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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 36
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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XII.

Als Kaiser Franz das Schloß verließ, blickte er den Fürsten Andreas, der auf dem ihm angewiesenen Platz bei den österreichischen Offizieren stand, durchdringend an und nickte ihm mit seinem langen Kopfe zu. Bald darauf teilte der Flügeladjutant dem Fürsten in überaus höflicher Weise mit, daß der Kaiser ihn zu empfangen wünsche. Kaiser Franz erwartete ihn, mitten im Zimmer stehend. Bevor der Kaiser zu sprechen anfing, war es dem Fürsten Andreas, als bemerke er an ihm eine gewisse Verlegenheit und ein Suchen nach Worten.

»Sagen Sie, wann begann das Gefecht?« fragte der Kaiser hastig.

Der Fürst antwortete. Es folgten andere, ebenso einfache Fragen: ob Kutusow gesund sei, wann er Krems verlassen habe und so weiter. Die Antworten auf diese Fragen schienen den Kaiser nur wenig zu interessieren.

»Um wieviel Uhr begann die Schlacht?« fragte er.

»Wann sie vor der Front begann, kann ich Eurer Majestät nicht sagen, aber in Dürnstein, wo ich mich befand, begann die Attacke um sechs Uhr abends,« antwortete Bolkonskij, der zu hoffen begann, daß es ihm jetzt gelingen werde, alles, was er wußte und gesehen hatte, so zu berichten, wie er es sich zurechtgelegt hatte. Aber der Kaiser lächelte und unterbrach ihn.

»Wie viele Meilen?«

»Von wo und wohin, Majestät?«

»Von Dürnstein bis Krems.«

»Drei und eine halbe, Majestät.«

»Haben die Franzosen das linke Ufer geräumt?«

»Unsere Kundschafter haben gemeldet, daß die letzten während der Nacht den Strom auf Flössen passiert haben.«

»Ist in Krems genug Fourage?«

»Fourage wurde nicht in der Menge geliefert, wie –«

Der Kaiser unterbrach ihn. »Um wieviel Uhr fiel General Schmidt?«

»Ich glaube um 7 Uhr.«

»Um 7 Uhr; sehr traurig, sehr traurig!«

Dann sagte der Kaiser, er danke, und verneigte sich. Fürst Andreas ging hinaus und sah sich sofort von Höflingen umringt. Von allen Seiten blickten freundliche Augen ihn an und wurden freundliche Worte ihm zugerufen. Der Flügeladjutant von gestern machte ihm Vorwürfe, warum er nicht im Schloß abgestiegen sei, und bot ihm seine eigene Wohnung an. Der Kriegsminister trat an ihn heran und gratulierte ihm zum Maria-Theresienorden III. Klasse, welchen ihm der Kaiser verliehen hatte. Ein Kammerherr der Kaiserin lud ihn zu Ihrer Majestät ein, und auch die Erzherzogin wünschte ihn zu sehen. Er wußte nicht, wem er zuerst antworten sollte, und brauchte einige Sekunden, um seine Gedanken zu sammeln. Der russische Gesandte legte den Arm um ihn, führte ihn in eine Fensternische und begann mit ihm zu sprechen.

Im Gegensatz zu dem, was Bilibin gesagt hatte, war die Siegesnachricht freudig aufgenommen worden. Ein Dankgottesdienst wurde angeordnet, Kutusow bekam das Großkreuz des Maria-Theresienordens, und die ganze Armee erhielt Belohnungen. Bolkonskij wurde mit Einladungen überschüttet und mußte den ganzen Morgen Besuche bei hohen österreichischen Würdenträgern machen. Erst gegen 5 Uhr nachmittags kehrte er zu Bilibin zurück. Vor dem Hause stand ein mit Gepäck beladener Wagen, und Franz, Bilibins Diener, schleppte eben keuchend einen Koffer aus der Tür.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Bolkonskij.

»Ach, Durchlaucht,« erwiderte Franz, während er den Koffer auf den Wagen lud, »wir ziehen noch weiter. Der Bösewicht ist schon wieder hinter uns her.«

»Was heißt das? was?« fragte der Fürst. Da trat Bilibin aus dem Haus. Sein sonst so ruhiges Gesicht verriet eine gewisse Erregung.

» Non, non, avouez que c'est charmant,« rief er, »diese Geschichte mit der Taborbrücke in Wien! Sie haben sie ohne Widerstand überschritten.«

Fürst Andreas begriff nichts.

»Ja woher kommen Sie denn, daß Sie noch nicht wissen, was schon alle Kutscher in der Stadt erfahren haben?«

»Von der Erzherzogin; dort habe ich nichts gehört.«

»Und haben Sie nicht gesehen, daß überall gepackt wird?«

»Nein, aber was ist denn geschehen?« fragte Fürst Andreas ungeduldig.

»Was geschehen ist? Daß die Franzosen die Brücke passiert haben, welche Auersperg verteidigen sollte. Und die Brücke ist nicht in die Luft gesprengt worden, und Murat nähert sich jetzt in Eilmärschen der Stadt Brünn; heute oder morgen wird er hier sein.«

»Hier? Wieso denn? Und warum hat man die Brücke nicht in die Luft gesprengt, wenn sie doch unterminiert war?«

»Ja, das frage ich Sie! Das weiß niemand, nicht einmal Bonaparte selbst.«

Bolkonskij zuckte die Achseln.

»Aber wenn die Brücke überschritten ist, ist auch die Armee verloren; sie wird abgeschnitten sein,« sagte er.

»Das ist es ja eben,« erwiderte Bilibin, »hören Sie: die Franzosen rücken in Wien ein, wie ich Ihnen sagte. Sehr gut! Am folgenden Tag, also gestern, besteigen die Marschälle Murat, Lannes und Bellard ihre Pferde und – reiten zur Brücke. (Alle drei sind Gascogner.) ›Meine Herren‹, sagt der eine, ›Sie wissen, daß die Taborbrücke unterminiert ist und durch einen drohenden Brückenkopf und fünfzehntausend Mann verteidigt wird; die Leute haben den Befehl, die Brücke in die Luft zu sprengen und uns nicht hinüber zu lassen. Aber unserem Herrn und Kaiser Napoleon wird es angenehm sein, wenn wir diese Brücke nehmen. Reiten wir drei hin und nehmen wir die Brücke!‹ – ›Gut‹, erwidern die andern, und sie reiten hin und nehmen die Brücke, überschreiten sie, und jetzt rücken sie mit ihrer ganzen Armee diesseits der Donau auf uns, auf euch und auf eure Siegesnachricht los.«

»Lassen Sie das Scherzen,« erwiderte Fürst Andreas ernst und traurig. Die Nachricht betrübte ihn und war ihm dennoch angenehm: als er hörte, daß die russische Armee sich in einer so verzweifelten Lage befand, zog es ihm durch den Sinn, daß vielleicht grade er berufen sei, sie aus dieser Lage zu retten, und daß er vor dem Ereignisse stehe, welches ihn endlich aus der Reihe der unbekannten Offiziere herausheben und ihm den Weg zum Ruhm öffnen sollte. Während er Bilibin zuhörte, malte er sich schon aus, wie er nach seiner Rückkehr zur Armee im Kriegsrat seine Meinung abgeben und einen Rettungsplan entwerfen werde, und wie die Ausführung dieses Planes ihm allein anvertraut werden würde.

»Lassen Sie das Scherzen,« wiederholte er.

»Ich scherze nicht,« erwiderte Bilibin, »nichts ist wahrer und trauriger als das, was ich Ihnen sage. Diese Herren reiten bis zur Brücke und schwingen weiße Taschentücher; sie versichern, es sei Waffenstillstand geschlossen und sie, die Marschälle, müßten mit dem Fürsten Auersperg unterhandeln. Der diensthabende Offizier läßt sie an den Brückenkopf heran. Sie erzählen ihm nach Gascogner Art eine Unzahl von Dummheiten, behaupten, der Krieg sei zu Ende, Kaiser Franz werde mit Bonaparte zusammentreffen, sie müßten durchaus den Fürsten Auersperg sprechen und so weiter. Der Offizier schickt nach Auersperg; die Franzosen umarmen die Offiziere, machen Witze, setzen sich auf die Kanonen, – inzwischen aber schleicht sich ein französisches Bataillon auf die Brücke, wirft die Säcke mit den Brennstoffen ins Wasser und nähert sich dem Brückenkopf. Endlich erscheint der Generalleutnant selbst, der liebenswürdige Fürst Auersperg von Mautern. Die Franzosen sagen ihm: ›Geliebter Feind! Blüte der österreichischen Kriegerschaft! Held der Türkenkriege! Die Feindschaft ist zu Ende, wir dürfen einander die Hände reichen, Kaiser Napoleon brennt vor Verlangen, den Fürsten Auersperg kennen zu lernen!‹ Kurz, diese Herren überschütten Auersperg mit Schmeicheleien, daß er wie geblendet von dem Marschallsmantel und den Straußenfedern Murats vergißt, was er zu tun hat. Das französische Bataillon stürmt den Brückenkopf, vernagelt die Kanonen, und die Brücke ist genommen. Aber das Schönste ist,« fuhr Bilibin fort, der sich an der Lebendigkeit der eigenen Erzählung so zu freuen schien, daß seine Aufregung sich legte; »das Schönste ist, daß der Sergeant, welcher die Kanone bewachte, aus der das Signal zum In-die-Luft-Sprengen der Brücke gegeben werden sollte, daß dieser Sergeant, als er die französischen Truppen auf der Brücke sah, bereits schießen wollte, aber Lannes hielt seine Hand fest. Der Sergeant, der offenbar gescheiter war als sein General, näherte sich dem Fürsten Auersperg und sagte: ›Fürst, Sie werden hintergangen. Da sind die Franzosen!‹ Murat sah, daß das Spiel verloren war, wenn dieser Sergeant zu Worte kam. Mit geheucheltem Erstaunen wandte er sich an Auersperg: ›Ich erkenne die vielgerühmte Disziplin der österreichischen Armee nicht wieder,‹ sagte er, ›Sie erlauben einem Untergebenen, so zu Ihnen zu sprechen?‹ – Das ist genial. Der Fürst Auersperg fühlt sich getroffen und läßt den Sergeant arretieren. – Sie müssen zugeben, daß diese ganze Geschichte mit der Taborbrücke reizend ist! Das ist weder Dummheit noch Feigheit –«

»Vielleicht ist's Verrat,« sagte Fürst Andreas und dachte dabei lebhaft an die grauen Mäntel, die Wunden, den Pulverdampf, den Donner der Geschütze und den Ruhm, der ihn erwartete.

»Auch nicht, aber es bringt den Hof in die allerdümmste Lage,« erwiderte Bilibin, »es ist weder Verrat, noch Feigheit, noch Dummheit; es ist dieselbe Geschichte wie bei Ulm.« Er dachte ein wenig nach, als suche er den richtigen Ausdruck: »Das ist – das ist ganz Mack. Wir sind mackiert!« schloß er mit dem Gefühl, ein neues Wort geprägt zu haben, das vielfach wiederholt werden würde. Er lächelte selbstzufrieden und betrachtete aufmerksam seine Fingernägel.

»Wohin?« fragte er plötzlich den Fürsten, der sich erhoben hatte und auf die Tür seines Zimmers zuschritt.

»Ich reise ab.«

»Wohin?«

»Zur Armee.«

»Aber Sie wollten doch noch zwei Tage bleiben.«

»Nein, jetzt reise ich gleich.« Fürst Andreas traf seine Verfügungen wegen der Abreise und begab sich in sein Zimmer. Bilibin folgte ihm.

»Wissen Sie was, mein Lieber,« sagte er, »ich habe über Sie nachgedacht. Warum wollen Sie abreisen?«

Fürst Andreas blickte ihn fragend an und antwortete nicht.

»Warum wollen Sie abreisen? Ich weiß, Sie denken, es sei Ihre Pflicht, jetzt zur Armee zu eilen, weil die Armee in Gefahr ist. Ich verstehe das, mon cher, das ist Heroismus.«

»Durchaus nicht,« erwiderte Fürst Andreas.

»Sie sind doch Philosoph. Also seien Sie es ganz, betrachten Sie die Dinge auch von der andern Seite, und Sie werden sehen, daß es im Gegenteil Ihre Pflicht ist, sich selbst zu schonen, überlassen Sie den Heroismus doch andern, die zu nichts mehr gut sind. Sie haben keinen Befehl, zurückzukehren, und hier sind Sie nicht entlassen worden, folglich können Sie bleiben und mit uns ziehen, wohin unser unglückliches Schicksal uns führt. Man sagt, daß wir nach Olmütz gehen. Das ist eine sehr nette Stadt. Sie fahren ganz gemütlich mit mir in meinem Wagen hin.«

»Hören Sie auf zu scherzen, Bilibin,« sagte Bolkonskij.

»Ich spreche aufrichtig und aus Freundschaft zu Ihnen. Überlegen Sie doch. Wohin und warum wollen Sie jetzt fahren, wenn Sie doch hier bleiben können? Es erwartet Sie zweierlei: entweder wird der Frieden abgeschlossen, bevor Sie die Armee erreichen, oder es kommt zur Schlacht, und Sie teilen die Schande der ganzen Kutusowschen Armee.«

»Das kann ich nicht beurteilen,« erwiderte Fürst Andreas kalt, während er sich dachte: ich fahre, um die Armee zu retten.

» Mon cher, Sie sind ein Held,« sagte Bilibin.

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