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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080309
projectid32fc378c
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Der Mann mit den toten Augen

Um diese Zeit wehte ihnen ein Prospekt ins Haus, auf dem wörtlich folgendes vermerkt stand:

»Die leichte Erreichbarkeit von Lakewood, die abwechslungsreiche Bequemlichkeit seiner Unterhaltungen, die gesunde Atmosphäre seines balsamischen Klimas und seine trockene Erde, vereint mit den Naturschönheiten seiner tiefen, duftenden Fichtenwaldungen und Seen sind seit langem von jedem Kenner unserer Erholungsorte freimütigst zugestanden worden.«

Nach dieser schwungvollen Einleitung erfolgte eine längere Schilderung, die sich nicht genugtun konnte an bunter Ausmalung der Lage, der landschaftlichen Reize, der Privatschulen samt Betätigungen von Kirche und gesellschaftlichem Leben, das von einer großen Ansiedelung gepflegt werde. Ja, diese Schilderung überbot sich selbst, als sie die Vorteile des Country-Klubs, die Reize der Gegend, des Ruderns, Reitens und Motorfahrens erschöpfte; auch streifte sie mit ernstem Seitenblick die Verdienste um Gemüt und künstlerische Bedürfnisse, deren Lakewood sich erfreute, erwähnte den Nachmittagstee in den Hotels, nannte ihn mit Entdeckerfreude eine scharmante englische Volkssitte und verweilte des längeren auf den erstklassigen Lichtbild-Theatern. »Der herrliche Park des Mr. Gould ist dem Publikum weit geöffnet, und eine große Tribüne bietet Tausenden Sitzgelegenheit, die das Pferde-Polo genießen wollen ...« Der Artikel schloß mit einem Loblied auf die Zentral-Bahn von New Jersey und mit kordialer Einladung, sich, falls man noch nicht ganz überzeugt sei, brieflich über all diese Vorzüge zu vergewissern.

Erwin fühlte auf diese Annonce hin eine gewisse Wehmut. Irgend etwas Europäisches in ihm geriet in Versuchung, der Idee näher zu treten. Das las sich ja genau wie eine Schweizer Hotelreklame; wie? ein Duft von Lugano oder sonst einem paradiesischen Fleck der Alten Welt war darin ... Dieser aus kindlicher Reise-Frühe stammende Duft machte ihm zu schaffen ... Rest eines Märchenglaubens an verschollene Prospekte ... Der Kontrast zwischen dem gegenwärtigen Dasein und dieser kaum fünfzig Meilen entfernten landschaftlichen Perle war ungeheuer; wie hätte er den Mut gefunden, zu glauben, die ganze Schilderung sei nur der Geschäftsphantasie eines Grundstückvermittlers entsprungen? So setzte er sich auf die Bahn und fuhr nach Lakewood hinaus.

Mit den Fichtenwäldern hatte der Prospekt recht, wenn sie auch nicht das Augenfälligste waren, was ihm zunächst begegnete. Etwas sumpfiges Land, gesprenkelt mit Birkenbeständen, Erlengestrüpp, Weiden und von wildem Wein pittoresk verhängten Platanen und Pappeln waren bei der Einfahrt in den kleinen Bahnhof bemerkbar. Der Bahnhof war äußerst neuzeitlich, sehr appetitlich aus Zement, roten Backsteinen und weißgestrichenen Fensterverschalungen errichtet; das Personal von einer blühenden, dunkelblauen Sauberkeit und patriarchalischer Würde. Ernste Gepäckträger gaben ihm Audienz, und einer von ihnen ließ sich sogar herab, seine Handtasche schlenkernden Schrittes über die sandige Straße nach einem kleinen Wohnungs-Vermittlungsbureau zu bringen, wobei nichts in der Welt ihm ferner lag, als sich um den Herrn des Gepäcks, den leicht transpirierenden, überflüssig erregten Fremden zu kümmern...

In dem Vermittlungsämtchen, einer reinlichen Stube in mäßigstem Format mit einem Mahagonizahltisch, auf dem illustrierte Broschüren Lakewood von allen Seiten und in jeder Beleuchtung zeigten, stellte der pompöse Träger das Gepäck auf den Boden und verließ ihn mit einem schläfrigen Grunzlaut, nachdem er leicht sinnend auf das Fünfzigcentstück geblickt, das er sozusagen nur aus Gewohnheit in seine Tasche schlüpfen ließ. Während Erwin auf Bedienung wartete, verfinsterte sich der asphaltierte Raum; ein paar Donnerschläge erschütterten die Fenster und harte Tropfen klatschten auf die staubige Straße, um sich nach weiteren zehn Minuten zu einem Landregen zu entwickeln, der solide Dauer versprach. Erwin hatte sich, bevor er eingetreten war, noch ein wenig umgeblickt, hatte ein paar enorme Hotels wahrgenommen, hübsche, flache, sechsstöckige, in einer Art von Schweizer Stil errichtete Gebäude, abgezirkelte Wege, von samtenen Grasflächen gezierte Gärten und einige Privatpaläste, die offenbar sehr reichen Leuten gehören mußten, denn niemand schien darin zu wohnen, und sie waren augenscheinlich nur für einen späteren Saisonbetrieb in eine halbe Bereitschaft gesetzt.

Jetzt aber, als er sich noch näher über das Städtchen durch das Fenster hindurch orientieren wollte, löschte der gleichmäßig graue Regen alles aus und versperrte ihm die Welt. Nur die dunklen Klumpen einiger strotzender Laubbäume und die blutenden Farben pyramidenförmig angelegter Beete schimmerten noch hervor.

»Sehr reizend,« dachte er, »vielleicht gerade das, was man sich wünscht. Natürlich, im Ort selbst wird man nicht wohnen können. Die vielen Garagen deuten auf einen entfesselten Motorbetrieb. Auch wenn diese Hotels alle gefüllt sind, wird man sich wohl einander lästig fallen und nicht gut zur Ruhe kommen. Scheint mir so eine Art amerikanisches Homburg zu sein, aber die Landschaft gefällt mir, und es wird ja auch ringsumher, von den Straßen entfernt, idyllischere Plätzchen geben. Sehen wir zu, was dieser Jüngling uns vorzuschlagen hat.«

Damit richtete er einen fragenden Blick auf eine in sorgfältig gebügeltes weißes Flanell gekleidete Figur unbestimmten Alters, die irgendwie lautlos aus dem Hintergrunde auftauchte und mit zuckenden Bewegungen magerer Finger den Haufen Prospekte auf dem Tisch zu ordnen begann. Mit kurzen Worten wies Erwin auf sein Begehren hin, nämlich ein gemütliches, gut möbliertes Häuschen in der Nähe oder etwa ganz auf dem Lande, wonach der Jüngling, ihn tot ansehend, hervorstieß: »Yes Sir; very well, Sir!« – und dann von irgendeinem Regal ein Bündel Photographien raffte, das er Erwin vorwarf, so zwar, daß diese Bilder irgendwie bereits zauberhaft geordnet vor dem Verblüfften zu liegen kamen. Hierauf begann er zu erklären. Sein nasales Englisch haspelte sich in rasender Geschwindigkeit durch ein Loch seiner gummiartig verzogenen Lippen. Zwischendurch grinste er, erwartete Anerkennung, beinahe Komplimente; stürzte sich auf ein neues Bild und war mit zehn von diesen Ködern bereits fertig, ehe Erwin auch nur daran denken konnte, sich irgendwelche Begriffe zu bilden. So schien es eine Art Lotteriespiel, als der Kunde auf gut Glück seine Faust auf ein Bild legte, das ihm anmutiger erschien als die anderen.

»Ich möchte mir das da gern einmal ansehen.«

»Nummer dreiundsiebzig. Jawohl, mein Herr,« knarrte der Jüngling, um im selben Tonfall, nur mit erhöhter Stimme, anzuordnen:

»Bringt sie heraus von hinten!«

Wer diese »sie« war, erklärte sich sofort, als ein ziemlich mitgenommener Ford-Viersitzer von außen um das Bureau herumwankte und sich mit schnarrendem Getöse vor die Tür schob. Das Wesen im weißen Flanell machte einen Satz über den Zahltisch und sprang, noch von der Schwelle, auf den Chauffeurplatz, der von einem flachshaarigen Knaben freigegeben wurde. Mit äußerster Zeitersparnis wurde auch Erwin in den Wagen genötigt, und er hatte erst Gelegenheit, die Türe zuzuklappen, als das Gefährt sich mit weitem Satz, der die Lachen spritzend zerpflügte, auf eine wilde Wanderschaft in die Regendämmerung hinaus begab. Der Jüngling fuhr so sicher, schien die Gegend derart unheimlich zu kennen, daß er, halb von seinem Steuerrad zurückgewandt, Zeit und Muße fand, Erwin weiterhin mit großen Salven von Nasaltönen zu bedenken. Sein Redefluß ähnelte im Tempo dem des entfesselten brüchigen Motors, an dem er das Äußerste an Leistungsfähigkeit herausholte. Mit europäischer Höflichkeit, leicht vorgebeugt, nach Verständnis der Bemerkungen ringend, die ihm im Telegrammstil zugefeuert wurden, versäumte Erwin, sich die Gegend zu betrachten, durch die man fuhr. Nur unklar kam ihm zum Bewußtsein, daß die letzten zehn Minuten hindurch eine gleichmäßige, wie eine Hecke geschnittene Wand von Grün an seiner Seite entlang glitt. Es war kein Wunder, daß der Jüngling des Weges nicht achtzuhaben brauchte, da es sich um eine schnurgerade Straße handelte, an der rechts und links, unklar erkennbar, anscheinend hübsch gebaute und mit Veranden versehene Sommerhäuschen lagen. Als er gerade Luft schöpfte und sich umsehen wollte, fuhr ihm eine Tropfengarbe ins Gesicht; im gleichen Moment machte der Wagen eine abrupte Drehung, noch eine ebenso plötzliche Wendung, stolperte ein wenig, fauchte röchelnd auf und hielt vor einer kleinen Villa inmitten von Fichten und kleinen Laubbäumen, welche die Einfahrt schmückten.

»Hier ist Ihr Haus,« sagte der Jüngling mit schöner Überzeugung und mit einer Gebärde, als habe er den ganzen Staat New Jersey zu verschenken. »Nehmen Sie sich Zeit, ich werde Sie begleiten.«

Er zog einen Schlüssel hervor, öffnete die Haustüre und ließ Erwin eintreten.

Vorläufig hielt man sich im Erdgeschoß auf, und der Jüngling wies Erwin einen gepolsterten Stuhl zu, während er sich selbst auf die Fensterbrüstung setzte.

»Yes Sir!« sagte er. »Wenn Sie sich hier umsehen, dann werden Sie bemerken, daß dies das Haus eines gebildeten Mannes ist, eines Mannes, der studiert hat. Ja, er ist auch einmal in Europa gewesen,« und er wies auf eine Reihe von Photographien aus Italien und Griechenland, die die Wand oberhalb des Bücherbrettes verschönten. »Er ist ein Seelsorger, ein sehr feiner Mann, und er betreibt Mission im Judenviertel von New York. Seine Frau ist krank. Die arme Dame muß in Kalifornien eine Kur gebrauchen und da Mr. Merryweather sie sehr lieb hat und nicht ohne sie leben kann, so vermag er es auch nicht, allein hier draußen zu leben, sondern schlägt der größeren Geselligkeit wegen doch lieber sein Quartier in New York auf. Alles steckt voll von Andenken an die arme Dame. Soweit ich Sie aber verstehe, kommen Sie mit Ihrer Frau und den Dienstboten her, das bringt Leben ins Haus, auch wenn es ursprünglich nur als Alterssitz gedacht war für ein behäbiges Ehepaar in reiferen Jahren... Der Prospekt wird Sie darüber aufgeklärt haben, mit wie offenen Armen man hier in Lakewood Fremde aufnimmt, so daß Sie sich fast als Ortseingesessener vorkommen und ungern – ich sage sogar, beinahe schmerzlich – den Moment empfinden werden, wo der Kontrakt abläuft...«

»Wie ist die Lage des Hauses?« fragte Erwin. »Ist ein bischen einsam hier, wie?«

»Aber bester Herr,« rief der Jüngling enthusiastisch und begann mit wilden Schritten den Raum zu durchqueren, »verehrter Herr, sind wir nicht im Handumdrehen hier gewesen? Ein paar Schritte quer durch den Wald bringen Sie auf die Hauptstraße und ein paar weitere Schritte ins Herz des Städtchens. Wieder verweise ich auf den Prospekt. Ist nicht der herrlichste Fichtenwald kostenfrei zu Ihrer Verfügung? Haben Sie nicht sogar Schwimmgelegenheit im See Carasaljo? Stört man Sie hier etwa, wenn Sie geistig arbeiten wollen? Wird Ihnen nicht alles ins Haus gebracht, was Sie an Nahrungsmitteln bedürfen? Das Telephon, es ist wahr, ist nicht in Ordnung, das kann neu gelegt werden und das macht man in zwanzig Minuten – nicht länger – so wahr ein Gott im Himmel lebt und die Worte in meinem Munde zählt!« (Hier überzeugte sich Erwin, daß er es mit einem Irländer zu tun hatte.) »Ich kann Ihnen gratulieren, nur herzlich gratulieren. Sie haben es gut getroffen, Sie sind ein Glückspilz. Ich habe mir im Bureau schon gedacht, wie Sie die Faust, ohne nachzudenken, fest auf das Bild dieses Hauses legten: Der Mann hat Geschmack, der Mann weiß was Gutes zu schätzen. Greifen Sie zu. Ich rate Ihnen nicht bloß als Geschäftsmann, sondern als Freund, der die Gefühle eines Fremden zu würdigen vermag.«

Nach diesem Erguß sah er Erwin mit toten Augen an, in die diesmal etwas wie ein gespensterhaftes Licht trat. Breitbeinig stand er da, die Hände in den Hosentaschen, ein Bild schlichter Überzeugungskraft.

Und Erwin schlug vor, das Haus noch gründlich zu betrachten. Zunächst ging man in den Keller, wo eine elektrische Pumpe neuesten Fabrikates in Betrieb gesetzt wurde, dann sah man sich die Küche an, dann die oberen Räumlichkeiten; alles war nett, sauber, gute Holzarbeit, solide Möbel, voll von verzeihlichen, vertrauenerweckenden, altmodischen Kinkerlitzchen; es gab sogar Makartsträuße und ein aus Perlmutter verzwickt gefertigtes Bild, das »Seeleute in Not« oder die Insel Capri vorstellen konnte; kurzum, es fehlte nichts, was zu einem gedeihlichen Landaufenthalt an städtischen Bequemlichkeiten nötig war. Sogar Mückennetze waren vor den Fenstern, wie er sich unlieb überzeugen mußte, als er den Kopf herausstecken wollte und mit der Stirn ein Dreieck in das Drahtgeflecht stieß. Das Badezimmer war ein Traum aus weißen Kacheln, Steingut und fehlerfrei lackiertem Blech; das laufende Wasser funktionierte auf den leisesten Druck mit starkem Strahl, der mit dem taktmäßigen Geräusch der Pumpe unten harmonierte. Es war eiskalt trotz der Glut. Er fand auch gar nichts, worauf er seinen Finger legen konnte und sprechen: »Hier, verehrter Freund, straft die Wirklichkeit Sie Lügen.« Und nachdem er das ganze Cottage eingehend geprüft hatte, ging er hinten herum, fand alles zu einer gedeihlichen Hühnerzucht Notwendige, einen Holzstall und einen zur Not brauchbaren Automobilschuppen, sogar ein Hundehaus, das ebenso neu und brauchbar schien wie der ganze übrige Besitz. Zudem kam die Sonne während seiner Inspektion hervor und erfüllte die ganze Gegend mit Duft und Heiterkeit.

Freilich, als sie sich wieder in den Wagen setzten, brach der Regen von neuem aus. Sie sausten im gleichen Tempo zurück, wie sie gekommen waren. So konnte Erwin mit bestem Willen von der Hauptsache, nämlich von dem Distrikt, in dem das Haus lag, keinen festen Begriff gewinnen. Er tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß man ein kleines Juwel wie dieses Haus kaum in eine ganz reizlose Gegend gebaut hätte, ohne gröblich gegen alles Stilgefühl zu verstoßen.

Er war schuldlos ...

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