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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Hochzeitsfeier mit Landpartie

Man ging die Wiese hinunter und als man des Gefährtes, das ihrer harrte, ansichtig ward, brach Zuckschwerdt in ein brüllendes, doch sonores Gelächter aus.

»Da ist mein Sechssitzer,« schrie er vergnügt, »Marke Ford, echtes Blech und alle Bequemlichkeiten der Neuzeit.«

In der Tat, es war ein trauriges Vehikel; klein, schwarz, halbverrostet, mit zersprungenen Polstern und verbogenen Schutzblechen.

»Nur immer herein, meine Herrschaften; Genügsamkeit ist auch was Schönes und man hat seinen Lohn davon.«

Mildred sprang hinein, Erwin folgte etwas zögernd nach. Die Klapptür schloß nicht.

»Klammern sich die Herrschaften nur an die Türen«, rief Zuckschwerdt, der bereits am Lenkrad saß. »Sonst fliegen sie auf und wir schlagen die Alleebäume kaput.«

Er drücke wütend, doch der Selbstzünder versagte.

»Schlamperei...«, grollte er, holte ein vorsintflutliches Kurbeleisen hervor und arbeitete vorn am Kasten, als gelte es das Leben.

Der Motor brauste auf. Zuckschwerdt war mit einem Satz wieder am Steuer und mit unbeschreiblichen Klängen (so als würden mehrere quietschende Türen aufgerissen) setzte sich der Apparat in Bewegung.

Die Straße war vorerst noch glatt und unter ruckweisen Stößen beschleunigte der Leutnant das Tempo. Endlich hatte er den Hebel auf Höchstleistung eingestellt und man ratterte dahin. Die atembeklemmenden Zwischenfälle der Maschine wurden seltener. Das Ding war einmal in Schuß und man kam vom Fleck. Immerhin hatte man noch das Gefühl, in einem Kajak zu sitzen, das einige Stromschnellen durch glücklichen Zufall überwunden hat, sich nun aber erst Katarakten nähert, die zerbrochene Knochen versprechen.

Die Landschaft wirbelte vorbei. Es war eine wüste Entdeckungsfahrt und Zuckschwerdt war entschlossen, sich nicht verblüffen zu lassen. Er nahm Kurven, bei denen die armselige Zinnbüchse mit dem Hinterende erschreckend schlingerte, wie ein Rennfahrer, auf den hoch gewettet wird. Seine Dachaugen hypnotisierten gleichsam jede Überraschung, die der Weg bieten mußte, im vornherein. Sein eiserner Wille lief voraus und räumte Hindernisse auf die Seite. Schotterhaufen machten sich bemerkbar, doch der kleine Ford ließ kindskopfgroße Steine auseinanderspritzen wie Sand.

Zuweilen gab es ein Heben und ein Senken, daß man sich zwischen Himmel und Hölle umhergerissen fühlte; man erhielt Stöße und Püffe, daß man nach Luft rang; – aber breit zurückgelehnt, die schwarze Zigarre halb zerkaut zwischen seinen gesunden Zähnen, blieb der Leutnant hocken und er würde, so schien es, noch in derselben Pose hocken bleiben, wenn unter ihm auch alles aus dem Leim ginge ...

Ein Städtchen näherte sich. Man mußte das Tempo mäßigen. Die Maschine wackelte halbbetrunken durch kerzengrade Alleen; schläfrige Landbevölkerung spuckte auf die Randsteine; höhnische oder scherzhafte Zurufe quollen aus den Gärten; halbverwilderte Hunde tanzten wütend neben ihnen her – –: doch wie ein Fürst, der in der Galakutsche vorüberfährt, mit halbzugekniffenem Auge, würdigte Zuckschwerdt das Publikum keines Blickes. Allerhand andere Kraftwagen kreuzten ihren Weg, bremsten erschrocken, wichen zögernd aus; elegante und schäbige, vollgepackt mit Ausflüglern; aber den Rekord der Schäbigkeit schlug entschieden Zuckschwerdts kleine Maschine, was ihn mit einem gewissen trotzigen Stolz zu erfüllen schien.

»Wir werden jetzt etwas langsamer fahren«, meinte er an seiner Zigarre vorbei. »Ich habe Ihnen gezeigt, was für ein Leben noch in diesem Kasten steckt, wenn man ihn energisch anpackt. Wissen Sie: Zäune und Schotterhaufen sind noch lange kein Hindernis für meine kleine Lizzie. Ich habe sie für hundert Dollars geschenkt bekommen, und gern geschenkt!«

Er lachte krachend. »Aber die Philosophie habe ich Ihnen wohl aus dem Leibe geschüttelt, Herr Notacker.«

Nach Luft ringend gab Erwin ihm recht. – Während sie weiterfuhren, erkundigte er sich ein wenig über seinen seltsamen Gast.

»Beruf? – Ja, er wäre jetzt sozusagen Allerweltsgehilfe. Der militärische Beruf, das sei für ihn das Wahre gewesen. Habe weg müssen, so um 12 herum. Teufelskerl wie er trete ab und zu mal in so 'ne kleine Verwicklung hinein. – Wissen Sie, die kleinen Mädchen ... Der alte Herr habe sich geweigert, für Sektrechnungen aufzukommen. Eines schönen Tages habe er ihn mit 'nem Notpfennig an die Luft gesetzt. Da habe er's mal mit dem Land der unmöglichen Begrenztheiten versucht... (Dieser Witz gefiel ihm wieder so, daß es ihn ehrlich schüttelte.) Wie das früher so gewesen wäre, das könne Erwin ja aus diesen Bildern sehen.«

Er reichte ihnen einige Photographien, die er aus seiner Jackentasche zog.

»Das wäre seine Familie, Stammbürger von Dinklage; der Herr mit dem Couleurband, der wäre sein Bruder, und hier die Damen mit dem Jungen, das wären seine Schwestern. Gut verheiratet beide, anspruchslose, aber liebe Geschöpfe. Er trage die Bilder immer bei sich. Ein Blick darauf genüge und er fühle sich zu Hause. Nun aber käme die Hauptsache.« –

Es war inzwischen Abend geworden und die Schwüle hatte kaum nachgelassen. Sie fing sich unter den breiten Blättern der Tabakspflanzungen, durch die man jetzt fuhr. Das scheidende Licht der Sonne genügte jedoch gerade noch, um die Hauptsache, von der Zuckschwerdt sprach, erkenntlich zu machen. Es war die zur Pyramide aufgebaute Mannschaft seines Pionierbataillons und daneben das Porträt eines Divisionskommandeurs in Gala. Es war ein weihevoller Moment und Zuckschwerdt dämpfte die Schnelligkeit und kroch wie eine Schnecke.

»Den müssen Sie sich genau betrachten; aus dem sauge ich mir sozusagen neue Kraft. Wenn er so unsere Kompagnie abritt und ich stramm stehen mußte und Bericht erstatten, – dann hatte er eine Art, Worte zu hacken, die einem ins Mark ging. Feiner Kerl das, wußte mich zu schätzen. Beim Liebesmahl, da war ich oft dabei. Oft hat er mich angeblinzelt, so von oben herab; man wußte nie, wohin er eigentlich guckte, weil er so mächtige Tränensäcke unter den Augen trug. Aber er sah alles, der alte Schuft. Da gab es keine Bewegung, die ihm entging.«

Zuckschwerdts Stimme bebte vor Erregung. »Ja – und was er mir immer sagte, das habe ich mir gemerkt: »Widerwärtigkeiten gibt es nicht, ins Auge fassen und erledigen, dann sind sie weg«.«

Er nahm das Bild ehrfurchtsvoll zurück und bettete es sorgsam wieder in seine Tasche.

»Das ist mir ein Talisman«, beschloß er. »Mir können die Hunde hier nichts anhaben, sie probieren es immer; aber der Zuckschwerdt ist nicht unterzukriegen.«

In einer weiten Kurve fuhr man zurück. Es wurde dunkler, aber das Maschinchen ertastete sich, treu und blechern rasselnd, mühevoll seinen Weg durch die Dunkelheit.

»Mit dem Tempo ist es jetzt zu Ende. Ich glaube, das Gas geht ihr aus«, fuhr der Unerschütterliche fort. »Es ist noch gerade genug da, um zu Ihnen zu kommen.«

Man hielt vor einer schwach erleuchteten Wirtschaft. Zuckschwerdt verschwand hinter dem Hause und kehrte zurück. »Nehmen Sie das da gut unter den Sitz«, und er reichte zwei Flaschen herein. »Ich habe meine Quelle.« Es ging weiter und, wie um einen Epilog daran zu fügen, wurde er noch einmal gesprächig.

Mit gutbezahlten Stellungen habe man ihn geradezu bombardiert ... bekannte er in schöner Bescheidenheit. Aber die Leute hätten keine Ahnung von deutscher Arbeitsweise. Kein Wunder, daß man ihn schätze. Stramm und gründlich, das sei seine Devise. Er habe hier Probleme unter der Hand, die ein Schuljunge in Deutschland verachten würde. Fabrikerweiterungen, wo man ein Stockwerk auf das andere pappe, Ausnutzung von Nutzland zwischen Schienensträngen, Arbeiterwohnungen und solchen Zimt. Er mache immer bloß Skizzen, sonst genüge es, wenn man dabei sei und die Nigger anbrülle, daß sie Blut schwitzten. Das sei seine Methode. Er und sein Boß, das seien die dicksten Freunde. Amerikaner liebten das Praktische, und so, wie er es ihnen auftrage, hätten sie es doch noch nicht bekommen. – Organisation von den Pionieren her, verstehen Sie. Alles läuft von selber. Hauptsache ist, daß man immer eine Rolle in der Tasche hat. – Spekulant sei er keiner; aber er arbeite wie ein Pferd. Wenn er mal ein paar tausend Dollars in die Dinklager Klitsche stecken könne, damit er seinem alten Herrn einen Gefallen tue, sei er ganz zufrieden. Der arme Mann beiße sich die Zähne noch aus an den Methoden von anno 50. Reklame kenne er nicht. Was so die vorsichtigen Bürger von drüben seien – die hätten ja überhaupt keine Ahnung, was Zeit ist. Machten Vorarbeiten wie geduldige Sklaven; ärgerten sich grün über läppische Nichtigkeiten und die Amerikaner, von denen er selbst mächtig profitiere, nähmen die Sache dann in die Hand und machten Geld daraus. Vielleicht seien in Dinklage zehn Patente entstanden, die hier bereits im Schwung seien wie das tägliche Brot. Aber den Leuten sei nicht zu raten.

Er erzählte noch dies und jenes über sich, malte atemraubende Zahlen in die Dunkelheit; er blitzte von Theorien, Plänen, ungenutzten Möglichkeiten; ein großer Energiestrom hatte sich gleichsam in ihm gefangen und strahlte verästelt von ihm aus. Und jede dieser Verästelungen, so konnte man sich vorstellen, erzeugte hochgetürmte Druckerschwärze; nicht bloß in Ohio, sondern überall im Kontinent. Zeitungsköpfe, wie etwa: »Zuckschwerdts Zeitersparnis, Großer Fund Der Letzten Monate«, oder: »Unbekannter Maschineningenieur Stellt Ganze Betriebe Auf Neue Basis«, oder: »Neue Methode, Häuserblöcke In Zwanzig Stunden gebrauchsfähig Zu Bauen« – zogen in wuchtigen Zeilen an Erwins innerem Auge vorüber.

Man hielt vor einem kleinen Benzinautomaten. Das Maschinchen wurde frisch genährt und nach einer halben Stunde, die relativ schweigsam verlief, kam man wieder vor dem Hause an.

Man trank noch einige Wiskysodas auf der Veranda, bei denen Zuckschwerdt sich das Sodawasser sparte. Seine Rede, die das im Auto angeschlagene Thema behaglich weiterspann, verriet nach einiger Zeit durch gewisse Schwankungen und Stockungen, daß seine Gedankengänge irgendeiner Beeinflussung unterlagen, der er nicht gewachsen war.

Zwar versuchte er durch Verstärkung seiner Töne dem Mangel, der durch das Versickern des Geistes entstand, aufzuhelfen; doch gelang es ihm nicht zur vollen Zufriedenheit, Überzeugendes hinzuzufügen. – – –

Mit gutem Anstand gelang es ihm schließlich, sich zu verabschieden. Man sah ihn die Wiese hinuntergehn, wobei ihm die durchgedrückten Knie diesmal nicht behilflich waren. Wenn man sich in einer schiefen Ebene fortbewegt, so kommt man, übt man Stechschritt, vielleicht schneller am Ziel an, aber auf eine Weise, die man nicht beabsichtigt. Es passierte nämlich dem Leutnant – und das war in der Dunkelheit gerade noch zu erkennen –, daß die Nacht ihn in ihren Mutterarm nahm, nachdem unkontrollierbare Kräfte ihn die Wiese hinuntergerollt.

Man hörte ihn noch an seinem Auto basteln und schwere Befürchtungen erweckte der Start, dessen Gelingen man nur vermuten konnte. Immerhin, das Geräusch des Motors verklang taktfest in der Dunkelheit.

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