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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
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Daniel

Die Luft über dem Fichtengebiet glich einem reglosen Tümpel; und zuweilen schien es, als schleudere ein ferner Riese hart aufplumpende Steine hinein. Wellenringe entstanden mit maßlosem Aufschrillen der Zikaden; sie brandeten an die Fenster und verebbten.

Erwin hatte den Kopf mit geschlossenen Augen in die Kissen zurückgelegt. »Habe ich nicht einmal«, dachte er, »von einer Mauer aus Stahl geträumt? – Ha! Jetzt kommt sie heran; jetzt ist sie in Hörweite! – Jener leise Laut, den ich oft gehört –; jener winzige Klang wie von Metall an Porzellan –: der schwindet nun dahin. Sein Ursprung wächst dunkel heran, aus Schlünden gröhlend, die uns verschlingen wollen... Noch kann man sich zurechtlegen dafür–: bereit für den Feueratem.«

Ihm war, als höre er Trommeln; wirre, erstickt verklingende Schreie; wie unter Eisenfüßen erlöschend, die in dumpfen Pausen stampften. Doch in der purpurnen Verstecktheit seines Fiebers wuchs sein Mut und seine Bereitschaft.– – Sein Gesicht durchdrang noch einmal das Nächste: er spürte Mildred sich zur Seite ... Dann lief er gewichtslos um das Haus; prahlte furchtlos als heller Geist umher. Er schritt die Einfahrtsallee herab; verachtete den Postkasten so, daß er nach ihm spie, und sah scharf nach allen Richtungen, Auslug haltend als einzige klare Intelligenz unter all den irrwischhaft verstümmelten Seelen, die der nahende Weltuntergang beschwor...

Hinter jedem Strauch hockten Gruppen von Kindern, die böse und starr aus umränderten Augen in verschwommenen Gesichtern nach ihm spähten, oder magere Glieder in Verzückungen spreizten wie unter der Wirkung erregender Gifte. – – »Die Kinderkrankheit« – dachte er, fast befriedigt, dem Übel Aug' in Auge zu stehn. – – Die Straße der Verstörten lag in fahlem Licht. Bis auf das Sterbegezeter der Kinder schien sie lautlos. Die Veranden standen leer; von Stühlen besät, die ohne den Antrieb eines Windes schaukelten, so als seien sie eben verlassen worden. In einem saß Miß Palmer; doch es war wohl nur ein Schal oder ein Bündel von Kleidern, von einer wackelnden Perücke gekrönt.

Der Himmel blieb stechend gelb. – – Erwin wiegte sich eine Zeitlang in dem Bewußtsein, die Straße, ja die ganze Gegend gehöre ihm ... Dann begab er sich, einem dunklen Antrieb folgend, wieder in sein purpurnes Verließ zurück.

»Die Mauer, die Walze, oder wie man das europäische Unding nennt,« dachte er, »ist gut konstruiert; sie läuft auf Rollen. Man drückt auf einen Knopf, und tausend Kanonen von jedem Kaliber gehn auf einmal los. Sie ist eigentlich ein einziges Maschinengewehr von der Größe eines Gebirgszugs; man kann Länder damit bestreichen... Jetzt werden sie ausgetilgt, einer nach dem andern von diesen vierundzwanzig Staaten!! Das hat sein Gutes! Man räumt mit diesem Kontinent auf; mit dieser Selbstzufriedenheit; man läßt die aufgeblasenen Nullen ins Gras beißen und ersäuft sie in Hekto-Tonnen von Blut wie mit einer Gartenspritze. – Sehr gut ausgedacht; das ist deutsche Gründlichkeit... Uns bringen sie auch dabei um; mitgegangen – – mitgehangen.« – –

Knattern erscholl. Violette Brände umhuschten den roten Vorhang vor seinem Hirn wie Strahlenbündel von Scheinwerfern, die in Höhlen fallen und sie sekundenlang entblößen.

Dann trieb er eine Zeitlang ruhig fort, bis auf einmal folgendes eintrat:

Er spürte, daß die Luft ihm fortblieb. – Im selben stockenden Atemzug geschah ein stechender Strahl. Durch sein Hirn fiel mit blechernem Getöse ein Klumpen Erz. Es hörte sich an, als stürze alles nach innen gestülpt zusammen. Die Luft sott; der Umkreis wankte hinter durchsichtiger Flamme. – – Das Echo der Detonation hing noch, Nachschmerz einer klaffenden Wunde, an derselben Stelle. In diese offne Wunde hinein, in dies Loch in der Luft, drang ein kindlicher, angstvoller Schrei.

»Nun ist es so weit,« dachte Erwin fast befriedigt. – »Jetzt werden wir ausgerottet. Da gibt es noch ein Reptil, das sich wehrt.«

Sein Geist huschte zwischen die traumhaft entstellten Büsche der Einfahrt und er hörte einen Strudel quäkender Worte von der Richtung der Sektiererhütte her. – »Die haben –« und er ergrimmte, – »neun Leben wie Katzen. Nicht einmal so ein Krach genügt, um sie zu erschlagen.« Er spähte; – da stand statt der Hütte ein Hühnerbrutofen aus weißen Kacheln; es stank nach Karbol; ein formloses Gesicht, wie aus Erde, sah ihn von unten an; er erschrak heftig. Ihm wurde übel. Jemand schrie ihm ins Ohr.

Mildred schüttelte ihn an der Schulter; er war in seinem Bett. Sein heißer Blick liebkoste ihre blassen Knabenzüge, und als setze er ein Zwiegespräch fort, sagte er: – »Diesmal wäre es beinahe schief gegangen, alter Junge.«

»Hurry up!« zischte sie. – »Du mußt herunterkommen. Es hat gerade im Korridor eingeschlagen. Die Brandspur geht bis in den Keller; die Pumpe scheint kaput zu sein ... Sehr angenehm ... Hoffentlich ist das Wasser von heute früh noch da... Komm, ich helfe dir.«

»Wer singt denn da?«

»Lia. – Sie betet.« – Ein nervöses kleines Lachen. – – »Komm, – halte dich auf der Treppe an mich.«

Er erhob sich und schlang den Arm um ihren Nacken; so tastete er sich das Treppchen herab. Im Wohnzimmer setzte er sich nahe dem Kamin in den tiefen abgenutzten Ledersessel vor dem ovalen Mahagonitisch. Mildred deckte ihn zu und setzte sich ihm gegenüber.

»Scheint ja ein ziemlich starkes Gewitter zu sein!« meinte er nach einer Pause.

»– scheint!! – –« echote sie spottend. Ihr Gesicht fand wieder dies halbe blasse Lächeln... – »Seit vier Stunden donnert und blitzt es ununterbrochen. Dabei kein Windstoß und kein Tropfen Regen... Wie Lia vorhin schrie, horchte ich an der Küchentür; dachte natürlich, sie würde weglaufen... Weißt du, was sie tut? Sie hat sich so klein gemacht, wie es nur geht, Kopf zwischen die Knie gesteckt, – und dabei deklamiert sie ein paar Verse aus dem Alten Testament, die sie zufällig erwischt hat... Von Daniel in der Grube oder sonst einem Propheten ...«

»Daniel –?–!«

»Ich glaube ja. – – Setz dich jetzt auf; wir wollen Halma spielen.« – – – Um das Haus rührte sich nichts. – Kaum ein leises Schwanken durchlief die Ahornblätter. Bald knatternd, bald gedämpft, in kleinen quälenden Pausen, ward die Atmosphäre zersplittert. Das glich Peitschenschlägen oder dem bösartigen Geräusch einer höllischen Kinderknarre, die ein Netzwerk von knisternden Strömen erzeugte. Das schwüle Gelbgrau des Himmels lastete schiefern und stumm. Zuweilen sprang im Wald mit tückischem Knall ein junger Fichtenstamm auseinander; brenzliche Gerüche zogen umher. – – – Ein leiser Choral drang dazwischen: – näselnde, krächzende Stimmen; verschwommen hörbar. – Irgendwo draußen an der Straße hatten sich einige Gemüter zusammengefunden und stellten sich, unter dem Vorsitz der Miß Palmer, in zäher Andacht unter Gottes Schutz.

– – – Erwin und Mildred begannen Halma zu spielen. Er vertiefte sich so in die kleinen Quadrate, daß er von dem Unwesen eine Zeitlang nichts spürte. Mit innigem Wohlbehagen nahm er die weiße, im Gelenk so energisch gestraffte Hand wahr, die die Figuren tastend setzte; sah nur ihren geneigten Scheitel, von dem die Haare ungebärdiger denn je wegstanden – so, als zögen Kräfte, die sich ob ihnen angesammelt, die seidene Kappe gleich einem Kranz spitzfingrig auseinander. Sein Blick tauchte an ihrem Kinn herab in den Ausschnitt ihrer Bluse, in die Grube zwischen ihren spröden jungen Brüsten ... Sonst hätte ihn dieser Einblick wie eine immerbereite Verheißung entzückt; heute sah er hinüber auf dies Spiel leichter Schultermuskeln wie auf etwas Totes und Mechanisches, auf eine bloße Krücke für seine trübe Hilflosigkeit... Die Vertiefung unterhalb der Kehle dort füllte sich in schneller Folge mit weicher Glätte oder sank schattig ein; seine Nasenflügel zitterten von heftigem Atem; die Lippen des herben Mundes standen trocken und halbgeöffnet. Auf einmal hob sich das schmale Gesicht mit gespanntem Ausdruck und die Augen sahen ihn an –: nicht mehr streng und meerfarben, sondern halbblind, verschleiert und von nie erblickten Äderchen gerötet. Es war ein Ausdruck unbedingter, seufzender Anheimgabe, als habe ein grausamer Schlag den schlanken Nacken matt und gefügig gemacht.

Wäre sein Blick nicht gleich dem ihren getrübt gewesen, so hätte er bemerkt, daß in ihre Stirn Falten krochen und daß ihre dunklen Brauen, von Zucken durchlaufen nach der Schlaflosigkeit dreier Nächte, in Schwebe zitterten. Es war, als balanciere Mildred, wie ein durch Überstunden geschwächter junger Artist, auf kurzem Stab eine Glaskugel, die sie nicht aus den Augen lassen dürfe, deren Fall ihr Ende bedeuten würde. – – – Noch eines hätte er bemerkt –: das hektische Rot, das zuweilen wie eine zarte Wolke ihre Wange durchschimmerte; der Puls, den er unter ihrem Ohr hüpfen sah; die Unruhe der schlanken Knie; die Geschwindigkeit der allzuleicht hingeworfenen Worte: – dies alles nahm seinen Ursprung von dem feinen Rand weißen Pulvers, der kaum sichtbar ihre Nüstern säumte. Der Körper versagte; doch jähe Sorge sog neue Kraft aus Giften ...

In Mildreds schwirrendem Ideentumult wechselte Erwins Bild, je nachdem halbgefälschte, balsamische Fröhlichkeit oder schwarze Gedankenschärfe es erschuf. Sie hielt geheime Zwiesprache mit Dem, der ihn wegreißen wollte. Sie sagte etwa: »Du bringst es nicht fertig,« – und lächelte tragisch-mokant dabei. »Er ist zu schwer. Auch ich habe Mühe, ihn über den Korridor in sein Bad zu schleppen. Er ist zu solid; sein Körper ist zu stark; seine Brust zu breit.« – – Und dann – mit ungeheurem Schluchzen tief innen, bei dem sie keinen Laut von sich gab, bei dem ihr nur die Ohren brausten: – »Würdest Du ihn doch wollen? Wozu? Habe ich die Hindernisse nicht genommen? Habe ich mich nicht ganz meiner selbst entäußert, um seinetwillen, nur um seinetwillen? – – Wo wäre da ein Sinn? Hätten wir uns trotz schauerlicher Verhetzung gefunden und zusammengeschlossen, wenn es umsonst gewesen sein sollte?? Wenn diese Erkenntnis des Blutes, diese mühsam erzwungene Harmonie entwertet sein sollte durch ein wenig verpestenden Schmutz? – – Denn was ist Krankheit anderes??«

Sie dachte des Windes, der in fauchender Reinheit über die Heidehügel von Sussex fährt, und ihr Körper sträubte sich. Sie blühte gliederrein, keck und klar; sie, Feindin allen Schmutzes. Nur um den Schlaf wegzuhalten, hatte sie sich dem Gift genähert und es mit starkem Griff bewußt gebraucht. – – »Ich darf ihm«, dachte sie dabei, »halbwegs auf dem unreinen Pfade folgen, den er gehen muß. Mein Schlaf wäre sein Ende. Das darf nicht sein.«

Sie sah ihn plötzlich in die Lehne zurücksinken. Schatten lagen unter seinen kaum gespaltenen Lidern, durch die fiebertrockenes lebloses Email matter Augäpfel schimmerte wie ein bläulicher Strich. Seine starkknochige, nun so kindermatte Hand fegte mit resignierter Bewegung die Figuren zu Boden. Sie unterdrückte den Impuls, aufzuspringen; Angst flammte auf.

Ein Krach folgte; ein Geräusch vor dem Fenster wie das Zerreißen von Seide. Gemarterte Luft zuckte nach ...

Einen Moment war ihr gewesen, als sinke Erwin mit zerstörten Konturen ins Polster zurück und trete entweichend hinter den Stuhl. Doch als das kurze Aufächzen der Natur vorüber war, sah sie ihn wieder am alten Platz, halb schlafend, wie ihr schien.

»Es wird gut sein, ich bring ihn ins Bett, solang er noch halbwach ist,« dachte sie. Sie rüttelte an seiner Schulter; er stand mühsam auf und ging tappend, wie zuvor, in die Kammer hinauf; ins Bett. Sie ordnete seine Kissen und legte ihm die Klingel nahe; er sah dies alles und dachte: »Ich stelle mich am besten müde; dann hat sie für ein paar Stunden Ruhe.« Kaum war sie jedoch aus der Kammer, als seine heißen Augen sich öffneten und groß und glanzlos zur Decke hinaufstarrten...

Mildred blickte beim Hinuntergehn kurz in die Küche und bemerkte, daß Lia noch in gleicher Stellung in der Ecke saß. Einen Anruf erwiderte sie nicht. Sie befand sich offenbar in der Trance, die äußerste Angst erzeugt. Zuweilen durchlief ein Zittern die nackten Schultern, von denen die Bluse zerfetzt herabhing. Mildred strich ihr mit der Hand über den Rücken; es war, als berühre sie lebloses Holz. Achselzuckend ging sie zum Wohnzimmerkamin zurück.

Hier setzte sie sich, die Hände ums übergeschlagene Knie geschlungen. Sie legte den Kopf an die Lehne und schloß die Augen. Doch der Schlaf mied sie. Sie fuhr fort, alles zu hören, was um sie vorging. Sie saß wie in einem Bann; unfähig, ein Glied zu rühren. Sie war tödlich erschöpft.

Das Gewitter hatte für den Augenblick an Kraft eingebüßt; es donnerte ferner und blitzte seltener. Doch das war nur eine Pause... Das Unwesen hatte sich zurückgezogen, um sich aus einem Klumpen schwangerer Wolken, die der unersättliche Horizont inzwischen geboren, neu zu speisen. Dort entwarf es frischen Kriegsplan in murmelnder Zwiesprache. Jetzt, da sich die neuen mit den alten Massen trafen, gab es knirschende Reibung. Verschmolzen quollen sie wieder herzu. Das Knirschen wuchs; ungeheurer Schall schlug dröhnend in den Raum; wiederum erblühten die Risse an gelbgrauer Kuppel. Wie eine erstickende Last von Wolle hing die Atmosphäre über den Fichten; kein Wipfel zitterte, kein Blatt schwankte. Es kehrte der Dunst zurück, jener dauernde Fieberschmerz des Himmels ohne den lindernden Balsam eines einzigen Tropfens ...

Mildred riß die Augen auf.

Es hatte im Kamin gepoltert; – – wie in den dunklen Schacht ihrer eignen halbirren Seele war eine weiße Flammengarbe herabgefahren und zischend verloschen, Schwärme von Funken verspritzend wie ein Feuerwerk. Der Nachhall eines wüsten Geschehnisses bebte noch um sie her wie das Echo von Schreien. Hatte sie geschlafen?? – – Ihr Herz pochte wild.

Es war ganz dunkel geworden. Sollte sie die Lampe entfachen?

Die Rechtecke der Fenster waren schwarz. Doch da – –: in zuckender Lebendigkeit hervorgezaubert und tückisch ausgetilgt, sprangen sie violett aus der nächtlichen Wand. Haarfein erglomm jedes Drähtchen. Unaufhörliches Knattern umstand das Haus. Ströme verästelter Entladungen rannen verwebt zu einem Vorhang von Phosphor an den Rahmen herab.

Mildred ließ sich kraftlos in eine bequeme Lage gleiten. In all dem Tumult sank sie zurück und ballte die Hände auf den Knöpfen der Seitenlehnen. Ihre Beine streckten sich eng zusammengeschmiegt; ihr Körper wurde starr vom Willen, dies alles zunichte zu machen dadurch, daß sie die Augen schloß und nicht daran dachte.

Frachtzüge, über Brücken, rumpelten vorüber. Stahlgerüste stürzten ein und zersprangen auf Dächern von Blech ... Mildreds weißes Gesicht, bei jedem Blitz kalkfarben aufschimmernd, ruhte gespannt, mit senkrechter Brauenfalte, auf der Polsterung. Ihre kurze, feingebogene Nase stand spitz in die Höhe, und ihr entfuhr ein tief heraufgeholter, gewaltsam erzwungener Atem: ein Keuchen wie im Kampf, – und dann ein ermattetes, halbsingendes Saugen in eine langsam beruhigte Brust.

Erwin indessen blieb oben wach.

Er zählte die Blitze; dann gab er es auf. Sein Kopf ward seltsam leicht und klar ... In den Kreis seiner Vorstellungen, die alle etwas Mildes hatten, trat plötzlich Lia... Ob sie noch unten sitzt und betet? – Oder ob sie zur Salzsäule erstarrt ist wie jene andere, die hinter sich sah, da es Pech und Schwefel regnete? – – Womit hat sie sich gewappnet? Mit welchem Text? – – Ah... richtig... mit dem »Propheten Daniel«...

Was hat es doch für eine Bewandtnis mit diesem Daniel – ??

– – – Erwin grübelte. Auf einmal, ohne daß er sich des genauen Textes erinnerte, traten Bilder hervor; scharf wie aus leiblich erlebtem Gedächtnis; – Bruchstücke wie dieses: »Er betete dreimal täglich zu seinem Gott« – oder: »Er hatte aber an seinem Hause offene Fenster gen Jerusalem.« Er übertrat – das wußte Erwin genau – das Gebot der Meder und Perser. Dafür warf ihn der König zu den Löwen in die Grube; – doch die Löwen rührten ihn nicht an...

Wie sah doch diese Grube aus? – – Ha, jetzt weiß ich es!! Sie ist ein Zwinger am Fuß der Stadtmauer, die senkrecht ansteigt. Tagsüber wird sie ob ihren Zinnen und Wachtürmen vom brennend blauen Himmel gesäumt. Bei Nacht schneidet sie, schwarz und doppelt mächtig, quer durch Gruppen von Sternen hindurch.

Der Zwinger, aus massiven Quadern, macht ein Entkommen undenkbar. Ringsum droht glatte Wand; die Hand kann nur seine Ritzen ertasten, wo die Steine ineinandergefügt für die Ewigkeit gefesselt lasten.

Daniel geht hin und her, tastet, späht aus tiefliegenden Augen. Es ist Dämmerung. Wohin er greift, ist glatter Stein. Er ist verstoßen und mager; schmutzig und ein Kind trüben Dunkels. Mit allen Sinnen ist er eines unsagbar Grauenhaften gewärtig, das kommen muß; seine Versuche, zu fliehen, sind nur halb beherzt. Er lehnt sich an die Mauer und steht reglos. Sein scharfes Gesicht – das Gesicht eines Raubvogels – sinkt nach vorn.

Denn er hat ein Geräusch gehört, das er mit den eigenen Sandalen nicht vollführen konnte; ein Schleppen oder Kratzen ... Und während seine Blicke die Dämmerung durchbohren, sieht er es fahl aufschimmern, dort in der anderen Ecke ... den schwachen Doppelstrahl von verwestem Grün.

Plötzlich heben sich Konturen ab, langgestreckte, gleitende, unheimlich veränderliche... Ein fließender Ring von schweigenden Silhouetten dreht sich um ihn.

Er erkennt sie deutlicher. Gelblicher Schimmer sich regender Pranken huscht über den Boden. Zuweilen streift ihn ein Hauch wie Kloakendunst: – Ausgemergelter Mägen gierige Leere stinkt aus blauschwarzen Schlünden. Es seufzt rasselnd; Luft aus schwülebeladenen Lungen wird entlassen; im Krampf zurückgeschlürft. Klauen schlagen auf, fächerartig aus weichen Ballen entfaltet. Und an den Schnauzen, die ihm entgegenbeben, entstehen Faltenkränze wie halbirres Grinsen. Unablässig geschieht der stumme Tanz, der Tumult weichwogender Rücken...

Und Daniel – – ?

Er sitzt jetzt am Boden und verschlingt die Hände über den spitzen Knien, deren Haut, vom Wüstensand zerschürft, dem Leder seiner Sandalen gleicht. Seine Augen drehn sich brennend nach den Schatten. – – Sein Kiefer knackt im Gelenk, während wilde Willensanspannung seines Halses Muskeln strafft, seine Stirnhaut herabzieht. – – »Ihr kommt mir nicht nahe...«, denkt er dabei. – »Ihr kommt mir nicht nahe...« – – Irgend etwas, fühlt er, feit ihn gegen die Tiere. – Und er blickt empor.

Dort, über dem Rand der Kluft, hängt jemand mit vorgebeugtem Leib. Ihm ist, als höre er das Geräusch schwingender Halsketten, die an den Stein schlagen, von schweren Atemzügen bewegt. Es ist ein leise klirrender Rhythmus. – Er schließt die Augen – : – »Es ist Nacht. – – Sonst würde es bunt dort blitzen.« ... Die ganze Zeit über, fühlt er jetzt, hat jener droben gehockt und gelauscht, gelauscht ...: – »Wann bersten die Knochen des Starren in der Grube – ? – ? ... Wann empfinden meine Nüstern den Blutdunst zerschlitzten Fleisches??« ... Zuweilen rascheln die Falten weiter Ärmel. Ein scharfes Profil hebt sich bis ins halberblaßte Sternenlicht. Der Schattenriß eines langen, steifen, kunstvoll gekräuselten Bartes steigt zuckend auf und ab. – – Und wieder vermeint Daniel die Worte zu hören, die er schon einmal als Gezisch vernommen aus diesem selben gesalbten Barte hervor: »– – Dein Gott – dem du ohne Unterlaß dienst – der helfe dir!!«

»Ohne Unterlaß!! – Ohne Unterlaß...« – – – Er strafft sich; er steht auf. Er senkt seinen Blick in die grünen, von fließendem Opalglanz molkig durchwallten Lichterpaare, die ihn umkreisen. Er sieht sich von diesen schillernden Katzenaugen selbst gespiegelt: – als verschwommenes weißes Kreuz in der Dunkelheit.

Und er greift in den Stein. Seine eiseren Finger tauchen in den Granit; die Handteller sind nach innen gedreht und fiebern danach, sich zu füllen. – – Denn er fühlt eine unerkannte Gegenwart, – ein lichtes Etwas –, – einen Freund in der Mauer... denselben, dessen Kleid die Morgensonne bläht, wenn sie durch die offenen Fenster seines Sommerhauses funkelt. »Man kann mich nicht –« denkt er wütend, »– zur Andacht vor Götzen zwingen, deren Wesen mir fremd ist!! – – Ich grabe dich aus der Mauer, o Freund, o Siegel, o Wort!!«

Und siehe: Die dunkle Gestalt dort droben auf der Brüstung seufzt heftig auf. Die herabhängenden Edelsteinketten werden emporgezogen; die Ärmel schwanken zurück und entschwinden. Er aber, Daniel, fühlt sich von hinten umfangen. Er hört ein Flüstern: die Kraft, die er aus der Mauer gegraben, steht hinter ihm –: – eine stumme, Macht aussondernde Vielfalt seiner selbst, ein sanftleuchtender Dämon, geschlechtslos und riesenhaft; – – mit leidendem, mit unantastbarem Lächeln, und groß wie ein Turm.

Die grünen Lichter schrumpfen zusammen. Sie glimmen aus der Ecke, aus einem trägen Haufen aufeinandergeballter Schatten: Irrwische, die ein Morgen verscheucht – – Und fern, fern, verklingt das Klirren der Gewappneten in den Höfen ...!

Erwin schrak auf.

Die obere Glasverkleidung der Fenster zitterte noch nach von verhaltenem Donner. Aufrauschendes Rascheln geschah ... Träge Windstöße schleppten leise Linderung herbei. – – – »Wenn es doch endlich, endlich regnen würde!!«

Er rührte die Glocke; doch drunten, im Wohnzimmer, blieb es still. Angst ergriff ihn; er versuchte aufzustehn, war aber zu schwach. Er klingelte heftiger; endlich regte es sich.

Sein Gehör folgte, schmerzhaft gespannt, leichten Schritten.

Auf einmal stand sie, Mildred, wie ein Schatten in der Tür – – den einen Arm tastend an der Wand, den andern gestreckt und die Klinke erfassend. – – Sie fragte: – »Brauchst du mich..?«

Und in ihrer Haltung glich sie (er konnte sich nicht erklären, wie er auf den seltsamen Gedanken kam) einem verschwommenen weißen Kreuz.

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