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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 22
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typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
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Der Passus im Internationalen Recht

Nicht als ob sich irgend etwas im Benehmen der Drei zueinander geändert hätte. Der Schreck Mildreds über den Mord an der kleinen Katze war einer Unvorsichtigkeit Erwins zu verdanken gewesen und war vielleicht gerade deswegen nicht weiter folgenschwer, weil Mildred sah, daß Erwin gerade dadurch, daß er Zuckschwerdt so objektiv schilderte, eine große innere Distanz von diesem besitze; daß es somit verschiedene Sorten von Hunnen gab, die nicht über einen Kamm geschoren werden durften.

Zuckschwerdt merkte natürlich nichts. Seine reizende, farbige Eitelkeit blühte munter weiter. Mit so viel kleinen, unfreiwillig komischen Momenten wußte er sich zu geben, daß er wieder etwas liebenswürdig Kindliches, fast etwas von einem Knaben bekam, der mit dem Säbel eines älteren Bruders renommiert; – der den Gebrauch des Dinges schon halb kennt, und nur abgehalten werden soll, Unheil damit anzurichten, sonst aber damit spielen darf, wenn der ältere Bruder nichts dagegen hat.

Freilich, wenn man's so betrachtete, so war die Rolle des Kontrollierenden schwer ausfüllbar; denn Erwin hatte natürlich keine Lust, sich in ernstere Konflikte mit diesem Stück Militarismus einzulassen, und die höhere Instanz, das Kaiserliche Hauptquartier, wirkte hier doch nur als Mythe. Kurz und gut, Zuckschwerdt lebte den Eindruck, wie der ortsübliche Ausdruck hieß, durchaus nieder. Seine Energie äußerte sich wie die junger Hunde nach harmlosen und vergnüglicheren Richtungen hin, und das war auch eine Art, sie loszuwerden.

Zuweilen duftete er stark nach Weingeist, aber er hatte sich trotz solchen Befindens immer genug in der Hand, um eine gewisse Haltung zu wahren.

»Wie lang wird er's noch so weitertreiben«, dachte Erwin manchmal und war tief erstaunt. »Trüge er Uniform, so wäre er hier nicht auffallender.«

Er fragte Zuckschwerdt: »Sagen Sie, wie machen Sie es nur, daß man Sie nicht lyncht?«

»Mich!?« hob sich die Kriegerbrust. – »Da kennen Sie mich schlecht. Offenheit ist, was der Bande hier imponiert. Ich laufe herum als Deutscher und mache kein Hehl daraus, woher ich stamme. – Wissen Sie, nur die Verkniffenen, die Schleicher, gegen die sind sie scharf. Hier bin ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen! Das zieht. – Der Amerikaner ist ein verdächtiger Bursche; aber wo man ihm mit offenen Karten kommt, wird er bekömmlich.«

»So so,« sagte Erwin, in tiefes Sinnen verloren. »Ich bin ja auch immer offen gewesen und habe nie ein Hehl aus meiner Herkunft gemacht. Aber daß die Herren bekömmlicher geworden wären, habe ich nicht bemerkt: im Gegenteil: die Ruppigkeit gegen mich ist so im Wachsen, daß ich mich überhaupt noch wundere, mit einigen Leuten hier auf Grüßfuß zu stehen. Wie ich herkam, wurde ich ja auch in verschiedenen Häusern vor Stockamerikanern als leidlich kultiviertes Exemplar eines Mitteleuropäers herumgezeigt. Doch dann hatte man eine Art, sich so subtil, so von hinten herum meiner Bekanntschaft wieder zu entledigen, daß es mir Überwindung kosten würde, diese von Vorurteilen wie von Läusen geplagte Gesellschaft eines Wortes zu würdigen.«

»Ha, ha!« lachte Zuckschwerdt hier und schlug sich schallend auf die Schenkel. »Das machen Sie verkehrt, verehrtester Herr Notacker! Mich, und rausschmeißen, – mich und ignorieren, – das sollten die mal probiert haben!! – Nachgelaufen sind sie mir, weil ich ihnen Fußtritte gab.

»Geboosted« haben sie mich, weil ich ihren Geschmack kenne. »Toller Kerl«, haben sie sich gesagt, »ist nicht unterzukriegen«. – Freilich, 'ne feine Gelehrtennatur wie Sie, die tritt ja zurück und die Leute treiben Schindluder mit Ihnen. Auf Geist, da können Sie Gift drauf nehmen, trampelt man hier herum. – Das gibt es nicht.«

»Was für ein unbewußtes pyramidales Kompliment,« dachte Erwin, »was für eine erstaunliche Erkenntnis. – Woher hat er das?«

»Ich muß Sie überhaupt ein wenig in mein Schlepptau nehmen,« fuhr Zuckschwerdt fort, noch immer im Schwung seiner Heiterkeit. »Das geht nicht mit Ihnen so weiter. Sie hängen sich ja wie ein Bleiklotz an die Ereignisse hier. Der Amerikaner ist kein solcher ???Tüdckebold, wie Sie ihn sich vorstellen. Ein bißchen Psychologie und die Sache macht sich. Nur ein bißchen Psychologie!

Der Krieg ist hier ein Sport; drüben eine blutige Auseinandersetzung. Aber es passiert selten, daß sich bei einem Base-Ball-Spiel die Zuschauerschaft wegen Sympathien persönlich in die Haare geraten. Der eine brüllt das, und der andre das; aber die Hauptsache ist das Feld da hinten, wo die Farben wechseln. Das ist die Tribüne, wo der Unparteiische sitzt.

Jeder wird auf seine eigene Weise verrückt. Das wäre noch schöner, wenn sich Sitznachbarn auch noch verholzen wollten. Was hätten die Leute für ein Interesse daran, mir ein Bein zu stellen? Ich stelle doch meine Energie sozusagen in den Dienst dieses verdammten Landes. Das wissen die Schufte ganz genau und richten sich danach. Außerdem, wissen Sie, ich reibe ihnen nicht gerade unter die Nase, was für Kerle wir da drüben sind.

Macht böses Blut. Heule mit den Wölfen, sage: »Ja ja, ihr werdet's schon machen. Die Sache sieht nicht unbedenklich aus für Deutschland. Da werden sich die noch verschiedene Zähne auszubeißen haben; denn praktisch seid ihr, daß muß man euch lassen und ihr wißt auch, was ihr wollt«. »Jeder bildet sich ein, er hat recht«, sage ich, »und der liebe Gott wird ja entscheiden, wer's hat«. – Im geheimen, Herr Notacker, denke ich mir aber dabei: »Ihr traurigen Figuren, ihr werdet ja verdroschen, ihr klappriges Gesindel, ihr kniekrummes; ihr habt ja noch keine Ahnung, wie es tut, wenn die dicke Berta spuckt«. – –

So mache ich das. Und Sie halten sich nur an mich, nur immer an mich, dann geht die Sache schon, und keine falsche Scham!«

Es mochte nicht lange nach diesem Gespräch gewesen sein, als Zuckschwerdt eines Morgens sehr früh mit allen Anzeichen hochgradiger Erregung nach Tower-Hill herausgefahren kam und Erwin aus dem Bett holte.

»Mensch,« schrie er, »ich habe was gelesen. Es gibt einen Passus im Internationalen Recht.«

»Wovon reden Sie, Zuckschwerdt! – Vom Internationalen Recht?«

»Nun ja, wissen Sie, ist ja 'ne Farce geworden; aber da ist es heute in der Zeitung gestanden und ich will's glauben, weil ich die Motive von der Bande kenne. Nämlich nach der Kriegserklärung können alle feindlichen Zivilisten in ihre Heimat zurück und hier scheint es, daß man Sie mit Handkuß loswerden will. Rausschmeißen kann man Sie nicht; aber wenn einer ein wenig bohrt, muß er gehen. Sie sind ein stiller Gelehrter, spielen sich als Forschungsreisender auf und sagen, Sie wollten Ihre eigene Heimreise riskieren und selber bezahlen; dann können Sie Gift darauf nehmen, man schickt Ihnen noch eine Abschiedskapelle nach Hoboken.«

»Ach,« sagte Erwin, »selbst wenn ich das könnte, wie stellen Sie sich das vor? Und meine Frau, die jetzt noch dazu guter Hoffnung ist!«

»Nehmen Sie mit, nehmen Sie mit,« schrie Zuckschwerdt aufgeräumt. »Fahren nach Vigo, Handelsdampfer; werden eskortiert; du lieber Gott, ein Torpedo braucht ja nicht gerade für Sie parat zu liegen.«

Erwin wurde mit äußerster Zeitersparnis in das Ford-Auto genötigt und Zuckschwerdt warf äußerste Schnelligkeit an. Man ratterte traumhaft schnell der Stadt entgegen.

In der Madison-Avenue fiel es ihm noch nicht ein, sein Tempo zu dämpfen. Seine kümmerliche Maschine bohrte sich wie ein Pfeil in den geregelten Verkehr schmucker Privatkraftwagen oder kleiner elektrischer Vehikel, die sich blank poliert, luxuriös, mit leisem gesetzten Zirpen auf ihre morgendlichen Besorgungsrunden begaben.

Er schoß vorwärts von plebejischem Geräusch begleitet wie ein Stinktier, das sich unter vornehme Rassehunde mischt.

Immerhin hielt er die Schnelligkeit beim Anblick eines Polizisten, der den Verkehr an den Ecken regelte, in Gesetzesgrenzen; denn wenn sein Adlerauge auch keine Autorität anerkannte, diese fünfeinhalb bis sechs Fuß hohen Irländer mit ihren wirbelnden Hartholzstöckchen und schläfrigen Augen, die unter den breiten Schirmmützen hervor alles bemerkten, übten doch eine gewisse Dämpfung auf sein schwellendes Kraftbewußtsein aus.

Das blaue Tuch, in das diese Wachtürme gehüllt waren, erzeugte ihm vielleicht Reminiszenzen an Uniformen; und das mochte ihn beeinflussen.

Sobald er jedoch freie Bahn vor sich sah, marterte er die Maschine wieder mit kaltem Griff. Wenn sie über Pflaster strich, so schien es, als müsse sie ächzend aus allen Fugen gehen, und daß sie es nicht tat, war ein Wunder der Technik. Hatte sich nicht ein Mann, der nicht einmal orthographisch schreiben konnte, mit diesen rohen Motoren, mit diesen billigen Hartblechkonstruktionen zu einem der wenigen Krösusse hier gemacht, die das Schicksal von Hunderttausenden in der Hand hielten?! – Das Maschinchen ging nicht aus dem Leim, weil er und Zuckschwerdt es so wollten. –

Man näherte sich den Milchglaslampen des Bahnübergangs, und schnurrte etwas langsamer durch den schmutzigen Geschäftsdistrikt, wo ein Klumpen rußgeschwärzter Backsteinstrukturen über den anderen hinüberwuchtete. Hier existierten Dreck und Fäulnis nur, weil höchstgespannte Betriebsamkeit es keinem der hastenden, scheu blickenden Kreaturen zu erlauben schien, auch nur einen Moment den Fuß zu benutzen, um etwa einen verwesenden Kohlstrunk vom Trottoir zu schleudern.

Zuweilen kamen, erstaunlicherweise, saubere Strecken. Man sah Gruppen gut, ja luxuriös gekleideter Menschen, die Zeit zu haben schienen. Sie standen in harmlose Gespräche versunken vor Zigarrenläden oder hielten Zeitungen entfaltet in der Hand. Man täusche sich jedoch nicht! – Das waren keine Unterhaltungen, die menschenwürdig im europäischen Sinne gewesen wären! Man lauerte sich die Börsenschwankungen von den Gesichtern ab. Man flüsterte sich eine Ziffer zu, die man etwa nebenbei aus den Privatleitungen benachbarter Bureaus gemolken. Von kleinen Bestechungen begünstigt, rafften tausend Privatinteressen ihre Nahrung aus den Hauptströmen der Kriegsnachrichten, die von Rechts wegen in die Zeitungsstenographenkammern hätten münden sollen. Der Krieg war aktiv, aktuell, war ein großes Geschäft, ein von Möglichkeiten unerhört strotzender Hintergrund für jeden einzelnen, bedeutete die Bereicherung des Individuums; und gewisse tönende Phrasen übersalbten den schmierigen Tumult all der kleinen Instinkte, so daß das Ganze duftete und aussah wie das gut geschnittene Kleid eines Hochstaplers, der sich höchstens durch rastlose Finger oder unruhige Augen verrät. In Momenten auch, wo der fanatische Schulmeister in Washington eine besonders tönende Phrase gebrauchte, bekam der Krieg etwas Katholisches, wie die Prunk-Stola, mit der sich ein Jesuit Wirkungen stiehlt.

Der Verkehr verdichtete sich und der große Strom der Fuhrwerke, der Gemüsekarren, Autos, Kohlenwagen, Lastfuhren, Reklamevehikel, vollbepackter Trambahnen wälzte sich unablässig die absteigende Straße dem Ohio-River und den großen Güterschuppen zu. Der Krieg saugte Betrieb aus allen Winkeln. Die Luft fieberte von Bestellungen.

Ein Frachtzug löste dort den andern ab. Dies war ein Zeitpunkt, wo sich im Kleinen zeigte, was im Großen vor sich ging; wo alle Staaten Amerikas ihr Eisenbahnnetz mit Produkten aller Art belasteten, um das größte Stapellager, was die Welt je gesehen hat, in Philadelphia und New York anzuhäufen; um den großen Nährberg zu schaffen als Hintergrund für die anderthalb Millionen ungewitzter Kakhihelden, die noch im Verlauf dieser großen Reklamedemonstration für die Neue Welt hinübergeschafft werden sollten.

Erwin wußte das nicht. Er fühlte nur dumpf den großen Puls, der heftig in dieser Stadt zu schlagen begann, einer Stadt, die ihm irgendwie idyllischer erschienen war als die großen Metropolen, die er bis jetzt gesehen.

Wie er hergekommen war, war das Lebenstempo dieser durch Inzucht halb verkommenen oder mit indianischem oder jüdischem Blut buntdurchsetzten Bevölkerung sehr viel besinnlicher gewesen. Jetzt schien es, als seien sie alle mit einem Serum geimpft, das sie doppelt schnell agieren ließ. Ihm schwante Ungeheuerliches; ihm schwante, daß der Moment kommen müsse, wo diese langsam sich aufpeitschende Masse einen Grad von Hysterie erreichen werde, der sie zu Tieren mache.

Während er dies dachte, blickte er Zuckschwerdt an, der, die Zigarre zwischen feuchten Lippen kauend, schläfrig fast in seiner unerschütterlichen Ruhe wie eine Sphynx oder ein unantastbarer Geschäftsmann (der alles bereits in der Tasche hatte, dem man nichts neues mehr bieten konnte) neben ihm am Lenkrad hockte. Er bewunderte ihn. Er sagte sich, »Bin ich nervös? Bin ich vielleicht überspannt? Spielt meine Phantasie mir unnötige Streiche? Denkt nicht dieser hier viel praktischer? Vielleicht hat er recht, wenn er sagt, ich soll mich von ihm ins Schlepptau nehmen lassen! – Vielleicht ist er doch imstande, mir eine Bresche zu schlagen, daß ich mit all meinen Hemmungen noch leidlich vorwärts komme, ohne mich an allen weichen Stellen blutig zu stoßen!«

Zuckschwerdt gebrauchte die Hupe mit gröhlender Rücksichtslosigkeit. Er sprengte die Menschen auseinander. Sie starrten nach ihm wie aufgescheuchte Raubtiere. »Tierbändiger«, mußte Erwin denken.

Zuckschwerdt hatte eine Hupe an seinem traurigen Beförderungsmittel, die diesem einen Dunst unfreiwilligen Respektes schuf. Er drückte sie kurz mit eisernem Daumen, und sie knarrte und kläffte. Nichts dunkel Langgezogenes hatte der Ton, nein: etwas an den Hals Springendes, Luftraubendes. »Ein Mensch, der so einen Lärm macht, kann kein Landesfeind sein«, war seine Berechnung offenbar, und die Ansicht auch der Passanten. Hatte man je so einen Bluff gesehen?

Erwin war stumm und weich vor Erstaunen.

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