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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 37
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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XIII.

Noch am selben Abend verabschiedete sich Bolkonskij vom Kriegsminister und reiste zur Armee ab, ohne zu wissen, wo er sie treffen würde; es stand zu befürchten, daß er auf dem Wege nach Krems von den Franzosen aufgegriffen werden konnte.

Am Brünner Hofe wurde eifrig gepackt und die Gepäckswagen gingen so schnell als möglich nach Olmütz ab; bei Etzelsdorf erreichte der Fürst die Straße, auf welcher die russischen Truppen in größter Eile und größter Unordnung sich zurückzogen. Die Straße war dermaßen von Wagen versperrt, daß es unmöglich war, mit der Equipage durchzukommen. Fürst Andreas erbat sich vom Hauptmann der Kosaken ein Pferd und einen Burschen und ritt, hungrig und müde wie er war, so schnell als möglich weiter, um den Oberbefehlshaber aufzusuchen. Die allerungünstigsten Gerüchte über die Lage der Armee kamen ihm unterwegs zu Ohren, und die Unordnung in den flüchtenden Regimentern bestätigte diese Gerüchte.

» Cette armée russe, que l'or de l'Angleterre a transportée des extrémités de l'univers, nous allons lui faire éprouver le sort de l'armée d'Ulm,« sprach Fürst Andreas die Worte vor sich hin, welche Bonaparte beim Beginn des Feldzugs an sein Heer gerichtet hatte. Und diese Worte erweckten in ihm sowohl Bewunderung für den genialen Helden als auch beleidigtes Ehrgefühl und die Hoffnung auf Ruhm. »Aber wenn es nichts anderes mehr gibt als sterben?« dachte er; »nun, wenn es sein muß, – ich werde nicht schlechter sterben als andere.«

Voller Verachtung blickte Fürst Andreas auf diese endlosen, unordentlichen Züge von Truppenmassen, Gepäckswagen, Geschützen, und wieder und wieder Gepäckswagen jeder Art, die einander zu überholen trachteten und an manchen Stellen die schmutzige Straße vollkommen verbarrikadierten. Ringsumher, soweit das Gehör reichte, hörte man das Knarren der Räder, das lärmende Rollen der Fuhren und der Lafetten, Pferdegetrappel, Peitschenknallen, Rufe und Schimpfworte der Soldaten und Offiziere. Am Straßenrands lagen gefallene Pferde, zerbrochene Wagen, an denen einzelne Soldaten wartend saßen; Gruppen von Soldaten trennten sich von der Hauptmasse ab und eilten den nächsten Dörfern zu, von wo sie mit geraubten Hühnern und Schafen, mit Heu und verschiedenen gefüllten Säcken zurückkehrten. Wenn die Straße bergauf oder bergab führte, wurden das Gedränge und das Geschrei noch ärger. Die Soldaten, bis zu den Knien im Straßenschmutz stehend, stützten die Kanonen und die Gepäckswagen mit den Händen, Peitschenhiebe schwirrten durch die Luft, die Pferde glitten aus, die Räder zerbrachen, und das Gepäck kollerte zu Boden. Die Offiziere, die den Zug führten, sprengten zwischen den Wagen hin und her. Ihre Stimmen waren kaum vernehmbar in dem allgemeinen Lärm, und man sah es ihren Mienen an, daß sie an der Möglichkeit verzweifelten, dieser Unordnung Einhalt zu tun.

» Voilà das liebe rechtgläubige Kriegsvolk!« sagte sich Bolkonskij.

Er wollte einen Soldaten fragen, wo der Oberbefehlshaber zu finden sei, und näherte sich einem der Wagen. Gerade vor ihm fuhr ein seltsames, einspänniges Gefährt, das ein Mittelding zwischen Bauernwagen, Kabriolet und Kutsche war. Ein Soldat lenkte das Pferd, während im Wagen unter dem Halbverdeck eine ganz in Tücher gehüllte Frau saß. Fürst Andreas ritt näher heran und wollte eben einen Soldaten nach dem Hauptquartier fragen, als die Verzweiflungsschreie der Frau im Wagen seine Aufmerksamkeit erregten: Der Offizier, der das Kommando über den Wagenzug hatte, prügelte den auf dem Bock sitzenden Soldaten, weil dieser die anderen Wagen überholen wollte; die Peitsche sauste auf das Schutzleder nieder, hinter dem sich die verzweifelt schreiende Frau zu schützen suchte. Als sie den Fürsten Andreas erblickte, streckte sie den Kopf ein wenig vor, winkte mit den mageren Händen und rief:

»Herr Adjutant! Herr Adjutant! Um Gottes willen, retten Sie mich! Was soll das werden? Ich bin die Frau einer Arztes vom siebten Jägerregiment, und man läßt mich nicht durch! Wir sind zurückgeblieben, haben unsere Leute verloren –«

»Ich hau' dich in Stücke!« schrie der wütende Offizier dazwischen, »kehr' um! kehr' sofort um mit dem Frauenzimmer!«

»Herr Adjutant, retten Sie mich! Was soll das heißen!« schrie die Frau.

»Lassen Sie den Wagen gefälligst durch! Sehen Sie denn nicht, daß eine Frau drin sitzt?« sagte Fürst Andreas, indem er an den Offizier heranritt. Der Offizier blickte ihn an, ohne zu antworten, und wandte sich wieder dem Soldaten zu: »Ich will dich lehren, vorzufahren! Zurück!«

»Lassen Sie den Wagen durch, sage ich Ihnen!« wiederholte Fürst Andreas.

»Wer bist denn du eigentlich?« schrie ihn der Offizier in sinnloser Wut an, »wer bist du? (Er betonte das »du« besonders.) Bist du der Befehlshaber, was? Hier hab' ich zu befehlen, und nicht du! – Zurück, oder ich hau' alles entzwei!«

»Der hat's dem Adjutantchen gut gegeben!« ertönte eine Stimme im Hintergrunde.

Fürst Andreas sah, daß der Offizier sich in dem trunkenen Zustande blinder Wut befand, in welchem die Menschen nicht wissen, was sie sprechen. Er sah, daß sein Eintreten für die Frau des Arztes etwas von dem hatte, was er mehr als alles in der Welt fürchtete und was man » ridicule« zu nennen pflegt, aber sein Instinkt sprach anders. Der Offizier hatte die letzten Worte kaum ausgesprochen, als Fürst Andreas mit zornentstelltem Gesicht auf ihn zuritt, die Reitpeitsche erhob und, jede Silbe scharf betonend, rief:

»Lassen Sie gefälligst durch!«

Der Offizier machte eine ärgerliche Handbewegung und ritt schnell fort. »Diese Stabsoffiziere machen immer und überall Unordnung!« brummte er; »machen Sie, was Sie wollen!«

Fürst Andreas wandte sein Pferd, ohne die Frau anzublicken, die ihn ihren Retter nannte; mit Widerwillen dachte er an die Einzelheiten der häßlichen Szene zurück, während er dem Dorfe zusprengte, in welcher sich der Oberbefehlshaber befinden sollte.

Im Dorfe angelangt, stieg er vom Pferde und näherte sich dem ersten Hause in der Absicht, wenigstens einen Augenblick zu ruhen, etwas zu essen und all die quälenden und kränkenden Gedanken ein wenig zu ordnen. »Das ist ja eine Schar gemeiner Kerle und keine Armee!« dachte er, als er auf di« Tür des ersten Hauses zuschritt. Da rief eine wohlbekannte Stimme seinen Namen.

Er sah auf: Neswitzkijs hübsches Gesicht blickte zum Fenster heraus. Eifrig kauend winkte Neswitzkij ihn zu sich heran.

»Bolkonskij! Bolkonskij! Hörst du denn nicht? Komm schnell!« rief er.

Als Bolkonskij das Haus betrat, fand er Neswitzkij und einen zweiten Adjutanten bei einem Imbiß. Sie richteten sofort die Frage an ihn, ob er nichts Neues wisse. Er las auf ihren ihm so wohlbekannten Gesichtern Aufregung und Unruhe, besonders auffallend war das bei dem sonst immer lachenden Antlitz Neswitzkijs.

»Wo ist der Oberbefehlshaber?« fragte Bolkonskij.

»Dort in jenem Hause,« erwiderte der Adjutant.

»Ist's wahr, daß wir vor der Kapitulation und dem Friedensschluß stehen, was?« fragte Neswitzkij.

»Das frage ich Sie. Ich weiß gar nichts, als daß ich mit Mühe und Not hierher gelangt bin.«

»Und bei uns, Bruder, ist's entsetzlich! Wir haben uns über Mack lustig gemacht, – jetzt sehe ich unser Unrecht ein, denn wir sind jetzt noch schlimmer dran!« sagte Neswitzkij. »Aber setz' dich doch und iß etwas!«

»Jetzt finden Sie weder Ihren Wagen noch sonst etwas, Fürst, und wo Ihr Peter ist, das weiß Gott,« sagte der andere Adjutant.

»Wo ist das Hauptquartier?«

»Wir übernachten in Znaim.«

»Ich hab' alles, was ich brauche, auf zwei Pferde geladen,« sagte Neswitzkij; »alles ist vortrefflich gepackt, und meinetwegen können wir über die Böhmischen Berge ziehen! Schlimm steht's, Bruder! Aber was hast du? Bist du krank, daß du so zuckst?« fragte Neswitzkij, als er bemerkte, daß Fürst Andreas schmerzlich zusammenfuhr.

»Nein,« erwiderte der Fürst, der sich eben wieder der häßlichen Szene mit der Frau des Arztes und dem Trainoffizier erinnert hatte.

»Was macht der Oberkommandierende hier?« fragte er.

»Ich weiß nichts,« entgegnete Neswitzkij.

»Ich meinerseits weiß nur, daß alles so gemein, gemein, gemein ist!« rief Fürst Andreas und begab sich zum Oberbefehlshaber. Er schritt an Kutusows Wagen, an den müden Pferden der Suite und den laut miteinander redenden Kosaken vorüber und betrat die Flur des Bauernhauses, in der Kutusow, Bagration und Weiroter sich befanden. Weiroter war ein österreichischer General, der an Stelle des gefallenen Generals Schmidt gekommen war. Im Vorzimmer kauerte der kleine Koslowskij vor einem Schreiber, der vor einem umgestülpten Fäßchen auf dem Fußboden saß und eifrig schrieb. Koslowskijs Gesicht sah müde und übernächtig aus. Er blickte den Fürsten an und nickte ihm nicht einmal zu.

»Die zweite Linie – hast du's geschrieben?« fragte er den Schreiber und diktierte dann weiter: »Das Kiewsche Grenadierregiment, das Podolische –«

»So schnell geht's nicht, Euer Hochwohlgeboren,« unterbrach ihn der Schreiber ärgerlich und unehrerbietig.

Durch die Tür hörte man die laute, unzufriedene Stimme Kutusows und eine zweite, fremde Stimme. Der Ton dieser Stimmen, die Zerstreutheit, mit der Koslowskij ihn angeblickt hatte, die Unhöflichkeit des übermüdeten Schreibers, der Umstand, daß Koslowskij und der Schreiber in nächster Nähe des Oberkommandierenden auf dem Fußboden vor einem umgestürzten Fasse saßen, und daß die Kosaken, die draußen bei den Pferden standen, so laut schwatzten und lachten, – alles das machte auf Bolkonskij den Eindruck, als müsse etwas Bedeutsames und Schweres geschehen. Er wandte sich mit einer Frage an Koslowskij, der aber antwortete:

»Gleich, gleich, Fürst. Hier ist ein Befehl von Bagration –«

»Und die Kapitulation?«

»Findet nicht statt; es wird die Anordnung zu einer Schlacht getroffen.«

Fürst Andreas schritt auf die Tür zu, hinter welcher die Stimmen ertönten. Aber im selben Moment wurde diese Tür von innen geöffnet und Kutusow erschien auf der Schwelle. Fürst Andreas stand dicht vor ihm und blickte ihm grade in das gedunsene Gesicht mit der Adlernase; aber nach dem zerstreuten Blick des einen Auges Kutusows – auf dem andern war er blind – zu urteilen, war er so sehr in Gedanken und so von Sorgen bedrückt, daß er seinen Adjutanten nicht erkannte.

»Nun, fertig?« wandte er sich an Koslowekij.

»Sofort, Exzellenz!«

Hinter dem Oberbefehlshaber tauchte nun auch Bagration auf, ein kleiner, hagerer, noch nicht alter Mann mit energischen, unbeweglichen Gesichtszügen von orientalischem Typus.

»Habe die Ehre mich zu melden,« sagte Fürst Andreas recht laut und hielt Kutusow einen Brief hin.

»Ah, aus Wien? Gut. Später, später!«

Kutusow und Bagration traten vor das Haus.

»Lebwohl, Fürst!« sprach der Oberkommandierende zu Bagration; »Gott sei mit dir! Ich segne dich zu dem großen Werk!« Sein Gesicht nahm plötzlich einen weichen Ausdruck an, und Tränen glänzten in seinen Augen. Mit der linken Hand zog er Bagration zu sich heran, während er ihm mit der rechten das Kreuzeszeichen auf die Stirn machte; dann hielt er ihm die geschwollene Wange hin. Bagration aber küßte ihn auf den Hals. »Gott sei mit dir!« wiederholte Kutusow, während er seinem Wagen zuschritt; »setz' dich zu mir,« rief er Bolkonskij zu.

»Euer Exzellenz, ich möchte gern hier nützlich sein! Gestatten Sie mir, bei den Truppen des Fürsten Bagration zu bleiben«

»Setz' dich zu mir!« wiederholte Kutusow, und als er Bolkonskijs Zögern bemerkte, fügte er hinzu: »Ich selbst brauche ebenfalls tüchtige Offiziere!«

Sie bestiegen den Wagen und fuhren einige Minuten schweigend dahin.

»Noch steht uns viel, sehr viel bevor!« sagte Kutusow plötzlich in einem Tone, als verstehe er alles, was in Bolkonskijs Seele vorging. »Wenn von seinem Regiment morgen auch nur der zehnte Teil zurückkehrt, werde ich Gott danken,« schloß er, wie zu sich selbst sprechend.

Fürst Andreas blickte ihn an; er sah die Narbe an der Schläfe, die von der Ismailower Kugel herrührte, sah das ausgeflossene Auge und sagte sich: »Ja, er hat ein Recht, so ruhig von dem sichern Untergang dieser Menschen zu sprechen!«

»Daher eben bitte ich, mich zu diesem Regiment abzukommandieren,« sprach er laut.

Kutusow antwortete nicht. Er schien längst vergessen zu haben, was er gesagt hatte, und saß in Gedanken verloren da. Aber etwa fünf Minuten später war jede Spur von Erregung aus seinem Antlitz verschwunden, er wandte sich dem Fürsten zu und fragte ihn mit feinem Spott nach allen Einzelheiten seiner Audienz beim Kaiser, nach dem, was bei Hofe von dem Gefecht bei Krems gesprochen werde, und nach einigen gemeinsamen Bekannten.

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