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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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IV.

Man sah es dem jungen Gutsherrn an, daß er die Leute gern noch um etwas gefragt hätte; er blieb auf der Bank sitzen und blickte unentschlossen bald auf Iwan, bald zum leeren, ungeheizten Ofen hinüber.

»Habt ihr schon Mittag gegessen?« fragte er endlich. Um Iwans Lippen spielte wieder das spöttische Lächeln, als käme es ihm komisch vor, daß der Herr so dumm fragte; er antwortete nicht.

»Was für ein Mittag, Wohltäter?« sprach das Weib mit schwerem Seufzer; »wir haben ein Stück Brot gegessen, – das ist unser Mittag. Zum Suppekochen hab' ich nichts, den letzten Kwaß aber haben die Kinderchen bekommen.«

»Heut' haben wir Hungerfasten, Euer Durchlaucht,« erklärte Iwan, »Brot und Zwiebel – das ist halt Bauernspeise. Gott sei Dank, das Brot hat bei uns bisher durch Ihre Gnade gereicht, sonst aber gibt's bei uns Bauern oft genug auch nicht einmal Brot. Zwiebel ist heuer überall mißraten. Der Gemüsegärtner Michael – wir haben neulich zu ihm geschickt – verlangt für einen Büschel einen Groschen, da kann unsereins nicht kaufen. Seit Ostern gehen wir auch nicht mehr in Gottes Kirche: wir haben nicht das Geld, dem hl. Nikolaus eine Kerze zu kaufen.«

Nechljudow kannte schon lange – nicht vom Hörensagen, sondern aus eigener Anschauung – die entsetzliche Armut, in der seine Bauern lebten. Aber diese traurige Tatsache ließ sich so schwer in Einklang bringen mit seiner eigenen Erziehung, seinen Anschauungen und seiner Lebensweise, daß er die Wirklichkeit unwillkürlich immer wieder vergaß, und jedesmal, wenn er lebendig und greifbar an sie erinnert wurde, wie heute, wurde ihm unsagbar schwer und traurig ums Herz, als quälte ihn die Erinnerung an ein begangenes und nicht gesühntes Verbrechen.

»Wie kommt's, daß ihr so arm seid?« fragte er, unwillkürlich seinen Gedanken Ausdruck gebend.

»Ja wie sollte es anders sein, Väterchen Durchlaucht? Unser Ackerland – Sie wissen es ja selbst – Lehm und Hügel, sonst nichts. Und dazu straft uns Gott mit seinem Zorn: seit der Cholera gedeiht kein Getreide mehr. Wiesen und sonstige Landstücke werden immer weniger: die einen hat man zur Gutswirtschaft genommen, die anderen den herrschaftlichen Feldern zugezählt. Ich bin alt und allein; wenn ich auch noch gern arbeiten würde, – die Kräfte fehlen mir. Mein Weib ist kränklich; es vergeht kein Jahr, daß sie nicht einem Mädchen das Leben schenkt, und alle müssen satt gemacht werden. Sieben Personen sind wir im Hause, aber ich allein muß mich plagen. Es ist eine Sünde vor Gott dem Herrn, aber ich denke mir oft: Wenn Gott einige von ihnen doch bald zu sich nehmen wollte! Ich hätt' es dann leichter, und ihnen selbst wäre wohler.«

»A–ach ja!« seufzte die Frau laut auf, wie um die Worte des Mannes zu bestätigen.

»Meine ganze Hilfe ist der da,« fuhr Iwan fort, indem er auf einen blondköpfigen, struppigen, auffallend dickleibigen Burschen von etwa sieben Jahren zeigte, der soeben, leise mit der Tür knarrend, schüchtern ins Zimmer getreten war, sich mit beiden Händchen am Hemde des Vaters festhielt und mit verwunderten Augen scheu zum Herrn aufblickte. »Ja, meine ganze Hilfe,« wiederholte Iwan mit seiner wohlklingenden Stimme, während seine rauhe Hand über den fast weißen Blondkopf fuhr; »wann werd' ich's erleben, daß er mitarbeitet? Und die Arbeit geht heute schon über meine Kraft! Dem Alter nach könnte ich wohl noch was leisten, aber das Gliederreißen hat mich niedergezwungen. Bei schlechtem Wetter könnte ich schreien vor Schmerz. Ich sollte schon längst von der Fronarbeit befreit sein und mich aufs Altenteil setzen dürfen. Jermilow, Demkin, Sjabrew zum Beispiel sind alle jünger als ich und haben doch seit langem schon ihr Land abgegeben. Ich aber habe niemand, dem ich es übergeben könnte, das ist eben mein Unglück. Ernähren muß man sich doch, – so quäle ich mich halt weiter, Euer Durchlaucht.«

»Ich möchte dir so gern Erleichterung schaffen, wirklich! Aber wie soll ich's anfangen?« fragte der junge Gutsherr und sah den Bauern voller Teilnahme an.

»Was gibt's da für Erleichterung? Es steht doch fest: wer Land hat, muß auch den Frondienst leisten; das ist schon einmal so eingeführt. Ich muß mich irgendwie durchschlagen, bis der Kleine groß ist. Wenn Sie nur die Gnade hätten, ihn von der Schule zu befreien! Neulich war der Gemeindeschreiber da und behauptete, Euer Durchlaucht verlangten, daß der Bub' in die Schule gehe. Befreien Sie ihn, Durchlaucht, was hat er denn für einen Verstand? Er ist noch klein, er begreift gar nichts!«

»Nein, Bruder, mach' was du willst, aber das geht nicht!« antwortete der Fürst; »dein Junge ist schon verständig genug, es ist Zeit für ihn, daß er zu lernen anfängt. Ich spreche ja nur zu deinem Besten. Denk doch nur: wenn er heranwächst, die Wirtschaft übernimmt, und wenn er dann lesen und schreiben und sogar in der Kirche lesen kann! Da wird's in deinem Hause mit Gottes Hilfe gleich ganz anders gehen!« schloß Nechljudow, der sich bemühte, so verständlich als möglich zu sprechen, und trotzdem die Worte nur stockend und unter grundlosem Erröten hervorbrachte.

»Gewiß, Euer Durchlaucht, Sie wünschen uns nichts Schlechtes, – aber wer soll zu Hause bleiben? Mein Weib und ich müssen zur Fronarbeit, und da besorgt er die Wirtschaft, so klein er ist: er treibt die Kühe in den Stall und tränkt die Pferde. Mag er noch so jung sein, er ist doch ein Bauer!« Und Tschurißjonok faßte lächelnd mit seinen plumpen Fingern die Nase des Jungen und schneuzte ihn.

»So schicke ihn wenigstens zur Schule, wenn du selbst zu Hause bist und wenn er Zeit hat. Hörst du? Auf jeden Fall!«

Iwan seufzte schwer auf und antwortete nicht.

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