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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 39
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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XV.

Um vier Uhr nachmittags traf Fürst Andreas, der auf seiner Bitte beharrt hatte, in Grunt ein und meldete sich bei Bagration. Bonapartes Adjutant war noch nicht angekommen und die Schlacht hatte somit noch nicht begonnen. In Bagrations Regiment wußte man nichts von der allgemeinen Lage der Dinge; man sprach vom Frieden, glaubte aber nicht recht an seine Möglichkeit, ebensowenig wie man an eine nahe bevorstehende Schlacht glaubte. Bagration wußte, daß Bolkonskij Kutusows vertrauter Lieblingsadjutant war, und empfing ihn daher mit besonderer, herablassender Auszeichnung; er eröffnete ihm, daß es wahrscheinlich heute oder morgen zur Schlacht kommen werde, und stellte ihm anheim, entweder an seiner Seite zu bleiben oder bei der Nachhut für einen geordneten Rückzug zu sorgen, was »ebenfalls sehr wichtig« sei.

»Übrigens wird es heute kaum zum Kampfe kommen,« fügte er hinzu, wie um den Fürsten Andreas zu beruhigen. »Wenn's einer der gewöhnlichen Gecken aus dem Stabe ist. der hergeschickt wird, um ein Sternchen zu verdienen, so erreicht er dies Ziel auch bei der Nachhut; will er aber bei mir bleiben, – gut! Ich werde ihn brauchen können, wenn er ein tapferer Offizier ist!« dachte Bagration. Fürst Andreas antwortete nicht direkt, sondern bat um die Erlaubnis, die Stellung der Truppen zu besichtigen, um im Falle eines Auftrages zu wissen, wohin er zu reiten habe. Der diensthabende Offizier – ein hübscher, stutzerhaft gekleideter Mann mit einem Brillantring am Zeigefinger, schlecht, aber gern französisch sprechend, – erbot sich, den Fürsten Andreas zu begleiten.

Überall sah man wie suchend umhergehende Offiziere in nassen Kleidern und mit düsteren Mienen, und Soldaten, die aus dem Dorf Bänke, Türen und Zäune herbeischleppten.

»Wir können das Gesindel nicht im Zaum halten, Fürst,« sagte der Stabsoffizier, indem er auf die Soldaten zeigte; »und sehen Sie hier,« – er wies auf ein Marketenderzelt, – »da sitzen sie! Heute morgen habe ich alle hinausgetrieben, jetzt ist das Zelt wieder voll! Ich muß hinreiten und sie aufscheuchen, Fürst. Einen Augenblick!«

»Reiten wir hin, ich will eine Semmel und ein Stück Käse nehmen,« sagte Fürst Andreas, der noch keine Zeit zum Essen gefunden hatte.

»Warum haben Sie denn nichts gesagt, Fürst? Ich hätte Ihnen doch gern etwas vorgesetzt!«

Sie sprangen von den Pferden und betraten das Marketenderzelt. Mehrere Offiziere mit übermüdeten, roten Gesichtern saßen an den Tischen, aßen und tranken.

»Also was ist denn das, meine Herren!« sagte der Stabsoffizier in vorwurfsvollem Tone, als wiederhole er längst Gesagtes; »man darf sich doch nicht so absentieren! Der Fürst hat befohlen, daß niemand sich hier aufhalten dürfe. Und Sie, Herr Stabskapitän!« wandte er sich an einen kleinen, hageren, schmutzigen Artillerieoffizier, der nur mit Strümpfen an den Füßen (die Stiefel hatte er dem Marketender zum Trocknen übergeben), gezwungen lächelnd vor ihm stand. »Schämen Sie sich denn nicht, Kapitän Tuschin? Sie als Artillerist sollten doch mit gutem Beispiel vorangehen, – und Sie haben nicht einmal Stiefel an! Sie werden eine hübsche Figur machen, wenn Alarm geschlagen wird! (Der Stabskapitän lächelte.) Begeben Sie sich gefälligst auf Ihre Posten, meine Herren! alle, alle!« schloß er in befehlendem Tone.

Fürst Andreas mußte unwillkürlich lächeln, als er den Stabskapitän Tuschin ansah: immer noch lächelnd trat Tuschin von einem Fuß aus den andern und blickte mit großen, klugen und guten Augen schweigend bald auf den Fürsten Andreas, bald aus den Stabsoffizier.

»Die Soldaten behaupten, barfuß sei's bequemer,« sagte er schließlich mit schüchternem Lächeln und mit dem offenbaren Wunsch, die unbehagliche Situation ins Scherzhafte zu ziehen; aber er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als er schon fühlte, daß sein Scherz nicht am Platze sei und übel aufgenommen werde; er wurde noch verlegener.

»Entfernen Sie sich gefälligst,« sprach der Stabsoffizier, der Mühe hatte, ernst zu bleiben.

Fürst Andreas warf noch einen Blick auf die Gestalt des Artilleristen. Er hatte etwas Eigenes an sich, etwas ganz Unkriegerisches, fast Komisches, aber ungemein Anziehendes.

Der Stabsoffizier und Fürst Andreas bestiegen ihre Pferde und ritten weiter. Als sie am Dorf vorüber waren, erblickten sie links einen frisch aufgeworfenen Erdwall aus rotem Lehm. Einige Bataillone Soldaten, trotz des kalten Windes in bloßen Hemden, wühlten darin gleich weißen Ameisen; hinter dem Wall flogen, von unsichtbaren Händen geworfen, immer neue Lehmklumpen auf. Die Offiziere ritten heran, besichtigten den Wall und ritten wieder weiter. Sie gelangten zu einem Hügel, von dem aus man die Franzosen sehen konnte. Fürst Andreas hielt sein Pferd an und überblickte di« Gegend.

»Dort steht unsere Batterie,« sagte der Stabsoffizier und deutete auf den höchsten Punkt, »sie wird von dem barfüßigen Sonderling befehligt, den wir vorhin sahen. Von dort oben übersieht man alles; wir wollen hinaufreiten, Fürst.«

»Besten Dank! Ich werde jetzt allein weiterreiten,« erwiderte Fürst Andreas, der den Stabsoffizier gern los gewesen wäre; »bitte bemühen Sie sich nicht!«

Der Stabsoffizier blieb zurück und Fürst Andreas ritt allein weiter. Je mehr er sich dem Feinde näherte, um so geordneter und vergnügter sahen die Truppen aus. Die ärgste Verwirrung und Mutlosigkeit hatte bei dem Train geherrscht, den Bolkonskij am Morgen vor Znaim getroffen hatte und der zehn Werst von den Franzosen entfernt war. Auch in Grunt war noch eine gewisse Unruhe und Angst zu merken gewesen. Aber hier, dicht vor den französischen Vorposten, blickten die russischen Soldaten mutig und selbstbewußt drein. Sie standen in geordneten Reihen, während der Feldwebel sie abzählte, oder sie schleppten Holz und Reisig herbei und bauten unter fröhlichem Lachen und Schwatzen kleine Hütten; andere wieder hatten sich am Feuer niedergelassen und trockneten ihre Kleider oder kochten ihre Grütze. Wo das Essen schon fertig war, blickten die Umstehenden mit gierigen Blicken auf die dampfenden Schüsseln, die zu den Offizieren getragen wurden. Eine Kompagnie war so glücklich, noch etwas Schnaps zu haben; die Soldaten umdrängten den pockennarbigen, breitschulterigen Feldwebel, welcher der Reihe nach die hingereichten Blechdeckel der Feldflaschen füllte, führten den Trunk mit andächtigen Mienen zum Munde, stürzten ihn hinunter, wischten sich den Mund am Ärmel des Mantels und traten mit aufgeheitertem Gesichte zurück. Alle diese Soldaten waren so ruhig, als befänden sie sich in der Heimat auf friedlichem Lagerplatz und nicht dicht vor dem Feinde, vor einer Schlacht, in welcher zumindest die Hälfte von ihnen fallen mußte.

Als Fürst Andreas zu den stattlichen Kiewschen Grenadieren gekommen war, sah er nicht weit von dem alle anderen überragenden Zelte des Regimentschefs eine Gruppe von Soldaten, vor denen ein nackter Mann am Boden lag. Zwei Soldaten hielten ihn, zwei andere ließen biegsame Ruten gleichmäßig auf seinen Rücken niedersausen. Der Delinquent schrie mit verstellter Stimme. Ein dicker Major ging vor der Gruppe auf und ab und sagte immer wieder, ohne auf das Geschrei zu achten:

»Es ist eine Schande für einen Soldaten, zu stehlen! Ein Soldat muß ehrlich, edel und tapfer sein! Und wenn er gar seinen Kameraden bestiehlt, so hat er keine Ehre im Leibe, so ist er ein gemeiner Kerl! Nur zu! Nur zu!«

Und die biegsamen Gerten sausten auf den nackten Rücken nieder und das Verzweiflung heuchelnde Geschrei dauerte fort. »Nur zu! Nur zu!« wiederholte der Major.

Ein junger Offizier, auf dessen Gesicht Zweifel und Schmerz sich malten, entfernte sich von der Gruppe und blickte den vorüberreitenden Adjutanten fragend an.

Fürst Andreas ritt die äußerste Front entlang. Die Vorpostenketten der Russen und der Franzosen waren an den Flügeln weit voneinander entfernt, in der Mitte aber, dort, wo am Morgen die Parlamentäre hin- und hergeritten waren, standen sie sich so nah, daß sie sich sehen und miteinander sprechen konnten. Außer den Vorposten gab's hier auf beiden Seiten eine Schar Neugieriger, die lachend die fremden, ihnen sonderbar erscheinenden Feinde betrachteten.

Vom frühen Morgen an waren diese Neugierigen herbeigeeilt, trotz des Verbotes der Vorgesetzten, sich der Vorpostenkette zu nähern. Die in der Kette stehenden Soldaten selbst blickten die Franzosen gar nicht mehr an, sondern machten ihre Bemerkungen über die Herumstehenden und warteten gelangweilt auf die Ablösung. Fürst Andreas hielt, um die Franzosen zu betrachten.

»Sieh mal, sieh!« sagte ein Soldat zu einem andern, indem er auf einen russischen Musketier zeigte, der sich mit einem Offizier der Vorpostenkette genähert hatte und lebhaft mit einem französischen Grenadier sprach. »Wie der schnell schwätzt! Der Franzose kommt ihm gar nicht nach! Horch doch mal, Ssidorow!«

»Und wie gewandt!« antwortete Ssidorow, der als Meister im Französischen galt.

Der Soldat, von dem sie sprachen, war Dolochow. Fürst Andreas erkannte ihn und horchte auf das Gespräch. Dolochow war mit seinem Kompagniechef vom linken Flügel, wo sein Regiment stand, zur Vorpostenkette herübergekommen.

»Gib's ihm tüchtig!« rief der Kompagniechef, indem er sich vorneigte, um das für ihn unverständliche Gespräch zu hören; »was sagt er?«

Dolochow gab ihm keine Antwort; er war in hitzigem Wortwechsel mit dem französischen Grenadier. Selbstverständlich handelte es sich um den Feldzug: der Franzose, der die Russen mit den Österreichern verwechselte, behauptete, die Russen hätten sich bei Ulm ergeben; Dolochow seinerseits suchte ihm klarzumachen, daß die Russen sich nicht ergeben, sondern die Franzosen besiegt hätten. »Und jetzt haben wir Befehl, euch von hier fortzujagen, und das werden wir auch tun!« rief Dolochow.

»Paßt nur auf, daß wir euch nicht mit allen euren Kosaken gefangen nehmen!« antwortete der französische Grenadier. Die zuhörenden Franzosen lachten auf.

»Man wird euch tanzen lassen, wie Ssuworow euch tanzen ließ!« sagte Dolochow.

» Qu'est-ce qu'il chante?« fragte einer der Franzosen.

» De l'histoire ancienne,« erwiderte ein anderer, der erraten hatte, daß Dolochow von früheren Feldzügen sprach, » l'Empereur va lui faire voire, à votre Souvara, comme aux autres!«

»Bonaparte –« begann Dolochow wieder, aber der Franzose unterbrach ihn wütend:

»Es gibt keinen Bonaparte, es gibt einen Kaiser! Sacré nom –«

»Der Teufel hol' ihn, euren Kaiser!« Dolochow ließ einige derbe russische Soldatenschimpfworte folgen, warf das Gewehr auf die Schulter und wandte sich zum Gehen. »Kommen Sie, Iwan Lukitsch!« sagte er zum Kompagniechef.

»Jetzt kommst du an die Reihe, Ssidorow, los!« sagten ein paar Soldaten in der Vorpostenkette.

Ssidorow blinzelte mit den Augen, wandte sich den Franzosen zu und begann mit übertriebener Schnelligkeit sinnlose Worte herzusagen. »Kari mala tafa safa muter kaska –« sprudelte er hervor, wobei er sich bemühte, seiner Stimme einen ausdrucksvollen Ton zu geben. Die russischen Soldaten brachen in so gesundes, fröhliches Lachen aus, daß die Franzosen unwillkürlich mitlachen mußten; man hätte meinen sollen, nun bleibe nichts mehr übrig, als die Gewehre und die Kanonen zu entladen und schnell nach Hause zu gehen. Aber die Gewehre blieben geladen, die Batterien blickten nach wie vor drohend vom Hügel herab, und die Kanonen standen einander ebenso kampfbereit gegenüber wie zuvor.

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