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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 31
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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VII.

Zwei feindliche Kanonenkugeln waren bereits über die Brücke dahingeflogen, auf welcher Gedränge entstand. Mitten auf der Brücke stand Fürst Neswitzkij; er war vom Pferde gestiegen und hatte sich mit seinem dicken Körper an das Geländer gelehnt. Lächelnd blickte er zurück auf seinen Kosaken, der, mit den beiden Pferden am Zügel, einige Schritte hinter ihm stand. Sobald Fürst Neswitzkij vorwärts wollte, drängten ihn die Soldaten und Wagenzüge wieder zurück, so daß ihm nichts übrig blieb, als zu lächeln und sich an das Geländer zu drücken.

»Ach, Brüderchen,« sagte der Kosak zu einem Trainsoldaten mit einem Gepäckswagen, der sich in die Infanterie hineinzwängte, »hör' mal, kannst du denn nicht warten? Du siehst doch, der General muß vorüber.« Doch der Trainsoldat achtete nicht auf ihn und schrie die Soldaten an, die ihm den Weg versperrten: »He, Landsleute, haltet euch links, wartet!« Doch die Landsleute, die sich Schulter an Schulter drängten und ihre Bajonette ineinander hakten, schoben sich, ohne stehen zu bleiben, wie eine kompakte Masse über die Brücke. Neswitzkij blickte über das Geländer in die schnellen, rauschenden, aber flachen Wellen der Enns, die sich kräuselnd und an den Pfosten der Brücke aufschäumend um die Wette dahinzueilen schienen. Als er dann wieder auf die Brücke sah, erblickte er ebenso bewegte Wellen von Soldaten, Ranzen, Bajonetten, Flinten, Tschakos und unter den Tschakos Gesichter mit breiten Backenknochen, eingefallenen Wangen und sorglos müdem Ausdruck, und Füße, die durch den klebrigen Schmutz auf der hölzernen Brücke marschierten. Wie unter den einförmigen Wellen der Enns hier und da weißer Schaum aufspritzte, so drängte sich zwischen den gleichförmigen Massen der Soldaten hier und da ein Offizier im Mantel mit den feineren Gesichtszügen, die von denen der Soldaten abstachen; und wie ein Span, der im Flusse dahinschwamm, tauchte über den Wellen der Infanterie auf der Brücke hier und da ein Husar, ein Offiziersbursche oder ein Stadtbewohner auf; wie ein Balken den Fluß hinabschwamm, so schob sich zuweilen ein hochbeladener Gepäckswagen über die Brücke.

»Als wenn ein Damm durchbrochen wäre,« sagte der Kosak verzweifelt, »seid ihr denn noch viele?«

»Einer weniger als eine Million,« antwortete lachend ein vorübergehender fröhlicher Soldat in zerrissenem Mantel; ihm folgte ein alter Infanterist.

»Wenn er (gemeint war der Feind) jetzt auf die Brücke feuern wird,« sagte der Alte mürrisch zu dem Vorangehenden, »wirst du das Scherzen vergessen.« Und auch dieser Soldat verschwand in der Menge. Ihm folgte ein Gepäckswagen. Dann kamen lustige und offenbar angeheiterte Soldaten.

»Mein Lieber, wie er mit dem Flintenkolben auf ihn losgeht und ihn direkt in die Zähne –« erzählte vergnügt einer von ihnen und fuchtelte mit den Armen durch die Luft.

»Eine schöne Geschichte!« lachte der andere. Und auch sie gingen vorüber, und Neswitzkij erfuhr nicht, wer den Schlag in die Zähne bekommen hatte.

»Wie sie eilen! Weil er eine Kugel herübergeschickt hat, bilden sie sich ein, er werde alles niedermachen,« sprach ein Unteroffizier ärgerlich und vorwurfsvoll.

»Als sie an mir vorüberflog, die Kugel,« sagte ein junger Soldat mit riesigem Munde und schüttelte sich vor Lachen, »als sie vorüberflog, Onkelchen, bin ich vor Schreck erstarrt. Wahrhaftig, bei Gott, ich bin ganz furchtbar erschrocken.« Es war, als prahlte er damit, daß er erschrocken sei.

Und auch er ging vorüber. Ihm folgte wieder ein Wagen, der ganz anders aussah als alle bisherigen. Es war ein deutsches, mit zwei Pferden bespanntes Gefährt, beladen mit einem ganzen Hausrat wie es schien; an den Wagen, den ein Deutscher lenkte, war eine schöne, bunte Kuh gebunden. Auf den Kissen und Pfühlen saßen eine Frau mit einem Säugling, ein altes Mütterchen und ein junges, rotwangiges, frisches Mädchen. Diese Leute waren jedenfalls auf besonderen Befehl durchgelassen worden. Die Augen aller Soldaten richteten sich auf das Mädchen, und während der Wagen im Schritt vorüberfuhr, bezogen sich alle Bemerkungen der Marschierenden auf dessen Insassen.

»Wohin wollt ihr?« fragte ein Infanterieoffizier, der grade einen Apfel aß. Der Deutsche schloß die Augen und schüttelte den Kopf, um zu zeigen, daß er nicht verstand. »Willst du, so nimm,« sprach der Offizier und reichte dem Mädchen den Apfel. Das Mädchen lächelte und nahm ihn. Dann kamen wieder Soldaten, und endlich stockte das Ganze. Wie das oft zu geschehen pflegt, so waren auch diesmal am Ende der Brücke die Pferde an einem Gepäckswagen in Unordnung geraten, und die ganze Schar mußte warten.

»Was ist denn los? Es ist gar keine Ordnung!« sprachen die Soldaten durcheinander. »Was drängt ihr so? Zum Teufel, wir haben keine Zeit, zu warten! Wenn er die Brücke in Brand schießt, wird's noch ärger werden. Sieh' mal, auch den Offizier haben sie fast zerquetscht!« So klang es von allen Seiten, während das Gedränge immer beängstigender wurde. Neswitzkij blickte auf die Wellen der Enns hinab; plötzlich hörte er ein neues Geräusch, das schnell näher kam; etwas Großes fiel klatschend ins Wasser.

»Sieh' mal an, was der treibt,« sagte ärgerlich ein Soldat, der in der Nähe stand, und blickte sich nach dem Geräusch um.

»Er bombardiert, damit wir schneller hinüberkommen,« antwortete ein anderer unruhig. Die Menge geriet wieder in Bewegung. Neswitzkij verstand jetzt erst, daß das eine Kugel gewesen war.

»He, Kosak, gib das Pferd her!« rief er; »na, zur Seite! Zur Seite! Gebt den Weg frei!«

Mit großer Mühe schob er sich unter beständigen Zurufen bis zu seinem Pferde durch. Die Soldaten drängten sich zur Seite, um ihm Platz zu machen, wurden aber von den hinter ihnen marschierenden mit solcher Gewalt vorgeschoben, daß sie ihm fast die Füße zertrampelten.

»Neswitzkij, Neswitzkij, hör' doch!« ertönte in diesem Augenblick hinter ihm eine heisere Stimme.

Neswitzkij blickte sich um und entdeckte etwa fünfzehn Schritte hinter sich, durch eine dichte Masse Infanterie getrennt, Waßjka Denissow, der erhitzt, zerzaust, die Mütze im Nacken, den Mantel flott um die Schultern geworfen, mitten im Gedränge auf seinem Pferde saß.

»Befiehl den Teufeln doch, Platz zu machen!« schrie Denissow voller Eifer; seine kohlschwarzen Augen glänzten und rollten in dem roten Gesicht, er fuchtelte mit dem Säbel, den er mit der Scheide in seiner kleinen, roten Hand hielt.

»He, Waßjka!« antwortete Neswitzkij freudig überrascht, »wo kommst du her?«

»Die Schwadron kann nicht vorüber,« schrie Denissow, indem er wütend seine weißen Zähne zeigte und seinem schönen Rappen, einem Vollblutaraber, die Sporen gab; das Pferd spitzte die Ohren, schnaubte, spritzte Schaum rundumher, schlug mit den Hufen auf die Bretter der Brücke und schien bereit, über das Geländer zu setzen, wenn der Reiter es wünschte. »Was ist denn das? Wie die Schafe, genau wie die Schafe! Fort, macht Platz! Der Gepäckswagen da, stillgestanden! Ich hau' mit dem Säbel drein,« schrie er, während er den Säbel wirklich entblößte und durch die Luft schwang.

Die Soldaten drängten sich erschreckt zusammen, so daß Denissow bis zu Neswitzkij gelangen konnte.

»Warum bist du denn heute nicht betrunken?« fragte ihn Neswitzkij.

»Sie lassen einem ja keine Zeit dazu,« erwiderte Denissow, »den ganzen Tag schleppen sie das Regiment bald hierhin, bald dorthin; wenn man sich schlägt, so schlägt man sich, aber der Teufel weiß, was das hier heißen soll!«

»Und wie du heute fein bist,« sagte Neswitzkij, den neuen Dolman des Kameraden betrachtend.

Denissow lächelte, zog ein parfümiertes Taschentuch hervor und hielt es Neswitzkij unter die Nase.

»Es geht nicht anders: ich ziehe in den Kampf, daher hab' ich mich rasiert, parfümiert und mir die Zähne geputzt.«

Neswitzkijs kräftige Gestalt, der begleitende Kosak und Denissows Energie wirkten so, daß man ihnen Platz machte, und daß es ihnen gelang, über die Brücke zu kommen. Am jenseitigen Ufer fand Neswitzkij den Oberst, dem er den Befehl zu übergeben hatte; und nachdem er den Auftrag ausgeführt, ritt er zurück.

Denissow hielt am Ende der Brücke. Sein Pferd gebärdete sich ungestüm und schlug mit den Füßen aus; der Reiter aber hielt es leicht im Zaume und blickte ruhig auf die heranrückende Schwadron. Auf den Brettern der Brücke ertönte Hufschlag, und, geführt von den Offizieren, ritt jetzt die Schwadron in Reihen zu vier Mann über die Brücke.

Die Infanterie, die wartend stehen bleiben mußte, blickte mit jenem Spott und jener gewissen Unfreundlichkeit, welche zwischen den verschiedenen Truppengattungen zu herrschen pflegen, auf die sauberen, eleganten Husaren, die in geschlossenen Reihen an ihnen vorüberritten.

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