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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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III.

Nechljudow trat ins Haus. Die unebenen, verrauchten Wände waren in der dunklen Ofenecke mit allerlei Fetzen und Kleidern behängt, in der Ecke aber, wo die Heiligenbilder hingen, war die Wand buchstäblich rot von Küchenschaben, die sich um die Bilder und längs der Bank angesammelt hatten. In der Mitte der finstern, dumpfigen, sechs Ellen langen Stube war in der Decke ein großer Riß, und obgleich an zwei Stellen Stützen angebracht waren, hatte sich die Decke so gesenkt, daß ihr Einsturz jeden Moment erfolgen konnte.

»Ja, die Stube ist sehr schlecht,« sagte der Herr und sah Tschurißjonok an, der keine Lust zu haben schien, von dieser Tatsache zu sprechen.

»Sie wird uns erdrücken, wird unsere Kinderchen erschlagen!« begann die Frau in weinerlichem Ton, während sie sich an den Ofen lehnte.

»Schweig!« befahl Iwan streng und wandte sich dann mit leisem, kaum merklichem Lächeln wieder an den Herrn: »Ich weiß wahrhaftig nicht, Euer Durchlaucht, was ich mit der Hütte machen soll. Stützen, Unterlagen – alles umsonst.«

»Wie sollen wir hier den Winter über aushalten? Oh! Ach, ach!« jammerte das Weib.

»Vielleicht daß man noch mehr Stützen stellen und einen neuen Streckbalken legen könnte,« fiel Iwan in ruhigem, sachlichem Tone ein, »der eine Balken da müßte ausgewechselt werden; dann schlagen wir uns den Winter vielleicht noch durch. Man kann's ja machen, aber die ganze Stube ist dann mit Stützen verbarrikadiert, – das ist's! Und rührt man erst 'mal daran, so findet man keinen haltbaren Splitter. Das Ganze hält sich nur noch, wenn man's ruhig stehen läßt,« schloß er, sichtlich befriedigt von seinem Scharfblick.

Nechljudow war gekränkt und ärgerlich, daß Tschurißjonok in solches Elend geraten war und sich nicht früher an ihn gewandt hatte, obgleich er seit seiner Ankunft auf dem Gute den Bauern keine Bitte abgeschlagen und immer wieder erklärt hatte, daß sie alle sich mit ihren Anliegen direkt an ihn wenden dürften. Er empfand sogar etwas wie Zorn gegen den Bauern, zuckte ärgerlich die Achseln und machte ein finsteres Gesicht; doch das ihn umgebende Elend und mitten darin das ruhige, selbstzufriedene Äußere Tschurißjonoks verwandelte seinen Ärger in ein Gefühl der Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit.

»Ach, Iwan, warum hast du mir das alles nicht früher gesagt?« fragte er vorwurfsvoll, indem er sich auf die schmutzige, schiefe Bank niederließ.

»Hab's nicht gewagt. Euer Durchlaucht,« antwortete Iwan mit demselben kaum merklichen Lächeln, von einem seiner unsauberen nackten Füße auf den andern tretend; aber er sagte das so ruhig und sicher, daß es schwer fiel, an dieses »nicht gewagt« zu glauben.

»Wir sind einfache Bauern, – wie sollten wir wagen –« begann die Frau schluchzend.

»Schwatz nicht!« fuhr Tschurißjonok sie wieder an.

»In dieser Stube könnt ihr nicht wohnen bleiben, das ist ein Ding der Unmöglichkeit!« begann Nechljudow wieder nach kurzem Schweigen. »Wir wollen es so machen, Bruder –«

»Zu Befehl!« sagte Iwan.

»Hast du die Steinhäuschen gesehen, die ich auf dem neuen Vorwerk bauen ließ, die mit den hohlen Mauern?«

»Wie hätte ich die nicht sehen sollen!« entgegnete Iwan und zeigte lächelnd seine gesunden, weißen Zähne; »wir haben uns nicht wenig gewundert, als sie gebaut wurden, – merkwürdige Häuser! Die Burschen haben gelacht und gemeint, es werden wohl Speicher sein, und das Korn werde wohl in die hohlen Mauern geschüttet werden, um vor den Ratten geschützt zu sein. Großartige Häuser! Förmliche Gefängnisse!« schloß er kopfschüttelnd und mit dem Ausdruck spöttischen Erstaunens:

»Ja, es sind schöne Häuser, – trocken und warm und nicht feuergefährlich,« antwortete der Fürst, während sein junges Gesicht sich verdüsterte, weil der Spott des Bauern ihn kränkte.

»Unstreitig, Euer Durchlaucht, prächtige Häuser!«

»Nun also, eines davon ist schon ganz fertig. Es ist zehn Ellen groß; Flur und Kammer sind auch schon fertig. Ich will es dir geben für das Geld, das es mich selbst gekostet hat; du kannst es mir irgendwann abzahlen,« sagte der Herr mit selbstgefälligem Lächeln, welches er bei dem Gedanken, daß er eine Wohltat übe, nicht unterdrücken konnte. »Dein altes Haus wirst du abbrechen,« fuhr er fort, »das Holz kommt auf den Speicher; den Hof verlegen wir ebenfalls. Dort gibt's ausgezeichnetes Wasser, einen Gemüsegarten teile ich dir aus dem Neulande ab, ebenso bekommst du dort deine Felder. Vortrefflich wirst du's dort haben! – Gefällt dir der Plan nicht?« fragte Nechljudow, da er bemerkte, daß Tschurißjonok, als er von dem Übersiedelungsplane hörte, unbeweglich dastand und zu Boden starrte; das Lächeln war von seinem Gesichte verschwunden.

»Euer Durchlaucht haben zu befehlen,« erwiderte er, ohne aufzublicken.

Die Frau trat vor, als wollte sie etwas sagen, doch der Mann schnitt ihr das Wort ab.

»Euer Durchlaucht haben zu befehlen,« wiederholte er entschieden und zugleich unterwürfig, indem er die Haare zurückwarf und den Herrn anblickte, »aber auf das neue Vorwerk passen wir nicht hin.«

»Warum nicht?«

»Nein, Euer Durchlaucht, wenn Sie uns dorthin schicken, – es geht uns auch hier nicht gut, aber dort werden wir unser Lebtag keine rechten Bauern sein! Wie sollten wir das? Dort kann man ja nicht leben! Machen Sie, was Sie wollen, Euer Durchlaucht!«

»Ja, aber warum denn nicht?«

»Dort werden wir verarmen bis aufs letzte, Euer Durchlaucht.«

»Aber warum sollte man dort nicht leben können?«

»Was wäre denn das für ein Dasein? Bedenken Sie selbst: ein unbewohnter Ort, unbekanntes Wasser, kein Weideland. Unsere Hanffelder hier sind seit undenklichen Zeiten gedüngt, und dort? Wie ist's dort? Öde und Armut! Kein Zaun, keine Scheune, keine Tenne, nichts! Wir gehen zugrunde, wenn du uns dorthin schickst, Väterchen Durchlaucht, wir gehen vollständig zugrunde! Ein neuer, unbekannter Ort –« wiederholte er nachdenklich, aber entschlossen den Kopf schüttelnd.

Nechljudow versuchte ihm klar zu machen, daß die Übersiedelung im Gegenteil sehr vorteilhaft für ihn wäre, daß Zäune und Scheunen gebaut werden sollten, daß das Wasser dort ausgezeichnet sei und so weiter, – doch Iwans dumpfes Schweigen machte ihn befangen und er fühlte, daß er mit seinen Worten nicht das Richtige traf. Iwan antwortete nicht, aber als der Fürst schwieg, meinte er mit leisem Lächeln, das Gescheiteste wäre wohl, auf dem Vorwerk die alten Leute vom Gutshof und den Narren Aljoscha anzusiedeln, damit sie dort das Getreide bewachten.

»Das wäre das Richtigste!« sagte er und lächelte wieder, »es ist eine verfahrene Sache, Euer Durchlaucht!«

»Was tut's denn, daß der Ort nicht bewohnt ist?« fuhr Nechljudow geduldig fort, »auch hier wohnte doch einstmals niemand, und jetzt leben hier Menschen; und dort wird's ebenso sein, sobald du dich nur als erster zur glücklichen Stunde ansiedelst, – du mußt es unbedingt tun!«

»Ach, Väterchen Durchlaucht, wie kann man das vergleichen!« erwiderte Iwan schnell, als fürchte er, daß der Herr einen entscheidenden Entschluß fassen könnte; »dies hier ist ein Gemeindeort, ein lustiger, altgewohnter Ort, und die Landstraße, und der Teich, in dem das Weib die Wäsche waschen und das Vieh tränken kann, und unsere ganze, aus früheren Zeiten stammende Einrichtung, und die Tenne und der Gemüsegarten und die Weiden, die noch meine Eltern gepflanzt haben; und mein Vater und Großvater sind hier in Frieden gestorben, und ich wünsche mir nichts anderes, Euer Durchlaucht, als ebenfalls hier meine Tage zu beenden. Wenn du so gnädig sein willst, mir zu helfen, daß ich die Hütte ausbessern kann, so werden wir deine Gnade mit Dank annehmen; wenn nicht, so beschließen wir halt unser Leben irgendwie in der alten Hütte. Zeitlebens wollen wir für dich beten,« schloß er mit tiefer Verneigung, »wenn du uns aus unserm Neste nicht vertreibst, Väterchen!«

Während Iwan sprach, ertönte aus der Ecke, in der seine Frau stand, immer stärker werdendes Schluchzen, und als er das Wort »Väterchen« aussprach, sprang die Frau plötzlich vor und warf, sich laut weinend dem Herrn zu Füßen.

»Richte uns nicht zugrunde, o unser Ernährer! Du bist uns Vater und Mutter! Wie sollten wir übersiedeln? Wir sind alt und einsam. Wir haben nur Gott und dich!« heulte sie.

Nechljudow sprang von der Bank auf und wollte die Alte aufheben, aber sie schlug mit einer förmlichen Wollust der Verzweiflung mit dem Kopfe gegen den Lehmboden und stieß die Hand des Herrn zurück.

»Was tust du! Bitte, steh doch auf! Wenn ihr nicht wollt, muß es ja nicht sein; ich werde euch nicht zwingen!« rief er, mit den Händen abwehrend und zur Tür zurückweichend.

Als Nechljudow wieder auf der Bank Platz genommen hatte, herrschte in der Stube Schweigen, das nur durch das Schluchzen der Frau unterbrochen, wurde: sie hatte sich wieder in ihre Ecke zurückgezogen und trocknete sich mit ihrem Ärmel die Tränen. Der junge Gutsherr begriff allmählich, was die halbzerfallene Hütte, der eingestürzte Brunnen mit seiner schmutzigen Pfütze, die elenden, verfaulten Schuppen und Ställe, und die zerplatzten alten Weiden, die er durch das schiefe Fensterchen überblicken konnte, für Tschurißjonok und dessen Weib bedeuteten; ihm wurde schwer und traurig ums Herz, und eine Art von Scham überkam ihn.

»Ach Iwan, warum hast du am vorigen Sonntag bei der Gemeindeversammlung nicht gesagt, daß du ein neues Haus brauchst? Ich weiß jetzt nicht, wie ich dir helfen soll! Gleich bei der ersten Versammlung habe ich euch allen doch erklärt, daß ich mich um euretwillen auf dem Lande niedergelassen habe und euch mein Leben widmen will, daß ich bereit sei, auf alles zu verzichten, nur damit ihr zufrieden und glücklich seid. Und ich schwöre zu Gott, daß ich mein Wort halten werde!« sprach der junge Gutsherr, ohne zu ahnen, daß Gefühlsergüsse dieser Art nicht imstande sind, bei jemand Vertrauen zu erwecken, am wenigsten beim russischen Bauern, der nicht Worte liebt, sondern Taten, und der es ungern sieht, wenn man Gefühlen – und seien es auch die allerschönsten – Ausdruck verleiht.

Doch der naive Jüngling war so glücklich in dem Gefühl, welches ihn beseelte, daß er es nicht in sich verschließen konnte.

Iwan neigte den Kopf zur Seite, zwinkerte langsam mit den Augen und hörte mit erzwungener Aufmerksamkeit seinem Herrn zu, wie einem Menschen, dem man zuhören muß, wenngleich er auch von Dingen spricht, die töricht sind und einen gar nichts angehen.

»Aber ich kann doch nicht allen alles geben, was sie von mir erbitten. Wenn ich alle Bitten um Holz erfüllen wollte, hätte ich bald selber nichts mehr und könnte auch dem nichts mehr geben, der es wirklich braucht. Daher habe ich eben einen Teil des Waldes der Gemeinde übergeben mit der Bestimmung, daß das Holz zur Ausbesserung der Bauernhäuser benützt werde. Dieses Holz gehört nun nicht mehr mir, sondern euch, den Bauern, und nicht ich habe darüber zu verfügen, sondern die Gemeinde soll es nach eigenem Ermessen tun. Komm heute zur Versammlung, ich will der Gemeinde deine Bitte vorlegen; wenn sie beschließt, dir ein Haus zu bauen, – gut! Ich selbst aber habe kein Holz mehr. Ich möchte dir von Herzen gern helfen, wenn du jedoch nicht übersiedeln willst, so geht die Sache nicht mehr mich an, sondern die Gemeinde. Verstehst du mich?«

»Wir sind für Ihre Gnade sehr dankbar,« antwortete Tschurißjonok verlegen; »wenn Sie uns Holz für den Hof zu geben geruhen, werden wir schon durchkommen. Was soll die Gemeinde? Man weiß wohl –«

»Nein, du mußt kommen.«

»Zu Befehl, ich werde kommen. Warum sollte ich nicht? Aber bitten werde ich die Gemeinde um nichts.«

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