Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willy Seidel >

Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080309
projectid32fc378c
Schließen

Navigation:

Mildreds Nacht

Mildreds Schlafzimmer war durch einen kleinen Vorplatz von dem Erwins getrennt.

Wenn man die Tür offen ließ, so konnte man die Atemzüge von allen Personen hören, die in diesem ersten Stock schliefen. Diese Nacht – – nie vergaß sie später diese Nacht – – entkleidete sie sich und blieb, nur von einem halb durchsichtigen Überwurf bedeckt, absichtlich wach. Mehr noch, nicht nur Absicht war es, was sie wach erhielt, sondern ein derartiger Schwall von Gedanken, wie sie ihn seit ihrer Kindheit nicht mehr gespürt zu haben glaubte.

Sie drehte die elektrische Nachtlampe an, die auf der Kommode stand und einen schwarzen trichterförmigen Schirm trug. Ein begrenzter Lichtkegel fiel in das kleine Gemach. Nach zwei Seiten hin waren die Fenster offen und nur von den Drahtgittern bedeckt. Die Läden waren herausgenommen. Die offene Tür fügte ein drittes schwarzes Loch hinzu, durch das das Außen hereinhauchen konnte.

Kindheitsbilder durchflogen sie schreckhaft, jenes unerklärliche Angstgefühl vor Abgründen. Doch sie hatte sich ja auf eine Insel von Licht gerettet, die der eigenen Hand und dem eigenen Leib wieder Berechtigung gab. Ein schmaler Wandspiegel ließ ihr bleiches Gesicht zurückschimmern.

Zunächst tat sie folgendes: sie vergewisserte sich, daß ein schußbereiter Revolver in der Schublade des Nachttischchens lag. Hierauf entkorkte sie eine Flasche alten Kognaks und nippte ein Gläschen davon. Ihre Augen waren weiter aufgerissen als je im Tageslicht; aufgerissen von der Bereitschaft vor etwas Namenlosem, was sie aus diesen drei Mündungen der Dunkelheit aus anspringen würde; das sie nur durch ein äußerstes Wachsein im Schach halten könne.

Dann setzte sie sich auf das Bett im Hocksitz, die schlanken Beine ins Kreuz geschlagen, wie eine Buddhafigur. Ihr feines, scharfes Profil über dem lauernden Hals war der dunklen Tür zugedreht; denn durch die Schwärze dort, die wie eine zweite unheimlichere Wand den Korridor verstellte, drang der Atem dessen, den sie zu lieben glaubte.

Es war ein leichter Atem, der des Fiebernden, ganz oben am Halse entstehend und vergehend. Zuweilen ächzte die Federung jenes Bettes mit leichtem Metallton auf, wenn er eine unbewußte Abwehrbewegung gegen die Hitze vollführte, die brütend über ihm lagerte.

Kein Geräusch durfte ihr entgehen, und wenn er nach der Glocke tasten würde, die neben seinem Bett auf dem Stuhle stand, so würde sie fast im selben Moment, wo er sie berühre, zur Stelle sein.

Mit dem leisen Feuer der kleinen Dosis Alkohol in den Gliedern würde sie wach bis zum Äußersten bleiben; denn hier lag etwas vor, wofür zu kämpfen sich verlohnte. Es war nicht der stumpfe, halb hoffnungslose Kampf gegen die Umgebung. Es war ein privat geführter Einzelkampf, und wenn sie ihn verlieren würde trotz des bewußten Willens, der ihren jungen zähen Körper straffte, so würde sie mit der Waffe auch für sich einen Abschluß finden.

Not schärft das Gehör. So war es nicht erstaunlich, daß ihr keiner der Atemzüge entging und sie am Fallen und Steigen die Temperatur zu messen vermochte.

Seit mehreren Nächten hatten die großen Baumzikaden dieser Gegend das Wort. Die Fenster wurden von den Ästen verschiedener Ahorne fast gestreift; so saß das unheimliche Geziefer davor und zersägte das Gehörfeld mit schrill-monotonem, unsagbar scharf rasselndem Wetzen. Das war Puls der Schwüle; gehetzter Puls totmatt erliegenden Willens zum Leben, zum Entfalten; von schleichender Glut überwältigt; von Hoffnungslosigkeit erdrosselt ... War es nicht, als sei dies Zikadengeräusch ein Echo vom Wellenschlag jener Naphtaseen, jener Einöden von Bimsstein, atemstockenden Schauders voll, wie er durch Dantes Rhythmen zittert? – – Zuweilen rasselten sie schriller, in einer Kurve aufwärtsbohrend, hinauf und höher einer von feinstem Entsetzen trächtigen messerscharfen Spitze zu ... Dann, lindernd, traten tiefere Lagen hinzu, die das Gleichgewicht der scheußlichen Musik in Schwebe hielten; und das Geräusch ward so allgemein, daß es alles im Umkreis auffraß und zunichte machte. Andere Klänge kamen darin um wie in Triebsand. Nur Mildreds Gehör, von Not geschärft, stieg noch darunter. Sie entdeckte die Stille; jene Stille, in der der Atem des Geliebten schwoll und sank.

›Wer bin ich denn!‹ dachte sie und sah sich, ernst, von dem schmalen Spiegel zurückgeworfen, in dessen Tiefe sich jetzt nicht nur ihr Gesicht, sondern ihr Körper licht abhob. – Ja; – wer war sie. Mildred Mc Donald? – Wie kam sie hierher? In welch eine fragwürdige, seltsame, von unerhörten Verkettungen schwangere Lage war sie gebracht worden? –

Hatte das Kind es sich je träumen lassen? Das gebräunte langgliedrige Kind, das von der Brüstung der Werft in Bombay herab, mit den Beinen pendelnd, die Schiffe zählte, die aus dem bleiernen Glast des Meeres heraufwuchsen? War sie das, die in Biarritz neunjährig die Sandburgen mit dem Fuß zerstampfte, auf denen sie die papierne Trikolore fand? – – Die im Morgengrauen über die bleichen Heidehügel von Sussex ritt? – Der die Diamantgruben von Kimberley so lang gehörten, als sie durch eine Gasse durch Staub blinzelnder, ekstatisch grinsender Kaffern schritt; – der ein Minenverwalter ein kleines Stück trüben Kristalls in die Hand drückte (wie man es in schottischen Bächen findet) – und dieses Stück »Quarz« war drei Reisen um die Welt wert?

War sie es noch, die von der Gesandtenloge aus die schwankende Sänfte erblickte, die einen kranken Greis unter Pfauwedeln zur größten Messe seines Lebens trug? War sie das, die in der Oper in London den Hals kaum wandte und nur mit fröstelndem Aufzucken die spröden weißen Schultern aus dem schwarzen Sammet emporzog, wenn von drüben, – unter agraffenblitzenden Turbanen hervor – dunkle verzehrende Blicke sie behutsam streiften? Blicke, die im Eise ihrer meerfarbenen klaren Pupillen schmolzen?

War sie das noch, deren eindeutige Haltung, aufleuchtende Regung der Arme, beherrschte Atmung flaumjunger fester Brüste jenen dort drüben, im Brennpunkt des weitgeschweiften Proszeniums, entgegenwarf...:

»Ihr alle kennt mich! – Ich bin die Idee, die in euren Köpfen spukt und an sechs Enden der Welt zugleich –: die Idee der weißesten Frau?!« –

Welch' ein nationaler Gedanke! Welche Vielfalt, und doch: welch' buntgescheckte Einheit! – – – Doch wo blieb nun der Zauber solchen Kaleidoskops? – War es erloschen? – Hatte eine intimere, rein persönliche Gewalt jetzt Besitzrecht über sie?! –

Sie war nicht unverwundbar.

Etwas Gewaltsames riß sie aus ihrer klaren, unantastbaren Pose.

Und doch lag in dieser Vergewaltigung ein süß lähmendes Gift, dem sich ihr abweisender Kopf demutsvoll neigte; ein Gift (und Arznei zugleich) – dem sie, die Spröde, ihre Lebenslinie opfern sollte!

Sie stand auf, ging im Zimmer umher und stellte sich vor den länglichen Schrankspiegel, der ihr den Umriß ihrer hochbeinigen, von schlanken Muskeln federnden Gestalt mild zurückwarf. Sie stemmte die Hände in die weiche Verjüngung der Hüften, bog das Gesicht vor und setzte die Zähne, wie sie es in Momenten äußerster Willensanspannung tat, fest in die volle Unterlippe. »Ich lasse ihn hier nicht verfallen«, flüsterte sie sich zu. – »Wenn ich ihn schleppen müßte, ich würde es tun... ohne Bedenken... Hier sitzt die Kraft...« Sie reckte sich auf; mit fernem Gefallen an sich selbst und an den wundervoll gleitenden Kurven ihres gestrafften Körpers. – Da war Blut ihres Vaters, der mit seiner »Arethusa« die Nord-Ost-Passage erobert, als sie noch, von Sehnsüchten geplagt, an einem Meere hockte, das ihr Hitze und Lähmung entgegenhauchte...

Ein sachter Ton der Glocke erscholl.

In ein paar gleitenden Sprüngen war sie drüben und drehte ihm das Kissen um, seinen fieberheißen, schweren Kopf in gekrümmtem Arme stützend. Die Minuten fielen für ihn klirrend mit dem metallnen Puls der Zikaden ins Nichts.

Sie kehrte zurück. Diese Nacht war lang und schwarz; von Vorahnungen und Zukunftsdrohungen schwangerer als alle zuvor. Was verband sie mit diesem Manne? Wer war er? Wie war es möglich, daß sein Bild sich dem Mosaik ihres Lebens harmonisch einfügen wollte trotz aller Kanten und Widersprüche?

Sechsmal hatten sie sich in Deutschland gesehn. Er war etwas unbeholfen, mäßig gut gekleidet, meistens auch in reizbarer Laune und unverbindlich gewesen. Doch es war, als ob von seiner starken Stirn eine zögernde, aber unentrinnbare Knechtung und Umkettung ihres Wesens vor sich gegangen sei. Sie hatte die Möglichkeiten in ihm gespürt.

Es war damals noch die Zeit der heiteren Durchwürflung, der zwanglosen Mischung der Nationen in den Salons der Alten Welt, völkische Gegensätze wurden durch menschliche Gemeinsamkeiten dicht verschleiert; man reichte sich noch die Hand, wo edleres Blut zusammentraf. Trotz Sprachverschiedenheit fanden Herz und Takt richtige Worte.

Dann kam dieser dämonische Wirrwarr zustande, diese entsetzliche um sich fressende Entwertung aller Beziehungen ... Trotz allem drang ihr Bild so fest in sein Wesen, und gab das seine ein so solides Relief des ihren, daß die Brücke zwischen ihnen nie zerstört erschien und er es wagen konnte, sie zu bitten, ihr Leben mit dem seinen zu verbinden; es wagen durfte in einem Moment, wo der tolle, schrille Aufschrei verblendeter Rasseninstinkte, aufgepeitschter Vorurteile wie eine Lohe gen Himmel stieg.

Durch all dies hindurch hatte seine ruhige Stimme den Weg übers Meer gefunden. Diese selbstverständliche Betonung ihrer Zusammengehörigkeit war ihr so unerhört fremdartig, so keck, so geniehaft erschienen, daß sie ihm zögernd den Vorzug gab. Seinen Vorschlag, bis zum Ende des Krieges zu warten, wies sie ab. Seine Kühnheit reizte sie, ihm mit der gleichen Kühnheit zu begegnen; und so kam sie zu ihm herüber; – zwei Wochen nach der Torpedierung der Lusitania...

Da stand er auf der Werft von Hoboken; vor einem fremden Hintergrund; einsam vor einer fremden, ihm so entgegengesetzten Folie; mißmutiger offenbar denn je, blassen Gesichtes, in seiner etwas zu stämmigen Gestalt. War das ein Nervenzucken, was seine Kopfhaut zuweilen grundlos zerknitterte? – War es fassungslose Freude? – Und diese Kopfhaut unter kühler Hand zu glätten; die gigantischen Mißverständnisse der Welt im kleinen aufzulösen in die persönliche Harmonie des Zusammenseins –: dies reizte sie seltsamerweise nun noch mehr als seine fordernden Briefe. Bei ihrem Anblick war eine Veränderung über ihn gekommen, die ihn gleichsam kleiner machte, ihn wie unter der Last einer Dankesschuld plötzlich sinken ließ ... Wußte er, was er getan? Stand da ein Fordernder? – Oder war es einer, der Hilfe brauchte und sie sich, seltsam genug, gerade von der scheinbar abweisendsten Seite holte?...

Daß er sie damit in die fragwürdigste Situation ihres Lebens brachte; – sie Verwicklungen aussetzte, die ihr unerhört gedünkt; – daß sie sich seinetwegen mit ihren englischen Verwandten fast entzweit und jahrelange Freundschaften abrupt geopfert; daß sie Mißtrauen, Erstaunen, ja Verachtung geerntet, das zählte für diesen seltsamen Seelenräuber nicht mit, das steckte er ruhig in die Tasche... ja wußte er es denn überhaupt? – War er es wert? – –

Die Zikaden feilten draußen, so dünkte ihr, immer toller, immer entfesselter, und peinigten ihr schmerzendes Hirn. Nun lag er dort und riß sie mit sich in den trüben Strudel seiner Not hinein. Nun sperrte er sie mit in den Kerker, in dem er saß; nun konnte sie die Welt nur durch Gitterstäbe hindurch genießen und seine Kette würde auch an ihrem Fußknöchel rasseln. Nun zog er sie mit in den Bereich des Unflats, mit dem man alle Deutschen bewarf und brandmarkte. Nun setzte sie sich, angelsächsisch selbst, dem Zähneblecken desselben Puritanertums aus, dessen Schoß sie entsprungen.

War er das wert?

Auf einmal rief er ihren Namen.

Sie eilte hinüber. Er träumte. – Ein mildes Delirium schleppte ihr Bild wohl im purpurnen Fluß, der ihn umspülte, mit vorüber. Er hatte sie vielleicht entgleiten sehen und suchte sie vom Ufer aus zu bannen.

Sie saß an seinem Bett und wiederum überkam sie jener süße, unheimliche Zwang des Animalischen; Verwandtschaft von Haut und Haar, der sie stärker umgarnte als Klänge und Stimmen von sieben Meeren. Je geächteter er, desto Schutzes werter durch sie. Doch wie, wenn noch viele solcher Nächte kämen? – Wenn sie wieder allein, in lauernder Hockstellung auf ihrem Bette sitzen müßte und Abwehrgedanken aus ihrem Spiegelbild schöpfen; – Gedanken, die sie beluden; die an ihr rissen wie entspreizte Schwungfedern?

Wie, wenn ein leiser Widerwillen sie wieder fassen würde gegen den Angehörigen einer Rasse, die (und sie dachte der Dinge, die sie lesen mußte Tag für Tag), – das Metall zum Fetisch erhob und sich von brutalen Herdenführern vergewaltigen ließ, statt die Freiheit des Einzelnen vor die Freiheit der Massen zu setzen? – – –

Des Grübelns und schmerzhaften Tastens nach einer Erlösung aus dem Labyrinth, darin sie sich versponnen, ward kein Ende, bis die Frühe graute.

Doch schien eine Stufe gewonnen; und eine Nacht wie diese mußte die folgenden leichter machen.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.