eine Unmenge von kleineren Sternenbannern bis zu dem Miniaturfähnchen, das ihm aus dem Knopfloch seines korrekten Gehrockes blühte.

Seine etwas töricht wirkenden Kinnladen waren herabgesunken, was auch dem Mund eine gerundete Öffnung gab, aus der Bedeutsames quoll. Die eine Hand war mit leichtgebogenem Arm auf die Tribüne gestützt mit jener Geste, die er vor dem Kongreß einzunehmen pflegte, wenn er begann: »My fellow citizens...« – Der andere Arm stand rechteckig in der Luft und die behandschuhte Rechte drohte mit unwirschem Zeigefinger.

Der Marshall Attorney hatte sich offenbar eine Freiluftrede des Präsidenten zu seiner Privatandacht vergrößern lassen. Es schien eine Ansprache an die Studenten einer Universität, was aus der offiziellen Art der Bekleidung und dem weichen breitkrempigen Hut, der vor ihm auf der Tribüne lag, zu schließen war.

Die andere Photographie zeigte den Marshall Attorney selbst bei einer festlichen Gelegenheit, seiner Amtseinsetzung, inmitten gutmütiger, bullenbeißerhafter Gestalten, die ihn im Kreise umringt hielten wie einen Edelstein, der in einer Gesteinsdruse sitzt. Einige etwas magere, aber unternehmungslustig dreinblickende Jünglinge in Kakhiuniform zeigten sich in weiteren Bildern; und direkt über dem Schreibtisch schwebte wiederum der Gewaltige selbst im Kreise seiner Familie – Damen jeden Alters in wohlgefüllten Blusen, die ihn in ihrer waschleinenen Vehemenz in Schatten stellten. Er wirkte in diesem Bilde auch mehr als danebengesetzt und nicht als Mittelpunkt.

Von dem Fountain Square herauf kam als dumpfes Getöse das Gebrüll der Zeitungsjungen. Durch das beschmutzte Glas hindurch sah Erwin, in der wabernden Hitze des Asphalts, ein Gewimmel zertretener Zeitungspapiere, die zuweilen ein kleiner staubiger Wirbelwind eine Strecke weit träg vom Platze drehte. Er sah die mächtig starrenden Geschäfteauslagen, zwölf bis fünfzehn Stock hoch, mit ungleichen Dächern in den lodernden Himmel getürmt ... Wo die Sonne durchbrach, glich sie einer Wand von Licht, die scharf durch den Platz hindurchschnitt und den europäischen Zierbrunnen darauf, der sich so lächerlich wie möglich ausnahm inmitten dieser Umgebung, sowie die mannshohen Firmenbuchstaben in gleißendes Licht setzte. Von dem Gefunkel der schreienden Reklame schmerzten ihm die Augen. Er unterließ weitere Beobachtungen und wandte seine Aufmerksamkeit dem Gespräch zwischen dem Attorney und Zuckschwerdt zu.

Hin- und Herrede waren voll subtiler Höflichkeit. Zuckschwerdt saß auf der Kante des Stuhles und wippte rhythmisch mit dem Oberkörper, was teils ein Unterstreichen des Gesagten, teils eine kleine jeweilige Verbeugung gegen den Machthaber bedeuten sollte. Er redete viel und mit dem knarrenden Akzent, den er nicht ohne Geschick der Bevölkerung abgelauscht. Er bemühte sich, Silben durch ein Loch in der Ecke seines Mundes entkommen zu lassen oder in der Nasenhöhle aufzufangen, wie es die bequemen jungen Leute hierzulande machten, die ihre Rede auf ein paar gehackte Ausdrücke beschränkten.

Devanney ließ sich kein Erstaunen anmerken. Er unterbrach den Redestrom Zuckschwerdts nur zuweilen mit einem leise gegrunzten »I see«.

Es war ein freundlicher alter Mann; er saß so nett, so lieb und komplett in seinem hartgepolsterten Lehnstuhl. Güte umwitterte seine kleinen, farblos grauen Äuglein. Häufig strich er sich den grauen Schnauzbart vom Mund, um diesen in lächelnder Form zu zeigen. Oder er kratzte sich mit einem tabakgelben Fingernagel verständnisvoll sinnend am mangelhaft rasierten Kinn.

Seine Haut war pergamentgelb, sein Kopf klein. Die Nase trug ein feines Netzwerk violetter Äderchen. Man sah diesen etwas verdächtigen Schmuck jedoch nur bei schärferem Hinschauen. Auf der Schädelwölbung trug er eine noch bemerkenswert üppige Kappe eisengrauer Haare, die in der Mitte gescheitelt war. Unauffällig saß er da. Sein Anzug hatte die Farbe der Wand. Es war, als schmiege er sich voll verschmitzter Mimikry in die Umgebung hinein.

Sein faltiger Hals stieg aus einem niedrigen Kragen. Auf dem grauen Homespun seiner Weste prangte eine silberne Uhrkette, die von einer Seitentasche in die andere hinüberwanderte. Seine Hände waren klein, faltig, kurzfingrig und rastlos, wenn er sich auch sonst in Ruhe befand. Man bemerkte vielleicht noch, daß die Kniegegend seiner Hosen blankgescheuert war. Ob das von seiner Angewohnheit kam, sich die Knie ständig mit der Faust zu polieren, blieb dahingestellt.

Zuckschwerdt sagte eben mit einer gewissen Emphase: »Und so möchte ich als guter alter Freund dieses Herrn befürworten, daß dieses Bureau sein möglichstes tut, um ihn der stillen Arbeit in seiner Heimat wieder zuzuführen. Das Internationale Recht besteht darauf, daß man Zivilisten, die militäruntauglich sind, bei Kriegsausbruch wieder in ihr Land entläßt, ja in manchen Fällen sogar mit einer Entschädigung.«

»Militäruntauglich?« fragte Devanney und musterte Erwin. Er fragte es mit einem gewissen Bedauern, als ob er sagen wolle: »Wie schade für den prächtigen jungen Mann!« – mit Kondolenz in der Stimme, gleichsam.

»Schwer herzleidend,« fuhr Zuckschwerdt fort und blitzte das Männchen mit scharfem Ausdruck an. »Wie er vorhin die Treppe raufkam, schlug sein Herz schon einen Trommelwirbel. Der arme Mensch hat auch deutsche Bäder nötig. Hier sind sie ihm zu teuer.«

»I see,« sagte Devanney und wiegte nachdenklich den Kopf. Dann sich zu Erwin wendend: »Haben Sie ein Papier von der deutschen Militärbehörde dabei?«

Erwin wies einen Landsturmschein vor.

Devanney blickte die Karte schief an, wußte offenbar nichts mit dem winzig gedruckten Dokument anzufangen und legte es beiseite. »Das behalte ich hier; denn – –« (er lächelte fast erschrocken und entschuldigend) – – »ich bin ein ungebildeter alter Kerl, der nicht einmal deutsch versteht; habe aber einen Mann hier, der es vielleicht übersetzen kann«.

Hier regte sich Zuckschwerdt. »Macht nichts, macht nichts, Mr. Marshall!« Dadurch, daß er die unmögliche Anrede »Mr.« gebrauchte, suchte er sich gleichsam gegen eine eventuelle falsche Auffassung seines lärmenden Wohlwollens sicher zu stellen. »Verlangt ja auch niemand von Ihnen. Was brauchen wir uns hier in Amerika auch mit fremden Sprachen zu plagen.«

Devanney sagte leise: »Ja und doch, es hat seine Vorteile, wenn man deutsch kann.« Auf einmal zog er die buschigen Brauen leicht in die Höhe und fragte unvermittelt und freundlich interessiert: »Sind Sie Amerikaner?«

»Selbstverständlich!!« dröhnte Zuckschwerdt, schlug sich auf den Schenkel und lachte geräuschvoll. Die Brandung dieses Gelächters schwemmte das farblose Geschöpf in der Ecke gleichsam um eine kleine Distanz weiter hinweg.

»Was haben Sie denn geglaubt, Mr. Marshall? – Amerikaner mit Leib und Seele!! Seit Jahren naturalisiert! Habe die Papiere zwar gerade nicht dabei ... Wer denkt denn auch immer an so was! Das käme mir gerade so vor, als ob ein Indianer von Oklahama riskieren müßte, nach seinen Papieren befragt zu werden. Auf den Gedanken war ich gar nicht gekommen; by love!« Und er erhob sich und verneigte sich gegen das Bild des Präsidenten Wilson, der unwirsch mit dem Finger in den Raum herabdrohte.

Devanney bemerkte all dieses mit mehr als freundlichem Interesse.

»Sie brauchen gar nichts zu betonen, Mr. Söckswert,« sagte er galant. »Selbstverständlich war die Frage nur Routine und soll nicht irgendwelche Zweifel ausdrücken. Daß Sie Amerikaner sind, sieht man ja aus jeder Bewegung.«

Er war rötlich im Gesicht, schien sich einen Moment zu verschlucken, schneuzte sich umständlich in ein kolossales Taschentuch und zog dann aus der Außentasche seiner Jacke, wohin er auch seinen Füllfederhalter plaziert, eine kleine Handvoll Zigarren heraus, drei an der Zahl. »Nehmen Sie eine... als Friedenspfeife!«

Erwin und Zuckschwerdt bedienten sich. »Eine Friedenspfeife ist zwar nicht nötig!«

Zuckschwerdt beschränkte sich darauf, sich mehrmals zuckend zu verbeugen und dankbar das Kraut zu entzünden, aus dem er große Wolken sog und sie paffend in die Ecke gegen den Spender schickte.

»Nun, um auf Ihr Anliegen zurückzukommen, so werde ich für Ihren jungen Freund hier eine Eingabe nach Washington machen, und ich hoffe aufrichtig, daß sie von Erfolg begleitet ist. Kommen Sie in vierzehn Tagen wieder, bis dahin ist die Antwort da. Es freut mich, daß ich etwas für Sie tun kann.«

»Sehr nett, sehr nett von Ihnen,« sagte Zuckschwerdt an der Zigarre vorbei.

Hier merkte er, daß das Interview ein Ende erreicht hatte.

Er schnellte vom Stuhle und schüttelte die dargereichte kleine faltige Hand mit eisernem Griff. Hierauf zog er sich, mit dem Rücken gegen die Türe, zurück, während Erwin sich nur stumm verbeugte und mit der Brust voran dieselbe Rückzugsbewegung vollführte, was ein etwas unharmonisches Bild gab.

Draußen angelangt, verfiel Zuckschwerdt in Stechschritt und stieß den Stock taktmäßig und vergnügt auf die Platten des Korridors, so als schreite er eine Kompagnie ab.

Schon auf der Treppe fing er an: »Sehen Sie, Herr Notacker, das ist die Art und Weise, die Bande hier zu behandeln. Ein bißchen Honig um den Mund geschmiert und mit den Wölfen geheult. Das habe ich Ihnen schon neulich gesagt. Gut, daß Sie mich reden ließen. Macht immer einen guten Eindruck. Sie sind landfremd, des Englischen nicht mächtig, pardon, ich meine, Sie können die Zungenverdrehungen hier, die man englisch nennt, noch nicht täuschend genug machen. Sie sitzen da, sind stumm und dankbar und lassen Ihre Freunde für sich arbeiten ... Das wirkt. –

Als er mich nach meinen Papieren fragte, Donnerwetter ja, da wurde mir etwas schwül, weil ich noch nicht einmal die ersten herausgenommen habe. Aber im Grunde sind die Leute ja froh, wenn sie einem nicht auf den Zahn zu fühlen brauchen, besonders wenn man Haare drauf wachsen hat.«

Dieser Witz beseligte ihn für eine Weile.

»Haben Sie bemerkt, was für ein oller Schlappschwanz dieser sogenannte Attorney ist. So'n Kerl heißt hier nun Beamter. Im Vorzimmer lümmeln sich beschäftigungslose Kreaturen herum, die sich Detektive nennen, dumme Jungens, die bei uns zu Hause nicht einmal hinter den Ladentisch paßten. Der eine brennt 'ne Zeitung mit seiner Zigarre kaput, der andere kaut Gummi und döst vor sich hin. Das nennt man hier Regierung.

Hu, da ist doch bei uns in Dinklage schon ein ganz anderer Betrieb. Ein preußischer Assessor selbst ein Dreierjurist würde da in fünf Minuten 'ne ganz andere Note hineingebracht haben. Na ja, so ein demokratisches Getriebe hat ja auch seine angenehmen Seiten. Jeder ist wie der andere, man haut sich auf die Schultern, trinkt 'nen Whisky zusammen und nimmt einander nicht weiter tragisch.

So Stellungen, wie sie dieser Alte einnimmt, sind ja doch nur durch Gaunerei und Bestechung zu haben. Dieser hier ist der Strohmann für ein paar Saloonpolitiker, die eigentlichen Drahtzieher sitzen ganz wo anders; aber auf alle Fälle schadet es nichts, wenn er seinen Namen unter die Bittschrift kleckst.«

Erwin schwieg. Ihm war, als könne er den Optimismus Zuckschwerdts wie auch dessen fröhliche Lebensauffassung nicht recht teilen. Er wollte dies zwar gern, aber im Hintergrunde seiner Gedanken saß etwas Übles, noch Hinwegzuräumendes, mit dem er eine Auseinandersetzung dunkel scheute.

Wie Zuckschwerdt ganz richtig vorausgesehen, stand das Auto noch vorm Eingang, von ein paar Bummlern umringt, die ihre Kritik daran übten. Abwartend und treu stand es da im Schutze seiner Schäbigkeit. Zuckschwerdt kurbelte an und zur großen Heiterkeit des Publikums gelang es ihm diesmal erst nach dem vierten Versuch. Doch man kam weg. Man hatte die Mission beendet.

Was sich freilich droben im Bureau nach ihrem Weggang abspielte, davon wußten sie nichts. Eine Weile noch saß Devanney wie eine Spinne in der Ecke, deren Hunger man nur an dem leisen Vibrieren ihrer Freßwerkzeuge erkennen kann. Dann verfiel er darauf, ganz leise vor sich hin zu lachen. Seine kleinen Augen verkrochen sich und seine Faust polierte das Knie mit einer rasenden Gründlichkeit. Er sah sie noch beide vor sich, diese beiden Deutschen. Der eine schien ja ziemlich harmlos; doch der andere, dieser Söckswert... Guter Amerikaner, was?! Strammstehen vor dem Präsidenten Wilson?! Ha! – Der Freund, ja, über den konnte man noch nichts sagen. Unsympathisch war er ihm nicht gewesen, nein, im Gegenteil. Es gab in seinem irischen Herzen einen Fleck, der sich für den schweigsamen, etwas unbehilflichen Mann mit den müden Augen fast erwärmte. Er drückte auf eine Klingel und das Fräulein erschien.

»Rufen Sie Rolly,« befahl er. Einer von den fuchsartigen Herren war auf einmal lautlos zugegen. Devanneys Augen hatten einen Glanz wie Zinn.

»Ist Ihnen jemand aufgefallen?« fragte er schnappend und kurz.

Rolly grinste und machte eine Kopfbewegung nach der Tür.

»Den nehmen Sie unter die Lupe. Nach einer Woche erstatten Sie Bericht.«– Nichts weiter.

Wenn er sagte, »nach einer Woche,« so meinte er (wenn es dem Fuchs um seine Krippe zu tun war) spätestens: »bis morgen Nachmittag«. –

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