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Gutenberg > Carl Sternheim >

Der Nebbich

Carl Sternheim: Der Nebbich - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorCarl Sternheim
titleDer Nebbich
booktitleLustspiele
publisherAufbau-Verlag GmbH
year1948
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Zweiter Aufzug

Der gleiche Raum, hell und festlich erleuchtet

Erster Auftritt

Tritz (im Frack): Ich bat Sie, Doktor, ein paar Minuten vor der Zeit, Sie während Madames Anzug noch zu konsultieren.

Zinn (mit Hut und Mantel): Ich eilte – als langjähriger Leibarzt unserer gefeierten Freundin –

Tritz: Darum!

Zinn: Wo fehlt's?

Tritz: Es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich einen Arzt frage. Sie müssen es mir zugute halten, drücke ich mich nicht gleich prompt genug aus.

Zinn: Besonderes Organ? Magen, Lunge, Nerven?

Tritz: Das Ganze.

Zinn: Deutliche Schmerzen?

Tritz: Ein belämmerter Zustand.

Zinn: Erregung – ein Plus über das Normale?

Tritz: Schlappheit im Gegenteil.

Zinn: Keine Hysterie?

Tritz: Apathie sozusagen.

Zinn: Reagieren überstark auf Geräusche, Gerüche?

Tritz: Ich muß mich anstrengen, sie noch zu hören.

Zinn: Appetit?

Tritz: Schwach.

Zinn: Stuhl?

Tritz: Faul. Die ganze Maschine schlapp.

Zinn: In Anbetracht meiner Stellung im Haus will ich noch über meine Verschwiegenheit als Arzt diskret sein. Ihnen über Ihr Befinden die gewünschte Auskunft zu geben, muß ich aber fragen: Wie hielten Sie's im früheren Leben in puncto Weiber?

Tritz: Mäßig – auf mittlerer Linie.

Zinn: Und ich darf mit aller Zurückhaltung fragen: Traten Änderungen in dieser Hinsicht ein?

Tritz: Vielleicht – ein wenig.

Zinn: Das genügt. Darf ich Ihre Pupille sehen?

Er tut's

Zinn: Aha! Stecken Sie die Zunge bis zur Wurzel heraus und bewegen Sie sie von links nach rechts!

Tritz tut es

Zinn: Aha!

Tritz: Doktor, die vielen Ahas!

Zinn: Bitte noch Augen schließen, Fußspitzen auseinander! Und sich nun auf Fußspitzen heben!

Tritz tut es

Zinn: Langsam. Noch einmal!

Tritz tut es, wobei er merklich schwankt

Zinn: Aha!

Tritz (ängstlich): Doktor!

Zinn: Im ganzen kein Grund zur Sorge. Jedenfalls sehr frühes Anfangsstadium. Ich rate, Sie stoppen in jeder Beziehung ein wenig.

Tritz: Stoppen?

Zinn: Fraglos strengen die vielen neuen Ansprüche Sie an. Kein Wunder, wir alle staunen, wie Sie in kürzester Frist einen Phönix aus sich gemacht haben. Unvermeidlich, der Organismus wehrt sich gegen fortwährende Gipfelleistungen.

Tritz: Aha! Stoppen?

Zinn: Sonst nichts. Aquam mentem servare in rebus arduis, wie Horaz sagt. Aufpassen, daß im Schützengraben das Pulver trocken bleibt. Sie sind schon von Natur der Stärkste nicht.

Tritz: Ich weiß Bescheid. Danke. Stoppen!

Zinn: Und ich darf bis zum Beginn unseres Abends noch einen anderen Kranken schnell besuchen. Bis gleich.

Tritz: Bis gleich!

Zinn exit

Tritz (nimmt einen Taschenspiegel heraus und sieht sich in den Rachen): Aha! (stellt sich vor den hohen Wandspiegel, steckt die Zunge weit heraus) Aha! Schon faul.

 

Zweiter Auftritt

Rita (tritt auf in prachtvollem Abendkleid, echauffiert): Knall und Fall hab ich die Jungfer hinausgeworfen! Sie ist fort. Nie tat die verrückte Ziege, was man wollte, und stibitzte. Kümmere dich um eine andere!

Tritz: Ich weiß vielleicht eine – wenn sie frei ist.

Rita: Vergiß nicht!

Tritz: Sicher. Aber unvergleichlich siehst du wieder aus! Küßchen! (er küßt sie)

Rita: Das ist heut nicht wichtig. Ob ich meine Arie besser oder weniger gut zum besten gebe – doch daß du öffentlich bestehst. Ich bin überzeugt. Oder bist du nervös?

Tritz: Keine Spur. Treffsicher.

Rita: Sieh mich an! Glänzend der Frack – Krawatte all right – süß wie stets. Küßchen! (sie küßt ihn) Es kommt der Zeitungsgewaltige, der Filmnabob und der persische Gesandte. Du mußt auf alle drei gleich stark wirken, dann können wir hinterher immer noch wählen, was uns, was dir am besten paßt: Chefredakteur, Filmdirektor oder Generalkonsul. Wofür bist du?

Tritz: Generalkonsul war mir das liebste.

Rita: Bist du mit Persien im Bild?

Tritz (wie eine Walze): 1 654 000 Quadratkilometer groß. Grenzt an Türkei, Russisch-Asien, Beludschistan, Afghanistan. Hochplateau, neun Millionen Bewohner, darunter Tadschik, Parsen, Luren und Kurden. Religion Islam. Wert der Einfuhr hundertsiebenundzwanzig Millionen, Ausfuhr zweiundsiebzig Millionen Franken. Schah aus dem Stamm der Kadschma. Charakter der Perser Lügenhaftigkeit

Rita: Das brauchst du nicht zu betonen. Montesquieu?

Tritz (schnurrt) Lettres persanes. Aber nun Hauptsache: Petroleumvorkommen Anglo-Persian-Oil-Company. Siebenhunderttausend Tonnen sind jährlich zu erreichen. Der Süden freilich an England verloren, der Norden aber durch Rußland – noch zu erreichen. Was sagst du?

Rita: Glänzend! Du wirst dem Gesandten überlegen sein. Was nun den Journalismus betrifft –

Tritz: Ich habe mir alles genau gemerkt. Kein Wort vor allem, auf das man mich festlegen könnte!

Rita: Kein Protzenrum einer Gesinnung, keine Spur Charakter zeigen!

Tritz: Jamais!

Rita: Bei nichts, was du sagst, auch im täglichen Umgang nicht. Ich wies dich auf die fabelhafte Neigung unserer Muttersprache, in keinem Wort sein Spezielles, das, was ein Ding deutlich und ein für allemal ausdrückt sondern das Allgemeine, das es mit vielem teilt zu betonen, wodurch bei uns seit Jahrhunderten glücklich vermieden ist daß irgendwas im Wort wirklich verständlich und aufgeklärt wird. Was, wie wir bei anderen Völkern sehen, langweilig und stets dasselbe ist.

Tritz (schnurrt wie eine Walze): So wie ein Kind alle Männer »Onkel« nennt, der tötenden Gewißheit über den einzelnen auszuweichen.

Rita: Von einem, den du für gefährlich hältst, sagst du »Kommunist!« Nicht als ob er das wirklich sein müßte, sondern es soll ihn nur aus seiner präzisen Besonderheit in allgemein Unbeliebtes hinabstoßen.

Tritz: Wie ich's in meinem ersten Aufsatz für das Neue Wiener Journal schon gemacht habe, in dem ich Anatole France, Shaw und Sternheim glatt als Bolschewiken annagelte.

Rita: Denen hast du es glänzend gegeben. Küßchen! (sie küßt ihn) Und was weißt du vom Film?

Tritz: Da hapert's.

Rita: Nutz die zehn Minuten, die bleiben. Auf meinem Nachttisch liegt das ganze Material.

Diener tritt mit Telegramm auf Tablett auf und exit

Rita (öffnet): Mein Engagement in Amerika für vierzig Abende perfekt!

Tritz: Was bringt das?

Rita: Achtzigtausend Dollar. Uns rund fünfzig Millionen Mark.

Tritz: Fast was ein erstklassiger Boxer hat.

Rita: Ich boxe uns zwei durch die ganze Welt!

Tritz: Ich habe dich herzlich lieb dafür.

Rita: Doch bist du allemal mein Auftrieb dazu.

Tritz: Du sagst es.

Rita (tupft ihm auf Stirn und Brust): Da – da liegt mein immer reicherer Anstoß, mein Quellchen.

Tritz exit mit Kußhand

Rita (mit Pathos): Ich werde närrisch an dieser Liebe!

Du lieber Gort, was so ein Mann
Nicht alles, alles wirken kann!
Beschämt nur steh ich vor ihm da –

Sie verharrt träumend

 

Dritter Auftritt

Schmettow (tritt im Frack mit Blumen für Rita auf): Wie stets der erste! Befinden? Blendend natürlich, wie immer in letzter Zeit.

Rita (reicht ihm beide Hände): Wirklich!

Schmettow: So reines Glück stand nie in Ihrem Blick.

Rita: Wahrhaftig!

Schmettow: Sie sind bewegt?

Rita: Wirklich und wahrhaftig!

Schmettow: Und ich bin nicht neidisch auf ihn. Im Gegenteil, ich liebe ihn mit und sage entzückt: So was gibt's, das kommt vor!

Rita: Selten. Noch nie bei mir.

Schmettow: Man sagt dem besten Freund nicht, was es ist?

Rita: Warum nicht?

Schmettow: Kann des Mannes Tugenden nicht geradezu nennen?

Rita: Doch. Was ihr alle nicht habt: Pure, klotzige Männlichkeit eben.

Schmettow: Ach!

Rita: Nicht nur, was Sie darunter begreifen. Doch geistige Feudalität!

Schmettow: Ach!

Rita: Eine letzte sublime Nuance, die bis ins Herz geschmeckt sein will. Es gibt Menschen, die deutsche Parfüms ertragen.

Schmettow (zieht sein Taschentuch): Bitte: Ich immer und trotzdem noch Houbigeant!

Rita: Das seine berauscht bis in letzte Nerve. Ich will Sie nicht kränken. Sie sind der einzige, der schon an jenem unsterblichen Morgen im ländlichen Paradies an den Ufern der Elbe meinen coup de foudre begriff. Sie wissen, ich schätze Sie darum als Kenner von allerhand. Sie sind der, mit dem ich von Zeit zu Zeit über ihn zu sprechen wage.

Schmettow (küßt ihr die Hand): Dank.

Rita (leise): Aber glauben Sie, daß ich mich oft vor so viel Vollkommenheit in ihm, auch leiblicher, fürchte?

Schmettow: Ah!

Rita (erregt) Sie ahnen ja nicht!

Schmettow: Ah!

Rita: Feuer und Schwert! – Ich will nicht schwärmen, mais c'est plus fort que moi.

Schmettow: Er muß wirklich eine Nummer sein.

Rita (lehnt mit schwärmendem Blick ihr Haupt an Schmettows Schulter): Ach, Schmettow – ich bin schwach von ihm –

Schmettow (streicht ihr das Haar): Reizende Freundin!

Rita: Dieser Mann ist Künstler, Wirtschaftler und Politiker zugleich, und klänge es nicht grotesk, sagte ich, er hat sogar des geborenen Feldherrn Instinkte. Er kennt sich in der Malerei aller Jahrhunderte wie in der Relativitätstheorie und Persiens intimen Verhältnissen aus. Er ist aber auch der geborene Publizist, der über das Allgemeine hinaus in allen Dingen krüde das Wesentliche packt.

Schmettow: Vor allem ist er, das beweisen Sie, der Liebhaber par excellence. Und das ist nach meiner Erfahrung die rarste Qualität auf Erden. Heut besonders.

Rita: Auch das! Ich bin Ihnen dankbar. Sie sind so zartfühlend – dürfen mich küssen.

Schmettow (tut's): Ich danke Ihnen, unvergleichliche Freundin.

Rita (neuer Ton): Und nun – doch das – geschworen! bleibt ganz unter uns.

Schmettow (hebt die Hand): Geschworen! Was?

Rita: Ich wage nicht.

Schmettow: Nächst Tritz steht Ihnen kein Mensch so nah wie ich! Sprechen Sie!

Rita: Ich schäme mich.

Schmettow: Was – auf der Höhe Ihrer Triumphe dürften Sie nicht wagen – zu sagen, zu tun?

Rita: Ahnen Sie nicht?

Schmettow: Nicht ganz.

Rita: Ich will – möchte –

Schmettow: Was?

Rita (verzückt): Ihn heiraten! Doch trau mich nicht, es ihm zu sagen.

Schmettow: Was?!

Rita: Darf ich ihn denn ganz für mich in Anspruch nehmen?

Schmettow: Aber –

Rita: Wie eine Diebin an irdischer Ökonomie käme ich mir vor, wollte ich solches Ensemble für mich allein.

Schmettow: Und wäre Tritz ein Gott – was auf der Welt ist für Sie gut genug?

Rita: Und ob ich dauernd seinem täglichen Aufschwung folgen könnte, ihn nicht endlich in letzten Resultaten mit meiner irdischen Schwere hemmen müßte?

Schmettow: Sie lieben wirklich, denn Sie fühlen Verantwortung.

Rita: Oh – ob ich liebe!

Schmettow: Ich will mich noch mehr mit ihm beschäftigen. Auf Ihr heutiges Vertrauen hin ihn gründlich prüfen und ermächtigen Sie mich –

Rita: Sondieren? Doch zart, er ist so überempfindlich.

Schmettow: Ihm ganz von weitem das Paradies zeigen und sehen, wie er entspricht.

Rita: Oh, Hermann, täten Sie das –? Aber zart –

Schmettow: Ich tu's. Noch heut. Denn Ihr Glück ist mir das Köstlichste auf Erden, Rita!

 

Vierter Auftritt

Tritz tritt auf

Rita: Du siehst blaß, Lieber – ein Pyramidon noch?

Tritz: Ich fühl' mich im Gegenteil herkulisch. Guten Abend, Schmettow. Ich habe indessen gemüllert.

Rita (entnimmt ihrem Strauß eine Blume): Die rote Rose noch ins Knopfloch und zur steten Mahnung an mich unter Fremden das Tuch mit meinem Duft in deine Tasche, Morny Triomphe! (hält es ihm unter die Nase) Der dich umschwebt.

Tritz: Formidabel! Betäubend!

Schmettow: Blendend sieht unser Freund, wie geschwellt aus.

Man hört im Hintergrund Bewegung

Rita: Welt kommt. Ich muß nach vorn!

Sie geht nach hinten, indem sie Kußhände zurückwirft. Schmettow folgt ihr einige Schritte, welche Zeit Tritz benutzt, schnell den Taschenspiegel zu ziehen, sich in den Rachen zu schauen und zu seufzen

 

Fünfter Auftritt

Schmettow (kommt zurück): Sie Glücklicher, von aller Welt Beneideter!

Tritz: Je nun – Ja, ja. Haha! (er lacht nervös)

Schmettow: Ich benutze den Augenblick, Sie meines höchsten Respekts zu versichern, weil Sie die Frau, die über alle seit Jahren ich zu verehren Grund habe, ganz und über Erwarten befriedigen.

Tritz: Keine Ursache.

Schmettow: Das weiß ich besser, der selbst versuchte, sie für sich zu gewinnen. Da Sie mich leicht überflügelten, bedeutet mein Kompliment für Sie auch ein Vertrauensvotum für mich, das Sie mir nicht verbieten dürfen.

Tritz: Weit entfernt. Ich schätze Sie außerordentlich, Herr von Schmettow.

Schmettow: Rita Marchetti nicht oberflächlich, doch tief zu beeinflussen, ist für so hohe Tugenden Beweis, daß keiner der näheren Freunde sich der Überzeugung verschließt, in Ihnen, wenngleich nicht schnell für alle Welt sichtbar, ist des Männlichen höchste Potenz in jeder Hinsicht verkörpert

Tritz: Solche Worte schmeicheln aus Männermund.

Schmettow: Sie sind reichlich verdient. Man kommt – ich hätte gern noch freundschaftlicher, intimer gesprochen.

Tritz: Später vielleicht.

Schmettow: Bestimmt.

 

Sechster Auftritt

Es treten auf Rita, der persische Gesandte, der Kultusminister Dr. Balling, Zeitungsbesitzer Modes, Rommel und Dr. Zinn in full dress

Minister: Ich sage, unserer gefeierten Wirtin Salon ist im Tohuwabohu der Streiks, Sabotage, flauer Börsen und fallender Devise Oase. Nicht nur Musik, die wir genießen werden, doch jeder Laut, Licht, Luft ist hier wohltuend und ohne Dissonanz, (zum Gesandten) Was meinen Exzellenz?

Gesandter: Parfaitement. Surtout Madame, unsere Primadonna, sehr, sehr wohltuend, (küßt ihr die Hand)

Modes: Die Gnädigste strahlt, wie ich sie nie gesehn.

Schmettow: Und hat plausibelsten Grund dazu.

Rita: Ja, meine Herren. In den heutigen, grauen Nachmittag, an dem ich über das Problem dachte, ob es mir erlaubt sei, bei unseres Vaterlands allgemeinem Elend für ein paar Abende Gesang von Amerikanern achtzigtausend Dollars anzunehmen, brachte Herr Tritz mir prompt die strahlende Erleuchtung.

Tritz (als ob er Eingelerntes aufsagt): In einem demokratischen Land behaupte ich, in dem das individuelle dem sozialen Bewußtsein die Waage halten soll, ist es ein Grund zu persönlichem und völkischem Stolz, irgendeine Besonderheit von Fremden so hochgeschätzt zu sehn.

Minister: Blendend! Ach, meine Freunde, Sie ahnen nicht wie schwer es ist, in solchen Epochen der unterschiedslosen Massenanbetung von oben her nur ein wenig Kultur, selbst die von einem Goethe garantierte zu erhalten, die doch nichts als Kult der Individualität ist.

Modes: Die im Feuilleton unserer großen Tageszeitungen aber mit Hingabe von großen Geistern gepflegt wird.

Minister: Durchaus.

Rommel: Und im Film. Wir haben keine andere Tendenz, als neben den zeitgenössischen auch den historischen »Helden« ethisch tendiert dem Durchschnitt als Muster immer wieder vorzuhalten.

Schmettow: Ein wenig zu strikt nach dem Klischee vielleicht, das ein Demokrat unter Heldentum versteht.

Zinn: In der Tat.

Tritz (wie eingelernt): Mit Recht darf der Demokrat das Rezept seiner Heldenverehrung für vorbildlich halten, weil er auf mittlerer Linie das möglichst viele Verehrungswürdige zusammenballt, die breiteste Basis bietet, auf der noch unendlich viel als gut, schön und vernünftig gelten darf, das auf schrofferer, feudaler oder sozialistischer Voraussetzung schon unmöglich wäre.

Minister: Wiederum blendend! Und da es für jede Regierung auf nichts so sehr ankommt, als möglichst vielen Untertanen den Weg zum Heldentum frei zu halten – (zu Tritz, dem er beide Hände schüttelt): Sehr, sehr staatsmännisch, verehrter Herr. Sehr, in der Tat!

Tritz: Schmeichelhaft, Exzellenz.

Gesandter: (Tritz beide Hände schüttelnd): Ravissant! Un comble! Ein Gipfel der Weisheit!

Tritz: Danke, Exzellenz.

Rommel: Ganz unser Ziel im Film und ausgezeichnet. Später mehr. (schüttelt Tritz beide Hände)

Tritz: Hocherfreut mein Herr.

Modes: Darüber bekomm ich fürs Sonntagsblatt ein Aufsätzchen von Ihnen.

Tritz: Bestimmt.

Modes (leise): Und Ernsteres zwischen uns nachher. Ich habe Vorhand auf Sie!

Schmettow (drückt ihm die Hand): Bravo! Nachher! Wie verabredet.

Zinn: Ein solcher Mann hat wirklich keine Zeit, schwach oder müde zu sein.

Tritz: Nein, nein.

Rita (mit strahlendem Blick und Händedruck leise zu Tritz): Mein Stolzer! Mein Sieger! Und jetzt, meine Herren, wenn ich bitten darf – Terpsichore!

Alles klatscht beifallgebend in die Hände, und man zieht sich in den hinteren Saal ans Klavier zurück, so daß Tritz und der Gesandte im Hintergrund der Szene zurückbleiben. Tritz hat den Augenblick, da alles im Hinausgehen begriffen ist, benutzt, seine Zunge nach links und rechts schmeißend, einen Blick in den großen Spiegel zu werfen

Tritz (seufzt, trocknet sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn): Schon faul!

 

Siebenter Auftritt

Gesandter: Monsieur en effet scheinen große Kenner von neue deutsche mentalité.

Tritz: Sozusagen, Exzellenz.

Gesandter: Madame, notre chère amie mir Ihre déclination sagte, de vouloir être vielleicht unser consul général de la Perse in diese Stadt? Est-ce que c'est comme ça?

Tritz (schnarrt): Persien 1 634 000 Quadratkilometer groß. Grenzt an Türkei, Russisch-Asien, Beludschistan und Afghanistan. Hochplateau.

Gesandter: Magnifique! Aber hören Sie!

Man hört Rita eine Mozartarie singen

Gesandter: Ah! Wagnèr! Göttlich!

Tritz: Mozart, Exzellenz!

Gesandter: Aussi très bien. Ganz gut.

Tritz (gedämpft zur Musik): Neun Millionen Einwohner, Tadschik, Parsen, Luren, Kurden. Religion: Islam. Wert der Einfuhr 127 Millionen, der Ausfuhr 72 Millionen Franken. Schah aus dem Stamm der Kadschma.

Gesandter (ebenso): Woher Sie das wissen! Erstaunlich!

Tritz (schnurrt): Charakter der Perser: Lügenhaftigkeit.

Gesandter (kichert): Parbleu! C'est épatant! (er stößt ihn an) Farceur!

Tritz (schnarrt noch leiser und eindringlicher): Petroleumvorkommen! Anglo-Persian-Oil-Company. 700 000 Tonnen sind jährlich zu erreichen. England, Rußland –

Gesandter (ängstlich): Mais, mon Dien, mon cher, taisez-vous! (ganz leise zischend) Wenn jemand das hörte! Das sein diplomatische Geheimnisse. Ich werden sehr befürworten Ihre démarche bei meine Gouvernement. Mais Sie dürfen nie merken lassen, daß Sie haben so große Kenntnis von Persien. Oder man wird haben Angst vor Sie in Teheran. Moi par exemple, ich haben gemacht toute mon éducation à Paris, haben nie gesehen mein Vaterland. Kenne nichts, je ne souffle rien de la Perse, und darum bin ich sickere Person, persona gratissima bei meine Souverän. Wolle Sie haben cette place, müssen Sie als persische consul général kennen Deutschland à fond, auch andere Länder, mais nichts wissen von Persien. Comprenez-vous? Nichts!

Tritz: Ich begreife.

Gesandter: Pour satisfaire unsere große Freundin, je suis tout à fait à votre disposition. Werde machen das à la perfection. ça y est! A tantôt; Herr Generalkonsul.

Er geht. Rita hat die Arie beendet. Man hört Beifallklatschen, Bis-, Dakapo-Rufe. Tritz sieht in seinem Handspiegel sich in den Rachen and lacht nervös

Modes (tritt auf): Phänomenal, wie Sie das Wesen der Demokratie da eben fixierten! Doch ist zwischen Konversation und Niederschrift eine Distanz. Beherrschen Sie die Feder bündig wie die Zunge?

Tritz: Ich weise Sie auf die fabelhafte Neigung unserer Muttersprache, in keinem Wort ein Spezielles –

Modes: Wem sagen Sie das?

Rita singt ein Schubertsches Lied

Tritz (gedämpft fortfahrend): Das, was ein Ding deutlich und ein für allemal ausdrückt, sondern das Allgemeine, das es mit vielen teilt, zu betonen, wodurch seit Jahrhunderten glücklich vermieden ist, daß im Wort etwas wirklich verständlich und aufgeklärt wird.

Modes: Ich bin baff! Durch Sie erst sehe ich blitzschnell in das Wesen unserer Allmacht der Presse. Sie haben mich überzeugt! Hier der Entwurf für Ihren Posten. Sie geben mir in achtundvierzig Stunden Bescheid. Abgemacht, Herr Chefredakteur?

Tritz: Abgemacht, (steckt das Schriftstück ein)

Modes exit. Tritz macht einige gymnastische Bewegungen, holt tief Atem, stummes Spiel

Rommel (tritt auf): Sie sind der Mann, Herr Tritz, der an der Spitze unseres Unternehmens fehlt. Die geistige Kapazität, die Schlagkraft, die das Wesentliche der Epoche zusammenreißt, das Nützliche, Gewinnbringende mit starker Faust festhält, Gefährliches früh genug brandmarkt.

Tritz: Nicht nur der Zeitgenosse, auch der historische Held, der dem demokratischen Prinzip entgegen ist, wird im Film als Kommunist gegeißelt. Wie ich es in meinem jüngsten Aufsatz für das Neue Wiener Journal gemacht habe, in dem ich Anatole France, Shaw und Sternheim glatt als Bolschewiken annagelte.

Rommel: Diesen Bestien haben Sie es gegeben! Kurz: hier der Entwurf für ihren Posten bei uns. Sie geben mir in vierundzwanzig Stunden Bescheid! Abgemacht, Herr Generaldirektor?

Tritz: Abgemacht. (steckt das Papier ein)

Man hört neues Beifallklatschen nach Ritas abermals beendetem Gesang

 

Achter Auftritt

Schmettow (tritt auf): Schnell ein Wort. So hat sie nie gesungen! Dieser Sang war seelische Offenbarung! Und darum hören Sie Glückseliger den Grund –

Tritz: Warten Sie einen Augenblick – mir ist ...

Schmettow: Sie müssen es hören!

Tritz: Nichts mehr – ich habe. Es war schon zuviel!

Schmettow: Ein Wort – ein einziges gewaltiges nur –

Tritz (stark): Zuviel, zuviel!

Er hält sich die Ohren zu. Alles kommt in diesem Augenblick nach vorn

Modes: Ich behaupte, das ist heute der herrlichste Sopran der Welt!

Rommel: Zu billig haben Sie mit Amerika abgeschlossen! Viel zu billig!

Zinn: Göttliche, göttliche Diva!

Modes: Schade, daß keine Pferde da sind, sie auszuspannen. Evviva!

Schmettow (hat inzwischen Tritz, der ihm entwischt ist, gepackt und ihm das Wort): Heiraten! (das man hört, zugeflüstert)

Tritz, der frei im Mittelpunkt der Szene steht, während außer Schmettow sich alles links an der Rampe händeschüttelnd um Rita drängt, stößt einen spitzen, kleinen Schrei aus und segelt ohnmächtig nach vorn platt zu Boden

Rita (mit großem Aufschrei auf ihn zu und über ihn): Allmächtiger! Fritz! Süßer! Pussi! Süßling! Küßchen..

Alles verharrt um Zinn, der gleichfalls über Tritz ist. Diagnose zu hören. Moment atemloser Spannung

Zinn: So gut wie nichts! (zu Rita) Eine Ohnmacht. Folge zu tiefer Bewegung über Ihr Lied – göttliche Diva!

Alle hauchen ein Ach der frohen Erleichterung

Vorhang

 

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