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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Maske taut

Es war ein sonniger Gottesmorgen wie viele frühere, ein Morgen voll vom Gebrüll der Sau im Verschlag, dem Singsang der Eisenbahnarbeiter hinter dem Eichenhain, fern vorüberrasselnden Frachtzügen, fernen Flüchen eines Farmers und der Stimme der Frau Sniggers, die unten ihre Hennen zusammenlockte, – ja, ein solcher Morgen war es, der sich von keinem unterschied, – als Erwin etwas früher als gewöhnlich erwachte und sich vor den Rasierspiegel stellte, wie es seine tägliche Gewohnheit war.

Während er sich schabte, kam ihm zum Bewußtsein, daß die nächste Zukunft nicht so ganz ereignislos sein würde wie bisher. Etwas war beschäftigt, ihn zu zerstreuen, und er hatte es nötig.

Aus dem Spiegel sah ihn ein Gesicht an, das einer Maske glich. Unter seinen Augen deuteten sich Säcke an, seine Wangen waren schlaff, seine Hautfarbe von ungesunder Röte, keiner Sonnenröte, sondern der Farbe eines, der sich zu wenig bewegt, zu träge lebt und dessen Genüsse vom Leben sich mehr auf die animalischen beschränken. Seine Augen, in denen doch früher – das wußte er – eine sinnierende Wärme geruht, waren glanzlos und halbblind, und im geheimen, während er sich so betrachtete und abschätzte, fühlte er mit einer gewissen Entsagung, daß der Zustand, in dem er sich sah, ihm die einzige Möglichkeit biete, Sensationen (– die ihn vernichten würden, wenn er sie bei vollem Bewußtsein empfinge –) wie stumpfe Pfeile von sich abprallen zu lassen. Er hatte sich so an diesen Panzer von Gleichgültigkeit gewöhnt, daß er nicht einmal mehr Beschämung darüber empfand.

»Lebte ich dies alles mit, wie es gelebt sein will,« erkannte er dumpf, »so wäre ich ein Nervenbündel; so hätte ich mit diesen Händen Mord und Totschlag verübt, wäre von Seifenkisten heruntergerissen worden, ohne stammelnde Reden an die Menschheit beenden zu dürfen... In Ketten hätte man mich gelegt; fanatisch wäre ich, mager, zynisch; – Märtyrer. Dies alles hätte mich in ein paar Monaten um die Ecke gebracht. Ein paar Zeitungsüberschriften voll berechneter Verlogenheit, voll widerlicher Klugheit, voll fabelhaft schneidender Handhabung der Massenhypnose hätten mich zu Erwiderungen gereizt... Ich hätte auf den Markt gehen müssen und brüllen: »Glaubt doch diesen Irrsinn nicht! Macht kein Base-Ball aus diesem Krieg, fallt nicht als zweiundzwanzigste Nation im Schlepptau der anderen über ein mürbes halbverhungertes Volk her, das längst geneigt ist, jede Medizin an demokratischen Begriffen zu nehmen, die ihr verabfolgen wollt... Der Begriff »Demokratie« ist drüben ja noch ein Säugling, das stimmt. Wozu braucht man aber mit dem Schüreisen zu kommen, um ihn aufzuheizen mit dem, was ihr nahrhaft, was ihr lebenstüchtige Ideen nennt?! – Er wird allein wachsen. Laßt ihn nur in Ruhe und macht männliche Kompromisse, anstatt wie eine Herde von Rindern, der eine Wetterpanik droht, die Zäune niederzureißen. Ihr zertrampelt mehr, als ihr gutmachen könnt; werft nur euer Gold auf den verwesten Zipfel von Asien, der Europa heißt; ihr seid nicht die Gesundung. Die Quellen sprudeln auch dort an Stellen, die ihr nie ausmerzen könnt. Um Irrtümer zu berichtigen, um Geistesrichtungen umzudrehn, wenn sie schädlich werden, bedarf es keines Geschützes und keines endlos verspritzten Blutes!«

Dies alles, fühlte Erwin, hätte er ihnen in die Ohren geschrien; aber es hing wie Blei an seinen Gliedern.

Der Krieg war keine Fanfare und kein schmetternder Alarm, der ein Schlachtroß aufzucken und davonstieben ließ, – der Krieg war ein Druck, der langsam zerquetschte, der alle Energie der Seele und alle Produktivität wie langsam wirkendes Gift zersetzte.

Verschiedentlich, wenn er sich gebäumt in diesen letzten endlosen Monaten; wenn er gefühlt hatte: »ich werde verrückt, wenn ich diese Ketten noch rasseln höre«,– war Mildred gekommen mit ihren meergrauen Augen und hatte ihn mit einem Strich ihrer kühlen Hand beruhigt, mit den Worten: »Tu, was du nicht lassen kannst; aber ich habe soviel geopfert, wie ich herkam, daß du mich nicht in einer Falle sitzen lassen darfst, und es geht zu Ende, jetzt schneller denn je. Dies ist die letzte Phase. Die Maschine, die hier aufgehetzte Menschen, die aus dem Vollen schöpfen, wohin sie greifen, aufgetürmt und losgelassen haben, – diese Maschine ist im Rollen. Es geht euch drüben nicht gut; aber ihr werdet einen Ausweg finden, selbst wenn man euch ausplündert. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.«

War das eine Beruhigung? – O dies kühle englische Lächeln, mit dem sie Trost spendete; o diese Worte, die wegnahmen, was der Ausdruck des Mundes schenkte! – Sie war neutral, nicht im politischen Sinne, aber menschlich. Sie vermittelte; sie spottete über sich und über das Britische; sie schrak zurück, sie haßte vielleicht das Brutale im Deutschen; aber sie verachtete es nicht. Kann man Kraft verachten, selbst wenn sie mißleitet wird?

Erwin fühlte sich geborgen hinter dem Panzer, den er sich selbst geschaffen. Wenn er ging, so sahen sich die Leute nach ihm um. Er schlafwandelte am hellen Tage. Er war wie einer, den der Blitz getroffen und der noch ein Scheinleben weiterführt, gewohnte Tagesfunktionen mechanisch ausübt, ißt, trinkt und schläft; denn das, was ihn hätte beschäftigen können –: Wirkung auf Zuhörer, auf Leser durch klug gesetztes Wort–: Zusammenhang mit anderen Gehirnen... das fehlte ihm hier. Wo er es versuchte, nahm man es ihm mit kalter Gebärde weg. Amerikaner, mit denen er redete, verstummten, sobald ein politisches Wort fiel, und ein ruhiges Gespräch, was er wohl führen konnte mit einfachen Leuten, wurde plötzlich zerschnitten und ihm im Munde vergiftet durch ein Wort, das die Leute wie gangbare Münze unter sich zirkulierten, das Wort: »Hunne«, das sie mit einem Krächzlaut der Kehle hervorstießen, bei dem sie sich nichts mehr dachten, das ihnen geläufig war, als ob sie von Ratten oder Stechfliegen redeten. Sie meinten es nicht schlimm damit. Es war der Feind, der Feind war gemeint; selbstverständlich! – ein Tier, ein ekles Gezücht, das man zerquetschen mußte.

Daß Erwin dieser kaum als menschlich empfundenen Rasse angehörte, vergaßen die Biederen, sobald sie mit ihm sprachen; denn er redete geläufiges Englisch, sogar ein wenig durch die Nase, und wo das Volk hundert Wörter kannte und bequem damit auskam, pflegte er zuweilen Buchausdrücke zu verwenden, die ihnen dunkel von der Schule her als gewählt und stilvoll erschienen. Er übertrumpfte sie mit ein paar ungeahnten verblüffenden Argumenten, ohne sich etwas dabei zu denken, dann merkte er, wie ringsum sich die Lippen zusammenzogen wie Öffnungen von Tabaksbeuteln, deren Inhalt trocken bleiben muß; – merkte Achselzucken, abirrende Blicke, wurde unsicher und bereute es, ein Wort gesprochen zu haben.

Er breitete kleinen Geschäftsleuten die Schätze seines Wissens hin, ohne es zu wollen und machte sie mißtrauisch wie einer, der eine Ware allzu sehr anpreist, um über ihre Qualität zu täuschen. Er hatte nichts Polterndes an sich; ihm war es nicht gegeben, Schulterklapse zu verteilen und in Zahlen zu denken. Die Perspektiven, die er unwissentlich eröffnete, enthielten keine Zahlen; und der erfolgreiche, gutgekleidete, scharfäugige Ire oder Angelsachse da vor ihm, mit den Händen in den Hosentaschen und stramm hingepflanzt auf seinen runden Schuhen, dachte sich sein schlichtes Teil über Erwin etwa so:

»Dieser drollige Kauz mag ja hingehen als etwas, das der Herrgott so nebenbei nach dem zweiten Frühstück erzeugt. In unser System, in unser klares, herrliches, logisches, viereckiges System paßt er nicht hinein und er täte besser, sich zu drücken.« Und vielleicht spürte dieser selbe Amerikaner noch eine Anwandlung, ihm ein paar Dollars für die Rückreise vorzustrecken, um ihn in sein von unnützem Menschenkehricht überfülltes eingeklemmtes Land zurückzuschaffen. Großzügig kam er sich dabei noch vor...

»Nein,« – dachte Erwin, nachdem er sich angekleidet hatte und im Begriff war, zum Frühstück hinunterzugehen: »Lieber das Schneckenhaus, und in den Winterschlaf hinein, bis dieser Wahnsinn zu Ende ist. Streiche ich diese Monate, ja diese Jahre aus meinem Leben einfach heraus. Es wird das beste sein. Irgendwo gibt es dann ein Loch, über das ich mir keine Rechenschaft geben kann; und vielleicht werde ich zwischen das Jetzt und meine Jugend eine Scheidewand stellen, hinter der ich mich, wie ich war, nur ganz verschwommen werde erkennen können. Was tut's: wenn ich mich später einmal anbohre, sprudelt es wieder. Ich bin durchgeackert. Nun bin ich brach und voller Steine. Dann kommt eine neumodische Erfindung, die das unterste zu oberst kehrt. Vielleicht Republik, Gleichheit der Menschen oder nur der Geister... Das wäre schon etwas. Einstweilen laßt mich in Ruhe.«

Als er sich zum Frühstück setzte, lachte Mildred silberhell, so wie sie es selten in der letzten Zeit getan und erklärte ihm, es hätte heute früh ein telephonischer Anruf stattgefunden. Zuckschwerdt komme in etwa einer Stunde herauf und wolle mit Erwin zum Baden gehn.

Schon der bloße Gedanke an den Leutnant schien sie zu amüsieren. Sie hatte seit dem Besuch des Tüchtigen eine größere Lebhaftigkeit. Ihr Humor war wieder geweckt, ihre Aussicht aufs Leben irgendwie rosiger gefärbt.

»Zuckschwerdt«, murmelte Erwin, und Mildred war erstaunt, als er, statt sich gutmütig auf die neue kleine Komödie zu freuen, schier erbost vor sich hinstarrte.

Woher kam diese Erbosung? Ach, es war die Unterbrechung der Routine. Da war ja der Störenfried, der mit einem Hammer an das Schneckenhaus klopfte, bis das nervöse Weichtier nackt in den scharfen Wind hinauskroch und fröstelte.

»Der Mann ärgert mich bloß,« dachte Erwin, »er macht mich für ein paar Stunden vergnügt, aber er stört wieder Bedürfnisse auf, die ich in mir vergraben will. Seht doch diese muntre Karikatur des Mitteleuropäers, seht doch das Püppchen des Militarismus auf diesem Hintergrund! Was will der Kerl? Will er mir von drüben erzählen, will er sich selbst in Szene setzen, hat er dumpfes Anschlußbedürfnis? Alles, was wir zusammen treiben könnten, ist Selbstzerfaserung von meiner Seite und lehrhaftes Patronisieren von der seinen. Ich habe es satt, mich von solchen Augen anblitzen zu lassen. Ich will nicht strammstehen, was mache ich mit der rohgezimmerten Seele?«

Und doch, und doch, er fühlte, er könne dem Ansturm der Vitalität des Leutnants nicht widerstehn, wolle auch im innersten Grunde nicht widerstehn, so wie man sich einer schmerzhaften Massage durch athletische Badediener überläßt, die eine sanft glühende Nachwirkung am Körper erzeugt, ein Gefühl wie von Champagner. – »Dazu«, fühlte Erwin im Innersten: »ist mir unser neuer Freund gut genug. Lassen wir ihn nun an mir herumarbeiten und sehen, ob er auf seine Kosten kommt. Wird er's müde, so setze ich ihm keine weiteren Verlockungen entgegen. Macht er mich nervös, so werde ich grob. Verträgt er meine Grobheit, um so besser für ihn. Es wird eine Art Kampf geben mit geistigen Mitteln gegen Metall. Sehen wir zu, wer den anderen unterbekommt. Im heutigen Weltbild passiert ja dasselbe. Spielen wir uns hier ein kleines Kriegspanorama vor.«

Der Gedanke an diese ihn zunächst etwas läppisch dünkende Konkurrenz begann ihn irgendwie zu befeuern, so daß sein erboster Blick sich milderte und sich freundlich auf Mildred kehrte.

Der erfrischende Gedanke streifte ihn: »Vielleicht ist sie meiner eine Weile satt geworden; Abwechslung gönne ich ihr ja. Wir sind uns gegenseitig zu nahe gesessen die ganze Zeit über. Ich muß wie Blei an ihrer Natur gezerrt haben. Sie hat es ja vertragen; aber Kettenringe hinterlassen Einschnitte, die manchmal schwer verheilen. Ein Gegengewicht wird sie vielleicht entlasten. Und wenn dieser Zuckschwerdt es fertig bringt, mich selber zu verändern, so wird es gut sein für sie. Sie wird mich in anderem Lichte sehn. Auf in den Kampf denn!«

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