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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 30
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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VI.

Kutusow zog sich nach Wien zurück und brach hinter sich die Brücken über den Inn bei Braunau und über die Traun bei Linz ab. Am 23. Oktober überschritten die russischen Truppen das Flüßchen Enns. Die Wagenzüge, die Artillerie und die Truppenkolonnen zogen um die Mittagsstunde durch die Stadt Enns zu beiden Seiten des Flusses. Es war ein warmer, regnerischer Herbsttag. Die weite Perspektive, die sich von der Anhöhe, auf welcher die russischen Batterien standen, öffnete, schien bald wie von einem Nebelvorhang verhüllt, bald leuchtete sie in der Sonne auf und alle Gegenstände weit umher wurden deutlich sichtbar und glänzten wie lackiert: das Städtchen mit seinen weißen Häusern und roten Dächern, der alten Kathedrale und der Brücke, an deren Enden sich die Massen des russischen Heeres drängten, lag malerisch am Fuße der Anhöhe; auf der Donau sah man Fahrzeuge, eine Insel, ein Schloß mit einem Park, umflutet von den Wassern der Enns und der Donau; man sah das linke, felsige, mit Nadelwald bestandene Ufer der Donau; die grünen Wipfel verloren sich in geheimnisvoller Ferne und blauschimmernden Felsspalten; die Türme eines Klosters ragten aus dem scheinbar undurchdringlichen Walde auf; in weiter Ferne, auf einem Berge jenseits der Enns, sah man die Feinde schwärmen.

Zwischen den Geschützen auf dem Hügel stand der Anführer der Arrieregarde mit den Offizieren seines Gefolges und besichtigte die Gegend durch das Fernrohr. Ein wenig hinter ihm saß Neswitzkij auf einer Kanone; er war vom Oberbefehlshaber zur Arrieregarde abkommandiert. Der Kosak, der ihn begleitete, reichte ihm die Satteltasche und eine Feldflasche, und Neswitzkij bewirtete die Offiziere mit Pastetchen und echtem Doppelkümmel. Die Offiziere umringten ihn fröhlich, der eine kniete, der zweite saß, der dritte hockte nach türkischer Weise auf dem nassen Grase.

»Ja, dieser österreichische Fürst war kein Dummkopf, daß er sich hier ein Schloß erbaut hat! Ein wundervolles Plätzchen! – Warum essen Sie nicht, meine Herren?« fragte Neswitzkij.

»Danke ergebenst, Fürst,« erwiderte einer der Offiziere, dem es sichtlich Vergnügen bereitete, mit einem so hohen Stabsoffizier zu plaudern; »ein wundervolles Plätzchen! Wir sind dicht am Park vorbeigegangen und haben zwei Hirsche gesehen; und was für ein prächtiges Gebäude!«

»Sehen Sie, Fürst,« sagte ein anderer, der sehr gerne ein Pastetchen genommen hätte, sich aber genierte und sich daher so stellte, als betrachte er die Gegend; »sehen Sie, unsere Infanterie ist schon dort auf der Wiese hinter dem Dorf, drei Mann schleppen irgend etwas. Sie werden das Schloß durchsuchen,« setzte er mit sichtlicher Befriedigung hinzu.

Inzwischen zeigte der Offizier der Suite, der vorne stand, dem General etwas in der Ferne; der General blickte durch das Rohr.

»Natürlich, natürlich,« sagte er ärgerlich, indem er das Fernrohr senkte und mit den Schultern zuckte; »sie werden während des Überganges auf uns feuern. Was trödeln unsere Leute denn so?«

Jenseits des Flusses stand die feindliche Batterie, und man sah auch mit bloßem Auge, wie milchweißer Rauch aus ihr aufstieg. Gleich darauf ertönte ein ferner Kanonenschuß, und man bemerkte, daß die russischen Truppen den Übergang beschleunigten.

Neswitzkij erhob sich, seufzte auf, näherte sich lächelnd dem General und fragte: »Wünschen Eure Exzellenz nicht einen Imbiß?«

»Es steht nicht gut,« sagte der General, ohne ihm zu antworten; »unsere Leute waren zu langsam.«

»Soll ich hinüberreiten, Eure Exzellenz?« fragte Neswitzkij.

»Ja, reiten Sie bitte hinüber,« erwiderte der General und wiederholte das, was schon in allen Einzelheiten befohlen worden war: »sagen Sie den Husaren, sie sollen als die letzten über die Brücke gehen und die Brücke dann anzünden, und sollen darauf achten, daß sie auch wirklich zu brennen anfängt.«

»Sehr wohl,« entgegnete Neswitzkij.

Er rief den Kosaken mit dem Pferde, ließ den Imbiß und die Feldflasche forträumen, warf seinen schweren Körper geschickt in den Sattel und ritt über den gewundenen Pfad den Berg hinab.

»Na, Kapitän, legen Sie mal los,« sagte der General zum Artilleristen, »amüsieren Sie sich ein bißchen!«

»Die Mannschaft an die Geschütze!« kommandierte der Offizier, und im Augenblick eilte die Artillerie vergnügt herbei und lud die Kanonen.

»Nummer eins!« ertönte das Kommando.

Mit betäubendem, metallischem Klang donnerte der Schuß, und über die Köpfe der russischen Truppen am Fuße des Hügels flog pfeifend die Granate; sie erreichte den Feind nicht, und ein leichtes Rauchwölkchen zeigte die Stelle an, wo sie niedergefallen und geplatzt war.

Die Gesichter der Soldaten und der Offiziere hatten sich plötzlich aufgeheitert; alle standen auf und beobachteten die russischen Regimenter, die wie auf einer Handfläche unten am Berge zu sehen waren, und weiter vorne den heranrückenden Feind. Die Sonne trat in diesem Augenblick aus den Wolken hervor, und der Donner des ersten Schusses vereinigte sich mit dem hellen Glanz der Sonne zu einem fröhlichen, belebenden Eindruck.

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