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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
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Episoden im Wasser

Mit großem Geknatter hielt der kleine Ford wieder an der Eingangsstelle. Der Leutnant löste sich vom Führersitz und kam den Hügel herauf.

»Feiner Tag, was,« rief er, noch bevor er die Veranda überschritten. »Famose Idee das von mir mit dem Baden, wie? Ziehe mich gleich in Ihrem Schlafzimmer aus, wenn Sie gestatten, habe einen Regenmantel dabei für meine Anatomie. Nur runter mit Ihren Kleidern, Herr Notacker, das wird ein köstliches Plätschern werden.«

Badehosen waren zur Stelle und in Mänteln und Tennisschuhen trat man den Gang zum Kleinen Miami an.

Erwin hatte bislang jeden Morgen dort gebadet, heute aber schien der Fluß neu und strategischen Gesichtspunkten unterworfen, die er bis jetzt nicht entdeckt. Zuckschwerdt erblickte hinter dem nächsten Katarakt mit seinem Adlerblick sofort ein geschütztes Plätzchen, eine Art Wirbelloch, in dem sich das Wasser bis zu anderthalb Metern Tiefe verfing, und steuerte mit kräftigen Schwimmstößen darauf los.

Bald saßen sie beide darin. Die Ränder des Bassins waren etwas flacher, voll von runden glatten Steinen. Man konnte sich darauf legen und sich den Leib angenehm bespülen lassen. Zuckschwerdt verschränkte die Arme hinter dem Kopf, und mit einem Zweig im Mund, an dem er kaute, blickte er ins Himmelsblau. Sein Profil, grob gehauen und energisch, stand mit der geschwungenen Nase, deren Nüstern scharf umrissen und breit die Sommerluft schlürften, knapp aus dem Wasser und spiegelte sich darin. Es war rot gefleckt; doch sein Körper war weiß wie Papier.

Erwin forschte, ob man an diesem Körper die Ursache jener steifen Gangart entdecken könne, und hatte bald herausbekommen, daß des Leutnants obere Partie wie bei anderen Sterblichen gebildet war, die Beine hingegen muskelarm und steif von ihm wegstanden mit den häßlichsten Füßen, die er je erblickt: mit spitz zustrebenden verkrümmten Zehen, und vollkommen platt, ohne die Andeutung eines Spannes. Ja, das war der Schönheitsfehler; und seine Ursache lag wohl im Drill. Der Mann hatte seine Beine mißbraucht. Sie funktionierten selbständig unter ihm; er beherrschte sie nicht. Er hatte sie durch jahrelange Gewohnheit entstellt, und sich die Füße auf Paradegründen plattgetreten. Es waren keine Läuferfüße, keine Kriegerfüße aus den Zeiten, wo Heere elastisch ausschwärmten, sich in Individuen zersplitterten und dann wieder zusammenzogen, – nein, diese Füße gehörten dem Takt an, dem Marschtempo der letzten vierundzwanzig Jahre. Wie seltsam doch selbst kurze Tradition ihren Stempel auf Menschen drückt!

Zuckschwerdt empfand nichts von der stummen Beobachtung. Er sonnte sich; er hatte diesen Fluß gepachtet, und die Wellen parierten ihm.

Nach einer Weile spie er den Zweig von sich, tat den Mund auf und redete.

»Habe viel über Sie nachdenken müssen, Herr Notacker. Bin zu keinem Resultat gekommen. Waren politisch tätig?«

»Auf meine Weise,« erwiderte Erwin. »Meine politische Tätigkeit beginnt, sobald ich wieder in der Heimat bin. Vorerst sammle ich Material und das ist kein Vergnügen. Das ist eher eine stumpfsinnige Arbeit, alle diese widrigen Einzelheiten zusammenzuschleppen, wo man mit der Faust dreinschlagen möchte. Da hat man nun so einen Haufen nachher, den man sondern muß, und das ganze nennt man dann: »Tagebuchblätter eines Auslands-Deutschen«.«

»Gut gesagt,« pflichtete der Leutnant begeistert bei und plättete sich mit dem Daumennagel ein Hühnerauge. »Das haben Sie erfaßt. Was ein gebildeter Mensch ist, der ist hier kaltgestellt. Bin ja auch aus besten Kreisen, habe aber den Buchkram über Bord geschmissen. Selbst ist der Mann hier. Auf solche weiche Natur wie Sie muß das ja alles scheußlich wirken. Aber der Zuckschwerdt hat noch immer Püffe gut vertragen.«

»Was haben Sie denn früher hier gemacht?« erkundigte sich Erwin.

»Ja, mein Gott: was man so macht, wenn man herkommt! – Der Blick fürs Praktische ist gleich da. Nur immer ran an die Widerwärtigkeiten und sie scharf ins Auge gefaßt! Das war mein Prinzip! – Das deutsche Element hier, diese traurigen Schuster, habe ich zusammengetrommelt und alles mögliche gegründet. War 'ne Zeitlang Buchhalter in 'nem Hotel, stand auch mal hinter einem Bartisch, habe dann alle Staaten abgeklappert von New Jersey bis nach Illinois, 'ne Farm habe ich auch gehabt, die glänzend pleite ging, weil mir das Vieh verreckte. Schuhfabrik dann; bin für 'ne neue Wichse gereist; und das letzte, was ich machte, waren Kaffeemaschinen in Detroit. Ich kriegte Kapital für ein Patent, was ich mir ausgeknobelt hatte, wollte aber an Material sparen, und die Sache ging schief. Drei Schaufenster hatte ich schon ausverkauft, als Klagen einliefen. Es wäre nichts, die Dinger funktionierten nicht... Na, gut, ich hängte das Risiko an den Geldgeber, der die billige Herstellung veranlaßt hatte; mußte dann aber weg von dort und besann mich darauf, daß ich 'ne ganze Menge vom Maschinenbau verstand.

Mein alter Herr – verstehen Sie – das ist so eine Kraftnatur; der hat zu Hause zwei Hochöfen und fabriziert Nickelwaren von allen Sorten; lebt noch; schreibe ihm aber nicht; – er war immer knauserig, und wie ich Leutnant bei den Pionieren war, hat er mich kurz gehalten. Imponierte mir aber immer, weil er den Betrieb stramm hielt und immer selber nach dem Rechten sah. Überall steckte er sein gelbes Gesicht hinein. So 'n kurzer Mann, wissen Sie, breitschultrig, mit 'ner Stirn wie 'n Stier. Wenn mal ein paar Pfennige zu wenig verrechnet waren, war er imstande und legte das ganze Schwungrad auf Pause, bis der arme Sklave sich aus der Enge herausdividiert hatte. Manchmal schmiß er auch Leute raus. Napoleon, na, wenn die Bezeichnung auf jemand paßt, so ist das mein alter Herr, aber übel anzufassen. Wissen Sie – und wenn Zuckschwerdt junior und senior aneinandergerieten, das hörte man. Ich habe ja auch meinen Kopf, bin aber immer noch 'ne stillere Natur.«

Seine Stimme hatte etwas Träumerisches.

»Ja,... ich war also Maschineningenieur, und besann mich auf einmal darauf, daß hier Geld damit zu machen wäre. Die Kaffeemaschinen, das war so 'ne Rufus Wallingford-Geschichte. Ich wollte schnell reich werden und wäre dann wieder ins Heer eingetreten; aber habe gleich beschlossen, daß mir das Solidere doch mehr liegt. Als ich meine erste Fabrikanstellung hier hatte, da lauschte die Gegend auf, das können Sie glauben. Diese Gummikauer haben ja keine Ahnung von Trigonometrie. Da ist der Boß, der versteht was davon und da sind so und so viele Lohnsklaven, die alle ihre kleine Spezialität abschustern. Aber einer, der den großen Blick hat, der fehlt gewöhnlich, und den hatte der Zuckschwerdt. Wenn er auch das Tifteln nicht verstand, Ideen waren die Hauptsache. Ein paar Zigarren zusammen mit dem Boß im Kontor, und die Sache war gemacht. »Sie sind ein Genie, Sökswert,« sagte er mir. Ich hatte die Pläne, und die anderen bissen sich die Zähne daran aus; aber ich habe doch manches auf die Beine gestellt.«

»Ja,« meinte Erwin, »aber haben Sie nicht dadurch indirekt Ihrem Vaterlande geschadet?«

Zuckschwerdt drehte ihm das Gesicht zu und setzte sich halb auf. »Wollen wir doch nicht so anfangen, Herr Notacker,« meinte er, halb schamhaft, halb überlegen. »Ein aktiver Mensch, was ich bin, kann sich nicht auf die faule Haut legen. Ist ja möglich, daß sie hie und da kleine Vorteile durch mich für ihren Großbetrieb bezogen haben. Aber – (und hier wurde er seltsam bescheiden, schrumpfte fast zusammen und bog die Zehen nach innen) – ich bin ja doch nur eine kleine Nummer, die nicht mitrechnet. Hier ist ja jeder numeriert, und wäre ich nicht gewesen, irgendwie hätten sie schon noch einen Passenden aufgetrieben, wenn's auch schwer gewesen wäre.«

Das Problem war schwer verdaulich. Beide schwiegen.

Erwin war es mit seiner Frage nur halbernst gewesen, denn er war geneigt. Dreiviertel von dem, was der Leutnant verkündete, in Gedanken wegzustreichen. Aber die seltsam verkorkste Moral machte ihm zu schaffen. »Es ist genau so heikel und so widersinnig, wie alles in diesem Kriege,« dachte er bei sich. »Hier sitzt einer, der drüben vielleicht einen netten kleinen Sturmangriff geleitet hätte. Sie hätten ihn vielleicht nach sechs Monaten abgeschossen; aber er wäre ein Rädchen in der anderen Maschine gewesen; und damit muß man ihm recht geben: auf die faule Haut kann sich so ein Mensch nicht legen. Entweder man schlägt ihn tot oder man läßt ihn aktiv sein.«

»Würde Sie ermüden, Herr Notacker,« fuhr Zuckschwerdt fort und legte sich wieder zurück, »wenn ich Ihnen meine weitere Karriere auftischen wollte. Glänzend bezahlte Offerten hat man haufenweise hinter mir hergeworfen. Stehe mich jetzt ganz anständig mit dreihundert im Monat bei der Union-Copper-Company. Bin auf Cincinnati verfallen, weil es hier in Menge Deutsche gibt. Ich habe mir sagen lassen, daß denen so ein bißchen Aufmunterung nichts schadet. Aber das Echte ist auch mit der Lupe zu suchen. Finden hier viele »Fifty-fifty«-Menschen, lauwarme Brüder, die Bier saufen, stramme Monarchisten, und dabei das Sternenbanner feste um die Front geknüpft. Oder Sie finden behagliche verfettete Philister, die nach außen wie deutsche Professoren wirken, innen aber so kümmerlich anglisiert sind, daß sie nicht mal mehr Frakturschrift lesen können. Und da gibt es ein Lokal in der Vinestreet, Engelbrecht heißt der Kunde, das ist »echt deutsch«, wie man so sagt, und da versammeln sie sich und das wäre geradezu köstlich und erfrischend, hat man mir gesagt... Da bin ich hingegangen und fand eine Versammlung von den traurigsten vorsintflutlichen Knackern vor; Leute, die nach achtundvierzig herübergekommen waren, ihre Anschauungen noch von anno 70 hatten und vom alldeutschen Militärgeist und von unseren Bedürfnissen keinen blassen Dunst hatten. Quatsch redeten sie, daß es mir grauste. Na, ich habe ihnen denn auch ein Bild vom jetzigen Deutschland vorgelegt, daß sie ganz erschrocken zusammenfuhren, sich an den Kopf griffen und sagten: »Ja, da muß sich aber doch inzwischen verschiedenes verändert haben!« – »Kinder,« rief ich, »wir sind jetzt nicht mehr weltfremde Philister. Die Kleinstädterei hat aufgehört. Wir sind die Zentrale und wir machen jetzt den ganzen Kitt.« – Und dann machte ich ihnen noch was klar über den Drang nach Osten und hieb ihnen Berlin und Bagdad um die Ohren und steckte die halben englischen Kolonien in die Tasche. Da hätten Sie mal sehen sollen, wie sonderbar sie sich benahmen. Die einen fingen an, wässerige Augen zu kriegen, dann gröhlten sie mit Zitterstimmen Burschenschaftsgesänge, und nur ein paar von den ganz Verwaschenen holten sich ihre amerikanischen Fähnchen aus der Westentasche und verließen unter Protest das Lokal. War ja auch toll von mir, drei Monate nach der Kriegserklärung hier so was in Szene zu setzen. Aber der Zuckschwerdt fürchtet weder Tod noch Teufel, und läßt sich nicht das Maul verbinden. Kommt freilich darauf an, wo ich bin. Überall mache ich das nicht.«

Nach dieser Rede schloß der Leutnant befriedigt die Augen und versank ganz in seinem Sonnenbad.

Welch eine Wirkung seine prächtige Erklärung auf Erwin gemacht, darüber holte er sich nicht einmal Aufschluß. Er klappte einfach die Lider zu. Er ließ sich weiterwirken wie ein Naturereignis.

»Er hat es erfaßt,« dachte Erwin, nachdem er sich von seiner Verblüffung erholt. »Es scheint doch, daß man mit Bluff hier alles machen kann. Welch Gottessegen ist doch so eine dicke Haut.«

Ganz im Hintergrunde seines Bewußtseins entstand eine leise unbehagliche Erwartung. Er hatte das Gefühl, daß eine kaltberechnede Macht, deren Wesen der Gute nicht einmal ahnte, ihn schon eingekreist habe und mit kaltem Blick nach seiner Achillesferse forsche. Da würde sie ihn treffen und blitzartiger erledigen, als der von seinem Selbstbewußtsein Umfriedete es sich ausmalen konnte. Sie würde ihn auslöschen, wie nur je ein Individuum ausgelöscht war.

Nach dem Bade lud sich Zuckschwerdt selbstverständlich zum Mittagessen ein. Die Rede kam auf Musik, und Mildred, die die Ausübung dieser Kunst lange vermißt, war erfreut zu hören, daß der Leutnant, wie er behauptete, eines ausgebildeten Tenores mächtig sei. Man beschloß, gelegentlich Schubertlieder vorzutragen; besonders lieb, erklärte Zuckschwerdt, sei ihm jenes, das den Titel trage: »Der Tod und das Mädel.« – »So ähnlich hieß es,« bemerkte er schneidend.

Das Ehepaar geriet in Heiterkeit, deren Grund der Leutnant nicht erkannte. Hernach, während man ein Verdauungsstündchen folgen ließ, rief ihn die frische Energie, die er aus dem Bade geholt, dazu, Verbesserungen in der Umgebung des Hauses vorzunehmen.

Ein kleines Bächlein rann die Wiese von Mr. Byes Besitztum herab. Hier fand sich die Notwendigkeit vor, unverzüglich einen kleinen Fischweiher anzulegen. Er beschaffte sich Schaufel und Hacke und arbeitete zwei Stunden lang wie eine Maschine. Man konnte ihn vom Fenster aus betrachten, wie er mit gebeugtem Rücken trotz weißer Flanellhosen in der Erde stand und seine Muskeln sich unablässig rührten.

Nach Fertigstellung eines beträchtlichen Loches stieg er transpirierend heraus und erklärte seinem Tatendrang als zur Not Genüge getan. Er verbesserte noch den Hühnerschuppen, reparierte den Zaun, wütete korrigierend umher zum großen Erstaunen der Haushälterin, die, den schmerzenden Kopf von einem weißen Handtuch verhüllt, unwillig aus dem stumpfen Zustand ihrer Migräne erwachte und ihn mit langen Salven von ländlichem Englisch verfolgte. Zuckschwerdt entwickelte eine Gewandtheit, ihr in Slang alles zurückzugeben, was sie zu bemerken hatte. Sie verdrehte die Augen und zog sich wieder in den Hintergrund der Küche zurück.

Als sie sich von den Vorteilen des kostenlosen Arbeiters überzeugt, milderte sie ihre Gesinnung und bot ihm ein Gläschen Wein an, der aus Löwenzahn gebraut war. Da jeder Alkohol in Zuckschwerdt ein Echo fand, so blieb es nicht bei dem Gläschen und der Löwenzahnschnaps vereinte die Gemüter alsbald auf demokratischer Basis. Man fand ihn zum Schluß auf dem Küchentisch sitzend und mit den Beinen baumelnd und Mrs. Sniggers tiefbefriedigt und schnurrend gleich den fünf schwarzen Katzen, mit denen sie sich umgab.

Das Gespräch drehte sich, wie Erwin, der jetzt herunterkam, sofort erfaßte, um eben diese Katzen, und die Frau hatte sich beklagt darüber, daß niemand den Mut finde, die Tiere aus der Welt zu schaffen. Sie bringe es nicht übers Herz; aber was die zusammenfräßen, sei enorm und mache sie arm und frühalt vor Sorge. Dabei senkte sie schwermütige Augen auf die mageren, zum Teil mit Krätze bedeckten Tiere.

»Ich hasse sie eigentlich,« bemerkte sie, »will sie los sein; aber man hat ein gutes Herz. Alle Tiere kommen von der Vorsehung; aber was die jungen Hühner sind, die leben nicht lange mit ihnen zusammen, ohne daß ihnen etwas passiert.«

»Warum«, rief Zuckschwerdt fröhlich, »vertrauen Sie mir nicht? – Ich werde Sie von dem Übel erlösen. Kann ich nicht ein wenig Vorsehung spielen?«

Die fünfzigjährige verbissene Frau blickte scharf auf und bemerkte: »Ich finde hier in der Gegend keinen Mann, der das fertig brächte. Das wäre ja Mord. Aber wenn die Katzen eines Tages nicht mehr da sind, so will ich gern glauben, daß man sie gestohlen hat oder daß sie ausgekniffen sind.«

»Einen Mann suchen Sie,« erwiderte Zuckschwerdt heftig und stellte sich spreizbeinig mitten in die Küche. »Hier haben Sie einen, der tötet das Viehzeug.«

»Nicht töten,« rief sie schrill, »nicht töten, wegschaffen, verjagen.«

»Na gut,« sagte Zuckschwerdt. »Ich nehme sie alle mit im Automobil; stecken Sie sie nur in einen Sack und dann setze ich sie irgendeinem Nachbarn, den Sie besonders lieben, auf die Pelle.«

Sie verklärte sich. »O ja, dort in Tower-Hill, dem Trödelladenbesitzer; der betrügt mich schon lange und ich kann ihm's nicht nachrechnen. Den versorgen Sie nur mit den Katzen.«

Der Wunsch von Mrs. Sniggers wurde erfüllt. Allerdings blieb der Ladenbesitzer unbehelligt. Aber die Katzen verschwanden wie Tautropfen in der Sonne. Wenn jemals etwas spurlos vertilgt worden ist, so daß nicht das kleinste Gedächtnis seines Daseins zurückbleiben konnte, so waren es diese Katzen.

Erwin wohnte, von Zuckschwerdt veranlaßt, der Exekution bei und beschrieb sie Mildred mit folgenden Worten:

»Er hatte einen alten Kohlensack gefunden und das erste, was er natürlich tat, war, Jagd auf die Tiere zu machen. Nun waren sie halb räudig und traurig anzusehen. Es war keine leichte Arbeit, sie, wenn man sie einmal am Schwanze hatte, in das Loch im Sack hineinhängen zu lassen, ohne daß sie mit den gespreizten Pfoten anstießen. Fangen ließen sie sich ohne weiteres, direkt aufnehmen, da sie einer rohen Behandlung nicht gewärtig waren; und Zuckschwerdt war strategisch genug, sie nicht durch große Alarmtrommeln einzuschüchtern. Gern faßte er sie nicht an; aber ich glaube, das erstemal, wo er in seinem Leben zärtlich mit einem Geschöpf Gottes umging, so war es hier trotz der Krätze, – weil er den dunklen Plan im Hintergrund hatte.

Als er die vier Trauergestalten – – du erinnerst dich, sie waren alle schwarz und ein kleines war auch darunter) – in den Sack steckte, merkten sie etwas und wogten darin auf und ab. Doch Zuckschwerdt hatte mit eiserner Faust die Schnur oben zugebunden und lud sich das Bündel auf die Schulter.

»Wird ne saubere Arbeit, Herr Notacker,« äußerte er sich dabei noch zu mir. »Habe die Viecher schon das erstemal gehaßt, wie ich sie sah. Das muß ausgerottet werden, sonst macht das Leben keinen Spaß.«

Was ihm die Katzen tatsächlich zugefügt hatten, darüber schwieg er sich aus. Er hatte sie nicht einmal übel vermerkt, schien mir; doch mit Tötungen beauftragt, nahm er die Sache ernst und suchte sie auch noch zu motivieren.

Wir gingen an das Ufer des Miami hinunter und suchten uns ein paar sehr schwere Steine heraus, um sie an den Sack zu binden. Zuckschwerdt dirigierte wie ein Feldherr, während ich dies letzte Werk der Barmherzigkeit vollführte. Der Sack war ungefähr zwei Meter von uns in den niedrigen Fluß gesunken, aber trotz der Beschwerung kamen noch hier und da Fühler, die er ausstreckte wie eine große Amöbe, an die Oberfläche. Hier wußte Zuckschwerdt geschickt einzugreifen, indem er solche naseweisen Anschwellungen kunstgerecht mit Steinen abplättete. Es entstanden dann noch drei oder vier große Luftblasen, in denen die Seelen der Katzen durch das Wasser nach oben stiegen; und dann beruhigte sich der Sack. – –

»Können das nicht dadrin liegen lassen,« meinte er, nachdem sein Adlerauge eine Zeitlang starr auf der Stelle geruht. Und er angelte ohne Schuhe und Strümpfe danach und zog das Gebilde wieder an Land.

»Müssen das Zeug hier vergraben, hier im Schlamm; sonst kommt die Gesundheitspolizei.«

Das letzte Wort sprach er etwas leise aus. Es war die Anerkennung einer kleinen, zwar belanglosen, aber immerhin neben ihm noch existierenden Autorität.

Als wir das Loch im Schlamm gebuddelt hatten und der Sack gerade reif war, hineinzukommen, bekam ich einen solchen Schreck wie in meinem Leben noch nicht, und auch Zuckschwerdt machte ein äußerst düsteres Gesicht, indem er einen scharfen Blick auf die Stelle dieses Lautes richtete; – denn aus dem Sack ertönte ein leiser wimmernder Schrei.

»Das sollte denn doch mit dem Teufel zugehen,« meinte er. »Eins von den Viechern ist noch nicht erledigt, wollen mal sehen, was los ist.«

Wir schüttelten die Leichen aus dem Sack. Zuerst kamen die drei großen schwarzen. Sie waren stocksteif. Die Augen standen aus dem angeklebten dürftigen schwarzen Fell heraus wie giftig grüne Beeren, mit kaum einem Schlitz darin. Abscheulich sieht eine tote Katze aus, das kannst du glauben.

Tierleichen sind ja immer noch erträglicher als Menschenleichen, weil sie für unsere Begriffe etwas Toteres – entschuldige das Wort –, etwas Gegenständlicheres haben. Nur Katzen machen eine Ausnahme, weil sie etwas Menschliches bekommen.

Sie haben etwas qualvoll Verkrümmtes, als seien ihnen die neun Leben, die sie besitzen, wie ebenso viele Widerhaken aus dem Leibe gerissen worden. Das Maul steht auf; die hölzerne Figur ist wie Krampf gewordener Protest.

Dreien also hatten wir den Rest gegeben; und nun purzelte noch das Junge hinterher. Sie hatten es offenbar so zwischen sich eingeschlossen, daß das Wasser nicht daran konnte. Nun wimmerte es und anstatt – –« –

In diesem Moment sprang Mildred auf und rief: »Gott sei Dank, daß aus diesem Massenmord noch eines gerettet ist, wo ist das arme Kleine?«

– »Hör nur weiter,« sagte Erwin, »ich dachte ja, wir stecken es in die Tasche und nehmen es wieder mit, weil es noch zu jung ist, Schaden anzurichten. Zuckschwerdt ließ mir keine Zeit zur Überlegung. Er betrachtete die Zählebigkeit dieses einen als persönlichen Affront. Kannst du dir denken, sein Ehrgeiz war verletzt. Ja ich möchte fast sagen, seine Eitelkeit war erschüttert.

»Donnerwetter,« sagte er. »Im Katzenersäufen habe ich doch immer einige Routine gehabt, und länger als zehn Minuten hat es noch nie eine ausgehalten ohne Luft. – Du Luder,« schrie er das Kätzchen an, »du bildest dir wohl ein, du kannst dem Zuckschwerdt einen Streich spielen. Sollst mal sehen, was Gründlichkeit bedeutet.« Nahm einen Stein und ehe ich diesen Energieausbruch verhindern konnte, hatte der Stein rotes Mus aus dem Objekt gemacht.

Die absolute Sicherheit, daß das Werk nun erledigt sei, machte ihn wieder humoristisch. Wir schaufelten unsere Opfer in das Loch und traten es mit Lehm fest.

Zuckschwerdt machte noch auf dem Heimweg Bemerkungen, so könne man ihm nicht kommen und übers Ohr ließe er sich nicht hauen.

»Ich glaube, daß er unter Umständen mit Menschen genau so...«

Hier brach Erwin ab; denn Mildreds Benehmen machte ihm Bedenken. Sie war ganz blaß geworden und wie kraftlos in den Stuhl gesunken. Ihre Lippen hauchten ein Wort gerade noch laut genug flüsternd, wie als sei sie einer Erkenntnis auf die Spur gekommen, an die sie nicht hatte glauben wollen; und auch Erwin erstarrte, erstarrte in schweigendem entsetztem Protest; denn es war dasselbe Wort, das ihm ringsum jedes Gespräch vergiftet, ihm aus jedem Zeitungstitel, ja fast schon aus den Schaufenstern entgegenfletschte:

Das Wort hieß: »Der Hunne!«

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