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Gutenberg > Carl Sternheim >

Der Nebbich

Carl Sternheim: Der Nebbich - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorCarl Sternheim
titleDer Nebbich
booktitleLustspiele
publisherAufbau-Verlag GmbH
year1948
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Erster Aufzug

Triste Gegend

Erster Auftritt

Tritz, Meyer und Marlowski, hemdärmelig mit Botanisierbüchse und Strohhüten, treten die Straße von links herauf

Marlowski: Hat man einen Liter Buttersäure verdampft, fühlt der Leib sich frischgeboren.

Meyer: Darum eine Brise Pilsener ins leere Geschirr. Tritz, was sagst du?

Tritz: Prost! Wenn's so weit ist.

Marlowski: Zwar sind wir am Ufer der Elbe und nicht am Rhein. Nichtsdestotrotz (hebt die Rechte zum Dirigieren): Zwei, drei!

»Nur am Rhein, da will ich leben ...«

Meyer und Tritz haben miteingesetzt

»Nur am Rhein geboren sein ...«

und singen zu Ende

Meyer: Tritz, dein Laden nicht einmal auf!

Tritz: Nicht mein, Fräulein Krügers Laden.

Meyer: Sagen wir deines Fräulein Krügers Laden.

Marlowski (die Treppe zur Terrasse hinaufsteigend): Nicht wieder Frauenzimmer am hellichten Vormittag.

Meyer: Das Weib ist Lebens Glanz und Trumpf!

Marlowski (am Tisch rechts von der Treppe): Hier platzen wir! Wir sind die ersten. Es ist früh am Sonntagmorgen.

Er hat bei der Kellnerin, die gekommen ist, bestellt

Meyer (singt): Des Sonntags in der Morgenstund ...

Marlowski (setzt sich): Halt die Flabbe!

Meyer (auch): Ernst in der Runde! Unser Ausflug ist keine Schäkerei. Doch pures Volkssymbol. Tritz der Volksparteiler, (er zeigt) Meyer, Mehrheitssozialist, und der blutrünstige Bolschewik Marlowski haben einen Spazierklub, in dem sonntags die gemeinsame Neigung zur Natur und zum Pilsener politische Gegensätze auswischt.

Marlowski: Halt die Flabbe! Laß uns den ersten goldenen Schoppen mit Andacht kosten!

Er trinkt vom gebrachten Bier. Auch Meyer

Tritz: Prost!

Meyer: Tritz ist Säule, in diesem bis in die Knochen verkrachten Europa einfach Pol! Fieberhaft war ich gespannt, ob er das eben versprochene Prost auch brächte. Er ist zuverlässig. Bringt's.

Tritz: Warum auch nicht?

Meyer: Stütze seiner Partei. Die Demokratie, meine Herren, ist heut im Staat, was einst die Konservativen waren. Tritz, was Heydebrand von der Lasa: treu und unerschütterlich.

Marlowski: Halt die Flabbe!

Meyer: Tritz ist Phänomen für mich. (zu Marlowski) Laß mir meine Leidenschaft! Du hast die Luxemburg, Tritz die Krüger und ich Fritz Tritz. Ich lebte still und harmlos, da tritt Tritz in mein Leben und regelt es mit einem Schlag.

Tritz: Langweilig, Meyer!

Meyer: Fieberhaft wichtig. Bis dahin war ich ein verrücktes Huhn – keine Tarantel wie Marlowski.

Marlowski: Mensch!

Meyer: Schwankte blind. Machte mir kein Bild vom Weltall, Politik und Sexus inklusive. Tritz hat mich gefestigt, gradezu in Beton gerammt. Ohne daß ich im einzelnen wüßte, wie oder wo – kümmere ich mich einfach nicht mehr. Bin eine Pause tat- und atemlos.

Marlowski: Die Flabbe!

Meter: Tritz ist Begriff der Zeit. Wir halten im fünften Jahr der Republik, der Revolution, meine Herren, die anfangs, das gebt ihr zu, mit Liebknecht und Eisner munter genug ging. Tritz hat das Chaos gebremst, das Ganze triftig zum Stillstand gerichtet. Revolution aus!

Marlowski: Du schneidest dich mächtig, Bourgeois.

Meyer: Aus die Kiste – trotz dir Kapede!

Marlowski: Wart ab! Fünf Jahre, 1789 bis 94 hat's in Frankreich gedauert.

Meyer: Und dann war Schluß. Napoleon kam für die Reaktion, wie Noske bei uns. Hoch die beiden großen N's!

Marlowski (empört): Mensch!

Meyer: Tritz hat das vorausgeahnt; war von Anfang an pomadig. Prost Tritz, süßer Liebling!

Marlowski (außer sich): Wär' nicht Sonntag und das Pilsener frisch –

Meyer: Eben. Gäb's keine Feiertage und wundervolle Biere in Deutschland – dann!

Marlowski: Kaffer!

Meyer: Achtung! Die Krüger öffnet.

Tritz (seufzt): Immer noch nicht.

Meyer (nach einem Augenblick): Wärst du bei Tietz nicht tüchtiger Rayonchef – Commis voyageur, Tritz, was hättest du werden wollen?

Tritz: Warum?

Meyer: Das wüßte ich brennend gern.

Marlowski: Das wäre wirklich interessant.

Tritz: Kennt ihr Garmisch?

Marlowski: Garmisch-Partenkirchen?

Meyer: In Bayern? Holdrioh! (er juchzt)

Tritz: Oberbayern. Postbeamter möchte ich in Garmisch-Partenkirchen sein!

Meyer: Was?

Marlowski: Warum?

Tritz: Für mein Leben gern.

Meyer: Hört, hört!

Tritz: Auf einem Drehschemel hinterm Gitter. Gegen der Menge Zudringlichkeit verwahrt, von Welt strikt abgeschlossen. Das drängt sich vorm Schalter wie Ameisen, ich aber sacht –

Marlowski: Sacht!

Tritz: Sacht und gemächlich bremse die allgemeine Hast.

Meyer (zu Marlowski): Hörst du!

Tritz: Rechne eine Reihe Postanweisungen zusammen. Taub für menschlichen Tumult, schmecke ich Zahlen und kaue sie; draußen aber überschlägt sich der Herzschlag von Dutzenden, die aus irgendeiner Einbildung eilig sind. Wie kalter Wasserstrahl klatsche ich in fieberhafte Assimilation. Behaupte mich mittels Drahtgitter als mächtige Einheit.

Marlowski: Verkehrshindernis!

Meyer: Das ist eine Nummer!

Tritz: Statt Verkehr pflege Einkehr.

Meyer: Merk's, Marlowski: Jeder Banause dächte bei Einkehr nur an dieses Wirtshauses Schild. Tritz, daß Einkehr Rückzug auf sich selbst bedeutet.

Marlowski: Ich aber sage, hält er mit so was nicht die Flabbe, trete ich stante pede aus unserer Dreiheit aus.

Meyer: Ich vergöttere Tritz! Mit solchem Kerl als Kern ist Deutschland nicht zu schmeißen.

Marlowski: Mit solchem Gelichter an bevorzugtem Platz wäre Deutschland hin. Gott sei Dank verschleißt er seine Zeit tüchtig bei Tietz.

Tritz: Keine Aufregung meinetwegen! Ich bedeutete nichts. Gar nichts.

Marlowski: Richtig!

Meyer: Mir bist du Stern und Leuchte, Fritz!

Tritz hat sich erhoben

Jetzt aber!

Er geht zum Laden hinüber, an dem Luise die Jalousien hochgezogen hat

 

Zweiter Auftritt

Andere Gäste sind gekommen und haben teils auf der Terrasse Platz genommen, teils sind sie ins Haus eingetreten

Tritz (zu Luise): Guten Morgen, Fräulein Krüger!

Luise: Guten Tag, Herr Tritz!

Tritz: Heut gibt's Sonne und Geschäft, ich wette.

Luise: Das reißt uns nicht heraus. Mutter ist auf dem Sprung, den Laden zu verkaufen.

Tritz: Und was mit Ihnen?

Luise: In Stellung, Herr Tritz. Wie früher Kammerjungfer oder so etwas.

Tritz: Hoffentlich wird's anders. Was kosten die Nelken?

Luise: Vier Mark das Stück.

Tritz: Darf ich sie sehn?

Luise: Bitte.

Geht in den Laden voran. Tritz folgt

Marlowski: Poussierstengel!

Meyer: Da gibt's Ernstes.

Marlowski: Tritz und Heirat?

Meyer: Er wird die Kleine wie Efeu ziehen, der an seiner Gradheit hochrankt. Wird sie vom Altar zum Katafalk schleifen und Beamte zu Söhnen haben, die das Mark des Staates sein und gegen euch einen markigen Damm bilden werden. Mit seiner Frau wird er das bürgerliche Amen hinter die Revolution murmeln.

Marlowski: Stille Wasser sind tief.

Meyer: Tritz ist tief in sich. Trübt sonst kein Wässerchen.

Marlowski: Mir scheint er eine Rakete, die auf ihr Streichholz hofft.

Meyer: Ein Veilchen, das im Verborgenen blüht.

Marlowski: Für mich stinkt er betäubend nach Moschus.

Tritz (mit Blumen) und Luise treten aus dem Laden

Luise: Gern, gegen sechs Uhr, ist das Geschäft vorbei. Und Mutter muß mitgehn dürfen. Sie kommt nie aus dem Haus heraus.

Tritz: Natürlich. Auf sechs Uhr abends also! Wiedersehen! (verabschiedet sich und kommt auf die Terrasse zurück)

Marlowski: Für wen das Gemüse?

Tritz: Uns dreien ins Knopfloch.

Marlowski: Mir wenigstens die roten.

Man hört vielfaches Hupen eines Autos, dann mächtigen Knall

Marlowski: Da erschoß sich einer!

Meyer: Immer farusch! Ein Autoreifen platzte. In dieser Welt keine Überraschung mehr.

Marlowski: Du wirst noch staunen! Schlappschwanz! Es wird tagen!

 

Dritter Auftritt

Auftreten Rita Marchetti, Graf Pfeil, von Schmettow und Dr. Zinn, sämtlich in Autodreß

Rita: Prügeln sollte man das Schwein von Chauffeur! Ein Huhn zu schonen, bremst er brüsk, setzt mein kostbares Leben aufs Spiel und läßt den Reifen platzen, (zu Pfeil) Sie sollten besseres Personal haben, Graf Pfeil, fordern Sie Freunde, deren Leben bedeutet, in Ihren Wagen auf.

Pfeil: Untröstlich, Gnädigste, vollkommen verzweifelt!

Rita: Was hilft das? Was nun? Sollen wir eine Stunde in dieser Wüste liegen, und ich versäume meine ausverkaufte Vorstellung? Es ist zum Verrücktwerden! Zahlen Sie mir die eingebüßte Gage, dem Publikum sein Geld zurück? Warum stehen Sie hier? Laufen Sie wenigstens, daß der Kerl fertig wird! Los!

Pfeil: Ich fliege!

Schmettow: Dafür heißt er Pfeil!

Meyer: Das ist eine!

Rita (zu Zinn): Sie, Doktor, sehen so blöd und ergriffen drein, daß man vor Jammer sterben möchte. Warum wurden Sie nicht Mechaniker statt Melancholiker? Dann hätten Sie in der Welt jetzt einmal zu was getaugt.

Marlowski: Ein Besen!

Meyer: Donnerwetter!

Rita (zu Schmettow): Sie haben für nichts als Ihre Bridges gezittert, Schmettow, die gebügelte Falte möchte beim Unfall leiden.

Schmettow: Für Ihr Leben, gnädigste Freundin, für sonst nichts. Alles andere ist zu ersetzen.

Rita (wütend): Schweinerei! Was stehn wir hier? Gehen wir einen Augenblick in diese Scheune hinauf! (zeigt auf die Terrasse) Der Tag fing gut an!

Sie steigt, von Zinn und Schmettow gefolgt, die Stufen hinan. Da sie Tritz erblickt, stutzt sie wie vor einer Erscheinung

Marlowski: Donnerwetter!

Rita (am Tisch beim Eingang der Terrasse links): Bleiben wir hier! Nicht übel die Aussicht!

Mit Blick auf Tritz, der das Haupt senkt

Schmettow: Kiefernwaldung mit Rundhorizont. Sehr kleidsam.

Rita: Hübsch!

Schmettow: Praller expressionistischer Durchblick auf Sandboden und Kartoffelacker.

Rita (mit Blick auf Tritz): Sehr hübsch sogar!

Meyer tuschelt zu Marlowski

Zinn: Der Elbstrom in der Tiefe.

Schmettow: Mischung Sächsische Schweiz und Lüneburger Heide.

Rita: Jedenfalls besonders.

Meyer (zu Tritz): Fritz, merkst du nichts?

Marlowski: Donnerwetter, die geht ran!

Der Wirt ist aufgetreten und zugleich kommt Pfeil in Hast zurück

Pfeil: In einer Sekunde fertig. Aufbruch, Gnädigste!

Wirt: Befehlen?

Rita: Und Sie glauben, nachdem man vor Schreck halbtot gelandet ist, geht man ohne Erfrischung fort?

Pfeil: Aber es ist neun Uhr dreißig. Noch zweihundertfünfzig Kilometer.

Schmettow: Neun Uhr fünfundzwanzig.

Rita: Dann wird Ihr Chauffeur schneidiger einiges Getier wirklich erlegen, oder Publikum und der Direktor müssen warten. Wozu hat man seinen Ruf?

Pfeil: Aber!

Rita: Basta! Sie sehen, ich finde es hier angenehm, (zum Wirt) Was trinken die Herren dort?

Wirt: Pilsner Urquell, gnädige Frau, frisch angesteckt.

Rita: Uns allen auch!

Meyer: Aha!

Marlowski: Merkst immer noch nichts?

Pfeil: Aber –

Rita: Hören Sie mit Ihrer jüdischen Hast auf, Graf! Sie sehen, ich verschnaufe.

Zinn: Er kennt das Maß von Rücksicht immer noch nicht, das man der Dame schuldet.

Schmettow: Ahnungsloser Säugling!

Rita: Laufen Sie zum Chauffeur, er soll warten! Fix!

Pfeil: Aber –

Rita: (unwiderstehlich): Los, Pfeil!

Schmettow: Los, los!

Pfeil exit

Rita: Stets ist das Unvorhergesehene das wirklich Lohnende.

Marlowski: Ich bin baff!

Schmettow: Ich finde: Bohème zweiter Akt, Anfang à peu près.

Rita: Sie sind wie stets der erste im Bild, Schmettow.

Zinn: Ich habe seit langem begriffen.

Meyer: Wir auch.

Rita (scharf): Was?

Zinn: Daß man hier reizend sitzt.

Rita (mit Blicken auf Tritz): Aber sehr. Ich bin glatt in die Gegend verliebt.

Schmettow: Und die Umgegend!

Rita: Daß es so etwas gibt!

Schmettow: Das gibt's! Bestimmt. Man muß es nur sehen.

Meyer (zu Tritz): Du wirst was erleben!

Rita (zu Zinn): Leben, Doktor, heißt doch, für Überraschung bereit sein, keine Systeme haben wie Sie.

Schmettow: Man muß aber System in die Überraschung bringen. Da liegt's.

Rita: Das will ich gerade!

Der Wirt hat Bier gebracht

Schmettow: Es lebe die pralle Sensation! (hebt das Glas)

Rita (ebenso): Sie lebe! Und nun, meine Herren, einen Augenblick noch. (sie erhebt sich)

Pfeil (kommt atemlos): Der Chauffeur wartet, sieht die Zylinder nach.

Rita: Aber nein, ich bin bereit. Wir müssen fort! Was würde Berlin denken? Wollen Sie mir vielleicht die Gage ersetzen? Des Publikums schlechte Laune bessern?

Schmettow: Aber höchste Zeit! Neun Uhr fünfundvierzig!

Rita (zu Pfeil): Was stehen Sie noch? Laufen Sie doch! Los!

Pfeil schnell exit

Marlowski: Hat man so etwas erlebt?

Rita (mit den Worten): Ich komme! (geht ins Haus ab)

Schmettow und Zinn sind die Treppe hinuntergegangen und warten in der Mitte der Bühne. Schmettow macht, gegen die Terrasse und die drei oben Sitzenden gewandt, mit dem Kodak eine Momentaufnahme

Schmettow: Schauplatz der Handlung festgehalten.

Meyer: Ich wittere Enormes.

Schmettow: Ein Götterweib!

Zinn: Überwältigend, doch auf die Dauer ermüdend.

Schmettow: Mich nicht. Zum Dank werde ich ihr das Rezept einer Reispunschtorte geben – einer Reispunschtorte. Hände von weg, Zinn!

Zinn: Sie wissen, als moderner Jude denke ich streng katholisch, esse aber koscher. (zeigt in Luises Laden) Auch ein hübsches Mädchen da!

Schmettow (sieht): Kühle Blonde. Nicht mein Genre. Ich brauche hingegen semitischen Impetus.

Zinn: Immerhin.

Marlowski: Die Augen der Person!

Meyer: Scheinwerfer! Der Busen mit Respekt zu sagen: Wagalaweia.

Marlowski: Feudales Aas! (zu Tritz) Glückskerl!

Meyer: Das Ding ist nicht zu Ende.

Marlowski: Wird im Gegenteil gefingert, da kannst du Gift drauf nehmen. Und ein Duft von ihr! (er fächelt sich Luft zu) Satanisch!

Meyer: Himmlisch!

Rita (erscheint): Bereit?

Pfeil (kommt atemlos): Pronto!

Rita (zum Wirt): Reizend bei Ihnen. Komme wieder! (sie steht an der Treppe dicht bei Tritz) Wundervoll!

Springt die Treppe hinunter und läuft lachend mit den Herren ab

 

Vierter Auftritt

Meyer (zu Tritz): Und du strahlst nicht, Bengel?

Marlowski: Ölgötze!

Tritz: Pst! Fräulein Krüger steht da!

Meyer (da man hupen hört): Mensch, wer ist Müller, Schulze und Krüger nach solchem Sirenensang? Was will banaler Alltag, da hier ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht steigt? Was Veilchen, Nelke vor solchem Duft? (er fächelt ihn her)

Marlowski: Satanisch!

Meyer: Himmlisch!

Tritz: Pst, Fräulein Krüger!

Meyer: Die Krüger flagge halbmast! Du bist ihr entrückt.

Tritz: Ich weiß nicht, warum –?

Marlowski: Warte ab, Kleingläubiger!

Wirt (gibt Tritz einen Brief): Das ließ die Dame für Sie zurück.

Meyer: Mensch!

Marlowski: Götterkind!

Tritz: Pst, die Krüger!

Marlowski: Ist futsch. Flink – zögere nicht! Lies!

Tritz (zu Meyer): Setz dich vor mich hin! Deck mich ein bißchen!

Meyer: Ich breite mich schützend vor dir aus. (öffnet seine Rockschöße)

Marlowski: Lies!

Tritz öffnet den Brief

Marlowski: Na!

Meyer: Nun –?

Tritz: Mir flimmert's –

Meyer (nimmt den Brief): Allmächtiger!

Marlowski (nimmt den Brief): Herrgottsaxen!

Meyer (nimmt den Brief): Marchetti!

Marlowski (nimmt den Brief): Rita! Valuta! Was sagst du?

Meyer (nimmt den Brief): Kammersängerin!

Marlowski (nimmt den Brief): Ritterin des Wasaordens. Wasa!

Meyer: Vasantasena!

Marlowski (liest): Dienstag! Schon Dienstag nachmittag bei ihr!

Meyer (nimmt den Brief): Vier Uhr, Lorettostraße 8, parterre! (hält Tritz den Brief vors Gesicht)

Tritz: Wahrhaftig, parterre! (er seufzt)

Meyer: Und das mit Seufzer? Kammersängerin!

Marlowski: Rita – Loretto?

Meyer: Brüll doch vor Wonne!

Marlowski: Leuchte wie Sonne! Rita!

Meyer: Marchetti!

Marlowski: Italien! Evviva! (er singt) O Napoli – o Roma –

Meyer (fällt ein): Venetia! Hihipodroma!

Fällt ihm mit Marlowski um den Hals

Vorhang

 

Fünfter Auftritt

Üppiger Salon bei Rita Marchetti

Tritz liegt im Cutaway nach der Mode auf dem Kanapee. Rita in elegantem Kleid auf ihn gebeugt

Rita: Einmal nur laß dir sagen, wie ich dich liebe, Liebling! Ich bin kein Neuling, in Leidenschaften keine Novize mehr. Das verhehlte ich nie. Das Außerordentliche habe ich genossen; ein richtiger wilder schwarzer Prinz von Timbuktu war mir zu eigen, Abgründe und Höhen der Liebe habe ich ausgemessen, Kreolen, Kanadier und Gelbe gekannt – vor dir versagt mein Maß. Du bist unergründlich.

Tritz (der sich hochzurichten versucht) Aber –

Rita: Selbst im Schlaf erschütternd. Ich weiß, du willst es nicht wahrhaben. Dann aber frage ich dich, was war es, das mich an jenem Sonntagmorgen in dieser unwahrscheinlichen Landschaft von bedeutenden Männern fort wie eine Leibeigene zu dir hinnagelte? Du sahst es selbst und wirst nicht leugnen, Fatum war es und Kataklysma.

Tritz: Laune.

Rita: Die drei Monate dauert und wie eine Lawine schwillt?

Tritz (will sich hochrichten): Aber –

Rita: Kenntest du meine Vergangenheit, du wüßtest, auch der berauschendste Mann in glänzendster Kulisse besaß mich nicht länger als ein paarmal vierundzwanzig Stunden. Der Schwarze hielt mit vierzehn Tagen den Rekord. Mangeuse d'homme nannte man mich, Männerverschlingerin! Je mehr ich aber an dir koste, um so besser, süßer schmeckst du mir, (bedeckt ihn mit wilden Küssen) Süßester!

Tritz (will sich erheben): Aber –

Rita: Ich dampfe, rauche bei dir mit der ganzen Haut, bin aus allen Nerven gesprengt. Hast du denn selbst geahnt, was alles sich in dir birgt? Ich spreche nicht von deiner physisch stürmischen Gewalt, obgleich sie wie ein Geiser sprudelt. Doch schon das Geistige nach kurzer Zeit –

Tritz: Aber –

Rita: Du gibst zu, als ich dich nahm, warst du wie der durchschnittliche Spießer blöd. Und blöder fast. Es brauchte Augen, dich zu durchschauen. Doch welche Masse Licht dir in diesen Wochen zufuhr, welche Fülle aus dir blühte, Sinn für Sublimstes und welche Fähigkeit für die Nuance.

Tritz (der sich aufrichten will): Aber –

Rita: Ich begreife, daß du bescheiden bist. Es steht dir und gibt Cachet. Jetzt aber handelt es sich darum, du bleibst nicht nur im tête-à-tête, der du bist doch zeigst der Welt du bist mir in jeder Weise überlegen, ihr himmelweit!

Tritz: Aber –

Rita: Erinnere dich der ersten Tage! Da war ich ein über das andere Mal baff. Nicht nur machten dich ein halbes Dutzend Kunstgeschichtsstunden fähig, mit Schmettow, der wie kein zweiter in ihr beschlagen ist, glänzend zu streiten –

Tritz: Ich widerlegte nur, was er behauptete, weil das kompletter Unsinn war.

Rita: Sinn für Qualität eben! Die Tatze! Weiter: Du gibst zu, Literatur, die höhere, war dir ein Buch mit sieben Siegeln. Was aber wähltest du aus dem Haufen, zu dessen Studium ich dich zwang, als deine Lieblinge: Tagore und das Nibelungenlied!

Tritz: Nun und?

Rita: Klasse ist das! Gipfelinstinkt und Instinktgipfel! Ich möchte den anderen sehen, der ohne jahrzehntelange geistige Übung sich so prachtvoll entschieden hätte. Was ist Genie? Zielsicherheit – und du hast sie blendend bewiesen, (sie erhebt sich) Sieh, Liebster, ich wittere wie ein Tier. Bist du da, ist Atmosphäre mit Überraschungsmöglichkeiten geballt. Temperaturen in mir und außer mir erhöhen sich siedend und ohne daß ich singe, klingt die Luft!

Tritz: Prosaischer sagte Meyer Ähnliches.

Rita: Nie hätte dich trotzdem ein Mann überzeugt. Ich, Fritz, das gibst du zu, bin ein Instrument mit zarten Saiten und klinge unter dir wie unter einem Meister nur.

Tritz (die Arme um ihren Hals): Bin ganz gerührt –

Rita: Wundervoll – wie du zu sein. Herrlicher, mit berauschten Sinnen solche Kapazität in sich aufnehmen zu können. Denn dazu braucht's menschlichen Fassungsraums. Und weil du dem bis jetzt nicht begegnetest, blieb mir die ganze keusche Fülle deiner Kräfte.

Tritz: Meyer vielleicht – auf seine Weise, meine ich ...

Rita: Zu beschränkt für vieles. Par exemple: Aus deinem Blick heut abend aus der Loge auf die Szenen dieses hilflosen Schauspiels erkannte nur ich, was du hinzudichtetest, solche Armseligkeiten abzurunden. (mit Ausdruck) Ich liebe dich darum! (küßt ihn) Grenzenlos, du Füllhorn Gottes!

Tritz: Ich bin glücklich und will mich bemühen, dich nicht zu enttäuschen. (küßt sie)

Rita: Du mich, da du erst am Anfang von Entwicklungen stehst! Denn unterscheidest du Klinger von Böcklin und Haupt- von Sudermann, gibt es Raffinierteres, das dir nicht fremd bleiben wird, und von Stunde zu Stunde werde ich bei dir vor größeren Offenbarungen staunen. Ich vielmehr muß zusehen, nicht weit hinter dir zurückzubleiben.

Tritz: Aber –

Rita: Ich möchte dir sagen – komm, leg dich erst wieder hin –

Tritz: Aber –

Rita: Es spricht sich so besser –

Tritz legt sich wieder aufs Kanapee. Rita setzt sich zu ihm

Des Menschen Wesentliches ist sein Politisches. Wie in der Welt nicht, was oberflächlich geschieht, doch ein Geheimnisvolles, das man nur spüren kann, Richtung gibt. Du bist für mich der Zeit verkörpert Politisches, ihre Seele mit einem Wort. Brauchst keine knallenden Beweise von dir zu geben; dein bloßes Dasein beruhigt mich über die Welt.

Tritz: So etwa sagt es Meyer auch.

Rita: Ich will vergleichen. Auch an Goethe schätze ich nicht sein Werk in erster Linie. Doch seine Luft, die die dichteste der Epoche und eine Menschheitskokarde war.

Tritz: Du glaubst, ich bin eine Art Vertreter?

Rita: Repräsentant geradezu! Mag dir im einzelnen der eine oder andere natürlich überlegen sein, als Ganzes bist du vollkommenster Ausdruck des heutigen Deutschen.

Tritz: Das wäre wirklich Qualität.

Rita: Und welche! Die ganz große Marke! Glaub mir!

Tritz: Donnerwetter!

Rita: Nicht wahr?

Tritz (sich aufrichtend): Jetzt muß ich hoch! Eine Art hast du, einen aufzurichten – (steht auf) Man spürt förmlich Bizeps. (er ballt den rechten Arm)

Rita (fühlt): Prachtvoll!

Tritz (ballt den Schenkel): Und hier!

Rita (fühlt): Entzückend!

Tritz (drückt seine gespreizten Hände in ihre und zwingt sie halb in die Knie): Und so!

Rita: Ganz fabelhaft! Kolossal! Küßchen! (sie küßt ihn) Ich übertreibe nicht. Sturm, Antrieb kam durch dich ins Sein. Ich singe nicht nur besser denn je –

Tritz: Unbeschreiblich, Rita – Butterfly! Mimi!

Rita: Ich halte dich rundheraus mit mir zu allem fähig.

Tritz: Wie du es sagst – meine ich selbst –

Rita: Sieh dir die Männer um uns doch an! So einen Wissenschaftler, Künstler, Politiker. Was sind sie als ein Praliné, das man lutscht und fort ist es! Du aber bist ein Kiesel, den man nicht fortbeißt.

Tritz: Ich merke selbst, ich bin nicht umzubringen.

Rita: Und daß ich ehrgeizig mit dir bin, wer will es mir verargen? Machst du Ernst, kannst du bei meinen Beziehungen zu allen führenden Persönlichkeiten –

Tritz: Na?

Rita: In kurzem zum Beispiel – Abgeordneter sein.

Tritz: Aber, Rita!

Rita: Minister – irgend was an einer Spitze. Warum nicht? Was gehört dazu, das du nicht hättest?

Tritz: Aber –

Rita: Haltung, Kralle, Persönlichkeit.

Tritz: Aber –

Rita: Large Beziehungsmöglichkeiten vor allem. Du bist Demokrat.

Tritz: Inwiefern eigentlich, Rita?

Rita: Weil du kein Kommunist und Konservativer bist.

Tritz: Freilich. Ich müßte nur genauer wissen –

Rita: Was man weiß, ist erledigt, interessiert nicht mehr, und man bringt ihm keine Leidenschaft entgegen. Du reiztest mich durch deine immer neue Fremdheit so unglaublich.

Tritz: Schon wahr. Und ein halb Dutzend einschlägige Broschüren gelesen –

Rita: Demokrat bist du, nicht weil du weißt, was es bedeutet, sondern weil du als mittlerer Ausdruck der Zeit nichts anderes sein kannst.

Tritz: Das stimmt.

Rita: Und ist das Echte! Hast du an den Ministern, die ich dir zeigte, Besonderes bemerkt, das nicht der erste beste im Handumdrehn haben könnte?

Tritz: Was der Wirtschaftsminister über Wareneinkauf sagte, war hanebüchen. Das weiß ich von Tietz her besser.

Rita: Also, Fritz – ich starte dich!

Tritz: Willst du wirklich?

Rita: Sofort!

Tritz: Ich habe Mut.

Rita: Und hast die Kraft!

Tritz: Will, was du willst – über alles Maß und in die Sterne!

Rita: Du bist der Held! Küßchen! (sie küßt ihn)

Tritz (in Bewegung): Herrgott noch einmal!

Rita (ihn begeistert anstarrend): Wie du hochgehst – strahlst! Ich wußte es!

Tritz (die Arme breitend): Ich will – werde! Und wie!

Rita: Die Urwelle Gewalt!

Tritz (reckt sich): Brenne! Geh aufs Ganze!

Rita (außer sich): Unwiderstehlich!

Tritz (die Faust gewaltig reckend): Verfluchtes Donnerwetter, los!

Rita, mit Aufschrei auf ihn, wirft ihn aufs Kanapee

 

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