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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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VI.

»Epifan Juchwanka Mudrjonyj will ein Pferd verkaufen,« las Nechljudow in seinem Notizbuch und ging quer über die Straße zu Juchwankas Hof. Juchwankas Haus war aus frischem, hellgrauem Espenholz, das aus dem herrschaftlichen Walde stammte, erbaut und sorgfältig mit Stroh aus der herrschaftlichen Tenne gedeckt, hatte rotangestrichene Läden an beiden Fenstern und eine Vortreppe mit Überdach und mit einem hübschen, geschnitzten Geländer. Auch der Flur und die Nebenräume waren in gutem Zustande. Aber der allgemeine Eindruck von Wohlstand und Zufriedenheit, den das Ganze machte, wurde ein wenig gestört durch den an das Tor gelehnten Stall aus nur halbfertigem Flechtwerk und den abgedeckten Schuppen, der dahinter sichtbar wurde. Als Nechljudow sich der Vortreppe von der einen Seite näherte, kamen von der andern zwei Bäuerinnen mit einem vollen Holzeimer heran. Die eine war Juchwankas Frau, die andere seine Mutter. Die erstere war ein kräftiges, rotbäckiges Weib mit ungewöhnlich stark entwickelter Brust und breiten, fleischigen Wangen. Sie trug ein sauberes, an den Ärmeln und am Kragen gesticktes Hemd, eine ebensolche Latzschürze, einen neuen Faltenrock, Lederschuhe, Perlen und einen koketten, viereckigen, mit roten Fäden und Flitter benähten Kopfputz.

Das Ende des Tragholzes schwankte nicht, sondern lag fest auf ihrer breiten und harten Schulter. Die leichte Kraftanspannung, die sich in der Röte ihres Gesichtes verriet sowie in der Krümmung des Rückens und der gleichmäßigen Bewegung der Hände und Füße, ließ ihre ungewöhnliche Gesundheit und fast männliche Kraft erkennen.

Juchwankas Mutter dagegen, die das andere Ende des Tragholzes trug, war eine jener Greisinnen, welche die äußerste Grenze des Alters und des körperlichen Verfalles erreicht zu haben scheinen. Ihr knochiger Körper war mit einem unsaubern, zerrissenen Hemde und einem farblosen Faltenrock bekleidet und so nach vorn gebeugt, daß das Tragholz mehr auf ihrem Rücken als auf der Schulter lag. Ihre Hände mit den gekrümmten Fingern, mit denen sie sich an das Tragholz förmlich anklammerte, waren von unbestimmter, dunkelbräunlicher Farbe und schienen sich überhaupt nicht mehr auseinanderbiegen zu lassen; der tief gesenkte, in Lumpen gehüllte Kopf trug die häßlichen Spuren äußerster Armut und des Greisenalters. Unter der niedrigen, von zahllosen tiefen Runzeln durchfurchten Stirn blickten die geröteten und wimperlosen Augen trüb zu Boden. Ein einziger gelber Zahn kam unter der eingefallenen Oberlippe hervor; er bewegte sich beständig auf und nieder und berührte bisweilen das spitze Kinn. Die Runzeln der unteren Gesichtshälfte und des Halses glichen kleinen Säckchen, die bei jeder Bewegung hin und her schwankten. Die Alte atmete schwer und röchelnd; die nackten, krummen Füße bewegten sich zwar mit Anstrengung, aber doch gleichmäßig vorwärts.

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