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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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VIII.

»Komm, zeig' mir deine Pferde. Sind sie im Hof?«

»Jawohl, Euer Durchlaucht; wie mir befohlen wurde, so geschieht's. Wie sollte ich Durchlaucht ungehorsam sein? Jakob Alpatytsch hat mir doch befohlen, die Pferde heute nicht auf die Weide zu schicken, weil der Fürst sie sehen wolle, so haben wir sie denn auch nicht fortgeschickt. Wir wagen es nicht, Ihnen ungehorsam zu sein!«

Während Nechljudow hinausging, holte Juchwanka schnell die Tabakspfeife von der Schlafbank und warf sie hinter den Ofen; seine Lippen zuckten auch jetzt unruhig, obgleich der Herr ihn nicht sah.

Eine magere graue Stute stand unter dem Schuppendach und beschnupperte das verfaulte Stroh; ein etwa zwei Monate altes, langbeiniges Füllen von unbestimmter Farbe mit blaugrauem Maul und ebensolchen Füßen drängte sich an ihren dünnen, schmutzigen Schweif. Mitten im Hofe stand mit zugekniffenen Augen und nachdenklich gesenktem Kopfe ein starker brauner Wallach, allem Anscheine nach ein gutes Bauernpferd.

»Das sind also alle deine Pferde?«

»O nein, Euer Durchlaucht; da ist noch eine Stute und da ist das Füllen,« antwortete Juchwanka und zeigte auf die Pferde unter dem Schuppendach, die der Herr ohnedies gesehen haben mußte.

»Ich sehe wohl. Welches willst du also verkaufen?«

»Dieses da, Euer Durchlaucht,« erwiderte der Bauer, indem er mit den Rockschößen nach dem schlummernden Wallach schlug, fortwährend blinzelte und die Lippen bewegte. Der Wallach öffnete die Augen und drehte ihm faul den Schweif zu.

»Er scheint nicht alt zu sein, – ein ganz stattliches Tier!« sagte Nechljudow; »fang ihn einmal ein und laß mich seine Zähne sehen; ich will wissen, wie alt er ist.«

»Allein kann ich ihn unmöglich einfangen, Euer Durchlaucht! Das Vieh ist keinen Groschen wert, aber es ist störrisch, beißt und schlägt aus,« antwortete Juchwanka mit sehr fröhlichem Lächeln, wobei er seine Blicke wieder nach allen Seiten schweifen ließ.

»Was für ein Unsinn! Fang ihn sofort ein!«

Juchwanka lächelte immer noch, trat von einem Fuß auf den andern, und erst als Nechljudow ärgerlich rief: »Na, wird's bald?« rannte er in den Schuppen, holte einen Halfter herbei und lief nicht von vorne, sondern von hinten auf das Pferd zu, um es scheu zu machen.

Der junge Gutsherr wurde ungeduldig; vielleicht wollte er auch seine Geschicklichkeit beweisen. »Gib den Halfter her!« befahl er.

»Um Gottes willen, wie sollten Durchlaucht – belieben Sie doch –«

Aber Nechljudow ging gerade auf das Pferd zu, packte es schnell bei den Ohren und drückte es mit solcher Gewalt zu Boden, daß der Wallach, der, wie es sich erwies, ein sehr sanftes Bauernpferd war, schwankte und keuchte und sich vergebens loszureißen suchte. Als Nechljudow merkte, daß sein Kraftaufwand ganz unnütz war, und zu Juchwanka hinübersah, der noch immer lächelte, kam ihm der in seinem Alter sehr kränkende Gedanke, daß Juchwanka sich über ihn lustig mache und ihn im stillen für ein Kind halte. Er wurde rot, gab die Ohren des Pferdes frei, öffnete ihm ohne Hilfe des Halfters das Maul und schaute die Zähne an: die Hacken waren gesund, die Bohnen voll, – das Pferd war folglich jung, so viel wußte der junge Gutsherr schon.

Juchwanka war inzwischen in den Schuppen gegangen, und da er bemerkte, daß die Egge nicht an ihrem Platze lag, hob er sie auf und lehnte sie aufrecht an den Zaun.

»Komm her!« rief Nechljudow mit knabenhaftem Zorn in den Zügen und mit einer Stimme, in der Tränen der Wut zitterten, »ist dies Pferd alt, was?«

»Sehr alt, Euer Durchlaucht! Zwanzig Jahre wird's wohl zählen! Welches Pferd –«

»Schweig! Du bist ein Lügner, ein Lump! Denn ein ehrlicher Bauer lügt nicht, er hat keinen Grund dazu!« schrie Nechljudow, dem die Zornestränen die Kehle zuschnürten; er verstummte, um nicht zu seiner Schande in Gegenwart des Bauern in Tränen auszubrechen. Juchwanka schwieg ebenfalls, zuckte leicht mit dem Kopfe und machte ein Gesicht, wie jemand, der gleich zu weinen anfangen wird.

»Womit willst du denn pflügen, wenn du dies Pferd verkaufst?« fragte Nechljudow, als er sich soweit beruhigt hatte, daß er wieder in gewöhnlichem Tone sprechen konnte. »Man gibt dir absichtlich Arbeiten, bei denen du die Pferde nicht brauchst, damit sie dein Feld ackern können, und du willst das letzte Pferd verkaufen? Und vor allem, warum lügst du?«

Sobald der Herr ruhiger wurde, beruhigte sich auch Juchwanka. Er stand kerzengerade da, seine Lippen zuckten und seine Blicke schweiften unruhig umher wie stets.

»Ich werde Euer Durchlaucht nicht schlechter als die anderen zur Arbeit gefahren kommen,« erwiderte er.

»Ja womit willst du denn fahren?«

»Seien Sie unbesorgt, ich werd' die Arbeit für Euer Durchlaucht schon noch bewältigen,« antwortete der Bauer wieder, indem er den Wallach fortscheuchte. »Wenn ich nicht Geld brauchte, würde ich wohl nicht ans Verkaufen denken.«

»Wozu brauchst du das Geld?«

»Es ist kein Brot mehr im Haus, Durchlaucht, und meine Schulden bei den anderen Bauern muß ich doch auch zahlen.«

»Wie kommt's, daß du kein Brot mehr hast? Warum haben denn die anderen noch Brot, obgleich sie Familien haben, und dir, der du keine Familie hast, fehlt's an Brot? Wo ist's denn geblieben?«

»Aufgegessen, Durchlaucht! Es ist kein Krümchen mehr da. Im Herbst kauf' ich halt wieder ein Pferd, Durchlaucht.«

»Untersteh' dich, auch nur an den Verkauf zu denken!«

»Aber wenn's so steht, Euer Durchlaucht, wie sollen wir denn leben? Wir haben kein Brot, – dürfen aber nichts verkaufen! Das heißt also, wir sollen Hungers sterben?« sagte der Bauer, zur Seite gewandt und mit krampfhaftem Zucken der Lippen, und sah plötzlich dem Herrn frech ins Gesicht.

»Hüte dich, mein Lieber!« schrie Nechljudow bleich vor Zorn, denn er fühlte sich durch den Bauern persönlich beleidigt; »solche Bauern wie du kann ich nicht brauchen! Das wird dir schlecht bekommen!«

»Wie es Ihnen zu gefallen beliebt, Euer Durchlaucht,« antwortete Juchwanka, indem er die Augen schloß und eine heuchlerisch ergebene Miene annahm; »wenn ich's verdient habe, – aber ich glaube, man kann mir nichts vorwerfen. Natürlich, wenn ich Ihnen nicht gefalle, Euer Durchlaucht, steht alles in Ihrem Belieben. Nur weiß ich wirklich nicht, wofür ich leiden soll.«

»Nun so höre: dein Hof ist abgedeckt, der Dünger nicht verpflügt, die Zäune sind zerfallen, da aber sitzest zu Hause, rauchst deine Pfeife und kümmerst dich nicht um die Arbeit! Deiner alten Mutter, die dir die ganze Wirtschaft überlassen hat, gibst du nichts zu essen; du erlaubst deiner Frau, die Alte zu schlagen, und lässest es so weit kommen, daß sie sich bei mir beklagen muß!«

»Aber ich bitte, Euer Durchlaucht, ich weiß ja nicht einmal, wie eine Pfeife aussieht!« rief Juchwanka verlegen und sichtlich gekränkt durch die Beschuldigung, daß er rauche. »Man kann einem Menschen gar viel nachsagen!«

»Du lügst schon wieder! Ich hab' doch selbst gesehen –«

»Wie sollte ich's wagen, Durchlaucht zu belügen!«

Nechljudow biß sich auf die Lippen und begann schweigend im Hofe auf und ab zu gehen. Juchwanka stand unbeweglich da und folgte, ohne aufzusehen, mit den Augen den Füßen seines Herrn.

»Hör' einmal, Epifan,« begann der Fürst endlich in kindlichem, sanftem Tone, indem er vor dem Bauern stehen blieb und seine Erregung zu verbergen suchte, »so kann's nicht weitergehen, du richtest dich zugrunde. Denk einmal nach! Wenn du ein ordentlicher Bauer sein willst, so mußt du deine Lebensweise ändern, deine schlechten Gewohnheiten ablegen, du darfst nicht lügen, nicht trinken, mußt deine Mutter in Ehren halten. Ich weiß ja alles über dich! Beschäftige dich mit deiner Wirtschaft und nicht mit dem Holzstehlen im staatlichen Walde und dem In-die-Schenke-Laufen! Denk nur nach: was kommt dabei heraus? Wenn du etwas brauchst, so komm zu mir, sag' mir offen, worin und wozu du der Hilfe bedarfst, lüge nicht, sondern sag' die volle Wahrheit, – und ich will dir keine Bitte abschlagen, die ich erfüllen kann!«

»Aber ich bitte, Durchlaucht, ich verstehe Euer Durchlaucht wohl!« erwiderte Juchwanka lächelnd, als verstehe er vollkommen einen gelungenen Scherz seines Herrn.

Dieses Lächeln und diese Antwort nahmen dem Fürsten jede Hoffnung, den Bauern weich zu stimmen und durch Ermahnungen auf den rechten Weg zurückzuführen. Außerdem schien es ihm, als stehe es ihm, dem Gebieter, nicht an, dem Bauern ins Gewissen zu reden, und als sei alles, was er gesagt, nicht das, was gesagt werden müßte. Er ließ traurig den Kopf sinken und trat in den Flur. Auf der Schwelle saß Juchwankas Mutter und stöhnte laut, wie zum Zeichen ihrer Zustimmung zu den Worten des Herrn, die sie gehört hatte.

»Da hast du etwas, um Brot zu kaufen,« flüsterte Nechljudow ihr ins Ohr, indem er ihr eine Banknote in die Hand drückte, »aber kaufe selbst ein und gib das Geld nicht Juchwanka; er würde es vertrinken.«

Die Alte griff mit ihrer knöcherigen Hand nach dem Türpfosten, um aufzustehen und dem Herrn zu danken, ihr Kopf schwankte hin und her, doch bevor sie sich ganz erhoben hatte, war Nechljudow bereits auf der andern Seite der Straße.

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