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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 8
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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VII.

Als der Gutsherr ganz nahe herangekommen war, stellte die junge Frau den Eimer schnell zu Boden, schlug die Augen nieder und verneigte sich; dann blickte sie ihn mit ihren glänzenden Augen von unten herauf an, bemühte sich, hinter dem Ärmel ihres gestickten Hemdes ein leises Lächeln zu verbergen, und lief mit den Schuhen klappernd die Stufen hinauf.

»Bring die Wassertrage zu Tante Nastaßja zurück, Mütterchen!« rief sie von der Tür her der Alten zu.

Der schüchterne junge Gutsherr blickte das rotbäckige Weib streng, aber aufmerksam an, runzelte die Stirn und wandte sich an die Alte, die das Tragholz mit ihren steifen Fingern vom Eimer befreit und auf ihre Schulter geschoben hatte und gehorsam auf das Nachbarhaus zugehen wollte.

»Ist dein Sohn zu Hause?« fragte der Herr.

Die Alte neigte ihren gekrümmten Körper noch mehr, grüßte und wollte etwas sagen, legte aber gleich die Hand an den Mund und begann zu husten, daß Nechljudow die Antwort nicht abwarten konnte und ins Haus trat. Juchwanka, der in der Ecke unter den Heiligenbildern auf der Bank saß, stürzte beim Anblick des Herrn zum Ofen, als wollte er sich verstecken, schob hastig irgendeinen Gegenstand auf die Schlafbank und drückte sich, mit Augen und Lippen krampfhaft zuckend, an die Wand, als wolle er dem Herrn Platz machen.

Juchwanka war ein blonder, hagerer, schlanker Bursche von etwa dreißig Jahren mit kleinem Spitzbart; er wäre ein recht hübscher Mensch gewesen, wenn seine unruhigen kleinen braunen Augen nicht einen so unsympathischen, unter gerunzelten Brauen hervorkommenden Blick gehabt, und wenn nicht die zwei Vorderzähne gefehlt hätten, was sofort in die Augen fiel, da seine Lippen schmal waren und sich beständig bewegten. Er trug ein feiertägliches Hemd mit grellroten Achselzwickeln, gestreifte Kattunhosen und schwere Stiefel mit zusammengeschobenen Schäften.

Juchwankas Häuschen war im Innern nicht so eng und düster wie Tschurißjonoks Stube, obgleich es auch hier dumpfig war und nach Rauch und Schafpelzen roch, und obgleich auch hier Kleider und Gerätschaften unordentlich umherlagen. Zwei Dinge fesselten hier die Aufmerksamkeit ganz besonders: ein kleiner, verbogener Ssamowar, der auf dem Wandbrett stand, und ein neben den Heiligenbildern hängender schwarzer Rahmen mit den Überresten eines schmutzigen Glases und dem Porträt irgendeines Generals in rotem Waffenrock. Nechljudow warf einen unfreundlichen Blick auf den Ssamowar, das Generalsbild und die Schlafbank, auf der unter alten Fetzen das Ende einer Tabakspfeife mit Messingbeschlägen hervorsah, und wandte sich dann an den Bauer.

»Guten Tag, Epifan,« sagte er und sah ihm in die Augen.

Epifan verneigte sich, murmelte: »Wünsche Wohlergehen, Euer Durchlaucht,« das letzte Wort besonders zärtlich betonend, und ließ seinen Blick schnell über die ganze Gestalt des Herrn, über Stube, Fußboden und Decke schweifen, eilte dann zur Schlafbank, zog einen langen Rock hervor und begann ihn anzuziehen.

»Warum ziehst du dich an?« fragte Nechljudow, indem er sich auf die Bank setzte und sich sichtliche Mühe gab, Epifan so streng als möglich anzublicken.

»Aber wie sollte ich – bitte, Euer Durchlaucht – wir wissen doch, was –«

»Ich bin hergekommen, um zu erfahren, warum du ein Pferd verkaufen mußt, wieviel Pferde du hast und welches du verkaufen willst,« sagte Nechljudow trocken; man merkte ihm an, daß er diese Fragen vorbereitet hatte.

»Wir sind Euer Gnaden sehr dankbar, daß Sie es nicht verschmäht haben, zu mir, zu einem Bauern, ins Haus zu kommen,« antwortete Juchwanka und warf einen schnellen Blick auf das Generalsbild, den Ofen, die Stiefel des Gutsherrn und alles übrige im Zimmer, nur nicht auf Nechljudows Gesicht; »wir beten stets zu Gott für Ihr Wohlergehen.«

»Warum mußt du das Pferd verkaufen?« wiederholte Nechljudow mit erhobener Stimme und kurzem Räuspern.

Juchwanka seufzte, warf das Haar zurück, wobei sein Blick wieder über das ganze Zimmer hinglitt, bemerkte die Katze, die leise schnurrend auf der Bank lag, schrie sie an: »Fort, du Garstige!« und wandte sich dann hastig an den Herrn: »Das Pferd – nämlich – Euer Durchlaucht, es taugt nichts. Wenn's ein brauchbares Tier wäre, würde ich's nicht verkaufen, Euer Durchlaucht.«

»Wieviel Pferde hast du im ganzen?«

»Drei, Euer Durchlaucht.«

»Und keine Füllen?«

»Wie denn nicht, Euer Durchlaucht! Ein Füllen hab' ich auch.«

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