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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 28
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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IV.

Das Pawlogradsche Husarenregiment stand zwei Meilen vor Braunau. Die Schwadron, in welcher Nikolaj Rostow als Junker diente, war in dem deutschen Dorfe Salzeneck einquartiert. Dem Anführer der Schwadron, Rittmeister Denissow, den man in der ganzen Kavalleriedivision unter dem Namen Waßjka Denissow kannte, war das beste Quartier im Orte zugewiesen worden. Junker Rostow logierte mit ihm zusammen.

Am 8. Oktober, dem Tage, an welchem im Hauptquartier die Nachricht von der Niederlage Macks alles in Aufregung gebracht hatte, ging im Stab der Schwadron das Feldzugsleben seinen alltäglichen Lauf. Denissow, der die ganze Nacht durchspielt hatte, war noch nicht heimgekehrt, als Rostow am frühen Morgen vom Furagieren zurückgeritten kam. Er ritt in seiner Junkeruniform vor das Haus, hielt das Pferd mit einem Ruck an, schwang mit einer graziösen, jugendlichen Bewegung das eine Bein herunter, balancierte noch eine Weile im Steigbügel, als wolle er sich noch nicht von seinem Pferde trennen, sprang endlich ab und rief eine Ordonnanz herbei.

»Ah, Bondarenko, mein lieber Freund,« sagte er zu dem herbeistürzenden Husaren in kameradschaftlichem, fröhlichem, fast zärtlichem Tone, der allen guten, jungen Leuten eigen ist, wenn sie sich glücklich fühlen; »führ' das Pferd umher.«

»Zu Befehl, Durchlaucht,« erwiderte der Kleinrusse, den Kopf fröhlich zurückwerfend.

»Aber paß auf, daß du es mir tüchtig umherführst!«

Ein zweiter Husar lief ebenfalls herbei, aber Bondarenko hatte sich schon der Zügel bemächtigt. Es war ersichtlich, daß der Junker gute Trinkgelder zu geben pflegte, und daß es vorteilhaft war, ihm einen Dienst zu erweisen. Rostow streichelte den Hals und den Rücken des Pferdes.

»Prächtig! Ein ausgezeichnetes Pferd,« dachte er lächelnd, und sprang säbelrasselnd und spornklirrend die Treppenstufen hinauf. Der deutsche Besitzer des Hofes, der in Unterjacke und Zipfelmütze mit der Mistgabel hantierte, blickte aus dem Kuhstall heraus. Als er Rostow sah, leuchtete sein Gesicht förmlich auf, er lächelte und zwinkerte lustig mit den Augen.

»Schönen guten Morgen! Schönen guten Morgen!« rief er, und es bereitete ihm offenbar Vergnügen, den jungen Mann zu begrüßen.

»Schon fleißig?« antwortete Rostow mit demselben freundlichen, kameradschaftlichen Lächeln, das gar nicht von seinem lebensvollen Gesichte wich; »hoch Österreicher, hoch Russen, Kaiser Alexander hoch!« rief er dem Wirt zu, von dem er diese Worte unzähligemal gehört hatte. Der Deutsche lachte, trat aus dem Stall, riß die Zipfelmütze vom Kopf, schwang sie in der Luft und schrie:

»Und hoch die ganze Welt.«

Rostow ahmte den Deutschen nach, schwang ebenfalls seine Mütze und rief lachend: »Und hoch die ganze Welt!« Obgleich gar kein Grund zu besonderer Freude vorlag, weder für den Bauern, der seinen Kuhstall reinigte, noch für Rostow, der von der Heulieferung kam, so befanden sich doch diese beiden Menschen in glücklicher Fröhlichkeit, blickten einander voll brüderlicher Liebe an, nickten sich lächelnd zum Zeichen des Einverständnisses zu und trennten sich dann: der Bauer ging in den Kuhstall, Rostow ins Haus, in welchem er mit Denissow wohnte.

»Wo ist dein Herr?« fragte Rostow den Burschen Denissows, den im ganzen Regiment bekannten Schelm Lawruschka.

»Er war seit gestern abend nicht zu Hause. Wahrscheinlich hat er im Spiel verloren,« entgegnete Lawruschka, »ich weiß schon, wenn er gewinnt, kommt er zeitig nach Hause, um sich zu prahlen; wenn er aber bis zum Morgen fortbleibt, hat er sicher verloren und wird in schlechter Laune heimkommen. Befehlen Sie den Kaffee?«

»Gib nur her, gib!«

Zehn Minuten später brachte Lawruschka den Kaffee. »Er kommt,« sagte er, »jetzt gibt's was.«

Rostow blickte durchs Fenster und sah den heimkehrenden Denissow. Denissow war ein kleiner Mann mit rotem Gesicht, glänzenden, schwarzen Augen, schwarzem, wirrem Haar und ebensolchem Schnurrbart. Er trug einen aufgeknöpften Mantel, weite faltige Beinkleider und eine zerdrückte Husarenmütze. Finster und mit gesenktem Kopf näherte er sich dem Hause.

»Lawruschka,« schrie er laut und böse, »hilf mir ablegen, du Dummkopf.«

»Ich helfe ja ohnedies,« erwiderte Lawruschkas Stimme.

»Oh, du bist schon aufgestanden?« fragte Denissow, ins Zimmer tretend.

»Schon längst,« antwortete Rostow, »ich war schon beim Heu.«

»So, so, und ich habe mich schön hineingeritten gestern abend, Bruder,« rief Denissow, »so ein Pech! So ein Pech! Als du fort warst, ging es los. Heda, Tee!«

Denissow verzog das Gesicht zu einem Lächeln, wobei er seine kurzen, starken Zähne zeigte, und fuhr sich mit beiden Händen in die dichten, schwarzen Haare.

»Der Teufel hat mich zu dieser Ratte gehen lassen« (Ratte war der Spitzname eines Offiziers); »stell' dir vor, nicht einen einzigen Stich konnte ich machen, nicht einen einzigen,« sprach er weiter, mit den Händen über die Stirn und das ganze Gesicht fahrend; dann nahm er die in Brand gesetzte Pfeife, die der Bursche ihm gereicht hatte, zerbrach sie in der Faust und warf sie zu Boden, daß die Funken sprühten. »Keinen einzigen Stich!« schrie er nochmals. Dann schwieg er eine Weile und blickte plötzlich mit seinen glänzenden, schwarzen Augen Rostow fröhlich an.

»Nichts als saufen! Ich könnte mich prügeln, – he, wer da?« rief er zur Tür gewandt, von wo sich schwere, sporenklirrende Schritte und bescheidenes Hüsteln vernehmen ließen.

»Der Wachtmeister,« sagte Lawruschka. Denissows Gesicht wurde noch finsterer.

»Unangenehm,« sagte er und warf einen Geldbeutel mit einigen Goldmünzen auf den Tisch; »Rostow, mein Täubchen, zähl' doch nach, wieviel übrig geblieben ist, und steck den Beutel unter das Kopfkissen!« Mit diesen Worten ging Denissow zum Wachtmeister hinaus.

Rostow nahm das Geld, sonderte die alten und die neuen Goldmünzen, und begann sie zu zählen.

»Ah, Teljanin, guten Tag! Gestern haben sie mich tüchtig hineingelegt!« ertönte Denissows Stimme im andern Zimmer.

»Bei wem? Bei Bukow oder bei der Ratte? Ich hab mir's gedacht!« sprach eine andere, dünne Stimme, und gleich darauf trat der Leutnant Teljanin, ein kleiner Offizier derselben Schwadron, ins Zimmer.

Rostow warf den Geldbeutel unter das Kopfkissen und drückte die ihm entgegengestreckte, kleine, feuchte Hand. Teljanin war vor dem Feldzuge wegen irgend eines Vergehens aus der Garde in das Husarenregiment versetzt worden. Er führte sich im Regiment sehr gut auf, aber die Kameraden hatten ihn nicht gern, und besonders Rostow konnte eine unerklärliche Abneigung gegen ihn weder überwinden noch verbergen.

»Nun, mein junger Kavallerist, wie sind Sie mit meinem Gratschik zufrieden?« fragte Teljanin. (Gratschik war das Reitpferd, das er an Rostow verkauft hatte.) Der Leutnant sah einem nie ins Gesicht, wenn er sprach; seine Blicke schweiften beständig von einem Gegenstand zum andern. »Ich habe Sie gesehen, Sie sind heute vorübergeritten.«

»Ja, es ist ein gutes Pferd,« erwiderte Rostow, obgleich das Tier, das er für siebenhundert Rubel gekauft hatte, kaum die Hälfte dieses Preises wert war; »es hat auf dem linken Vorderfuß zu hinken angefangen,« fügte er hinzu.

»Der Huf wird wohl verletzt sein, das macht nichts; ich werde Ihnen zeigen, wie man eine Vernietung anlegt.«

»Ja, bitte, tun Sie das,« sagte Rostow.

»Gewiß, gewiß, es ist ja kein Geheimnis. Aber für das Pferd werden Sie mir noch einmal danken.«

»Ich werde das Pferd also vorführen lassen,« sagte Rostow, der Teljanin gern los sein wollte, und ging hinaus, um den Befehl zu geben.

In dem Flur hockte Denissow, die Pfeife im Munde, auf der Schwelle, während der Wachtmeister vor ihm stand und irgend eine Meldung erstattete. Als Rostow Denissow erblickte, deutete er stirnrunzelnd mit dem Zeigefinger über die Schulter ins Zimmer, in welchem Teljanin saß, und schüttelte sich wie vor Widerwillen.

»Ach, kann ich den Burschen nicht ausstehen,« sagte er, ohne sich vor dem Wachtmeister zu genieren.

Rostow zuckte die Achseln, als wollte er sagen: »Ich auch nicht, aber was soll man machen!« Nachdem er den Befehl erteilt hatte, das Pferd vorzuführen, ging er zu Teljanin zurück.

Teljanin saß in derselben bequemen Stellung, in welcher Rostow ihn verlassen hatte, und rieb seine kleinen weißen Hände aneinander.

Rostow dachte beim Eintritt: »Was es doch für widerliche Gesichter gibt!«

»Nun, haben Sie das Pferd vorführen lassen?« fragte Teljanin, indem er aufstand und sich nachlässig umschaute.

»Ja.«

»Dann wollen wir gehen. Ich bin ja nur gekommen, um Denissow nach dem gestrigen Befehl zu fragen. Haben Sie ihn bekommen, Denissow?«

»Noch nicht. Wohin gehen Sie?«

»Ich will den jungen Mann lehren, wie man ein Pferd beschlägt,« entgegnete Teljanin. Sie traten auf die Vortreppe hinaus und gingen in den Pferdestall. Der Leutnant zeigte, wie man eine Vernietung anlegt, und ging nach Hause.

Als Rostow ins Zimmer zurückkam, sah er auf dem Tisch eine Flasche Schnaps und eine Wurst. Denissow saß vor dem Tisch und schrieb mit finsterem Gesicht.

»Wer ist denn schon wieder da? Jag' ihn zum Teufel, ich hab' keine Zeit,« schrie er Lawruschka an, der ohne jede Scheu näher trat.

»Wer soll's denn sein? Sie haben ja selbst befohlen, daß der Wachtmeister das Geld holen soll.«

Denissows Gesicht wurde noch finsterer, er schien etwas sagen zu wollen, schwieg aber.

»Unangenehme Geschichte,« murmelte er dann; »wieviel Geld ist denn noch im Beutel?« fragte er Rostow.

»Sieben Neue und drei Alte.«

»Ach, zu dumm! Na, was stehst du da, Vogelscheuche? Schick' den Wachtmeister herein,« rief er Lawruschka zu.

»Bitte, Denissow, nimm doch Geld von mir, ich hab' es ja,« sagte Rostow errötend.

»Ich liebe es nicht, von meinen eigenen Leuten Geld zu nehmen; ich liebe es nicht,« brummte Denissow.

»Aber wenn du nicht als guter Kamerad von mir das Geld annimmst, beleidigst du mich. Ich habe es doch wirklich,« wiederholte Rostow.

»Nein, sag' ich dir.« Und Denissow näherte sich dem Bette, um den Geldbeutel hervorzusuchen.

»Wo hast du ihn hingelegt, Rostow?«

»Unter das untere Kissen.«

»Er ist aber nicht da.« Denissow warf beide Kissen auf den Fußboden. Der Beutel fand sich nicht. »Das ist doch merkwürdig.«

»Wart'; hast du ihn nicht hingeworfen?« sagte Rostow, und hob ein Kissen nach dem andern auf, um es zu schütteln; dann nahm er die Decke und schüttelte sie ebenfalls. Der Beutel fand sich nicht.

»Hab' ich es denn vergessen? Nein, ich hab' noch gedacht, es ist, als wenn ich dir einen Schatz unter den Kopf lege,« sprach Rostow; »hier habe ich den Beutel hingelegt. Wo ist er geblieben?« fragte er Lawruschka.

»Ich war nicht im Zimmer. Wo Sie ihn hingelegt haben, da muß er auch sein.«

»Er ist aber nicht da.«

»Sie machen es immer so, Sie werfen eine Sache irgend wohin, und dann vergessen Sie es. Sehen Sie doch in den Taschen nach.«

»Nein, wenn ich nicht noch an den Schatz gedacht hätte,« entgegnete Rostow, »aber daran erinnere ich mich, daß ich ihn hier hingelegt habe.«

Lawruschka durchwühlte das ganze Bett, schaute unter den Tisch und unter das Bett, durchsuchte das ganze Zimmer und blieb mitten darin stehen. Denissow folgte schweigend seinen Bewegungen, und als Lawruschka jetzt verwundert die Hände zusammenschlug, weil er den Beutel nirgends fand, blickte Denissow Rostow an.

»Rostow, mach' keinen Scherz.«

Rostow fühlte den Blick Denissows auf sich ruhen, er hob die Augen und schlug sie sofort wieder nieder. Alles Blut trat ihm ins Gesicht. Er konnte kaum noch atmen.

»Und im Zimmer war doch niemand, außer dem Leutnant und Ihnen; es muß also hier sein,« meinte Lawruschka.

»Na, du Teufelsfratze, rühr' dich, such'!« schrie Denissow plötzlich, zornrot im Gesicht, und stürzte sich mit drohender Bewegung auf den Burschen; »daß du mir den Beutel findest, sonst laß ich dich prügeln, ich laß alle prügeln!«

Rostow warf einen Blick auf Denissow, knöpfte seinen Rock zu, gürtete den Säbel um und setzte die Mütze auf.

»Ich sage dir, der Beutel muß her,« schrie Denissow, der den Burschen an den Schultern gepackt hatte und gegen die Wand stieß.

»Denissow, laß ihn; ich weiß, wer den Beutel genommen hat,« sagte Rostow, indem er ohne aufzublicken auf die Tür zu schritt.

Denissow hielt inne, überlegte und schien zu begreifen, was Rostow meinte; er packte ihn am Arm. »Unsinn,« schrie er so laut, daß die Adern an seinem Hals und auf der Stirn wie Stricke hervortraten; »du bist von Sinnen! Ich werde das nicht erlauben. Der Beutel muß hier sein; ich werde dem Taugenichts die Haut über die Ohren ziehen, dann wird der Beutel sich schon finden.«

»Ich weiß, wer ihn genommen hat,« wiederholte Rostow mit bebender Stimme und näherte sich abermals der Tür.

»Und ich sage dir, untersteh dich nicht, das zu tun!« schrie Denissow und stürzte sich auf den Junker, um ihn zurückzuhalten. Aber Rostow riß sich los und blickte Denissow fest und gerade mit solcher Wut in die Augen, als wäre er sein ärgster Feind.

»Weißt du, was du sprichst?« sagte er bebend, »außer mir war niemand im Zimmer; also wenn es nicht so ist, dann –«

Er konnte vor Aufregung nicht zu Ende sprechen und stürzte aus dem Zimmer.

»Ach, der Teufel hol' dich und euch alle,« waren die letzten Worte, die Rostow hörte.

Rostow ging in Teljanins Quartier.

»Der Herr ist nicht zu Hause, er ist zum Stab geritten,« erklärte Teljanins Bursche; »oder ist etwas passiert?« fügte er hinzu, als er das aufgeregte Gesicht des Junkers bemerkte.

»Nein, nichts.«

»Er ist vor kurzem erst fort,« sagte der Bursche.

Der Stab befand sich in einem Dorfe, das drei Werst von Salzeneck entfernt war. Ohne nach Hause zurückzukehren, nahm Rostow ein Pferd und ritt hin. In dem Dorf gab es ein Gasthaus, das von den Offizieren besucht wurde. Als Rostow sich dem Hause näherte, erblickte er Teljanins Pferd vor der Tür.

In dem zweiten Zimmer des Gasthauses saß der Leutnant bei einem Teller Würstchen und einer Flasche Wein.

»Ah, Sie sind auch gekommen, junger Mann?« fragte er lächelnd und die Augenbrauen hoch ziehend.

»Ja,« sagte Rostow in einem Tone, als koste es ihn große Überwindung, zu sprechen, und setzte sich an den Nebentisch. Beide schwiegen. Im Zimmer saßen noch zwei Deutsche und ein russischer Offizier. Auch sie schwiegen, und man hörte nichts, als das Klappern der Messer und Teller und das Schmatzen des Leutnants. Als Teljanin sein Frühstück beendet hatte, zog er aus der Tasche einen Geldbeutel, öffnete ihn mit seinen kleinen, weißen, gebogenen Fingern, holte ein Goldstück heraus und gab es dem Kellner.

»Bitte, etwas schnell,« sagte er.

Es war ein neues Goldstück. Rostow erhob sich und trat auf Teljanin zu.

»Erlauben Sie mir, den Geldbeutel anzusehen,« flüsterte er kaum hörbar.

Mit unsicherem Blick, aber noch immer hochgezogenen Brauen reichte ihm Teljanin den Beutel.

»Es ist ein hübsches Beutelchen, ja, ja,« sagte er, wurde aber plötzlich sehr bleich; »betrachten Sie es nur, junger Mann,« fügte er hinzu.

Rostow nahm den Beutel und blickte bald auf ihn, bald auf das darin befindliche Geld, bald auf Teljanin. Der Leutnant schaute rundumher und schien plötzlich sehr lustig zu werden.

»Wenn wir erst in Wien sind,« sagte er, »werde ich all mein Geld dort anbringen; aber in diesen greulichen Nestern hier weiß man ja gar nicht, was damit anzufangen. Nun, geben Sie her, junger Mann, ich muß gehen.«

Rostow schwieg.

»Und was haben Sie vor, wollen Sie auch frühstücken? Man speist hier ganz anständig,« fuhr Teljanin fort; »so geben Sie doch!« Er streckte die Hand aus und faßte den Geldbeutel, den Rostow ihm überließ. Teljanin steckte den Beutel in die Tasche seiner Reithose, zog die Brauen wieder nachlässig in die Höhe und öffnete ein wenig den Mund, als wollte er sagen: Jawohl, ich stecke meinen Beutel in meine Tasche, das ist doch sehr einfach und geht niemand etwas an.

»Nun, junger Mann,« sagte er aufatmend und blickte Rostow in die Augen. Wie ein elektrischer Funke sprühte es aus den Augen Rostows in die des andern, und wieder hinüber und herüber, hinüber und herüber, alles in einem Moment.

»Kommen Sie mit,« sagte Rostow, indem er Teljanin an der Hand packte und zum Fenster schleppte; »das ist Denissows Geld, Sie haben es genommen,« flüsterte er ihm ins Ohr.

»Was? Was? – Wie können Sie sich unterstehen? – Was?« rief Teljanin, aber diese Worte klangen kläglich, wie ein verzweifeltes Flehen um Verzeihung. Sobald Rostow diese Stimme vernahm, fiel ihm jeder Zweifel wie ein Stein von der Seele. Er empfand Freude und zugleich Mitleid mit dem Unglücklichen, der vor ihm stand, aber er mußte das begonnene Werk zu Ende führen.

»Hier können die Leute weiß Gott was denken,« murmelte Teljanin, indem er nach seiner Mütze griff und sich dem kleinen, leeren Nebenzimmer zuwandte; »aber wir müssen uns aussprechen.«

»Ich weiß es, und ich werde es beweisen,« sagte Rostow.

»Ich –«

Teljanins entsetztes, bleiches Gesicht begann zu zittern, seine Blicke irrten immer noch umher, aber ohne sich auf Rostows Antlitz zu richten, und ein Schluchzen wurde hörbar.

»Graf, stürzen Sie einen jungen Menschen nicht ins Verderben; da ist dieses Unglücksgeld; nehmen Sie es!« er warf den Beutel auf den Tisch. »Ich habe einen alten Vater, eine Mutter!«

Rostow nahm das Geld, ohne Teljanin anzusehen, und ging stumm aus dem Zimmer. Aber an der Tür blieb er stehen und sah zurück.

»Mein Gott,« sagte er mit Tränen in den Augen, »wie konnten Sie so etwas tun?«

»Graf!« rief Teljanin, indem er sich dem Junker näherte.

»Rühren Sie mich nicht an,« sagte Rostow und trat zurück, »wenn Sie in Not sind, behalten Sie das Geld.« Er warf ihm den Beutel zu und eilte hinaus.

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