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Der neue Daniel

Willy Seidel: Der neue Daniel - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorWilly Seidel
titleDer neue Daniel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080309
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Das Tor fällt zu

Wenn Erwin auch einen halben Begriff vom eigenen Wesen hatte: vieles blickte ihn, wie er jetzt einsah, fremd und verschleiert an.

Jetzt schien es, als sei ein Tor plötzlich zugefallen; und dieser harte Ton erzeuge eine große Stille, die ihn zum erstenmal zwinge, in sich hineinzulauschen.

Noch hatte er, so dünkte ihn, den Klang des zufallenden Tores halb im Ohr; – dies war geschehen, als er hierherkam. Irgendwie schien sich ein Schicksal vorzubereiten, dem er mit angstvoller Spannung bald und bald mit trotziger Fassung, in der er seine ganze Persönlichkeit zusammenraffte, entgegenblickte. Was dies sein würde, darüber war er sich nicht klar. Aber ein vielleicht einschneidender Eingriff war da irgendwo geschehen, eine dunkle Trennung von Altgewohntem; eine Probe, die eine Feuerprobe zu werden drohte ...

Mit dem Verstand betrachtet: was konnte ihnen geschehen? Wo es galt, Mildred zu helfen, da war er da. Nur mit dem gedanklichen, subtilen, unfaßbaren, umwälzenden Etwas sträubte er sich zu ringen, mit dem Ding, dem man nicht beikommen konnte. Das war die Kluft, deren Dasein er gewittert hatte, seit er in diesem Lande war. Diese Kluft ward ihrer umhüllenden Verschleierung, so schien es ihm, durch einen tückischen Windstoß nun beraubt und klaffte vor ihm auf... Es war die Kluft, die, nach allen Seiten hin verästelt, in der Gedankenwelt der Menschheit aufbrach und sich immer weiter auftat, Rassen, Völker, Individuen voneinander sondernd und isolierend; die Kluft, die die unendliche ???Emsenarbeit der internationalen Verständigung zunichte machte und die von klareren Hirnen da und dort geschlagenen Begriffsbrücken zertrümmerte.

Und nun, da er hier die Fremde sich doppelt entfremdet wußte, da er sich eingeengt sah von einem gedankenarmen Stumpfsinn, in den doch nur ein trächtiger Funke der wachsenden Zeitungshetze zu fallen brauchte, um ihn in fauchende Feindschaft zu verwandeln – nun schien es ihm wie nie zuvor nötig, sich einen Panzer zu schaffen für sein Eigenstes... Keinen Panzer, gewebt aus Liebenswürdigkeit, aus elastischer Nachgiebigkeit, aus billigen kleinen Kompromissen. Er mußte einen reichen, festen Stoff haben, ihn zu schmieden; – Stoff aus dem angehäuften Persönlichkeitsgut stets lebendiger früherer Jahre... Und er müßte weit genug sein, um auch Mildred Schutz zu geben.

Eine große Verständigungsmöglichkeit war rettungslos in die Brüche gegangen.

Desto inniger mußte die Beziehung sein, die ihn an dieses Wesen fesselte.

Eines Abends senkte er seinen Blick in ihre grauen Augen, die ihn ruhevoll anblickten. Während er das tat, zerfloß dies weiße, schmale Gesicht etwas vor seiner irrenden Pupille; der pagenhafte Kopf mit den widerspenstigen, goldenen, leichtgekräuselten Haaren verblaßte wie in einer kurzen Gloriole und rückte, so schien es ihm, fast hinweg.

Die Bluse, der Rock verdämmerte, um den Umriß ihrer Gestalt, den eines geschlechtslosen, duldenden und tapferen Engels schemenhaft hervortreten zu lassen wie einen aus matten, sanftblühenden Farben gebildeten Traum. Wenn sie ihm gegenüber saß, lächelnd; die Schneidezähne halb in die volle Unterlippe vergraben und mit leichten Grübchen auf den Wangen, so erfüllte ihn ein Gefühl unerhört süßer Zugehörigkeit. Er mußte diese Wange berühren, die wie die Haut eines Pfirsichs auf der blasseren Seite war.

Er sagte:

»Vielleicht werden wir hier noch manches durchzumachen haben.«

»Was kann das ausmachen,« meinte sie, »ich habe mich schon euren Torpedos ausgesetzt, als ich herkam, um einen ›Hunnen‹ zu heiraten ... Es ist ja nicht schön, daß du die Dummheit gemacht hast, dieses Haus so überstürzt zu mieten, ohne dir über die Gegend klar geworden zu sein. Das ist wieder ein Zeichen, wie sehr du in den Wolken schwebst. Wir hätten anderswo sicher etwas Hübscheres finden können. Aber mein Gott, es ist ja ganz gleich, wo man in diesem verdammten Land lebt, solange man nur das Gefühl hat, die Zeit geht herum. Und jeder Tag, der vergeht, macht den Krieg kürzer. Vielleicht sind sie mit dem Wahnsinn schon zu Ende, wenn wir hier weggehen. Dann haben wir eine beschauliche Zeit hinter uns und sind wenigstens hier draußen nicht angepöbelt worden...«

Die Kuckucksuhr, die schnarrend und heiser elf Uhr verkündete, machte diesem Gespräch ein Ende.

Mildreds lichte Worte hatten einen Druck von Erwin genommen.

Sie schwebten noch silbern in der Luft, die klaren, nüchternen Klänge, wie nach einem Windhauch, der Nebel zerteilt, die sich anzusammeln drohen...

Später hörte er drei verschiedene rhythmische Geräusche im Hause: oben das schwere Schnaufen Madleens, seinen eigenen, leicht singenden, von Erinnerungsklängen an verschollene Fieber durchsetzten Odem und den hohen leichten Mildreds, die in mattleuchtender Nacktheit und schlank wie ein Bild auf herabgestreifter Decke, den Kopf in die Achselhöhle geschmiegt, in dem dumpfen, halbhellen Zimmer ruhte.


Erwin saß in seinem Studierzimmer, das oberhalb des Wohnraumes gelegen war und nach zwei Seiten hin Ausblick auf große Ahornblätter bot, die von der Sonne grell durchleuchtet einen grünen Widerschein in das Zimmer warfen.

Er war gerade damit beschäftigt, noch einige Briefe für Europa fertigzustellen. Als er sie versiegelte, kam ihm zum Bewußtsein, daß es vielleicht ein unnützes Bemühen sei, daß diese Briefe in die Kluft hinabflattern würden auf Nimmerwiedersehen.

Die Vorstellung, daß etwas da war, das sich jetzt grausam und aktuell zwischen ihn und die ihm am nächsten standen, schob, wie ein eiserner Vorhang vor die Zelle eines Sträflings, nahm ihm fast den Atem und veranlaßte ihn, plötzlich aufzustehen und das Zimmer mit wilden Schritten, wie ein Tier im Käfig, zu durchqueren.

Denn man nahm ihm damit etwas, man beraubte ihn grausam, man wies ihn auf sich selbst an und er war zurzeit nicht ganz sicher, ob die Inanspruchnahme seiner selbst, zwangsweise, durch ungewisse Monate hindurch fortgesetzt, ihm nicht Wahn- oder Verfolgungsideen erzeugen müsse.

Er schloß die Augen und hörte ein Sieden in den Ohren, das mit einem plötzlichen feinen Platzen erlosch, wie wenn man auf eine ferne Explosion lauscht. Das war das Tor, das zugefallene ... Das war das Echo jenes fern abklingenden Krachens; und im Gefolg des brutalen Lautes entstand das Nichts, das isolierende, schwingende, zermürbende Nichts, dem er sich hilflos gegenübersah.

Es sickerte in seine Gehörgänge ein und legte sich betäubend auf die Ideenwelt, die sich in seinem Hirn regte; auf die bunten Pläne, die nach Erfüllung drängten. Mit Herzklopfen fühlte er sich innerlich plötzlich erlahmen, und gedachte im selben Atemzuge Mildreds, die er unabweislich in den Taumel, der ihm bevorstand, mit hineinreißen mußte. Aber zu zweit war es vielleicht doch leichter, dies gräßliche Gefühl roh zerhackter Fäden, diese betäubende Abgeschnittenheit zu ertragen. Jede Lust an einer munteren Produktion war auf einmal wie weggeblasen.

Bücher, in die er blickte, erschienen ihm nichtssagend wie graues Löschpapier, und aus Gelesenem, mechanisch aufgenommen, blühten keine unvergeßlichen Bilder mehr hervor, bildeten sich keine gebärdenstarke Charaktere, sondern es war, als ob der Hauch der Schöpferkraft, die solche Satzgruppen geformt, mehr: – als ob die gestaltende Liebe auf eine schauderhafte Weise entkleidet und entwertet sei, so daß nichts Neues mehr hervorklang, sondern das Ganze anmutete als ein wahlloses, falschempfundenes Phrasengemengsel, das man einmal mit Kunst verwechselt habe.

Er hörte Mildreds Stimme unten im Hause trällern, das Liedchen vom Sixpence; hörte ihren leichten Schritt; und eine seltsame Rührung erfaßte ihn vor dieser unbeugsamen Lebensbejahung, die er sich zur Seite wußte.

Gleichzeitig aber kam eine schwere Melancholie herauf, weil er sich sagte, daß, wenn die große Welle von Leere, die das zuschlagende Tor hatte entstehen lassen, einmal Mildred überschwemmte, auch ihr frohes Vogel-Gemüt erschauern und verstummen müsse; daß es alsdann an ihm sei, die Kruste von Eis wieder mit der Wärme der Hand aufzutauen.

»Es ist nicht das Heute oder Morgen, was uns bevorsteht,« dachte er. »Es ist vielleicht eine lähmende Kette, die man an uns bindet, von Monaten, oder Gott verhüte es: Jahren ... Das ständige Gerassel dieser Kette wird uns zum Wahnsinn treiben, wenn nicht einer dem anderen in die Ohren schreit: Es hat einmal ein Ende, – damn it!! – Auch dieses.«

Noch hatten sie ihr Telephon nicht. Sie warteten darauf mit täglicher Spannung, mit halb humoristischer, halb resignierter Erwartung. Unwichtiges nahm für sie fast die Form von Lebensfragen an. Es war ja im Grunde gleich, wann sie das Telephon bekamen. Aber es konnte ihnen ja etwas zustoßen; irgendeine Katastrophe (sie sprachen das Wort: »Katastrophe« nur insgeheim aus; aber die seltsame Nervosität, mit der sie auf etwas warteten, mußte über kurz oder lang dieses Etwas auf sie herabbeschwören).

Sie konnten sich des Gefühls nicht erwehren, daß ein Schicksal sie eingekreist habe und lautlose Pfeile gegen sie abschieße von weiten Entfernungen her; daß Hiobsposten, stumme, unerkannte, sich in der Luft gewitterartig verdichteten, ohne daß man wußte, was sie bargen.

Jeder Vorgang nahm die Bedeutung eines unheimlichen Symbols für etwas Kommendes an.

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